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Full text of "Universismus, die Grundlage der Religion und Ethik, des Staatswesens und der Wissenschaften Chinas"

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3'/ 


Qroot,lJniversismus 


9^f^ 


Die  hauptsächlichsten  Werke  De  Groot's 


Les  Fetes  annuellement  celebrees  ä  Emoui  (Amoy).  Etüde  con- 
cernant  la  Religion  populaire  des  Chinois.  Zwei  Bände  4». 
832  Seiten.     Erschienen  in  den  Annales  du  Musee  Guimet,  1886. 

Le  Code  du  Mahayana  en  Chine.  Son  influence  sur  la  vie 
monacale  et  sur  le  monde  laique.  Herausgegeben  von  der 
Kön.  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Amsterdam,  1893.  Imp.  8". 
276  Seiten. 

Sectarianism  and  Religious  Persecution  in  Cliina.  A  page  in 
the  History  of  Religions.  Herausgegeben  von  der  Kön.  Akademie 
der  Wissenschaften  zu  Amsterdam,  1903 — 1904.  Zwei  Bände  Imp.  H^, 
595  Seiten. 

The  Religious  System  of  China.  Its  ancient  forms,  evolution. 
history  and  present  aspect.  Manners,  customs  and  social 
institutions  connected  therewith.  Sechs  Bände  Imp.  8»,  1468 
und  1341  Seiten. 


UNIVERSISMUS 


DIE  GRUNDLAGE  DER  RELIGION 
UND  ETHIK,  DES  STAATSWESENS 
UND  DER  WISSENSCHAFTEN  CHINAS 


VON 


J.  J.  M.  DE  GROOT 

PROFESSOR   DER  SINOLOGIE  AN  DER  UNIVERSITÄT  ZU  BERLIN 


MIT  7  BILDERN 


BERLIN    1918 
VERLAG  VON  GEORG  REIMER 


Meiner  Mutter  und  dem  Gedäclitnis 
meines  Vaters  gewidmet 


lOSilO? 


Vorwort. 

Vorliegendes  Werk  bezweckt,  die  Grundlage  von  Chinas  Reli- 
gion und  Ethik,  von  seinem  Staatsv^esen  und  seinen  Wissen- 
schaften zu  bestimmen  und  zu  erklären.  Es  gründet  sich  auf 
das  Studium  alter  und  neuer  chinesischer  Schriften  und  bringt 
als  unentbehrliches  Beweis material  in  wortgetreuer  Übersetzung 
Auszüge  daraus,  zwar  in  möglichst  beschränkter  Anzahl,  die 
jedoch  beliebig  stark  hätte  vermehrt  werden  können. 

Auf  die  Reformen,  welche  in  den  letzten  Jahren  in  China 
eingesetzt  haben,  habe  ich  absichtlich  keine  Rücksicht  genommen, 
in  der  Absicht,  nur  ein  kulturgeschichtliches  Bild  zu  entwerfen, 
das  auch,  falls  die  Reformen  ihren  Fortgang  nehmen  und  so- 
gar das  Alte  völlig  stürzen  sollten,  für  die  Wissenschaft  der 
Kultur  der  Menschheit  Wert  haben  mag.  Ich  gebe  mich  dabei 
der  Hoffnung  hin,  daß  dieses  Bild  weitere  sinologische  Arbeit 
zur  Vertiefung  unserer  Kenntnisse  des  Geisteslebens  Chinas  er- 
leichtern und  das  dazu  erforderliche  richtige  Verständnis  chi- 
nesischer Schriften  fördern  möge. 

Zur  Erhöhung  der  Deutlichkeit  sind  die  den  chinesischen 
Textauszügen  und  Ausdrücken  beigefügten  Übersetzungen  in 
kleineren  Buchstaben  gedruckt.  Die  Übersetzungen  sind  wort- 
getreu und  keine  Paraphrasierungen. 

Über  die  angewandte  Transkription  der  chinesischen  Schrift- 
zeichen sei  folgendes  bemerkt: 

Diö  Buchstaben  haben  im  allgemeinen  den  Wert  der  hoch- 
deutschen. Das  s  ist  scharf;  s  entspricht  deutschem  seh,  und 
somit  ist  ts  =  tsch ;  z  =  französisches  j :  e  ist  das  tonlose  e  (wie 
in  Bezirk).    Aus  ng  (wie  in  singen)  darf  g  nicht  herausklingen. 

Auch  in  den  Diphthongen  ai,  ao,  ei,  ia,  ie,  io,  iu,  oa,  oi, 
ou,  ua,  ue,  ui,  üe,  behält  jeder  Buchstabe  seinen  deutschen  Wert, 
jedoch  ohne  mit  besonderer  Betonung  ausgesprochen  zu  werden, 
weil  jedes  chinesische  Wort  einsilbig  ist.  Ao  lautet  also  w^ie 
au;  ia  etwa  wie  ja;  ua  ungefähr  wie  wa;  ei  aber  nicht  wie  in  Eis. 

Der  Spiritus  asper  *  gilt  als  Zeichen  scharfer  Aspiration. 

Ein  Haken  '  am  Ende  eines  Wortes  bezeichnet  einen  ver- 
schluckten Endkonsonanten  k,  p  oder  t,  wodurch  das  betreffende 
Wort  kurz  ausgesprochen  wird. 

Karwoche  des  Kriegsjahres  1918. 

Berlin-Lichterfelde.  De   Groot. 


Inhaltsverzeichnis. 


beite 

Einleitung i 

Universismus,  die  gemeinschaftliche  Grundlage  des  Taoismus,  Kon- 
fuzianismus  und  Buddhismus.  Stiftung  des  einheitlichen  chinesischen 
Reiches  und  die  Organisation  seines  Staatswesens  und  seiner  Staats- 
religion unter  der  H  an -Dynastie. 

Erstes  Kapitel. 

Das  Tao,  die  Ordnung  des  Weltalls 5 

Das  Tao  des  Weltalls  und  das  Tao  des  Menschen.  Weltseele 
und  Menschenseele.  Universistischer  Animismus,  Polytheismus.  Poly- 
dämonismus.  Die  Gespensterwelt  und  ihre  Wirksamkeit.  Däraonismus. 
eine  der  Grundlagen  der  Ethik.  Das  Tao  als  Schöpfer.  Die  drei 
Erzväter  des  Universismus. 

Zweites  Kapitel. 

Das  Tao  des  Menschen     22 

Das  Tao  ist  Güte,  und  die  menschliche  Natur  ist  deshalb  gut. 
Die  fünf  natürlichen  Haupttugendeu.  Die  dem  Weltall  entlehnten 
Lebeusregeln,  Bräuche  und  Riten.  Die  konfuzianischen  heiligen 
Schriften,  die  Wegweiser  für  das  menschliche  Tao.  Orthodoxie  und 
Ketzerei,  Intoleranz  und  Verfolgung.  Besitz  des  Tao  ist  Vollkom- 
menheit, Heiligkeit  und  Göttlichkeit.  Erwerbung  des  Tao  durch  Nach- 
ahmung des  Weltalls  und  Anpassung  an  dasselbe.  Unparteilichkeit,  Ge- 
rechtigkeit, Selbstlosigkeit.  Willfährigkeit.  Nachsicht,  Milde,  Selbstver- 
leugnung, Leidenschaftslosigkeit.  Tugend  und  Heiligkeit,  erworben 
durch  Kenntnis  der  heiligen  Schriften.  W  u  -  w  e  i  oder  Quietisraus,  Spon- 
taneität. 

Drittes    Kapitel. 

Vollkommenheit,  Heiligkeit,  Göttlichkeit r,{\ 

Vollkommenheit  in  Tugend  ist  Heiligkeit  oder  Göttlichkeit.  Die 
Merkmale  der  Heiligkeit:  Allmacht,  Zauberkraft,  Unverletzlichkeit.  All- 
wissenheit u.  a.  Heiligkeit  durch  Kenntnis  und  Weisheit.  Die  heiligen 
Schriften  die  Grundlagen  des  Staatswesens  und  der  Ethik.  Weisheit  und 
Tugend  der  Kaiser.  Die  Heiligen  des  Konfuzianismus.  Vollkommenheit 
durch  Zügelung  der  Leidenschaften.  Heiligkeit  und  Göttlichkeit  des 
regierenden  Kaisers.    Seine  unbeschränkte  Gewalt. 


Inhalt.  VII 

Viertes  Kapitel.  Seit« 

Heiligkeit  durch    Askese    und    Absonderung    von   der 
Welt.  Lebensverlängerung,  Exorzismus,  Heilkunde  .    86 

Heiligkeitsaskese  und  Erlösung.  Taoistische  Weise  und  Ein- 
siedler. Taoistisches  und  buddhistisches  Klosterleben.  Verlängerung 
und  Verewigung  des  Lebens  durch  Tugend  und  Weisheit.  Exorzistische 
Zauberkraft.  Atemregulierung  zur  Verlängerung  des  Daseins  und  zur 
Förderung  der  Gesundheit.  Universistische  Krankheitslehre,  Heilkunde 
und  Arzneilehre.    Paradiese  der  Unsterblichen. 

Fünfte  s  Kap  itel. 

Die  taoistische  Kirche  und  ihr  Götterkult 127 

Polytheistischer  Naturismus.  Anthropotheismus  und  Anthropolatrie. 
Ahnenverehrung.  Die  taoistische  Theogonie.  Die  Gründung  der  tao- 
istischen  Kirche.  Ihre  Geistlichkeit  und  der  Kreis  ihrer  Wirksamkeit. 
Tempel  und  Tempelchen.    Hausaltäre. 

Sech  stes  Kapitel. 
Der  Götterkult  des  Konfuzianismus  (I) I4i 

Die  große  Opferstätte  des  Himmels.  Kaiserliches  Opfer  des 
Wintersolstitiums  für  den  Himmel,  die  kaiserlichen  Ahnen.  Sonne,  Mond 
und  Sterne.     Regenopfer  und  andere  Zeremonien. 

Siebentes  Kapitel. 

Der  Götterkult  des  Konfuzianismus  (II) 187 

Die  große  Opferstätte  der  Erde.  Das  kaiserliche  Opfer  des 
Somraersolstitiums  für  die  Erde,  die  kaiserlichen  Ahnen,  die  Berge, 
Flüsse  und  Meere.  Opferstätte  und  Opfer  für  die  kaiserlichen  Ahnen 
und  für  die  Götter  des  Bodens  und  der  Feldfrüchte. 

Achtes  Kapitel. 
Der  Götterkult  des  Konfuzianismus  (III) 228 

Opferstätte  und  Opfer  für  Sonne,  Mond  und  Sterne,  für  die 
Schutzgötter  des  Ackerbaus  und  die  Schutzgöttin  der  Seidenzucht. 
Die  Pflugzeremonie  des  Kaisers  und  der  Reichsbehörden ;  die  Maul- 
beerblätterzeremonie  der  Kaiserin.  Tempel  und  Opfer  für  die  Kaiser 
der  vergangenen  Dynastien,  für  berühmte  Staatsdiener  aller  Zeiten 
und  für  die  kaiserlichen  Lehrmeister. 

Neuntes  Kapitel. 

Der  Götterkult  des  Konfuzianismus  (IV) 269 

Tempel  und  Opfer  für  Konfuzius  und  die  Heiligen  und  Weisen 
seiner  Schule.  Kaiserliche  Predigten.  Staatliche  Verehrung  der  Tu- 
gendhaften und  Weisen  im  ganzen  Reich.  Opferstätte  und  Opfer 
an  Wolken,  Regen,  Wind  und  Donner,  an  Berge,  Meere  und  Gewässer 
des  ganzen  Reiches.  Tempel  und  Opfer  für  den  Planeten  Jupiter  und 
andere  Zeitgötter. 


VIII  Inhalt. 

Zehntes  Kapitel.  Seit« 

Der  Götterkult  des  Konfuzianismus  (V) 283 

Tempel  und  Opfer  für  die  Götter  der  Heilkunde,  für  den  Kriegs- 
gott, für  den  Schutzgott  der  klassischen  Studien,  für  den  Nordpol  des 
Himmels,  für  den  Feuergott,  für  die  Götter  der  Kanonen  und  der 
Stadtmauern,  für  den  Gott  des  Berges  des  Ostens,  für  Drachen  und 
andere  Wassergottheiten,  für  die  Erde  und  den  Verwalter  von  Bau- 
werken, für  Götter  der  Ziegelöfen,  Tore  und  Kornkammern,  für  beson- 
dere in  den  Provinzen  verehrte  Gottheiten,  für  die  Koryphäen  der 
Staatsdienerschaft,  für  die  unversorgten  Seelen  der  Toten.  Idolatrischer 
und  ritualistischer  Charakter  der  Staatsreligion. 

Elftes  Kapitel. 

Kalendrische     Lebensführung.      Der     Kalender.      Zeit- 
deutung  . 303 

Die  menschliche  Notwendigkeit,  in  Übereinstimmung  mit  dem 
jährlichen  Kreislauf  des  Universums  zu  leben.  Das  heilige  Buch  der 
Weisungen  für  die  Monate.  Lebensführung,  die  dem  Lauf  der  Zeit 
nicht  entspricht,  als  Ursache  von  Weltkatastrophen.  Handbücher  und 
Schriften  für  eine  zeitgemäße  Lebensführung. 

Die  Pflicht  der  kaiserlichen  Regierung,  für  eine  richtige  Zeit- 
rechnung Sorge  zu  tragen.  Der  Staatskalender,  seine  chronomantische 
Rolle  und  zeremonielle  Herausgabe.     Volksalmanache. 

Zwölftes  Kapitel. 

Mantik  des  Universums 83i 

Beobachtung  und  Deutung  der  ungewöhnlichen  Naturerscheinungen 
zur  Bestimmung  und  Beseitigung  der  Fehler  im  T  a  o  der  Menschheit. 
Beobachtung  des  Himmels  und  der  Himmelslichter;  Astrologie.  Deu- 
tung von  Wind,  Regen,  Donner,  Blitz  usw.  Ungewöhnliche  Erschei- 
nungen in  den  Teilen  der  Erde  und  im  Menschen-,  Tier-  und  Pflanzen- 
ieben.   Die  Mittel  zur  Ratpflege  der  Weltseele  oder  der  Götter. 

Dreizehntes  Kapitel. 

Geomantik .%4 

Wolmstätten,  (iräber  und  Tempel  sollen  unter  günstigen  Einflüssen 
des  Universums  gelegen  sein.  Die  Geomantik  und  ihre  Professoren. 
Die  fünf  Weltelemente  und  andere  universistische  Faktoren.  Geoman- 
tische  Literatur  und  Systeme.  Fung  Sui  der  Gräber,  Tempel  und 
Klöster.     Die  Zukunft  des  Universismus  und  seiner  Wissenschaften. 

Sach-  und  Wortregister 385 


EINLEITUNG. 


China  besitzt;  wie  allgemein  bekannt,  drei  Religionen: 
den  TaoismuS;  den  Konfuzianismus  und  den  Buddhismus.  Man 
wendet  jedoch  auf  sie  das  Wort  an:  ^^^  — *,  han  san 
W  e  i  j  i  ,  d.h.  es  (China)  umfaßt  drei  (Religionen),  und  doch  sind  diese 
nur  eine.  Es  fragt  sich,  ob  man  diese  eine  Religion,  in  der  die 
drei    genannten   enthalten   sein   sollen,   genau  bestimmen  kann. 

Man  könnte  annehmen,  jener  Satz  wolle  einfach  aus- 
drücken, daß  die  drei  Religionen  sich  in  einer  einzigen  ver- 
schmolzen hätten.  Allein,  wenn  das  der  Fall  wäre,  dann  würden 
sie  aufgehört  haben,  als  drei  zu  existieren,  während  tatsächlich 
noch  jede  für  sich  getrennt  besteht. 

Man  könnte  ferner  den  Satz  so  auslegen,  daß  jeder  Chinese 
sich  gleichzeitig  zu  allen  drei  ReHgionen  bekennt.  Zweifellos 
dürfte  an  einer  derartigen  Religionsvielheit,  der  das  Chinesen- 
tum  ergeben  ist,  etwas  Wahres,  sogar  viel  Wahres  sein.  Dennoch 
bliebe  die  Frage  unaufgeklärt,  warum  drei  verschiedene  Re- 
ligionen sich  in  den  Köpfen  oder  Herzen  des  Volkes  als  eine 
einzige  darstellen  sollten. 

Eine  dritte  Erklärung,  welche  die  Einheit  der  drei  Re- 
ligionen nur  als  Ausdruck  dessen  auffaßt,  daß  China  ein  Land 
von  höchst  bemerkenswerter  und  vorbildlicher  Toleranz  sei, 
beruht  auf  Irrtum.  Diese  vermeintliche  Toleranz  ist  und  war 
vielmehr  stets  eine  Legende,  wie  ich  an  der  Hand  von  geschicht- 
lichen   Quellentexten,    kaiserlichen   Gesetzen    und   Erlässen    in 

De  Groot,  Universismus.  1 


einem  besonderen  Werke  über  Sektenwesen  und  religiöse  Ver- 
folgung in  China  ^  nachzuweisen  versucht  habe. 

Offenbar  ist  das  Problem  nicht  durch  bloße  Mutmaßungen, 
sondern  allein  durch  genaue  Untersuchungen  zu  lösen.  In  Wirk- 
lichkeit sind  die  erwähnten  drei  Religionen  Aste  eines  gemein- 
samen Stammes,  der  seit  uralten  Zeiten  bestanden  hat;  dieser 
Stamm  ist  die  Religion  des  Universums,  des  Weltalls,  seiner 
Teile  und  seiner  Erscheinungen.  Universismus,  wie  ich  sie  von 
jetzt  ab  bezeichnen  will,  ist  die  eine  Religion  Chinas;  die  drei 
oben  genannten  Religionen  aber  bilden  nur  ihre  integrierenden 
Bestandteile.  Deshalb  fühlt  sich  auch  der  Chinese  gleichmäßig 
heimisch  in  ihnen,  ohne  durch  widerstrebende  und  einander 
unverträgliche  Dogmen  beschwert  zu  sein. 

Es  war  im  Zeitalter  der  H  a  n  -  Dynastie,  zwei  Jahrhun- 
derte vor  und  zwei  nach  Christi  Geburt,  als  sich  der  ur- 
sprüngliche Stamm  in  die  beiden  Aste  des  Taoismus  und  Kon- 
fuzianismus  gabelte,  während  ihm  gleichzeitig  als  dritter  Ast 
der  Buddhismus  aufgepfropft  wurde.  Tatsächlich  hat  damals 
der  Buddhismus  seinen  Weg  nach  China  gefunden,  und  zwar 
in  der  universistischen  Form,  genannt  Mahajäna,  die  sein 
Fortbestehen  auf  dem  ursprünglichen  Stamme  ermöglichte.  Auf 
diese  Weise  stellen  sich  die  drei  Religionen  tatsächlich  als  die 
drei  Aste  eines  gemeinsamen  Stammes  dar,  als  einheitliche  Re- 
ligion. Ein  merkwürdiges  Zusammentreffen  ist  es,  daß  der 
wichtigste  Zeitraum  in  der  Entwicklungsgeschichte  der  chine- 
sischen Religion,  der  Zeitraum  ihrer  Dreiteilung,  mit  der  Ent- 
stehung des  Christentums  zusammenfällt. 

Der  Buddhismus  als  aufgepfropfter  Bestandteil  des  chi- 
nesischen Religionssystems  kann  vorläufig  außer  Betracht  bleiben, 
während  unsre  Aufmerksamkeit  in  erster  Linie  dem  Taoismus 


^  Sectarianism  and  Religious  Persecution  in  China,  veröffentlicht  durch 
Äie  Königliche  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Amsterdam,  1903—1904. 


und  KonfuzianismuS;  als  den  natürlichen  Abzweigungen  des  alten 
Universismus,  gewidmet  sein  soll. 

Dieser  Universismus  war  selbst  Taoismus;  die  beiden  Aus- 
drücke sind  synonym.  In  der  H  a  n  -  Zeit  wuchs  ein  neuer  Zweig 
hinzu,  ohne  jedoch  neue  religiöse  Lehren  hervorzubringen.  Das 
war  der  Konfuzianismus,  die  Staatsreligion,  bestimmt,  von  nun 
ab  der  wichtigste  Bestandteil  des  chinesischen  Religionssystems 
zu  werden.  Vom  Grrundsatz  der  Unduldsamkeit  beherrscht,  hat 
er  die  Lebensfähigkeit  des  Buddhismus  untergraben  und  dem 
Taoismus  die  Möglichkeit  abgeschnitten,  sich  überwiegende 
Geltung  zu  verschaffen. 

Das  chinesische  Reich  wurde  als  einheitliches  Ganze  im 
3.  Jahrhundert  vor  unserer  Zeitrechnung  geschaffen.  Damals 
vernichtete  ^ier  gewaltige  Kaiser  Si  Huang,  dessen  Reich 
von  ^  Ts'in  seit  dem  9.  Jahrhundert  vor  Chr.  den  Nord- 
westen des  heutigen  China  beherrschte,  das  bunte  Staaten- 
gemisch, das  sich  bis  dahin  um  den  Sitz  der  höheren  asiatischen 
Kultur,  um  die  Wiege  eines  Konfuzius  und  Menzius  gruppiert 
hatte,  das  Stammland  uralter  Weisen  und  Herrscher,  von 
denen  zu  singen  die  chinesische  Sagenwelt  nie  müde  geworden 
ist.  Aber  die  T  s  *^  i  n  -  Dynastie  hielt  sich  nicht  lange  genug,  um 
das  enorme  Reich,  das  ihrer  Söhne  größter  geschaffen  hatte,  im 
Inneren  auszubauen  und  auszugestalten.  Nach  wenigen  Jahren 
der  Herrschaft  brach  sie  zusammen  und  machte  dem  ruhmvollen 
Hause  Han  Platz,  das  sich  seitdem  bis  ins  3.  Jahrhundert 
unsrer  Ära  auf  dem  Throne  behauptet  hat.  Die  Regierungs- 
zeit dieser  Dynastie  bezeichnet  den  endgültigen  Triumph  des 
Klassizismus  oder  Konfuzianismus  und  ebensogut  der  univer- 
sistischen  oder  taoistischen  Weltanschauung  in  China.  Denn 
die  politische  Verfassung,  welche  damals  die  mit  dem  Ausbau 
des  jungen  Reiches  betrauten  Gelehrten  und  Staatsmänner  aus- 
arbeiteten, wurde  in  natürlicher  und  planmäßiger  Weise  völlig 

auf  den  Anschauungen    und  Präzedentien    der   älteren   Zeiten 

1* 


aufgebaut;  wie  sie  in  den  schriftlichen  Urkunden  überliefert 
wurden,  soweit  diese  dem  Schicksal  der  Verbrennung  ent- 
gangen waren,  das  ihnen  in  einem  Anflug  von  Cäsarenwahn 
S  i  H  u  a  n  g  zugedacht  hatte.  Hand  in  Hand  mit  diesem  gigan- 
tischen Organisations werke  wurden  die  Überreste  der  alten 
Urkunden  gesammelt,  wiederhergestellt,  ergänzt  und  erläutert. 
So  entstand  eine  klassische  Literatur  und  eine  archaische  Staats- 
verfassung, die,  seitdem  von  Dynastie  auf  Dynastie  vererbt,  bis 
auf  den  heutigen  Tag  fortlebt.  Die  religiösen  Elemente  der 
klassischen  Schriften  wurden  hierbei  mit  in  jene  Staatsverfassung 
hineinverwoben,  da  alles  und  jedes,  was  die  Schriften  enthalten, 
als  heiliges  Vermächtnis  der  Vorfahren  galt  und  dementsprechend 
befolgt  werden  mußte.  Mit  anderen  Worten,  diese  rehgiösen 
Elemente  der  klassischen  Schriften  wurden  die  StaatsreHgion. 
Diese  Religion  ist  demnach  jetzt  volle  zweitausend  Jahre  alt. 
Ihre  Wurzel,  der  Universismus,  reicht  selbstverständlich  viel 
tiefer  in  die  Vergangenheit  hinab  als  die  Schriften,  mittels  derer 
die  universistischen  Gedanken  der  Nachwelt  überliefert  sind. 
Der  Ursprung  des  Universismus  verliert  sich  völlig 
im  Dunkel  der  Menschheitsgeschichte. 

Die  religiösen  Elemente  und  Grundsätze,  die  in  den  klassi- 
schen Schriften  enthalten  sind  und  bis  auf  den  heutigen  Tag 
die  Elemente  und  Grundsätze  für  den  Konfuzianismus  darstellen, 
bildeten  also  zugleich  auch  die  uralten  Grundanschauungen  des 
Universismus  oder  Taoismus,  so  daß  demgemäß  die  klassischen 
Schriften  die  Bibel  sowohl  des  Konfuzianismus  als  auch  des 
Taoismus  sind. 

Unsre  Aufgabe  ist  es  nun,  diese  Grundanschauungen  zu 
betrachten  und  an  ihnen  das  Wesen  der  ostasiatischen  Religion 
alter  und  neuer  Zeit  zu  erkennen. 


Erstes  Kapitel. 


Das  Tao,  die  Ordnung  des  Weltalls. 

Universismus  ist  Taoismus.  In  der  Tat  bildet  seinen  An- 
gelpunkt das  ^  Tao,  was  Bahn  oder  We^  bedeutet,  nämlich 
die  Bahn  oder  den  Weg,  worin  sich  das  All  bewegt;  Tao 
heißt  in  diesem  Sinne  die  ganze  planmäßige  Anlage  und  Da- 
seinsäußerung des  Universums,  sein  Leben  und  Wirken,  die 
Gesamtheit  aller  seiner  regelmäßig  wiederkehrenden  Erschei- 
nungen, kurz  die  Natur,  den  Gang  des  Alls,  die  natürliche 
Weltordnung.  Im  engeren  Sinne  bedeutet  Tao  hauptsächlich 
den  regelmäßig  wiederkehrenden  Umlauf  der  Jahreszeiten  in 
seinem  ewigen  Wechsel  von  Werden  und  Vergehen,  Wachstum 
und  Absterben;  es  deckt  sich  demnach  mit  dem  Begriff  der 
schöpferischen  und  zerstörenden  Zeit. 

Seit  unvordenklichen  Zeiten  sinnt  der  Mensch  nach  über  die 
Tatsache  seiner  gänzlichen  Abhängigkeit  von  den  gewaltigen 
Einflüssen  der  Natur.  Schließlich  ist  er  zu  der  Überzeugung 
gekommen,  daß,  um  glücklich  zu  sein,  es  darauf  ankomme, 
so  vollkommen  wie  möglich  im  Einklänge  mit  dem  unendlichen 
All  zu  leben.  Weicht  daher  menschliche  Handlungsweise  von 
jenem  allmächtigen  Tao  ab,  so  ist  ein  Konflikt  die  unaus- 
bleibliche Folge,  in  dem  der  Mensch  als  unendlich  schwächerer 
Teil  mit  zwingender  Notwendigkeit  unterliegen  muß.  Diese  Er- 
wägungen haben  den  Menschen  dazugeführt,  auf  dem  Wege  philo- 
sophischen Nachdenkens  die  Wesenseigenschaften  des  Tao  zu 
erforschen  und  gleichzeitig  die  Mittel  ausfindig  zu  machen,  durch 


die  man  jene  Eigenschaften  selbst  erlangen  und  seine  Hand- 
lungsweise danach  einstellen  kann.  Mit  anderen  Worten,  der 
Mensch  erblickte  im  All  ein  belebtes  Wesen,  das  mit  unwider- 
stehlicher Kraft  ihm  seinen  Willen  aufzwingt,  und  versuchte 
nun  diesen  Willen  zu  ergründen,  um  sich  ihm  in  schlichter 
Demut  zwecks  Vermeidung  unheilvoller  Konflikte  anpassen  und 
unterwerfen  zu  können. 

Dieses  philosophische  System  ist  offensichtlich  darauf  an- 
gelegt, die  ganze  Sphäre  menschlichen  Daseins  und  Tuns  zu 
umfassen.  Tatsächlich  zeigt  es  sich  uns  als  ein  System  von 
Regeln,  Bräuchen  und  Sitten,  die  auf  Beobachtung,  Deutung 
und  Nachahmung  der  Natur  beruhen  und  in  einer  Unzahl  von 
Vorschriften  das  ganze  Verhalten  des  Menschen  in  seinem  pri- 
vaten, häuslichen  und  öffentlichen  Leben  normieren,  wobei  sie 
sogar  politische  Einrichtungen  und  staatliche  Gesetze  in  ihren 
Bannkreis  ziehen,  und  zwar  alles  dies  zu  dem  einen  großen 
Zweck:  Volk  und  Regierung  der  wohltätigen  Einflüsse  der 
Natur  teilhaftig  zu  machen,  und  umgekehrt  die  schädlichen 
Einwirkungen  der  Natur  von  ihnen  fernzuhalten. 

Seit  alten  Zeiten  bezeichnen  die  Chinesen  selbst  dieses 
philosophische  System  als  ^5^  Zön  Tao  oder  Tao  des 
Menschen,  im  Unterschied  zum  Tao  des  Universums,  dessen 
getreue  Nachbildung  es  zu  sein  bestimmt  ist.  Dieses  universelle 
Tao  aber  teilt  sich  wiederum  zweifach,  als  ^  ^  T*^ien  Tao 
oder  Tao  des  Himmels  und  als  i^J  ^  Ti  Tao  oder  Tao  der 
Erde.  Selbstverständlich  gilt  das  Tao  des  Himmels  als  das 
mächtigere  von  den  beiden,  da  der  Himmel  es  ist,  der  durch 
Sonnenwärme  und  Regen  die  alljährlichen  Schöpfungsvorgänge 
in  der  Natur  hervorruft.  Demgemäß  betrachten  die  Chinesen 
den  Himmel  als  ihre  höchste  Gottheit.  Für  einen  Gott,  der 
über  der  Welt  stände,  einen  Weltenschöpfer,  einen  Jehovah,  AUah 
ist  in  ihrem  System  kein  Platz.  Schöpfung  ist  nach  chinesischer 
Auffassung  einfach  die  alljährliche  Wiedererneuerung  der  Natur, 


das  spontane  Werk  von  Himmel  und  Erde,  das  sich  durch  jede 
Umwälzung  des  T  a  o  von  neuem  vollzieht. 

Der  Name  T  a  o  ismus,  mit  dem  wir  gewöhnlich  das  genannte 
System  bezeichnen,  ist  also  durchaus  zutreffend  gewählt,  und 
es  besteht  kein  Grund,  ihn  aus  unserem  religionswissenschaft- 
Hchen  Wortschatz  zu  bannen.  Gebrauchen  doch  die  Chinesen 
selbst  die  Ausdrücke  ^  ^^  Tao  Kiao,  Tao -Lehre,  und^^ 
P^   Tao  Mön   oder   ^^  Tao  Kia,  Tao-Schule. 

Betrachtung  des  Weltalls  und  seiner  Gesetze  führte  in 
China  keineswegs  zu  richtiger  Naturforschung,  noch  zu  einer 
Entthronung  all  der  Gottheiten,  von  denen  man  die  Natur  bis 
in  ihre  kleinsten  Teile  belebt  glaubte.  Die  universistische  Welt- 
anschauung hat  sich  infolgedessen  alle  Zeiten  hindurch  be- 
hauptet, und  zwar  insbesondere  in  der  konservativen,  klassischen 
Form,  die  unter  dem  Namen  Konfuzianismus  bekannt  ist.  Ich 
erwähnte  bereits  (S.  4),  daß  die  universistischen  Grundlehren  in 
den  klassischen  Büchern  enthalten  sind,  die  man  als  heilige  Bibeln 
sowohl  des  Konfuzianismus  wie  des  Taoismus  anzusehen  hat. 
Unter  diesen  Büchern  genießt  den  Ruhm  der  höchsten  Heilig- 
keit das  ^  Ji',  und  zwar  deshalb,  weil  in  ihm  die  eigent- 
lichen Urlehren  des  ganzen  Systems  geschrieben  stehen.  In 
seinem  dritten  Anhang,  der  die  Bezeichnung  ^  ^  hi  Ts6, 
d.  h.  angehängte  Ausführungen,  trägt,  und  dessen  Urheberschaft 
von  zahlreichen  chinesischen  Gelehrten  Konfuzius  selbst  zu- 
geschrieben wird,  findet  sich  das  Universum  beschrieben  als 
ein  lebendiger  Organismus,  genannt  ^  ^  t'ai  Ki',  d.  h. 
höchster  Gipfel  oder  Allerhöchstes.  Dieses  Allerhöchste  hat  die  ^ 
^  Hang  I,  zwei  Ordner,  hervorgebracht,  unter  denen  ein  Welt- 
seelen- oder  Weltodempaar  zu  verstehen  ist,  genannt  ^  J  a  n  g 
und  (^  Jin.  Diese  zwei  vertreten  die  männliche  und  weibliche 
Seele  des  Weltalls  und  werden  dementsprechend  einerseits  mit 
der  befruchtenden  Himmelskraft,  Wärme  und  Licht  identifi- 
ziert, anderseits  mit  der  vom  Himmel  befruchteten   Erde,  mit 


8 

Kälte  und  Dunkel.  In  dem  erwähnten  dritten  Anhang  (I) 
des  Ji'  lesen  wir:   ^  ^  ^  ^  i^  ®^  ^  ^  M  M^M 

^k  ^^  nn  ^^L  •  und  somit  besteht  (wirkt)  in  den  Wandlungen  des  Welt- 
alls das  Allerhöchste,  das  die  zwei  Ordner  erzeugt,  welche  die  vier  Ge- 
staltungen (Jahreszeiten)  hervorrufen. 

Es  sind  die  beiden  Urkräfte  J  a  n  g  und  J  i  n,  die  zusammen 
das  T  a  o  bilden,  denn  ausdrücklich  sagt  der  dritte  Anhang  zum 
Ji':  — '  [^  — '  |J^  ^^  gS  ^g  ,  das  Jang  und  das  Jin  des  Universums, 
die  heißen  Tao.  In  der  Tat  besteht  ja  der  Lauf  der  Natur  oder 
der  Weltordnung  in  einer  alljährlich  sich  wiederholenden,  all- 
mählich wechselnden  Verschmelzung  von  Wärme  und  Kälte, 
wodurch  die  vier  Jahreszeiten  und  die  Vorgänge  des  Werdens 
und  Vergehens  in  der  Natur  Zustandekommen.  Diese  Vorgänge 
heißen  in  der  Sprache  der  alten  und  neuen  chinesischen 
Philosophie^  Ji^,  d.  h.  Wechsel  oder  Wandlungen;  j^  ^  ^  g^ 
>ä^  die  Vorgänge  der  Erzeugung  und  Wiedererzeugung  sind  es,  die  Ji' 
heißen,  so  lautet  es  wiederum  im  dritten  Anhang  (I)  des  Ji'; 
daher  auch  der  Titel  dieses  heiligen  Buches.  In  den  Wandlungen 
offenbart  sich  das  Tao,  weshalb  bei  chinesischen  Schriftstellern 
das  Tao  häufig  bezeichnet  wird  als  (^  [^  ^  Mj,  die  kreisenden 
Wandlungen  von  Jin  und  Jang,  oder  als  ß^  (^  ^p  ^fe,  der  wechselnde 
Kreislauf  von  Jin  und  Jang,  oder  als  1^  j^  ^^  ^y  ;  ^^®  Wandlungen 
von  J  i  n  und  Jang.  Am  häufigsten  umschreiben  alte  wie  neue 
Schriftsteller  das  Tao  des  Weltalls  mit  dem  Ausdruck  |^  ^ 
/J^  5M   ^a  ?  ^^^  "^on  Jin  und  Jang. 

Unter  dem  menschlichen  Tao  ist,  wie  schon  erwähnt  (S.  6),  eine 
bestimmte  Lebensführung  zu  verstehen,  die  dem  Tao  von  Himmel 
und  Erde  nachgebildet  und  dazu  bestimmt  sein  soll,  den  Menschen 
glücklich  zu  machen.  Das  menschliche  Tao  ist  ein  Gebot  des 
Umstandes,  daß  des  Menschen  Leben  und  Tod  völlig  vom  Uni- 
versum abhängen.  Diese  Abhängigkeit  wird  nachdrücklich  durch 
jenen  klassischen  Glaubenssatz  betont,  wonach  der  Mensch  seine 
eigene  Lebenskraft  den  beiden  Weltseelen  Jin  und  Jang  entlehnt 


und  demnach  ein  Erzeugnis  dieser  beiden  Mächte  ist,  und  ferner 
auch  durch  die  Tatsache  bewiesen,  daß  der  menschliche  Körper 
aus  den  gleichen  Elementen  zusammengesetzt  ist  wie  die  Welt. 
So  lesen  wir  denn  im  |g  fß  L  i  K  i,  der  umfangreichen  Sammlung 
von  klassischen  Büchern,  im  Buche  |[§  )||  Li  Jun  (III):   A{^ 

i~f  -^  ^y  ^L  ifii '  ^^^  Mensch  ist  ein  Erzeugnis  des  segensreichen 
Wirkens  von  Himmel  und  Erde,  der  Vermählung  von  J  i  n  und  J  a  n  g,  der 
Vereinigung  eines  K  w  e  i  mit  einem  S  ö  n,  der  feinen  Einflüsse  der  fünf 
Elemente.  Sonach  denkt  sich  die  alte  chinesische  Philosophie  die 
Menschenseele  als  eine  Zusammensetzung  aus  einem  J^  Kwei 
und  einem  J0  Sen,  also  aus  zwei  Seelen,  deren  eine  dem  Jin 
oder  der  Erde,  die  andere  dem  Jang  oder  dem  Himmel  ent- 
stammt. 

Man  braucht  in  dem  erwähnten  umfangreichen  heiligen 
Buch,  das  bis  auf  den  heutigen  Tag  die  chinesische  Denkweise 
in  den  Bannkreis  seiner  Lehren  zwingt,  nicht  lange  nach  weiteren 
Stellen  zu  suchen,  welche  hinsichtlich  der  chinesischen  Vor- 
stellung vom  Dualismus  der  menschlichen  Seele  und  ihrer  nahen 
Beziehung  zum  Weltall  Aufschluß  geben.  So  steht  im  Buche 
^  ^  T  s  i  I  im  zweiten  Abschnitt  geschrieben :  ^  ^  0  ^ 

mz&^h^.m^^m^z^^.'^^mmm 
ZM^oM^äi^n.Mß^^m±.itzmk.'W 

Tsai  Ngo  sagte:  „Ich  habe  die  Worte  Kwei  und  S6n  gehört,  aber  ich 
verstehe  nicht  ihre  Bedeutung."  Konfuzius  erwiderte:  „Der  Atem  (K'i) 
stellt  die  Fülle  des  Sen  dar,  und  das  Po'  die  Fülle  des  Kwei;  die  Ver- 
einigung von  Kwei  und  Sön  ist  das  höchste  Ergebnis  der  Lehre.  Alle 
lebenden  Wesen  müssen  sterben,  und  das,  was  beim  Tode  zur  Erde  zurück- 
kehren muß,  heißt  Kwei;  Knochen  und  Fleisch  modern  in  der  Tiefe  und 
werden  unmerklich  Staub;  der  Atem  (K'i)  aber  erhebt  sich  in  die  Höhe 
und  wird  zu  strahlendem  Licht." 


10 

Dieser  wichtige  Satz  und  der  ihm  vorangehende  stellen 
das  grundlegende  Dogma  der  taoistischen  und  konfuzianischen 
Seelenlehre  dar.  Sie  lehren,  daß  die  beiden  Weltseelen,  das 
Jang  und  das  Jin,  eine  Unzahl  von  Einzelseelen  bilden,  die 
je  nachdem  SSnoderKwei  sind.  Die  Sön  kennzeichnen  sich 
durch  Licht,  Wärme,  Zeugungskraft,  Leben  und  weitere  Eigen- 
schaften des  Jang;  die  K  w  e  i  durch  Dunkel,  Kälte,  Unfrucht- 
barkeit, Tod,  die  Beschaffenheit  des  Jin.  Die  Seele  des  Menschen 
wie  die  eines  jeden  Lebewesens  besteht  aus  einem  Sön  und 
einem  K  w  e  i ;  die  Verschmelzung  beider  hat  seine  Geburt,  ihre 
Loslösung  seinen  Tod  zur  Folge,  wobei  der  Sön  zum  Jang 
oder  Himmel,  der  K  w  e  i  zum  J  i  n  oder  der  Erde  zurückkehrt. 
Wie  Himmel  und  Erde  ist  des  Menschen  Körper  aus  den  fünf 
Elementen  zusammengesetzt.  Der  Mensch  bildet  also  einen  we- 
sentlichen Bestandteil  des  Universums,  einen  Mikrokosmus,  der 
spontan  aus  und  in  dem  Makrokosmus  entstanden  ist.  Natür- 
lich ist  der  S  S  n  die  Hauptseele  des  Menschen,  da  sie  für  ihn 
Sitz  des  Verstandes  und  Lebens  bedeutet,  während  der  Kwei 
die  entgegengesetzten  Eigenschaften  in  sich  vereinigt.  Im 
lebenden  Menschen  entspricht  der  Atem  oder  K ''  i  seinem  S  ö  n. 

Dieses  klassische  System  einer  universistischen  Seelenlehre 
—  ein  anderes  ist  niemals  in  China  entstanden  —  versteht  also 
unter  Jang  einen  höchsten  universellen  Sön,  der,  mit  Leben 
und  Zeugungskraft  ausgestattet,  sich  selbst  in  eine  Unzahl  von 
Einzel-sön  spaltet  und  mit  diesen  die  verschiedenen  Lebewesen 
der  Welt  beseelt;  es  versteht  anderseits  unter  Jin  einen  uni- 
versellen Kwei,  der  sich  gleicherweise  in  Myriaden  von  Einzel- 
kwei  teilt  und  von  denen  jedes  in  irgendeinem  Lebewesen 
dessen  zweite  Seele  bildet.  Demnach  ist  Schöpfung  ein  bestän- 
diges Ausströmen  einzelner  Jang-  und  Jin- Atome,  und  Tod 
ihre  Resorption.  In  diesem  Schöpfungsprozeß  liegt  die  höchste 
und  hauptsächliche  Offenbarung  des  Tao.  Er  erfolgt,  da  das 
Tao  spontan  wirkt,   durch  die  Atome  von  selbst.    Diese  Teile, 


11 

die  Sön  und  Kwei,  sind  unendlich  an  Zahl.  Die  Welt  ist 
von  ihnen  überall  durchsetzt  und  durchdrungen,  sie  beleben 
jedes  Wesen,  selbst  Gegenstände,  die  Abendländer  gewöhnlich 
als  tot  ansehen.  Ein  §  Ö  n  wird  im  allgemeinen  als  guter  Geist, 
als  Gottheit  angesehen,  weil  er  dem  segenbringenden  Jang  ent- 
stammt; ein  Kwei  dagegen  als  böser  Geist,  als  Dämon,  Teufel, 
weil  er  vom  Jin  ist.  Da  es  keine  höhere  Macht  über  dem 
Tao  gibt,  so  kommt  alles  Gute  in  der  Welt  nur  von  den  §ßn, 
alles  Übel  nur  von  den  Kwei. 

Daß  dieser  Glaube  schon  im  ältesten  China  vorgeherrscht 
hat,  davon  legt  das  Ji'  Zeugnis  ab  und  verleiht  demselben,  ver- 
möge seines  Gewichts  als  heiliges  Buch,  bis  auf  den  heutigen 
Tag  unumstößliche,  dogmatische  Kraft.  In  dem  schon  auf  S.  7 
angeführten  dritten  Anhang  (I)  sagt  es  an  drei  verschiedenen 
Stellen:    fljl  ^  ^jtf ooo  ^BZ-'iMZM  llooo  1$  M 

sind  allgegenwärtig.  Sie  sind  es,  die  das  unergründliche  Werk  von  Jang 
und  Jin  verrichten.  Das  feine  Odempaar  (des  Universums)  erschafft  die 
Wesen;  die  dahinflutenden  Hun  (oder  San)  erzeugen  die  Wandlungen 
(in  der  Natur),  und  durch  diese  erkennt  man  Tun  und  Wesen  der  Kwai 
und  Sön. 

Wie  aus  andrer  klassischer  Stelle  hervorgeht,  war  von 
der  Allgegenwart  der  Kwei. und  SSn  und  ihrem  Wirken  in 
jedem  Schöpfungsvorgang  ein  Konfuzius  nicht  minder  über- 
zeugt wie  wohl  jeder  andre  Denker  seiner  Zeit.  Er  sprach, 
dem  410  Tsung  Jung(16)zrfolge:  M^W  ZMM^  ^ 

'^Mom^TZAmm^m.m^^m.  n 

#  ^  ^n  ^S  ı.  ^n  ^  Ä  2fe ^   <''>«'"'«'>  '=*  *^' '«- 

gnende  Wirken  der  Kwei  und  §6n!  Wir  schauen  nach  ihnen,  doch  sehen 
sie  nicht,  wir  lauschen  nach  ihnen,  doch  hören  sie  nicht;  sie  wohnen  in 
allen  Wesen,  und  diese  können  sich  nicht  von  ihnen  losmachen.  Sie 
machen,  daß  alles  Volk  unter  dem  Himmel  fastet,  sich  reinigt  und  große 
Feiertracht  anlegt,  und  ihnen  so  seine  Opfer  darbringt;  dann  gleich  einem 


12 

Ozean  scheinen    sie    ihm  zu  Häupten,   scheinen  sie  ihm   zur  Rechten   und 
Linken  zu  sein. 

Auf  Grund  der  angeführten  Dogmen  läßt  sich  voraussetzen^ 
daß  das  chinesische  KeUgionssystem  ein  universistischer 
Animismus  ist.  Das  System  ist  überdies,  da  man  sich  das 
Weltall  mit  zahllosen  Sön  und  Kwei  belebt  vorstellt;  poly- 
theistisch und  polydämonistisch.  Gottheiten  sind  beispiels- 
weise die  Sen,  die  den  Himmel,  die  Sonne,  Mond  und  Sterne 
beleben,  den  Wind,  Kegen,  Wolken,  Donner  und  Blitz,  Feuer, 
Erde,  Seen,  Berge,  Flüsse,  Steine,  Tiere,  Pflanzen  und  alle 
möglichen  andren  Gegenstände;  Gottheiten  sind  insbesondere 
auch  die  S  ö  n  Verstorbener.  Was  nun  die  Welt  der  Dämonen 
betrifft,  so  spielen  diese  nirgends  auf  Erden  eine  so  große  Rolle 
wie  in  China.  Überall  schwärmen  die  Kwei  einher.  Nirgends 
ist  der  Mensch  vor  ihnen  sicher.  Besonders  gefährlich  sind  sie 
des  Nachts,  wenn  sich  die  Macht  des  Jin,  dem  die  Dämonen 
angehören,  am  stärksten  erweist.  Sie  haschen  nach  den  Seelen 
Lebender,  so  daß  diese  erkranken  oder  sterben.  Ihre  Be- 
rührung verursacht  am  Körper  Beulen  und  Geschwüre.  Geister 
von  schlecht  bestatteten  Toten  treiben  in  den  Wohnungen  un- 
heimlichen Spuk  und  beruhigen  sich  nicht  eher,  als  bis  die 
Leichen  von  neuem  und  in  geziemender  Weise  beerdigt  sind. 
Schwärme  von  Dämonen  versetzen  nicht  selten  ganze  Ort- 
schaften und  Landstriche  in  Aufregung  und  machen  die  Be- 
völkerung fassungslos.  Geister  scharen,  zu  Fuß  oder  Roß  und 
in  kriegerischer  Rüstung,  ziehen  nachts  am  Himmel  einher, 
rauben  Kinder,  stehlen  Zöpfe  harmloser  Bürger,  verbreiten 
Seuchen  und  Tod,  zwingen  die  heimgesuchte  Bevölkerung, 
sich  mit  Gonggetöse  und  Trommellärm,  mit  Bogen  und  Pfeil, 
Schwert  und  Speer,  mit  Fackelschwingen  und  Anzünden  von 
Scheiterhaufen  zu  verteidigen.  Die  chinesische  Literatur  ist 
überreich  an  Geistererzählungen,  die  beim  Volk  indes  nicht  als 
Fabeln,  sondern  als  wahrhafte  Geschichten  angesehen  werden. 


13 

Konfuzius  selbst  unterschied  drei  verschiedene  Klassen 
von  Dämonen:  solche,  die  auf  Bergen  und  in  Wäldern,  die  in 
Gewässern  und  in  der  Erde  hausen.  Die  Berggeister  können 
durch  ihre  bloße  Anwesenheit  Dürre  und  dadurch  Mißwachs, 
Teuerung,  Hungersnot  verursachen  —  das  bedeutet  in  China 
unter  Umständen  den  Tod  von  Hunderttausenden.  Wie  chro- 
nische Plagen  pflegen  sie  China  von  Zeit  zu  Zeit  heimzusuchen. 
Wasserdämonen  sind  meist  die  Geister  Ertrunkener.  Sie 
locken  mit  List  die  Menschen  in  Gewässer  und  Sümpfe  oder 
verursachen  bei  Schwimmenden  Muskelkrampf.  Die  Erdgeister 
werden  in  ihrer  Ruhe  gestört,  wenn  die  Menschen  den  Erd- 
boden aufgraben  oder  schwere  Gegenstände  bewegen.  Sie  rä-. 
chen  sich  dann,  indem  sie  dem  Embryo  im  Mutterleib  Schaden 
zufügen. 

Zahlreich  sind  im  Reiche  der  Gespenster  die  Tiere  vertreten. 
China  hat  seine  Werwölfe,  vor  allem  seine  Geistertiger,  die  in 
Menschengestalt  rasen.  Füchse  und  Füchsini].en,  Wölfe,  Hunde 
und  Schlangen  schleichen  sich  mit  Vorliebe  und  zu  unsittlichen 
Zwecken  in  die  Kreise  menschUcher  Gesellschaft  ein,  in  Gestalt 
reizender  Mädchen  und  schöner  Frauen.  Oft  verschlingen  sie  die 
Opfer  ihrer  Lust,  auf  jeden  Fall  machen  sie  sie  krank,  besessen, 
verrückt.  Regelmäßiges  Unheil  bringen  über  die  Menschen  alle 
möglichen  Tierarten,  selbst  Vögel,  Fische  und  Insekten,  besonders, 
wenn  sie  menschHche  Gestalt  annehmen.  Diese  endlose  Wand- 
lungsmöglichkeit zwischen  Menschen  und  Tieren  und  umgekehrt 
kennzeichnet  am  besten  den  gewaltigen  Einfluß,  den  der  Uni- 
versismus auf  die  chinesische  Volksanschauung  ausübt,  denn 
nach  dieser  Aufikssung  sind  Menschen  wie  Tiere  in  gleicher 
Weise  von  demselben  J  a  n  g  und  J  i  n  belebt,  aus  denen  sich  das 
T  a  0  des  Weltalls  zusammensetzt.  Eine  weitere  Folge  dieser  An- 
schauung ist  auch  der  Glaube,  daß  gewisse  Bäume,  Sträucher, 
Pflanzen  und  andre  Gegenstände  ihre  Seelen  ausschicken,  um 
den  Menschen  Schaden  zuzufügen. 


14 

Das  cliinesische  Volk  sieht  also  die  Welt,  in  der  es  lebt 
ringsum  von  gefährlichen,  Unheil  stiftenden  Geistern  wimmeln. 
Das  ist  keineswegs  ein  bloßer  Aberglaube,  der  etwa  noch  in 
Ammenmärchen  spukt,  sondern  ein  Grundsatz  der  univer- 
sistischen  Weltanschauung,  der  in  den  Augen  der  Chinesen 
ebenso  unumstößlich  ist  wie  die  Tatsache,  daß  es  in  der  Welt 
ein  J  i  n  gibt.  Die  K  w  e  i  sind  innerhalb  dieser  Weltordnung 
als  Spender  von  Unheil  tätig  und  üben  in  dieser  Rolle  einen 
wichtigen  Einfluß  auf  des  Menschen  Geschick  aus,  ebenso  wie 
umgekehrt  die  SSn  als  segnende,  glückbringende  Geister  auf- 
treten. Doch  Jang  ist  hoch  erhaben  über  das  Jin,  so  hoch 
wie  der  Himmel,  der  dem  Jang  entspricht,  über  die  Erde, 
welche  zum  J  i  n  gehört.  Der  Himmel  gilt  deshalb  als  höchster 
Sön  oder  Gott  und  ist  Meister  aller  bösen  Geister.  Hieraus 
hat  die  chinesische  Theologie  das  Dogma  entwickelt,  daß  ohne 
Ermächtigung  oder  wenigstens  stillschweigende  Einwilligung  des 
Himmels  kein  Teufel  einem  Menschen  Leid  zufügen  darf.  Dieses 
Dogma  ist  durchaus  klassisch,  da  es  sich  bereits  im  ^  Su, 
(im  Buche  ^g^  T'ang  Kao  des  18.  Jahrhunderts  v.  Chr.) 
und  im  Ji'  (im  ersten  Teil  des  ersten  Anhangs,  der  die  Be- 
zeichnung ^  T'uan  trägt)  ausgesprochen  findet.  Dort  steht 
beziehungsweise  geschrieben:  ^  ^  JÜS  ^  j|S  *^,  des  Himmels 
Tao  bringt  Glück  über  den  Guten  und  Unheil  über  den  Schlechten,  und 
Ä  W  W  ^tt  ffii  ifiS  ^K'  ^^®  Kwei  quälen  den  von  seinem  Ich  er- 
füllten, aber  die  Sön  beglücken  den  Selbstlosen. 

Der  Glaube  an  die  Existenz  böser  Geister  bildet  den 
Hauptbeweggrund  zur  Anbetung  und  Verehrung  des  Himmels, 
der  dadurch  veranlaßt  werden  soll,  die  rächenden  Kwei  in 
Schranken  zu  halten.  Die  Jang  entsprossenen  Sön  sind  die 
natürlichen  Feinde  der  Kwei,  die  dem  Jin  angehören,  denn 
zwischen  Jang  und  Jin  herrscht  ewiger  Kampf,  der  sich  in 
dem  beständigen  Wechsel  von  Tag  und  Nacht,  Sommer  und 
Winter,  Hitze  und  Kälte  offenbart.    Zweck  der  Religion  in  China 


15 

ist,  göttlichen  Schutz  gegen  die  bösen  Geister  zu  erlangen,  z.  B. 
dadurch,  daß  während  der  Opfer  die  Götter  selbst  zu  den 
Menschen  herabsteigen  und  durch  ihre  furchtgebietende  Ge- 
genwart die  bösen  Geister  verjagen.  Der  chinesische  Götter- 
kult ist  ein  Flehen  um  Glück;  Glück  aber  ist  die  Abwesenheit 
des  Unglücks,  das  die  Dämonen  verhängen;  sonach  bedeutet 
dieser  Kult  die  Bekämpfung  der  Dämonen  mit  Hilfe  der  Götter. 

Der  Glaube  an  eine  Welt  böser  Geister,  die  mächtig  in 
das  menschliche  Schicksal  eingreifen,  ist  mehr  als  nur  eine 
Grundlage  der  chinesischen  Religion;  er  ist  auch  eine  der 
Hauptstützen  der  öjffentlichen  Moral. 

Das  T  a  0  oder  die  Weltordnung,  d.  h.  der  jährHche  Kreis- 
lauf von  J  a  n  g  und  J  i  n,  zeichnet  sich  durch  vollkommene  Un- 
parteilichkeit oder  Gerechtigkeit  gegenüber  allen  Menschen  aus. 
Durch  die  Sön  verteilt  der  Himmel  Segen  unter  die  Guten, 
und  durch  die  Kwei  Strafe  unter  die  Schlechten.  Deshalb 
gibt  es  in  dieser  Welt  nur  für  den  Guten  Glück. 

Schon  das  ^^  Tso  Tä'uan,  dieses  berühmte  klassi- 
sche Buch,  das  einem  Konfuziusschüler  zugeschrieben  wird  und 
deshalb  dogmatische  Autorität  genießt,  enthält  klare  Belege  für 
den  Glauben,  daß  die  bösen  Geister  mit  Ermächtigung  des 
Himmels  berufen  sind,  Strafen  über  die  Menschen  zu  verhängen. 
Es  besagt  auch,  daß  die  Geister,  je  nach  der  Führung  der 
Herrscher,  ganze  Reiche  und  Völker  segnen  oder  züchtigen, 
sie  gedeihen  lassen,  wenn  der  Herrscher  Tugend  übt,  und  ihren 
Untergang  herbeiführen,  wenn  er  böse  und  schlecht  ist.  Ge- 
schichten von  Segen  oder  Fluch  bringendem  Eingreifen  der 
Geister  bringt  die  chinesische  Literatur  alter  und  neuer  Zeit 
in  großer  Anzahl.  Sittenlehrer  haben  von  solchen  Geschichten 
ganze  Bände  gesammelt,  um  mit  ihnen  die  Volksgesittung  zu 
heben  und  zu  fördern. 

Zahlreich  sind  anderseits  die  Berichte  von  Geistern,  die 
Lohn  spenden  aus  Erkenntlichkeit  für  geleistete  gute  Dienste. 


16 

Kaiserliche  Truppen  erringen  Siege  mit  Hilfe  von  Geister- 
scharen; die  in  der  Schlacht  mitkämpfen.  Auffallend  häufig 
begegnet  man  in  der  Literatur  Fällen,  in  denen  Seelen  der 
Toten  diejenigen  belohnen,  die  sich  ihrer  mangelhaft  oder  gar 
nicht  bestatteten  leiblichen  Überreste  angenommen  haben;  und 
hiermit  kommt  die  hohe  Bedeutung  zum  Ausdruck,  die  der  Toten- 
pflege nicht  nur  als  Zweig  menschlicher  Wohltätigkeit,  sondern 
auch  als  Gegenstand  staatlicher  Gesetzgebung  beigemessen  wird. 
Grabschänder  haben  stets  die  Rache  der  Seelen  erfahren  müssen, 
deren  Ruhe  sie  gestört  hatten.  Durch  hunderte  von  Erzählungen, 
die  teilweise  noch  aus  der  guten  alten  Zeit  stammen,  aufrecht 
erhalten,  beherrscht  der  Glaube  an  das  rächende  Auftreten  der 
Geister  bis  auf  den  heutigen  Tag  alle  Schichten  des  chinesischen 
Volkes. 

Die  Vorstellung,  daß  jederzeit  unsichtbare  Wesen  in  das 
Leben  des  Menschen  eingreifen  können,  übt  entschieden  einen 
günstigen  Einfluß  auf  die  öfi'entliche  Moral  in  China  aus.  Man 
sieht  sich  gezwungen,  Respekt  für  das  Leben  der  Mitmenschen 
zu  zeigen  und  Schwache  und  Kranke  mit  zarter  Rücksicht  zu 
behandeln.  Dieser  Sinn  für  Barmherzigkeit  und  menschliche 
Anteilnahme  erstreckt  sich  sogar  auf  Tiere,  denn  auch  diese 
besitzen  Seelen,  die  Lohn  oder  Rache  verhängen  können.  Aus 
der  gleichen  Ursache  schreckt  der  Mandarin  in  China  auch  vor 
zu  krasser  Anwendung  ungerechter  Justiz  zurück,  weil  die  un- 
gerecht behandelte  Partei  sich  nicht  selten  dadurch  in  einen 
rächenden  Geist  verwandelt,  daß  sie  einfach  Selbstmord  begeht. 

In  hundertfacherweise  bestätigt  sich  die  Rache  der  Geister. 
So  ist  es  möglich,  daß  der  feindliche  Dämon  in  den  Körper  seines 
Opfers  steigt  und  es  dahin  bringt,  in  einem  Zustand  geistiger 
Verwirrung  seine  Schuld  zu  bekennen,  so  daß  es  irdischer  Justiz 
verfallen  muß.  Oder  der  Geist  bemächtigt  sich  des  Körpers  seines 
Feindes  und  macht  ihn  krank  oder  wahnsinnig;  er  läßt  ihn 
auch  nach  langen  Leiden  und  Seelenqualen  sterben  oder  treibt 


17 

ihn  zum  Selbstmord.  Auch  Armut  kann  durch  eine  Schuld  des 
Betroffenen  und  einen  Racheakt  der  Geister  verursacht  sein; 
und  als  grausamste  Züchtigung  gilt  es,  wenn  einer  seine  männ- 
lichen Nachkommen  verliert,  da  ihm  dann  niemand  bleibt,  der 
ihn  im  Alter  schützen  und  nach  dem  Tode  durch  Bestattung 
und  Grabopfer  vor  Elend  und  Hunger  bewahren  kann. 

Da  der  höchste  Ehrgeiz  jedes  Chinesen  seine  Zulassung  zu 
der  bevorzugten  Klasse  der  Mandarinen  ist,  so  findet  man  in 
der  Liste  der  Belohnungen,  die  dankbare  Geister  zu  verleihen 
vermögen,  ganz  vorn  an  der  Spitze,  Erfolg  in  den  berühmten 
Staatsprüfungen,  die  Zutritt  zu  den  Amtsstellen  verschaffen.  In 
Erzählungen  aus  alter  und  neuer  Zeit  finden  sich  zahlreiche 
Fälle,  wo  Kandidaten  durch  die  Hilfe  von  Geistern  ihre  Prüfung 
bestanden.  Andererseits  schreibt  man  die  Schuld  am  Examens- 
pech häufig  der  Einmischung  rachsüchtiger  oder  grollender 
Geister  zu.  Stets  kommt  es  bei  den  Prüfungen  vor,  daß  unter  der 
Masse  von  Kandidaten  dem  einen  oder  anderen,  wenn  er  in  seiner 
Prüfungszelle  eingeschlossen  sitzt,  infolge  nervöser  Aufregung 
unwohl  wird  und  er  wohl  gar  stirbt  oder  Selbstmord  begeht; 
derartige  Zwischenfälle  sehen  die  Chinesen  regelmäßig  als  die 
Tat  rächender  Geister  an. 

Menschlichkeit  und  Mitgefühl,  die  sonach  auf  selbstischer 
Furcht  vor  Strafe  und  Hoffnung  auf  Belohnung  beruhen,  mögen 
zwar  in  unseren  Augen  nur  geringen  sittlichen  Wert  haben, 
aber  dennoch  muß  ihr  bloßes  Dasein  in  einem  Land,  dessen  Kul- 
tur die  Menschen  noch  wenig  gelehrt  hat,  das  Gute  um  seiner 
selbst  willen  zu  tun,  als  Segen  begrüßt  werden.  Eine  Moralität, 
die  auf  Dämonismus  aufgebaut  ist,  also  auf  einer  Grundlage, 
die  wir  als  nichtig  und  hohl  verachten,  als  unwahres  und  aber- 
gläubiges Erzeugnis  tiefster  Unwissenheit  verwerfen,  beansprucht 
zweifellos  die  Aufmerksamkeit  jedes  Forschers  menschlicher  Kul- 
tur. Sie  ist  jedenfalls  mehr  als  eine  bloße  sinologische  Kuriosität. 
Mit  Rücksicht   auf  ihr   mehr   als   zweitausendjähriges  Bestehen 

De  Groot,  Uniyersismus.  ^ 


18 

und  auf  den  gewichtigen  Rückhalt,  den  sie  in  dem  universistischen 
System  besitzt,  bildet  sie  ein  bedeutsames  Phänomen  in  der 
Kulturgeschichte  der  Menschheit.  Wie  dem  auch  sei,  Tatsache 
bleibt,  daß  Chinas  Dämonenglaube  trotz  der  Hinfälligkeit  seiner 
Grundlage  bis  auf  den  heutigen  Tag  in  Ostasien  zur  Bändigung 
schlechter  menschlicher  Triebe  ganz  Unschätzbares  geleistet  hat. 


Schon  im  klassischen  Zeitalter  haben  sich  Chinas  Denker 
der  Spekulation  über  das  Tao  des  Universums  hingegeben, 
jedoch  immer  im  Rahmen  des  Vorstellungskreises,  den  wir  be- 
reits skizziert  haben.  Die  Lehre  des  Ji"*,  wonach  das  Tao 
oder  das  Jang  und  Jin  sich  aus  dem  t  ai  Ki'  (s.  S.7),  dem 
„Allerhöchsten"  (etwa  unserm  Chaos  entsprechend  ?),  entwickelt 
hat,  ist  von  den  chinesischen  Weisen  aller  Zeitalter  als  unum- 
stößliches, heiliges  Dogma  übernommen  worden;  und  da  nun 
das  Jang  und  das  J  i  n  mit  dem  Himmel  und  der  Erde  gleich- 
gestellt werden,  so  überrascht  es  nicht,  daß  bedeutende  Phi- 
losophen den  Standpunkt  vertreten,  daß  das  organisierte  Weltall 
spontan  durch  das  Tao  geschaffen  wurde  und  das  Tao  von 
aller  Ewigkeit  im  Chaos  existierte.  Einige  Stellen  im  ^  ^  ^ 
Tao  Te'  King  des  Philosophen  y^'^  Lao  Tsö,  die  sich 
mit  diesem  Problem  befassen,  lauten  folgendermaßen: 

^  *&   :e  M.    ^  ==g.  ^  i^  :e  #    (§    !)•    I-    Tao    (dem 

„Weg"  des  Weltalls)  sollt  ihr  wandeln  —  es  ist  nicht  ein  gewöhnlicher 
Weg;  seinen  Ruhm  sollt  ihr  rühmen  —  der  ist  kein  gewöhnlicher  Ruhm. 
Als  das  Tao  noch  keinen  Ruhm  (unter  den  Menschen)  hatte,  war  es  sthon 
des  Himmels  und  der  Erde  Anfang,  und  seit  es  diesen  Ruhm  hat,  ist  es 
die  Mutter  (Genitrix)  gewesen  von  allem,  was  besteht. 

Weiter:   #  ^  ^  Ü  :S  ^,  ^  #  J^  :5t  (§  4).    Ich 

weiß  nicht,  wessen  Kind  es  (das  Tao)  ist,  denn  es  war  schon,  ehe  der 
kaiserliche,  mit  Sternbildern  geschmückte  (Himmel)  war. 


19 

^  Ä:^^^  ^0^  (§25).  Es  war  einmal  etwas  aus  dem  Chaos 
Gebildetes  da  vor  dem  Entstehen  von  Himmel  und  Erde.  Still  war  es  und 
gestaltlos;  selbständig  war  es  und  zeigte  keine  Veränderung;  es  kreiste 
rund  umher  von  nichts  gefährdet.  Ihr  sollt  es  als  die  Mutter  von  Allem 
betrachten,  das  es  unter  dem  Himmel  gibt.  Seinen  Namen  kenne  ich  nicht ;_ 
geschrieben   heißt  es  ^g    T  a  o. 

In  den  Schriften  des  Philosophen  ^-^Tsuang  Tsö 
lesen  wir  den  Satz:  ^  %/  ?^  ^^  Ä^  ^  ffi|  ig^  —  ;^  ^jf 

^^.RBummz^o'^wjffn^!^  (Kap.  12). 

Im  allerersten  Anfang  war  nichts;  im  Nichts  war  das  noch  ruhmlose  (Tao), 
aus  dem  das  All  entstand.  Das  All  war  dann  da,  aber  hatte  noch  keine 
Gestalt.  Das,  wodurch  die  Wesen  die  Möglichkeit  ilires  Entstehens  und 
Bestehens  erlangten,  nenne  ich  die  Kraft  (Te*  des  Tao);  im  Gestaltlosen 
entstand  durch  sie  eine  Trennung  (in  Jang  und  Jin),  und  weil  diese  ohne 
Unterbrechung  fortdauerte,  war,  was  ich  Leben  nenne,  da.  Sie  (Jang  und 
Jin)  verharrten  in  Bewegung  und  erzeugten  dadurch  (immerfort)  die  Wesen. 

In  den  Schriften  von  ^-^KuanTse  (Buch  14,  bezw. 
Kap.  40)  finden  wir  klipp  und  klar  ausgesprochen,  daß  ^  ^ 
^C  ^^J  ^^^  Tao  Himmel  und  Erde  geboren  hat. 

Diese  drei  alten  Philosophen  verdienen  es,  Propheten  des 
Taoismus  genannt  zu  werden,  weil  neben  den  klassischen  Büchern 
es  in  erster  Linie  ihre  Schriften  sind,  die  über  den  Ursprung  und 
die   Entwickelung   des    Universismus    Aufschluß    geben.    Lac 

TsÖ's  Tao  Te'  King  oder  heiliges  Buch  vom  Tao  und  dessen  Tu- 
genden oder  Eigenschaften  ist  auch  außerhalb  Chinas  wohlbekannt, 
weil  es  oftmals,  auch  durch  Personen,  die  gar  nicht  chinesisch 
konnten,  in  europäische  Sprachen  übersetzt  worden  ist;  diese  Aus- 
zeichnung verdankt  das  Werk  dem  Umstände,  daß  seine  ge- 
naue Wiedergabe  in  europäischer  Sprache  höchst  schwierig,  ja 
faßt  unmöglich  ist,  und  sogenannte  Übersetzungen  sich  somit  auf 

ihre  Richtigkeit  so  gut  wie  gar  nicht  prüfen  lassen.    Nach  herr- 

2* 


20 

sehender  Ansicht  war  L  a  o  T  s  e  ein  Greis,  als  Konfuzius  lebte. 
Tgtiang  Ts6  oder  ^^  Tsuang  T so u  lebte  in  der  zweiten 
Hälfte  des  4.  Jahrhunderts  vor  Christi  Geburt.  Seine  Schriften 
sind,  ebenso  wie  das  Tao  Te'King,  von  Legge^  dem  meisterr 
haften  Übersetzer  der  konfuzianischen  Bücher,  ins  Englische 
übertragen  worden.  Das  Werk  des  Kuan  Tse  ist  umfangreicher 
als  die  Schriften  Lao  Ts6's  und  Tsuang  TsS's  zusammen- 
genommen. Es  enthält  in  der  Hauptsache  die  Darstellung  einer 
ethischen  und  politischen  Philosophie  auf  universistischer  Grund- 
lage.    Der  Verfasser   ^'f^}'  Kuan  T§ung   oder   ^  i£  ^1 


t=9 

Kuan  I-wu  lebte  angeblich  im  7.  Jahrhundert  vor  Christi 
Geburt,  so  daß  sein  Werk,  falls  es  damals  wirklich  entstanden 
sein  sollte,  Zeugnis  dafür  ablegen  würde,  daß  der  Taoismus 
bereits  in  der  frühesten  Periode  zuverlässiger  ostasiatischer 
Geschichte  existiert  hat.  Indes  enthält  es  oiSfenkundig  um- 
fangreiche Beiträge  von  fremder  Hand;  doch  selbst,  wenn  es 
später  geschrieben  sein  sollte,  etwa  zur  Han-Zeit,  so  bleibt  es 
eine  wertvolle  Quelle  für  unsere  Kenntnisse  vom  alten  Taoismus 
und  höchst  wertvoll  auch  als  Kommentar  und  Ergänzung  zu  den 
Schriften  des  Lao   und  Tsuang.      . 

Die  Schriften  der  drei  Philosophen  haben  einen  entschei- 
denden Einfluß  auf  die  Entwickelung  des  Taoismus  zu  einer 
selbständigen  Religion  ausgeübt.  Maßgebend  sind  sie  vor  allem 
für  die  Lehre  geworden,  daß  der  Mensch  sich  und  sein  Be- 
nehmen dem  Tao  des  Weltalls  und  dessen  Eigenschaften  an- 
passen soll.  Da  die  Richtlinien,  die  sie  in  dieser  Beziehung 
angeben,  aus  heiliger  alter  Zeit  stammen,  so  sind  sie  immer  hoch 
verehrt  worden  und  werden  als  Grundlagen  für  das  ethisch - 
religiöse  System  angesehen,  das  den  Namen  „menschliches 
Tao"  (s.  S.  6)  führt.  Jedoch  sind  die  Werke  nie  als  lieiHge 
Bücher  des  Konfuzianismus  anerkannt  worden.  Der  Grund  für 
diese  Ausschließung  ist  noch  unbekannt;  einstweilen  müssen  wir 
uns  mit  der  Annahme  begnügen,  daß  sie  erfolgte,  weil  die  ge- 


21 

nannten  Werke  nicht  von  Konfuzius  oder  seinen  Schülern 
stammen.  Diese  Frage  verdient  nähere  Untersuchung,  da  diese 
Ausschließung  kennzeichnend  ist  für  die  Spaltung  des  ursprüng- 
lichen universistischen  Glaubens  in  einen  taoistischen  und  einen 
konfuzianischen  Zweig  (vgl.  S.  3  f.).  Vom  Augenblick  dieser 
Spaltung  in  der  H an- Zeit  an,  haben  die  Schriften  von  Lao, 
Tsuang  und  Kuan  zusammen  mit  einigen  anderen  von  ge- 
ringerer Bedeutung  eine  Rolle  für  sich  gespielt  als  Bibeln  des 
Taoismus,  jedoch  brüderlich  Seite  an  Seite  mit  den  Bibeln  des 
Konfuzianismus. 


Zweites  Kapitel. 


Das   T  a  0    des    Menschen. 

Wie  in  dem  vorigen  Kapitel  gezeigt  wurde^  ist  die  Grund- 
lage der  chinesischen  Philosophie  und  Religion  das  treibende, 
lebende,  schöpferische  Universum,  der  Gang  der  Natur,  die 
Weltordnung,  genannt  Tao  oder  „Weg".  Es  wurde  ferner 
darauf  hingewiesen,  daß  dieses  Tao  sich  kundtut  in  der  Um- 
wälzung der  Zeit,  insbesondere  in  jedem  Umlauf  der  Jahres- 
zeiten, wie  er  durch  die  Wechselwirkungen  des  Jang  und  des 
Jin  oder  der  hellen  und  dunklen,  bezw.  warmen  und  kalten 
Weltseele  hervorgerufen  wird.  Weiter  wurde  das  große  univer- 
sistische  Dogma  betont,  daß  der  Mensch  das  Produkt  dieses 
Weltseelenpaares  ist  und  gleichfalls  eine  Doppelseele  besitzt, 
nämlich  als  Bestandteil  des  Jang  einen  S  ö  n  und  als  Bestand- 
teil des  Jin  einen  Kwei.  Der  Mensch  ist  sonach  ein  Stück 
des  universellen  Tao;  sein  Werden  und  Vergehen,  sein  ganzes 
Dasein  richtet  sich  nach  dieser  Weltordnung. 

Diese  Fundamentalsätze  bilden  bis  auf  den  heutigen  Tag 
den  Ausgangspunkt  für  die  konfuzianische  und  taoistische  Lehre 
von  der  rechten  Lebensführung  des  Menschen.  Diese  soll 
sich  in  Übereinstimmung  mit  dem  Tao  des  Universums  be- 
finden; daher  ihr  Name  „menschliches  Tao"  (S.  6).  Das 
Ji  (hi  TsS,  I)  enthält  einen  Satz,  aus  dem  die  ganze 
Bedeutung     einer     derartigen     Übereinstimmung     hervorgeht: 


23 

das  Jin  des  Alls  und  das  Jang-  des  Alls,  die  heißen  das  Tao;  was  aus 
demselben  hervorgeht,  ist  das  Gute  (^  San);  was  es  schafft,  ist  die 
menschliche  Natur   (>b{:  Sing). 

Das  Tao  ist  somit  die  Quelle  des  Guten,  alles  Segens,  das 
summum  bonum.  Das  Tao  kann  nur  gut  sein,  darin  stimmen 
alle  Philosophen  überein,  weil  unter  seinem  Einfluß  das  wohl- 
tätige Zusammenwirken  von  Himmel  und  Erde  erfolgt,  das  alle 
Wesen  entstehen  läßt  und  unparteiisch  mit  gleichem  Wohlwollen 
erhält;  diese  Schöpfergüte  ^  San  bildet  die  höchste  Eigen- 
Schaft   (^   Te')   des   Universums.     ^^Zi^WiB^^ 

die  höchste  Eigenschaft  von  Himmel  und  Erde  ist  Schöpfung,  sagt  das 
Ji'  (hi  TsS,  II).  Auch  lesen  wir  in  diesem  heiligen  Buch: 
5^  iHli  ^  rfil  -ß§  '^B?l  rLt  ^4*  ?  Himmel  und  Erde  werden  erregt  (durch 
das  Tao),   und   dann   entstehen   durch  Umbildung   die  zehntausend  Wesen 

(T'uaD,ii).  ^mmnf^.mAmwmi^ni^' 

Himmel  und  Erde  nähren  die  zehntausend  Wesen;  der  Heilige  nährt  seine 
Vortrefflichkeit  und  läßt  sie  den  zehntausend  Wesen  zukommen  (T   U  a  n,  I ) 

Da  des  Menschen  Seele  ein  Teil  von  Jang  und  Jin  ist, 
die  das  Tao  bilden,  so  folgt,  daß  ihre  Beschaffenheit,  d.  h.  des 
Menschen  Charakter  oder  Natur,  sein  ^^  Sing,  von  Natur  gut 
ist.    Das  Ji'  sagt: 

"(^       >g,  jg  i^  ^^    das  Tao  des  Himmels  schafft 


^U  f^,   >52i 

die  Wandlungen   der  Natur,   welche  für  jedermann   Charakter    und    Leben 

zurechtmachen  (T'uan,  I).  5^  ^  13!  OL  ffil  ^  ff  ^  Ä  4* 
^0^'^^^oM.B^Zf^'  Hi»-"«!  und  Erde  haben  ihre 
Lage,  und  inmitten  von  ihnen  vollziehen  sich  die  Wandlungen.  Sie  schaffen 
die  Natur  der  Wesen  und  erhalten  sie  fort  und  fort.  Das  ist  die  Lehre 
zum  Verständnis  des  Tao    (hi   T  S  Ö,   I). 

Das  Ji'  entwickelt  diese  Lehre  weiter,  indem  es  dar- 
legt, daß  die  menschliche  Natur  vier  Grundeigenschaften 
umfaßt,  die  aus  den  vier  höchsten  Eigenschaften  des  Himmels 
hervorfließen.  Wenn  wir  die  erste  Seite  des  genannten  heiligen 
Buches  aufschlagen,  so  finden  wir  die  Worte:   ^  7C  "^  ^Ij^? 


24 

der  Himmel  ist  schöpferisch,  alldurchdringend,  freigebig  und  unerschütter- 
lich. Und  im  vierten  Anhang  zum  J  i  \  der  den  Titel  ^  "^ 
Wön  Jon  trägt,  steht  geschrieben:  TC^^^Sifc^^ 

m^moß,^mz^^Anf-]^m^B 

Schöpfungskraft  ist  die  Hnupteigenschaft  der  natürlichen  Güte;  der  Edle 
verkörpert  Menschenliebe  fT~t  Zön)  und  kann  dadurch  zum  Höchsten 
unter  den  Menschen  werden.  Alldurchdringend  ist  die  Gesamtheit  des  Vor- 
trefflichen; der  Edle  vereint  soviel  Vortrefflichkeit,  daß  sie  den  Lebens- 
regeln und  der  guten  Lebensform  (|[jp  L  i)  entspricht.  Freigebigkeit  ist 
die  harmonische  Vereinigung  der  Lebenspflichten;  der  Edle  wirkt  so  wohl- 
tätig auf  die  Wesen,  daß  er  die  Lebenspflichten  (^^  I)  harmonisch  vereint. 
Unerschütterlichkeit  ist  die  feste  Grundlage  alles  Tuns;  der  Edle  ist  un- 
erschütterlich fest,  deshalb  kann  er  Werke  vollbringen.  Der  Edle  verfährt 
nach  diesen  vier  Eigenschaften;  deshalb  spricht  (das  heilige  Buch)  von 
schöpferisch,  alldurchdringend,  freigebig  und  unerschütterlich. 

Diese  vier  Haupteigenschaften,  die  der  menschlichen  Natur 
innewohnen  und  den  Haupteigenschaften  des  Himmels  entlehnt 
sind,  werden  in  dem  chinesischen  Ausdruck  'i^  Sang,  die 
unvergänglichen  (Eigenschaften),  zusammengefaßt;  sie  gelten  als  so 
ewig  und  unveränderlich  wie  der  Himmel  selbst.  Die  vierte 
wird  allgemein  mit  ^  Tsi,  Wissen,  gleichgesetzt,  weil  nur 
das  Wissen,  die  Mutter  der  Weisheit,  zu  festen  Taten  führt. 
Zusammen  stellen  die  vier  „unvergänglichen  Eigenschaften"  das 
„Tao  des  Menschen"  dar.  Sie  bildeten  immerund  bilden  noch 
heute  die  Quintessenz  der  konfuzianischen  Sittenlehre,  Hand  in 
Hand  damit  das  Dogma,  daß  der  Mensch  von  Natur  gut  (äan) 
ist.  Allerdings  gab  es  in  der  klassischen  Zeit  Philosophen,  die 
dieses  „von  Natur  Gutsein"  der  Menschen  in  Abrede  stellten 
und  die  Meinung  vertraten,  daß  der  menschliche  natürliche 
Charakter  ein  Gremisch  von  gut  und  böse  sei,  wobei  je 
nach  der  Erziehung  das   eine    oder  andre  überwiege.     Ja,  ein 


25 

Weiser  des  3.  vorchristlichen  Jahrhunderts,  ^  St  Silin 
Iluang,  behauptet  sogar  die  völlige  Verderbtheit  der  dem 
Menschen  angeborenen  Natur.  Aber  alle  diese  Meinungen 
wurden  in  China  endgültig  verurteilt  und  in  die  Region  der 
Irrlehre  verbannt;  zuerst  durch  den  großen  ;^-^MöngTs6; 
den  Altmeister  der  konfuzianischen  Schule,  dessen  Schriften 
unter  die  klassischen  Bücher  eingereiht  wurden,  sodann  auch 
durch  Konfuzius'  Enkel  ^l  ^  K'ung  Ki'  oder  ^fL  "^  Ä 
K'ung  TsÖ-sö,  den  berühmten  Verfasser  des  Tsung  Jung, 
(S.  11);  das  ebenfalls  zum  Range  eines  klassischen  Buches  er- 
iioben  ist  und  mit  folgenden  bedeutungsvollen  Worten  anhebt: 

der  Himmel  bestimmt,  das  ist  des  Menschen  Natur  (Sing);  der  menschlichen 
Natur  folgen,  das  ist  das  Tao  (des  Menschen);  Pflege  dieses  Tao,  das  heißt 
Unterweisung.  So  wurde  die  Lehre  von  der  menschlichen  An- 
passung an  das  Universum  von  einem  der  größten  Meister  der 
konfuzianischen  Schule  zur  Grundlage  des  konfuzianischen  Er- 
ziehungssystems erhoben. 

Wie  die  chinesische  Philosophie  übereinstimmend  lehrt, 
ist  die  wichtigste  der  vier  natürlichen  Haupttugenden  Beobachtung 
der  iü^  L  i;  d.  h.  der  Lebensregelu;  der  Gesetze  für  das  Benehmen, 
wie  sie  die  klassischen  Schriften  aus  der  heihgen  Zeit  der  Vor- 
ahnen überliefert  haben.  Die  Li  regeln  das  Verhalten  des 
Menschen  zum  Einzelnen,  zur  Familie,  Gesellschaft  und  Staat, 
zu  den  Ahnen  und  Göttern,  kurz  das  ganze  menschliche  Tao; 
sie  enthalten  mithin  zahlreiche  religiöse  Bräuche  und  Riten. 
Wie  Konfuzius  und  seine  ersten  Schüler  mit  Nachdruck  erklärten, 
sind  die  Li  das  Mittel,  vermöge  dessen  der  Mensch  sich  dem 
Tao  des  Himmels  überhaupt  nur  angleichen  kann,  was  zu 
seinem  Leben  unbedingt  notwendig  ist;  überdies  stammen  die 
Li,  gemäß  einem  Ausspruch  des  großen  Weisen,  unmittelbar 
vom  Himmel  und  Weltall,  d.  h.  sie  beruhen  völlig  auf  der 
Natur.    Demgemäß  kann  kein  Staat,  keine  Dynastie,  ja  keine 


26 

Familie  ohne  Li  existieren.  Dieses  Dogma  erhebt  die  konfu- 
zianische Lehre  ganz  von  selbst  zu  einer  Staatslehre  und  Staats - 
religion,  die  auf  dem  T  a  o  beruht,  und  deren  Aufrechterhaltung 
Sache  der  jeweils  regierenden  Dynastie  ist.  Selbstverständlich 
ist  diese  Auffassung  durch  und  durch  klassisch;  wir  finden  sie 
in  einem  der  Bücher  des  Li  Ki,  dem  Li  Jun  (s.  S.  9),  in 
folgender  Weise  zum  Ausdruck  gebracht: 

^^^ffii  lEiÖi  (Kap.  I).  Konfuzius  sprach:  „Fürwahr,  die  Li  sind 
es,  durch  die  die  alten  Herrscher  das  Tao  dos  Himmels  in  Empfang  nehmen 
konnten,  um  über  die  Leidenschaften  der  Menschen  zu  regieren.  Darum, 
wer  die  Li  verliert,  der  muß  sterben,  wer  sie  aber  erworben  hat,  der  wird 
leben.  Denn  im' Buch  der  Lieder  ( «sp^R^  Öi  King)  steht:  „Siehe  die 
IRatte,  sie  hat  ihre  Gliedmaßen;  es  gibt  aber  Menschen  ohne  Li;  Menschen 
ohne  Li,  müssen  sie  nicht  alsbald  sterben  (wie  eine  Ratte  ohne  Glied- 
maßen)?" Das  kommt  daher,  weil  die  Li  im  Himmel  wurzeln,  sich  über  die 
Erde  verbreiten,  sich  auf  böse  und  gute  Geister  verteilen  und  sich  erstrecken 
auf  Totentrauer  und  Opfer,  auf  Bogenschießen  und  Wagenlenken,  auf  Mann- 
barkeitsfest und  Eheschließung,  auf  Audienzen  und  Empfang  von  Gesandt- 
schaften. Darum  nimmt  der  Heilige  (der  Herrscher)  die  L  i  und  tut  sie  der 
Welt  kund;  dann  vermag  sein  Haus,  das  über  alles  unter  dem  Himmel 
regiert,  die  Welt  in  Ordnung  zu  halten."    * 

^  i^  ^  ^  (Kap.  IV).  Das  ist  80,  weil  die  L  i  im  großen  AU 
wurzeln,  das  sich  in  Himmel  und  Erde  teilt,  die  drehend  Jin  und  Jang 
bilden,  welche  die  Wandlungen  (der  Natur)  hervorbringen  und  so  die  vier 
Jahreszeiten  schaffen,  deren  Ordnung  die  Kwei  und  Sön  bildet.  Was 
(dieser  Gang  der  Welt)  herabsendet,  ist  das  Schicksal ;  die  Verwaltung  des 
Schicksals  aber  liegt  beim  Himmel. 


27 

AW^o  iikmmAM93imzr-'^]üBaL. 

i^BmMM-CAßi'^^^m.  (Kap.  IV).  De., 
halb  ist  die  richtige  Deutung  der  Li  der  Menschheit  höchster  Grundsatz. 
Sie  sind  es,  vermöge  deren  die  Menschen  die  Fügsamkeit  lehren,  die  Ein- 
tracht pflegen,  und  die  dadurch  der  Menschen  Haut  mit  dem  Fleische,  ihre 
Muskeln  mit  den  Knochen  fest  zusammenhalten.^  Die  Li  sind  das  Haupt- 
prinzip, durch  das  den  Lebenden  Erhaltung,  den  Toten  Bestattung,  den  Geistern 
und  Göttern  Verehrung  zuteil  wird;  sie  sind  die  große  Bresche  zum  Ver- 
ständnis des  himmlischen  Tao  und  zur  Befolgung  der  menschlichen  Natur. 
Darum  darf  in  der  Regierung  eines  Heiligen  (eines  Herrschers)  die  Erkenntnis 
der  Li  keine  Grenzen  haben,  denn  wann  auch  immer  ein  Reich  vernichtet 
wurde,  ein  Herrscherhaus  herabsank,  ein  Volk  zugrunde  ging,  stets  war 
schuld  daran,  daß  man  die  Li  preisgegeben  hatte. 

Das  Tao  des  Universums,  aus  dem  das  Tao  des  Menschen 
entspringt,  beherrscht  also  gemäß  konfuzianischer  Anschauung  das 
gesamte  menschliche  Leben.  Man  kann  sagen,  das  menschliche 
Tao  bedeutet  einen  pflichtgemäßen  Wandel  des  Menschen  in 
Übereinstimmung  mit  den  Lebensbedingungen,  in  die  ihn  das 
Tao  des  Weltalls,  das  ihn  erschuf  und  unter  seinem  allmächtigen 
Einfluß  leben  läßt,  von  Natur  gestellt  hat.  Man  könnte  auch 
sagen,  das  menschliche  Tao,  das  sich  durch  die  vier  natürlichen 
Haupttugenden  des  Menschentums  äußert,  ist  der  „Weg",  in 
dem  der  Makrokosmos  den  Mikrokosmos  wandeln  läßt,  der  Weg 
menschHcher  Gesittung  im  allgemeinen.  Das  Wort  Tao  bedeutet 
demgemäß  rechtes  Verhalten,  auch  die  wahren  Regeln  für  Leben 
und  Rehgion,  die  guten  Grundsätze;  in  allen  diesen  Bedeutungen 
wird  es  in  den  klassischen  Schriften  gebraucht.  Bis  auf  den 
heutigen  Tag  ist  Tao  in  China  die  Bezeichnung  fast  alles  dessen, 
was  des  Menschen  höheres  Wesen  ausmacht.     Seit  der  Han- 


1  Ohne  Li  herrschte  gewiß  unaufhörlich  Zwist  und  blutiger  Kampf- 


28 

Dynastie  sind  die  konfuzianischen;  klassischen  Schriften  die 
Grundlage  der  chinesischen  Gesittung  und  Politik  gewesen.  Diese 
Tatsache  kennzeichnet  sie  gleichzeitig  als  taoistische  Schriften. 
Tatsächlich  sind  sie  seit  jeher  von  der  Regierung  und  den 
geistigen  Führern  der  Nation  als  einziger  Wegweiser  für  das 
menschliche  T  a  o  angesehen  worden.  Sie  sind  es,  die  das  Volk 
lehren,  wie  seine  ältesten  und  darum  heiligsten  Vorfahren  ge- 
dacht und  gehandelt  haben,  was  sie  für  Lebensgrundsätze  und 
politische  Anschauungen  hatten,  sie,  die  „Vollkommenen  oder 
Heiligen"  (^  Sing),  die  besser  als  irgend  jemand  wußten, 
was  das  T  a  o  sei,  weil  sie  schon  lebten,  als  es  zuerst  unter  die 
Menschen  kam,  ja  weil  sie  an  seiner  Begründung  selbst  teil- 
genommen haben.  Einfachste  Logik  zwingt  daher  zu  sklavischem 
Gehorsam  gegenüber  diesen  konfuzianischen  Schriften  und  macht 
sie  zu  Bibeln,  nach  denen  sich  Glauben  und  Leben  des  Einzelnen 
wie  der  Gesamtheit,  der  Familie  wie  des  Staates  zu  richten 
haben.  Die  Lehren,  die  in  diesen  Schriften  enthalten  sind, 
bilden  das,  was  wir  als  Konfuzianismus  kennen.  Der  Konfn- 
zianismus  kann  also  nur  die  allein  richtige  Lehre  sein,  weil  es 
nur  ein  Tao,  nur  eine  Weltordnung  gibt  und  nur  einen  Satz 
von  heiligen  Büchern,  die  diese  Ordnung  unter  den  Menschen 
verkünden;  jede  andere  Religion  oder  Sittenlehre  muß  im  Wider- 
streit mit  dem  Universum  selbst  stehen  und  deshalb  für  Staat 
und  Menschheit  verhängnisvoll  sein.  Weisheit  und  Politik  in 
China  versagen  demnach,  abgesehen  vom  taoistischen  Konfa- 
zianismus,  bezw.  konfuzianischen  Taoismus,  jedem  Glauben 
oder  Sittensystem  die  Existenzberechtigung.  Nur  das  Tao 
zeigt  die  Wahrheit  und  den  Weg  zum  rechten  Leben;  es  ist 
sogar  der  Schöpfer  alles  Guten  wie  überhaupt  aller  Dinge. 
Über  dem  Tao,  der  treibenden  Kraft  des  Weltalls,  gibt  es 
nichts  Höheres,  noch  neben  ihm  ein  Gleiches.  Deshalb  ist 
außer  der  Lehre  des  Tao  kein  Raum  für  irgendwelche  andre 
sittliche,   religiöse   oder  politische  Anschauungen.    Sollten   aber 


29 

andersgläubige  Anschauungen  und  Lehren,  die  nicht  auf  den 
klassischen  Schriften  beruhen,  aufkommen,  so  müssen  sie  un- 
bedingt irreführeiid,  ketzerisch,  schädlich,  verderblich  sein,  und 
jeder  Staatsmann  von  wahrhaft  aufrechter  konfuzianischer  Ge- 
sinnung ist  verpflichtet,  für  ihre  gänzliche  Ausrottung  und 
Vernichtung  Sorge  zu  tragen.  Und  zwar  soll  er  sie  bereits  im 
Keime  zerstören,  bevor  sie  an  Ausdehnung  gewinnen  und  Ver- 
wirrung unter  den  Li  stiften,  diesen  allumfassenden  Regeln  und 
Geboten  wahrer  menschlichen  Gesittung,  die  allein  imstande 
sind,  des  Menschen  Denken  und  Tun  in  völligem  Einklang  mit 
der  Ordnung  des  Weltalls  zu  erhalten. 

Diese  Grundanschauungen  erklären  uns  vollständig  die 
Tatsache,  daß  die  klassischen  Bücher  in  China  die  einzigen 
Schriften  sind,  die  stets  bei  den  Gebildeten,  Gelehrten  und 
Staatsmännern  höchstes  Ansehen  genossen  haben.  Man  versteht 
nun,  warum  diese  klassischen  Bücher  als  Basis  aller  Kultur 
und  Bildung  gelten,  und  warum  die  gründlichste  Kenntnis  ihres 
Inhaltes  stets  den  hauptsächlichsten,  ja  den  einzigen  Gegenstand 
in  jenen  weltberühmten  Prüfungen  gebildet  haben,  die  in  China 
den  Weg  zum  Beamtentum  öffnen.  Es  ist  jetzt  klar,  warum 
dort  die  Worte  „Gelehrter"  und  „Staatsmann"  gleichbedeutend 
mit  „Konfuzianer"  sind.  Die  Schriften  außerhalb  des  Gedanken- 
kreises der  Klassiker  sind  entweder  neutral,  dann  entgehen  sie 
der  Beachtung  der  gelehrten  und  politischen  Welt  und  gelten 
als  gerade  gut  genug  für  zweit-  und  drittklassige  Geister,  die 
gern  müßigen  Beschäftigungen  nachgehen;  oder  aber  sie  atmen 
einen  von  den  klassischen  Schriften  abweichenden  Geist,  dann 
gelten  sie  als  irrlehrig,  ketzerisch,  sittUch  gefährdend,  staats- 
feindlich. Man  nennt  sie  dann:  ^  $^  pu'-king,  unklassisch; 
^  jE  pu'-tsing  oder  ^^  pu*-tuan,  unrichtig  oder  nicht 
orthodox;  ^  siö  oder  *^  j  in,  sittlich  gefährdend;  auch:  ^^ 
tso  Tao,  linkes  oder  minderwertiges  Tao,  und  ^  fe  i  Tuan, 
vom  Richtigen  abweichend;   also   heterodox. 


30 

Stets  war  in  dieser  Welt  der  Dogmenglaube  die  Ursache 
von  Unduldsamkeit  und  Verfolgung.  Hätte  es  in  China  anders 
sein  können?  Sicherlich  nicht.  Tatsächlich  findet  man  die 
konfuzianische  Lehre  im  Verein  mit  dem  Staat,  der  ihr  ja  völhg 
angepaßt  ist,  von  jeher  von  geradezu  fanatischer  Feindschaft 
gegen  jede  religiöse  und  sittliche  Richtung  erfüllt,  die  sich 
nicht  als  rein  klassisch  darstellt,  und  gegen  jede  Lehrmeinung, 
die  nicht  auf  den  konfuzianischen  Schriften  beruht.  Kreuzzüge 
gegen  falsche  Lehren  predigt  schon  das  Su  (s.  S.  14),  eins 
der  heihgsten  unter  den  heiligen  Büchern,  in  den  ^  ^  §^, 
Ratschlägen  von  Jü  dem  Großen,  eine  Sammlung  von  politischen 
Lehrsätzen  vom  heiligen  Stifter  der  ^  H  i  a  -  Dynastie, 
der  im  23.  Jahrhundert  vor  unsrer  Zeitrechnung  lebte.  Dieses 
wichtige  Dokument,  das,  seit  es  in  der  H an- Zeit  entdeckt 
wurde,  als  eines  der  Hauptpfeiler  der  Staatsverfassung  Chinas 
gegolten  hat,  sagt  kurz  und  kräftig:  -^  ^  ^  ^,  wirf  fort,  was 
sie  ist,  und  zaudere  dabei  niclit.  Konfuzius  selbst,  der  allerheihgste 
der  Heiligen  Chinas,  predigte  die  Verfolgung  der  Ketzerei  für  alle 
Zeit,  denn  dem  heihgen  Buche  g^  ^  Lun  Jü  zufolge  (H,  16) 

befahl  er:  J^  ^  ^  jJj^  ^  Äf  W  ifii  B '  ^^®^^*  ^^®  Irrlehre  an,  denn 
sie  ist  das  Schädliche  und  Gefährliche!  Auch  Möng  Tsö  legt  die  Ver- 
folgung der  Ketzerei  allen  künftigen  Geschlechtern  als  dringende 
Pflicht  ans  Herz.  Ausdrücklich  bezeichnet  er  mit  Ketzerei  alles, 
was  von  den  Lehren  des  Konfuzius  oder  noch  älterer  Weisen 
abweicht.  Die  Schriftkundigen,  einschließlich  der  Mandarinen, 
die  ja  mittels  der  Staatsprüfungen  aus  den  Kreisen  der  Schrift- 
kundigen ausgewählt  werden,  sind  also  natürlicherweise  stets 
als  Verfolger  der  Irrlehre  aufgetreten,  denn  sie  sind  es,  die  das 
auf  der  konfuzianischen  Lehre  beruhende  chinesische  Staats- 
wesen aufrechterhalten.  Die  Masse  des  gewöhnlichen,  ungelehrten 
Volkes  ist  von  konfuzianischem  Fanatismus  frei.  Sie  liefert  die 
Opfer  und  Märtyrer  für  den  blutgetränkten  Altar  eines  intole- 
ranten Beamtentums. 


31 

Aus  dem  Gesagten  geht  hervor;  warum  der  chinesische 
Staat  notwendigerweise  auch  die  christliche  Religion  und  den 
Islam,  den  Buddhismus  und  dessen  zahlreiche  Sekten  verfolgen 
mußte.  Gegen  die  Werbetätigkeit,  die  Ausübung  ihrer  religiösen 
Gebräuche,  die  Abhaltung  ihrer  Andachten  seitens  dieser  Re- 
ligionsgemeinschaften ist  häufig  mit  Erdrosselung,  Bambusprügeln 
und  Verbannung  eingeschritten  worden.  Besonders  streng  war 
die  religiöse  Verfolgung  unter  der  Mantschu-Dynastie.  Hunderte 
von  kaiserlichen  Erlässen  sind  überliefert,  die  sich  auf  Sekten- 
verfolgung beziehen.  Zahlreiche  Aufstände  von  Sekten  wurden, 
wie  aus  solchen  Erlässen  hervorgeht,  mit  Zustimmung  des  Throns 
durch  grausamste  Verfolgungen  hervorgerufen  und  dann  unter 
Strömen  von  Blut  erstickt.  Ausführliche  Mitteilungen  über  diesen 
Gegenstand  bietet  mein  zweibändiges  Buch  „Sectarianism  and 
Religious  Persecution  in  China". 


Da  alles  Gute  (San),  alle  Tugenden  und  Segnungen 
(f^  Te')  aus  dem  Tao  des  Weltalls  hervorgehen,  so  bedeuten 
die  viel  gebrauchten  Ausdrücke  ^  ^  te'  Tao,  Erwerbung  von 
Tao,  und  ^^  j  iu  Tao,  Besitz  von  Tao,  Erwerbung  und  Be- 
sitz höchster  Tugend,  sittlicher  Vollendung  und  höchsten  Glücks, 
—  alles  Dinge,  die  aus  dem  menschlichen  Tao  erfolgen,  d.  h. 
aus  einer  Lebensdisziplin,  welche  völligen  Einklang  mit  dem 
Tao  des  Weltalls,  insbesondere  mit  dem  Tao  des  Himmels, 
erstrebt.  Im  Tao  Te'King,  dem  „Buch  des  Tao  und  seiner 
Eigenschaften«,  lesen  wir:  ^MiMM.  *^  M  ^  A  (^  ^9). 

das  Tao  hat  niemanden,  der  ihm  besonders  nahe  steht,  sondern  ist  stets 
mit  dem  guten  (san)  Menschen.     '^  ^^ffU^M^    r^l^RB 

<2  ^  jfi)  J[^  ^  1^  (§  38);  geht  dem  Menschen  das  Tao  verloren, 
so  verliert  er  auch  dessen  Segnungen  oder  Tugenden  (Te'),  demnächst  die 
Menschenliebe  (Zön),    dann  die  Lebenspflichten   (I)   und   die  Lebensregeln 


32 

(Li,  8.  S.  25);  Verlust  der  Li  hat  das  Schwinden  der  Treue  und  Zuver- 
lässigkeit zur  Folge  und  ist  also  der  Anfang  zur  Anarchie. 

Wer  das  Tao  gänzlich  gewonnen  hat,  ist  demnach  ein 
vollkommener  Mensch^  ein  Heiliger.  Nun  vollzieht  sich,  wie 
uns  schon  bekannt  ist  (S.  11),  das  Wirken  des  Tao  des  Weltalls 
durch  die  Sön  oder  guten  Geister,  Gottheiten,  welche  Unter- 
teile des  Jang,  der  himmlischen  Weltseele,  sind.  Es  ist  dann 
eine  logische  Folgerung,  daß  der  Mensch,  der  das  Tao  besitzt, 
ebenfalls  ein  Sen,  eine  Gottheit  ist.  Daher  heißt  sein  Tao 
auch  jjitp  ^M^  SSn  Tao,  göttliches  Tao  oder  Tao  des  Gottseins. 
Uns  allen  ist  dieses  Wort  aus  der  japanischen  Religion  bekannt 
als  Seh  int  o;  tatsächlich  besteht  der  Taoismus  seit  jeher  im 
Land  der  aufgehenden  Sonne.  Der  Ausdruck  §  e  n  Tao  stammt 
aus  dem  heiligen  Ji',  und  zwar  aus  der  folgenden  Stelle  des 
ersten  Anhangs  (T'uan,  I):  ^  ^  :^  JÜI  ^  WS  H  ^  1^ 

i^MABW Miß it ra ^ T  5ß  ^;  <>- «-«g«  «J- 

Herrscher)  betrachtet  das  Sön  Tao  des  Himmels  und  die  nimmer  fehlende 
Regelmäßigkeit  der  vier  Jahreszeiten,  und  ergründet  auf  diesem  Sön  Tao 
seine  Lehre,  durch  die  alles  unter  dem  Himmel  sich  ihm  unterwirft.  Dieser 
klassische  Satz  hat  das  chinesische  Regierungssystem  für  alle 
Zeiten  durch  und  durch  beeinflußt.  Er  gab  den  Staatslenkern 
die  Gewißheit,  daß  Gehorsam  und  Frieden  im  Lande  herrschen 
müssen,  solange  das  Volk  getreu  im  Tao  erzogen  wird,  und 
sie  haben  deshalb  durch  die  Pflege  der  klassischen  Schriften 
die  Lehre  des  Tao  hochgehalten  mit  all  der  Ehrfurcht,  die  man 
den  heiligen  Ahnen  der  Vorzeit  und  ihren  in  den  klassischen 
Büchern  enthaltenen  Geboten  schuldig  ist. 

Besitz  des  Tao  erhebt  also  den  Menschen  zu  einem  Zu- 
stand von  Macht  und  Glück,  der  Göttlichkeit  oder  Heiligkeit 
ist.  Mit  größtem  Nachdruck  wird  diese  Lehre  ebenso  in  den 
klassischen  Büchern  wie  in  den  Schriften  der  Philosophen 
Lao  Tsö  und  Tsuang  Tsö  verkündet;  sie  ist  also  Gemein- 
besitz   des  Konfuzianismus    ebenso  wie  des  Taoismus,  wie  im 


33 

nächsten  Kapitel  näher  klargestellt  werden  wird.  Über  die 
Macht  und  Herrlichkeit  des  Menschen,  der  seine  Lebensführung 
dem  Tao  entsprechend  gestaltet,  ergeht  sich  das  Ji'  in 
folgenden   schwungvollen  Wendungen  (WßnJßn):  ^~h^  K 

iij^  .lld .  O  der  große  Mensch !  seine  Eigenschaften  sind  eins  mit  Himmel 
und  Erde,  seine  Klarheit  eins  mit  Sonne  und  Mond,  sein  Wandel  eins  mit 
den  vier  Jahreszeiten,  sein  Wohl  und  Wehe  eins  mit  den  Kwei  und  Sön.  Er 
geht  dem  Himmel  voran  (d.  h.  er  paßt  sich  ihm  rechtzeitig  an),  und  darum 
ist  der  Himmel  nicht  wider  ihn;  er  folgt  dem  Himmel  nach,  während  er 
sich  ehrerbietig  nach  den  vier  Jahreszeiten  richtet,  und  darum  ist  abermals 
der  Himmel  nicht  wider  ihn ;  um  wieviel  weniger  die  Menschen,  um  wieviel 
weniger  die  Kwei  und  Sön. 

Konfuzius  selbst  hat,  wie  Tsuang  Tse  (Buch  10,  bezw. 
Kap.  31)  berichtet,  seinen  Jüngern  ausdrücklich  erklärt,  daß 
nur  ein  Taoist  bestehen,  glücklich  sein  und  Vollkommenheit  er- 
langen  kann:   KM,^'^'^  Zff^  ^  ^o  ^M -^Z 

^n,nz^^o%^mzm^Mzmj&o 

ifeäC  S^  ->^  )^  'S  ^  J^  ^-  >^'  ^^®  ^®"^  '^^^  entstehen  die  zehn- 
tausend Wesen.  Alle  Wesen,  die  das  Tao  verlieren,  sterben;  die  es  finden, 
leben.  Wer  in  seinen  Taten  wider  das  Tao  handelt,  geht  zugrunde;  wer 
das  Tao  befolgt,  hat  gänzlichen  Erfolg.  Deshalb  ist  das  Verharren  im  Tao 
von  den  Heiligen  als  das  Höchste  geschätzt. 

Unter  den  Mitteln,  die  seit  alters  als  wirksam  angesehen 
werden,  um  des  Menschen  Einssein  mit  dem  Tao  und  dem- 
gemäß sein  Gottsein  zuwegezubringen,  hat  Nachahmung  des 
Tao  immer  an  erster  Stelle  gestanden.  Sich  benehmen  wie  das 
Weltall  ist  Anpassung  an  das  Weltall,  und  da  dieses  im 
höchsten  Grade  vortrefflich  ist,  so  ist  seine  Nachahmung  Tu- 
gend. Diese  Anschauung  wird  im  Ji'  mehrfach  vertreten.    Da 

De  Groot,  Universismus.  3 


34 

heißt  es  z.  B.:  ^«Ä,  ^^J^g  51^  J.  (^  Siang,  IK 
"tajMiHj.     HH^^    (T'uan,     I).     Der    Lauf    des 

Himmels  ist  ein  fester  Lauf;  der  Edle  läßt  daher  nie  ab,  sich  selbst  zu 
festigen.  Wenn  das  Haupt  (des  Herrschers)  über  die  zehntausend  Wesen 
herausragt,  dann  herrscht  in  den  zehntausend  Ländern»  Ruhe.  Das  will 
sagen,  der  Herrscher  muß,  da  er  den  Himmel  vertritt,  zwecks 
Aufrechterhaltung  von  Ansehen  und  Würde  genau  so  uner- 
schütterlich und  ehrfurchtgebietend  sein  wie  der  Himmel.  Dann 
wird  er  seine  Staaten  genau  so  in  ruhigem  Gleichgewicht  halten, 
wie  der  Himmel  vermöge  seiner  Unerschütterlichkeit  das  Gleich- 
gewicht der  Erde  aufrechterhält. 

Die  schöpferische  Kraft  des  Weltganzen  äußert  sich  in 
den  alljährlichen  Schöpfungsvorgängen  der  Natur,  die  durch  die 
Wechselwirkungen  von  J  a  n  g  und  J  i  n  zuwege  gebracht  werden. 
Dieses  Kräftepaar,  das  Tao,  verteilt  den  Reichtum  der  Schöpfung 
ohne  Ansehen  des  Einzelnen  mit  völliger  Unparteilichkeit  über 
die  Welt.  Unparteihchkeit  (^  Kung)  in  der  Regierung  ist 
demnach  eine  selbstverständliche  Pflicht  der  Herrscher;  Partei- 
lichkeit (!^ -^  ^  pu'kung  Tao)  gilt  als  Verletzung  des 
Weltgesetzes,  stört  somit  das  Tao  und  muß  deshalb  unweiger- 
Hch  im  Staate  Verwirrung  stiften.    Kuan  Tsö  schrieb: 

MM^l^^^^i^M^^M    (B"''!»  20,  bezw.  Kap.  64). 

Der  Himmel  ist  gerecht  und  unparteiisch  und  ohne  Selbstsucht;  ob  schön 
oder  häßlich,  alles  überdeckt  er.  Auch  die  Erde  ist  gerecht  und  unparteiisch 
und  hat  keine  Selbstsucht;  deshalb  trägt  sie  das  Kleinste  ebensogut  wie 
das  Größte. 

-tÖiO^^IL^T^-tfe    (Buch  13,  bezw.  Kap.  37). 

Der  Heilige  gleicht  dem  Himmel,  der  uneigennützig  und  unparteiisch  alles 
überdeckt;  er  gleicht  der  Erde,  die  unparteiisch  alles  trägt.  Selbstsucht 
ist  es,  die  Verwirrung  bringt  im  Reich,  das  unter  dem  Himmel  ist. 


35 

^]^^^  (Buch  10,  bezw.  Kap.  30).  Ein  Herscher,  der  das 
Tao  besitzt,  schafft  mit  natürlicher  Güte  (San)  und  Weisheit  Gesetze  und 
handhabt  sie  nicht  mit  Rücksicht  auf  seine  eigenen  Interessen;  ein  Herr- 
scher ohne  Tao  aber  gibt  die  Gesetze,  die  er  eben  geschaffen  hatte,  preis 
und  handelt  mit  Selbstsucht.  Wenn  der  Höchste  der  Menschen  seine  eigenen 
Gesetze  preisgibt  und  zur  Förderung  seiner  eigenen  Interessen  handelt, 
dann  wird  seinen  Ministern  Förderung  ihrer  Selbstsucht  als  Gerechtig- 
keit gelten. 

n%^,    ÄlJ   ^  #  *  ^    (B^ch   20,  bezw.  Kap.  64). 

Wenn  des  Himmels  Tao  befolgt  wird  und  also  Gerechtigkeit  entsteht, 
dann  werden  Fernstehende  zu  Verwandten.  Wird  aber  das  Tao  des  Himmels 
preisgegeben  und  eine  selbstsüchtige  und  parteiische  Regierung  geführt, 
dann  ist  Feindschaft  sogar  zwischen  Mutter  und  Kindern. 

>\  ^  "f  ^  ^  (Buch  4,  bezw.  Kap.  11).  Darum  sage  ich, 
damit  Ströme  befruchtenden  Segens  gleichmäßig  die  zehntausend  Wesen 
netzen :  der  Heilige  (der  Herrscher)  reiht  sich  als  Dritter  dem  Himmel  und 
der  Erde  an. 

Es  geht  aus  diesen  Lehrsätzen  hervor;  daß  in  der  For- 
derung der  Unparteilichkeit  gegenüber  den  Untertanen  inbe- 
griffen ist,  daß  der  Herrscher  gegen  sich  selbst  unparteiisch 
{^),  d.  h.  völlig  frei  von  EigenHebe  und  Eigennutz  (^)  sei. 
Selbstlosigkeit  gilt  denn  auch  ebenso  als  eine  Haupteigenschaft 
des  Universums,  worüber  wir  im  Tao  Te'  King  (§7)  lesen: 

^m.miAo^mf)i;mmmM.^mm^ 

Der  Himmel  ist  ewig  und  die  Erde  ist  ewig.  Der  Grund  für  des  Himmels 
und  der  Erde  Ewigkeit  ist,  daß  sie  nicht  für  sich  selbst  leben ;  deshalb  sind 
sie  auch  imstande,  ewiglich  Leben  zu  schaffen.  Darum  stellt  der  Heilige 
sein  persönliches  Interesse  zurück,  und  dennoch  behauptet  es  den  ersten 
Platz;    er  behandelt   seine  Person  als  außerhalb  seines  Interesses  liegend, 

3* 


36 

und  doch  bleibt  sie  ihm  wohlbehalten.  Ist  nicht  seine  Selbstlosigkeit  die 
Ursache,  daß  er  sein  eigenes  Wohl  vervollkommnet? 

Der  Gang  des  Weltalls  vollzieht  sich  in  völliger  Ordnung. 
Warum?  Weil  die  Teile  des  Weltalls  nicht  zusammenstoßen. 
Und  warum  das?  Weil  ihre  Bewegungen  gegenseitig  j||§  sun, 

willfährig,   sind. 

Willfährigkeit  ist  demnach  gleichfalls  eine  wichtige  Herr- 
schertugend, die  zur  Aufrechterhaltung  der  Staatsordnung  uner- 
läßlich ist.  Ihr  Vorhandensein  ist  politisches  Dogma  und  wird 
in  den  konfuzianischen  wie  taoistischen  Schriften  mit  besonderem 
Nachdruck  gefordert.    Im  Ji'  lesen  wir: 

11 A ja li m. m mmmmmm  (T'ua„,  d. 

Himmel  und  Erde  bewegen  sich  mit  Willfährigkeit,  deshalb  geschehen  im 
Laufe  von  Sonne  und  Mond  keine  Fehler,  noch  Abweichungen  im  Gange  der 
vier  Zeiten.  JVenn  der  Heilige  (der  Herrscher)  sich  gleichfalls  mit  Will- 
fährigkeit regt,  dann  sind  seine  Strafgesetze  lauter,  und  das  Volk  unterwirft 
sich  ihm. 

i^Mi^M^^  ^^  \fa  0  fj  (W6n  J6n). 
Ist  nicht  der  Erde  Tao  ihre  Willfährigkeit?  Sie  empfängt  des  Himmels 
Kraft,  und  die  Jahreszeiten  bewegen  sich  in  ihrer  Bahn.  Augenscheinlich 
will  es  diese  Lehre  der  Willfährigkeit,  daß  Herrscher  in  weitem 
Maße  dem  Volkswillen  und  der  Volksstimmung  Rechnung  tragen 
sollen.  Sie  wendet  sich  gegen  stumpfsinnige  Tyrannei  und  dürfte 
den  Namen  j|§  */p  Sun  Tai,  Regierung  durch  Willfährigkeit;  er- 
klärlich machen,  der  bekanntlich  als  Bezeichnung  für  die  Re- 
gierungsperiode des  ersten  Mantschukaisers  gewählt  wurde.  Im 
Zusammenhange  mit  neueren  Reformbestrebungen,  die  Chinas 
Neugestaltung  auf  verfassungsrechtlicher  Grundlage  wünschen, 
ist  jedenfalls  eine  bemerkenswerte  Tatsache,  daß  in  China  bereits 
seit  uralten  Zeiten  „Willfährigkeit"  als  politischer  Grundsatz 
der  Regierung  anerkannt  ist. 


37 

In  den  Schriften  des  Kuan  Tsß  wird  mit  größter  Be- 
stimmtheit versichert,  daß  die  Regierungsweise  der  ältesten 
heiligen  Kaiser  sich  durch  peinliche  Befolgung  des  großen  Ge- 
setzes der  Willfährigkeit  hervortat.  Da  heißt  es  (Buch  10,  bezw. 
Kap.  30): 

^mmzmmom^m-mzm.m^ni^A 
zmommmmmA^\^m'mjfnmM^ 
'^'Zf)\mo:k.^mmmn-mom^'^- 

m  ^^  yr  ^*  ^^^  ^^^  ersten  Herrscher  unter  dem  Himmel  lebten,  richtete 
sich  das  Volk  nach  ihren  göttlich  leuchtenden  Tugenden ;  daß  sie  vortrefflich 
herrschten,  lag  also  am  Volke.  O,  hätten  sie  volksfremden  Rat  gehört,  dann 
würden  sie  unweise  regiert  haben;  so  aber  hörten  sie  auf  volksgeistigen 
Rat  und  darum  waren  sie  heilig.  Sie  hatten  die  hohen  Tugenden  eines 
T'ang  und  Wu  (alte,  berühmte  Kaiser),  dennoch  fügten  sie  sich  dem,  was 
das  Volk  in  der  Straße  sprach.  Deshalb  zeigt  sich  der  weise  Herrscher  will- 
fährig gegen  die  Stimmung  der  Menschen ;  er  unterdrückt  seine  leidenschaft- 
liche Natur  und  geht  aus  von  dem,  was  sich  in  den  Gemütern  des  Volkes 
ansammelt.  Die  ersten  Herrscher  waren  von  Natur  gut  und  deshalb  mit 
ihrem  Volke  ein  Leib  und  eine  Seele.  Weil  sie  ein  Leib  und  eine  Seele 
mit  dem  Volke  waren,  darum  konnte  sich  ihr  Haus  durch  sich  selbst,  ihr 
Volk  durch  sich  selbst  erhalten,  und  in  der  Tat  w^ar  das  Volk  nicht  zu 
Übeltaten  bereit. 

Und  Lao  Tse  sprach  (Tao  Te'  King,  §49): 

mXMn^^'.B'SKi^^'l^^i^'  Der  Heilige  (der 
Herrscher)  hat  keine  unveränderliche  Gesinnung,  sondern  macht  die  Ge- 
sinnung der  hundert  Stämme  des  Volkes  zu  seiner  eigenen. 

Daß  jedes  Herrschers  Pflicht  darin  bestehen  soll,  seine 
Untertanen  mit  einer  Regierung  zu  beglücken,  die  sich  ihrem 
Wollen  und  Begehren  willfährig  erweist,  verlangt  mit  besonderem 
Nachdruck  auch  das  Li  Jun,  das  in  einer  willfährigen  Regierung 
die  Voraussetzung  zu  dem  Staatsideal  erblickt,  dessen  Kennzeichen 


38 

Eintracht  und  Friede,  Sicherheit  und  Glück  der  Bürger  sind. 
Eine  derartige  Regierung  hat  nach  Ansicht  dieser  heiligen  kon- 
fuzianischen und  taoisti sehen  Schrift  die  Folge,  daß  der  Mensch 
bei  Lebzeiten  nicht  hungert,  beim  Tode  anständig  bestattet 
wird  und  als  Geist  oder  Gottheit  gebührende  Verehrung  genießt. 
Mit  großartigem  Erfolge  übten  die  ältesten  Herrscher  Willfährig- 
keit in  der  Regierung,  und  dem  war  es  zu  danken,  daß  die 
Bevölkerung  nicht  durch  Hunger,  übermäßigen  Regenfall,  Dürre 
und  Seuchen  litt;  denn  des  Himmels  Tao  war  mit  ihnen,  und 
so  hatte  die  Erde  genügend  befruchtendes  Wasser  und  verschloß 
nicht  ihren  Reichtum.  Wörtlich  heißt  es  in  diesem  Buche  auf 
dem  letzten  Blatt: 

^oiik^  i<^Mt^  Z-M^mn  m  :f  B^ 

mn  tfa  z-  -k,  nm  m,  mm  ^  m.mm  z- 

Die  absolute  Willfährigkeit  ist  es,  durch  die  den  Lebenden  Ernährung,  den 
Toten  Bestattung  und  den  Geistern  Opferdienst  auf  ewig  gesichert  wird. 
Wenn  Mühseligkeiten  sich  überall  hoch  auftürmen,  ohne  daß  sie  Kümmernis 
schaffen;  wenn  sie  sich  mit  einem  Male  geltend  machen,  ohne  Verwirrung 
zu  stiften,  oder  allmählich  herantreten  und  dennoch  nichts  Übles  ausrichten ; 
wenn  sie  schwer  zu  begreifen  sind  und  dennoch  begriffen  werden,  üppig 
emporschießen,  aber  Lücken  lassen;  wenn  sie  nacheinander  herantreten 
und  dennoch  ihr  Ziel  verfehlen,  tätig  sind,  jedoch  nicht  schaden  —  dann 
kommt  es  daher,  daß  das  höchste  Maß  der  absoluten  Willfährigkeit  herrscht. 

m.  \ii  m  z^m  ^  )\\.r-mm  ^  ^  ^  m  m  ^ 
m^ooom^^M^moiikm:^¥^^mzpi. 
^mmmw^mzmo^^r^'^^Mi.i^r^ 

m,mm^^m.%m  >%  m  z  $\i  m  w  "^  n 


39 

^  i^  M  )lR  O  itt  iß  ^  Ä  "tÖi  •  ^^^°  besteht,  wenn  die  Weisheit 
sich  durch  Willfährigkeit  zeigt,  die  Möglichkeit,  sich  gegen  Gefahren  za 
schützen.  Deshalb  zeigten  die  heiligen  Herrscher  ihre  Willfährigkeit  dadurch, 
daß  sie  Bergvolk  nicht  in  Tälern,  Inselbewohner  nicht  auf  dem  Festlande 
wohnen  ließen  und  somit  verhinderten,  daß  ihnen  Übles  widerfuhr.  Auch 
bei  der  Inanspruchnahme  der  Kräfte  des  Volkes  übt^n  sie  unbedingt  Will- 
fährigkeit. Infolgedessen  gab  es  keine  Plagen  durch  Wasser,  Dürre  und 
Insekten,  unter  dem  Volke  mithin  keine  unheilvollen  Mängel  und  keine 
durch  böse  ^Geister  verursachten  Krankheiten.  Und  deshalb  versagte  ihnen 
der  Himmel  sein  Tao  nicht,  die  Erde  nicht  ihre  Schätze,  die  Menschheit  nicht 
ihre  Liebe;  der  Himmel  sandte  also  seinen  befruchtenden  Tau  hinab,  die 
Erde  öffnete  ihre  süßen  Quellen,  die  Berge  brachten  (Holz  und  Metall  für) 
Geräte  hervor,  der  Huang-ho  ein  Pferd  mit  Zeichnungen  (auf  dem 
Rücken);  Phönixe  und  Einhörner  hielten  sich  im  Gebüsch  bei  den  Vor- 
städten auf,  Schildkröten  und  Drachen  in  den  Teichen  der  Paläste;  die 
Eier  der  Vögel  und  die  Jungen  der  Vierfüßler  konnte  man  zu  seinen  Füßen 
liegen  sehen.  Das  alles  hatte  keine  andere  Ursache,  als  daß  die  Herrscher 
der  ersten  Zeiten  es  vermochten,  die  Lebensregeln  (Li)  derart  zu  pflegen, 
daß  dadurch  die  Beachtung  der  Menschheitspflichten  (I)  allseitig  durch- 
drang, und  daß  sie  die  Anpassung  ('jg)  derart  in  sich  verkörperten,  daß 
auch  die  Willfährigkeit  allseitig  durchdringen  konnte.  Das  war  das  Wesen 
der  Willfährigkeit. 

Die  Lehre  von  der  Willfährigkeit;  die  also  hohe  klassische 
Autorität  besitzt,  hat  immer  eine  große  Rolle  im  politischen 
System  Chinas  gespielt.  Es  ist  tatsächlich  ein  bemerkenswerter 
Zug  der  chinesischen  Regierungsweise,  daß  man  dem  Volke  in 
seinem  privaten  und  sozialen  Leben  so  große  Freiheit  wie  nur 
irgend  angängig  einräumt.  Es  liegt  da  eine  Politik  das  Gehen- 
lassens  vor,  die  vielen  Reibungen  und  deren  verhängnisvollen 
Wirkungen  aus  dem  Wege  geht.  Dieser  Politik  entsprechend 
werden  kaiserliche  und  andere  Verordnungen  erlassen,  ohne  daß 
man  auf  ihrer  strikten  Befolgung  besteht.  Di^e  Erscheinung 
könnte  in  einem  so  autokratischen  Lande  wie  China  befremden, 
erklärt  sich  aber  unschwer  durch  die  große  Lehre,  daß  Über- 
einstimmung mit  der  Weltordnung  das  höchste  Gute  ist. 


40 

Willfährigkeit  schließt  natürlich  Nachsicht,  Duldsamkeit, 
Milde,  Selbstlosigkeit,  Selbsverleugniing  und  ähnliche  Tugenden 
in  sich.  Besonders  großes  Gewicht  wird  auf  die  zwei  letzt- 
genannten, die  in  Selbsterniedrigung,  Selbstpreisgabe  übergehen, 
im  alten  taoistischen  Schrifttum  gelegt,  wo  sie  als  Haupteigen- 
schaften des  Universums  gelten.  Man  gibt  sie  dort  mit  den 
Zeichen  j^    (gleich  ^)   Tsung  oder   ^  Hü,  Leere,  wieder. 

Dem  Tao  Te'  King  zufolge  sprach  Lao  TsS: 

l>XmAm^%iK.m'k)&^iK(^  34).  Da»  große 
Tao  durchdringt  alles,  und  die  zehntausend  Wesen  können  nur  entstehen 
und  leben  infolge  seiner  Unterstützung;  keinen  verweigert  es  diese,  und 
wenn  es  ein  Segenswerk  vollbringt,  beansprucht  es  nicht  dessen  Eigentum. 
Liebend  ernährt  es  die  zehntausend  Wesen,  und  doch  macht  es  sich  nicht 
zu  ihrem  Herrn.  Ewig  war  es  ohne  selbstsüchtiges  Verlangen,  und  doch 
soll  sein  Name  in  den  kleinsten  Dingen  gepriesen  sein.  Die  zehntausend 
Wesen  nehmen  ihre  Zuflucht  zu  ihm,  und  doch  macht  es  sich  nicht  zu 
ihrem  Herrn;  preist  es  also  und  verherrlicht  es!  Darum  haben  sich  die 
Heiligen  niemals  selbst  groß  gemacht  und  doch  gerade  dadurch  ihre  Größe 
zustande  bringen  können. 

^m^M,^m^M,mm^^  (§  10 ^nd  § 2). 

Das  Tao  erzeugt  die  Wesen  und  erhält  sie;  es  läßt  sie  entstehen  und  ent- 
sagt dennoch  ihrem  Besitz;  es  macht  sie,  und  doch  verzichtet  es  auf  sie; 
es  ist  ihnen  allen  überlegen  und  übt  dennoch  keine  Herrschaft  über  sie 
aus.  Das  nenne  ich  seine  geheimnisvolle  Tugend,  ein  Schafl*en  unter  Ent- 
sagen, ein  Schaffen  unter  Verzicht!  Desgleichen,  wenn  Du  ein  Werk  voll- 
bracht hast,  sei  nicht  darauf  versessen,  ja  wahrlich  sei  es  nicht,  dann  wird 
es  gerade  darum  ^ie  von  Dir  weichen. 

^  H»  (^)  rfÜ  ffi  :S  ^  ^  M  (§  4).  Das  Ta«  ist  leer 
(tsung),  und  daher  kommt  es  wohl  vor,  daß  diejenigen,  die  es  üben,  nicht 
von  ihrem  Ich  erfüllt  sind. 


41 

^  M;.^  ^,  #  %^^ZMi(^   ^)-     Hast   du    etwas 
Verdienstliches   verrichtet  und  verfolgt  dich    der  Menschen  Lob,    so    ziehe 

dich  zurück,  denn  das  ist  des  Himmels  Tao.  Senken  sich  nicht  Sonne, 
Mond  und  Sterne,  nachdem  sie  geschienen  haben,  zum  Unter- 
gang? Nimmt  nicht  der  Mond  ab,  nachdem  er  voll  gewesen? 
Läßt  nicht  die  sommerhche  Wärme  nach,  nachdem  sie  die 
Pflanzenwelt  zur  Reife  gebracht  hat? 

±  # ^  ;?[Co  tK  #  füllt/ ffij  ^ ^  E  ^  A 

^  )^  ^O  jlStSC  ^  ^  ^  (§  ^)-  I^ie  hohe  natürliche  Güte  (San) 
gleicht  dem  Wasser.  Es  ist  die  gute  Natur  des  Wassers,  daß  es  den  zehn- 
tausend Wesen  Nutzen  bringt  und  sich  darauf  ohne  Widerstreben  mit  der 
(niedrigsten)  Stelle  zufrieden  gibt,  die  alle  Menschen  verabscheuen.  Es 
kommt  deshalb  dem  Tao  sehr  nahe. 

TZ.Wiit^,äi^B^nzommmA^± 

Das,  wodurch  die  Ströme  und  Meere  die  Könige  der  hundert  Täler  (deren 
Tribut  sie  in  Gestalt  der  Bergflüsse  empfangen)  sein  können,  ist,  daß  sie 
von  Natur  einen  tieferen  Platz  als  jene  einnehmen.  Der  Heilige  (der  Herr- 
scher), der  über  dem  Volke  stehen  will,  muß  sich  ihm  darum  in  seinen 
Worten  unterwerfen,  und  wenn  er  dem  Volke  vorangehen  will,  seine  Person 
hinter  ihm  zurückstellen.  Auf  diese  Art  hat  der  Heilige  seinen  Platz  oben,  und 
doch  fühlt  das  Volk  keine  Last;  er  hat  seinen  Platz  an  der  Spitze,  ohne  daß 
das  Volk  Schaden  nimmt.  Freudig  drängt  ihn  darum  alle  Welt  an  die  Spitze 
und  wird  seiner  nicht  überdrüssig.  Weil  er  nicht  um  den  Vorrang  streitet, 
darum  ist  für  alle  Welt  keine  Möglichkeit,  gegen  ihn  zu  streiten. 

Die  vorstehende  Anschauungsweise  findet  noch  ganz  be- 
sonderen Rückhalt  am  heiHgen  Ji',  wo  dem  von  seinem  Ich 
erfüllten  Bestrafung,  dem  Selbstlosen  Belohnung  durch  das  Tao 
und  dessen  Stellvertreter,  die  guten  und  bösen  Geister,  zugesagt 

Ä  S*  W  M  ffii  iü  üo  A  i;^^  M  ffii  $f  Ät  iT\ian,  I). 


42 

Des  Himmels  Tao  tut  dem  Glück  des  von  seinem  Ich  Erfüllten  Abbruch 
und  vermehrt  das  Glück  des  Selbstlosen.  Der  Erde  Tao  verwandelt  das 
Glück  der  Selbstsüchtigen  und  überströmt  den  Selbstlosen  mit  Segen.  Die 
bösen  Geister  fügen  dem  Selbstsüchtigen  Leid  zu,  die  guten  Geister  spenden 
dem  Selbstlosen  Glück.  Des  Menschen  Tao  besteht  darin,  den  von  seinem 
Ich  Erfüllten  zu   verabscheuen   und   den  Selbstlosen  zu  lieben  (vgl.  S.  14). 

Und;  wie  das  heilige  Su  in  den  „Ratschlägen  Jü's  des 
Großen"  (s.  S.  30)  überliefert,  war  es  im  23.  Jahrhundert  vor 
unserer  Zeitrechnung  der  weise  Staatsmann  ^^  J  i ' ,  der  seinem 
kaiserUchen  Herrn  vorhielt,  \^  ^^  ^^M  ^^^^7^% 
ig  j  daß  der  von  seinem  Ich  Erfüllte  Leid  auf  sich  beschwört,  dem  Selbst- 
losen dagegen  vermehrtes  Glück  zuteil  wird,  und  daß  dies  dem  Tao  des 
Himmels  entspricht. 

Zahlreich  sind  die  Aussprüche,  die  das  TaoTe'King 
den  Tugenden  der  Willfährigkeit  und  Selbstverleugnung  als 
Quellen  so  manchen  Segens  widmet.    Wir  lesen  da  z.B.: 

ffi  MiJ  ^.;&  MiJ  Äooo  Ä  ja  ig  A  m  -.  :]i» 

■ffi^  ^^  ^^  (§  22j.  Was  sich  krümmt,  erhält  sich  unversehrt;  was  sich 
bückt,  wird  aufrecht  stehen.  Der  Grund,  weshalb  der  Heilige  das  All  um- 
faßt und  dadurch  das  Vorbild  ist  für  die  Menschheit  unter  dem  Himmel,  ist 
der:  er  zeigt  sich  nicht,  daher  sein  Licht;  er  besteht  nicht  um  seiner  selbst 
willen,  daher  sein  Glanz;  er  kämpft  nicht  für  sein  Ich,  darum  seine  ver- 
dienstvollen Taten;  er  hat  kein  Mitgefühl  für  sein  Ich,  darum  seine  Über- 
legenheit. Ja,  wahrlich,  da  er  nach  nichts  strebt,  strebt  niemand  in  der 
Welt  gegen  ihn. 

^.^mm^mo^^^Kit.n^  (§67). 

Alle  Welt  sagt,  ich  sei  groß,  und  dennoch  erscheine  ich  minderwertig.  Ja, 
fürwahr,  gerade  \yeil  man  wirklich  groß  ist,  hat  man  den  Anschein  der 
Minderwertigkeit.  O,  ich  besitze  drei  köstliche  Dinge,  die  ich  festhalte  und 


43 

wertschätze;  das  eine  ist  Sanftmut,  das  zweite  Sparsamkeit,  dag  dritte  Scheu 
vor  Vorrang  in  der  Welt.  Durch  Scheu  vor  Vorrang  in  der  Welt  vermag 
man  sich  die  Mittel  zu  verschaffen,  um  das  Leben  zu  verlängern;  allein 
heutzutage  gibt  man  seine  Zurückhaltung  preis  und  strebt  nach  Vorrang, 
und  die  Folge  ist,  daß  man  stirbt! 

Selbstlosigkeit,  Selbstentäußerung,  Selbstauslöschung  —  alle 
diese  Eigenschaften  sind  in  dem  Ausdruck  „Leere"  (s.  S.  40)  in- 
begriffen, welche  Eigenschaft  der  Untugend  des  „von  sich  Er- 
flllltseins"  ({^  und  ^,  „Vollheit",  s.  S.  41,  42)  gegenübersteht. 
Leere  bedeutet  in  diesem  Sinne  auch  soviel  wie  Wunschlosigkeit 
und  Leidenschaftslosigkeit.  Um  leer  wie  das  Tao  des  Himmels 
zu  werden,  muß  der  Mensch  dem  Beispiel  des  Himmels  folgen 
und  jede  Vorliebe  und  Abneigung  preisgeben;  er  muß  in  einem 
Zustand  völliger  Gleichgültigkeit  und  Unerregbarkeit  leben. 
Wenn  er  keinen  Wunsch  mehr  hat,  nicht  einmal  mehr  nach 
Wissen  und  Kenntnis,  dann  erlöst  er  sich  von  sich  selbst,  wird 
Nichts.  In  diesem  Zustand  völHger  Leidenschaftslosigkeit  und 
Teilnahmlosigkeit  wird  der  Mensch  vollkommen  rein,  so  rein 
wie  der  Himmel  selbst.  Es  ist  der  Philosoph  Kuan  Tsö,  der 
diese  stoische  Weltanschauung  mit  Vorliebe  predigt  als  den  Weg, 
der  zur  Grottwerdung  führt,  zur  Befreiung  von  allem  Irdischen, 
zur  Verschmelzung  mit  dem  unendlichem  Tao  des  Alls,  und 
damit,  da  das  Tao  ewig  ist,  zur  Verlängerung  der  Existenz. 
Im  13.  Buch  seiner  Schriften,  bezw.  Kap.  36,  lesen  wir: 

ist  nicht  fern,  und  doch  ist  sein  Erreichen  schwer.  Entleert  sich  der  Mensch 
von  Begierden,  dann  wird  Göttlichkeit  fÖön,  s.  S.  11)  einkehren  und  in  ihm 
verweilen;  fegt  er  aus  sich  das  Unreine  (die  Begierden),  dann  wird  die 
Göttlichkeit  in  ihm  bleiben.  Leersein  und  Nichtssein,  Unkörperlichkeit 
oder   Stofflosiffkeit  nenne  ich  Tao.    Der  Himmel  ist  leer,  die  Erde  ist  still, 


44 

und  sie  streben  also  nicht.  Werft  euer  Ich  weg  und  schweiget,  dann  wird 
göttliche  Klarheit  dadurch  in  euch  erhalten  bleiben.  Wer  die  Schweigsam- 
keit und  Regungslosigkeit  gründlich  versteht,  der  versteht  das  Grundgewebe 
des  Tao.  Der  Edle  ist  friedlich  und  zufrieden,  ist  regungslos,  verwirft 
Wissen  und  absichtliche  Handlungen. 

1*  ^o  IUI  ^  M  Ä  -IfeoooM  B,z-Bwimz-^- 

Zwischen  Leerheit  und  dem  Menschen  liegt  nichts,  und  dennoch  erlangt  nur 
der  Heilige  das  Tao  der  Leerheit;  deshalb  sagte  ich,  daß  Leerheit  und 
Mensch  eng  nebeneinander  liegen  und  trotzdem  einander  nur  mit  Mühe 
finden.  Was  den  Menschen  bei  Lebenszeit  bestimmt,  ist  sein  Lebensäther 
()p|  Tsing).  Entäußert  er  sich  seiner  Begierden,  dann  wird  die  Leerheit 
ihn  gänzlich  durchdringen;  ist  er  ganz  von  ihr  durchdrungen,  dann  ist  er 
still  und  ruhig;  ist  er  still  und  ruhig,  dann  hat  er  Lebensäther;  wer  Lebens- 
äther besitzt,  der  steht  unabhängig  (vom  irdischen  Stoff).  Unabhängig  wirkt 
er  lichtspendend,  und  wer  Licht  spendet,  ist  ein  Gott  (Sen).  Göttlichkeit 
ist  das  höchste  Gut.  Darum  sage  ich,  machen  wir  uns  nicht  rein  (von 
sinnlichem  Verlangen),  so  wird  Göttlichkeit  nicht  in  uns  wohnen. 

mm^m^o  m^mmwimM.m  a  m  m 
mM.^o^zM,m.^mmo^mr-Momm 

Leerheit  ist  Inhaltslosigkeit.  Darum  sage  ich,  wenn  du  das  Wissen  aufgibst, 
was  kann  dich  dann  noch  verleiten,  nach  etwas  zu  streben!  und  wenn  du 
inhaltslos  geworden  bist,  was  solltest  du  noch  für  Zwecke  verfolgen!  Bist  du 
aber  ohn«  Streben  und  ohne  Zwecke,  dann  bist  du  frei  von  Sorge.  Von 
Sorge  befreit  aber,  bist  du  wieder  am  Ausgangspunkt,  beim  Leersein.  Des 
Himmels  Tao  ist  Leere,  und  zwar  weil  er  unkörperlich  ist.  Infolge  seiner 
Leere  ist  er  unerschöpflich.  Infolge  seiner  Unkörperlichkeit  treibt  ihn 
nichts  von  seiner  Stelle.  Da  ihn  nichts  von  seiner  Stelle  vertreiben  kann, 
durchströmt  er  ewig  unveränderlich  die  zehntausend  Wesen. 

Fassen   wir    die   hier   gepredigte  Lehre   kurz   zusammen. 
^  Hü,  Leere,  gleichbedeutend  mit  */1^  oder  _j^  Tsung  (s.S. 40) 


45 


man 


oder  ^  1^  Wu-tsang,  Inhaltslosigkeit,  ist  ein  Zustand,  den  m^ 
durch  Unterdrückung  alles  sinnlichen  Verlangens,  aller  Begierde 
(^  Ju')  und  I^eidenschaft  erlangen  kann,  und  ist  dasselbe  wie 
i^  K^'i-tsi,  Entäußerimg  vom  Wissen,  Unbewußtwerdung)  sie  be- 
deutet auch  dasselbe  wie  ^  ^  Wu-wei,  Regungslosigkeit,  ^ 
Tsing;  Stille  und  Kühe,  ^  ^  Pu'-jöu,  Schweigsamkeit,  »[^ 
T  ien,  Friedlichkeit,  sanfte  Seelenruhe,  ^^  Jü,  Genügsamkeit,  ^J^ 
Wu-li,  Sorgenfreiheit,  und  endlich  ^  Kie',  Reinheit.  J^etztere 
Eigenschaft  veranlaßt  naturgemäß  die  Sön,  die  guten  Geister- 
kräfte des  schaffenden  und  segnenden  Alls,  in  die  Person  des 
Reinen  einzukehren;  dessen  eigene  Sen- Seele  wird  dadurch  be- 
ständig durch  die  verwandten  Kräfte  des  Alls  gestärkt  und  immer 
kraftvoller;  das  Sön  gewinnt  in  ihm  die  Oberhand  über  das 
KörperHche,  Stoffliche;  seine  Person  tritt  schließlich  ein  in  den 
Zustand  der  ^  ^  Wu-hing,  Unkörperlichkeit  oder  Stofflosigkeit, 
des  ^  Wu,  Nichtsseins,  und  er  Verschmilzt  mit  dem  Tao.  Sein 
y^  Tsing,  Lebensäther,  entzieht  ihn  nun  dem  Bereich  aller 
schädHchen  Einflüsse,  macht  ihn  :j(^  jj^  Tu^'-li',  unabhängig; 
damit  aber  wird  er  zu  einem  innerlich  zugehörigen  Unterteil 
der  lebendigen  Weltseele  J  a  n  g,  und  mit  ihrer  lebenspendenden 
Leuchtkraft  ausgestattet  wird  er  ein  i^  Jl||^  ming  S6n,  Licht- 
spendender Sön  oder  Gott.  Praktisch  aufgefaßt,  schreibt  diese  Er- 
lösungs-  oder  Heiligkeits-Askese  in  erster  Linie  vor,  daß  man 
Wu-wei  oder  „Regungslosigkeit"  und  Wu-jSnoder  „Schweig- 
samkeit" übe,  die  durch  Leidenschaftslosigkeit,  sanfte  Seelen- 
ruhe, Genügsamkeit  und  Sorgenfreiheit  erzeugt  werden  und 
umgekehrt  aus  diesen  hohen  Eigenschaften  von  selbst  hervor- 
gehen. Dem  Wu-wei  und  Wu-jön  ist  in  der  Tat,  wie  wir 
gleich  sehen  werden,  im  System  die  Hauptrolle  zugewiesen. 
Lao  Tse  ist  nunmehr  leicht  zu  verstehen,  wo  er,  dem 
Tao  Te'  King  zufolge,  sprach : 

ÜJ^@^^IP^(§  ^^)-    Erreicht  den  allerhöchsten  Grad 
der  Leere;  wahret  die  Unerschütterlichkeit  euerer  Stille  und  Ruhe! 


46 

s  ^  ^^.  r^M.nm.m  ^vr^  ^  iio  ä  t^  s  a 

^Ij  fltt  Jf  yj§  (§  3).  Keinen  Wert  auf  Fähigkeiten  legen,  hält  das  Volk 
von  Bestrebungen  ab;  keinen  Wert  auf  schwer  zu  bekommende  Waren  legen, 
hält  das  Volk  von  Räubereien  und  Diebstählen  ab;  nicht  auf  das  Begehrens- 
werte das  Auge  richten,  läßt  den  Sinn  nicht  in  Verwirrung  geraten.  Der 
Heilige  regiert  deshalb  das  Volk  derart,  daß  er  dessen  Sinne  leer  macht, 
aber  seine  Bäuche  füllt,  seinen  Willen  schwächt,  jedoch  seine  Knochen 
stärkt.  Stets  sorgt  er  dafür,  daß  das  Volk  ohne  Wissen  und  ohne  Begierden 
ist;  und  die  Wissenden  läßt  er  es  nicht  wagen,  ihr  Wissen  zur  Geltung 
zu  bringen.  Wird  so  die  Regungslosigkeit  (Wu-wei)  gepflegt,  dann  bleibt 
nichts  der  guten  Regierung  entzogen. 

Dieses  universistisch- ethische  System,  dessen  Wesen  die 
angeführten  Textauszüge  uns  klar  vor  Augen  stellen,  ist  die 
einzige  Ethik,  über  die  die  alte  chinesische  Literatur  Aufschluß 
gibt.  Man  kann  daher  nicht  umhin,  anzunehmen,  daß  ein  anderes 
System  überhaupt  nicht  existierte,  denn  hätte  es  existiert,  würde 
sich  das  zweifellos  in  der  alten  Literatur  bemerkbar  gemacht 
haben.  Wie  wir  gesehen,  enthüllen  uns  nicht  bloß  die  Schriften 
der  drei  Philosophen  Lao,  Tsuang  und  Kuan,  sondern 
auch  die  klassischen  Schriften  der  konfuzianischen  Schule  die 
Grundlagen  des  Systems.  Diese  Schule  ist  es  vornehmlich 
gewesen,  die  es  bis  auf  diesen  Tag  als  das  einzige  wahre 
System  aufrecht  erhalten  hat.  Allein  den  Lehrsatz,  daß  ebenso 
wie  die  Leidenschaften  auch  das  Wissen  zu  verwerfen  und  zu 
unterdrücken  sei,  hat  der  Konfuzianismus  sich  nicht  zu  eigen 
gemacht.  Er  hat  sogar  entschieden  Stellung  dagegen  genommen 
und  die  Pflege  des  Wissens  als  eines  der  Hauptmittel  betont, 
durch  die  der  Mensch  zur  Vollkommenheit  und  Heiligkeit  ge- 
langen kann.  M6ng  Tsö,  der  zweite  Altmeister  der  Schule,  setzte 
das  Wissen  (^  oder  :^  Tai)  mit  dem  vierten  der  großen 
Grundzüge   der   menschhchen   Natur   gleich,   welche   (s.  S.  24) 


47 

der  Himmel  selbst  allen  Menschen  mit  der  Seele  (SSn)  einge- 
pflanzt hat,  also  mit  der  „Unerschütterlichkeit",  die  den  Menschen 
in  den  Stand  setzt,  Gutes,  Nützliches  und  Tüchtiges  zu  leisten. 
Er  nennt  diese  vier  Haupttugenden  die  vier  i]§^  Tuan  oder 
Grundeigenschaften  und  schreibt: 

^Kll^^^a^^^tira^^^  (Das  Buch  ^ 

^ -B:  Kung-SUn  Ts^ou,  1,6).  Der  Mensch  hat  diese  vier  Grund- 
eigenschaften wie  er  seine  vier  Gliedmaßen  besitzt.  Da  sie  alle  vier  in 
uns  anwesend  sind,  soll  Wissen  sie  alle  entfalten  und  zur  vollen  Ent- 
wicklung bringen. 

(Buch  ^  -^  Kao  Ts6,  I,  6).  Menschenliebe,  Pflichterfüllung,  Le- 
bensregeln und  Wissen  sind  uns  nicht  von  außen  eingegossen;  wir  haben 
sie  fest  zu  eigen. 

Da  somit  durch  Menzius,  den  größten  Apostel  der  kon- 
fuzianischen Lehre,  der  Menschheit  die  gebieterische  Pflicht  ans 
Herz  gelegt  war,  samt  den  drei  andern  Hauptvermächtnissen 
des  Alls  auch  das  Wissen  zu  pflegen,  war  Anlaß  zu  einer 
Spaltung  in  der  einen,  alten  Lehre  gegeben;  denn  der  Kon- 
fuzianismus  war  nunmehr  gezwungen,  den  Hauptzweck  des 
menschlichen  Daseins  im  Studium  seiner  einzig  wahren,  klassi- 
schen Lehre  zu  erblicken.  Sollte  das  Problem  der  Trennung 
des  Universismus  in  Taoismus  und  Konfuzianismus  einmal  Ge- 
genstand einer  eingehenden  Untersuchung  werden,  dann  wird 
man  also  die  Rolle  der  Kardinaltugend  des  Wissens  dabei  nicht 
als  Hauptfaktor  in  diesem  Prozesse  übersehen  dürfen.  Es  ist 
jedoch  zu  beachten,  daß  in  der  Wirklichkeit  vielleicht  nicht 
einmal  von  Preisgabe  des  Wissens  die  Rede  gewesen  ist.  In 
der  Tat  bedeutet  ^  T  s  i  nicht  ledigHch  Wissen,  sondern  auch 
Bewußtsein,  Gefühl,  Empfindung;  und  es  können  also  die  tao- 
istischen     Philosophen     unter    K'i-t§i,    Preisgabe    der    Empfindung, 

Indifferentismus,  verstanden  haben,  der  dem  Begrift*  der  Leiden- 


48 

schaftslosigkeit  und  anverwandten  Tugenden  ziemlich  gleich- 
kommt. Es  läßt  sich  auch  schlechterdings  nicht  behaupten, 
daß  sich  die  alten  Philosophen  des  Tao,  so  fern  wir  sie  durch 
die  chinesischen  Schriften  kennen  lernen,  durch  Unwissenheit 
oder  Dummheit  ausgezeichnet  haben. 

Hinsichtlich  dex  Lehre  der  Regungslosigkeit  (Wu-wei), 
der  Stille  und  Ruhe  (Tsing)  und  der  Schweigsamkeit  (Pu'-j  en) 
bestand  für  die  Konfuzianer  auf  Grund  der  klassischen  Schriften 
überhaupt  kein  Anlaß  zu  einer  von  den  Taoisten  abweichenden 
Anschauung.  Dieser  Quietismus  war  stets  Gemeingut  beider 
philosophischer  Systeme.  Die  Betrachtung  des  Alls  führte  freilich 
unabweisbar  zur  allgemeinen  Anerkennung  der  Tatsache,  daß 
die  Natur  ihr  segenspendendes  Werk  der  Erzeugung  und  Er- 
haltung leidenschaftslos  verrichtet,  daß  ihr  gewaltiges  Wirken 
sich  gemächlich  und  ruhig  ohne  Anstrengung  vollzieht,  ohne 
Reibung,  Geräusch  und  äußere  Kundgebung.  Das  Tao  ist 
demnach  keine  treibende  Kraft,  die  alle  Bewegungen  und  Er- 
scheinungen des  Weltalls  veranlaßt,  sondern  die  Gesamtheit 
dieser  Bewegungen  und  Erscheinungen  selbst,  kein  Handelndes, 
sondern  der  gesetzmäßige  Gang  der  Natur.  Lao  Tse  sagt 
(TaoTe'King,  §25):    A  ^  *&.  J*  S  ^.  ^  ^  i!» 

^g  JT«  H  WC .  Der  Lenker  der  Menschen  ist  die  Erde,  der  Lenker  der 
Erde  ist  der  Himmel,  der  Lenker  des  Himmels  ist  das  Tao,  und  der  Lenker 
des  Tao  ist  die  Spontaneität.    Und  im   Ji'  (hi   Ts6,  I)  lesen  wir: 

Wandlung  (der  Natur,  die  jährliche  Schöpfung,  das  Tao)  vollzieht  sich 
gedankenlos  und  regungslos,  in  stiller  Schweigsamkeit  und  ohne  Handlung. 
Ist  sie  rege  geworden,  dann  durchdringt  sie  alles  Wirken  unter  dem  Himmel, 
und  wie  sollte  sie  das  erreichen,  wenn  sie  nicht  unter  dem  Himmel  die 
höchste  Göttlichkeit  (Sön)  wäre? 

Durch  Spontaneität  soll  sich  also  auch  das  Tao  des 
Menschen  kennzeichnen,  insbesondere  das  des  Herrschers,  der 
die  Verkörperung  der  Vollkommenheit   sein    soll.     Sein   Leben 


49 

darf  nur  von  unbewußten  Triebkräften  geleitet  sein;  keine  Vor- 
sätzlichkeit und  keine  Willenskraft  soll  sein  Handeln  bestimmen, 
also  auch  keine  Unternehmungslust.  Er  soll  keine  Triebkraft 
ausüben  und  keineswegs  dem  natürHchen  Gang  der  Dinge 
Zwang  antun.    Kuan  Tsö  lehrt: 

mmm,iiicmz^r-miSiioooA±m±mm. 

m^W^.^B^MWl^^    (Buch  13,   bzw.   Kap.  36). 

Wu-wei,  das  nenne  ich  Tao;  Preisgabe  (der  Persönlichkeit),  das  nenne 
ich  Tugend  (Te*);  es  besteht  also  nichts,  das  Tao  und  Te*  voneinander 
trennt,  und  somit  machen  diejenigen,  die  beide  lehren,  zwischen  beiden 
keinen  Unterschied.  Die  Herren  der  Menschheit  regieren  im  Jin  (d.  h.  auf 
der  Erde);  das  Jin  ist  still,  und  darum  sage  ich,  daß  sie,  wenn  sie  rührig 
und  rege  sind,  ihren  Thron  verlieren. 

^  ^  ^  ü .  ra  i^  ^  (iS)  T  ffi  m  #J  ^  >  # 

^ll^i^^llTBnll^JlIc  (B«ch  10,  bezw.  Kap.  26). 

Weil  der  Himmel  sich  nicht  rührt  und  dennoch  die  vier  Jahreszeiten  ab- 
wechselnd von  ihm  auf  die  Erde  herabkommen,  so  daß  die  zehntausend 
Wesen  sich  entwickeln  können,  so  rührt  sich  auch  der  Fürst  nicht,  und 
dennoch  kommen  seine  Regierungsbefehle  regelmäßig  herab,  so  daß  die 
zehntausend  Beschäftigungen   der  Menschheit  erfolgreichen  Verlauf  nehmen. 

^  ^  ^  *^  (Buch  1;  bezw.  Kap.  5).  Der,  welcher  ohne 
Regung  ist,  ist  der  Kaiser. 

In  der  gleichen  Bahn  der  Anschauung  bewegt  sich  auch 
Lao  Tsö  im  Tao  Te'  King: 

TN"  H  ru  (§  ^'*^)*  ^^^  "^^^  ^^^  immer  ohne  Regung,  und  nichts  ist, 
was  es  nicht  schuf.  Wenn  Fürsten  und  Könige  die  Regungslosigkeit  wahren 
können,  dann  vollzieht  sich  die  Entwicklung  der  zehntausend  Wesen 
von  selbst. 

I^Ml^^^M^  (§  63).  übe  die  Regungslosigkeit,  be- 
schäftige  dich  mit  Untätigkeit. 

n^B^^.nMi^m.mzxm.mmn 

De  Groot,  Universismus.  4 


50 

Ä^^,:i^>£j[^J|l^~F(§  48).  Durch  Studium  vermehrt 
sich  täglich  das  Wissen,  aber  durch  Übung  des  Tao  verringert  sich  alltäglich 
die  Tätigkeit;  sie  verringert  sich  mehr  und  mehr,  und  so  wird  die  Regungs- 
losigkeit erreicht.  Ist  man  regungslos,  dann  gibt  es  nichts,  was  man  nicht 
vollbringt.  Die  Regierung  (^ffi(  =  Vg)  der  unter  dem  Himmel  liegenden 
Welt  soll  stets  mit  Untätigkeit  geführt  werden;  kommt  es  dabei  zu  Tätigkeit, 
dann  läßt  sie  sich  nicht  in  genügendem  Maße  durchführen. 

Hier  vernehmen  wir  also,  daß  der  Besitz  von  Wu-wei 
den  Menschen  mit  der  gleichen  Allmacht  ausstattet,  wie  sie  das 
Tao  des  Weltalls  besitzt.  Natürlich  kommt  diese  menschliche 
Allmacht  hauptsächlich  den  Herrschern  des  Reiches  zu,  die 
nächst  Himmel  und  Erde  die  höchste  Stelle  im  Universum 
einnehmen.    Lao  Tsö  sagt  weiter: 

Wer  die  Welt  unter  dem  Himmel  zu  beherrschen  begehrt  und  sie  mit 
Tätigkeit  regiert  —  es  wird  ihm,  meiner  Ansicht  nach,  nicht  gelingen.  Die 
Welt  unter  dem  Himmel  ist  ein  Ding,  das  mitSßn  beseelt  ist  und  soll  also 
nicht  mit  Tätigkeit  regiert  werden;  denn  wer  sie  mit  Tätigkeit  regiert, 
richtet  sie  zugrunde,  und  wer  sie  fest  angreift,  greift  fehl. 

ein  Herrscher  den  Beistand  des  Tao  gebraucht,  dann  tut  er  der  Welt  keine 
Gewalt  mit  Waffen  an. 

^y  (§  ^*)-  Darum  spricht  der  Heilige:  „Ich  habe  die  Regungslosigkeit 
und  mein  Volk  schafft  sich  also  selbst  seine  Bildung;  ich  bevorzuge  die 
Stille  und  Ruhe,  und  das  Volk  geht  von  selbst  den  richtigen  Weg;  ich  bin 
ohne  Tätigkeit,  und  das  Volk  wird  von  selbst  reich;  ich  bin  ohne  Be- 
gierden, und  das  Volk  gelangt  somit  von  selbst  zur  Reinheit." 

Besonders  hoch  preist  auch  Tsuang  Ts6  das  Wu-wei. 
Und  was  Konfuzius  anbetrifft,  der  selbst  wie  jeder  andere  Denker 
seiner  Zeit  ein  guter  Universist  war,  so  ist  er  über  diese  Allmacht 
verleihende  Naturtugend  ebenso  sehr  des  Lobes  voll.  Dem  Lun 
Jü  zufolge  (XV,  4)  sprach  er: 


51 

B^  lE^lSflfiiB^-  "^''"^^  ®-^  "^^^*  ^""  (-3'  •^''^^''^'-  '^or  Chr.), 
der  mit  Wu-Avei  regierte?  O,  wie  verfuhr  er  denn?  Er  verschaffte  sich 
selbst  Ehrfurcht  und  schaute  (von  seinem  Thron)  genau  nach  Süden,  das 
war  alles!" 

Dagegen  legt  eine  Stelle  inTsuang  Tse's  Schriften  die 
Vermutung  nahe,  daß  Konfuzius  durchaus  kein  fanatischer  An- 
hänger des  Wu-wei  war.  Diese  Stelle  (Buch  1,  bezw.  Kap.  2) 
lautet: 

K'ü-ts'io*  Tsö  fragte  den  Ti'ang-wu  Ts6:  „Ich  hörte  den  Meister 
(Konfuzius)  vom  Heiligen  sprechen,  der  bei  der  Erfüllung  seiner  Aufgabe 
keiner  Tätigkeit  nachstrebt,  noch  auf  Vorteil  aus  ist,  der  sich  nicht  gegen 
Schaden  wehrt,  noch  Freude  daran  hat,  etwas  zu  erstreben,  der  unbewußt 
nach  Tao  strebt,  schweigsam  ist,  aber  doch  spricht  und  beim  Sprechen  doch 
schweigsam  ist,  und  der  auf  diese  Weise  außerhalb  des  Staubes  und  Schlammes 
wandelt.  Der  Meister  selbst  betrachtete  das  als  sinnloses  Gerede;  ich  aber 
erachte   das  als  ein  Benehmen,  das  dem  herrlichen  Tao  entspricht. 

Wie  aus  dieser  Textstelle  hervorzugehen  scheint,  wurde 
die  auf  gleiche  Stufe  mit  der  Regungslosigkeit  gestellte  Schweig- 
samkeit in  dem  Sinne  aufgefaßt,  daß  der  wahre  Taoist  es  auch 
verschmäht,  wirksam  als  Lehrer  und  Prediger  aufzutreten. 
Tsuang  spricht  diesen  Gedanken  auch  in  den  folgenden 
Worten  aus: 

^BZ^^^fSIf^  (B-lch  4'  ^ezw.  Kap.  11).  Der  Unter- 
rieht  des  großen  Menschen  gleicht  dem  Schatten  des  Körpers,  dem  Wieder- 
hall des  Tons:  er  erteilt  nur  auf  Befragen  Bescheid,  gibt  dann  aber  alles 
her,  was  er  im  Herzen  hat. 

>S  ^i  (Buch   7,  bezw.   Kap.  22).      Fürwahr,    der  Wissende    übt  die 

4* 


52 

Schweigsamkeit,  die  Redenden  sind  die  Unwissenden;  deshalb  erteilt  der 
Heilige  nur  Lehren,  die  mit  Schweigsamkeit  zusammengehen.  Auch  im 
Tao  Te'  King  (§56)  begegnen  wir  dem  Lehrsatz,  daß  der 
Wissende  schweigsam,  der  Redner  unwissend  ist. 

Ferner  lesen  wir  in  Tsuang  Tse's  Schriften: 

(Buch  5,  bezw.  Kap.  12).  Die  ^yelt  mit  Regungslosigkeit  regieren, 
das  heißt  himmlisch;  sie  mit  Regungslosigkeit  belehren,  das  nenne  ich 
Tugend. 

i<m^-i^MM^^Z$%^  (Bi«!»  ''>  ^e^^-  Kap.  22). 

Himmel  und  Erde  besitzen  die  höchste  Vollkommenheit,  und  doch  sprechen 
sie  nicht  davon.  Die  vier  Jahreszeiten  haben  ihre  leuchtenden  Gesetze,  und 
doch  reden  sie  nicht  darüber.  Die  zehntausend  Dinge  haben  ihre  voll- 
kommenen Charakterzüge,  und  doch  halten  sie  darüber  keine  Reden.  Darum 
übt  der  Übermensch  die  Regungslosigkeit  und  der  AUerheiligste  die  Untätig- 
keit, und  das  bedeutet,  daß  sie  den  Blick  auf  Himmel  und  Erde  (als  ihr 
Vorbild)  richten. 

Der  großen  Tugend  der  Schweigsamkeit,  welche  der  Mensch 
dem  Weltall  entlehnen  kann  und  entlehnen  soll,  hat  Konfuzius 
selbst  durch  eigenes  Wort  und  Vorbild  auf  immer  in  seiner 
Schule  eine  feste  Stelle  gesichert.  Im  Lun  Jil  (XVII,  19)  steht 
nämlich  geschrieben : 

T -fsr  iiio  j-0,  ^  i^  w^.  PI  it  ff  1.  H  i^ 

£fl  ^^  .  ^^  4ffl'  ^  ^t.  Konfuzius  sagte:  „Ich  begehre  zu  schweigen." 
Als  dann  aber  (sein  Schüler)  Tsö-kung  erwiderte:  „Wenn  der  Meister 
nicht  redet,  was  werden  seine  Jünger  dann  den  Nachkommen  zu  überliefern 
haben?"  da  sprach  der  Weise:  „Sagt  denn  der  Himmel  etwas?  und  trotz- 
dem nehmen  die  vier  Jahreszeiten  ihren  Lauf,  und  die  hundert  lebenden 
Wesen  entstehen!  Sagt  der  Himmel  etwas?" 

Man  kann  sich  schwerlich  der  Überzeugung  entziehen, 
daß    der   große    Grundsatz    des  Wu-wei    einen   geradezu   be- 


53 

herrschenden  Einfluß  auf  die  Geister  des  alten  China  ausübte, 
wenn  man  sieht,  daß  Lao  Tse  sogar  so  weit  geht,  alles  bewußte 
Streben  nach  Vervollkommnung,  Heiligkeit  und  Kenntnis  zu 
verurteilen.    In  diesen  Worten  ermahnte  er  die  Fürsten  (§  19) : 

A/'  X-\  ^Ä .  Laßt  ab  vom  Heiligsein,  gebt  das  Wissen  preis,  und  das 
Volk  wird  hundertfachen  Segen  davon  haben.  Laßt  ab  von  der  Menschen- 
liebe, gebt  die  Pflichterfüllung  auf,  und  das  Volk  wird  seinen  kindlichen 
Gehorsam  und  seine  barmherzige  Gesinnung  verdoppeln.  Laßt  ab  vom  Klug- 
tun, gebt  es  auf,  euere  Interessen  zu  fördern,  und  nirgends  wird  es  mehr 
Aufrührer  und  Räuber  geben.  Ich  meine,  diese  drei  Lehrsätze  enthalten  so 
viel,  daß  die  Schrift  nicht  ausreicht,  um  es  auszudrücken. 

Natürlich  können  wir  solche  Lehrsätze  wörtlich  nehmen 
und  darin  nichts  geringeres  sehen  als  einen  Angriff  gegen  drei 
der  vier  höchsten  Tugenden,  die  der  Himmel  selbst  der  Mensch- 
heit eingepflanzt  hat,  und  damit  eine  Auflehnung  gegen  die 
Grundpfeiler  des  ganzen  alten,  heiligen  Sittengebäudes.  Indes 
wäre  diese  Auffassung,  wonach  also  die  taoistisohe  Lehre  gegen 
ihre  eigenen  Ideale  Sturm  laufen  würde,  ganz  verfehlt.  Offen- 
bar handelt  es  sich  hier  lediglich  darum,  daß  die  Aufforderung 
zur  Übung  des  erhabenen  Wu-Avei,  mittels  dessen  das  Tao 
seinen  Segen  in  die  Welt  ausströmen  läßt,  hier  auf  die  Spitze 
getrieben  wird :  sogar  bei  der  Pflege  der  höchsten  Naturtugenden 
sollen  Mensch  und  Fürst  von  bewußtem  Streben  frei  bleiben. 
Übereifrigen  Schriftgelehrten  des  Konfuzianertums  bieten  aber 
solche  Textstellen  eine  Handhabe,  um  Lao  Tsö  als  Urheber 
eines  Ketzertums  schlimmster  Art  zu  brandmarken. 

Auch  die  folgenden  Worte  des  Philosophen  Tsuang 
(Buch  4,  bezw.  Kap.  11)  wollen  in  dem  schon  angedeuteten,  nicht 
buchstäblich  zu  nehmenden  Sinn  verstanden  sein: 


54 

ist  zügelloser  Hang  am  Äußerlichen.  Die  Sucht  nach  Vernunft  —  sie  führt 
zu  unzüchtigem  Hang  am  Schall.  Die  Sucht  nach  Menschenliebe  —  sie 
schafft  Wirrwar  in  der  Tugendübung.  Die  Sucht  nach  Pflichterfüllung  (I) 
—  sie  bedeutet  Auflehnung  gegen  die  natürlichen  Gesetze.  Die  Sucht  nach 
Erfüllung  der  Lebensregeln  (Li)  —  sie  führt  zu  Künstlichkeit.  Die  Sucht 
nach  Musik  —  sie  führt  zu  Unsitten.  Die  Sucht  nach  Heiligkeit  —  sie 
führt  zu  künstlicher  Fertigkeit.  Sucht  nach  Wissen  —  sie  führt  zu  Haar- 
spalterei. Wenn  die  Menschen  unter  dem  Himmel  diese  acht  Leidenschaften 
ihrer  Natur  nicht  unterdrücken,  so  wird  alles  unter  dem  Himmel  in  Un- 
ordnung geraten,  denn  die  ganze  Welt  wird  beginnen,  sie  derartig  bis  aufs 
äußerste  zu  schät&en  und  zu  pflegen,  daß  alle  Welt  irre  wird.  Der  Edle 
wird  darum,  wenn  möglich,  die  fünf  in  ihm  verborgenen  (Tugenden)  nicht 
äußerlich  entfalten,  und  seiner  Vernunft  keinen  Vorzug  gönnen;  er  wird 
sich  regungslos  verhalten  wie  der  Vertreter  eines  Toten  (bei  Opfern),  aber 
sein  Drache  (seine  segnende  Majestät)  wird  sich  zeigen;  er  wird  in  Schweigen 
versunken  sein,  und  sein  Donner  wird  dröhnen;  seine  Götterkraft  wird  wirken, 
und  der  Himmel  wird  bei  ihm  bleiben;  während  er  in  Ruhe  und  Wu-wei 
verweilt,  werden  die  zehntausend  Wesen  wachsen  und  gedeihen.  Was 
weiter  bliebe  ihm  zu  tun,  um  die  Welt  in  Muße  zu  regieren? 

Auch  hier  wird  also  verkündet;  daß  Leidenschaftslosigkeit 
und  Wu-wei,  und  zwar  beides  sogar  bei  der  Ausübung  mensch- 
licher Tugenden,  einem  Herrscher  spontan  den  Weg  zur  Macht 
bahnen  müssen.  Das  Gute  soll  gemächlich  gepflegt,  entfaltet 
und  gespendet  werden,  ohne  Streben,  ebenso  wie  es  in  der  Natur 
geschieht.  Wie  in  ihr,  sollen  die  guten  Werke  des  Menschen 
spontan,  unwillkürlich  erfolgen.    Außerdem  noch  sagt  T  s  u  a  n  g : 


55 

^^  tfil  ^.^  (B^ch  4,  bezw.  Kap.  11).  Der  Heilige  blickt 
auf  zum  Himmel  (als  seinem  Vorbild),  aber  versucht  nicht,  ihm  nach- 
zuhelfen; er  vollendet  sich  in  Tugend,  aber  ohne  sich  dabei  anzustrengen; 
er  ragt  im  Tao  hervor,  aber  unabsichtlich. 

^  ^  ^  ^  ^  -^  (Buch  6,  bezw.  Kap.  16).  Die  Alten  pflegten 
das  Tao  so,  daß  sie  ihre  Kenntnis  durch  Seelenruhe  (T'ien,  s.S. 45)  nährten, 
aber  doch  ihr  ganzes  Leben  lang  nichts  taten  zur  Verwendung  ihrer  Kennt- 
nis; ich  nenne  das:  das  Wissen  gebrauchen  zur  Erhaltung  der  Seelen- 
ruhe. Wenn  Kenntnis  und  Seelenruhe  sich  so  im  Menschen  vereinen  und 
gegenseitig  erhalten,  so  sprießen  aus  seiner  Natur  Eintracht  und  Ordnung. 
Wahrlich,  seine  Tugend  ist  Harmonie,  sein  Tao  ist  Ordnung;  seine  Tugend 
ist  allumfassende  Menschenliebe;  sein  Tao  ist  allordnende  Pflichterfüllung. 


Drittes  Kapitel. 


Vollkommenheit,  Heiligkeit,  Oöttliclikeit. 

Das  Wesen  der  alten  chinesischen  Religion  und  Philosophie 
läßt  sich  nach  allem,  was  in  den  beiden  ersten  Kapiteln  über 
ihren  Ursprung  und  ihre  Entwicklung  darzulegen  versucht 
wurde,  kurz  dahin  bestimmen: 

Des  Menschen  gute  Eigenschaften  oder  Tugenden  (^  T  e') 
und  die  Art  und  Weise,  diese  spontan  zu  erwerben,  bilden  das 
T  a  0  des  Menschen.  Die  menschlichen  Tugenden  wiederum  sind 
ein  Ausfluß  der  vortrefflichen  Eigenschaften  des  Weltalls;  unter 
ihnen  stehen  die  vier  Haupttugenden  (*^  Sang)  voran,  die 
den  vier  Haupteigenschaften  des  Himmels  entsprechen,  und  auf 
denen  des  Menschen  natürliche  gute  Beschaffenheit  (^  San), 
Sein  innerer  Trieb  und  Charakter  ('^  Sing)  beruhen.  Der 
Keim  zu  diesen  vier  guten  Eigenschaften  liegt  von  Anfang  an 
in  des  Menschen  Seele  (fj/Üjl  S  ö  n),  die  einen  Teil  des  ^  J  a  n  g 
bildet;  dieses  Jang  umfaßt  alles  Warme,  Lichte,  Lebendige  des 
Weltalls  und  ist  mit  dem  Himmel  identisch.  Entwickelt  und 
gefördert  werden  die  himmlischen  Eigenschaften  des  Menschen 
durch  Nachahmung  des  Weltalls,  insbesondere  durch  Befolgung 
dessen  ^^  Wu-wei,  das  heißt,  durch  ein  spontanes,  unreg- 
sames, ruhevolles  Verhalten,  zu  dem  man  durch  Unterdrückung 
oder  Beherrschung  der  Leidenschaften  gelangt;  man  beobachtet  ja, 
wie  das  Tao,  der  Weg  des  Weltalls,  dieser  Quell  alles  Guten, 
sein  segensreiches  Werk  der  Schöpfung  und  Erhaltung  spontan, 


57 

ohne  bewußte  Anstrengung  vollbringt,  und  folgert  daraus,  daß  auch 
der  Mensch  in  seinem  Handeln  spontan,  regungslos,  ohne  Streben 
sein  soll,  um  vollkommen,  d.  h.  dem  Tao  gleich  zu  werden.  Eine 
andere  philosophische  Richtung,  die  konfuzianische,  stellt  über- 
dies zur  Vervollkommnung  des  Menschen  ein  weiteres  Erforder- 
nis, nämlich  Wissen  (Tsi  ^),  insoweit  dies  auf  der  Kenntnis 
der  alten  heiligen  Bücher  beruht.  Das  in  den  vorstehenden 
Sätzen  Gesagte  vermittelt  uns  den  einzigen  wirklichen  Schlüssel 
zum  Verständnis  der  chinesischen  Weltanschauung  von  der 
ältesten  Zeit  bis  auf  den  heutigen  Tag.  Einmal  im  Besitze  dieses 
Schlüssels,  dürfte  es  abendländischer  Forschung  auch  nicht  be- 
sonders schwer  fallen,  sich  in  Chinas  philosophischer,  ethischer 
und  religiöser  Literatur  zurechtzufinden. 

Das  ideale  Ziel  der  menschlichen  Vervollkommnung  ist 
also  völlige  Angleichung  an  das  Tao  des  Himmels.  Erreicht 
wird  dieses  Ziel  durch  beständige  Höherentwicklung  der  Jang- 
seele,  des  S  e  n,  bis  zu  dem  Ergebnis,  daß  diese  Seele  den  hundert- 
tausenden  von  S  S  n  oder  stofflosen  Wesen,  von  denen  das  Welt- 
all erfüllt  ist,  vollkommen  gleich  wird.  Der  Mensch  ist  dann 
in  dem  Zustand,  den  wir  Heiligkeit  oder  Göttlichkeit  nennen 
dürfen.  Die  ältere  taoistische  Literatur  bezeichnet  diesen  mit 
dem  Ausdruck  ^  tsen,  echt,  und  im  Tao  Te'King  (§54) 
finden  wir  diesen  Satz:  'fif'  ^  ^  :§'^  Ä  ^  ^^;  wer  (das 
Tao)  an  seiner  Person  pflegt,  dessen  Tugend  ist  Echtheit.  Anderweitig, 
vor  allem  im  Tsung  Jung,  dem  klassischen  konfuzianischen 
Buche,  das  sich  hauptsächlich  mit  taoistischer  Vervollkommnung 
beschäftigt,  wird  Heiligkeit  auch  mit  dem  Zeichen  |^  Ts'ing, 
das  Wirklichkeit  bedeutet,  wiedergegeben.  Außerdem  findet  sich  in 
sämtlichen  alten  Schriften  das  Zeichen  ^  sing  für  denselben 
Begriff.  Die  genannten  drei  Ausdrücke  sind  also  gleichbedeutend. 
Als  weiteres  Synonym  kommt  noch  das  Zeichen  jj^  sön,  gött- 
lich, hinzu,  da  nach  chinesischer  Meinung  Heiligkeit  und  Gött- 
Hchkeit  ein  und  dasselbe  ist. 


58 

Was  sich  die  Chinesen  unter  Heiligkeit  vorstellen,  dafür 
enthält  die  alte  Literatur  zahlreiche  Angaben.  Folgende  Zitate 
mögen  zur  Beleuchtung  genügen.   Bei  Tsuang  Tse  lesen  wir: 

:^BMM^MZS.A  (B^^h  lO,  bezw.  Kap.  33). 

Wer  sich  nicht  vom  Echtsein  entfernt,  den  nenne  ich  einen  Übermenschen. 

m^^mz^^o:^mz-mz-mmA 

(Buch  10,  bezw.  Kap.  31).  Echtsein  bedeutet  das  Höchste  an  Lebens- 
äther und  Wirklichkeit  (Ts'ing).  Ohne  diesen  Lebensäther  und  ohne 
diese  Wirklichkeit  kann  man  auf  andere  Menschen  nicht  wirken. 

Der  Philosoph  ^\^  Liu  Ngan,  der  im  2.  Jahrhundert 
vor  Chr.  lebte,  sagt  (j^^  ^!|  ^  Hung  Lie'  Kiai,  Kap.  7): 
J^gg  ^y^^  i^^^  ^  ^.  Der  Mensch,  der  echt  zu  nennen 
ist,  ist  der,  dessen  Natur  (Sin^)  mit  dem  Tao  im  Einklang  steht. 

Was  sind  nun,  den  alten  Schriften  zufolge,  die  Merkmale 
der  HeiHgkeit  oder  GöttHchk^it? 

Wir  haben  gesehen  (S.44),  daß,  nach  Kuan  Tse,  Heiligkeit 
den  Besitz  der  gleichen  Klarheit  verschafft,  die  dem  J  a  n  g  und 
dem  Himmel  eigen  ist;  ferner  (S.  50),  daß,  Lao  Tsö  zufolge, 
durch  Wu-w ei  oder  Regungslosigkeit  erlangte  Vollkommenheit 
den  Menschen  unwiderstehlich  und  allmächtig  macht.  Natürlich 
schließt  Heihgkeit  auch  alle  Tugenden  in  sich,  die  nur  je  ein 
Mensch  auf  Erden  erlangen  kann.  Tsuang  TsS  sagt  (Buch  10, 
bezw.  Kap.  31): 

ffl^  ^ .  Wenn  Echtheit  in  des  Menschen  Charakter  herrscht,  dann  dient  er 
seinen  Eltern  mit  Liebe  und  kindlicher  Unterwerfung  und  seinem  Fürsten 
treu  und  unerschütterlich. 

Weiter  sagt  Tsuang  Tsß  (Buch  3,  bezw.  Kap.  6): 

4g,  pE"  |H^.  Was  ist  ein  Heiliger?  Es  ist  der,  der  den  Heiligen  der  Ur- 
zeit gleicht;  sie  erklommen  Höhen,  ohne  schwindlig  zu  werden;  sie  schritten 
ins  Wasser  hinein,  ohne   naß    zu  werden;    sie  traten   ins  Feuer,  ohne  heiß 


59 

zu  werden.  Wir  wissen  es,  daß  man  so  wird,  wenn  man  nur  hoch  genug 
steigt,  um  die  Macht  dazu  dem  Tao  zu  entlehnen. 

Hierin  liegt  klar  ausgesprochen,  daß  der  taoistische  Heilige 
dem  Tao,  das  er  besitzt,  übermenschliche,  magische  Gewalt  ent- 
lehnt. Die  großartigen  Fähigkeiten  solcher  Gottmenschen  be- 
schreibt Tsuang  Tsö  folgendermaßen  (Buch  1,  bezw.  Kap.  1): 

Miik^i  Zlh^ntH  AM  Mo  mM^üim, 

nmmmm^mmzith^mmm<i^r^m 
mm^mmoooZA^^Mzm.i^mm 
^mr>m.A¥^^m.±\iim,m^mom 

^  ^  ^.  Im  fernen  Ku-sö -Gebirge  wohnen  Gott-Menschen.  Sie  haben 
Fleisch  und  Haut  wie  Eis  und  Schnee;  sie  gleichen  Jungfrauen  an  Fein- 
heit und  Zartheit.  Sie  essen  keine  der  fünf  Feldfrüchte,  sondern  schlucken 
Wind  und  trinken  Tau.  Sie  fahren  auf  Wolken  mit  fliegenden  Drachen  als 
Gespann  jenseits  der  vier  Meere  einher.  Durch  Verdichtung  ihrer  Gotterkraft 
vermögen  sie  die  lebenden  Wesen  vor  Krankheit  und  Seuche  zu  bewahren 
und  alljährlich  das  Korn  reifen  zu  lassen  .  .  .  Kein  Wesen  kann  diese 
Menschen  verletzen ;  eine  Flut,  die  bis  an  den  Himmel  steigt,  kann  sie  nicht 
ertränken;  Gluthitze  mag  Metall  und  Felsen  schmelzen,  den  Erdboden  und 
die  Gebirge  versengen,  aber  sie  empfinden  die  Hitze  nicht.  Ihres  Wesens 
Staub  und  Spreu  allein  reicht  aus,  um  Leute  vom  Schlage  Jao's  und  Öun's 
daraus  zu  formen  und  zu  gießen.  Was  wollen  sie  mit  stofflichen  Wesen  zu 
schaffen  haben! 

An    einer    anderen    Stelle    (Buch   1,    bezw.    Kap.  2)    bei 
Tsuang  Tse  findet  sich  folgende  Verherrlichung  der  Heihgen: 

^nmm.m^nmm^mmzii^on^m 

%MQi^l(a  i^MWZ^^O  Der  höchste  Mensch  ist  ein 
Gott  (Sön)!  Ein  Feuermeer  mag  ihn  umlodern,  es  kann  ihn  nicht  heiß 
machen;  die  Fluten  des  Huang-ho  und  Han  mögen  vereisen,  er  kann 
nicht  frieren;  rasende  Donnerkeile  mögen   die   Berge  spalten,   Sturmwinde 


60 

die  Meere  erschüttern,  ihn  können  sie  nicht  schrecken.  80  vermag  er  auf 
Wolken  und  Luft  einherzufahren,  auf  Sonne  und  Mond  zu  reiten  jenseits 
der  vier  Weltmeere.  Weder  Tod  noch  Leben  können  irgendeinen  Wandel 
an  «einem  Selbst  vollziehen,  geschweige  denn  Brutstätten  schädlicher 
Einflüße. 

Ein  andermal  läßt  T  s  u  a  n  g  einen  Weisen  folgenden  Vers 
sprechen:  JlS* *3t>  M^i^tl .  )It  II  fl?  "1  (Buch  5, 

bezw.  Kap.  12).  Die,  welche  höchste  Götterkraft  besitzen,  gleiten  auf  dem 
Licht  einher,  so  daß  sie  mit  ihrer  Gestalt  darin  erlöschen  und  ver- 
schwinden; das  nennen  wir  ihre  weithinstrahlende  Leuchtkraft. 

Andre  taoistische  Philosophen  stimmen  gleichfalls  in  diese 
Verherrlichung  der  Heiligen  ein.*  Bemerkenswert  ist  unter  an- 
derem, was  ^ll^*^  Ho'  Kuan  Tsß,  der  vermutlich  im 
4.  Jahrhundert  vor  unserer  Zeitrechnung  lebte,  in  folgenden 
Worten  von  ihnen  sagt: 

^^rnzmoMiMZ-iiicm^mz  (Kap.  ni 

Der  Heilige  entsteht  nach  Himmel  und  Erde,  und  dennoch  kennt  er  ihren 
Ursprung;  er  vergeht  vor  Himmel  und  Erde,  aber  er  kennt  ihr  Ende. 
Das  Tao   umhüllt  ihn,   darum  kann   er  solche  Dinge  wissen  und  ermessen. 

mAm:n^^^nim9si^mziiomr- 
^mmmmi^zmoi^^n^^'mm'^z 

m'Mmm-^zmoZ-^mmmmm.^z 
±0  ^  3g^  Ä  im  }g  ifii  mm  äMo  :r-^^^m  m 

Des  Heiligen  Kraft  gleicht  nicht  der  des  Himmels  und  der  Erde,  aber  er 
kennt  ihr  Wirken.  Sein  Atem  gleicht  nicht  Jang  und  Jin,  doch  vermag  er 
ihnen  Gesetze  vorzuschreiben.  Er  kommt  den  zehntausend  Wesen  an  Zahl 
nicht  gleich,  doch  kann  er  ihnen  allen  ein  richtiger  Führer  sein.  Er  vereinigt 
zv.ar  in  sich  nicht  alles  Vortreffliche  der  Menschheit,  dennoch  vermag  er 
das  Gute  emporzuheben,  die  Fehler  nachzuweisen.  Er  gleicht  nicht  dem 
Tao  an  reichen  Segnungen,  und  doch  vermag  er  es  zu  überragen.  Er 
gleicht  nicht  den  Göttern   an  strahlendem  Glanz,  dennoch  vermag  er  über 


61 

sie  Herr  zu  sein.  Er  ist  nicht  unsichtbar  wie  die  Kwei  und  Sßn,  und 
doch  vermag  er  ihre  Geisterkraft  zu  entfalten.  Er  besitzt  nicht  die  Festig- 
keit von  Metall  und  Stein,  und  doch  vermag  er  ihre  Härte  durch  Glut  an- 
zugreifen. Er  besitzt  nicht  die  Regelmäßigkeit  eines  Vierecks  oder  eines 
Kreises,  und  doch  vermag  er  diese  Formen  zu  konstruieren. 

Es  läßt  sich  jetzt  nach  allem  sagen,  daß  in  der  Meinung 
der  ältesten  und  wichtigsten  Vertreter  der  universistischen 
Weltanschauung  ein  taoistischer  Heiliger  übernatürliche  Fähig- 
keiten und  Weisheit  besitzt,  vermöge  derer  er  übernatür- 
liche Wirkungen  hervorbringen  kann.  Er  ist  allmächtig,  all- 
wissend, allgegenwärtig,  ein  Gott  über  den  Göttern.  Er  ist 
auch  unverletzlich.  Diese  Unverletzlichkeit  war  vermutlich  nicht 
allzu  buchstäblich  gemeint.  Denn  es  konnte  unmöglich  verborgen 
bleiben,  daß  auch  hervorragende  Taoisten  sterben  mußten;  ihre 
Gräber  dürften  allgemein  bekannt  und  häufig  besuchte  Wall- 
fahrtsstätten gewesen  sein.  Tsuang  selbst  (Buch  7,  bezw- 
Kap.  19)  erwähnt  einen  gewissen  ^  ^^  Tan-pa,  der  in  einer 
Felsengrotte  nur  von  Wasser  lebte  und  noch  im  siebzigsten  Jahre 
die  Jugendfrische  seiner  Wangen  besaß,  bis  ein  Tiger  kam  und 
ihn  verschlang.  Doch  fügt  er  hinzu,  ^^  ^  ^  ft  ffij  j!^  Ä 
Ä  ^1*,  dieser  Pa  hatte  sein  inneres  Wesen  gepflegt,  und  der  Tiger  ver- 
schlang nur  die  äußere  Hülle.  Und  der  Philosoph  ^  ^  Han 
Fei,  der  im  3.  Jahrhundert  vor  Chr.  lebte,  bemerkt  in  seinem 
Werk  (Kap.  1,  §  3),  gelegentlich  der  Aufzählung  einer  Reihe 
guter  Taoisten,  die  sämtHch  hingerichtet  wurden: 

M!|  ^  ^  S^  oft  ife  •  Wiewohl  diese  Menschen  Vortrefflichkeit  und 
Heiligkeit  besaßen,  vermochten  sie  dennoch  weder  dem  Tode,  noch  körper- 
licher Verstümmelung  und  Schändung  zu  entgehen;  wie  kommt  das?  Nun, 
ich  Einfältiger  kann  es  schwerlich  erklären. 

Sterben  müssen  also  große  Taoisten  freilich,  wohl  aber 
vermögen  sie  besser  als  andere  Menschen  lebendrohenden  Ge- 
fahren zu  widerstehen.  Liu  Ngan(Hung  Lie'Kiai,  Kap.  2) 
schrieb : 


62 

■^  ?y  -ffj  .  Wenn  die  große  Kälte  gekommen  ist,  und  Eis  und  Schnee 
sich  niederlassen,  dann  erkennen  wir  die  Unverletzbarkeit  des  Nadel-  und 
Blattwerks  von  Fichten  und  Zypressen.  Und  wenn  man  Schwierigkeiten  aus 
dem  Wege  räumen,  Gefahren  trotzen  muß,  wenn  Schrecken  sich  vor  uns  auf- 
tun, dann  erkennen   wir,   daß   der  heilige  Mensch  sein  Tao  nicht  verliert. 

Für  die  Erforschung  der  Geschichte  alter  Religionen  dürfte 
es  von  ziemlichem  Werte  sein,  zu  wissen,  daß  man  in  Asien 
zu  einer  Zeit,  die  weit  vor  der  christlichen  Hegt,  bestimmte 
Vorstellungen  von  Heiligkeit  und  Göttlichkeit,  sowie  von  der 
übernatürlichen  Zaubermacht,  die  der  Besitz  beider  verleiht, 
gehabt  hat.  Chinesischen  Quellen  allein  aber  ist  es  zu  danken, 
daß  man  diese  Vorstellungen  mit  Gewißheit  als  Ausfluß  einer 
uralten   universistischen  Weltanschauung   zu   erkennen  vermag. 

Wie  im  vorhergehenden  Kapitel  gezeigt  wurde,  zählt  zu 
den  vier  Urtugenden,  die  der  Himmel  jedem  Menschen  als  Ele- 
mente seiner  natürlichen  Veranlagung  eingepflanzt  hat,  und  deren 
Pflege  zur  Heiligkeit  führt,  das  Wissen  (Tsi),  auch  als  Un- 
erschütterlichkeit bezeichnet,  weil  diese  das  Wissen  gewähr- 
leistet. Es  ist  nun  zu  beachten,  daß  die  konfuzianische  Lehre 
auf  das  Wissen  ein  ganz  besonders  hohes  Gewicht  legt  und  sich 
damit  in  Gegensatz  zu  der  Lehre  der  Taoisten  stellt,  die,  von 
dem  großen  universistischen  Grundsatz  der  „Leere"  ausgehend, 
Kenntnis  und  deren  Verwendung  verwerfen. 

Dieser  Gegensatz  zwischen  der  konfuzianischen  und  tao- 
istischen  Lehre  erhielt  sein  entscheidendes  Gepräge  durch  Ts6-s6, 
den  Enkel  des  Konfuzius,  der,  wie  wir  auf  S.  25  gesehen  haben, 
sein  klassisches  Werk,  das  TsungJung,  mit  dem  Satze  einleitet, 
daß  die  Pflege  des  Tao  gleichbedeutend  sei  mit  Unterweisung. 
Dieser  Gedanke  einer  „Vervollkommnung  durch  Unterweisung 
hat  den  Konfuzianismus   zu  dem  entwickelt,  was  die  Chinesen 


63 

mit  dem  Ausdruck  "^^  Zu  Kiao,  Lehrsystem  oder  Religion 
der  Gelehrten,  bezeichnen.  Diesem  System  verdankt  China  seine 
gesamte  wissenschaftliche  Bildung,  und  diese  Bildung  wurzelt 
also  —  es  kann  nicht  nachdrücklich  genug  betont  werden  — 
im  Universismus. 

Die  Hauptmittel  zur  menschlichen  Unterweisung,  die  einzig 
zuverlässigen  Führer  des  Menschen  zum  Tao,  sind  nun  nach 
konfuzianischer  Anschauung  lediglich  die  klassischen  Schriften 
(s.  S.  28).  Sie  sind  es,  die  seit  der  H an- Zeit,  als  sich  die 
konfuzianische  Lehre  zum  herrschenden  System  entwickelte, 
bis  auf  den  heutigen  Tag  stets  und  ständig  von  den  führenden 
Klassen  des  Volks  als  das  ausschließliche  Evangelium  für  die 
gesamte  Menschheit  angesehen  worden  sind,  also  auch  als 
einzige  politische  Grundlage,  auf  der  sich  Staat  und  Gesell- 
schaft aufbauen  müssen,  wenn  die  Regierung  gleich  dem  All 
ewig  dauern,  und  das  Volk  wahrhafte  Beglückung  genießen  soll. 

Mit  den  klassischen,  heiligen  Büchern  Chinas  ist  der  Name 
Konfuzius  (551 — 479  v.  Chr.)  untrennbar  verknüpft.  Einige 
nennen  die  Chinesen  J^^  King,  andere  ^  Su.  Sicher  sind 
sie  nicht  sämtlich  von  Konfuzius  geschrieben;  sie  entstammen 
teils  einer  früheren,  teils  einer  späteren  Zeit.  Wirklich  von  ihm 
soll  nur  ein  King  verfaßt  sein,  das  ^^  Ts'^un  Ts^iu,  die 
Annalen,  nämlich  in  der  Hauptsache  die  des  Staates  ^  L  u,  wo 
er  lebte  und  lehrte;  sie  enthalten  kurze  Notizen  über  die  Jahre 
722 — 481.  Drei  andere  King  soll  Konfuzius,  dem  allgemeinen 
Glauben  nach,  ledigUch  kompiliert  haben.  Es  sind  dies  das  ^ 
Si,  die  Lieder,  das  Mj  Ji',  die  Wandlungen,  und  das  ^f  Su,  die 
Geschichtsbücher;  letzteres  ist  eigentlich  eine  Sammlung  von  30 
Büchern  verschiedener  Art,  von  denen  die  zwei  ersten  über  _^ 
Jao  und  ^  Sun,  die  beiden  heiligen  Herrscher  des  24.  und 
23.  Jahrhunderts  v.  Chr.,  handeln,  und  das  letzte  sich  auf  einen 
Fürsten  des  7.  Jahrhunderts  bezieht.  Das  besonders  umfang- 
reiche fünfte  King,  das   nffl  §ß  Li  Ki,  Schriften  über  die  Lebens- 


64 

regeln,  besteht  aus  46  Büchern;  es  werden  darin  Konfuzius  und 
seine  Schüler  häufig  erwähnt,  und  es  scheint  demnach  zum  großen 
Teil  aus  Überlieferungen  und  Aussprüchen  zu  bestehen,  die  von 
ihm  herrühren.  Klassisch  und  heilig  sind  auch  drei  umfang- 
reiche Erweiterungen  und  Kommentare  desTs'un  Ts'iu, 
nämlich  das  ^ -^  Tso  Ts'uan,  Berichte  des  Tso,  das  ^ 
®Ä  Ku'-liang  Ts'^uan,  Berichte  des  Ku*-liang,  und  das 
^B^-Ä  Kung-jang  Ts'uan,  Berichte  des  Kung-j an g;  ferner 
das  ^  1^  Tsou  Kuan,  Beamtentum  von  Tsou,  dem  Fürsten- 
hause,  dessen  Herrschaft  vom  12.  bis  in  das  3.  Jahrhundert 
V.  Chr.  gedauert  hat;  endlich  das  ^  jjj^  I  Li,  Lebensregeln, 
eine  Sammlung  von  Schriften  über  Zeremonien  bei  verschie- 
denen feierlichen  Gelegenheiten. 

Was  die  sogenannten  vier  Su  anbetrifft,  so  stammen  diese 
fast  gänzlich  von  Schülern  des  Konfuzius.  Sie  enthalten  haupt- 
sächlich Aussprüche,  Gespräche,  Lehrsätze  und  Lebensregeln  des 
Meisters,  vorwiegend  ethischen  und  philosophischen  Charakters. 
Ihre  Titel  lauten:  g^  ^  Lun  Jü,  Besprechungen;  (^  )^  Tsung 
Jung,  Methode  der  Mitte  (??);  "^  ^  T'ai  Hio*,  das  allerhöchste 
Studium,  und  ;^ -^  Meng  Tsö,  Menzius.  Das  Tsung  Jung 
und  das  T'^ai  Hio'  sind  eigentlich  Bücher  des  Li  Ki.  Im 
engeren  Sinne  gibt  es  also  14  heilige  Bücher,  im  weiteren 
aber  86. 

Man  ist  also  berechtigt,  an  Stelle  von  Konfuzianismus  auch 
die  Ausdrücke  Klassizismus,  Taoismus  oder  Universismus  zu 
setzen.  Der  Konfuzianismus  allein  ist  orthodox,  da  es  im  Weltall 
nur  ein  Tao  gibt  und  also  nur  eine  Reihe  wahrer,  klassischer 
Schriften,  die  dieses  Tao  unter  der  Menschheit  predigen  und 
aufrecht  erhalten.  Die  überherrschende  Stellung  hat  der  Konfu- 
zianismus bis  auf  den  heutigen  Tag  in  China  zu  wahren  gewußt. 
Und  somit  steht  daselbst  das  ganze  Erziehungs-  und  Unterrichts- 
system, von  den  Elementarschulen  angefangen  bis  zu  den  höchsten 
Staatsprüfungen,  die  zum  Staatsdienst  den  Zugang  eröffnen,  sowie 


65 

das  ganze  Staatswesen  Chinas  auf  der  breiten  Basis,  die 
Taoismus  oder  Universismus  heißt. 

Der  Kaiser  ist  naturgemäß  der  oberste  Führer  der  Nation 
auf  dem  Wege,  der  „T  a  o  der  Menschheit"  heißt.  Um  diesen 
hohen  Auftrag  des  Himmels  zu  erfüllen,  muß  er  die  Te'  oder 
segensreichen  Eigenschaften  und  Tugenden  des  T  a  o  im  höchsten 
Grade  in  seiner  eigenen  Person  vereinigen,  auf  daß  er  durch  seine 
Regierung  sie  für  die  Menschenwelt  in  Segnungen  verwandle. 
Es  ist  klar,  daß  er  diese  Eigenschaften  und  Tugenden  durch 
klassische  Studien  sich  aneignen  und  zur  Entfaltung  bringen 
muß,  und  so  von  selbst  der  höchste  Lehrer  des  Menschtums  und 
der  gelehrteste  Mensch  der  Welt  werden  soll.  Selbstverständlich 
sollen  seine  Minister  und  Staatsbeamte,  die  Mithelfer  zur  Er- 
ledigung dieser  höchsten  Aufgabe,  ^  In,  klassische  Gelehrte, 
sein,  Muster  und  leuchtende  Sterne  des  konfuzianischen  Wissens, 
die  tüchtigsten  aller,  welche  die  Staatsprüfungen  bestehen  und 
also  durch  und  durch  vertraut  sind  mit  dem  Inhalt  der  klassischen 
Schriften,  kurz,  sie  müssen  die  weisesten  und  besten  unter  den 
Menschen  sein.  Nur  wenn  sie  das  Tao  oder  dessen  Te'  selbst 
besitzen,  können  sie  für  die  Menschheit  die  richtigen  Führer 
sein  auf  dem  Wege  zur  Tugend  und  zum  Glück  und  somit 
dem  Volke  Frieden,  der  Regierung  Stabilität,  der  Dynastie  den' 
ewigen  Besitz  des  Thrones  sichern.  Diesem  Grundgedanken 
hat  Konfuzius  selbst,  nach  dem  L  u  n  J  ü  (II,  3),  in  folgenden 
Worten  Ausdruck  verliehen: 

Menschen  im  Tao  durch  euere  Tugenden  (Te')  und  organisiert  sie  mittels 
der  Lebensregeln  (Li),  dann  wird  es  Anspruchslosigkeit  (=  ^  Bescheiden- 
heit, =  Leidenschaftslosigkeit,  Leerheit)  besitzen,  und  mithin  wird  Ordnung 
herrschen. 

Ganz  ausschheßlich  befaßt  sich  der  kurze  Text  des  T'ai 
Hio',  des  allerhöchsten  Studiums,  mit  der  Pflicht  der  Herrscher,  ihre 
durch  Studium  erworbenen  universistischen  Tugenden  zur  Ver- 

De  Groot,  Universismus.  ^ 


66 

vollkommnung  des  Volks  anzuwenden  und  so  zum  beiderseitigen 
Wohl   zu  verwerten.     Wir  lesen   in  dieser  klassischen  Schrift: 

m^.^ffnBmM.MMBmn  »- ^ao des 

allerhöchsten  Studiums  besteht  darin,  daß  (der  Herrscher)  glänzende  Eigen- 
schaften und  Tugenden  (Te*)  klar  scheinen  läßt;  es  besteht  ferner  darin, 
daß  er  dadurch  das  Volk  erneuert,  und  darin,  daß  es  demzufolge  im  Zu- 
stande der  höchsten  natürlichen  Güte  (San)  verweilt.  Versteht  er  es,  das 
Volk  (auf  diese  Weise)  in  diesen  Zustand  zu  versetzen,  dann  wird  Stabilität 
herrschen;  herrscht  Stabilität,  dann  kann  er  sich  still  und  schweigsam  (tsing) 
verhalten;  übt  er  Stille  und  Schweigsamkeit,  dann  kann  Friede  und  Ruhe 
herrschen;  herrscht  Friede  und  Ruhe,  dann  kann  er  sich  um  (seine  und 
des  Volks)  Interessen  kümmern  und  wird  dadurch  seine  Zwecke  zu  er- 
reichen imstande  sein. 

In  diesem  etwas  mystisch  aussehenden  Lehrsatz  tritt 
die  quietistische  Lebensauffassung  des  Taoismus  klar  zutage. 
Lesen  wir  doch  ganz  deutlich,  daß  das  Gute  (San),  welches 
von  Natur  dem  Menschen  eigen  ist,  sich  unter  dem  segensvollen 
Einfluß  der  hohen  sittlichen  Vervollkommnung,  welche  die  Staats- 
lenker sich  durch  Studieren  aneignen,  soweit  entwickeln  soll, 
daß  das  Volk  sich  von  ihnen  mittels  Wu-wei  und  Schweigsam- 
keit regieren  läßt  und  der  Herrscher  also  seine  Zwecke  erreicht, 
das  heißt,  unwiderstehlich  und  allmächtig  ist.  Folgen  wir  jetzt 
wieder  dem  T'ai  Hio',  das  unmittelbar  danach  die  Wichtig- 
keit des  Studiums  für  die  Herrscher  nochmals  betont  und  dabei 
erklärt,  daß  es  sie  zur  Heiligkeit  führt: 


o  ^ 


^  #  Ä  t  *  ^  :iE  Ä  ;C>o  '^ IE  Ä  ^'  ^itm 


67 

Alle  Dinge  haben  eine  Wurzel  und  einen  Gipfel,  alle  Sachen  ein  Ende  und 
einen  Anfang;  wer  richtig  versteht,  was  zuerst  kommt  und  was  folgt,  der 
nähert  sich  dem  Tao. 

Die  Alten,  die  da  trachteten,  die  glänzenden  Eigenschaften  und 
Tugenden  in  der  sich  unter  dem  Himmel  erstreckenden  Welt  klar  scheinen 
zu  lassen,  beabsichtigten  damit  vor  allen  Dingen,  für  ihr  Reich  eine  gute 
Regierung  zu  schaifen.  Aber  um  ihr  Reich  gut  zu  regieren,  stellten  sie  die 
Regelung  ihres  Hauses  voran.  Der  Regelung  ihres  Hauses  ließen  sie  die 
Pflege  ihres  eigenen  Wesens  vorangehen.  Um  ihr  eigenes  Wesen  zu  pflegen, 
machten  sie  zuerst  ihr  Gemüt  wahr  (tsing,  orthodox).  Um  ihr  Gemüt  wahr 
zu  machen,  begannen  sie  zunächst  ihre  Gesinnung  „wirklich"  (ts'ing,  heilig) 
zu  gestalten.  Und  um  „wirklich"  in  der  Gesinnung  zu  werden,  ent- 
wickelten sie  ihr  Wissen  bis  zum'äußersten.  Diese  Entwicklung  des  Wissens 
bis  zum  äußersten  bestand  in  der  Erforschung  der  Dinge. 

Also  erfolgt  klipp  und  klar  aus  den  heiligen  Büchern, 
daß  die  Kaiser  ihr  klassisch -taoistisches  Wissen  bis  zum 
äußersten  entwickeln  müssen  (^  ^)  und  den  klassisch- 
taoistischen  Lehren  gemäß  ihr  Haus  einrichten  und  ihr  Reich 
regieren  sollen.  Es  ist  somit  in  China  stets  hohes  Staatsprinzip 
und  unumstößlicher  Brauch  gewesen,  jungen  Kaisern  und  Thron- 
erben eine  ganz  besonders  gewissenhafte  Ausbildung  in  der 
Lehre  der  klassischen  Schriften  angedeihen  zu  lassen.  Nicht 
wenige  unter  den  Kaisern  haben  einen  hohen  literarischen 
Bildungsgrad  besessen  und  auch  tatkräftig  zur  Förderung  der 
Wissenschaft  beigetragen,  indem  sie  große  Gelehrten-Kom- 
missionen einsetzten,  welche  die  klassischen  Bücher,  sowie  die 
geschichtlichen  Überlieferungen  der  Dynastien  und  andere  Haupt- 
werke, mit  Erläuterungen  und  Kommentaren  versehen  heraus- 
geben mußten.  Zahlreiche  Meisterwerke  der  chinesischen  Ge- 
lehrsamkeit von  oft  riesenhaftem  Umfange  verdanken  dieser  staat- 
lichen Tätigkeit  ihre  Entstehung;^  im  Palast    selbst   besorgten 


^  Viele  findet  der  Leser  in  meinem  Aufsatz  „Sinologische  Seminare 
und  Bibliotheken"  erwähnt;  S.Abhandlungen  der  Kön.  Preuß.  Akademie  der 
Wissenschaften,  1913. 

5* 


68 

kaiserliche  Druckereien  Prachtausgaben  davon.  Unter  den 
Kaisern  der  letzten  Dynastie,  deren  Regierung  in  dieser  Be- 
ziehung besonders  fruchtbar  war,  stehen  an  der  Spitze  die 
Namen  lÜft  Sing  Tsu  (K'ang-hi)  und  ^  ^  Kao  Tsung 
(K'iön-lung).  Das  gewaltigste  Zeugnis  solchen  kaiserlichen 
Unternehmungsgeistes   ist   das    "^  ^  ^  ^  ÄJ^  Ku-kin 

T'u  Su  Tsi'-ts'ing,  Vollständige  Sammlung  von  Schriften  der 
Vergangenheit  und  der  Gegenwart;  dessen  Anfertigung  Sing  Tsu 
anordnete,  und  das  1725  unter  seinem  Nachfolger  abgeschlossen 
wurde.  Es  ist  an  Umfang  das  größte  Werk,  das  in  der  Welt 
existiert.  Es  enthält  in  planmäßigei'  Anordnung  nahezu  die  ge- 
samte Wissenschaft,  über  die  China  verfügt,  und  entspricht  somit 
in  seiner  Anlage  so  vollständig  wie  möglich  der  Forderung  des 
Tai  Hio',  daß  der  Herrscher  bestrebt  sein  soll,  sein  eigenes 
Wissen  und  das  seiner  Staatsdiener  zur  äußersten  Entfaltung 
zu  bringen. 

Wenn  es  der  höchste  Beruf  des  Herrschers  ist,  das  ganze 
Menschtum  an  T  a  o  oder  dem  Weltall  entlehnter  Vollkommenheit 
zu  überragen,  so  folgt  von  selbst,  daß  das  Weltall,  oder  viel- 
mehr der  Himmel,  der  das  Weltall  umfaßt  und  beherrscht,  den 
Thron  nur  dem  Menschen  anvertraut,  der  solche  Vollkommenheit 
besitzt  —  anderseits  aber  der  Mangel  solcher  Vollkommenheit 
unweigerlich  den  Verlust  des  Thrones  nach  sich  ziehen  muß. 
In  der  Tat  finden  wir  diese  Lehre  in  den  heiligen  Büchern  klar 
ausgesprochen,  und  somit  ist  sie  seit  alters  her  ein  Axiom  und 
Dogma  gewesen.  Im  Su  wird  im  ^  Ä,  dem  Buche  von  Sun, 
von  Sun  gesagt: 

Weil  seine  verborgenen  Tugenden  (Te*)  droben  sich  kundgaben,  darum 
wurde  er  mit  dem  Thron  beauftragt.  Er  erfüllte  selbst  mit  Sorgfalt  die  fünf 
Grundpflichten,  und  darum  konnten  diese  auch  von  anderen  befolgt  werden. 
Und  im  Tsung  Jung  (XVII)  sagt  Konfuzius  von  diesem 
heihgen  Herrscher: 


69 

^.'jü^n^n.d^^n^^.iii^m^  #000 1^ 

"i^  Wi  ^  ^J^^  ^  ^ '  ^^^^®  Tugenden  (Te')  machten  ihn  zu  einem 
Heiligen,  und  er  ward  deshalb  der  Ehre  würdig,  Sohn  des  Himmels  zu 
sein.  Wegen  seiner  höchsten  Tugenden  mußten  ihm  Thron,  Glück,  Ruhm 
und  lange  Lebensdauer  zuteil  werden.  Also  muß  derjenige,  welcher  die 
höchsten  Tugenden   besitzt,   der  Vollmacht  des  Himmels    teilhaftig  werden. 

Gleichfalls;  wie  im  Su  das  Buch  über  „die  Ratschläge  des 
großen  Jü"  (s.  S.  30)  uns  lehrt,  verdankte  dieser  Stifter  der 
Hia-Dynastie  im  23.  Jahrhundert  v.  Chr.  den  Thron  aus- 
schließlich seiner  hohen  Vollkommenheit.  Sein  Ratgeber  ^^ 
Ji'  sprach  zu  ihm: 

^  #  ^.  ^  ^  ra  1^.  :)i»  ^  T  #  !>--  Tugenden,  o 
Kaiser,  wirkten  überall  hin;  du  warst  dadurch  heilig,  du  warst  göttlich 
und  also  den  Militär-  und  Zivilaufgaben  gewachsen.  Der  kaiserliche  Himmel 
nahm  es  wahr  und  schenkte  dir  seine  Vollmacht;  somit  ist  jetzt  alles,  was 
zwischen  den  vier  Meeren  liegt,  dein  Eigentum,  und  du  bist  Herr  über  alles, 
was  unter  dem  Himmel  ist. 

Und  an  ^fc^  T'ai-kia',  den  Nachfolger  des  ^  T'ang, 
des  Grründers  der  j^  Sang -Dynastie,  richtete,  dem  Su  zu- 
folge, um  1753  V.  Chr.  sein  großer  Ratgeber  "^  ^  I-jiii 
folgende  Worte: 

^  Jp^ffi   (Buch  ^^  T'ai  Kia,  III). 


70 

Der  Thron,  den  der  Himmel  verleiht,  ist  ein  Thron  der  Mühsal!  Aber 
hast  du  Tugend,  so  wird  Ordnung  sein;  bist  du  jedoch  ohne  Tugend,  so 
wird  Verwirrung  herrschen!  Ist  deine  Regierung  mit  dem  Tao  in  Einklang, 
dann  wird  fürwahr  alles  gedeihen, 

Ist  deine  Tugend  von  Bestand,  dann  schützt  sie  deinen  Thron;  ist 
sie  ohne  Bestand,  so  werden  dir  die  neun  Besitztümer  (Provinzen  des 
Reichs)  verloren  gehen.  Als  die  Herrscher  des  Hauses  H  i  a  nicht  länger 
imstande  waren  Tugend  zu  üben,  die  Götter  höhnten  und  das  Volk  grau- 
sam unterdrückten,  da  entzog  ihnen  der  kaiserliche  Himmel  seinen  Schutz ; 
sein  Auge  wanderte  über  die  zehntausend  Gegenden  der  Welt,  um  einen 
zu  finden,  dem  er  als  Inhaber  seiner  Vollmacht  seine  Weisungen  erteilen 
könnte;  sein  Blick  suchte  nach  einem,  der  Tugend  vom  ersten  Grade  be- 
saß, um  ihn  zum  Herrn  über  die  Götter  (S  ö  n)  zu  machen.  Nur  ich  selbst 
und  (dein  Vater)  T'ang  besaßen  zusammen  den  ersten  Grad  der  Tugend 
und  konnten  deswegen  des  Himmels  Wohlwollen  genießen;  und  so  kam  es, 
daß  er  die  leuchtende  Vollmacht  des  Himmels  empfing,  mithin  Inhaber  der 
Herrschaft  über  die  neun  Besitztümer  ward  und  den  Kalender  von  H  i  a 
änderte.  Es  war  nicht  Parteinahme  des  Himmels  für  unser  Haus  Sang; 
0  nein,  er  stand  lediglich  dem  zur  Seite,  der  an  Tugend  der  allererste  war. 
Auch  war  es  dem  Hause  Sang  nicht  um  die  Gunst  des  niederen  Volkes 
zu  tun,  sondern  das  Volk  suchte  Zuflucht  bei  dem  Ersten  an  Tugend.  Wenn 
deine  Tugend  vom  ersten  Grade  ist,  dann  wird  keine  deiner  Handlungen 
unglücklich  verlaufen ;  ist  sie  aber  vom  zweiten  oder  dritten  Grade,  so  wirst 
du  in  keiner  deiner  Handlungen  glücklich  sein.  Fürwahr,  Glück  und  Un- 
glück kommen  nicht  zufällig  über  die  Menschen;  o  nein,  der  Himmel  sendet 
ihnen  Unheil   und  Heil  herab  gemäß  ihren  Tugenden. 

Jetzt  .hast  du,  Thronfolger,  in  Demut  die  himmlische  Vollmacht  über- 
nommen; erneuere  deine  Tugend;  ist  das  von  Anfang  bis  Ende  dein  erster 
Zweck,  dann  wirst  du  sie  sogar  alltäglich  erneuern.  Die  Regierungs- 
beamten werden  sich  dann  nur  vortreffliche  Eigenschaften  aneignen,  und 
deine  nächste  Umgebung  zur   Rechten   und    zur  Linken  wird   ihnen  darin 


71 

gleichkommen ;  die  Minister  werden  dann  nach  oben  hin  für  die  Erwerbung 
von  (deinen)  Tugenden,  nach  unten  hin  für  das  Volk  leben. 

Diesen  Sätzen,  welche  klassisch  sind  und  deshalb  für  die 
Kaiser  Chinas  immerdar  heiliges  Evangelium  waren,  liegt  offen- 
sichtlich diese  Auffassung  zugrunde:  spontan  wie  das  Tao  des 
Himmels,  verbreitet  die  Person  eines  heiligen  Kaisers,  der  die 
Eigenschaften  oder  Tugenden  des  Tao  besitzt,  seine  Segnungen 
über  die  Menschheit.  Auf  Grund  dieser  selben  Lehre  hob  Kon- 
fuzius, wie  wir  auf  S.  51  gesehen  haben,  ausdrücklich  hervor, 
daß  die  vortreffliche  Regierung  des  großen  Sun  aus  nichts 
anderem  bestand,  als  daß  er  seine  Person  zum  Gegenstand 
höchster  Ehrfurcht  machte  und  dann  ohne  Tätigkeit,  ohne  Ein- 
mischung in  praktische  Regierungsgeschäfte,  also  im  Zustande 
des  Wu-wei,  auf  dem  Thron  saß.  Wu-wei  ist  demnach  un- 
trennbar mit  persönlicher  Vollkommenheit  oder  Heiligkeit  ver- 
knüpft, und  Einfluß  und  Macht,  sogar  Allmacht,  sind  lediglich 
die  natürlichen  Folgen,  die  aus  Wu-wei  hervorgehen  (s.  S.  50). 
Es  ist  also  durchaus  verständlich,  wenn  Konfuzius  sagt  (Lun 
Jü,  n,   1): 

Wer  durch  Tugend  die  Regierung  führt,  der  gleicht  dem  Polarstern:  der 
steht  unbeweglich  an  seinem  Platze  und  wird  deshalb  von  der  Masse  der 
(umkreisenden)  Sterne  geehrt. 

Da  taoistische  Tugend  das  Ergebnis  der  Vertiefung  in  die 
Weisheit  der  heiligen  Schriften  ist,  so  ist  in  chinesischen  Augen 
jeder,  der  sich  mit  dem  Studium  dieser  Schriften  befaßt,  bereits 
auf  dem  Wege  zur  Vollkommenheit.  Wer  sehr  weise  und  tugend- 
haft ist,  der  ist  in  der  Sprache  der  klassischen  und  nicht- 
klassischen alten  Schriften,  ^  h  i  Ö  n,  und  wird  ein  ^  -^ 
Kiün  Tse  genannt,  was  soviel  bedeutet  wie  fürstliche,  edle  Person. 
Und  wer  die  höchste  Stufe  der  Weisheit  und  Tugend  erreicht, 
also   Heiligkeit   besitzt,    ist,    wie   wir   gesehen    (S.  57),    täßn, 


72 

tä'ing  oder  sing,  ein  Sen  oder  Gott.  Es  versteht  sich  von 
selbst,  daß  solche  heilige  Personen  in  erster  Linie  die  Männer 
sind,  die  das  Tao  des  Menschen  auf  Erden  stifteten,  also  die 
ältesten  Herrscher  der  chinesischen  Überlieferung,  die  ^  ^ 
Fu'-hi,  f^^  Sön-nung,  ^  Huang,  Jao,  Sun,  wie  auch 
der  große  Jü,  der  die  Hia- Dynastie  gründete;  sie  alle,  so 
glaubten  die  Chinesen  jeder  Zeit,  verdankten  ihren  Thron  von 
Himmels  Gnaden  lediglich  nur  ihrer  hohen  Vollkommenheit  im 
Tao.  Heihg  ist  natürlich  auchT'ang,  der  Gründer  der  Sang- 
Dynastie,  sowie  dessen  Ratgeber  I-jin,  denn  man  weiß  es 
ganz  bestimmt  aus  des  letzteren  eigenem  Munde  durch  das  §u 
(s.  S.  70),  daß  beide  die  höchste  Tugend  besassen,  und  T*^ang 
auch  gerade  auf  Grund  seiner  Vollkommenheit  durch  den  Himmel 
zum  Kaiser  erkoren  wurde.  Endlich  sind  auch  heihg  die  beiden 
Stifter  der  ^  Tsou-Dynastie  (12.  Jahrh.  v.  Chr.),  ^  W6n 
und  "^  Wu,  denn  sonst  wäre  auch  ihnen  nicht  der  Thron 
vom  Himmel  anvertraut.  Es  ist  fast  unnötig  zu  sagen,  daß 
unter  allen  Heihgen  Chinas  Konfuzius  die  erste  Stelle  einnimmt. 
Ist  ihm  und  seiner  Schule  doch  die  großartige  Schöpfung  der 
heihgen  klassischen  Bücher  zu  danken,  durch  welche  die  Mensch- 
heit die  Lehren  und  Taten  der  Heiligen  und  Ahnen  uralter 
Zeit  kennen  lernen  kann,  und  die  ihr  also  der  einzige  und  un- 
schätzbare Wegweiser  zur  Weisheit  und  Tugend  sind.  Überdies 
sind  durch  die  klassischen  Schriften  Aussprüche  seiner  Jünger 
überliefert,  die  ausdrücklich  seine  Heiligkeit  bekunden.  Wir  lesen 
nämlich  in  Menzius  (Buch  ^^^  Kung-sun  Ts'ou,  I,  2), 

Ts6-kung  sprach:  „Du  studierst  immerzu  ohne  Überdruß:  das  ist  der  Be- 
weis, daß  du  weise  bist.  Du  unterrichtest,  ohne  müde  zu  werden;  das  zeigt, 
daß  du  Menschenliebe  hast.  Menschenliebe  und  dazu  Weisheit  —  o  Meister, 
du  bist  heilig."  Und  Jiu-zo*  sprach:  „Ein  Heiliger  überragt  seinesgleichen 


73 

wie  hohe  Halme  (?  Garben?)  niederes  Gras  (Stoppeln?);  aber  seit  der  Ent- 
stehung" des  Volks  hatte  noch  niemand  eine  höhere  Vollkommenheit  als  Kon- 
fuzius." In  der  großsprecherischen  Hymne,  die  sein  Enkel  Tsö-sß 
Konfuzius  im  Tsung  Jung  widmet,  nennt  er  ihn  ^^  Tßi- 
sing,  den  überheiligen;  das  ist  in  China  der  gebräuchhche  Ehren- 
titel des  großen  Weltweisen  geblieben  bis  auf  den  heutigen  Tag. 

An  Heiligkeit  kommt  nach  Konfuzius  sofort  der  Mßng 
Ts6;  der  Verfasser  des  umfangreichen  klassischen  Buches,  das 
als  Titel  seineA  Namen  führt  und  an  Weisheit  und  Lehren  der 
Alten  ganz  besonders  reichhaltig  ist.  -Ihn  pflegt  man  daher  als 
S5  ae  .i^  Sing,  den  zweitgrößten  Heiligen,  ZU  bezeichnen.  Heihg 
sind  auch  die  drei  größten  Jünger  des  Konfuzius:  ^[^  Jon 
Hui,  "^-^  Tseng  Tse  und  K'ung  Ki'  oder  Tsö-sß 
(s.  S.  25),  der  angebliche  Verfasser  des  Tsung  Jung.  Die 
übrigen  Jünger  des  Meisters  gelten  entweder  als  Kiün  TsS 
(S.  71)  oder  bloß  als  Z  u.  Gelehrte  (S.  65). 

Wie  im  zweiten  Kapitel  schon  aus  vielen  Textstellen  klar 
hervorgegangen  ist,  findet  in  den  alten  Schriften  der  Ausdruck 
Sing,  Heiliger,  SO  häufig  Anwendung  auf  Herrscher,  daß  man 
zu  der  Annahme  gelangen  muß,  daß  Sing  in  der  klassischen 
Zeit  überhaupt  als  eine  allgemeine  Bezeichnung  für  Herrscher 
gilt.  Diese  Annahme  entspricht  auch  durchaus  der  chinesischen 
Aufikssung;  denn  man.  sagt  sich,  wen  der  Himmel  überhaupt 
auf  dem  Throne  duldet  und  schützt,  der  muß  in  sich  schon 
den  allerhöchsten  Grad  von  Weisheit  und  Tugend  vereinigen. 
Kuan  Tse  (Buch  18,  bezw.  Kap.  57)  schreibt:    ^^  M  A 

-{g^;    der    Sohn    des    Himmels    ist    ein    heiliger    Mensch.      Und     in     den 

Schriften  von  Ho'  Kuan  Tse  (Kap.  10)  lesen  wir:  Jl  ^^ 
M^^^^W^^^'^  derjenige,  der  der  Höchste  ist  an 
Weisheit  und  Tugend  (Hi6n),  ist  der  Sohn  des  Himmels;  die  nächstfolgenden 
an  Weisheit  und  Tugend  sind  seine  drei  ersten  Minister. 

Bis  auf  den  heutigen  Tag  läßt  der  Himmel  ständig  einen 
Heiligen  in  des  Reiches  Hauptstadt  thronen,  dessen  himmlischer 


74 

Auftrag  es  ist,  das  Tao  des  Himmels  zu  dem  Tao  der 
Menschen  umzugestalten,  und  zwar  durch  eine  Regierung,  welche 
sich  getreu  an  die  Weisheit  der  alten  heihgen  Bücher  hält, 
ferner  durch  sein  persönliches  vollkommenes  Verhalten  und 
durch  die  ständige  Kundgebung  seines  heiligen  Willens.  Darum 
heißen  seine  Befehle  ^^  sing  Tsi,  heilige  Weisungen,  seine 
Erlasse   ^^  sing  Jü,  heilige  Befehle,  USW. 

Der  Heilige,  der  vollkommene  Mensch,  besitzt  natürlich 
eine  vollkommene  S  ö  n  oder  Seele,  d.  h.  seine  Seele,  sein  Geist 
gleicht  an  Art  völlig  den  sonstigen  S  ö  n  oder  Gottheiten,  deren 
Gesamtheit  das  Jang  des  Weltalls  ausmachen;  mit  anderen 
Worten,  er  ist  selbst  eine  Gottheit.  Diese  Anschauung  findet 
sich  in  den  klassischen  Schriften  ausdrücklich  bestätigt.  Men- 
zius  (Buch  ^ii^  Tsin  Sin,  H)  sagt:    Üffil^'^^:^^ 

j^gBJjlffl;   wessen  Heiligkeit  man  nicht  begreifen  kann,  der  ist  ein  Gott. 

Ganz  besonders  befaßt  sich  mit  dem  Wesen  der  Heiligkeit 
und  des  Heiligen  das  Tsung    Jung.     Da  steht  geschrieben: 

z-mmf\i^^mmm.i^m'PM:.mA\ä.om 

mMz.mmz.nnzi^^^)- 

Heiligkeit  ist  das  Tao  des  Himmels,  heilig  werden  und  heilig  machen 
das  Tao  des  Menschen.  Zur  Heiligkeit  gelangt  man  nur  ohne  Anstrengung; 
man  erlangt  sie  nur  unbewußt,  und  wer  das  Tao  ohne  Streben  erreicht,  ist 
der  heilige  Mensch.  Man  wird  dadurch  heilig,  daß  man  das  Gute  erwählt 
und  dann  fest  am  Guten  hält,  (zu  diesem  Zwecke)  umfassende  Studien 
darüber  macht,  es  durchforscht  und  danach  fragt,  sorgfältig  darüber  nach- 
denkt, es  vernunftgemäß  prüft  und  ernsthaft  übt. 

m^Tmmi^mitommzM:nmM 


75 

In  dieser  Welt  kann  nur  der  Überheilige  (wie  Konfuzius)  andere  zn 
höherer  Bildung  bringen.  Das  Tao  des  Überheiligen  ermöglicht  es  ihm, 
die  Zukunft  zu  kennen.  Wenn  das  Herrscherhaus  seiner  Blütezeit  entgegen- 
geht, so  erscheinen  bestimmt  gute  Vorzeichen,  böse  dagegen,  wenn  ihm 
der  Untergang  bevorsteht.  Solche  Vorzeichen  lassen  sich  durch  Schafgarbe 
oder  durch  die  Schildkröte  erkennen,  oder  durch  außerordentliche  Zuckungen 
an  den  vier  Gliedmaßen;  aber  wenn  Schlimmes  oder  Gutes  kommen  wird, 
so  weiß  solch  ein  Heiliger  das  eine  sowohl  als  das  andere  im  voraus.  Aus 
diesem  Grunde  ist  der  Überheilige  den  Göttern  gleich. 

tw  m,  #  :s  ii  ifco  -^  ^1»  ft  ^  i:  m  (§  2ö). 

Der  Heilige  ist  der,  welcher  sich  von  selbst  vollkommen  macht;  sein 
Tao  ist  das  Tao  der  Spotaneität.  Aber  nicht  bloß  vervollkommnet  der 
Heilige  sich  selbst  spontan,  sondern  er  vervollkommnet  auch  die  lebenden 
Wesen  dadurch.  Sich' selbst  vervollkommnet  er  aus  Liebe  zur  Menschheit, 
und  andere  Wesen  durch  seine  Weisheit,  denn  diese  Menschenliebe  und 
diese  Weisheit  sind  die  Tugenden  (Te*)  seiner  Natur  (Sing).  Sein  Tao 
ist  also  ein  Tao,  das  sowohl  nach  innen  (auf  ihn  selbst)  wirkt  als  nach 
außen  (auf  andere). 

Wer  so  ist,  der  kann  unwahrnehmbar  bleiben  und  doch  seinen  Ein- 
fluß offenbaren;  er  kann,  ohne  sich  zu  rühren,  Umwälzungen  hervorrufen, 
und  ohne  sich  zu  regen  Werke  vollbringen. 

Gewaltig  ist  des  Heiligen  Tao!  Ist  es  nicht  ein  Meer  der  Meere? 
Den  Zehntausenden  von  Wesen  und  Dingen  verleiht  es  Werden  und  Er- 
halten. Bergesgleich  gipfelt  seine  Erhabenheit  im  Himmel.  Unermeß- 
lich ist  seine  Größe!  Die  dreihundert  Hauptzeremonien  für  das  mensch- 
liche Zusammenleben,  die  dreitausend  Regeln  für  das  Benehmen  warten, 
bis  der  Mensch   erscheint   (der   dieses  Tao   besitzt),   um   dann   in  Wirkung 


76 

zu  treten.  Und  deshalb  sage  ich:  ohne  die  (Pflege  der)  höchsten  Tugend 
(Te')  wird  das  Tao  nicht  Wirklichkeit !  Und  darum  ist  für  den  KiünTse 
das  höchste  Ziel,  daß  seine  Natur  sich  Tugenden  aneignet  und  sein  Tao  also 
im  Studium  besteht;  er  dehnt  dieses  Studium  möglichst  weit  und  er- 
schöpfend sogar  bis  in  die  feinsten  Kleinigkeiten  aus;  dadurch  führt  er 
seine  Intelligenz  zum  höchsten  Höhepunkt  hinauf  und  bewegt  sich  dann 
auf  dem  Wege  zum  Tsung  Jung. 

Die  Bedeutung  dieses  Ausdrucks  pfl  ^  Tsung  Jung, 
der  auch  dem  ganzen  heiligen  Buche  als  Titel  beigelegt  wurde, 
ist  unsicher  und  Gegenstand  vielen  Streits  im  Gelehrtentum 
gewesen.  Zumeist  wird  er  in  seiner  buchstäblichen  Bedeutung 
„Anwendung  der  Mitte"  aufgefaßt,  ohne  daß  es  den  Ge- 
lehrten gelungen  ist,  die  Bedeutung  dieser  „Mitte"  in  befrie- 
digender Weise  klarzustellen;  nach  dem  allgemeinen  Glauben 
soll  sie  eine  Art  seelischen  Gleichgewichts  vorstellen.  Jedoch 
obenstehender  Auszug  zeigt  klar,  daß  sie  die  Vervollkommnung 
andeutet,  zu  welcher  die  Entwicklung  der  Tugend  und  der  In- 
telhgenz  den  Menschen  bringt,  also  den  Zustand,  der  zur  Heilig- 
keit führt  oder  schon  die  Heihgkeit  selbst,  das  Tao,  ist;  des- 
halb ist  gewiß  die  Frage  berechtigt,  ob  diese  „Mitte"  oder  pjl 
Tsung  nicht  das  auf  S.  40  erwähnte  */1^  oder  ^  Tsung, 
also  schlechthin  die  Naturtugend  der  „Leere"  oder  Leiden- 
schaftslosigkeit von  L  a o  T  s 6  und  Tsuang  Tsö  vorstellt,  die 
ebenfalls  zur  Heiligkeit  führt  oder  diese  selbst  ist.  In  der  Tat 
steht  es  deutlich  und  klar  im  Tsung  Jung  (§1)  geschrieben: 

TzmM:i^om^m.^i«i^M.n<^'^M 

Der  Zustand,  in  dem  Freude  und  Zorn,  Leid  und  Vergnügen  noch  nicht  er- 
weckt sind,  heißt  pQ  Tsung;  sind  sie  erweckt,  und  wird  trotzdem  ihre 
Bezwingung  erzielt,  dann  heißt  das  Harmonie.  Tsung  ist  das  große  Prin- 
zip dieser  Welt,  und  Harmonie  ist  das  alles  durchdringende  Tao  der  Welt. 
Führt  man  das  Tsung  und  die  Harmonie  bis  zum  höchsten  Grade  hinauf, 
dann    werden    Himmel    und    Erde  fest    an    ihrer    Stelle    bleiben,    und    da- 


77 

durch  werden   die   zehntausend  Wesen  uni  Dinge  geschaffen  und  erhalten! 

Wenn  also,  wie  wir  hier  lesen,  Täung  das  Ruhen  der  Lei- 
denschaften bezeichnet  und  so  hohe  sittliche  Kraft  verleiht, 
daß  sie  das  Universum  in  seiner  schöpferischen  Bahn  zu  halten 
vermag,  dann  können  wir  fürwahr  nicht  umhin,  darin  die 
T  s  u  n  g  oder  Leerheit  zu  erkennen,  die  große  taoistische  Natur- 
tugend, die  den  Menschen  zur  Heihgkeit  und  Allmacht  führt. 
Und  angesichts  der  Tatsache,  daß  die  Bücher  für  das  Studium 
und  die  Pflege  des  Tao  der  Heiligkeit  die  klassischen  Bibeln 
des  Konfuzianismus  sind,  und  unter  diesen  das  Tsung  Jung 
kräftiger  als  alle  anderen  die  taoistische  Lehre  der  Vervoll- 
kommnung und  Göttlichkeit,  der  Allwissenheit  und  übernatür- 
lichen Macht  vertritt,  welche  durch  die  taoistischen  Tugenden 
der  Spontaneität,  Leidenschaftslosigkeit  und  Regungslosigkeit 
erreicht  werden,  —  da  kann  es  uns  keineswegs  verwundern, 
daß  gerade  dieses  Tsung  Jung  unter  den  klassischen  Büchern 
sehr  hoch  angeschrieben  ist,  und  daß  seinem  Verfasser  eine 
Stelle  unter  den  vier  Heiligen  der  konfuzianischen  Schule  zu- 
erkannt ist. 

Also  erkennt  die  Lehre  des  Konfuzius,  ebensowohl  wie 
der  Taoismus  oder  Universismus,  die  Einschränkung  und  Ruhe 
der  Leidenschaften  als  das  große  Hauptmittel  zur  Erreichung 
des  Tao  der  Tugend,  Weisheit  und  Macht.  Das  Tsung  Jung 
verbreitet  sich  jedoch  nicht  über  die  Art  und  Weise,  wie  diese 
Einschränkung  geschehen  soll.  Aber  in  einem  anderen  klassi- 
schen Buch,  dem  uns  bekannten  Li  J u n,  ist  ein  System  darüber 
aufgestellt,  das  von  Konfuzius  selbst  herrühren  soll.  Wie  wir 
schon  auf  S.  26  gesehen  haben,  erklärte  dieser  Weise,  daß  die 
Herrscher  in  alter  Zeit  vom  Himmel  selbst  das  Tao  in  der 
Gestalt  von  Lebensregeln  oder  Li  empfingen  und  mittels  der- 
selben die  Leidenschaften  der  Menschen  beherrschten  und  re- 
gelten. Damit  ist  eine  strenge  Durchführung  dieser  heiligen, 
klassischen  L  i  im  sittUchen,  religiösen,  häuslichen  und  sozialen 


78 

Leben  der  chinesischen  Regierung  als  hohe  Pflicht  für  alle 
Zeit  auferlegt.  Und  so  war  immer  das  Ministerium  der  L  i,  das 
seit  verschiedenen  Jahrhunderten  den  Namen  jj^  ^  L  i  P  u 
führt,  von  selbst  eines  der  allerwichtigsten  Staatsinstitute  und 
unter  den  zwei  letzten  Dynastien  das  vornehmste  der  sechs 
Pu.  Ebenso  wie  die  Li  selbst,  ist  es  eine  Institution  des  Uni- 
versismus. 

Aber  nicht  bloß  durch  die  Li  und  die  Tugenden,  welche 
sie  erzeugen,  soll,  dem  Li  Jun  zufolge,  die  Zügelung  der 
Leidenschaften  erreicht  werden.  Noch  eine  Reihe  anderer  Tu- 
genden muß  man  zu  diesem  Zwecke  pflegen  und  üben.  Im 
2.  Kapitel  lesen  wir: 

zAmoooMAzmm^ä'tm.i^-^m.m 

Welches  sind  die  menschlichen  Leidenschaften?  Es  sind  Freude,  Zorn,  Leid, 
Angst,  Liebe,  Abscheu,  Begierde.  Da  bedarf  es  erst  keines  Studiums,  daß 
diese  Sieben  ihre  Macht  ausüben.  Welches  sind  nun  die  menschlichen 
Pflichten?  Es  sind  Vaterliebe,  Unterwürfigkeit  und  die  anderen  Pflichten 
des  Kindes  gegenüber  den  Eltern;  Sanftmut  des  älteren  Bruders  gegenüber 
den  jüngeren,  Folgsamkeit  des  jüngeren  Bruders  gegenüber  den  älteren; 
Pflichtgefühl  des  Mannes  gegenüber  der  Ehefrau,  Gehorsamkeit  seitens  der 
Frau  ihrem  Manne  gegenüber;  Wohlwollen  der  Älteren  gegenüber  den 
Jüngeren,  Willfährigkeit  der  Jüngeren  gegenüber  den  Älteren;  Menschen- 
liebe des  Fürsten,  Treue  des  Untertans;  —  das  sind  die  zehn  Pflichten  der 
Menschen.  Der  Heilige  (der  Herrscher)  regelt  die  sieben  Leidenschaften, 
indem  er  die  zehn  Pflichten  fördert,  indem  er  Treue  und  Folgsamkeit  pre- 
digt, Eintracht  pflegt,  Sanftmut  und  Nachgiebigkeit  hochhält,  dagegen  Zwist 
und  Raub  aus  der  Welt  schaff't.  Wie  soll  er  jedoch  diese  Aufgabe  voll- 
bringen, wenn  er  die  Li  außer  Acht  läßt? 

SchließHch  spricht  eins  der  Bücher  des  Li  Ki,  das  ^ 
gß  Jo  Ki,  Schriften  über  Musik,  im  1.  Kapitel  die  Forderung  aus, 
die  Leidenschaften  mit  Hilfe  der  Musik  zu  bändigen: 


79 

^^^ffiiÄ>^^>SjE'tfc'  ^^®  früheren  Herrscher  re- 
gelten die  Li  und  die  Musik,  und  die  Menschen  bezwangen  infolgedessen 
ihre  Leidenschaften.  Sie  lehrten  mittels  der  Li  und  der  Musik  das  Volk, 
seine  Vorlieben  und  Abneigungen  im  Gleichgewicht  zu  halten  und  in  die 
wahre  Richtung  des  menschlichen  Tao  zurückzukehren. 

Da  der  Kaiser  heilig  ist,  ist  er  ein  Gott,  und  seine  Re- 
gierung ist  daher  eine  göttliche.  Er  ist  aber  viel  mehr  als  ein 
gewöhnlicher  Gott,  denn  wir  haben  im  Su  gelesen  (S.  70),  daß 
der  Himmel,  als  er  T '  a  n  g  für  den  Kaiserthron  erkor,  ihn  zum 
W$i  §ön  Tsu,  zum  Herrn  der  Götter,  machte.  Also  hat  der 
Kaiser,  infolge  eines  unumstößlichen  klassischen  Dogmas,  eine 
Stelle  über  den  Göttern  inne,  und  kein  anderer  Gott  steht  über 
ihm  außer  dem  Himmel,  seinem  Vater  und  der  Erde,  seiner 
Mutter,  deren  Zusammenwirkung  er,  wie  jedes  lebende  Wesen, 
seine  Entstehung  verdankt. 

Dieser  Lehre  entsprechend,  trifft  der  Kaiser  die  Ent- 
scheidung darüber,  welche  Götter  Verehrung  genießen  sollen. 
Er  ernennt  neue,  erteilt  ihnen  Ehrennamen,  erhöht  ihren  Rang, 
oder  setzt  sie  ab  und  verbietet  ihre  Verehrung.  Die  Rache  der 
betroffenen  Götter  braucht  er  hierbei  nicht  zu  fürchten,  denn 
auch  des  mächtigsten  Gottes  Macht  ist  nichts  im  Vergleich  zu 
der  des  Himmels,  nach  dessen  allerhöchstem  Willen  der  Sohn 
des  Himmels  die  Herrschaft  über  alles,  was  unter  dem  Himmel 
ist,  ausübt,  es  sei  denn,  daß  er  sich  infolge  Vernachlässigung 
der  kaiserlichen  Pflichten  oder  Verlust  seiner  Tugenden  den 
Schutz  des  Himmels  verscherzt.  Die  chinesischen  Geschichts- 
bücher aller  Zeiten  enthalten  viele  Beispiele,  daß  Mandarine  als 
Vertreter  der  kaiserlichen  Macht  sogenannte  '^  JJiß  Jin  So, 
ketzerische  Opferstätten,  zerstört  haben,  wobei  die  Götterbilder  zer- 
trümmert, die  Tempel  niedergerissen  und  sogar  die  Priester  ge- 
prügelt wurden.     Man   liest   auch   von  Fällen,  wo   diese  Maß- 


80 

nahüien  auf  direkten  kaiserlichen  Befehl  in  der  Hauptstadt  des 
Reichs  vollzogen  wurden.  Häufig  genug  werden  solche  Fälle 
erwähnt,  um  die  Annahme  zu  rechtfertigen,  daß  sie  im  Laufe 
der  Jahrhunderte  an  der  Tag^ordnung  gestanden  haben. 

Genau  wie  ein  ältester  Sohn  im  gewöhnlichen  Leben  Ver- 
körperung und  Fortsetzer  der  Seele,  des  Geistes  und  des  Willens 
seines  Vaters  ist,  so  ist  jeder  Kaiser  die  Verkörperung  des 
himmHschen  Ta  o.  Der  Titel  ^-^  T'iönTse,  Sohn  des  Himmels, 
den  die  Kaiser  bereits  seit  den  ältesten  uns  bekannten  Zeiten 
tragen,  besagt  daher,  daß  der  Kaiser  nicht  nur  von  Himmels 
Gnaden,  sondern  auch  als  Verkörperung  der  Seele  des  Himmels 
das  ganze  Weltall  regiert. 

Wohin  dieses  rehgiöse  und  politische  Dogma  notwendiger- 
weise weiter  führen  muß,  läßt  sich  leicht  verstehen.  Wenn  der 
Kaiser  seine  taoistischen  Obliegenheiten  gründlich  erfüllt,  indem 
er  sich  dem  T  a  o  des  Himmels  anpaßt  und  ihm  nachahmt,  und 
vermöge  seiner  hierdurch  erlangten  Tugenden  so  gut  und  er- 
folgreich regiert,  daß  das  Volk  glücklich  lebt,  dann  ist  er  all- 
mächtig wie  das  himmlische  Tao  selbst  und  thront  himmel- 
hoch über  seinen  Ministern  und  der  Menschenwelt  als  Mittler, 
durch  den  das  Tao  des  Himmels  seinen  Segen  auf  die  Welt 
überströmen  läßt.    Kuan  Tsö  schrieb: 

ffii  ^  W  iS  il  ^  "^^  (Buch  10,  bezw.  Kap.  30).  Das  Tao 
ist  dasjenige,  wodurch  der  Höchste  das  Volk  leitet.  Somit  entstrahlen  die 
segenspendenden  Wirkungen  (Te*)  des  Tao  der  Person  des  Fürsten;  seine 
Befehle  und  Anordnungen  übertragen  dieselben  auf  den  Reichs  Verwalter; 
von  diesem  werden  sie  als  Amtspflichten  dem  Beamtentum  auferlegt;  die 
Aufgabe  des  Volkes  besteht  wiederum  darin,  im  Einklang  mit  den  An- 
ordnungen der  Beamten,  seine  Arbeit  zu  verrichten.  Ein  Herrscher,  der 
im    Besitze    des    Tao   ist,    weiß    seine    Tugenden    (T  e')    in    der    wahren 


81 

Richtung  wirken  zu  lassen  und  durch  sie  das  Volk  zu  regieren,  ohne  daß 
dabei  von  Weisheit,  Macht,  Verstand  oder  Vernunft  die  Rede  zu  sein 
braucht. 

^ S  ^  T ffo^ ^  ^ i;,  ^  T ^W# rfij3E 

-tfco#^:Si:.  Ä*^g^  (B^ch  1,  bezw.  Kap.  2). 

Wer  die  ganze  Welt  als  Fürst  regieren  will,  aber  das  T  a  o  des  Himmels 
verliert,  dem  wird  das  Regieren  der  Welt  nicht  gelingen.  Hat  er  sich  aber 
das  T  a  o  des  Himmels  angeeignet,  dann  wird  dieses  Werk  ganz  wie  von 
selbst  vonstatten  gehen. 

z.mmmm^ZoiikB.Mi^^^AM 

^>l:5R^ÄA^#   (B-ioli   20,  bezw.   Kap.  64). 

Das  Volk  folgt  demjenigen,  der  das  Tao  besitzt,  gleichwie  der  Hungrige 
vor  allen  Dingen  Speise,  der  Frierende  Kleidung,  der  unter  Hitze  Leidende 
Schatten  sucht.  Wer  das  Tao  besitzt,  zu  dem  nimmt  das  Volk  seine  Zu- 
flucht; wer  aber  ohne  Tao  ist,  den  läßt  das  Volk  im  Stich.  Deshalb 
sage  ich:  wen  das  Tao  verläßt,  zu  dem  kommt  niemand;  zu  wem  aber  das 
Tao  gekommen  ist,  den  verläßt  niemand. 

Die  gleiche  Lehre  ist  im  Tao  T  e '  King  in  dem  folgen- 
den Vers  ausgesprochen : 

Wer  am  höchsten  Vorbild  (am  Tao)  festhält,  zu  dem  geht  alle  Welt;  geht 
sie  zu  ihm,  dann  ist  sie  außer  dem  Bereich  des  Bösen  und  genießt  größte 
Ruhe  und  Frieden. 

^3E^il^^.|l#I#i«(§  32).  wenn 
ein  Fürst  es  (sein  Tao)  zu  wahren  vermag,  dann  werden  die  zehntausend 
Wesen  von  selbst  sich  zu  ihm  begeben. 

Das  S  u  überhefert  verschiedene  Ermahnungen,  die  an  re- 
gierende Kaiser  gerichtet  wurden  und  die  sich  nur  aus  der  ge- 
schilderten Anschauung  heraus  verstehen  lassen.  So  sprach  im 
23.  Jahrhundert  vor  unserer  Zeitrechnung  zum  großen  J  ü  sein 
Ratgeber  Ji'  (Ratschläge  des  Jü):    g  M  ^>  i^  "T*  W  itt 

^  ^ ;    handle  niemals   wider    das   Tao    und    erwirb    dir    dadurch    den 
De  Groot,  Universismus.  6 


82 

Schutz,  den  das  Lob  des  Volks  gewährt.  Fünf  Jahrhunderte  später, 
nach  dem  Sturz  der  Hia-Dynastie,  empfing  T  'ang,  der  Gründer 
des  neuen  Herrscherhauses,  von  einem  Minister  eine  Reihe  Er- 
mahnungen,  die  mit  dem  folgenden  Rat  schloß  (Buch  ^PJJ  J^ 

;^f^,   Ansprache  des  Tsung-hui):   ^M^^^W^"^^^ 

Achte  und  ehre  das  T  a  o  des  Himmels,  und  für  alle  Zeiten  wirst  du  (deinem 
Hause)  die  Vollmacht  des  Himmels  sichern.  Um  1323  v.  Chr.  sprach 
zum  Kaiser  ^~J^  Wu-ting  einer  seiner  Minister  (Buch  g^ 
^  JuS'-ming,  II):  59  J^  $  ^  ^  ^,  der  weise  Herrscher 
nimmt  ehrfurchtsvoll  das  T  a  o  des  Himmels  in  Empfang  und  handelt  in 
Einklang  mit  demselben.  Schließlich  seien  noch  die  Worte  erwähnt, 
die  ein  Minister  an  den  Kaiser  Wu,  den  ersten  Herrscher  des 
Hauses  Tsou,  richtete  (Buch  Jß^  LüNgao):    ^>  ]?X  ^ 

^^  ^^  IM  ^";fö>,  laß  deinen  Willen  in  friedlichem  Einklang  mit  dem 
T  a  o,  deine  Worte  in  Übereinstimmung  mit  dem  T  a  o  sein. 

Eine  vortreffliche  und  feste  Regierung  bedeutet  also  nach 
chinesischer  Auffassung  die  Herrschaft  des  Tao  des  Himmels 
auf  Erden;  .  daher  gebrauchen  die  klassischen  und,  anderen 
Schriften,  wenn  von  guter  Regierung  die  Rede  ist,  den  Ausdruck 
H  '^  S'  ®^  herrscht  T  a  o  im  Staate,  und  umgekehrt  |^  fß^  ^, 
es  mangelt  an  Tao  im  Staate.  Das  T  a  0  konzentriert  sich  also  zu- 
nächst in  der  Person  des  Herrschers,  dessen  Thron  sich  nur  infolge 
dessen  durch  die  Unterstützung  des  Himmels  aufrecht  erhalten 
kann ;  vom  Herrscher  soll  es  auf  die  Beamtenschaft  übergehen,  das 
heißt,  er  soll  ihr  Weisungen  und  Befehle  erteilen,  die  bloß  dem 
Tao  der  heihgen  Bücher  entsprechen,  und  die  Beamten  sollen 
mittels  dieser  Weisungen  eine  segensreiche  Verwaltung  über  das 
Volk  führen.  Auf  diese  Weise  richtet  sich  alles  nach  dem  "^  ^, 
dem  großen  Vorbilde  der  Natur,  die  auch  durch  die  Mittlertätigkeit 
der  Erde  die  Segnungen  des  Himmels  den  lebenden  Wesen 
spendet,  und  somit  sagt  Kuan  Tsö   (Buch  15,  bezw.  Kap. 45): 

O !  der  Herrscher  vertritt  den  Himmel,  die  Beamtenschaft  die  Erde,  und  das 


83 

Volk  stellt  die  ganze  lebendige  Welt  dar.  Wenn  die  Regierung  genau 
so  dem  Weltall  gleicht,  dann  wird  alles,  was  lebt  und  atmet, 
sich  ebenso  schweigsam  dem  Kaiser  und  seinen  Mandarinen 
unterwerfen  wie  der  schöpferischen  und  alles  ernährenden 
Wirkung  des  Himmels  und  der  Erde  —  das  ist  das  unerschiltter- 
liche  Gesetz  des  Tao  des  Menschen,  so  unerschütterlich  wie 
die  Tatsache,  daß  das  Weltall  aus  Himmel,  Erde  und  lebenden 
Wesen  besteht. 

Weiter  folgt  aus  dieser  universistischen  Staatsauffassung, 
daß  dem  hohen  Träger  des  himmlischen  Tao  der  unbedingte 
Gehorsam  der  gesamten  Erde  gebührt.  Es  spielen  also  nach 
chinesischer  Auffassung  andere  Herrscher  außer  dein  cliiiiesischen 
Kaiser  nur  die  Rolle  von  Vasallenfürsten  oder  Siiittl  *...L^i.n;  sogar 
die  mächtigsten  Herrscher  des  Abendlandes  sind  dem  Kaiser 
von  China  Gehorsam  und  Untertänigkeit  schuldig,  und  wenn  sie 
das  nicht  einsehen,  liegt  es  wohl  daran,  daß  sie  weder  das  Tao 
des  Weltalls,  noch  das  Tao  der  Menschheit  kennen.  Nichts- 
destoweniger ist  die  absolute  Oberhoheit  des  Sohnes  des  Himmels 
über  die  ganze  Welt  das  höchste  Grundprinzip  der  chi- 
nesischen Staatsphilosophie,  und  sie  ist  eine  Oberhoheit,  genau 
so  absolut  wie  die  Oberhoheit  des  Himmels  im  Weltall,  der  sich 
die  Erde  und  alles,  was  sie  trägt  und  gebärt,  bedingungslos 
unterwirft. 

Dem  Staatsprinzip  der  unbeschränkten  kaiserlichen  Ge- 
walt gab  Kuan  Tsö  in  den  folgenden  Worten  Ausdruck 
(Buch  15,  bezw.  Kap.  45): 

#i:  Ä  ^;f  Ht  i^i  ##^> »  E  Wo  ^  # 

±nmum.it7^ZM:^ 

6» 


84 

Jeder  ist  in  seine  amtliche  Stelle  eingesetzt,  um  auf  die  Befehle 
des  Fürsten  zu  warten;  wie  könnte  es  da  Staatsdienern  oder  Männern  aus 
dem  Volke  einfallen,  daß  jeder  nach  eigenem  Belieben  seine  private  Will- 
kür herrschen  ließe!  Darum  bleibt  von  Schuld  und  Strafe  jedermann  frei, 
der  nach  dem  Willen  des  Herrschers  handelt,  auch  wenn  er  diesem  dadurch 
Unheil  zufügt  oder  ihn  gar  zugrunde  richtet;  wer  aber  nicht  nach  den  Be- 
fehlen des  Herrschers  handelt,  der  verdient  Todesstrafe,  sogar  wenn  er  Er- 
folge erzielt  hat,  die  im  Interesse  des  Herrschers  sind.  Daher  müssen  die 
Untertanen  ihren  Vorgesetzten  dienen,  wie  das  Echo  der  Stimme  entspricht; 
daher  müssen  die  Staatsdiener  dem  Gebieter  dienen,  wie  der  Schatten  dem 
Körper  folgt;  wenn  so  die  Vorgesetzten  befehlen  und  die  Untertanen  ihren 
Befehlen  nachkommen,  und  die  Staatsdiener  sich  nach  dem  Benehmen  des 
Herrschers  richten,  so  ist  das  das  Tao  der  Regierung. 

Diese  dem  Himmel  entlehnte  kaiserliche  Autokratie  ist 
tatsächlich  ohne  Grenzen  und  Einschränkung.  Besonders  klar 
kommt  sie  im  Grundsatz  zum  Ausdruck:  ^  ^  7^  ^  ^, 
der  Sohn  des  Himmels  ist  Eigentümer  von  allem,  was  unter  dem  Himmel  ist. 
Seine  Beamten  und  Untertanen  sind  tatsächlich  seine  Sklaven; 
ihr  Leben,  Hab  und  Gut  sind  sein  Eigentum,  und  er  darf  dem- 
gemäß nach  Belieben  jederzeit  ihre  Besitzungen  sich  aneignen. 
Hunderttausende  von  Menschen  mußten  in  allen  Epochen  der 
chinesischen  Geschichte  auf  kaiserlichen  Befehl  Frohndienste 
leisten  —  auf  diese  Weise  entstanden  Chinas  Paläste,  Festungen, 
Mauern  und  Wälle,  Tempel  und  Altäre  der  Staatsreligion  und 
Grabdenkmäler.  Bis  zum  jetzigen  Augenblick  herrscht  in  China 
ein  System  der  Besteuerung,  das  unseren  Ansichten  nach,  mehr 
oder  weniger  auf  Erpressung  und  Konfiszierung  hinauskommt. 
„Squeeze"  nennen  die  Ausländer  in  China  dieses  System,  ohne 
indes  den  durchaus  berechtigten  universistischen  Gedanken  zu 
begreifen,  der  ihm  zugrunde  liegt. 

Aus  den  universistischen  Voraussetzungen  ergibt  sich 
auch,  daß  für  den  Chinesen  zwischen  der  himmlischen  Person 
des  Kaisers  und  allen  übrigen  Menschen,  selbst  den  höchsten 
und  ersten  Ministern,  ein  gerade  so  ungeheurer  Abstand  liegt 
wie  zwischen  Himmel  und  Erde.    Wenn  immer  Minister,  und 


85 

seien  es  die  höchsten,  in  Gegenwart  des  Kaisers  erscheinen, 
Befehle  von  ihm  in  Empfang  zu  nehmen  oder  ihm  Glückwünsche 
darzubringen  haben,  so  sind  sie  genau  wie  der  gemeinste  Un- 
tertan des  Reiches  verpflichtet,  die  höchste  Huldigung  darzu- 
bringen, die  China  kennt,  und  die  gleichzeitig  auch  die  Form 
der  Götterverehrung  ist,  nämlich  den  dreifachen  Fußfall,  ver- 
bunden mit  dem  neunfachen  Stirnaufschlag,  dem  K'o-tVo.  Diesen 
ungeheuren  Abstand  kann  der  Kaiser  durch  seine  Gnade  über- 
brücken, grundsätzlich  soll  er  aber  gewahrt  bleiben,  denn  so 
will  es  das  T  a  o  der  Welt. 

So  stellt  sich  die  kaiserliche  Regierung  Chinas  dar  als 
höchstes  Institut  des  Tao  der  Menschheit,  als  eine  Schöpfung 
der  Weltordnung,  als  eine  Maschine,  die  dazu  bestimmt  ist,  die 
Menschheit  mittels  weiser  Maßnahmen  und  Gesetze  im  Tao  zu 
leiten,  in  der  allein  richtigen  Bahn,  in  der  sich  das  Universum 
selbst  bewegt.  Die  Bibeln  dieses  Regierungssystems  sind  die 
klassischen  konfuzianischen  Bücher,  die  als  das  Erzeugnis  der 
universistischen  Weltanschauung  gelten;  und  auch  aus  dieser 
Tatsache  ergibt  sich,  daß  die  konfuzianische  Regierung  Chinas, 
wie  sie  seit  der  Han-Zeit  existiert  hat,  eine  universistische  Re- 
gierung ist. 


Viertes  Kapitel, 


Heiligkeit  durch  Askese  und  Absonderung  ron  der  Welt. 
LebensYerlängerung,  Exorzismus,  Heilkunde. 

Aus  den  klassischen  Büchern  des  Konfuzianismus  und 
den  Schriften  der  Erzväter  des  Taoismus  haben  wir  in  den 
beiden  vorhergehenden  Kapiteln  eine  Reihe  von  Textauszügen 
angeführt,  die  in  voller  Klarheit  zeigen,  daß  in  dem  langen 
Zeitraum,  welcher  diese  Dokumente  hervorgebracht  hat,  eine 
starke  Neigung  zur  Askese  vorherrschte.  In  der  Tat  war  der 
Zustand  der  Vollkommenheit,  Heiligkeit  oder  Göttlichkeit  nur 
zu  erreichen  durch  Loslösung  von  Leidenschaften,  Begierden 
und  Wünschen,  durch  Gleichgültigkeit  gegenüber  der  Lust  und 
Last  des  Daseins,  durch  Quietismus  und  Regungslosigkeit; 
notwendig  mußte  das  zur  Absonderung  von  der  menschlichen 
Welt  führen. 

Auf  einem  der  vielen  Blätter,  wo  T  s  u  a  n  g  T  s  6  die  hohe 
Bedeutung  der  Leerheit,  der  Stille,  des  Wu  Wei  usw.  bespricht, 
durch  die  auch  J  a  o  und  Sun  allervortrefflichst  regierten,  lesen 
wir  (Buch  5,  bezw.  Kap.  13):    ÜJijit  ^  M  M  ^  M  U  M 

j  1 1  i)K  J^  -^  HB  ;  aus  diesem  Grunde  ergaben  sich  (der  Pflege  des 
Tao)  die  Si,  welche  zurückgezogen  lebten  und  müßig  an  Flüssen  und 
Seen,  auf  Bergen  und  in  Wäldern  herumirrten.  Also  gab  CS  im  alten 
China  Einsiedler  und  Klausner;  jedoch  Tsuang  erklärt  nach- 
drücklich, daß  auch  ohne  Absonderung  von  der  Welt  Heiligkeit 


87 

zu  erlangen  sei,  wenn  nur  der  Mensch,  in  getreulicher  Befol- 
gung des  T  a  0  des  Weltalls, ,  davon  Abstand  nimmt,  seine  Tu- 
genden und  Vortrefflichkeiten,  seine  Person  und  seine  Weisheit 
wissentlich  und  wohlbewußt  zu  zeigen.  Wir  lesen  nämlich  in 
Buch  6,  bezw.  Kap.  16,  des  Nan-hua   täön    King: 

ffij  ^bJ-lfc.^  Ü  Ä  ^  tfij^H-tfc-  Das  Tao  hat  gar  keinen 
Anlaß  zur  Erstrebung  eines  hohen  Platzes  bei  der  Menschheit,  und  somit 
liat  auch  die  Menschheit  keine  Ursache,  sich  (durch  tätige  Anstrengung) 
zum  Tao  emporzuarbeiten.  Also  verbirgt  der  heilige  Mensch,  auch  wenn 
er  nicht  in  Bergwäldern  wohnt,  seine  Tugenden,  und  weil  seine  Tugenden 
verborgen  bleiben,  braucht  er  nicht  seinePerson  zu  verstecken.  Die  Menschen, 
welche  die  Alten  „S  i  der  Verborgenheit"  nannten,  die  haben  keineswegs 
ihre  Person  in  der  Verborgenheit  gehalten,  aber  sie  haben  sich  auch  nicht 
hervorgedrängt;  ihren  Mund  haben  sie  zwar  nicht  geschlossen,  aber  sie  haben 
sich  auch  nicht  geäußert;  ihre  Weisheit  haben  sie  nicht  versteckt  gehalten, 
jedoch  sie  haben  sie  auch  nicht  zur  Schau  gestellt. 

Tsuang  Tse  selbst  führte  das  zurückgezogene  Leben, 
das  er  in  seinen  Schriften  erwähnt.  Der  große  Geschichts- 
schreiber ^  il|  ^  Se-ma  Ts'iön  des  2.  Jahrh.  v.  Chr. 
schreibt  im  ^  gß  Si   Ki  (Kap.  63)  folgendes  von  ihm: 

mm^m^mw.mmmm.mz.mi>i 

zm'¥^omi^zmm.^B^mi>xAis: 
m.nmz^M'^nMm.M'^n^o'f-M 
^.mnn.n^mmnmz^^^.Mi^ 

^  ffl  *  ^Jf  ^o  ^  ^  :?i  ti: . « '^  ^  ^^  1  '^«"■^  ^'«' 

von  Ts'u  hatte  von  der  großen  Weisheit  und  Tugend  Tsuang  Tsou's 
gehört  und  sandte  einen  Boten  zu  ihm  mit  reichen  Gescheuken,  um  ihn 
zu  holen  und  ihm  die  Anstellung  als  Reichsverweser  zu  versprechen.  Aber 
Tsuang  Tsou   lachte    und    sprach   zum   Boten:    „Hast   du  allein   nie   den 


88 

Ochsen  gresehen,  der  für  das  Opfer  im  Vorstadtgelände  bestimmt  war?  Jahre- 
lang wird  er  gefüttert,  dann  mit  seidengestickten  Decken  behängt  und  in  den 
großen  Ahnentempel  geführt;  —  doch  wenn  die  Zeit  des  Opfers  gekommen 
ist,  dann  mag  er  wohl  wünschen,  lieber  ein  vereinsamtes  Schwein  zu  sein; 
aber  kann  dieser  Wunsch  in  Erfüllung  gehen?  Gehe  rasch  fort  von  mir, 
damit  nichts  (Stoffliches)  mich  besudle ;  wohl  will  ich  mich  (wie  ein  Schwein) 
im  schlammigen  Graben  gemütlich  ergehen,  aber  keineswegs  mir  vom  In- 
haber eines  Reiches  Zügel  anlegen  lassen.  Bis  an  mein  Lebensende  werde 
ich  jedes  Amt  von  der  Hand  weisen  und  so  gemächlich  meinem  eigenen 
Willen  folgen." 

Die  Schriften  des  TsuangTse  bieten  uns  auch  wissens- 
werte Einzelheiten  über  die  Art  und  Weise,  wie  die  Heiligkeits- 
sucher die  Erlösungsaskese  übten.  Wir  lesen  da  im  Buch  3, 
bezw.  Kap.  6: 

AZM:mmmAZ:^,^mmmz.}»:m 
M^nmA^oZ-m.iiimAZMi^mA 

Z^i'^S^o 

Nan-po'-tsö-kwei  sprach  zu  Nu -jü:  „Herr,  du  bist  so  alt  an  Jahren, 
und  doch  ist  deine  Hautfarbe  wie  die  eines  kleinen  Kindes,  wie  kommt 
das?"  Die  Antwort  lautete:  „Ich  habe  das  Tao  gelernt!"  Da  fragte  Nan- 
po'-tsö-kwei:  „Kann  man  das  Tao  erlernen?"  Da  erwiderte  jener:  „Ja, 
ja,  das  kann  man,  jedoch  du  bist  nicht  die  dazu  geeignete  Person.  Der 
Po'-liang-k'i,  der  hatte  die  Begabung  der  Heiligen,  allein  nicht  ihr  Tao; 
ich  dagegen  besitze  das  Tao  der  Heiligen,  jedoch  nicht  ihre  Begabung,  und 
ich  hatte  Lust  daran,  ihn  das  Tao  zu  lehren,  denn  wäre  dies  nicht  eine  schöne 
Gelegenheit,  ihn  wirklich  zu  einem  Heiligen  zu  machen?  Aber  dem  war  nicht 
so,  so  leicht  es  auch  ist,  vermittelst  des  Tao  der  Heiligen  einen,  der  die 
Begabung  der  Heiligen  besitzt,  zu  belehren. 

^m'^m^z^^B^m^mn^^ToB 


89 

„Also  überwachte  ich  ihn  und  ich  belehrte  ihn,  und  in  drei  Tagen 
war  er  imstande,  sich  der  Welt,  die  unter  dem  Himmel  liegt,  zu  entäußern. 
Nachdem  er  sich  dieser  Welt  entäußert  hatte,  überwachte  ich  ihn  abermals, 
und  nach  sieben  Tagen  hatte  er  sich  des  Stofflichen  entäußert.  Außerhalb 
des  Stoffs  angelangt,  überwachte  ich  ihn  von  neuem  neun  Tage,  und  da 
konnte  er  aus  seinem  lebenden  Dasein  heraustreten.  In  diesem  Zustande 
vermochte  er  alles  mit  der  Klarheit  des  Morgenlichts  zu  durchschauen.  Im 
Besitze  dieser  morgenhellen  Sehkraft  konnte  er  sich  unabhängig  von  allen 
Dingen  sehen;  so  selbständig  geworden,  gab  es  für  ihn  keine  Vergangenheit 
und  keine  Gegenwart  mehr;  über  Vergangenheit  und  Gegenwart  erhaben, 
vermochte  er  in  einen  Zustand  einzutreten,  in  dem  er  nicht  tot  war  und 
auch  nicht  lebte.  Er  hatte  also  das  Leben  getötet,  und  war  dennoch  nicht 
tot;  er  lebte  das  Leben  und  lebte  dennoch  nicht;  er  war  ein  stoffliches 
Wesen,  das  alles  tat  und  mit  jedermann  in  Verkehr  war,  und  doch  war 
alles  für  ihn  zunichte  geworden,  und  doch  brachte  er  alles  zustande.  Dieser 
Zustand  heißt  Ml  ^^  ,von  der  Ruhe  umschlungen',  eine  Umschlungen- 
heit, der  die  Vollkommenheit  folgt". 

mz  — 

Darauf  sprach  Nan-po'-tsö-kwei:  „Hast  du  selbständig  das  Tao 
gelernt?"  Die  Antwort  war:  „Ich  lernte  es  vom  Sohne  des  Fu-mo*;  dieser 
lernte  es  vom  Enkel  des  Lo'-sung,  und  dieser  lernte  es  von  ...  es 
folgen  hier  acht  weitere  Namen  von  Personen,  die  einander  das 
Tao  übertrugen. 

Diese  Zeilen  sind  äußerst  lehrreich.  Sie  besagen,  daß 
vöUige  Loslösung  vom  stofflichen  Dasein  sich  durch  die  Be- 
arbeitung und  Belehrung  eines  Meisters  zustande  bringen  ließ, 


90 

d.  h.  durch  Unterwerfung  des  eigenen  Geistes  unter  den  des 
Meisters,  also  durch  Hypnose.  Der  Taoist,  der  diese  Kunstbe- 
arbeitung durchgemacht,  verlor  am  Ende  jedes  Bewußtsein  vom 
Dasein  einer  stofflichen  Welt,  jeden  Begriff  von  Zeit;  in  Selbst- 
vergessenheit versunken,  der  Sinneswelt  entrückt,  unempfindlich 
gegen  äußere  Eindrücke,  weder  tot,  noch  lebendig,  befand  er 
sich  in  einer  höheren  Sphäre  leidenschaftsloser  Ruhe,  im  Zu- 
stande eines  Sehers,  mit  allmächtiger  Zauberkraft  begabt.  Die 
Geheimkunst  war  das  Eigentum  von  Eingeweihten,  die  sie 
einander  übertrugen.  Den  stoischen  Charakter  dieser  Erlösungs- 
askese zeigt  uns  auch  noch  der  folgende  Lehrsatz,  den  wir 
gleichfalls    bei  Tsuang   Tsö   finden  (Buch  4,   bezw.  Kap.  11: 

^Wc  ^^  zM-  Schüler,  bleibt  doch  regungslos,  die  stoffliche  Welt  wird  schon 
von  selbst  sich  entwickeln.  Werft  euren  Leib  ab,  speit  eure  Vernunft  aus, 
vergeßt  eure  Beziehungen  zu  der  Materie,  macht  euch  g<änzlich  dem  unbe- 
grenzten Äther  gleich,  macht  euch  frei  von  euren  Gefühlen  und  löst  eure 
Seele  (Sön)  auf;  seid  nichts  und  habt  keine  zeitliche  Lebensseele! 

Diese  Erlösungs-  und  Heiligkeitsaskese  mit  einem  so 
transzendentalen,  außer-  und  überweltlichen  Ideal  spielte  gewiß 
nicht  bloß  im  Hirn  einer  kleinen  Anzahl  Träumer  und  Denker 
eine  theoretische  Rolle.  Hätte  sie  nur  beschränkte  Kreise  um- 
faßt, gewiß  würden  wir  dann  nicht  in  den  klassischen  und 
anderen  alten  Schriften  vergebhch  nach  Überresten  anderer 
Theorien  und  Denkweisen  über  Vervollkommnung  und  Seligkeit 
suchen.  Nun  sind  wir  zu  der  Annahme  gezwungen,  daß  über- 
haupt nur  ein  einziges  katholisches  System  dieser  Art  bestand, 
welches  das  ganze  denkende  Element  des  alten  China  umfaßte 
und  auch  sicherlich  eine  Anzahl  von  Zeloten  erzeugte,  welche 
die  Disziplin  des  Systems  in  Einsamkeit  praktisch  befolgten. 
Tsuang  hat  uns  zweimal  diese  Asketen  als  3t  ^  ^  vorgeführt 
(S.  86  u.  87),  ein  Wort,  das  den  Begrifi"  eines  „Weisen"  entspricht, 


91 

und  bis  zum  heutigen  Tag  ist  ^  ;j:;  Tao  §i,  Weise  des  Tao, 
zur  Andeutung  der  taoistischen  Geistlichkeit  der  gebräuchlichste 
Ausdruck  geblieben.  Auch  imTao  Te'  King  werden  sie  er- 
wähnt, wo  wir  lesen: 

lassen  sich  Weise  der  besten  Sorte  im  Tao  unterrichten,  dann  übep  sie 
es  eifrig.  Mittelmäßige  Weise,  die  das  Tao  lernen,  behalten  es  oder 
lassen  es  verloren  gehen.  Aber  werden  Weise  der  niederen  Sorte  im 
Tao  unterrichtet,  dann  verlachen  sie  es  laut;  würden  aber  diese  Leute 
es  nicht  verlachen,  dann  wäre  es  nicht  wert,  als  Tao  betrachtet  zu 
werden. 

Wimm.mmzi^mo9hm^,m^mzm 

■^W^ wC  ^^  ■^'  -Diejenigen  der  Urzeit,  welche  die  Fähigkeit  besaßen, 
Weise  zu  werden,  hatten  bis  in  die  allerkleinsten  Feinheiten  eine  Einsicht 
in  das  Mysteriöse,  die  so  tief  ging,  daß  wir  es  zu  begreifen  nicht  imstande 
sind.  Ja  wahrlich,  das  geht  über  unseren  Begrifif,  und  deshalb  bin  ich  ge- 
zwungen, nur  ihr  Aussehen  zu  schildern.  Sie  glichen  einem,  der  im  Winter 
einen  Strom  durchwatet,  einem,  der  vor  seinen  vier  Nachbarn  bangt,  als 
ein  Fremdling  unter  ihnen  weilt,  verschwommen  wie  hinwegschmelzendes 
Eis  und  doch  fest  wie  solides  Holz,  breit  und  geräumig  wie  ein  Flußtal,  wie 
trübes  Wasser,  dessen  Schlamm  sich  absetzt.  Wer  vermag  es,  seinen  Schlamm 
abzusetzen?  derjenige,  der  sich  vermittelst  Ruhe  und  Stille  langsam  reinigt. 
Und  wer*  vermag  es,  Ruhe  zu  haben?  der  seine  Handlungen  über  einen 
laugen  Zeitraum  verteilt  und  hierdurch  sein  Leben  verlangsamt.  Wer  sich 
diese  Lebensdisziplin  (Tao)  sichert,  der  hat  das  Verlangen  nicht,  von  sich 
selbst  erfüllt  zu  sein  (s.  S.  43);  und  fürwahr,  ist  man  nicht  von  sich  selbst 
erfüllt,  dann  vermag  man,  sich  zu  verdecken  und  weiter  nichts  Tätiges 
mehr  zu  leisten. 


92 

Eine  solche  Beschreibung  des  leidenschaftslosen  Asketen, 
der,  der  Welt  entfremdet  und  von  ihr  losgelöst,  scheu,  ver- 
einsamt, empfindungslos,  ohne  Beschäftigung  oder  Beruf,  ver- 
lassen dasteht,  gibt  Lac  Tse  von  sich  selbst  im  Tao  Te' 
King  (§20): 

m.nmf^mo^^^^m.m^^Mito^A 
w^m.mnmm.i^monmMMAt^n 

^^^"Sr.  Alle  Menschen  gehen  ihrem  Vergnügen  nach,  , ziehen  dahin,  wo 
ein  großer  Ochse  (dem  Himmel,  der  Erde  oder  den  Ahnen)  geopfert  wird, 
und  besteigen  Aussichtsterrassen  im  Frühling,  während  ich  allein  dastehe, 
ohne  mich  durch  irgend  etwas  zu  äußern  —  einem  Kinde  gleich,  das  noch 
nicht  einmal  lächeln  kann  (^^  =  0^)'  ^^^  lehe,  wie  es  die  Umstände 
wollen,  wie  einer  ohne  Heim.  Alle  andern  haben  mehr  als  sie  brauchen, 
ich  aber  stehe  vereinsamt  da,  wie  ein  verlorenes  Wesen.  Mein  Herz  ist  das 
eines  dummen  Menschen!  alles  ist  mir  so  vage  und  verschwommen.  Die 
Menschen  aus  dem  Volke  haben  einen  klaren  Geist,  während  in  mir  allein 
Dunkelheit  herrscht;  sie  sind  scharfsinnig,  während  in  mir  allein  alles 
Trübsal  ist.  Ich  werde  umhergeschleudert  wie  auf  hoher  See;  ich  treibe  hin 
und  her,  ohne  Ruhestätte.  Alle  Menschen  haben  ihre  Beschäftigungen,  nur 
ich  allein  bin  dazu  nicht  geschaffen  und  bin  dem  Paria  gleich.  Ganz  abseits 
stehe  ich  von  den  anderen  Menschen,  aber  mir  ist  fes  das  höchste  Gut,  mich 
von  meiner  Mutter  (dem  Weltall,  dem  Tao)  zu  nähren. 

Auch  von  Se-ma  Ts'ien  erfahren  wir,  daß  Lao  Tsö 
von  der  Welt  abgeschieden  lebte.  Dieser  schreibt  (Si  Ki; 
Kap.  63): 


93 


^ 


Konfuzius  war  nach  Tsou  gereist,  um  Lao  Tsö  über  die  Lebens- 
regeln (Li)  zu  befragen.  Dieser  sprach:  „Ihrer  Lehre  nach  wird,  wenn  der 
Mensch  mit  seinen  Gebeinen  verwest  ist,  nur  seine  Lehre  übrig  bleiben; 
ferner  soll  der  Kiün  Tsö  (wie  ein  Großer)  im  Wagen  fahren,  wenn  er  dazu 
Gelegenheit  hat,  dagegen,  wenn  er  die  Gelegenheit  nicht  findet,  wie  eine 
verwehte  Wüstenpflanze  umherirren.  Ich  aber  habe  gelernt,  daß  der  gute 
Kaufmann  seine  Habe  tief  versteckt,  und  sich  so  den  Anschein  gibt,  als 
besitze  er  nichts,  und  daß  ebenso  der  Kiün  Tsö,  der  voller  Tugend  ist, 
sich  den  Anschein  der  Dummheit  gibt.  Wirf  deinen  Hochmut  und  deine 
vielen  Bestrebungen  fort,  und  deine  Prahlsucht  und  dein  ungezügeltes 
Wollen  —  solche  Dinge  sind  für  deine  Person  ohne  Vorteil.  Das  ist  alles, 
was  ich  dich  zu  lehren  habe." 

Konfuzius  ging  und  sprach  zu  seinen  Schülern:  „Wir  wissen  es,  daß 
Vögel  fliegen,  Fische  schwimmen,  Vierfüßler  laufen;  laufenden  Tieren  kann 
man  Netze  stellen,  schwimmenden  Schlingen  legen,  für  fliegende  Tiere  mit 
Zwirn  versehene  Pfeile  machen.  Aber  was  den  Drachen  anbetrifi't,  so 
können  wir  es  nicht  fassen,  wie  er  auf  Wind  und  Wolken  zum  Himmel  auf- 
steigt. Heute  haben  wir  Lao   Tsö  gesehen;  ist  der  nicht  wie  ein  Drache?" 

Lao  Tsö  übte  das  Tao  und  dessen  Tugenden  (Te*);  für  seine 
Schule  war  das  Hauptbestreben,  sich  selbst  verborgen  zu  halten  und  keinen 
Ruf  oder  Namen  zu  haben.  Lao  Tsö  war  ein  Kiün  Tsö,  der  in  der  Ver- 
borgenheit lebte. 

Bekanntlicli  war  Konfuzius  ein  Staatsdiener  seines  Heimat- 
landes ^  Lu,  und  also,  wie  auch  aus  den  harten  Worten 
hervorgeht,    welche  Lao   ihm   sagte,    gewiß   kein   Eiferer   für 


94 

eine  strenge  asketische  Lebensführung;  am  allerwenigsten  ein 
Einsiedler.  Dennoch  gibt  die  bloße  Tatsache,  daß  er  eine  lange 
Reise  machte,  um  Lao  Tsö  ehrfurchtsvoll  zu  besuchen,  uns 
zu  denken,  zumal  wir  noch  dazu  durch  das  Tsung  Jung, 
das  sein  eigener  Enkel,  der  heilige  Tsö-sö,  schrieb,  erfahren, 
daß  er  selbst  das  Prinzip  der  Zurückgezogenheit  als  besonders 
verdienstKch  lobte.  Wir  lesen  da: 

^  il  :2 .  #  ^  :S  S: ^.  tfii  1  (§§  11  «nd  12).  di«  v«. 

borgenheit  zu  suchen  und  da  Wunderwerke  zu  verrichten,  so  daß  die  Nach- 
kommen davon  zu  erzählen  haben,  solche  Dinge  tue  ich  nicht!  Der  Kiün 
Tsö  wandelt  im  Tao,  und  auf  halbem  Wege  ihn  zu  verlassen,  das  kann 
ich  nicht!  Der  Kiün  Ts6  hat  seinen  Halt  am  Tsung  Jung  (s.  S.  76);  sich 
aus  der  Welt  zurückziehen  und  sein  Wissen  verborgen  halten,  ohne  darüber 
Bedauern  zu  empfinden,  o,  das  kann  nur  der  Heilige.  Das  Tao  des  Kiün 
Tsö  spendet,  aber  er  hält  sich  verborgen. 

H"Ü0#^:S^:^tffii;fP(§  33).  Das  Tao  des  Kiün 
Tsö  ist  verborgen,  dennoch  glänzt  es  alltäglich;  das  Tao  des  geringen 
Menschen  aber  ist  sichtbar,  vergeht  jedoch  von  Tag  zu  Tag.  Das  Tao  des 
Kiün  Tse  ist  die  Gleichgültigkeit,  und  deshalb  wird  er  desselben  nie 
überdrüssig. 

Folgender,  im  Lun  Jü  (Kap.  8,  §  13)  erwähnter  Aus- 
spruch von  Konfuzius  weist  auch  darauf  hin,  daß  Sucher  des 
Tao    sich   menschlicher    Gesellschaft   fern    zu   halten   pflegten: 

sagte:  „Wer  mit  Ernst  und  Folgsamkeit  das  Tao  der  natürlichen  Güte  (San), 
das  vor  Sterben  schützt,  zu  erlernen  wünscht,  begibt  sich  nicht  in  einen 
Staat,  der  gefährdet  ist,  und  wohnt  nicht  in  einem  Staat,  wo  Wirren  herr- 
schen. Wenn  Tao  in  der  Welt  herrscht,  dann  tritt  er  zum  Vorschein;  ist 
aber  kein  Tao  da,  dann  hält  er  sich  verborgen. 


I 


95 

Wo  die  heiligen  Bücher  selbst  uns  solche  Aussagen  von 
Konfuzius  vorlegen,  da  betrachten  wir  gewiß  mit  minder 
mißtrauischem  Auge  ein  Blatt  inTsuang's  Schriften  (Buch  3, 
bezw.  Kap.  6),  das  uns  schildert,  wie  ermutigend  Konfuzius 
seinem  Jünger,  dem  heiligen  Jon  Hui,  entgegenkam,  der  sich 
durch  Abtötung  der  Sinne  und  des  stofflichen  Daseins,  ja  sogar 
durch  Abwerfung  der  vier  ewigen  universistischen  Grund- 
tugenden der  eigenen  Schule  (s.  S.  24)  zur  Heiligkeit  ausbildete: 

mBmM.B,m^A^,mis.mm^oB, 
m  9  «  Ä  0 . 0  ^  ^ .  0  ^  :g  ^  o  #  Ä 

Jon  Hui  sagte:  „Ich  mache  Fortschritte"  5  und  als  Tsung-ni  (Konfuzius) 
fragte:  „Was  meinst  du  damit?"  sprach  er:  „Die  Menschenliebe  und  das 
Pflichtgefühl  sind  mir  schon  aus  dem  Gedächtnis  geschwunden".  „Das  ist 
gut",  erwiderte  Konfuzius,  „aber  du  bist  noch  immer  nicht  am  Ziel". 

Eines  anderen  Tags  besuchte  er  wieder  den  Meister,  und  sprach: 
„Ich  habe  wieder  Fortgang  genommen  und  denke  nicht  mehr  an  die  Le- 
bensregeln und  Musik".  „Das  ist  ja  gut",  war  die  Antwort,  „aber  das  Ziel 
ist  noch  nicht  erreicht". 

An  einem  anderen  Tag  besuchte  er  nochmals  den  Meister,  mit  der 
Mitteilung:  „Ich  hinwieder  weiter  vorgeschritten,  und  sitze  und  vergesse". 
Jetzt  ging  Tsung-ni  einen  Schritt  auf  ihn  zu  und  fragte:  „Was  soll  da« 
heißen,  sitzen  und  vergessen?"  Und  nun  sprach  Jon  Hui:  „Meine  Gliedei 
lasse  ich  herabhängen,  meinen  Verstand  stoße  ich  von  mir,  ich  verlasse 
mein  stoffliches  Wesen,  werfe  mein  Wissen  fort,  und  gleiche  mich  so  der 
großen  Vernunft  (des  Weltalls)  an;  das  nenne  ich  sitzen  und  vergessen". 
Hierauf  sagte  Konfuzius:  „Der  großen  Vernunft  bist  du  angeglichen  und 
also  hast  du  keine  Begierden  mehr;    umgewandelt,  hast  du  nicht  mehr  die 


96 

ewigen  Tugenden;  dann  aber  übertrifft  deine  Weisheit  und  Tugend  (Hien) 
wirklich  die  des  K'iu  (Konfuzius);  ich  bitte  also,  (als  Schüler)  dir  folgen 
zu  dürfen". 

Die  alte  universistische  Heiligkeitsaskese  ist  also  durch 
die  klassischen  Bücher  in  das  konfuzianische  System  hinein- 
getragen worden.  Sie  gibt  sich  in  diesen  Schriften  häufig  kund; 
es  sei  hier  nur  auf  eine  besonders  lehrreiche  Stelle  hingewiesen. 
Eins  der" vielen  klassischen  Bücher,  die  im  Li  Ki  enthalten 
sind,  trägt  den  Titel  ^  ^  Ju6^  Ling,  Weisungen  für  die 
Monate.  Angeblich  ist  es  vom  Staatsmanne  §  ^  J^  Lü  Pu'- 
wei,  einem  Minister  des  Kaisers  Si  Huang,  verfaßt,  trägt 
aber  an  vielen  Stellen  deutliche  Zeichen,  daß  es  aus  viel  älterer 
Zeit  stammen  muß.  Es  enthält  Vorschriften  und  Regeln  gemäß 
dem  Monat,  welche  der  Sohn  des  Himmels,  seine  Gemahlin, 
seine  Beamten  und  sein  Volk  befolgen  sollen,  und  ist  also  ein 
Wegweiser  für  das  T  a  o  der  Menschheit,  welches  dem  schöpfe- 
rischen Tao  des  Weltalls,  das  heißt  dißm  jährlichen  Umlauf  der 
Jahreszeiten,  angepaßt  sein  soll.  In  diesem  merkwürdigen  Buch 
finden  wir  auch  Folgendes: 

^^  ■rar^J.  Im  Mittsommermonat  endet  das  Länger  werden  der  Tage;  Jin 
und  Jang  ringen  dann  miteinander,  da  liegt  die  Grenze  zwischen  Vergehen 
und  Entstehen.^  Dann  fastet  der  Kiün  Tse;  in  seiner  Wohnung  muß  er 
sich  verstecken,  sich  nicht  regen,  Gesang  und  Geschlechtsverkehr  aufgeben, 
und  niemand  darf  zu  ihm  eintreten.  Den  Genuß  von  schmackhaften  Speisen 
soll  er  einschränken;  würzende  Zutaten  darf  er  sich  nicht  bringen  lassen; 
seine  Begierden  soll  er  zügeln  und  sein  Gemüt  und  seinen  Atem  beruhigen. 


^  Jin  ist  das  Prinzip  der  Dunkelheit,  der  Kälte  und  des  Absterbens; 
Jang  ist  Licht,  Wärme,  Entstehung.  Jin  fängt  also  bei  der  Sonnenwende, 
die  in  den  zweiten  Monat  des  Sommers  fällt,  Jang  zu  bekämpfen  an 
und  setzt  den  Streit  fort,  bis  Jang  bei  der  Wintersonnenwende  gänzlich 
unterworfen  ist. 


97 

Die  Beamtenschaft    soll  ihr  Werk  in  der  Stille  verrichten    und  keine  Straf- 
urteile vollstrecken.^ 

^C  ?^   t^\  9^  hA  pi?*    ^™  Mittwinterraonat  endet  das  KUrzerwerden 

der  Tage,  Jin  und  Jang  ringen  dann  miteinander,  und  das  Leben  beginnt 
dadurch  zu  keimen.  Nun  fastet  der  Kiün  Tse;  in  seiner  Wohnung  soll  er 
sich  verbergen,  die  Begierden  des  Fleisches  ruhen  lassen,  Gesang  und  Ge- 
schlechtsverkehr abweisen,  seine  Begierden  bezwingen,  seinem  Körper  und 
seiner  Natur  Ruhe  geben;  sein  Werk  verlangt  er  in  Stille  zu  verrichten.' 
Tsuang  Tsö  stellte  sich  die  universistische  Askese  als 
uralt  vor,  denn,  wie  wir  auf  S.  103  ausführlich  lesen  werden, 
schildert  er  uns  den  mythischen  Kaiser  Huang,  wie  er  sich 
drei  Monate  lang  in  die  Einsamkeit  zurückzog  und  sich  da  von 
einem  weisen  Einsiedler,  der  auf  dem  Gipfel  eines  Berges  Auf- 
lösung im  Weltall  suchte,  unterrichten  ließ.  In  den  heihgen 
und  anderen  alten  Schriften  ist  von  Absonderung  von  der  Welt 
unter  den  Bezeichnungen  ^,8?  Tun,  ^^  T^un,  ^  Ji'  und 
^  Jin  öfters  die  Rede,  und  wenngleich  sich  dabei  nicht 
immer  klar  ergibt,  daß  das  universistische  Prinzip  im  Spiele 
ist,  so  läßt  sich,  wenn  wir  dessen  Einfluß  in  Abrede  stellen, 
diese  Erscheinung  schwer  erklären.  In  großer  Anzahl  werden 
taoistische  Asketen  und  Einsiedler  in  der  Literatur  der  Han 
Zeit  und  der  ersten  darauf  folgenden  Jahrhunderte  erwähnt 
und  beschrieben.  Viele  sollen  im  klassischen  Zeitalter,  ja  sogar 
in  der  frühesten,  mythischen  Periode  gelebt  haben.  Gewiß  ist 
vieles  hieran  Fabel  und  Erfindung;  nichtsdestoweniger  erscheint 
es  im  großen  und  ganzen  allzu  klar  als  Überlieferung  aus 
einer  wirklichen  goldenen  Zeit  der  taoistischen  Askese.  Und 
so  stellt  uns  die  chinesische  Literatur  die  Beschreibung  eines 
ganzen   Parnaß   von   heiligen   und   halbheiligen   Übermenschen 

1  Man   sehe   auch  das     §   ß^  ^  ^   Lü-Si   Ts'un  TsMu,  „Lü 
(Pu*-wei)'s  Jahresbuch",  Kap.  5,  §  1. 
»  Ebenda,  Kap.  11,  §  1. 
De  Groot,  üniversismus.  • 


98 

zur  Verfügung,  von  denen  viele  alle  Zeiten  hindurch  bis  auf 
diesen  Tag  überall  im  großen  Reiche  ihre  Tempel  besessen 
haben,  wo  ihnen  Verehrung,  Anbetung  und  Opfer  dargebracht 
wurden.  Diese  Hagiographie  bietet  für  das  Studium  alter  Reli- 
gionen viel  nützliches  Material,  das  ganz  besonders  ermöglicht, 
tiefer  die  Charakterzüge  des  asketischen  Lebens  zu  erforschen, 
durch  welches  fromme  Taoisten  das  T  a  o  zu  gewinnen  trachteten. 

In  dieser  Heiligenliteratur  werden  die  Einsiedler  und  As- 
keten durchweg  mit  den  auf  S.  57  vorgebrachten  Ausdrücken 
bezeichnet,  zumeist  aber  durch  das  Zeichen  f[|j  Si6n,  oft  auch 
'^  geschrieben.  Es  ist  aus  ^,  Mensch,  und  pj?  Berg,  zusammen- 
gesetzt und  mag  vielleicht  also  das  Leben  an  abgeschiedenen, 
unbewohnten  Orten  bedeuten;  ebensowohl  aber  kann  der  Be- 
standteil |_L( ,  der  San  ausgesprochen  wird,  bloß  die  phonetische 
Rolle  im  Zeichen  spielen.  Weder  beiLao  und  Tsuang,  noch 
bei  Lü  Pu'-wei  und  in  den  Klassikern  ist  mir  das  Zeichen  je 
begegnet,  und  es  ist  demnach  wahrscheinlich  erst  seit  dem  3. 
oder  2.  Jahrhundert  v.  Chr.  in  Gebrauch. 

Von  diesen  SiSn,  auch  vielfach  Sön,  Götter,  oder  f\^  f[l4 
§en  Sien,  göttliche  Sien,  genannt,  wird  erzählt,  daß  sie  in 
Höhlen  und  Grotten  lebten,  oder  auch  in  Hütten  auf  den 
Feldern,  an  Seegestaden  und  Flußufern,  sogar  in  Baumwipfeln; 
daß  sie  an  der  umgebenden  Natur,  an  Wald  und  Feld  ihre 
Freude  hatten  und  in  vertrautem  Verhältnis  zu  wilden  Tieren,  zu 
Vögeln  und  Fischen  standen.  Wiederholt  heißt  es,  daß  sie  sich 
in  der  Lehre  der  Reinheit  des  Lao  Tsö  übten,  woraus  sich 
schließen  läßt,  daß  dieser  Heilige  vermutlich  schon  sehr  früh 
als  Erzvater  der  Taoisten  galt.  Oft  soll  der  Ruf  von  der  Voll- 
kommenheit solcher  Einsiedler  ans  Ohr  eines  Fürsten,  mitunter 
sogar  des  Kaisers  gedrungen  sein,  die  sie  daraufhin  an  ihren 
Hof  eingeladen  und  ihnen  die  höchsten  Beamtenstellen  an- 
geboten hätten,  um  durch  den  gewaltigen  Einfluß  ihres  Tao 
das  Volk   zu  vervollkommnen.     Natürlich  hätten  sie  diese  An- 


99 

geböte  fast  immer  ablehnend  beantwortet  und  vorgezogen,  ihr 
ruhiges  Leben  bis  zu  einem  außergewöhnlich  hochbetagten 
Ende  zu  führen.  Bemerkenswert  ist,  daß  in  vielen  Fällen  be- 
richtet wird,  wie  sich  um  einen  solchen  Einsiedler  zahlreiche 
Jünger  scharten,  und  ftwar  mitunter  so  viele,  daß  aus  der  Ein- 
öde seiner  Klause  ein  belebtes  Dorf  wurde.  Man  hat  demnach 
in  diesen  Einsiedlerklausen,  welchen  der  Name  7^  ^  T  s  i  n  g 
S  ö,  Hütten  zur  Verfeinerung,  nämlich  der  Seele  durch  T  a  0  oder 
Tugend,  beigelegt  ist,  die  Urform  für  die  in  späterer  Zeit, 
besonders  während  der  T'^ang-Dynastie,  so  häufig  erwähnten 
taoistischen  Klöster  oder  ^  Kuan  zu  erblicken,  welche  Ge- 
legenheit zur  vollen  Ausübung  der  Erlösungsaskese  boten.  Die 
rechte  Entfaltung  eines  eigentlichen  taoistischen  Klosterwesens 
wurde  jedoch  durch  das  Eindringen  des  Buddhismus  verhindert. 
Bekanntlich  fand  der  Buddhismus  seinen  Weg  nach  China 
während  der  Han-Zeit,  vielleicht  sogar  etwas  früher.  Vor 
allem  war  es  das  Mahayäna  des  Buddhismus,  d.  h.  „der  große 
oder  breite  Weg"  zur  Erlösung,  das  in  China  eindrang  und 
alle  lebenden  Wesen,  selbst  Tiere  und  böse  Geister,  durch 
mehrere  Stufen  der  Besserung  leitet,  bis  sie  den  höchsten  Grad 
der  Heiligkeit  erreichen,  den  Zustand  der  Buddhas  oder  Licht- 
götter, die  Auflösung  im  allgemeinen  Nichts  (Nirwana). 
Dieser  breite  Weg  konnte  beschritten  werden,  indem  man  sich 
einem  gewissen  religiösen  Leben  unterwarf,  das  zum  großen 
Teil  in  Fleischabtötung  bestand.  Demnach  herrschte  zwischen 
dem  buddhistischen  Mahayäna  und  der  Lehre  vom  Tao  des 
Menschen,  die  ja  gleichfalls  die  Unterdrückung  der  Leiden- 
schaften und  Sinne,  das  völHge  Einswerden  mit  dem  All  pre- 
digt, eine  auffallende  innere  Übereinstimmung.  Man  kann  ge- 
radezu sagen,  daß  der  Buddhismus  bei  seinem  Eintritt  in  China 
den  Weg  bereits  durch  den  Taoismus  geebnet  vorfand.  Er 
übernahm  sogar  das  Wort  Tao,  Weg,  um  damit  seinen  eigenen 
Weg  zum  Heil  zu  bezeichnen.    Anderseits  griff  der  Taoismus 


100 

zu  der  naheliegenden  Erklärung,  daß  der  Buddhismus  in  Indien 
von  niemand  anders  als  Lao  Tsö  selbst  verkündet  worden 
sei,  der  zu  diesem  Zwecke  eine  Reise  nach  dem  Westen  unter- 
nommen hätte,  von  der  er  aber  niemals  zurückgekehrt.^  Die 
Verschmelzung  beider  Systeme  wurd«  wesentlich  gefördert 
durch  den  universellen  und  synkretistischen  Charakter  des 
Mahayäna,  der  um  des  großen  Zieles  willen,  alle  Wesen  zu 
erlösen,  von  dem  Gesichtspunkte  ausging,  daß  eine  Vermehrung 
der  Mittel  zu  diesem  Ziel  nur  erwünscht  sein  könne,  und  daher 
mit  vollendeter  Toleranz  dem  Tao  der  Taoisten  innerhalb 
seiner  eigenen  Lehre  bereitwillig  Raum  gönnte. 

Als  sich  dieser  Verquickungsprozeß  vollzog,  hatte  die 
fremde  Religion  das  Klosterleben  im  heiligen  Lande  ihres  Be- 
gründers schon  zu  hoher  Blüte  entwickelt.  Da  sie  die  Regeln 
und  Gebräuche  dieses  Lebens  bereits  fix  und  fertig  mit  sich 
einführte,  so  wurde  eine  weitere  Ausgestaltung  des  taoistischen 
Klosterwesens  überflüssig;  der  Weg  zur  Heiligkeit  und  Erlösung, 
der  durch  die  buddhistischen  Klöster  führte,  erwies  sich  in  der 
Tat  als  breit  genug  für  alle  Menschen.  Allerdings  hat  sich 
nebenher  unter  dem  Einfluß  des  buddhistischen  Vorbildes  noch 
ein  spezifisch  taoistisches  Klosterleben  entwickelt,  und  so  sind 
in  China  friedlich  Seite  an  Seite  buddhistische  und  taoistische 
Klöster  zu  finden,  die  letzteren  allerdings  in  erheblich  geringerer 
Zahl.  Bei  dem  großen  Wettbewerb  um  das  Werk  der  Erlösung 
ist  mithin  allezeit  bei  weitem  der  größte  Ertrag  an  Erlösten 
durch  die  Kirche  des  Sakiamuni  abgeliefert. 

Das  Bestreben,  auf  dem  Weg  oder  Tao  des  Alls  und 
der  Menschheit,  mit   oder  ohne  Loslösung  von  Welt  und  Stoff 

^  Meines  Wissens  erscheint  diese  Erzählung  zum  ersten  Male  in  dem 
auf  S.  92 f.  zitierten  Lebensbericht  des  Lao  Tsö  im  63.  Kapitel  des  Si  Ki. 
Sie  mag-  vermutlich  in  der  H  an -Zeit  als  Mittel  zur  Verbreitung  des  Buddhis- 
mus erdacht  worden  sein. 


101 

die  Göttlichkeit  zu  erreichen,  wurde  stets  besonders  gefördert 
durch  die  Überzeugung,  daß  es  auch  zur  Verlängerung  des 
Lebens  führt,  und  das  irdische  Dasein  sich  somit  von  selbst 
zu  einem  langsamen  und  gelinden  Übergang  in  die  Ewigkeit 
des  Universums  gestaltet.  In  der  Tat  ist  das  Tao  der  Weg 
der  Tugend,  Tugend  ist  Verfeinerung  (5^  T  s  i  n  g)  oder  Ver- 
vollkommnung der  Seele  (Sön),  und  die  Seele  ist  die  Lebens- 
kraft; die  Schlußfolgerung  muß  also  lauten:  Tugend  verbessert 
und  vermehrt,  erhöht  und  erstärkt  die  Lebenskraft,  verlängert 
deshalb  das  Leben,  bis  es  endgültig  in  die  Göttlichkeit  und 
Allmacht  übergeht. 

Diese   Anschauung   ist   natürlich   alt   und   wird   im   Tao 
Te'  King  (§  30)  in  diesen  Worten  ausgesprochen:  ^  ^  ^ij 

^\  Ä  Bm  -^  S^^  -7*  ^i  ^  ^'  ^^®^"  ^^®  Wesen  nach  den 
Lebensjahren  voller  Kraft  altern,  so  kommt  es  daher,  daß  sie  kein  Tao 
haben ,  denn  alles,  was  ohne  Tao  ist,  nimmt  ein  frühzeitiges  Ende. 
Wir  lesen  auch  im  ^Ar^/jJaiE  ^^  Tai  Li  Ki,  den  Schriften 
des  älteren  Tai  über  die  Lebensregeln,  einem  Buche,  welches  etwa 
ein  halbes   Jahrhundert    v.  Chr.  von   ^^  Tai  Te'  verfaßt 

wurde:    ^^  W)  fU'' BM:.  ^  MM,  W!  Z^  mM. 

P^  ^  ja  Ü,  MÜ   S  ^  Wn  :y;  #    (§  81);    -ä«'  Herrscher  muß 

beim  Handeln  sich  ans  Tao  halten  und  auch  im  Ruhezustand  sich  nach 
dessen  Grundzügen  richten;  tut  er  das  nicht,  dann  ist  er  selbst  die  Ursache 
seines  vorzeitigen  Todes  und  daß  er  kein  hohes  Alter  erreicht.  Die 
Lehre,  ein  langes  Leben  ist  der  Tugend  Lohn,  hat  sich  auch 
im  Konfuzianismus  völlig  als  heiliges  Dogma  eingebürgert; 
denn,  wie  wir  auf  S.  69  gesehen  haben,  steht  es  im  Tsung 
Jung  geschrieben,  daß  nach  der  eigenen  Erklärung  des  Kon- 
fuzius der  heilige  Sun  seiner  Tugend  nicht  bloß  Thron,  Reich- 
tum und  Ruhm,  sondern  auch  ein  langes  Leben  verdankte. 
Gewiß  wird  das  Dogma  immerhin  zur  Aufrechterhaltung  und 
Förderung  des  sittlichen  Lebens  in  China  Nützliches  geleistet 
haben,  zumal  ein  langes  Leben  daselbst  allezeit  zu  den  aller- 


102 

größten   Segnungen    gerechnet   wurde,    welche   in   den   Bereich 
der  menscfhlichen  Hoffnungen  fallen. 

Die  Überlieferung  von  Menschen,  die  durch  die  Pflege 
des  Tao  eine  Verlängerung  ihres  Lebens  erzielten  und  am 
Ende  sich  auflösten  in  der  Ewigkeit  des  Alls,  reicht  ohne 
Zweifel  in  sehr  frühe  Zeiten  zurück.  Tsuang  schildert  uns 
einen  solchen,  an  den  der  heilige  Kaiser  Huang  aus  der  my- 
thischen Vorzeit  sich  um  Belehrung  wandte,  und  ersann  dazu 
die  folgenden  Zeilen,  die  uns  in  die  Theorie  der  Heiligkeits- 
askese seiner  Zeit  einen  interessanten  Einblick  gewähren  (Buch  4, 
bezw.  Kap.  11): 

mm^o'^z^'i^o- 

Neunzehn  Jahre  lang  war  Kaiser  Huang  Sohn  des  Himmels  gewesen, 
und  seine  Befehle  hatten  den  Gang  der  Welt,  welche  unter  dem  Himmel 
liegt,  bestimmt,  als  er  von  Kuang-ts'ing  vernahm,  der  oben  auf  dem 
K'ung-tung  wohnte.  Da  machte  er  sich  auf,  ihn  zu  besuchen,  und 
sprach  zu  ihm:  „Ich  habe  gehört,  daß  du,  mein  Weiser,  das  höchste  Tao  er- 
gründest, und  möchte  mich  unterfangen,  dich  über  die  Verfeinerung  (^Fm 
Tsing)  zu  befragen,  die  der  Besitz  des  höchsten  Tao  verleiht;  ich  wünsche 
nämlich  mir  die  Verfeinerung  des  Weltalls  anzueignen,  auf  daß  ich  im- 
stande sei,  das  Wachstum  der  fünf  Feldfrüchte  zu  fördern  und  so  mein  Volk 
zu  ernähren.  Auch  möchte  ich  Macht  über  Jin  und  Jang  ausüben  und 
so  mir  alles  Lebende  folgsam  machen.  Was  soll  ich  beginnen,  um  diese 
Ziele  zu  erreichen?" 

Mm'f'B,mmw:m^!i^ZM^.m^)i 

'^'^^mzm^.^mi^^r-.mmi^mm 
mm.M^z^mmmm.BMZit^^mM^o 


103 

ts'ing-  erwiderte:  „Die  Belehrung-,  welche  du  verlangst,  bezieht  sich  also 
auf  rein  stoffliche  Angelegenheiten,  und  die  Macht,  welche  du  dir  wünschest, 
richtet  sich  gegen  stofflichen  Verfall  und  Tod,  und  zwar  weil,  während  du 
die  Welt  regierst,  die  Wolken  bereits,  bevor  sie  sich  noch  genügend  ver- 
dichtet haben.  Regen  herniedersenden,  und  also  die  Gewächse  und  Bäume 
ihre  Blätter  fallen  lassen,  bevor  sie  gelb  geworden  sind,  so  daß  das  Licht 
von  Sonne  und  Mond  mehr  und  mehr  ödes  Land  bescheint.  Du  bist  also 
ein  berechnender  Mensch  mit  dem  Herzen  eines  Schlaukopfs  —  bist  du  es 
also  wert,  daß  ich  dich  über  das  höchste  Tao  belehre?" 

Und  Kaiser  H  u  a  n  g  zog  ab.  Er  warf  die  Regierung  der  Welt  von 
sich,  baute  sich  eine  alleinstehende  Hütte,  schlief  da  auf  nacktem  Stroh 
und  verweilte  in  ihr  drei  Monate  lang.  Dann  machte  er  sich  abermals  auf, 
um  den  Weisen  zu  besuchen.  Kuang-ts'ing  lag  darnieder,  mit  dem 
Haupt  nach  Süden  gewandt.  Gehorsam  und  unterwürfig  kroch  der  Kaiser 
Huang  auf  den  Knien  zu  ihm  hin,  beugte  sich  mehrmals  und  machte 
Stirnaufschläge;  dann  sagteer:  „Ich  habe  vernommen,  daß  du,  mein  Weiser, 
das  höchste  Tao  durch  und  durch  erforscht  hast;  ich  unterfange  mich, 
dich  zu  fragen,  wie  ich  über  meinen  Leib  herrschen  soll,  auf  daß  er  ewig 
bestehe."  Da  regte  sich  Kuang-ts'ing,  erhob  sich  und  sprach:  „Fürwahr 
eine   gute  Frage!   Komm   her,   ich  will  vom  höchsten  T  a  o   zu   dir  reden." 

mM.zm^mm^.^uzm^^m 
iKAnm^zf^^.m.mmmzM^^^i^ 


104 

Die  Verfeinerung,  welche  der  Besitz  des  höchsten  T  a  o  verleiht,  ist 
einsamste  Einsamkeit  und  dunkelste  Finsternis;  das  höchste  des  höchsten 
T  a  o  ist  dunkelstes  Dunkel  und  stillste  Stille.  Nichts  ist  da  zu  sehen,  nichts 
zu  hören;  sie  hüllt  die  Seele  in  Schweigen,  und  der  stoffliche  Körper  wird 
dadurch  von  selbst  in  den  richtigen  Zustand  versetzt.  Sei  also  still  und 
schweigsam  und  werde  dadurch  rein;  strenge  deinen  Körper  nicht  an  und 
bewege  also  deine  Verfeinerung  nicht  —  denn  das  ist  das  Mittel,  wodurch 
sich  dein  Leben  verlängern  kann.  Wenn  dann  deine  Augen  nichts  mehr 
sehen,  deine  Ohren  nichts  mehr  hören,  dein  Herz  nichts  mehr  fühlt,  dann 
wird  deine  Seele  (S  e  n)  deinen  Körper  bewahren  und  dein  Körper  wird 
dann  ewig  leben.  Hüte  also  ja,  was  in  dir  ist,  und  laß  nichts  herein,  was 
draußen  ist,  denn  Vielheit  der  Empfindungen  gereicht  zum  Verderben.  Dann 
will  ich  dich  hinter  mir  hinaufführen  über  das  große  Licht  (der  Sonne),  wo 
wir  die  Urquellen  des  höchsten  Jang  erreichen;  dann  will  ich  dich  ge- 
leiten zur  Pforte  der  Einsamkeit  und  der  Finsternis  bis  an  den  Ursprung 
des  höchsten  Jin;  dort  herrschen  Himmel  und  Erde,  dort  wird  alles  im 
Jin  und  vom  Jang  aufgenommen.  Überwache  aber  mit  Sorgfalt  deinen 
Körper,  damit  dein  Stoff  von  selbst  kräftig  und  dauerhaft  werde.  Ich  selbst 
habe  diese  Disziplin  in  vollem  Umfange  geübt  und  ihre  harmoniöse  Wir- 
kung in  mir  festgelegt ;  demzufolge  habe  ich  zwölf  hundert  Jahre  lang  meine 
Person  pflegen  können,  und  noch  immer  nicht  fängt  mein  stofflicher  Körper 
zu  verfallen  an." 

mnm.  m^  ^m  Bum  A^  i>x%mo  n^ 

mi±.Ammz?^,i>immmzmo^m 
"^^oA^^nmnn^^o 

Kaiser  Huang  verneigte  sich  und  machte  Stirnaufschläge  und  er 
sprach:  „Kuang-ts'ing  der  Weise,  der  ist  ein  himmlisches  Wesen!"  Der 
andre  versetzte:    „Komm,   ich   habe   dir  noch  mehr  zu  sagen.     Dieser  Stoff 


105 

besitzt  eine  endlose  Dauer,  und  doch  glaubt  jedermann,  daß  er  enden 
müsse;  unergründlich  ist  er,  dennoch  meint  jedermann,  er  müsse  ein  letztes 
Ende  haben.  Wer  mein  T  a  o  erlangt,  der  vermag  hoch  oben  Kaiser  und 
hier  unten  Herrscher  zu  sein;  aber  wem  es  nicht  gelingt,  mein  Tao  zu  er- 
langen, der  wird  das  Licht  nur  über  sich  sehen  und  hier  unten  Erde 
werden.  Alle  Wesen,  die  von  der  Sonne  beschienen  werden,  sind  aus  Erde 
entstanden  und  kehren  zur  Erde  zurück;  —  ich  aber  werde,  sobald  ich 
dich  verlasse,  durch  das  Tor  zur  Unendlichkeit  eingehen  und  in  den  Re- 
gionen des  Grenzenlosen  wandern.  Dort  werde  ich  mit  dem  Glanz  von 
Sonne  und  Mond  verschmelzen ;  dort  werde  ich  so  ewig  bestehen  wie 
Himmel  und  Erde;  was  mir  dort  nahe  ist,  wird  mir  verschollen,  was  mir 
fern  ist,  auch  geschwunden  sein.  Das  Menschtum  wird  einmal  vernichtet 
uud  tot  sein,  allein  ich  werde  dann  leben." 

Langlebigkeit;  die  schließlich  in  völlige  Verschmelzung 
mit  der  unendlichen  Leere  des  Weltalls  übergeht  und  ein  Be- 
stehen gewährt  so  ewig  wie  die  des  Weltalls  selbst,  das  war 
also  das  Ideal,  der  transzendentale  Traum  der  Schwärmer  der 
Erlösungsaskese.  Eine  eigentümliche  Verkörperung  dieses  Ideals 
bildet  in  Chinas  Literatur  und  Kunst  die  sagenhafte  Gestalt  des 
.^  ÜB.  P^Sng-tsu.  Sein  Bild  fehlt  bei  uns  in  fast  keiner 
Sammlung  chinesischer  Seltsamkeiten  und  ist  erkennbar  an  der 
übertrieben  hohen  Stirn,  die  ein  Zeichen  ungewöhnlich  hohen 
Alters  ist,  da  im  Alter  der  Haarausfall  die  Stirn  zu  erhöhen 
pflegt.  Dieser  berühmte  chinesische  Methusalem  soll  angeblich 
vom  23.  bis  6.  Jahrh.  v.  Chr.  gelebt  haben.  Auch  Lao  Tsö 
soll  ein  Alter  von  vielen  Jahrhunderten  erreicht  haben. 

Ziehen  wir  nun  in  Betracht,  daß  nach  der  konfuzianischen 
Lehre  Tao  oder  Tugend  durch  Studium  der  klassischen  Bücher 
erworben  wird,  und  daß  nach  derselben  Lehre  die  Tugend  das 
Leben  verlängert,  so  folgt  von  selbst,  daß  klassische  Studien 
zu  Langlebigkeit  führen.  Und  so  erklärt  es  sich,  warum  jeder 
gebildete  Chinese  es  für  ausgemachte  Wahrheit  hält,  daß  das 
Sön  des  studierenden  Mannes,  d.  h.  seine  dem  Jang  des  Welt- 
alls entlehnte  Seele,  sich  so  sehr  verfeinert,  daß  sie  ihn  vor  den 
lebenzerstörenden   Einflüssen   schützt,    welche   die  Kwei,    die 


106 

Geister  des  dem  Jang  gegenüberstehenden  Jin,  ausüben.  Es 
tritt  nun  auch  klar  zutage^  daß  diese  Auffassung  sich  voll- 
kommen mit  dem  so  kräftig  durch  TsuangTsö  ausgesprochenen 
alten  Glauben  deckt;  daß  Besitz  des  Tao  unverletzbar  macht 
(s.  S.  58  f.).  Sie  führt  in  China  zu  mancherlei  merkwürdigen 
Dingen,  Anschauungen  und  Gebräuchen,  von  denen  hier  einige 
erwähnt  sein  mögen. 

Der  gute  Taoist  oder  Tao  §i  vermag  böse  Geister  zu 
verjagen  einfach  dadurch,  daß  er  gegen  sie  bläst.  In  Räumen, 
in  denen  es  spukt,  kann  er  sich  ungestört  aufhalten,  ohne  daß 
ihm  ein  Leid  geschieht.  Im  Gegenteil,  die  Gespenster  legen 
sich  ihm  sklavisch  zu  Füßen  und  flehen  ihn  demütig  um  Gnade 
an.  Besonders  häufig  werden  in  chinesischen  Büchern  die  Tao 
Si  als  Teufelsaustreiber  erwähnt  und  ihre  besonderen  Kennt- 
nisse der  Gespensterwelt  hervorgehoben.  Tatsächlich  hat  sich 
unter  der  priesterlichen  Führung  dieser  Männer  die  taoistische 
Religion  in  der  Hauptsache  zu  einer  Kunst  der  Teufelsbannung 
entwickelt,  die  mittels  der  Hilfe  der  Sön  oder  Götter,  welche 
im  Weltall  naturgemäß  den  Kwei  feindlich  gegenüberstehen, 
getrieben  wird;  denn  die  Priester  des  Tao  vermögen  es  auch, 
durch  Zauberzeichnungen  und  Zauberworte,  durch  Opfer  und 
zeremonielle  Handlungen  vieler  Art  die  Sön  zur  Hilfeleistung 
zu  bewegen,  ja  sogar  zu  zwingen.  Der  Besitz  dieser  magischen 
Macht  treibt  natürlich  die  Angst  und  Ehrfurcht,  welche  die 
Kwei  diesen  Männern  gegenüber  hegen,  auf  die  Spitze.  Und 
so  bildet  in  den  Händen  dieser  Priester  der  Exorzismus  einen 
Hauptbestandteil  der  weißen  Magie,  welche  der  Universismus 
im  Laufe  der  Jahrhunderte  zum  Nutzen  des  Menschtums  er- 
funden und  in  das  vielumfassende  Religionssystem  hineingebaut 
hat,  welches  man  das  taoistische  zu  nennen  pflegt. 

Nicht  bloß  die  Tao  Si,  auch  das  konfuzianische  Ge- 
lehrtentum  verfügt  über  exorzistische  Kraft.  Jeder  Gelehrte, 
der  sich  mit   den  heiligen  Schriften   abgibt,   jeder   Student,  ja 


107 

jeder  Schulknabe,  erlangt  je  nach  seinen  Kenntnissen  einen 
gewissen  Grad  dieser  Zauberkraft,  für  den  wiederum  die  auf 
den  staatlichen  Prüfungen  erworbenen  literarischen  Titel  der 
Maßstab  sind.  Natürliche  Exorzisten  von  noch  höherer  Qualität 
sind  die  Mandarine,  und  zwar  weil  diese  theoretisch  nicht  nur 
Auserlesene  des  Gelehrtentums,  sondern  auch  Stellvertreter  des 
Kaisers  und  Träger  seiner  Heiligkeit  und  Allmacht  sind  und 
Teile  einer  Regierungsmaschine  bilden,  die  aus  dem  Tao  und 
den  Tugenden  des  Klassizismus  zusammengestellt  ist.  Daß 
schließiich  der  Sohn  des  Himmels  der  mächtigste  Exorzist  der 
Erdkugel  ist,  versteht  sich  von  selbst.  Geschichtsbücher  be- 
richten mannigfach  über  kaiserliche  Maßregeln  zur  Befreiung 
des  Volkes  vom  unheilvollen  Werk  der  bösen  Geister,  auch 
über  kaiserliche  Befehle,  daß  die  Behörden  in  den  heimgesuchten 
Gegenden  den  Kwei  Opfer  darbringen  und  sie  dabei  in  des 
Kaisers  Namen  auffordern  sollen,  ihr  unseliges  Werk  zu  unter- 
lassen. Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  von  einer  verhältnismäßig 
viel  größeren  Zahl  solcher  Vorkommnisse  keine  Erwähnung  zu 
finden  ist. 

Als  äußerst  wirksames  Mittel,  zur  Vertreibung  böser  Geister 
gelten  sogenannte^  Fu,  Zauberzeichen,  die  mit  eines  Man- 
darinen Pinsel  geschrieben  sind.  Solche  Pinsel  an  sich  üben 
schon  diese  Zauberkraft,  weshalb  sie  vielfach  bei  Krankheits- 
fällen dem  Patienten  aufgelegt,  oder  an  seinem  Bett  oder  über 
der  Tür  seines  Zimmers  angebracht  werden.  Diener  und  Tra- 
banten der  Mandarine  machen  aus  dem  Verkauf  solcher  wir- 
kungskräftigen Pinsel  ein  einbringendes  Geschäft  und  verkaufen 
sie  teils  direkt  ans  Volk,  teils  mittelbar  an  Zwischenhändler. 
Namenskarten  von  Mandarinen,  Abdrücke  von  ihren  Amts- 
siegeln, gebrauchte  Briefumschläge,  die  solche  Abdrücke  tragen, 
stehen  als  Abwehrmittel  hoch  im  Preise,  besonders  wenn  sie 
von  Unterkönigen,  Provinzialoberrichtern  und  anderen  Beamten 
sehr  hohen  Ranges  herstammen.  Auch  pflegt  man  die  genannten 


108 

Gegenstände  zu  verbrennen  und  ihre  Asche  mit  Wasser  ver- 
mengt dem  Patienten  zu  trinken  zu  geben.  Viele  Leute  halten 
bei  Hochzeiten  den  Abdruck  eines  Mandarinensiegels  als  durch- 
aus unentbehrlich;  um  dem  neuen  vermählten  Paar  dauerndes 
Glück  zu  sichern,  und  zwar  soll  die  Braut  den  Abdruck  während 
ihrer  Überführung  ins  Haus  des  Bräutigams  am  Gewände  oder 
in  der  Tasche  tragen.  Das  ärmere  Volk,  das  die  teuren  Schrift- 
amulette hoher  Mandarine  nicht  bezahlen  kann,  begnügt  sich 
mit  solchen,  die  von  Lehrern  oder  anderen  geringeren  Ver- 
tretern des  Schriftgelehrtentums  herrühren.  Gewöhnliche  Schul- 
meister werden  von  der  Bevölkerung  häufig  gebeten,  teuflische 
Geschwüre  und  Beulen,  die  im  unsauberen  China  unter  dem 
Volke,  vor  allem  den  Kindern  weit  verbreitet  sind,  mit  Kreisen 
zinnoberroter  Tusche  zu.  umpinseln.  In  ähnlicher  Weise  und  für 
ähnliche  Zwecke  verwendet  man  sogar  alte  Schreibpinsel  und 
Fetzen  aus  den  Schreibheften  von  kleinen  Schuljungen,  in  dem 
naiven  Glauben,  daß  auch  schon  angehende  und  künftige  Man- 
darine und  Gelehrte  ebenso  wie  fertige  Große  imstande  seien, 
böse  Geister  in  Furcht  zu  jagen  und  zu  bannen. 

Wenn  der  Besitz  von  Tao,  der  durch  das  Studium  der 
klassischen  Schriften  erlangt  wird,  sich  al&  so  vortreffliches 
Schutzmittel  gegen  böse  Geister  und  darum  als  so  wunder- 
kräftiges Mittel  für  die  Verlängerung  des  Lebens  erweist,  so 
ist  es  klar,  daß  die  klassischen  Schriften  selbst  erst  recht  teufel- 
austreibend wirken  müssen.  Und  in  der  Tat  übt  nach  chi- 
nesischem Glauben  schon  die  bloße  Gegenwart  eines  Exem- 
plars, eines  Bruchstückes,  ja  eines  losen  Blattes  eines  heihgen 
Buches  einen  gewaltigen  Einfluß  auf  die  Erhaltung  von  Glück 
und  Gesundheit  aus  und  bildet  ein  ausgezeichnetes  Heilmittel 
gegen  teuflische  Krankheiten.  Schon  zur  Han-Zeit  wird  er- 
wähnt, daß  man  sich  durch  lautes  Hersagen  von  Sätzen  der 
klassischen  Schriften  gegen  Gefahr  und  Unheil  zu  schützen  ver- 
suchte. Aber  auch  andere  geschriebene  und  gesprochene  Worte, 


109 

vorausgesetzt,  daß  sie  klassisches  Gepräge  tragen,  vermögen 
die  bösen  Geister  zu  bannen.  Ist  man  in  der  Dunkelheit  und 
konfuzianisch  gebildet,  so  sucht  man  Schutz  durch  lautes  Her- 
sagen von  Stellen  aus  den  heiligen  Schriften.  Vortreffliche 
Dienste  leistet  das  Hersagen  solcher  heilsamen  Sätze  auch, 
um  junge  Kinder  in  Schlaf  zu  lullen,  wenn  sie  schreien,  weil 
böse  Geister  sie  quälen.  Kein  Wunder  also,  daß,  wie  Liu  Ngan 
mitteilt  (Hung  LiS'Kiai,  Kap.  8),  die  Kwei  im  nächtlichen 
Dunkel  jämmerlich  wehklagten,  als  der  heihge  ^  ^  Ts*ang- 
h  i  S'  in  der  grauen  Urzeit  die  für  sie  so  gefährliche  Art  des  Schrei- 
bens erfand,  durch  die  die  heiligen  klassischen  Schriften  verfaßt 
und  alle  Zeiten  hindurch  überliefert  sind.  Wohlbegreiflich  sind 
also  die  chinesischen  Schriftzeichen  genau  so  heilig  und  zauber- 
kräftig, unheilvertreibend  und  segenspendend  wie  die  klassischen 
Bücher,  und  hieraus  erklärt  sich  das  Rätsel,  weshalb  es  dem  chine- 
sischen Gelehrtentum  nie  hat  einfallen  können,  die  Schrift  durch 
eine  einfachere  zu  ersetzen.  Solch  eine  Tat  wäre  im  wesent- 
hchen  der  Abschaffung  der  klassischen  Bücher  und  damit  des 
T  a  0  des  Menschen,  welches  sie  vorschreiben,  gleichgekommen, 
und  hätte  zudem  einen  völligen  Bruch  mit  dem  heiligen  Ahnen- 
tum  und  ihrem  für  die  Nachkominenschaft  gestifteten  Werk 
bedeutet. 

Daß  der  Kampf  gegen  die  bösen  Geister  in  China  zu 
einem  vielseitigen  System  ausgebaut  ist,  welches  das  ganze 
Volk  und  sein  Priestertum  alltäglich  beschäftigt  und  einen  der 
großen  Unterteile  der  ReHgion  bildet,  zeigt  die  ausführliche 
Erörterung  dieses  Systems  in  meinem  „The  Religious  System 
of  China",  Bd.  VI. 


Das  Tao  des  Weltalls  ist  Jang  und  Jin;  der  feine  ()^ 
t  s  i  n  g),  unstoffliche  Teil  von  Jang  und  Jin  ist  der  Odem  des 
Weltalls,    der  Äther,    die  Atmosphäre.     Deshalb   gestaltete  sich 


110 

die  Auflösung  des  Menschen  im  T  a  o  des  Weltalls  durch  Weg- 
werfung des  Stoffs  in  der  Wirklichkeit  als  eine  Auflösung  in 
der  Luft.  Die  Beobachtung,  daß  der  Mensch  zu  atmen  aufhört, 
sobald  sein  Leben  erlöscht,  führte  zur  Folgerung,  daß  der  Atem 
(K'i)  das  Leben  darstellt,  also  tatsächlich  die  S6n  oder  Lebens- 
seele ist,  welche,  den  alten  Lehren  nach,  der  Mensch  dem 
Jang  entlehnt,  und  neben  welcher  auch  das  Jin  ihm  eine 
Seele  schenkt,  die  Kwei  heißt  (s.  S.  10).  Und  so  war  von 
selbst  auch  die  Lehre  gegeben,  daß  der  Mensch  durch  Ein- 
atmen der  Luft  fortwährend  Seelensubstanz  in  sich  aufnimmt, 
mithin  durch  wohlüberlegte  Regelung  des  Atmens  sein  Leben 
zu  verlängern  in  der  Lage  ist  und  sogar  seine  endgültige 
Verschmelzung  mit  dem  T  a  o  des  Weltalls  bewirken  kann. 

Daß  so  eine  Regelung  des  Atmens  gleichzeitig  mit  der 
Seelenlehre  selbst  entstand  und  aufwuchs,  läßt  sich  leicht  ein- 
sehen. Sie  wird  im  T  a  o  T  e '  King  (§6)  erwähnt,  und  zwar 
in  diesen  Worten: 

daß  man  nicht  stirbt,  das  ist  das  Schwarze  (das  Himmlische,  also  das  Jang) 
und  das  Weibliche  (das  J  i  n).  Die  Pforte  für  das  Schwarze  und  das  "Weib- 
liche (die  Nase),  das  ist  die  Wurzel  des  Himmlischen  und  des  Irdischen 
(im  Menschen).  In  langen,  langen  Zügen  (soll  man  atmen),  als  ob  man  den 
Atem  bewahren  wolle,  und  beim  Gebrauch  des  Atems  soll  man  sich  nicht 
bewegen. 

Dieser  Satz  ist  besonders  düster  und  hat  begreiflicherweise 
vielerlei  Übersetzungen  erzeugt.  Es  ist  aber  anzunehmen,  daß 
das  K'ang-hi-Lexikon,  welches  :^  durch  ^,  nähren,  erklärt, 
recht  hat  und  daß  dieses  Zeichen,  weil  es  ku'  ausgesprochen 
wird,  schlechtweg  für  eine  Schreibung  des  gleichlautenden  ^ 
anzusehen  ist,  welches  Getreide  bedeutet,  jedoch  im  Si  (^(jjjj? 
Ode  "^  ^  )  mit  der  Bedeutung  nähren  vorkommt.  Das  Zeichen 
^,  schwarz,  erscheint  in  der  Terminologie  der  Taoisten  durch- 


111 

weg  als  ein  Synonym  von  Himmel,  und  zwar  weil,  dem  Ji' 
zufolge,  der  Himmel  schwarz  ist.  Und  der  Vergleich  der  mensch- 
lichen Nase  mit  einem  zweiflügligen  Tor  (f^)  ist  nicht  so  ge- 
sucht, wie  beim  ersten  AnbHck  scheint.  Die  Richtigkeit  unserer 
Übersetzung  des  betreffenden  Passus  des  Tao  Te'  King  ge- 
währleistet eine  große  Sammlung  Notizen  über  taoistische  Heihge, 
die  im  2.  Jahrhundert  v.  Chr.  durch  den  großen  Staatsmann  und 
Gelehrten  ^j[£i)  LiuHiang  geschrieben  sein  soll,  und  deren 
Titel  ^liflll"^  Liö'  Siön  Ts'uan,  Berichte  über  die  Reihen 
der  Sien,  lautet.  Da  liest  man  von  einem  ^  J|J(J  Jung-ts'ing, 
der  etwa  tausend  Jahre  v.  Chr.  lebte  und  durch  Übung  der 
Atemkunst  i^tÜ  :J^  ^  4b>  Ä  ^  ;gl||jj  ^  ^,^  ^^ 

y^  ^^,  das  heißt:  dem  Schwarzen  und  dem  Weiblichen  feinen  Äther 
entnahm,  weil  er  seine  Seele  (Sen)  nähren  und  unsterblich  werden  wollte 
und  somit  zur  Wahrung  seines  Lebens  seineu  feinen  Atem  sorgsam 
pflegte. 

Somit  lehrt  uns  das  Tao  Te'  King,  daß  die  Atem- 
kunst in  erster  Linie  bezweckte,  den  Atem  im  Körper  aufzu- 
bewahren und  festzuhalten,  und  daß,  damit  er  nicht  durch 
körperliche  Anstrengung  wieder  verloren  gehe,  die  Kunst  mit 
der  großen  Naturtugend  der  Regungslosigkeit,  des  Wu-wei, 
verbunden  wurde.  Hiernach  überrascht  es  uns  keineswegs,  wenn 
wir  bei  Tsuang  Tsö   lesen  (Buch  3,  bezw.  Kap.  6):    ^  ^ 

mittels  ihrer  Fersen  statt,  das  der  Menge  aber  mittels  des  Halses;  d.  h. 
sogar  bis  zu  den  Fersen  herab  zieht  der  Heihge  den  Atem  ein, 
und  er  tränkt  somit  seinen  Körper  bis  in  die  entferntesten 
Stellen  mit  Ewigkeit  und  Unzerstörbarkeit  verleihendem  Äther. 
Auch  gibt  Tsuang  uns  in  den  folgenden  Worten  einige  Ein- 
zelheiten über  die  Technik  der  Atemgymnastik  (Buch  6,  bezw. 
Kap.  15): 


112 

-^  Öf'ffF'Hj-  I^lasen  und  schnappen,  ausatmen  und  einatmen,  und  so 
den  alten  Atem  ausstoßen  und  den  neuen  in  sich  aufnehmen,  die  Zeit  hin- 
bringen wie  ein  Bär  (im  Winterschlaf),  (den  Hals)  strecken  und  recken  wie 
ein  Vogel  —  all  das  bezweckt  nur  die  Erreichung  eines  hohen  Alters;  und 
das  war  es,  was  die  T  a  o  S  i,  welche  Luft  einzogen,  und  auch  die  Menschen, 
welche  ihren  Körper  nährten  und  die  so  lange  wie  P'eng-tsu  lebten, 
mit  Vorliebe  taten. 

Dieses  systematische  Atmen  war  gewiß  eine  ziemlich  an- 
strengende Arbeit.  Der  Körper  wurde  dadurch  träge,  denn  tiefes 
Atmen  macht  müde  und  schläfrig ;  aber  gerade  das  bewies,  daß 
die  Verschmelzung  mit  dem  T  a  o  eingetreten  war,  denn  sind 
nicht  Stille  und  Schweigsamkeit,  Regungslosigkeit,  Unbewußt- 
heit  usw.  die  Merkmale  des  Heiligen? 

Diese  eigenartige  Methode  zur  Erlangung  des  Tao  wird 
in  der  chinesischen  Literatur  der  klassischen  und  nachklassischen 
Zeit  sehr  häufig  erwähnt.  Daß  sie  tatsächlich  auch  in  großem 
Maßstabe  praktisch  geübt  wurde,  kann  man  aus  der  reichen 
Anzahl  technischer  Ausdrücke,  die  zu  ihrer  Bezeichnung  in 
Gebrauch  sind,  herleiten.  Von  diesen  Ausdrücken  seien  hier 
nur  die  folgenden  erwähnt:  ^  (^)  ^|  tao  jin,  (Luft)  ein- 
ziehen-, ^^  se'  K'i,  den  Atem  aufsparen;  j)^^  liön  K*i,  den 
Atem  läutern ;  ^^  ^^  t  S  U  K  i,  den  Atem  aufspeichern ;  ^^  ^ 
kin    K*^i,    den  Atem  zurückhalten;    ^^    t*^un    K'i    und    [^  ^ 

jgn  K'i,  Atem  schlucken;   ^f^   j^ng  Sön   oder  :^f^  ku' 

Sön,  die  Seele  nähren;  ^J  ä^  j^^g  Seng,  das  Leben  nähren  oder 
erhalten;  ^^  ^jgE  jang  Sing,  seine  natürliche  Anlage  pflegen;  ^^ 
^J  jang   S  0  U,  Langlebigkeit  pflegen  U.   a. 

Schon  früh  wurde  ein  neuer  Satz  in  die  Lehre  der  Le- 
bensverlängerung und  Unsterblichkeit  eingeschaltet,  nämlich 
der,  daß  die  Zirkulation  des  Atems  oder  der  Lebensseele  durch 
gesunde  körperliche  Gymnastik  gefördert  werden  müsse.  Der 
taoistische  Staatsmann  Lü  Pu'-wei  schrieb  darüber  in  seinem 
Jahrbuch  (Lü-si  Ts'un  Ts'iu,  Kap.  3,  §  2  und  3): 


113 

Zur  Ansammlung  des  feinen  Äthers  muß  der  Körper  eine  Öffnung 
haben,  durch  die  jener  eintreten  kann.  In  gefiederten  Vögeln  angesammelt, 
befähigt  er  sie,  zu  fliegen  und  zu  schweben.  In  schnellen  Vierfüßlern  an- 
gehäuft, läßt  er  sie  nach  allen  Richtungen  hin  sich  bewegen.  In  Perlen 
und  Jaspis  verdichtet,  legt  er  ihnen  feinen  Glanz  bei.  In  Pflanzen  und 
Bäumen  aufgespeichert,  bringt  er  das  Wachstum  ihres  Blätterwerks  hervor. 
In  einem  heiligen  Menschen  angesammelt,  gibt  er  ihm  weitsichtigen  Ver- 
stand .  .  .  Bewegung  ist  es,  die  fließendes  Wasser  vor  Fäulnis,  Türangeln 
vor  zerfressenden  Angriffen  von  Insekten  bewahrt.  Genau  so  ist  es  mit  dem 
Körper  und  mit  dem  Atem.  Wenn  der  Körper  ohne  Bewegung  ist,  so  durch- 
strömt ihn  kein  Lebenshauch,  und  wenn  das  der  Fall  ist,  wird  der  Atem 
bedrückt.  Dieser  Druck  kann  sich  im  Kopf  niederlassen  und  verursacht 
dann  Kopfweh  und  Geschwüre;  oder  in  den  Ohren,  und  verursacht  dann 
Schwerhörigkeit  und  Taubheit;  oder  in  den  Augen,  und  verursacht  da  Ent- 
zündung oder  Blindheit;  oder  in  der  Nase,  und  verursacht  dann  Schnupfen 
und  Verstopfung;  im  Leib  führt  der  Druck  zu  Leibschneiden  und  Hartleibig- 
keit; in  den  Füßen  zu  Lahmheit  und  Gehschwäche  .  .  .  Wenn  täglich  der 
feine  Lebensäther  sich  erneuert  und  der  schlechte  Atem  den  Körper  gänz- 
lich verläßt,  dann  kann  ein  Mensch  so  lange  leben  wie  der  Himmel  selbst. 
Solch  ein  Mensch  ist  ein  Heiliger. 

Es  ist  den  alten  chinesisclien  Naturbeobachtern  schwerlich 
entgangen,  daß  die  Atemtätigkeit  ebenso  durch  zu  heftige  wie 
durch  zu  geringe  Anstrengung  des  Körpers  beeinflußt  wird,  oder 
mit  anderen  Worten,  ebenso  durch  Vernachlässigung  wie  durch 
Übertreibung    des  Wu-wei.     Auch    haben    sie    sicherHch    be- 

De  Gi'oot,  Universismus.  8 


114 

merkt,  daß  eine  ähnliche  Beeinflussung  des  Atems  auch  seitens 
der  Leidenschaften  vorliegt,  deren  Regulierung,  wie  wir  wissen 
(S.  76 ff.),  zum  Tao  führt,  und  sie  sind  so  zu  der  Folgerung 
gelangt,  daß  die  Leidenschaftslosigkeit  oder  „Leere"  des  Welt- 
alls eingeatmet  und  so  im  Körper  festgelegt  werden  kann.  Be- 
greiflich ist  also  der  folgende  Lehrsatz  im  ^  ^  ^  ^ 
Ts'un  Ts'iu  Fan-lu,  einem  Werke,  das  im  2.  Jahrhundert 
v.Chr.  der  ^^4^^  Tung  Tsung-su,  ein  großer  Staats- 
mann und  Gelehrter,  geschrieben  haben  soll  (Kap.  16,  bezw.  §  77) : 

Ist  ein  Mensch  zu  sehr  erfüllt  (von  Leidenschaften),  so  kann  der 
Atem  den  Körper  nicht  durchdringen;  ist  er  aber  zu  leer,  so  ist  sein  Atem 
unzureichend.  Ist  er  zu  erhitzt,  so  ist  sein  Atem  zu  kalt;  arbeitet  er  zu 
eifrig,  so  kann  er  nicht  einatmen;  ist  er  zu  untätig,  so  ist  sein  Atem  miß- 
vergnügt; gerät  er  zu  sehr  in  Wut,  so  steigt  sein  Atem  in  ihm  empor;  ge- 
rät er  in  Freude,  so  löst  sich  sein  Atem  auf;  hat  er  Sorgen,  so  wird  sein  Atem 
närrisch ;  packt  ihn  Furcht,  so  wird  der  Atem  aufgeregt.  Das  sind  also  zehn 
Fälle,  in  denen  der  Atem  ungünstig  beeinflußt  wird,  jedesmal  mangels  der 
Mitte  (Tsung  Leidenschaftslosigkeit?)  und  Harmonie  (s.  S.  76). 

Also  hat  sich  in  China  die  Atemgymnastik  zu  einem  förm- 
lichen System  entwickelt,  das  alle  Jahrhunderte  hindurch  bis 
auf  den  heutigen  Tag  praktisch  betätigt  wurde.  Schon  früh  er- 
schienen in  diesem  System  Theorien  über  die  Nabelgegend,  die 
sogenannte  ^  Kuan  oder  wichtige  Stelle,  wo  sich  der  Atem 
hauptsächlich  ansammeln  sollte,  um  von  da  aus  den  Weg  zu 
den  entferntesten  Teilen  bis  in  die  Fersen  zu  finden.  Um  die 
Kuan  zu  füllen,  bedurfte  es  langsamen  und  tiefen  Atmens, 
das  als  sehr  gesundheitsfördernd  galt.  Durch  Einatmung  von 
viel  und  Ausatmung  von  wenig  Luft  ließe  sich  der  Atem  ver- 
dichten (^  ^)  und  ein  kondensierter  Vorrat  im  Körper  auf- 


115 

speichern;  der  für  längere  Zeit  eine  Atemtätigkeit  überhaupt 
unnötig  machte,  so  daß*  der  Körper  Monate,  selbst  Jahre  hin- 
durch regungslos  bleiben  konnte  wie  eine  Leiche,  ohne  jedoch 
tot  zu  sein.  In  dieser  Verfassung  bestand  und  lebte  er,  ohne 
abgenutzt  zu  werden  und  zu  altern,  und  benötigte  auch  keinerlei 
stoffliche  Nahrung,  woraus  schon  zur  Genüge  die  Göttlichkeit 
des  Zustandes  hervorging.  Erwähnt  doch  Tsuang,  wie  wir 
bereits  sahen  (S.  59),  in  seiner  lebhaften  Schilderung  der  Gott- 
menschen ausdrücklich,  daß  sie  keine  der  fünf  Feldfrüchte  zu 
sich  nahmen,  sondern  nur  die  Luft  einsogen  und  Tau  tranken. 
Und  im  Ta  Tai  Li  Ki  (§  81)  berichtet  Tai  Te'  von  niemand 
Geringerem  als  Konfuzius  selbst  den  bemerkenswerten  Ausspruch: 

Ä ^^f*  Wffij  #,  ^ Ä^^  ?E  ffiJ  I*;  -"  »'»h  -' 

Luft  ernährt,  leuchtet  wie  ein  Gott  und  lebt  lange;  wer  gar  nicht  ißt,  stirbt 
nicht  und  ist  ein  Gott. 

Eine  allmähliche  Vernichtung  des  stofflichen  Körpers  durch 
systematisches  Fasten  und  Hungern,  das  man  Jg^  ^  pi  Ku', 
Enthaltung  von  Speisen,  nannte,  und  ein  schrittweiser  Übergang 
in  den  unstofflichen  Zustand  durch  Einsaugung  des  himmlischen 
Jang,  aus  dem  alle  Sön  oder  Götter  gebildet  sind  —  das 
war  also  das  ideale  Bestreben  der  höchsten  Geister  der  tao- 
istischen  Welt.  Die  Heiligenliteratur  erzählt  von  vielen,  die 
durch  Verbindung  der  Atemgymnastik  mit  der  Hungerkur  den 
Körper  so  leicht  machten,  daß  er  in  der  Luft  umherschweben 
konnte;  auch  von  vielen,  denen  es  praktisch  gelang,  ganz  ohne 
irgendwelche  Nahrung  zu  leben  (^  ^^  ^  ^^  ^  >|äl^  Slf 
^).  Auch  lesen  wir  da,  wie  man  die  Hungerkur  dadurch 
unterstützte,  daß  man  gewisse  Fruchtkerne,  also  verdichtetes 
Pflanzenleben,  im  Munde  hielt;  ferner,  daß  es  auch  für  die 
Verlängerung  des  Lebens  als  sehr  förderlich  galt,  stets  mit 
Sorgfalt  den  Speichel  zu  verschlucken,  da  dieser  für  eine  Ver- 
dichtung des  Atems  gehalten  wurde;  ja  sogar,  daß  viele  aus 
demselben  Grund  ihren  eigenen  Urin  tranken. 

8* 


116 

Auch  in  der  H  an -Zeit  muß  das  künstliche  Atmen  zur  Ver- 
längerung des  Lebens  sehr  in  Schwung  gewesen  sein,  denn  die 
!^  ^J  Han  SU;  die  Geschichtsbücher  der  Han- Dynastie,  erwähnen 
viele  Personen,  sogar  Staatsmänner  und  Gelehrte,  die  sich  damit 
eifrig  befaßten.  Voran  in  der  Liste  steht  §5  jßc  T  s  a  n  g  L  i  a  n  g, 
der  heldenhafte  Ratgeber  des  Stifters  der  Han-Dynastie,  der 
Ahnherr  des  5M  ^  1^  Tsang  Tao-ling,  der,  wie  wir 
im  5.  Kap.  sehen  werden,  etwa  zwei  Jahrhunderte  später  die 
taoistische  Kirche  gründete.  Auch  sind  von  vielen  Schriftstellern 
der  Han- Zeit,  darunter  Konfuzianisten  allerreinsten  Wassers, 
Abhandlungen  über  die  Atmungskunst  erhalten  geblieben.  Eine 
große  Autorität  auf  dem  Gebiete  war  ^  |^  H  u  a  T '  o ,  der 
um  die  Wende  des  2.  Jahrhunderts  n.  Chr.  lebte.  Wie  seine 
Biographie  in  Kap.  112b  der  ^*^^  Hou  Han  Su  oder 
Geschichtsbücher  der  späteren  Han-Dynastie  uns  lehrt,  SoU  er  als  Arzt 
und  Chirurg  geradezu  Wunderbares  geleistet  haben.  Er  konnte 
den  Magen  und  die  Eingeweide  aus  dem  Leib  schneiden,  sie 
rein  waschen  und  dann  wieder  an  ihren  früheren  Platz  setzen, 
ohne  dem  Patienten  mit  dieser  Operation  mehr  als  ein  kleines 
Unwohlsein  zu  verursachen. 

n,=iBm.=Bm.mBm.s.BM.if^m 
^z$k,^mn'\nMmm^.^^mmm'i^ 

Er  war  mit  mehreren   heiligen   Büchern    (des  Konfuzianismus)   durch   und 


117 

durch  vertraut  und  verstand  die  Kunst  der  Pflege  seiner  Natur  (die  At- 
mungskunst, s.  S.  112)  so  gut,  daß  er,  schon  fast  100  Jahre  alt,  noch  das 
Aussehen  eines  Jünglings  hatte.  Er  sprach  einmal  zu  Wu  P'u:  „Der  mensch- 
liche Körper  will  Arbeit  und  Bewegung  haben,  nur  sollen  dieselben  nicht 
bis  an  die  Grenze  des  Könnens  getrieben  werden.  Wenn  der  Körper  in 
Tätigkeit  ist,  verdaut  er  die  Nahrungsstoffe,  und  das  Blut  durchströmt  ihn, 
so  daß  keine  Krankheit  entstehen  kann,  genau  so  wie  eine  Türangel,  die 
nie  verfault  (s.  S.  113).  Darum  übten  die  Sien  (Ylh)  der  Urzeit  die 
Kunst  des  Atemholens  (tao-jin,  s.S.  112),  verbrachten  die  Zeit  wie  Bären, 
indem  sie  gleich  Eulen  um  sich  herumblickten,  ihre  Lenden  und  Glied- 
maßen streckten  und  einzogen  und  die  Muskeln  ihres  Kuan  (s.  S.  Il4)  be- 
wegten ;  auf  diese  Weise  suchten  sie  das  Altern  aufzuhalten.  Ich  besitze 
eine  Kunst,  welche  die  Gymnastik  von  fünf  Tieren  heißt,  nämlich  des 
Tigers,  des  Hirsches,  des  Bären,  Affen  und  Vogels;  ich  wehre  damit  alle 
Krankheit  ab  und  außerdem  fördert  sie  die  Bewegungen  der  Füße,  was 
auf  die  Einatmung  günstig  einwirkt.  Sobald  ich  mich  unbehaglich  fühle, 
stehe  ich  auf  und  mache  die  Gymnastik  eines  der  fünf  Tiere;  dann  fühle 
ich  mich  wieder  wohl  und  schwitze;  und  wenn  ich  mich  dann  mit  Reisstaub 
bestreue,  wird  mein  Körper  leicht  und  wohl  und  ich  bekomme  Appetit." 
Darauf  übte  auch  Wu  P'u  diese  Kunst,  und  als  er  mehr  als  90  Jahre 
zählte,  war  sein  Auge  noch  klar,  sein  Gehör  noch  scharf,  sein  Gebiß  voll- 
ständig und  fest. 

Allezeit  sind  erhabene  Auffassungen,  wann  immer  der 
Mensch  sie  zu  selbstsüchtigen  Zwecken  hat  ausbeuten  wollen, 
zu  Albernheiten  herabgesunken.  So  ist  es  auch  der  Lehre 
der  Heiligkeit  und  Unsterblichkeit  durch  Pflege  der  erhabenen 
Tugenden  des  Weltalls  ergangen:  am  Ende  wurde  sie  zu  einer 
lächerlichen  Lungengymnastik  herabgewürdigt,  womit  man 
einige  Zimmergymnastik  verband,  offenbar  weil  dadurch  die 
Gedrücktheit,  welche  das  Nichtstun  notwendig  hervorrief,  sich 
einigermaßen  aufheben  ließ.  Die  Tiergymnastik  des  Hua  T  o 
ist  in  allerhand  Gestaltungen  ausgearbeitet  worden,  weil  sie 
sich  urkundlich  als  die  älteste  nachweisen  ließ  und  also  durch- 
weg als  die  allerbeste  galt.  Sie  wird  noch  immer  in  China 
geübt  und  gelehrt,  obwohl  sich  im  Laufe  der  Zeit  nebenher 
verschiedene  andere  Turnereien  herausgebildet  haben.  Die  Atem- 


118 

gymnastik  wurde  schließlich  auch  eine  Gymnastik  der  Lippen 
und  Nasenlöcher,  welche  man  mit  oder  ohne  Hilfe  der  Finger 
methodisch  öffnete  oder  zudrückte,  um  das  Zu-  und  Ausströmen 
der  Luft  nach  der  Größe  der  Öffnung  zu  regeln.  Man  bUes 
sich  auch  die  Backen  auf,  ließ  nach  jeder  langen  Einatmung 
die  Luft  durch  möglichst  viel  kleine  Ausatmungen  wieder  aus, 
oder  umgekehrt,  und  so  wurde  jeder  Körperteil  auf  bestimmte 
Art  und  Weise  ernährt  und  gekräftigt.  Man  schloß  sich  dabei 
auch  die  Ohren  ab,  knirschte  mit  den  Zähnen  (PP  "0),  hing 
sich  ab  und  zu  ein  wenig  an  den  Füßen  auf,  usw. 

Oft  ist  seit  der  H an- Zeit  die  Frage  erörtert  worden, 
welches  höchste  Lebensalter  bei  richtiger  Anwendung  solcher 
Künste  erreichbar  sei.  Ein  volles  Jahrtausend  hielt  man  wohl  für 
möghch,  und  dem  Einspruch,  daß  die  Menschen  so  selten  ein 
hohes  Alter  erreichten,  begegnete  man  damit,  daß  sie  eben  nicht 
imstande  seien,  ihre  Leidenschaften  zu  bezwingen.  Auch  über 
die  Macht,  welche  die  Atemkunst  verleiht,  ist  viel  geschrieben 
worden.  Diese  Kunst  sollte  auch  eine  besonders  günstige  Wir- 
kung auf  die  Kindergeburt  ausüben,  weil  sie  die  Geschlechts- 
kraft vor  Abspannung  und  Erschöpfung  bewahrt.  Beispiele 
werden  berichtet,  daß  Taoisten  noch  im  Alter  von  200  Jahren 
eine  ungeschwächte  Zeugungskraft  und  ein  blühendes  Aussehen 
besessen  haben. 

Die  Atemgymnastik  finden  wir  in  China  auch  stets  den 
Kranken  und  Schwachen  empfohlen,  und  sie  spielt  mithin  eine 
hervorragende  Rolle  in  der  Heilkunde.  Das  ist  allerdings  voll- 
kommen begreiflich;  denn  das  Sßn,  welches  dem  Menschen 
als  Seele  und  Lebenskraft  innewohnt,  ist  aus  dem  Jang  ent- 
standen, und  jede  Vermehrung  oder  Verstärkung  dieses  Sen 
durch  richtiges  Einatmen  von  Luft  oder  Jang  des  Weltalls 
kann  also  nur  zur  Erhaltung  und  Förderung  seines  Lebens 
und  seiner  Gesundheit  beitragen;  —  außerdem  sind  Krank- 
heiten wie  alle  möglichen  Übel  das  Werk  der   K  w  e  i ,    welches 


119 

naturgemäß  durch  das  der  Sön  beeinträchtigt   oder  vernichtet 
wird. 

Die  Autorität,  welche  die  Atmungskunst  als  Mittel  zur 
Genesung  von  Kranken  allezeit  besessen  hat,  beruht  nicht  allein 
auf  ihrem  ehrwürdigen  Alter,  sondern  auch  auf  dem  sehr  ge- 
lehrten Gewand,  das  sie  sich,  wie  uns  das  allerälteste  medi- 
zinische Buch  Chinas  beweist,  schon  früh  hat  umzuhängen  ge- 
wußt. Dieses  Buch  führt  den  Titel  ^  ^  Su  Wön  und 
stammt  angeblich  vom  mythischen  Kaiser  Huang  und  seinen 
Ratgebern  her;  zwar  zeigt  uns  der  Stil,  daß  es  wohl  nicht  in 
der  vorchristlichen  Zeit  abgefaßt  sein  kann,  aber  nichtsdesto- 
weniger überliefert  es  ganz  gewiß  viel  chinesische  Wissenschaft 
sehr  alter  Zeiten.  Dort  wird  im  67.  Kapitel  ausgeführt,  daß 
J  a  n  g  und  J  i  n ,  das  T  a  o  des  Weltalls,  hauptsächHch  sich  in 
fünf  3j^  K  i,  Odem  oder  Einflüssen,  äußern,  nämlich  Hitze  oder 
Wärme,  Trockenheit,'  Kälte,  Wind  und  Nässe.  Diese  Einflüsse 
walten,  wie  Huang  von  seinem  weisen  Ratgeber  ll|^  ^Q 
K'^i-po'  belehrt  wurde,  natürlich  auch  in  allen  lebenden  Wesen 
und  wirken  auf  ihr  Leben  bestimmend  ein,  je  nach  dem  Ver- 
hältnis der  Mischung,  in  der  sie  auftreten.  Der  Osten,  so  führte 
dieser  Weise  weiter  aus,  bringt  den  Wind  hervor,  und  weil  der 
Osten  dem  Element  Holz  entspricht,  ist  es  der  Wind,  der  das 
Holz  erzeugt,  ebenso  wie  das  Saure,  weil  dies  der  Geschmack 
des  Ostens  ist.  Die  genannten  Faktoren  beherrschen  die  mensch- 
Uche  Leber,  da  diese  dem  Osten  entspricht;  die  Leber  bringt 
die  Muskeln  |hervor  und  diese  das  Herz.  Ferner  entspricht 
auch  der  Frühling  dem  Osten  und  bringt  alljährlich  durch  die 
schöpferische  Kraft  den  Pflanzen  wuchs  oder  das  Holz  hervor; 
im  Menschen  erzeugt  diese  Jahreszeit  Weisheit  und  Verstand, 
aber  auch  J^  Zorn,  weil  diese  Leidenschaft  dem  Wind  ent- 
spricht. Und  so  wird  es  ganz  klar,  daß  Zorn  die  Leber  be- 
schwert, und  daß  der  Wind  und  das  Saure  auch  von  nach- 
teihgem  Einfluß   auf  die  Leber   sind.    In   gleich   scholastischer 


120 

Art  gab  der  große  Weise  seinem  kaiserlichem  Herrn  auch  für 
die  übrigen  Gegenden  und  die  Mitte  des  Weltalls  ebenso  scharf- 
sinnige Kombinationen  an,  die  sich  übersichtlich  in  der  unten- 
stehenden Tabelle  veranschaulichen  lassen;  diese  Tabelle  bildet 
ungefähr  die  ganze  Grundlage  der  universistischen  Krankheits- 
lehre und  Heilkunde  der  Chinesen. 

M         ^  Ä,  >K         ^  fff         Muskeln         ^^ 

Ost     Frühling         Wind  Holz      sauer       Leber      """^  ^"'^      Zorn 


'X    "^     '^' 


Blut 


Süd     Sommer        Wärme        Feuer     bitter        Herz        "^^  ^^^^^     Freude 

4»  M      ±    -W     W     ^^^^'''^^     'S 

Mitte  Nässe  Erde        süß  Milz       undLunge  Gedanke 


Haut, 
Haare  und 


BS  «     m     ^  ^   m 

West  Herbst  Trockenheit  Metall  scharf  Lungen       Nieren  Sorge 

4t  ^        Ü       :^  m     W     1^°-"«"    ^ 

Nord  Winter  Kälte  W^asser  salzig  Nieren  ^^^  ^^^^^  Furcht 


Die  hier  skizzierte  Einwirkung  der  fünf  Odem  des  Tao 
der  Welt  auf  den  Menschen  nennen  die  Chinesen  3l  )M  ^^ 
Jun,  den  fünffältigen  Umlauf,  oder  3i||  ^  jun  K*^i,  den  Odem- 
umlauf; und  zwar  weil  die  Jahreszeiten,  denen  sie  entsprechen, 
der  alljährliche  Umlauf  von  Jang  und  Jin  sind.  Man  hat  in 
dieser  Einwirkung  allezeit  das  Urprinzip  der  Heilkunde  er- 
kannt, das  vom  heiligen  Huang  herrührt  und  somit  von  un- 
anzweifelbarer Richtigkeit  und  Wahrheit  ist.  Durch  das  künst- 
liche Atemholen  werden  diese  Einflüsse  in  den  menschlichen 
Körper  hineingeführt,  und  diese  sichern  dann,  je  nach  den 
Jahreszeiten,  wie  es  die  Tabelle  angibt,  die  Gesundheit  der 
entsprechenden  Körperteile  und  Lebensorgane,  verlängern  somit 


121 

das  Leben  und  führen  sogar  zur  Unsterblichkeit.  Diese  dem 
Kreislauf  der  Zeit  angepaßte  Heilmethode  eignete  sich  vortreff- 
Hch  zu  einer  weiten  Ausarbeitung  und  ist  in  der  Tat  allmählich 
zu  einer  reichen  Schatzkammer  von  Weisheit  ausgebaut  worden, 
die  es  jedem  einsichtigen  Menschen  ermöglicht,  die  Geheimnisse 
des  menschlichen  Körperbefindens  im  Zusammenhang  mit  den 
wechselnden  Natureinflüssen  des  Jahrkreises  gründlich  zu  er- 
kennen. Es  wurde  bei  dieser  Ausarbeitung  noch  mehr  univer- 
sistische  Weisheit  des  Altertums  an  den  Haaren  herangeschleppt, 
in  erster  Linie  die  Lehre,  daß  die  fünf  Elemente  gegenseitig 
teils  zerstörend,  teils  erzeugend  aufeinander  wirken;  Holz  z.  B. 
erzeugt  Feuer  und  besiegt  Erde;  Feuer  erzeugt  Erde  (Asche) 
und  besiegt  Metall;  Erde  erzeugt  Metall  und  besiegt  Wasser; 
Metall  erzeugt  Wasser  und  besiegt  Holz;  Wasser  erzeugt  Holz 
und  zerstört  Feuer,  usw.  In  entsprechender  Weise  beeinflussen 
mithin  die  anderen  Faktoren,  welche  die  Tabelle  enthält^  einander. 
Wenn  man  nun  alle  die  Faktoren  des  Makrokosmos  mit  denen 
des  menschlichen  Mikrokosmos  vernünftig  zu  verbinden  und  ihre 
Kombinationen  einsichtsvoll  zu  verwerten  versteht,  dann  fällt 
es  gewiß  nicht  schwer,  in  jedem  Krankheitsfall  die  richtige 
Diagnose  zu  treffen  und  den  genauen  Sitz  des  Leidens  zu  er- 
mitteln, das  heißt,  nach  chinesischer  Ausdrucksweise,  das  Or- 
gan zu  entdecken,  das  durch  ^|5  Sie  oder  Einflüsse,  welche 
dem  Tao  zuwider  sind  (s.  S.  29),  angegriffen  ist.  Die  dafür 
benötigten  Arzneien  geben  Handbücher  aller  Art  zur  Genüge 
an;  auch  die  Diät  des  Patienten  läßt  sich  nach  den  fünf  Ge- 
schmacksarten regeln.  Einer  solchen  dem  Tao  des  Universums 
angepaßten  Genesungs-  und  Nahrungsmethode  muß  unbedingt 
Besserung  und  Heilung  folgen,  weil  das  Tao  die  Quelle  des 
Lebens  und  alles  Guten  ist. 

Es  stellt  sich  also  klipp  und  klar  heraus,  daß  die  Krank- 
heitslehre und  die  Heilkunde  in  China  unmittelbar  aus  dem 
universistischen  Boden    emporgewachsen   sind.    Zwar   hat,  wie 


122 

gesagt,  Weisheit  aller  Jahrhunderte  das  System  weit  und  breit 
ausgebaut,  jedoch  dabei  hat  es  sich  nie  von  der  uralten,  heiligen 
Basis  losgelöst;  und  ebensowenig  ist  daneben  ein  anderes  und 
besseres  System  aufgekommen.  Es  hat  geblüht,  sogar  üppig 
geblüht,  allein  Frucht  hat  es  nie  getragen;  und  für  unsere 
Heilkunde  ist  von  der  chinesischen  absolut  nichts  zu  lernen. 
Eins  wird  uns  aber  durchaus  klar,  und  zwar  die  Tatsache,  daß  die 
berühmten  Arzte  und  Theoretiker,  deren  Werke  bis  zum  heutigen 
Tage  in  der  medizinischen  Literatur  den  höchsten  Platz  ein- 
nehmen, fast  ausnahmslos  Tao  Si  waren,  und  daß  es  immer 
die  Tao  Si  gewesen  sind,  die  in  China  die  Heilkunde  Hand 
in  Hand  mit  der  Teufelsaustreiberei  (s.  S.  106)  ausübten. 

Auch  die  körperliche  Gymnastik,  welche,  wie  erwähnt, 
schon  früh  zur  Förderung  der  Gesundheit  mit  der  Atemgym- 
nastik eng  verbunden  wurde,  ist  eben  aus  diesem  Grunde 
durch  den  Universismus  hervorgebracht  worden.  Sie  wird  meist 
^'^  tso  Kung,  nützliche  Tätigkeit  beim  Sitzen,  genannt.  Die 
Lehre  dieser  Gymnastik  regelt  mit  peinlicher  Genauigkeit  die 
Bewegungen  der  Hände,  Finger,  Arme  und  Beine  zu  jedem 
Atemzug  und  schreibt  umständlich  vor,  wie  der  Leib  gedreht, 
der  Hals  gestreckt  und  dabei  zur  Förderung  des  Speichelflusses 
die  Zunge  bewegt  werden  soll.  An  Körperhaltungen  unter- 
scheidet das  System  die  aufrechte,  sitzende,  liegende,  krie- 
chende Haltung  und  unzählige  Zwischenstufen.  Zur  Förderung 
der  gesunden  Wirkung  der  Leber,  des  Herzens,  der  Milz,  der 
Lungen  und  Nieren  und  zur  Schärfung  des  Gehörs,  Gesichts 
und  Verstands  gibt  es  besondere  Übungen,  die  wiederum  je 
nach  der  Jahreszeit  verschiedentlich  ausgeführt  werden.  Auf 
die  strenge  Unterscheidung  aller  dieser  Übungen  muß  sorg- 
fältig geachtet  werden,  denn  was  für  das  eine  Glied  oder  Lebens- 
organ gut  ist,  kann  für  das  andere  sehr  schädlich  sein,  und 
was  in  der  einen  Jahreszeit  zuträghch  ist,  kann  in  einer  anderen 
sehr  nachteihg  wirken.     Gewöhnlich    sind   die   Bücher,   welche 


123 

über  die  Heilgymnastik  handeln,  mit  Abbildungen  versehen, 
welche  die  einzelnen  Bewegungen  und  Stellungen  veranschau- 
lichen, und  dadurch  sind  sie  auch  für  alle  brauchbar,  die  nicht 
lesen  können.  Die  Bewegungen  und  Stellungen  tragen  allerhand 
Bezeichnungen,  die  entweder  ganz  phantastisch  oder  der  Ter- 
minologie des  universistischen  Systems  entlehnt  sind. 

Auch  die  Arzneilehre  ist  in  China  aus  dem  Universismus 
erwachsen.  Sie  ist  sogar  mit  dem  künstlichen  Atmen  verwandt, 
weil  man,  wie  die  alten  Schriften  lehren,  nicht  bloß  die  Luft 
zur  Verstärkung  der  Seele,  Verlängerung  des  Lebens  und  Er- 
langung der  Unsterblichkeit  systematisch  in  den  Körper  ein- 
führte, sondern  auch  allerlei  andere  Dinge,  von  denen  man  an- 
nahm, daß  sie  ebenfalls  besonders  mit  Jang  behaftet  seien. 
Die  Auffindung  solcher  spezifisch  leben  shaltiger  Stoffe  wird  all- 
gemein den  Sien  und  Heiligen  zugeschrieben,  welche  die 
Wunderkraft  derselben  an  sich  selbst  erprobten  und  durch  ihr 
langes  Leben  erwiesen.  Viele  Bäume  erreichten  ein  enormes 
Alter,  scheinbar  sogar  die  Unsterblichkeit,  und  zwar  weil  sie 
spontan,  regungslos,  schweigsam  und  frei  von  Leidenschaften, 
also  vollkommen  wie  das  T  a  o  des  Weltalls  selbst,  dahinlebten. 
Folglich  waren  solche  Bäume  von  einem  ungemein  starken 
Sen  beseelt,  das  sich  jahrein,  jahraus  darin  verdichtet  und  als 
Harzstoff  abgelagert  hatte,  und  das  sich  besonders  in  dem  Samen 
so  dicht  ansammelte,  daß  dieser  ganze  neue  Bäume  hervorzu- 
bringen imstande  war.  Die  Lebenskraft  vieler  war  so  gewaltig 
stark,  daß  ihre  Blätter  oder  Nadeln  sogar  der  kältesten  Jahres- 
zeit des  Tods  vollkommen  unversehrt  Trotz  zu  bieten  ver- 
mochten. Harz,  Samen  und  andere  Bestandteile  solcher  Baum- 
arten wurden  also  mit  besonderer  Vorliebe  verschluckt.  Täglich 
bewies  die  Erfahrung,  daß  Pflanzen  aller  Art  Kranke  zu  heileu 
vermochten,  und  daß  mithin  besonders  viel  Sön  oder  Jang 
darin  aufgespeichert  lag.  Und  so  durchsuchten  Si6n  und  Tao 
§i   Jahrhunderte    lang    die    Berge    und  Wälder    nach    solchen 


124 

Pflanzen;  daraus  Arzneien  und  Lebenselixiere  verfertigend^  und 
so  wurde  die  Pharmakopoe  Chinas  unaufhaltsam  bereichert^  bis 
sie  schließHch  ihren  heutigen  erstaunlichen  Umfang  erreichte 
und  etwa  alles  umfaßte,  was  innerhalb  des  menschlichen  Beob- 
achtungskreises fiel.  Die  Art  der  Verlängerung  des  Lebens  und 
die  Arzneikunde  bildeten  also  von  Anfang  an  nur  eine  einzige 
Art;  und  sie  ist  eine  einheitHch  universistische  oder  taoistische 
Art  geblieben  bis  auf  diesen  Tag. 

Und  so  kommt  es,  daß  die  vortrefflichsten  Medikamente 
in  China  durchweg  )|i^  ^  S5n  Jo',  Sen- Arzneien,  heißen,  oder 
^^  Ling  Jo',  Heilstoffe  mit  Götterkraft,  oder  f [1|  ^  Siön 
Jo',  Arzneien  der  Sien.  Am  höchsten  angeschrieben  in  der  Arznei- 
lehre standen  die  ewig  grünen  Fichten,  Tannen  und  Zypressen, 
auch  der  Pflaumen-,  Birnen-  und  Pfirsichbaum,  weiter  der 
Kassia  (;j$);  dem  P*öng-tsu  seine  Unsterblichkeit  verdankt 
haben  soll,  allerhand  Pilzarten,  Kalmus,  Chrysanthemum  u.  a. 
Danebon  kamen  Gold,  Jaspis,  Perlen,  Perlmutter  und  Zinnober 
in  Betracht.  Ich  verweise  hier  auf  meinen  ausführlichen  Bei- 
trag über  diesen  Gegenstand,  „On  amorphous  Plant-spirits"  in 
„The  Religious  System  of  China",  Bk.  IV,  S.  294  ff.  Nicht  alle 
Vertreter  der  genannten  Baumarten  spendeten  in  gleichem 
Maße  Lebenskraft.  Nur  von  wenigen  Bäumen  sammelten  sich 
die  S  i  6  n  Samen  und  andere  Bestandteile,  welche  sie  selbst  zur 
Erlangung  der  Unsterblichkeit  verspeisten  oder  wenigen  Be- 
vorzugten weiter  verschenkten.  Auch  sollen  derartige  höchst- 
klassige  Wunderbäume  von  solchen  Gottmenschen  wohlwollend 
gepflanzt  worden  sein,  um  der  Menschheit  die  Unsterblichkeit 
zu  sichern;  schade  nur,  daß  sie  so  äußerst  selten  und  über- 
dies so  schwer  aufzufinden  waren,  weil  sie  zumeist  in  ein- 
samen Schluchten  und  auf  unzugänglichen  Berggipfeln  wuchsen, 
dort,  wo  die  Gottmenschen  in  Einsamkeit  das  Jang  des 
reinen  Himmels  atmeten.  Nichtsdestoweniger  ist  es  manchem 
Liebling    des    Glücks    gelungen,    sie    zu    entdecken    und    sich 


125 

unsterblich  zu  machen.  Die  Früchte  solcher  Unsterblichkeits- 
bäume pflegten  sich  durch  außerordentliche  Größe  auszu- 
zeichnen. Am  herrlichsten  gediehen  sie  in  den  Waldungen 
und  Hainen  der  j|5  3E  "^  Si-wang-mu,  einer  geheimnis- 
vollen Königin  der  SiÖn,  die  ihr  Reich  fern  im  unbekannten 
Westen  in  einer  zauberhaft  paradiesischen  Gegend  hatte;  von 
dort  sind  bisweilen  Pfirsichsteine  und  andere  Samen  nach  China 
gelangt  und  haben  sich  dort  zu  Bäumen  der  Unsterblichkeit 
entwickelt,  welche  die  Fabeln  vielfach  erwähnen  und  verherr- 
lichen. 

Der  Glaube  an  dieses  Paradies  der  Unsterblichen  wurzelt 
vermutlich  im  tiefen  Dunkel  der  Vergangenheit.  UrkundHch 
läßt  er  sich  nur  auf  das  [Ij  y$  ^^  San  Hai  King,  das  Buch 
von  Land  und  Meer,  zurückführen,  das  wahrscheinlich  früh  in 
der  Han-Zeit  aus  allerlei  alten  geographischen  Mitteilungen 
fabelhaften  Anstrichs  zusammengestellt  wurde.  Dort  lesen  wir 
an  verschiedenen  Stellen  von  einem  im  Kun-lun- Gebirge 
wohnenden  Wang-mu  oder  Si-wang-mu,  der  eine  Krone 
trug  und  dessen  Land  an  schönen  und  kostbaren  Sachen  reich 
war.  Auch  Tsuang  Tsö  (Buch  3,  bezw.  Kap.  6)  erwähnt 
einen  gewissen  Si- wang-mu,  der  das  Tao  erlangt  hatte, 
sagt  aber  weiter  über  diese  Person  gar  nichts.  In  den  sämt- 
Hchen  klassischen  Büchern  ist  von  diesem  Namen  keine  Spur 
zu  finden.  Die  Auffassung,  daß  er  eine  Königin  bezeichne, 
beruht  offenbar  nur  auf  dem  Umstand,  daß  Si- wang-mu 
königliche  Mutter  des  Westens  bedeutet;  jedoch  liegt  die  Vermutung 
ganz  nahe,  daß  wir  es  hier  lediglich  mit  der  Transkription 
eines  Fremdwortes  zu  tun  haben.  Liu  Ngan  gab  dem 
Glauben  an  das  Paradies  des  Westens  festere  Gestalt,  indem 
er  im  4.  Kap.  seines  Hung  LiS'  Kiai  eine  schwungvolle 
Beschreibung  von  den  Wundern  des  Kun-lun- Gebirges  gab 
und  dabei  versicherte,  daß  dort  hoch  oben  die  Regionen  lägen, 
wo  nur  unsterbliche  und  göttHche  Wesen  wohnten,   über  deren 


126 

Häuptern  der  ^1^  T '  a  i  T  i  oder  Höchste  Kaiser  des  Himmels 
thronte. 

Überdies  findet  sich  in  der  Literatur  der  H  an -Zeit  auch 
der  Glaube,  daß  gleichartige  Paradiese  der  unsterblichen  Gott- 
menschen im  Osten  beständen,  auf  Inseln  weit  draußen  im 
Ozean.  Dort  führte  ein  ^  3E  -Ä"  Tung  Wang  Kung, 
Königlicher  Herr  des  Ostens,  die  Herrschaft.  Offenbar  ist  diese  Gott- 
heit schlechthin  als  Gegenstück  zur  Königlichen  Mutter  des  Westens 
erfunden  worden.  Eine  Schrift,  welche  den  Titel  -J^  ^>|'|  gß 
Si'  Tsou  Ki,  Beschreibung  der  zehn  Inseln,  führt  und  eine  Reihe 
dieser  Wunderinseln  bespricht,  hat  sich  bis  auf  diesen  Tag  er- 
halten. Okne  auf  diese  oder  noch  andere  Beschreibungen  näher 
einzugehen,  heben  wir  hier  mit  Nachdruck  die  Tatsache  her- 
vor, daß  der  alte  Universismus  auch  imstande  gewesen  ist, 
einen  Glauben  an  selige  Gefilde  zu  schaffen,  wo  die  Menschen, 
welche  sich  heihg  machten,  im  Jan g  des  Weltalls  ewig  lebten. 
Eine  unabhängige  Fortentwicklung  dieses  Glaubens  wurde  aber 
durch  die  Einführung  des  Buddhismus  beeinträchtigt,  der  neben 
dem  taoistischen  Paradies  des  Westens  sein  eigenes  westliches 
in  den  Vordergrund  rückte,  wo  Amita,  der  Buddha  der  unter- 
gehenden Sonne,  herrscht. 


Fünftes  Kapitel. 


Die  taoistische  Kirche  und  ihr  Oötterkult. 

Der  Charakter  jeder  Religion  wird  hauptsächlich  durch 
den  Charakter  ihrer  Götter  bestimmt.  Indem  wir  die  Grund- 
züge des  universistischen  Systems  kennen  lernten,  ist  uns  von 
selbst  das  Wesen  seiner  Gottheiten  klar  geworden.  Diese  waren 
von  alters  her  (s.  S.  12)  die  lj0  Sen  oder  Unterteile  des  Jang, 
welche  als  Kräfte  und  Erscheinungen  im  Weltall  wirken  oder 
die  verschiedenen  Unterteile  des  Weltalls  beseelen;  im  wesent- 
lichen sind  also  die  Weltteile  selbst  Gottheiten,  weil  sie  sich 
nur  in  solch  einem  beseelten  Zustand  denken  lassen.  Mit  dem 
vollsten  Rechte  kann  man  deshalb  die  chinesische  Religion  einen 
polytheistischen  Naturismus  heißen.  Als  aber  die 
menschliche  Heiligwerdung  und  Vergöttlichung,  welche  wir 
kennen  gelernt  haben,  erfunden  war,  wuchs  die  Zahl  der  chi- 
nesischen Gottheiten  ins  Ungeheure.  Jedes  Jahr  führte  den 
Sphären  der  Göttlichkeit  neue  Scharen  von  f[Ij  SiSn  und 
Heiligen  zu,  die  zwar  zum  größten  Teil  bald  wieder  in  Ver- 
gessenheit gerieten,  allein  auch  zum  Teil  Gegenstände  mensch- 
Hcher  Verehrung  bheben,  sogar  bis  auf  diesen  Tag.  Die  S  i  ö  n 
werden,  wie  wir  auf  S.  98  betonten,  in  den  klassischen  Büchern 
gar  nicht  erwähnt,  wahrscheinlich  weil  sie  erst  kurz  vor  der 
Han-Dynastie  hervortraten  oder  erfunden  wurden.  Ihnen  ist 
also  im  Pantheon  des  Konfuzianismus  kein  Platz  gewährt;  aber 


128 

im  übrigen   ist   die   universistische   Götterwelt   Gemeingut   des 
taoistischen  wie  des  konfuzianischen  Systems. 

Anthropotheismus  und  Anthropolatrie :  Vergöttlichung  und 
Verehrung  des  Menschen,  sind  mithin  wesentliche  Merkmale  von 
Chinas  universistischer  Religion.  Verehrung  der  Verstorbenen 
durch  ihre  Nachkommen  mag  wohl  eine  der  ältesten  Religions- 
formen der* Menschheit  sein.  Sie  wird  in  den  klassischen  Büchern 
so  häufig  und  so  umständlich  erwähnt,  daß  es  sich  nicht  in 
Zweifel  ziehen  läßt,  daß  sie  im  alten  China  die  Hauptinstitution, 
der  Kern  des  religiösen  Lebens  war.  Sie  war  eine  logische 
und  natürliche  Fortsetzung  der  Verehrung,  welche  die  Eltern 
bereits  zu  ihren  Lebzeiten  zu  beanspruchen  berechtigt  waren, 
weil  die  Natur  oder  Weltordnung  selbst  sie  zu  den  ersten 
Häuptern  der  Menschen  machte.  In  China  war  zu  allen  Zeiten 
das  Familien-  und  Stammleben  patriarchalisch  organisiert.  Dem- 
nach ist  jedes  Kind  der  völligen  Gewalt  seines  Vaters  unter- 
worfen und  schuldet  ihm  das  Höchstmaß  von  Unterwürfigkeit, 
Gehorsam  und  Ehrfurcht,  das  der  Chinese  mit  dem  Ausdruck 
^i  H  i  a  0  bezeichnet.  Diese  Verpflichtung  verbietet  den  Kindern 
ohne  Rücksicht  auf  ihr  Alter,  sich  der  väterlichen  Macht  zu 
entziehen,  und  hat  zur  Folge,  daß  ein  Verlassen  der  Familie 
seitens  der  Kinder  nur  ausnahmsweise  stattfindet.  Durch  die 
Ehe  der  Söhne  und  Enkel  entstehen  immer  wieder  neue  Ge- 
nerationen, und  die  Familie  entwickelt  sich  zu  einem  ^^  Tsu' 
oder  Stamm,  dessen  Häuptling  der  älteste  Famihenvater  ist,  dem 
gegenüber  die  sämtlichen  Mitglieder  des  Stammes  ebenfalls  das 
Hiao  schuldig  sind.  Während  der  Stamm  durch  Kinder- 
geburt immer  neuen  Zuwuchs  bekommt,  stirbt  er  oben  all- 
mählich ab.  Jedoch  die  Toten  trennen  sich  nicht  von  ihm. 
Auch  im  Jenseits  fahren  sie  damit  fort,  ihre  Herrschaft  aus- 
zuüben und  ihren  segnenden  Willen  walten  zu  lassen,  und  die 
Nachkommen  wagen  es  nicht,  ihnen  gegenüber  die  Pflichten 
des  Hiao  zu  vernachlässigen.     Ihre  Seelen,  durch  Holztafeln 


129 

mit  ihren  Namen  darauf  vergegenwärtigt,  finden  auf  dem  Haus- 
altar und  im  Ahnentempel  ihren  Platz  und  werden  daselbst 
getreu  verehrt,  zu  Rate  gezogen  und  durch  Speisenopfer  ehr- 
furchtsvoll ernährt.  Und  so  bilden  Lebende  und  Tote  zusammen 
einen  größeren  Stamm,  der  ^  Tsung  heißt.  Gleichwie  zu 
ihren  Lebzeiten  sind  die  Ahnen  die  natürlichen  Schutzherren 
ihrer  Nachkommen,  von  denen  sie  die  schädlichen  Einflüsse 
böser  Geister  fernhalten,  und  denen  sie  dadurch  Glück,  Wohl- 
fahrt und  Kinderreichtum  sichern. 

Ahnenkult  geht  also  aus  dem  natürlichen  Lauf  (Tao)  des 
menschlichen  Zusammenlebens  von  selbst  hervor  und  stimmt 
sonach  vollkommen  zum  universistischen  System,  dessen  Alpha 
und  Omega  freilich  des  Menschen  völlige  Anpassung  an  die 
Natur  ist.  Somit  tritt  klar  zutage,  daß  er  im  Leben  der  Völker 
des  fernen  Ostens  eine  hervorragende  Rolle  spielt  und  sich  mit 
der  Lehre  der  Heiligkeit  und  Göttlichkeit  des  Menschen  völlig 
deckt.  Und  da  die  klassischen  Schriften  ihn  an  zahlreichen 
Stellen  erwähnen,  vorschreiben  und  preisen,  so  bildet  er  gleich- 
zeitig einen  integrierenden  Bestandteil  der  konfuzianischen 
Staatsreligion  —  was  wiederum  die  enge  Verwandtschaft  dieser 
Religion  mit  dem  Taoismus  stark  zum  Ausdruck  bringt. 

Da  die  Gottwerdung  des  Menschen  in  seiner  Einswerdung 
mit  dem  Jang  des  Himmels  besteht,  so  werden  die  Götter 
natürlicherweise  als  Bewohner  der  himmlischen  Sphären  ge- 
dacht, wo  sie  sich  um  den  Thron  des  höchsten  Gottes  scharen, 
nämlich  des  Himmels  selbst,  den  die  Schriften  der  alten  Zeit 
^Is  Jt*^  Sang  Ti,  Oberster  Kaiser,  bezeichnen.  Sein  Thron 
ist  der  Polarstern,  um  den  sich  das  ganze  Himmelsgewölbe 
dreht.  Daherum  gruppieren  sich  die  Götter  der  Sonne,  des 
Mondes,  der  Sterne  und  der  Sternbilder,  des  Windes,  der  Wolken, 
des  Donners  und  Regens.  Sie  werden  alle  abgebildet  in  mensch- 
hcher  Gestalt,  in  stattlicher  Haltung,  in  höchster  Ruhe;  denn 
„Regungslosigkeit"  und  „Stille"  sind  die  großen  Eigenschaften 

De  Groot,  Uuiversismas.  9 


130 

des  T  a  0  und  mithin  auch  die  der  Wesen^  welche  die  spontan 
wirkenden  Kräfte  der  Weltordnung  sind.  Dasselbe  gilt  natür- 
lich für  die  unzähligen  Menschen,  die  sich  durch  Aneignung 
der  Eigenschaften  des  Tao  die  Göttlichkeit  und  damit  einen 
Platz  auf  dem  himmlischen  Parnaß  erworben  haben.  Ruhelosig- 
keit und  Hast,  Streben  und  Streiten  gibt  es  dort  nicht;  allein 
tief  unten,  in  der  von  Menschen  bewohnten  Welt,  führt  eine 
^^  T^iÖnPing  oder  himmlische  Kriegsmacht,  von  36  ^  ^ 
Tsiang  Kiün,  Heerführern,  oder  ^  j|^  T'^ien  Tsiang,  himm- 
lischen  Anführern,  befehligt,  dauernd  die  Waffen  gegen  die  bösen 
Geister,  die  Kwei,  zum  Schutz  und  Heil  der  Menschheit.  In 
der  taoistischen  Religion  spielen  diese  Heerscharen  eine  besonders 
hervorragende  Rolle.  Wie  bereits  hervorgehoben  (S.  106),  nimmt 
der  Exorzismus  in  dieser  Religion  einen  Hauptplatz  ein  und 
wird  vornehmlich  durch  Zauberei  ausgeübt,  welche  die  Götter 
zur  Hilfeleistung  gegen  die  Kwei  treibt.  Diese  Götter  nun 
sind  stets  in  erster  Linie  die  himmlischen  Heerführer.  Mit 
den  von  ihnen  befehligten  Heerscharen  sind  sie  deshalb  in  der 
Hand  der  Tao  §i  das  allerwichtigste  Zauberwerkzeug  zur 
Förderung  menschlichen  Wohlseins,  das  besonders  bei  Epi- 
demien kräftig  in  Anwendung  tritt. 

Der  höchste  Gott  der  taoistischen  Religion  ist  ^  j^  ^  ^, 
die  feine,  ätherische  Seele  von  Himmel  und  Erde,  tt*  "bh  ^  ^.  der 
himmlische  König  des  Uranfangs,  der  den  unerklärten  Namen  ^  "^ 
P'an-ku  trägt.  Als  das  Chaos  noch  die  Gestalt  eines  Hühner- 
eies besaß,  schwebte  diese  Gottheit  darin  bereits  umher;  Jang 
und  Jih  hatten  sich  damals  noch  nicht  voneinander  getrennt 
und  Himmel  und  Erde,  Sonne  und  Mond  waren  mithin  noch 
nicht  entstanden.  Den  Besitz  dieses  kostbaren  Dogmas  ver- 
dankt die  taoistische  Welt  ihrem  großen  und  weisen  Meister 
^^^  Ko'  Hung,  der  es  im  4.  Jahrhundert  n.  Chr.  nieder- 
schrieb in  einer  kleinen  Schrift,  welche  als  ^  4^  ^  T  s  e  n 
tsung  §u,   das  Buch  im  Kopfkissen,   bekannt   ist,   das    stets   als 


131 

Autorität  ersten  Ranges  auf  dem  Gebiete  der  Theogonie  und 
Kosmogonie  gegolten  und  immer  einen  hohen  Platz  in  der 
heiligen  Schrift  der  Kirche  eingenommen  hat.  Sie  belehrt  uns 
auch  hinsichtlich  des  Entstehens  weiterer  Hauptgottheiten  der 
taoistischen  Kirche.  Nachdem  Jang  und  Jin  sich  endgültig 
voneinander  losgetrennt  hatten,  Heßen  die  Felsen  Blut  hervor- 
quellen, und  dadurch  entstanden  die  Gewässer,  worin  die  Ur- 
tierweit ihren  Ursprung  nahm.  Hoch  über  dem  Zentrum  des 
Himmels  thronte  damals  der  P'^an-ku  auf  dem  3£  Ä  l-U 
Ju  King  San,  Berg  der  Hauptstadt  von  Jaspis.  Da  erzeugte  er  die 
"JStjÜ^jk  T'^ai  Juan  ju'  Nu,  Jaspisfrau  der  Allschöpfung, 
die  alles  gebärende  Erde;  er  erhob  sie  zur  Gemahlin  und 
schenkte  ihr  den  Titel  ^fc  7C  Me  "^  T'ai  Juan  sing  Mu, 
Heilige  Mutter  der  Allschöpfung.  Damit  war  die  harmonische  "Wir- 
kung von  Jang  und  Jin,  also  von  Wärme  und  Kälte,  Licht 
und  Finsternis,  dargestellt;   ^  #  —  JL^  ;^  ^  ilfe  #  —  0  ^, 

der  Himmel  erlangte  seine  Einheit  und  dadurch  seine  Reinheit,  die  Erde 
erlangte  ihre  Einheit  und  dadurch  ihre  Ruhe;  dieses  Begebnis  be- 
deutete also  die  y^  ^^  ^  J^,  Entstehung  des  großen  Tao,  das 
Walten  der  Weltordnung,  die  alljährliche  Schöpfung. 

Aus  dem  kosmischen  Ehepaar  wurden  dreizehn  ^  ^ 
T'iSn  Huang,  himmlische  Kaiser  geboren,  die  36.000  Jahre 
lang  regierten,  und  außerdem  noch  der  auf  S.  126  erwähnte 
Tung  Wang  Kung,  der  Königliche  Herr  des  Ostens,  der  auch 
7Ij  »W  ^  Juan  Jang  Fu,  Vater  des  schöpferischen  Jang,  heißt, 
sowie  die  ebenda  genannte  Si  Wang  Mu,  die  Königliche  Mutter 
des  Westens.  Die  himmlischen  Kaiser  erzeugten  dann  elf  j^  ^ 
Ti  Huang,  irdische  Kaiser,  von  denen  jeder  36.000  Jahre  herrschte; 
sie  sind  es,  die  das  „Tao  der  Menschheit"  gründeten.  Ihre 
Nachkommen  sind  die  ältesten  Kaiser  Fu'-hi,  Sön  Nung, 
Huang  (S.  72),  j|{l  g^  Tsu'-jung  und  ^^  äao  Hao, 
die  bezw.  den   Osten,    den   Süden,    die  Mitte,   den  Westen  und 

den  Norden  des  Weltalls  vertreten  und  die  Vorgänger  von  J  a  o 

9* 


132 

und  Sun  waren.  Durch  sie  wurde  das  Tao  der  Menschheit 
den  Stiftern  der  Dynastien  Hia,  Sang  und  Tsou  vermacht, 
von  denen  jeder  es  seinen  kaiserlichen  Nachkommen  übertrug; 
und  so  wurde  sein  Besitz  durch  die  klassischen  Schriften  auf 
ewig  der  Menschheit  gesichert. 

Vom  Anfang  der  Schöpfung  an  haben  somit  P*^an-ku 
und  seine  Gemahlin  als  höchste  schöpferische  Gottheiten  oben 
in  den  __tl*^^  Sang  Ts'ing  Kung,  den  höchsten  Palästen 
der  Reinheit;  gethront.  Das  ^  ^  K  i  n  K  *^  u  e '  oder  goldene  Turm- 
paar,  welches  den  Eingang  zum  zentralen  Palaste  bildet,  wird 
von  Lao  Ts6  verwaltet;  in  der  Tat  hat  dieser  Heilige  zum 
ersten  Male  der  Menschheit  die  Mittel  zur  Erlangung  der  Un- 
sterblichkeit und  Göttlichkeit  durch  das  Tao  Te'  King  ver- 
kündet und  ihr  somit  die  Pforte  zum  Eljsium  erschlossen.  Ein- 
undachtzigmal  zehntausend  Wege  entstrahlen  von  der  „Hauptstadt 
von  Jaspis"  und  führen  nach  ebensovielen  Bergen,  Hügeln 
und  Grotten  hin,  welche  den  Legionen  von  Heiligen,  die  das 
Tao  erreicht  haben,  als  Wohnstätten  dienen.  Die  höchsten 
dieser  Siön  bekleiden  himmlische  Amter  und  erscheinen  all- 
täglich dreimal  vor  dem  Königlichen  Herrn  des  Ostens,  der 
Königlichen  Mutter  des  Westens  und  Lao  T  s  6  zur  Audienz, 
losgelöst  von  allen  Distanzbegriffen,  denn  ihnen  sind  Myriaden 
von  Meilen  nur  ein  einziger  Schritt.  Und  dreimal  monatlich 
machen  sie  sich  zu  einer  Audienz  bei  P'^an-ku  auf.  Dieser 
hat  überall  seine  Könige,  Vasallen  und  Minister.  Auch  der  aller- 
heiligste  Konfuzius  bewohnt  dieses  Elysium,  und  zwar  als 
^^ifcSJtÄ'Ä'  T'ai  Ki'  sang  tsSn  Kung,  Allerheiligster 
Herr  des  T'ai   Ki*   (s.  S.  7). 

Es  ist  klar,  daß  diese  Theogonie  schlechthin  eine  Aus- 
arbeitung der  ältesten  Begriffe  über  das  Weltall  ist,  welche 
wir  schon  kennen  gelernt  haben,  und  nur  bezweckt,  derselben 
festere  Gestalt  zu  verleihen.  Deshalb  ist  es  nicht  unwahrschein- 
Hch,   daß   sie   bereits   in   der   Han-Zeit   dem   taoistischen   Ge- 


133 

dankenkreis  angehörte,  denn,  wie  wir  gesehen,  hatte  sich  in 
dieser  Periode  der  Taoismus  zu  einer  vollständigen  Religion 
entwickelt,  die  ihre  Lehren  über  Heiligkeit  und  Göttlichkeit 
besaß,  Askese,  Sittenlehre,  Paradiese,  Lehrer  und  Jünger,  welche 
kleinere  oder  größere  Gemeinden  bildeten.  Es  steht  sogar  ur- 
kundlich fest,  daß  bereits  im  2.  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung 
diese  Religion  die  Gestalt  einer  organisierten  Kirche  mit  hierar- 
chischer Gewalt  besaß. 

Mit  dieser  Kirche  ist  der  Name  ihres  Stifters  TsangLing 
5S  (^  oder  5ß^[^  Tsang  Tao-ling  untrennbar  ver- 
bunden. Dieser  wird  im  4.  Kapitel  der  Hagiographie,  welche 
den  Titel  jjj^  fll|  f^  Sön  Sien  Ts'uan,  Berichte  über  Götter 
und  Sien,  trägt  und  von  Ko'  Hung  verfaßt  sein  soll,  aufge- 
führt als  ein  mit  großer  Zauberkraft  begabter  Taoist,  der  in 
der  Teufelsbannung  und  Krankenheilung  äußerst  bewandert 
war  und  sich  sehr  darauf  verstand,  sich  die  Götter  dienstbar 
zu  machen  und  Lebenselixiere  zu  brauen.  Lao  TsS  selbst  soll 
ihm  den  Auftrag  erteilt  haben,  die  alte  universistische  Lehre  und 
Disziplin  zu  einer  Kirche  zu  gestalten;  somit  ist  die  Leitung 
dieser  Kirche  heiliges  Vermächtnis  seiner  Nachkommenschaft 
geblieben,  die  bis  auf  den  heutigen  Tag  das  jeweilige  Ober- 
haupt der  Kirche,  den  sogenannten  ^  ^j^  T '  i  S  n  S  i  oder  himm- 
lischen Lehrmeister,  gestellt  hat.  Der  Sitz  dieses  Apostolats  befindet 
sich  in  der  Provinz  Kiang-si,  im  Kreise  ^]^  Kwei-k'i, 
an  derselben  Stelle,  wo  dermaleinst  Tsang  Ling  seine  Lebens- 
elixiere bereitete  und  ins  Azurblau  des  Himmels  emporstieg. 

Aus  den  Geschichtsbüchern  der  Han-Zeit  erfahren  wir, 
daß  Tsang  Ling  in  der  jetzigen  Provinz  S6-t§  uan  über 
seine  zahlreichen  Anhänger  eine  halb  weltliche,  halb  geistliche 
Verwaltung  führte,  mit  eigenem  Steuerwesen  und  einer  reli- 
giösen Disziphn,  welche  hauptsächHch  auf  Selbsterniedrigung 
vor  den  hohen  Mächten  des  Weltalls  und  auf  Sündenbeichte 
beruhten.    Weiter  lesen  wir  da,  daß  er  die  Verwaltung  dieses 


• 


134 

religiösen  Staats  seinem  Soline  5B^  Tsang  HSng  ver- 
machte; von  dem  uns  nichts  Weiteres  gemeldet  wird;  als  daß 
er  die  Verwaltung  seinem  Sohne  SB'©  Tsang  Lu  hinterUeß. 
Dieser  dehnte  seine  Herrschaft  bis  in  die  Provinz  S6n-si  aus. 
In  seinem  Staatswesen  spielten  die  bösen  Geister  als  Vollstrecker 
des  himmlischen  Strafgerichts  eine  wichtige  KoUe;  man  pflegte 
die  Wohltätigkeit,  Wahrhaftigkeit  und  Ehrlichkeit,  die  freiwillige 
Sündenbeichte;  man  strafte  nur  diejenigen;  welche  sich  zum 
vierten  Male  eines  Verbrechens  schuldig  machten.  Ausschließ- 
lich weltliche  Obrigkeiten  gab  es  nicht;  nur  geistliche. 

Außer  Täang  Lu  beschäftigten  sich  noch  zwei  Apostel 
mit  der  Bekehrung  und  geistlichen  Organisation  des  VolkeS;  näm- 
lich 5gf^  Tsang  Siu  und  gg  ^  Täang  Kio'.  Das  reli- 
giöse  Reich  des  erstgenannten  verschmolz  sich  bald  mit  dem 
des  Tsang  Lu;  dem  des  T§ang  Kio';  welches  sich  ^fc  ^ 
^j5^  T*^ai  P'ing  KiaO;  die  Religion  des  höchsten  Friedens,  nannte, 
wurde  ein  tragisches  Ende  zuteil.  Im  Jahre  184  klagte  ein 
Abtrünniger  ihn  und  seine  Kirche  wegen  Empörungsplänen 
gegen  die  regierende  Dynastie  an.  Eine  blutige  Verfolgung 
brach  loS;  gegen  die  sich  die  Anhänger  der  Kirche  selbstredend 
zur  Wehr  setzten  —  und  bald  war  das  große  Reich  fast  in 
seiner  ganzen  Ausdehnung  ein  Schauplatz  des  Hinschlachtens 
und  der  Verheerung.  Nach  vielen  Jahren  war  dieser  Aufstand, 
den  die  Geschichtsschreiber  den  Aufstand  der  ^  fjj  H  u  a  n  g 
Kin  oder  Gelben  Kopftücher  nenneU;  in  Strömen  von  Blut  er- 
stickt, jedoch  auch  die  Han-Dynastie  selbst  dem  Untergang 
nahe  geführt.  Sogar  noch  im  Jahre  207  finden  wir  in  den  Ge- 
schichtsbüchern die  Gelben  Kopftücher  erwähnt;  was  wohl  be- 
weist; wie  groß  der  Anhang  und  die  Kraft  der  taoistischen 
Kirche  damals  waren.  Soweit  sich  urkundlich  nachweisen  läßt, 
ist  dieser  lange  Krieg  der  erste;  den  in  China  die  Reichs- 
regierung zur  Vertilgung  einer  Religionsgenossenschaft  geführt 
hat.  Viele  andere  sollten  ihm  im  Laufe  der  Jahrhunderte  folgen. 


135 

wie  ich  in  meinem  „Sectarianism  and  Religious  Persecution  in 
China"  ausführlich  beschrieben  habe. 

Es  scheint,  daß  die  Gelben  Kopftücher  die  Kriegsmacht 
der  H an- Dynastie  so  völlig  beschäftigten,  daß  sie  sich  nicht 
gegen  Tsang  Lu  und  seine  in  Sö-ts'uan  und  Öön-si  ge- 
festigte Kirche  zu  kehren  vermochte.  Dennoch  machte  er  nicht 
mit  ihnen  gemeinsame  Sache,  wahrscheinlich  weil  er  dadurch 
wenigstens  seine  eigene  Kirche  vor  Vernichtung  zu  bewahren 
hoffte.  Der  Dynastie  kam  das  sehr  gelegen;  sie  erkannte  ihn 
als  Herrscher  seines  Religionsgebiets  an,  verlieh  ihm  dazu  hohe 
Titel  und  legte  ihm  nur  die  Verpflichtung  auf,  sich  durch 
Zahlung  von  Tribut  zu  ihrem  Lehnsmann  zu  machen.  Im 
Jahre  215  unterwarf  er  sich  dem  Feldherrn  Wfö  Ts'ao 
Ts'ao,  dem  es  gelang,  die  Han-Dynastie  zu  stürzen  und  sich 
als  Kaiser  auf  den  Thron  zu  setzen.  Dieser  Stifter  'der  ^ 
Wei- Dynastie  schenkte  ihm  und  seinen  Söhnen  hohe  Ehrentitel, 
und  so  wurde  er  neben  seinem  Großvater  Tsang  Ling  der  ruhm- 
volle Patriarch  der  Tsang -Familie,  in  der,  wie  schon  gesagt,  das 
Pontifikat  der  taoistischen  Kirche  sich  bis  heute  erhalten  hat.^ 

Die  Klöster  dieser  Kirche  bezweckten  begreiflicherweise 
stets  in  erster  Linie,  den  Tao  Si,  welche  sie  bewohnten,  die 
Gelegenheit  zu  bieten,  durch  die  asketische  Lebensweise  und 
andere  Mittel,  die  uns  ^bekannt  geworden  sind,  sich  zur  Gött- 
hchkeit  und  Unsterblichkeit  emporzuarbeiten.  Sie  bildeten  also 
den  Vorhof  des  himmlischen  Paradieses  und  gestalteten  sich 
deshalb  wie  dieses  Paradies  selbst,  insofern  hier  die  Bilder  der 
hohen  Gottheiten  des  Weltalls  in  größeren  und  kleineren  Sälen 
und  Kapellen  thronten.  Dadurch  war  diesen  Gottheiten  die  Ge- 
legenheit geboten,  ihre  Seele  von  sich  selbst  darin  hinabzusenden, 
vornehmlich   wenn   die   Mönche    sie    durch   Opfer   und   andere 


^  Die  Quellenberichte  über  die  Stiftung  der  taoistischen  Kirche  wurden 
Von  mir  in  Übersetzung  veröffentlicht  in  den  „Transactions  of  the  3rd  Inter- 
^national  Congress  for  the  History  of  Religious"  at  Oxford,  1907,  Bd.  I,  S.  138. 


136 

Feierlichkeiten,  Zauberzeichnungen  und  Zauberworte  dazu  ein- 
luden und  zwangen.  Durch  die  Anwesenheit  so  vieler  Götter- 
kraft waren  die  Klöster  Brennpunkte  himmlischer  Reinheit,  von 
denen  fortwährend  Segen  und  Glück  ausstrahlten.  Um  diese 
für  die  umwohnende  Menschheit  so  heilsame  Wirkung  sicher- 
zustellen, dienten  jährlich  zu  festen  Zeiten  wiederkehrende  und 
auch  außergewöhnliche  Opferfeste,  vereint  mit  Zauber-  und 
anderem  Ritual,  das  im  Laufe  der  Zeit  in  verschiedenen  Formen 
erfunden  und  in  der  Liturgik  der  Kirche  niedergelegt  wurde. 
Es  hat  sich  aber  dieses  Klosterwesen  nie  besonders  aus- 
dehnen können,  weil  es  dem  Wettbewerb  mit  dem  Buddhismus 
nicht  gewachsen  war  (s.  S.  100)  und  ihm  eine  feindlich  gesinnte 
konfuzianische  Staatsregierung  gegenüberstand.  Somit  existieren 
heutzutage  in  China  nur  noch  wenige  Kuan  von  ansehnlicher 
Größe  und  Bedeutung.  Alle  Zeiten  hindurch  lebten  die  Tao 
Si  wie  heute,  hauptsächlich  in  der  menschlichen  Gesellschaft, 
in  gewöhnlichen  Häusern,  verheiratet  wie  jedermann  und  Kinder 
erzeugend.  Sie  leisteten  der  Laienwelt  gegen  Bezahlung  Priester- 
dienst beim  Darbringen  von  Opfern,  beschwörten  für  sie  die 
Götter  herab,  bannten  die  Teufel  aus  und  verhalfen  dadurch 
den  Kranken  zur  Genesung.  Sie  beschwörten  Seuchen  und 
Pestilenz,  Dürre  und  Hungersnot,  erstickten  Feuersbrünste, 
hemmten  rasende  Flüsse,  dämmten  Überschwemmungen  ein, 
zauberten  Wolken  und  Regen  hervor.  Der  alten  Lehre  ent- 
sprechend, daß  der  Besitz  des  Tao  Zauberkraft  verleiht,  war 
die  Magie  allezeit  das  Rückgrat  der  taoistischen  Religion  und 
bedingte  immer  die  Berufstätigkeit  ihres  Priestertums.  Sie 
durchläuft  wie  eine  Schlagader  den  Körper  des  kirchlichen  Ri- 
tuals, welches  im  großen  und  ganzen  die  Vernichtung  von  bösen 
Geistern  und  die  Sicherung  der  Hilfe  der  Gottheiten  bezweckt. 
Diese  Magie  wird  hauptsächlich  mittels  Zauberzeichnungen  oder 
^  Fu  und  Zauberworten  oder  5l  Tsou  getrieben,  deren 
Kraft  angenommenermaßen    keine    Grenzen    hat;    sie    drücken 


137 

vielfach  Befehle  von  Lao  Tsß  und  anderen  hohen  Göttern 
auS;  denen  nichts  widerstehen  kann.  Mittels  solcher  Zeichnungen 
und  Worte  werden  die  Götter  gezwungen,  den  priesterlichen 
Wünschen  nachzukommen,  böse  Geister  und  ihr  Werk  zu  ver- 
nichten. Wo  immer  Unheil  abgewendet  oder  Glück  herbei- 
beschworen werden  soll,  läßt  man  von  den  T  a  o  Ö  i  einen  Altar 
errichten,  mit  gemalten  Bildern  der  Götter  umhängen,  mit  vier- 
eckigen Kartons,  welche  Namen  und  Titel  von  Göttern  tragen, 
schmücken,  mit  Blumen,  Kerzen  und  Weihrauchgefäßen  aus- 
statten; dann  werden  Opferspeise,  Tee  und  Wein  darauf  ge- 
setzt. Der  Wohlgeruch  des  Weihrauchs  und  der  Speise  lockt  die 
unsichtbaren  Götter  herbei;'  iFiguren,  z.  B.  von  Sänften,  Trägern, 
Reitpferden,  Gefolge  usw.,  welche  auf  Papier  gedruckt  sind 
und  verbrannt  werden,  so  daß  sie  in  Flammen  und  Rauch 
hinaufsteigen,  holen  ihre  Seele  in  die  Bilder  und  Kartons  her- 
nieder; daraufhin  werden  sie  durch  Anwendung  gleichartiger 
magischer  Mittel,  Gebete  und  Beschwörungen  genötigt,  ihre 
Kraft  in  der  verlangten  Richtung  zu  entfalten.  Dann  müssen 
die  Götter  von  Donner,  Wind,  Wolken  und  Regen  die  dürsten- 
den Felder  befruchten  oder  umgekehrt  die  Regenwolken  ver- 
treiben, wenn  die  Erde  von  allzu  großer  Nässe  heimgesucht 
wird;  die  Fluß  gotter  müssen  den  geschwollenen  Wassern  Einhalt 
gebieten,  die  Feuergötter  verheerende  Brände  ersticken;  und  wenn 
Teufel  wüten,  welche  Dürren  und  Seuchen  verursachen,  müssen 
die  herbeibeschworenen  Götter  sie  mittels  der  36  Befehlshaber 
der  himmlischen  Heerscharen  (S.  130)  verjagen  oder  vertilgen. 
Für  die  Ausübung  ihrer  durchaus  magischen,  exorzistischen 
und  ritualistischen  Religion  haben  gewisse  Taoisten  im  Laufe 
der  Zeit  mancherlei  Systeme  erdacht,  die  zusammen  eine  aus- 
führHche  Liturgik  bilden,  jedoch  wahrscheinlich  nur  in  geringer 
Zahl  tatsäcUich  in  Gebrauch  sind.  Sie  unterscheiden  sich  in 
erster  Linie  dadurch  voneinander,-  daß  die  Götter,  welche  man 
nützlich   verwendet,   verschieden    sind,    ausgenommen    die    des 


138 

Donners  und  BlitzeS;  den  Hauptwerkzeugen  des  Himmels  zur 
Bekämpfung  des  Bösen,  und  die  Anführer  der  himmlischen 
Kriegsmacht;  da  diese  in  fast  allen  Systemen  in  der  exor- 
zistischen Hauptrolle  auftreten.  Für  das  Wohl  der  andauernd 
vom  Übel  bedrohten  Menschheit  und  als  Anleitung  für  die 
Geistlichkeit  ist  diese  Liturgik  durch  den  Druck  ver- 
mannigfaltigt  und  nimmt  im  riesenhaften  Sammelwerk  der 
taoistischen  Schriften,  dem  ^PÜ  Tao  Tsang  oder  Pitaka 
des  Tao,  einen  sehr  umfangreichen  Platz  ein.  Diese  einheitliche 
Sammlung  kam  unter  kaiserlichem  Schutz  im  16.  Jahrhundert 
zustande.^  Von  einer  kaiserlichen  Ausgabe,  welche  die  Jahres- 
zaljl  1598  trägt  und  aus  491  Bündeln  besteht,  befinden  sich 
215  Bündel  in  der  Biblioth^que  Nationale  zu  Paris.  Auch  die 
königliche  Bibliothek  in  Berlin  hat  neuerdings  eine  Anzahl 
Bände  erworben.  Bisher  weiß  man  nur  von  einem  Exemplar 
in  dem  Q  ^  ^§^  Pe'  Jün  Kuan,  dem  Kloster  der  Weißen 
Wolken,  bei  Peking,  und  von  einem  in  der  kaiserlichen  reser- 
vierten Bibliothek  in  Tokio,  ohne  daß  Sicherheit  besteht,  ob 
sie  vollständig  sind.^  Aussicht  auf  vollständige  Erhaltung  dieses 
wertvollen  Materials  zum  Studium  einer  der  interessantesten 
Religionen  der  Menschheit  ist  also  kaum  da,  wenn  nicht  Japan 
bald  einen  Neudruck  davon  macht.  Könnte  und  sollte  eine  An- 
regung hierzu  von  der  deutschen  Wissenschaft  ausgehen? 

Der  Kult  der  Götter,  welche  Teile  der  schaffenden  und 
gestaltenden  Naturkraft  oder  Weltseele  sind,  wird  allgemein  in 
größeren  und  kleineren  Tempeln  ausgeübt,- von  denen  das  Volk 
sich  überall  im  Reiche  Zehntausende  errichtet  hat.  Zumeist  ist 
jedes  einzelne  dieser  Heiligtümer  nur  einer  einzelnen  Haupt- 
gottheit geweiht,  jedoch  fast  immer  mit  anderen  Götzenbildern 
ausgestattet,   die  der  Hauptgottheit  untergeordnet  sind  oder  als 

^  Ein  Katalog  dieser  Sammlung  wurde  von  Dr.  Wieger  S.  J.  unter  dorn 
Titel:  „Le  Canon  taoiste"  veröffentlicht. 

*  Wieger,  dem  beide  Exemplare  zur  Anfertigung  seines  Katalogs  zur 
Verfügung  standen,  stellt  das  (S.  6)  merkwürdigerweise  gar  nicht  klar. 


139 

seine  Diener  betrachtet  und  verehrt  werden;  und  somit  ist 
China  mit  Hunderttausenden  von  Götzenbildern  übersäet,  die 
es  als  ein  Land  der  Idolatrie  und  des  Fetischkults  kennzeichnen, 
wie  es  in  dieser  Welt  kein  zweites  gibt.  Man  findet  darunter 
Schutzgötter  und  Schutzgöttinnen  für  fast  alle  einzelne  Gewerbe 
und  Berufe,  für  glückliche  und  zahlreiche  Kindergeburten,  für 
Reichtum  und  Segen  aller  Art.  Von  vielen  dieser  Gottheiten 
läßt  sich  der  Ursprung  und  die  Geschichte  nur  schwierig  er- 
örtern, von  vielen  auch  gar  nicht,  weil  sie  schlechthin  von  le- 
gendarischer Herkunft  sind.  Tagtäglich  werden  die  Tempel  und 
Tempelchen  von  zahlreichen  Anbetern  aufgesucht,  sogar  von 
Pilgerscharen  aus  weitentlegenen  Gegenden.  Erhebliche  Geld- 
summen werden  ab  und  zu  gesammelt,  um  diese  Heiligtümer 
instand  zu  halten,  zu  schmücken  und  auszubauen,  oder  um  dort 
Opfer  und  Festlichkeiten  zu  feiern  und  Prozessionen  mit  den 
Götzenbildern  abzuhalten.  Der  Ruf  einer  Gottheit  kann  Jahr- 
hunderte überdauern,  aber  auch  sehr  rasch  schwinden.  Einige 
unerhörte  Gebete  können  schon  genügen,  um  dem  umwohnenden 
Volke  die  Überzeugung  beizubringen,  daß  ihrem  Bilde  die  S  e  n 
oder  Seele,  die  ^  Ling  oder  Seelenkraft  verloren  gegangen 
und  es  also  nicht  mehr  sing  oder  heilig,  göttlich  ist  —  und 
bald  ist  es  um  ihren  Ruf  geschehen.  Ihr  Altar  bleibt  unbesucht, 
man  läßt  das  Heiligtum  verfallen,  das  Bildnis  vermodern. 

Auch  für  Berge,  Felsen,  Ströme  und  Bäche  werden  Bilder 
voji  Menschengestalt  angefertigt  und  in  Tempeln  und  Tempelchen 
angebetet.  Die  steinernen  Bilder  von  Pferden,  Kamelen,  Ziegen 
und  anderen  Tieren,  welche  man  häufig  bei  alten  Gräbern  sieht, 
werden  vom  Volke  verehrt,  und  falls  sie  sich  durch  Erhörung 
von  Gebeten  als  beseelt  und  gotteskräftig  erweisen,  so  baut 
man  ihnen  dicht  dabei  eine  Kapelle  oder  ein  Tempelchen,  mit 
oder  ohne  Götzenbild.  So  verbindet  sich  Bilder-  und  Fetisch- 
kult mit  Tierverehrung.  Heiligtümer,  wo  Bilder  von  Tigern, 
Schlangen,    Fischen,    Schildkröten   usw.  verehrt    werden,    sind 


140 

gar  nicht  selten.  Natürlich  geht  diese  Zoolatrie  auf  den  uni- 
versistischen  Glauben  an  eine  allgemeine  Beseelung  des  Weltalls 
und  seiner  Teile  zurück,  weil  danach  Tiere  und  Menschen 
seelisch  verwandt  sind,  und  Tiere  sich  somit  leicht  in  Menschen, 
Menschen  in  Tiere  verwandeln  können.  Auch  Bäume,  Pflanzen 
und  Gegenstände  aller  Art  entleihen  dem  großen  Weltgeist  ihre 
Seelen  und  nehmen  deshalb  unter  den  Gottheiten  der  taoistischen 
Religion  einen  breiten  Platz  ein. 

Idolatrie  wird  auch  allgemein  in  den  Wohnhäusern  aus- 
geübt, auf  Altären,  an  denen  an  festen  Jahrestagen  geopfert 
wird.  Auch  da  werden,  ebenso  wie  in  den  Tempeln,  bei  be- 
sonderen Anlässen  Tao  Si  hinzugezogen,  die  mit  mehr  oder 
weniger  Feierlichkeit  ihr  magisches  Werk  verrichten,  worüber 
oben  gesprochen  ist. 

Ein  aufmerksames  Studium  des  Taoismus  führt  mithin 
zu  dem  Ergebnis,  daß  diese  Religion,  trotz  ihrer  erhabenen 
universistischen  Grundlage,  nicht  dem  Polytheismus,  Dämonis- 
mus, Anthropotheismus,  der  Idolatrie  und  dem  Fetischismus 
hat  entwachsen  können,  sondern  im  Gegenteil  diese  Unterteile 
aller  heidnischen  Religionen  weiterhin  gepflegt  und  sogar  zu 
großer  Entwicklung  gebracht  hat.  Als  Hauptbeschafi'enheit  tritt 
seine  materialistische  Selbstsucht  hervor:  die  Förderung  des 
Wohls  des  Menschen  ist  ja  sein  höchstes  und  letztes  Ziel;  ein 
idealerer  Zweck  läßt  sich  nicht  entdecken.  Eine  ähnliche  Be- 
urteilung muß  notwendigerweise  auch  der  konfuzianischen  J^e- 
ligion  zuteil  werden,  und  zwar  schon  aus  der  einfachen  Ur- 
sache, weil  sie  von  der  taoistischen  nicht  grundverschieden  sein 
kann,  da  sie  ebenfalls  aus  dem  Boden  des  alten  Universismus 
erwuchs  und  sich  stets  das  Anrecht  versagte,  von  den  An- 
schauungen und  Lehren  des  Altertums  auch  nur  im  geringsten 
abzuweichen.  Auch  ihre  Gottheiten  können  deshalb  nur  Unter- 
teile und  Kräfte  des  Weltalls,  einschließlich  menscliHche  Seelen 
sein.    Das  sollen  die  nächsten  Kapitel  klarlegen. 


Sechstes  Kapitel. 


Der  Grötterkult  des  Konfuzianisnius  (I). 


1.  Der  Himmel. 

Ganz  oben  im  Pantheon  der  konfuzianischen  StaatsreHgion 
steht  der  Himmel,  der  Vater  des  regierenden  Kaisers,  seines 
Hauses  und  Thrones  Schirmherr,  welche  unvermeidlich  zugrunde 
gehen,  wenn  die  Regierung  des  Reiches  nicht  mit  dem  T  a  o  des 
Himmels  übereinstimmt  (S.  68  ff.).  Der  Kaiser  ist  des  Himmels 
Statthalter,  der  durch  seine  Regierung  die  Segnungen  des 
Himmels  der  Menschheit  zuerteilt;  er  steht  also  an  der  höchsten 
Spitze  des  Staatswesens  und  ist  mithin  von  selbst  auch  das 
Oberhaupt  der  Staetsreligion,  vor  allem  der  höchste  Verehrer, 
der  Hohepriester  des  Himmels. 

In  der  Staatsreligion  trug  der  Himmel  immer  seinen  ar- 
chaischen, klassischen  Namen  ^  T^iön,  Himmel,  und  *|^  Ti, 
Kaiser,  zumeist  aber  J^  ^  Sang  T  i,  Oberster  Kaiser.  Es  ver- 
steht sich,  daß  das  universistische  System  in  dem  kaiserlichen 
Kult  dieses  allerhöchsten  Gottes  gipfelt  und  immer,  seitdem  die 
Staatsreligion  entstand,  darin-  gegipfelt  hat.  Nichts  bringt  die 
dominierende  Stellung  des  Universismus  im  chinesischen  Kultur- 
leben aller  Zeiten  so  scharf  zum  Ausdruck  wie  dieser  Kult 
und  die  Opferstätte,  welche  er  erzeugt  hat,  die  größte  und 
großartigste,  welche  das  Menschtum  je  der  Natur  erbaute.  In 
diesem    dem    Universismus    gewidmeten  Werke    beanspruchen 


142 

beide  somit  eine  eingehendere  Beschreibung,  zumal  wir  dann 
von  selbst  auch  zum  Verständnis  des  Kults  der  anderen  Götter 
der  Staatsreligion  gelangen;  denn  in  der  Tat  kennzeichnet  sich 
das  Ritual  der  verschiedenen  Unterteile  dieser  Religion  durch 
eine  ausgeprägte  Einheitlichkeit,  weil  alles  auf  einer  und  der- 
selben gemeinschaftlichen  Basis,  auf  den  in  den  klassischen 
Büchern  enthaltenen  Angaben,  erbaut  ist. 

Die  große  Opferstätte  heißt  ^^  T'ien  T'an,  Opfer- 
gelände (^  ^)  des  Himmels.  Sie  liegt  in  dem  ^5^  NanKiao, 
dem  südlichen  Vorstadtgelände  von  Peking,  ein  wenig  nach  Osten 
hin,  und  zwar  weil  der  Süden  und  der  Osten  besonders  dem 
Jang,  der  schöpferischen  Himmelskraft,  der  Wärme  und  dem 
Licht,  entsprechen.  Sie  ist  von  einer  aus  großen  Backsteinen 
erbauten  Umfassungsmauer  umgeben,  deren  vier  Fronten  genau 
nach  den  vier  Hauptpunkten  des  Kompasses  gekehrt  sind;  die 
schnurgerade  Südseite  wird  als  die  vornehmste  betrachtet,  da 
der  Süden  als  vornehmste  Himmelsgegend  gilt;  die  Ost-  und 
Westfront,  ebenfalls  schnurgerade,  sind  vollkommen  gleich  lang; 
die  Nordseite  ist  zu  einem  Kreisbogen  ausgebuchtet,  dessen 
Mittelpunkt  im  Zentrum  des  unten  zu  besprechenden  Runden 
Hügels  zu  liegen  scheint.  Die  ganze  Länge  dieser  ^[»  ^  Wa  i 
Juan  oder  Außenmauer  beträgt  1987,5  ^  Tsang  des  T^ 
Kung  Pu  oder  Ministeriums  der  We7ke,  also  etwa  6,7  Kilometer; 
sie  ist  sechs  f^  Ts'i'  dick  und  1,15  klassische  Tsang  oder 
ungefähr  3,15  Meter  hoch.  Hier  ist  zu  bemerken,  daß  ein 
Tsang  zehn  Ts'i',  ein  Ts^^i'  zehn  TJ"  Ts*^un  enthält,  die 
Länge  des  Tsang  auf  3,35 — 3,40  Meter  zu  veranschlagen  ist, 
und  das  klassische  Maß  0,81  mal  dem  des  Ministeriums  der 
Werke  ist.  Diese  Mauer  ruht  überall  auf  einer  hohen  Grund- 
lage (j^^  Tsi)  von  behauenen  marmornen  Quadersteinen,  die 
acht  Tä'i'  dick  ist,  und  sie  trägt  über  ihrer  ganzen  Länge 
ein  nach  beiden  Seiten  sanft  abfallendes  Dach  (|Q  J8n)  von 
schweren  blauglasierten  Ziegeln. 


H3 

Zwei  große  überdachte  Tore,  jedes  mit  drei  Durchgängen, 
sind  in  die  Westseite  dieser  Mauer  eingebaut.  Das  nördliche 
heißt  :^[»  H  ^  P^  Wai  si  T'iön  M6n,  Äußeres  Tor  des  west- 
liehen  Himmels  oder  des  Westens;  das  südliche  trägt  den  Namen 
HÄPI  Jiian  K'iu  Mön,  Tor  des  Runden  Hügels.  Hinter  dem 
zuletzt  genannten  steht   ein  viereckiger  ^  ^M   Tsung   Lou 

oder   Glockenturm. 

Parallel  mit  der  Außenmauer  läuft  eine  ^  j^  Nei  Juan 
oder  Innenmauer,  deren  Länge  1286,15  Tsang,  also  etwa 
4,34  Kilometer  beträgt,  und  deren  Nordseite,  wie  die  der 
Außenmauer,  zu  einem  Kreisbogen  ausgebuchtet  ist.  Sie  ist 
sieben  Ts  i'  dick,  das  beträchtlich  hohe  marmorne  Fundament 
neun  Ts'i',  und  die  Höhe  beträgt  1,1  klassische  Tsang.  Sie 
umschließt  das  eigentliche  Opfergelände.  Eine  Mauer,  die  in 
der  Mitte  eine  halbkreisartige,  nach  Norden  gerichtete  Aus- 
buchtung hat,  durchquert  west- östlich  dieses  Opfergelände  wahr- 
scheinlich gerade  in  der  Mitte  und  teilt  es  in  zwei  Opferstätten, 
von  denen  die  nördliche  jßfi*  ^  JJ  Ki  Ku'  T'^an,  Opfergelände, 
wo  um  Getreide  gebeten  wird,  die  südliche  H  _fii  !§  Juan  K'^iu 
Tan,  Opfergelände  des  Runden  Hügels,  heißt.  Die  südliche  gilt  als 
die  vornehmere,  und  ihre  wesentliche  Bedeutung  konzentriert 
sich  in  dem  Kunden  Hügel,  der  gerade  in  seiner  Mitte  liegt 
und  sich  wie  das  Herz,  wie  der  Kern  der  universistischen  Re- 
ligion kennzeichnen  läßt,  weil  darauf  durch  den.  Kaiser  die 
allervornehmsten  Opfer  dargebracht  werden,  die  wir  weiter  in 
diesem  Kapitel  beschreiben  werden. 

Den  alten  klassischen  Begriffen  zufolge  entsprechen  die 
ungeraden  Zahlen,  und  insbesondere  1  und  3,  die  voran  in 
ihrer  Reihe  stehen,  dem  J  a  n  g  des  Weltalls  und  dem  Himmel. 
Sonach  spielen  diese  im  Bau  der  verschiedenen  Teile  der  ganzen 
Opferstätte  durchweg  eine  Hauptrolle.  Der  Runde  Hügel  ist 
aus  drei  gleichachsig  übereinander  gelagerten  zylindrischen  Erd- 
schichten   (^)   verschiedener   Größe  konstruiert,   deren  runde 


144 

Form  der  des  Himmels  entspricht.  Sie  sind  mit  weißen  Mar- 
morblöcken bekleidet  und  der  Farbe  des  Himmels  entsprechend 
mit  blauem  Stein  (^5  Granit?)  gepflastert.  An  vier  genau 
nach  den  Hauptpunkten  des  Kompasses  gekehrten  Stellen  wird 
jede  Schicht  durch  eine  mit  schönen  Brüstungen  (|^)  ver- 
sehene Treppe  (|^)  bestiegen,  die  neun  (3  X  3)  Stufen  (^) 
hat.  Gleichartige  Brüstungen;  deren  sorgsam  gemeißelte  Pfeiler- 
köpfe beträchtlich  emporragen,  umschließen  die  Terrassen  der 
Schichten;  die  der  oberen  oder  ersten  Terrasse  enthält  72  (9X8) 
sogenannte  j^  Pan,  Paneele,  d.  h.  zwischen  den  Pfeilern  be- 
findhche  Fächer,  die  der  mittleren  108  (27  X  4),  die  der  unteren 
180  (9  X  20).  Der  Durchmesser  der  höchsten  Schicht  ist  neun 
(3X3)  klassische  Tsang,  der  zweiten  15  (3X5),  der  dritten 
21  (3X7),  also  etwa  24,40  und  57  Meter  entsprechend;  ihre 
Höhe  beträgt  bezw.  5,7,  bezw.  5,2  und  5  klassische  Ts  i',  so 
daß  der  Hügel  im  ganzen  ungefähr  4,35  Meter  hoch  ist. 

Der  wichtigste  Teil  des  Runden  Hügels  ist  die  obere 
Terrasse,  auf  der  die  großen  kaiserlichen  Opfer  dem  Himmel 
dargeboten  werden.  Deshalb  hat  man  sich  bei  ihrem  Bau  erst 
recht  an  die  ungeraden  Zahlen  des  Jang  und  des  Himmels 
gebunden.  Eine  kreisrunde  Steinplatte  im  blauen  Pflaster  bildet 
den  Mittelpunkt.  Rings  herum  liegen  in  einem  Zirkel  neun 
gleichgroße  Steinplatten;  dann  folgt  ein  zweiter  Kreis,  in  dem 
je  zwei  Platten  an  einer  des  ersten  Kreises  liegen;  an  diese 
zwei  sind  wiederum  drei  im  dritten  Kreise  gelegt  und  so  weiter, 
bis  in  dem  neunten  oder  äußersten  Kreis  die  Zahl  9  erreicht 
wird;  dieser  enthält  also'  9X9  oder  81  Platten.  Die  ganze 
Oberfläche  besteht  sonach  aus  neun  Sektoren  mit  je  45  Platten. 
Das  Pflaster  der  zwei  anderen  Terrassen  oder  vielmehr  Rund- 
gänge des  Hügels  besteht  aus  Fhesen,  die  auf  gleichartige 
Weise  neun  konzentrische  Kreise  und  neun  Sektoren  bilden.  Auf 
der  zweiten  Terrasse  liegen  in  jedem  Sektor  als  Fortsetzung 
des  vorigen  im  inneren  Kreise  10,   im  äußeren  18  Stück;   auf 


145 

der  dritten  Terrasse  sind  diese  Quoten  19  und  27.  Es  muß 
die  Aufmerksamkeit  der  Chinesen  erregt  haben,  daß  auf  der 
zweiten  oder  geraden  Terrasse  die  geraden  Zahlen  im  Pflaster 
naturgemäß  eine  größere  Rolle  spielen  müssen. 

Es  liegt  also  der  Mittelpunkt  der  Oberfläche  dieses  merk- 
würdigen Himmelsaltars  und  die  Mittellinie  der  nördlichen  und 
der  südlichen  Treppen  in  einem  und  demselben  Meridian,  der 
die  ganze  Opferstätte  in  zwei  gleichgroße  Hälften,  eine  östliche 
und  eine  westliche,  teilt.  Dieser  Meridian,  welcher  der  Haupt- 
linie des  Weltalls  entspricht,  ist  die  große  Achse  der  Opferstätte, 
und  wir  werden  sehen,  daß  auch  die  übrigen  Hauptbauten  der- 
selben genau  darin  gelegen  sind. 

Ungefähr  22  Meter  vom  Fuß  des  Runden  Hügels  läuft 
eine  kreisrunde,  rote  Umfassungsmauer,  der  sogenannte  ^  £^ 
Nei  Wei,  Innenwall.  Er  hat  eine  Länge  von  106,4  Ts an g  und 
eine  Höhe  von  5,9  klassischen  Ts'i',  also  von  etwa  1,6  Meter, 
und  jeder  Altartreppe  gegenüber  drei  nebeneinander  liegende 
Durchgänge,  die  7^  f^  Ling  Men,  Sturztore,  heißen;  jedes 
ist  aus  zwei  viereckigen  Marmorpfeilern  gebildet,  die  oben 
durch  zwei  Marmorstürze  mit  zwischenliegender  Marmorplatte 
verbunden  sind.  Grerade  vor  diesen  Durchgängen  stehen  an- 
nähernd dreißig  Meter  weiter  ganz  gleichartige  Sturztore,  die 
in  eine  viereckige  Umfassungsmauer  eingebaut  sind,  welche 
^1*  ^M  ^^^  Wei,  Außenwall,  heißt.  Dieser  hat  insgesamt  eine 
Länge  von  210,1  Tsang  und  eine  Höhe  von  8^6  klassischen 
Ts'i';  es  versteht  sich,  daß  seine  vier  Fronten  von  gleicher 
Länge  und  genau  gegen  die  vier  Gegenden  der  Welt  gekehrt 
sind.  Zwischen  den  beiden  Wällen  und  dem  Hügel  ist  der  Boden 
überall  mit  Marmor  gepflastert.  Die  nächstfolgende  Umfassung 
bildet  die  schon  erwähnte  „Innenmauer"  (s.  S.  143). 

Diese  Innenmauer  hat  in  jeder  Front  ein  überdachtes 
Tor  mit  drei  Durchgängen,  deren  rote  hölzerne  Flügeltüren 
mit  neun  Reihen  von  neun  großköpfigen  Nägeln  beschlagen  sind. 

De  Groot,  TJniversismus.  1^ 


146 

Das  vornehmste  Tor  steht  genau  in  der  Mitte  der  Südseite, 
und  das  nördliche  in  der  Mitte  der  Quermauer;  beider  mittlere 
Durchgänge  liegen  also  mit  denen  der  nördlichen  und  südlichen 
Sturztore  der  beiden  Wälle  in  der  großen  Achse  des  Altar- 
grundes. Das  östliche  und  das  westliche  Tor  der  Innenmauer 
liegen  einander  gerade  gegenüber  nahe  bei  der  Südfront.  Die  vier 
Tore  sind  nach  den  vier  Eigenschaften  des  Himmels  genannt, 
die  wir  auf-S.  23  f.  kennen  gelernt  haben.  Das  östliche  heißt 
^76  P^  T'^ai  Juan  M6n,  das  Tor  der  AUschöpfung ;  das  süd- 
liche flS  ^  P^  Tsao  Höng  MSu,  das  Tor  des  leuchtenden  All- 
durchdringenden;  das  westhche  ^^  ^Ij  P^  Kuang  Li  MSn,  das 
Tor  der  weitwirkenden  Freigebigkeit;  das  nördliche  J|J(J^  P^  Ts'^ing 
Tsing  MSU;  das  Tor  der  vollkommenen  Unerschütterlichkeit.  Diese 
Namen,  von  denen  jeder  auf  einer  Tafel  über  dem  mittleren 
Durchgang  angebracht  ist,  werden  noch  bedeutungsvoller,  wenn 
wir  in  Betracht  ziehen,  daß  der  Osten  dem  schöpferischen 
Frühling  entspricht,  der  Süden  dem  sonnigen  Sommer,  und 
der  Westen  dem  Herbst,  der  der  Menschheit  reichen  Ernte- 
segen bringt. 

Süd-südöstlich  vom  Mittelpunkt  des  Runden  Hügels  liegt 
außerhalb  des  runden  Innenwalles  ein  Ofen  aus  grünglasierten 
Kacheln,  der  'Jt§  ig  Fan  T'an,  Brandaltar,  oder  ^  ^  J^ 
Fan  Ts'ai  T'an,  Scheiterhaufen- Altar,  auch  '^^^^  Fan 
Ts  ai  Lu,  Scheiterhaufen-Ofen,  heißt.  Er  hat  die  Gestalt  eines 
großen  runden  Topfes,  ist  neun  Ts'i"*  oder  etwa  drei  Meter 
hoch  und  sieben  Ts'i'  im  Durchmesser;  er  hat  einen  Marmor- 
rand und  in  der  Vorderseite  ein  großes  viereckiges,  mit  Mar- 
morblöcken umsäumtes  Luftloch,  und  links  und  rechts  ist 
eine  neunstufige  Treppe  von  grünglasierten  Kacheln  angebaut. 
Während  eines  jeden  großen  Opfers  ist  dieser  Ofen  mit  bren- 
nendem Holz  gefüllt,  auf  dem  ein  ganzes  Rind  geopfert  wird, 
denn  im  heiligen  Buche  ^  ^  Tsi  Fa',  Opferregeln,  des  Li 
Ki  steht  geschrieben:   '^^j^  ^^^  ^^,  äev  Scheiter- 


147 

häufen  auf  dein  vornehmsten  Altar  hildet  das  Himmelsopfer.  Weiter 
steht  an  diesem  Platz  in  einer  gebogenen  Linie  eine  Reihe  von 
ebensoviel  eisernen  j0:^  L  i  a  o  L  u,  Verbrennungsöfen,  wie  die 
Zahl  der  Tafeln  des  Himmels  und  der  kaiserlichen  Ahnen  be- 
trägt, denen,  wie  wir  sehen  werden,  auf  dem  Runden  Hügel 
Opfer  dargebracht  werden.  Solch  ein  Ofen  steht  auch  auf  jeder 
Seite  der  östlichen  und  der  westlichen  Sturztore  des  runden 
„Innen  Walles". 

Zum  Runden  Hügel  gehört  ein  kreisrunder  Tempel,  der 
^^  ^  Huang  K'iung  Jü,  Kaiserliches  Gewölbe,  heißt.  Er 
liegt  nördlich  des  Runden  Hügels,  genau  in  der  Hauptachse 
des  Altargeländes,  in  dem  auf  S.  143  erwähnten  Halbkreis  der 
Quermauer.  Sein  kreisrundes  Dach  ruht  auf  acht  den  Himmels- 
gegenden entsprechenden,  mit  Schnitz  werk  verzierten  Holzpfeilern, 
welche  die  runde  Tempelwand  in  große  Paneele  zerlegen.  Es 
trägt  himmelblaue,  glasierte  Ziegeln  und  einen  vergoldeten 
Gipfel  und  überdacht  eine  kreisrunde  Kuppel,  eine  reich  und 
prächtig  mit  geschnitzten  und  gemalten  Paneelen  geschmückte 
Holzkonstruktion,  welche  auf  acht  schweren,  mit  Schnitzwerk 
geschmückten  Holzpfeilern  ruht,  die  innerhalb  des  Gebäudes 
einen  zweiten  konzentrischen  Kreis  bilden.  Dieser  Tempel  erhebt 
sich  auf  einer  runden  Terrasse,  die  neun  Ts'i'  hoch  ist  und 
einen  Durchmesser  von  5,99  T  s  a  n  g  hat.  Das  Pflaster  der 
Terrasse  ist  aus  blauem  Stein  (^^);  sie  hat  eine  Marmor- 
brüstung von  49  Fächern,  die  3,6  Ts^'i'  hoch  ist,  und  auf  der 
Süd-,  Ost-  und  Westseite  liegen  Marmortreppen  von  vierzehn 
Stufen.  Der  Haupteingang  dieses  Heiligtums  liegt  genau  gegen 
Süden,  also  nach  dem  Runden  Hügel  gekehrt.  Davor  erstreckt 
sich  ein  Vorhof,  wo  sich  sowohl  zur  linken  wie  zur  rechten 
Seite  auf  einer  Marmorterrasse,  einem  sogenannten  ^  ^, 
Erhöhungsfundament,  welches  eine  Treppe  von  sieben  Stufen  hat, 
«in  viereckiges    Nebengebäude   (jSi|   Wu)   erhebt;    diese    zwei 

Bauten  haben   ihre    Front    gegen  Westen,    bezw.    Osten,    sind 

10* 


148 

von  vollkommen  gleichem  Bau  und  mit  Ziegeln  aus  blau- 
glasiertem Porzellan  bedeckt.  Die  drei  Gebäude  umgibt  eine 
Ringmauer  von  großen  Backsteinen,  die  56,68  Tsang  lang 
und  1,08  Tsang  hoch  ist  und  auf  der  Süd  seite,  genau  in  der 
Achse  des  Altargrundes,  drei  überdachte  Pforten  auf  einer 
Marmorterrasse  hat,  die  auf  dem  Mittelteil  mit  Brüstungen  und 
auf  jeder  Seite  mit  drei  fünfstufigen  Treppen  versehen  ist. 

Das  kaiserliche  Kuppelgewölbe  ist  ein  Heiligtum  zur  Auf- 
bewahrung der  |[i J '^  SönWei  oder  Seelensitze  des  Himmels- 
kaisers und  der  verstorbenen  Kaiser  der  herrschenden  Dynastie, 
welche  zum  Empfang  der  kaiserlichen  Opfer  nach  dem  Runden 
Hügel  gebracht  werden.  Ein  Seelensitz,  auch  ]0  j{l^  Sön  P*^ai, 
Seelentafel,  genannt,  ist  eine  in  einem  viereckigen  Sockel  von 
Holz  stehende  hölzerne  Tafel,  die  den  eingeschnitzten  Namen 
oder  Titel  der  betreffenden  Gottheit  trägt  und  demzufolge  ihre 
Seele  enthält;  sie  spielt  also  genau  dieselbe  Rolle  wie  ein 
Götzenbild.  Im  „Gewölbe"  steht  die  Seelentafel  des  Himmels 
natürlich  auf  dem  vornehmsten  Platz,  nämlich  in  einem  drachen- 
geschnitzten Schrein  auf  der  Nordseite,  genau  in  der  Zentral- 
achse des  Altargrundes,  mit  der  Front  gegen  Süden.  Sie  trägt 
die  Inschrift  ^  ^  J^^  ♦^,  Kaiserlicher  Himmel,  Oberster  Kaiser. 
Quer  dazu  befinden  sich  auf  beiden  Seiten,  also  gegen  Westen 
und  Osten  gekehrt,  Schreine  mit  den  Tafeln  der  Kaiser.  Die 
des  zuerst  verstorbenen  ^  ijf§^  T*^ai  Tsu  steht  der  des  Himmels 
am  nächsten,  an  ihrer  östlichen  oder  linken  Seite,  also  auf  dem 
ersten  Platz;  sein  Nachfolger  ];jj^  ^  T'^ai  Tsung  steht  gerade 
gegenüber  auf  der  Westseite,  also  auf  dem  zweiten  Platz ;  der 
dritte  Kaiser  "(W^  jj|§.  Si  Tsu  (§un-tsi)  folgt  neben  T'^ai 
Tsu  auf  dessen  linker  Seite  usw.,  so  daß  die  ungeraden 
Kaiser  sich  alle  auf  der  Ostseite,  die  geraden  sich  auf  der  West- 
seite befinden.  Diese  Anordnung  entspricht  der  Natur,  denn 
der  Osten,  wo  die  Sonne  aufgeht,  steht  über  dem  Westen,  wo 
sie  niedergeht;  jede  andere  Ordnung  wäre  dem  Tao  des  Welt- 


149 

alls,  dem  alles  Menschliche  sich  anpassen  soll,  zuwider  und 
sonach  auf  heiligem  universistischen  Opferboden  erst  recht  un- 
zulässig, ja  sogar  sündhaft  und  eigentHch  undenkbar. 

Diese  Seelentafeln  der  kaiserlichen  Ahnherren  werden  of- 
fiziell @ß  "(k^  P  ei  Wei,  in  gleicher  Rangstufe  nebengeordnete  Sitze, 
genannt.  Dieser  Ausdruck  setzt  voraus,  daß  der  regierende 
Kaiser  seine  Ahnen  mit  dem  Himmel  auf  die  gleiche  Rang- 
stufe stellt  und  sich  den  Himmel  bloß  als  ihren  primus  inter 
pares  denkt.  Daß  dieses  Verfahren  sich  vollkommen  deckt  mit 
der  Lehre,  wonach  jeder  Kaiser  ein  Sohn  des  Himmels  ist,  so 
daß  der  Himmelgott  nicht  grundsätzlich  von  den  kaiserlichen 
Ahnherren  verschieden  sein  kann,  ist  ganz  klar.  Es  ent- 
spricht mithin  der  Logik,  daß  die  Seelentafeln  der  letzteren 
direkt  neben  der  des  Himmelkaisers  im  Kuppelgewölbe  stehen 
und  nicht  in  den  Nebengebäuden.  Im  östlichen  dieser  Neben- 
tempel sind  die  Tafeln  der  Sonne  oder  des  ^  B^,  Großen  Lichts, 
des  HJ^  3^,  Nördlichen  Scheffels  oder  Großen  Bären,  der  3l  M^ 
fünf  Planeten,  der  28  ^  S  i  U,  Hauptsternbilder,  Und  der  ^  ^ 
Ä  J^,  Sterne  und  Sternbilder  des  ganzen  Himmels,  in  Tabernakeln 
untergebracht.  Im  westlichen  Nebentempel  wird  die  Tafel  des 
^  B^ ,  Nächtlichen  Lichtes,  des  Mondes,  aufbewahrt,  samt  denen 
der  vier  sogenannten  ^  ijjft  T'iSn  Sön  oder  Himmlischen  Götter, 
nämlich  des  ^^jjj,  Verwalters  der  Wolken,  des  j^  ^j]$;  Verwalters 
des  Regens,  des  ^  ^^,  Verwalters  des  Windes,  und  des  ^  gfj; 
Verwalters  des  Donners.  Natürlich  befinden  sich  die  Sonne  und 
der  Mond  in  den  höchsten,  d.  h.  den  nördlichsten  Tabernakeln ; 
die  übrigen  Tafeln  stehen  in  der  erwähnten  Reihenfolge  in  den 
südlicheren.  Hiermit  ist  auf  einen  Schlag  klargestellt,  daß  die 
kaiserUchen  Ahnherren  in  dem  universistischen  Pantheon  des 
Konfuzianismus  über  Sonne,  Mond,  Sternen  und  den  himmlischen 
Naturerscheinungen  stehen,  folglich  den  höchsten  Platz  nächst 
dem  Himmel  einnehmen.  Und  nun  erübrigt  sich  jede  Erklärung, 
wenn  wir   alsbald   sehen,    daß   der   Kaiser,   wenn   er   auf  dem 


150 

Runden  Hügel  dem  Himmel  opfert,  gleichzeitig  auf  derselben 
höchsten  Terrasse  dieses  Altars  den  Tafeln  seiner  Ahnen  mit 
genau  demselben  Zeremoniell  genau  dieselben  Opfergaben  bietet, 
den  Tafeln  aus  den  Nebentempeln  dagegen  nur  auf  der  zweiten 
Terrasse  durch  seine  stellvertretenden  Beamten  ein  zweit- 
klassiges Opfer  darbringen  läßt.  Diesen  Tafeln  wird  auch  keines- 
wegs der  Titel  P*^ei  Wei  verliehen,  sondern  sie  werden  offi- 
ziell ^"^  TsungWei  genannt,  d.  h.  Sitze  für  die  Gefolgschaft 
des  Himmels. 

Sowohl  im  Kuppelgewölbe  wie  in  seinen  Beitempeln  steht 
vor  jedem  Tabernakel  ein  ^^  ^,  Weihrauchtisch,  mit  einem 
Weihrauchgefäß  und  Kerzenträgern. 

An  der  Ostseite  des  „Außenwalles"  liegt  nordöstlich  ein 
besonderer  viereckig  ummauerter  Raum,  den  zwei  nord-süd- 
lich  laufende  Mauern  in  drei  Abteilungen  trennen,  jede  mit 
einer  überdachten  Pforte  in  der  Südfront.  In  der  westlichen 
Abteilung  steht  ein  nach  Süden  gekehrtes  JJJJ!^,  Aufbewahrungs- 
haus  für  die  Götter,  und  eine  dem  Westen  zugewandte  jjj^  J^, 
Küche  für  die  Götter;  in  der  Küche  werden  die  Opferspeisen  zu- 
bereitet und  dann  bis  zur  Opferstunde  im  Aufbewahrungshaus 
aufbewahrt.  Hier  befindet  sich  auch  ein  ^  ^,  Pavillon  mit 
Wasserbrunnen.  Im  angrenzenden  Raum  findet  man  nebeneinander 
gebaut  und  dem  Westen  zugewandt  ein  ^  ^  j^,  Auf  bewahrungs- 
haus für  die  Opfergeräte,  ein  ^^  ^^  jy.,  Aufbewahrungshaus  für  die 
Musikinstrumente,  und  ein  j^|  ^S  Jfm. ,  Aufbewahrungshaus  für  die 
Matten  von  Palmfasern.  Der  dritte  Raum  enthält  einen  ^^^; 
Kiosk  ;5um  Schlachten   der   Opfertiere,    und    einen  Brunnen. 

Nachdem  wir  hiermit  die  südliche  Hälfte  des  von  der 
„Innenmauer"  umschlossenen  Opfergeländes  des  Himmels  in 
Augenschau  genommen  haben,  müssen  wir  nunmehr  seinen 
nördlichen  Teil,  „wo  um  Getreide  gebeten  wird"  (s.  S.  143),  der 
Betrachtung  unterziehen.  Die  Quermauer  (S.  143)  bildet  seine 
Südseite,  und  das  „Tor  der  vollkommenen  Unerschütterlichkeit" 


151 

(S.  146)  somit  seinen  südlichen  Zugang.  Außer  diesem  Tor  be- 
sitzt dieses  Opfergelände,  gleichwie  das  des  Runden  Hügels, 
drei  überdachte  Zugangstore,  jedes  mit  drei  Durchgängen. 
Gerade  in  der  Mitte  der  gebuchteten  Nordmauer  erhebt  sich 
nämlich  das  ^\j  ^  P^  Pe'  T'iSn  M6n,  Tor  des  nördlichen 
Himmels  oder  des  Nordens,  auf  der  Ostseite  das  ^  ^  P^  T  U  n  g 
T'iön  MSn,  Tor  des  Ostens,  und  auf  der  Westseite  das  |S  ^  P^ 
Si  T^iön  Mön,  Tor  des  Westens.  Die  beiden  letzteren  liegen  genau 
östlich  vom  „Äußeren  Tor  des  Westens"  (S.  143)  und  sind  mit 
demselben  durch  eine  schnurgerade  marmorne  Straße  verbunden, 
welche  längs  der  Südseite  eines  ummauerten,  gegen  die  vier 
Kardinalpunkte  gekehrten  Viereckes  läuft,  das  genau  von  der 
Meridianachse  in  der  Mitte  durchschnitten  wird.  Ein  kreisrunder 
Tempel  mit  drei  kreisrunden,  übereinander  getürmten  Dächern 
(tfi  ^  S)  niit  großer  vergoldeter  Spitze  ragt  darin  stolz  gen 
Himmel.  Eine  schön  geschnitzte  Holztafel,  unter  dem  höchsten 
Dach  gerade  über  dem  nach  Süden  gekehrten  Eingang  dieses 
Gebäudes  angebracht,  trägt  die  Zeichen  ff^  ^  ^  K  i  N  i  6  n 
Tiön,  Tempelhalle,  wo  für  die  Jahresernte  gebetet  wird,  und  daneben 
die  Mantschurische  Version. 

Hier  befinden  wir  uns  vor  dem  Hauptgebäude  des  nörd- 
hchen  Opfergeländes,  mithin  vor  dem  zweitwichtigsten  des 
kaiserlichen  Himmelkultes.  Genau  im  Meridian  des  Runden 
Hügels,  mit  dem  Haupteingang  nach  Süden,  erhebt  er  sich 
auf  einem  Erdhügel  von  drei  Schichten,  der  fast  genau  so  wie 
der  Runde  Hügel  konstruiert  und  mit  Marmorbrüstungen  aus- 
gestattet ist.  Der  Durchmesser  der  Schichten  beträgt  21,5  und 
23,26  und  25  T sang,  so  daß  die  höchste  Terrasse  viel  größer 
als  die  des  Runden  Hügels  ist,  während  die  zwei  Rundgänge  viel 
schmaler,  nämHch  weniger  als  3  Meter  breit  sind.  Auch  hat 
dieser  Hügel  nicht  nur  vier,  genau  gegen  die  vier  Kardinal- 
punkte gerichtete  neunstufige  Treppen,  sondern  außerdem  zu 
beiden  Seiten  der  südlichen   und   der  nördUchen,   unweit  der- 


152 

selben,  noch  je  eine,  so  daß  die  Treppen  im  ganzen  acht  an 
der  Zahl  sind.  Die  Gesamtzahl  der  Fächer  in  den  Brüstungen 
beträgt  420. 

Das  dreifache  Dach  des  Rundtempels  trägt  himmelblaue 
Ziegeln  und  ruht  auf  einem  Kreis  von  zwölf  schweren  Pfeilern, 
die  aus  der  Wandung,  welche  zwischen  ihnen  angebracht  ist, 
außer-  und  innerhalb  des  Tempels  wie  Pilaster  scharf  hervor- 
treten. Es  deckt  eine  aus  Holz  konstruierte  und  von  vier  ge- 
waltigen hölzernen  Pilaren  getragene  Kuppel,  die  dem  des 
„Kaiserlichen  Gewölbes"  ähnlich,  aber  entsprechend  größer 
ist  (vgl.  S.  147).  Der  Umkreis  des  Tempels  mag  wohl  etwa  ein 
Drittel  von  dem  der  Terrasse  sein,  in  deren  Mitte  er  empor- 
ragt; es  bleibt  also  ringsherum  ein  breiter  Rundgang  übrig,  der 
nach  allen  Seiten  hin  interessante  Ausblicke  gewährt.  Ein  breiter 
Vorhof  erstreckt  sich  auf  der  Südseite.  Da  liegt  links  und 
rechts  in  genau  der  gleichen  Entfernung  ein  viereckiges  Neben- 
gebäude (JS^  Wu)  mit  neun  Abteilungen  und  einem  himmel- 
blauen Dach,  die  lange  Frontseite  mit  drei  neunstufigen  Treppen 
nach  Osten,  bezw.  Westen  gekehrt.  Auf  der  Südseite  zeigt 
sich  eine  hohe  Marmorterrasse  mit  Brüstungen  und  drei  elf- 
stufigen Treppen  vorne  und  hinten,  auf  der  sich  das  Jfljf  ^  P^ 
K  i  N  i  e  n  M  e  n  oder  Tor  zum  Beten  für  die  Ernte  erhebt.  Dieser 
Bau  hat  drei  Durchgänge  und  ein  blaues  Dach  und  ist  durch 
überdachte  Mauern  mit  der  Südseite  der  beiden  Nebengebäude 
verbunden;  der  mittlere  Durchgang  liegt  genau  in  der  Haupt- 
achse des  Altargrundes.  Auf  der  Südostseite  dieses  Tors  stehen, 
wie  beim  Runden  Hügel  (s.  S.  146),  ein  grüner  Brandopferaltar 
und  eine  Reihe  von  eisernen  Verbrennungsöfen,  neben  einer 
Grube  zum  Hineinwerfen  von  Opfergaben. 

Alle  diese  Bauten  umgibt  eine  rote,  viereckige  Umfassungs- 
mauer, der  N  ei  We  i  oder  Innen  wall  (vgl.S.  145),  im  ganzen  190,72 
Tsang  oder  etwa  590  Meter  lang.  Auf  der  Süd-,  West-  und 
Ostseite  hat  sie  genau  in  der  Mitte  ein  überdachtes  Backstein- 


153 

tor  mit  drei  Zugängen,  und  auf  der  Nordseite  stehen  gerade  in 
der  Mitte  der  Mauer  drei  Tore,  jedes  mit  einem  Durchgang, 
nebeneinander  auf  einer  gemeinschaftlichen  Marmorterrasse. 
Gleich  dahinter  liegt  ein  kleinerer  Raum,  ebenfalls  rechteckig 
und  ummauert,  und  darin  steht,  mit  der  langen  Frontseite  genau 
den  drei  Toren  gegenüber,  also  in  der  Hauptachse  des  Altar- 
grundes, ein  viereckiger  Tempel,  dessen  Bestimmung  dieselbe 
als  die  des  „Kaiserlichen  Gewölbes"  des  Runden  Hügels  ist, 
worin  sich  also  Seelentafeln  des  Himmels  und  der  Kaiser  be- 
finden. Er  trägt  den  Namen  _^^^  Huang  k'iönTiön, 
Kaiserlicher  lümmlischer  Tempel.  Er  enthält  fünf  Abteilungen  und 
steht  auf  einer  rechteckigen  Marmorterrasse,  die  auf  der  nach 
Süden  gekehrten  Seite  drei  neunstufige  Treppen,  auf  der  kürzeren 
Ost-  und  Westseite  aber  nur  eine  hat  und  von  einer  Marmor- 
brüstung mit  59  Fächern  umgeben  ist. 

Auf  der  Süd-,  Südost-  und  Südwestseite  ist  der  Innenwall 
wieder  umschlossen  von  einer  Parallelmauer,  die  auf  den  drei 
Fronten  eine  überdachte  Pforte  mit  nur  einem  Durchgang 
besitzt,  eine  sogenannte  -^  f^,  Eckpforte.  Und  außerhalb  des 
östlichen  Tores  des  Innenwalles  liegen,  nach  Norden  hin,  zwei 
rechteckige  ummauerte  Räume,  in  denen  sich  ein  Aufbewahrungs- 
haus und  eine  Küche  für  die  Götter  und  ein  Schlachtpavillon  mit 
Brunnen  befinden  (vgl.  S.  150).  Vor  diesen  Räumen  liegt  eine 
JIH  Lang,  eine  Reihe  von  72  unter  einem  gemeinschaftUchen 
Dach  vereinigten  Wohnräumen  für  das  mit  der  Versorgung 
des  Schlachtens  und  der  Zubereitung  der  Opfertiere  beauf- 
tragte Personal. 

Hiermit  ist  die  größte  und  großartigste  Opferstätte  des 
Universismus  in  den  Hauptsachen  beschrieben  und  erklärt. 
Große  Fichten,  Zypressen  und  andere  Baumarten,  stellenweise 
Wäldchen  bildend,  mit  dazwischenliegenden  Weidegründen  für 
das  Opfervieh,  verleihen  ihr  einen  eigenartigen  druidischen 
Charakter  und  vertiefen  den  überwältigenden  Eindruck,  welchen 


154 

die  zahlreichen  Gebäude,  Tore  und  Mauern  mit  ihren  sonder- 
bar gestalteten,  im  Sonnenschein  leuchtenden  Dächern  auf  den 
Besucher  ausüben.  Fast  alle  Dächer  tragen  blaue  Ziegeln  von 
glasiertem  Porzellan  (^  J^) ;  nur  auf  einigen  kleinen  Mauern 
und  auf  sieben  Pforten  sind  sie  grün.  Die  überdachten  Tore 
ruhen  auf  Fundamenten  von  behauenen  Marmorblöcken,  und 
ihre  tunnelartigen  Eingänge  sind  gänzlich  umwölbt  von  einem 
breiten  Saum  aus  Marmorblöcken,  mit  eingemeißelten  Figuren. 
Die  Wege  (  S  ^),  welche  sie  miteinander  und  mit  den  ver- 
schiedenen Bauten  verbinden,  sind  mit  Marmorquadern  und 
Marmorplatten  gepflastert.  Sie  laufen  alle  entweder  gerade  nord- 
südlich oder  ost-westlich  und  bilden  mithin  nur  rechte  Winkel. 
Von  besonderer  Bedeutung  sind  die,  welche,  mit  der  Haupt- 
achse zusammenfallend,  auf  die  südliche  Treppe  des  Runden 
Hügels,  des  Kaiserlichen  GcAvölbes,  des  großen  Rundtempels 
und  des  kaiserlichen  himmlischen  Tempels  zulaufen.  Ihnen  ist 
der  Name  )|j^  ji§-  Ssn  Lu,  Göttlicher  oder  Heiliger  Weg,  beigelegt; 
sie  sind  erheblich  breiter  als  die  übrigen  Straßen. 

In  der  Urzeit  war  in  China  Götterkult  untrennbar  mit 
]\Iusik  verbunden.  Deshalb  ist  das  erst  recht  allezeit  mit  der 
Staatsreligion  der  Fall  gewesen,  die  stets  alles  Alte  mit  der 
größten  Sorgfalt  als  heilig  bewahrte  und  zur  höchsten  Ent- 
wicklung brachte.  Dementsprechend  gibt  es  in  der  Reichs- 
hauptstadt ein  1^  iap  Jo'  Pu  oder  Musikministerium,  das  einen 
Anhang  des  Ministeriums  der  L  i  bildet,  und  dessen  erster  und 
vornehmster  Unterteil  das  ]0  ^  ^  SSn  Jo'  §u  ist,  das  Amt 
für  die  Göttermusik^  welche  ausschließlich  bei  Opferfeiern  gespielt 
wird.  Selbstverständlich  ist  diese  heilige  oder  geweihte  Musik 
streng  klassisch;  sie  darf  also  nur  über  fünf  Töne  (^  ]^  -^ 
Wi  ^)  verfügen,  weil  die  zwei  übrigen  (^  ^  und  ^  ^) 
in  keinen  Schriften  der  Vor-Han-Zeit  Erwähnung  finden;  auch 
ihre  Instrumente  sind  ausschließlich  Nachahmungen  von  denen 
der  Alten.  Das  Amt  für  die  Göttermusik  hat  seine  Gebäude  im 


155 

Altargrund  des  Himmels,  nordöstlich  am  Tore  des  Runden 
Hügels.  Sie  liegen  da  in  einem  rechteckigen,  ummauerten 
Raum,  der  genau  nach  den  vier  Kardinalpunkten  gewendet 
ist  und  eine  überdachte  Pforte  mit  drei  Durchgängen  in  der 
Mitte  der  Ostfront  hat.  Hinter  dieser  Pforte  liegen  hinter- 
einander zwei  rechteckige  Hauptgebäude,  nämlich  die  ^  jjS 
^  King  Hi  Tiön,  Halle  des  verdichteten  Glückes,  und  die  ^ 
-f^  ^  Hiön  Jiu  Ti6n,  Halle  des  glänzenden  Beistandes,  beide 
gleichfalls  mit  der  langen  Frontseite  nach  Osten  gekehrt.  Sie 
sind  von  einer  viereckigen  Innenmauer  umschlossen,  mit  der 
sie  durch  Quermauern  verbunden  sind,  und  zwischen  allen 
diesen  Mauern  liegt  eine  Anzahl  kleinerer  Bauten  für  das  Per- 
sonal des  Musikamts,  das  sich  wahrscheinlich  nur,  wenn  Opfer 
begangen  werden  sollen,  nennenswert  beschäftigt. 

Das  Hauptopfer,  welches  auf  dem  Runden  Hügel  dem 
Himmel  durch  den  Kaiser  dargebracht  wird,  also  das  alier- 
vornehmste  Opfer  der  Staatsreligion,  findet,  nach  klassischer 
Präzedenz,  alljährlich  in  der  Nacht  der  Wintersonnenwende 
(^  ^)  statt,  sonach  am  wichtigsten  Zeitpunkt  in  dem  T  a  o 
oder  Gang  der  Weltordnung,  wenn  das  Jang,  die  schöpferische 
Himmelskraft,  das  Licht  und  die  Wärme,  seinen  größten  Tief- 
stand erreicht  hat  und  sogleich  seine  Wiedergeburt  erlebt. 

Am  fünften  Tage  vor  dem  Opfer  begibt  sich  ein  ^  ^E 
Ts*^inWang,  Prinz  des  nächsten  Verwandtschaftsgrades,  also  ein  Sohn 
des  regierenden  oder  eines  vorigen  Kaisers,  auf  allerhöchsten 
Befehl  nach  dem  !^  ^  ^,  Platz  der  Opfertiere,  wo  diese  für 
die  Opfer  in  Bereitschaft  gehalten  werden.  So  heißt  ein  inner- 
halb des  „Tores  des  Runden  Hügels"  (S.  143)  nach  Südosten  hin 
gelegener  Raum,  den  eine  überdachte,  genau  gegen  die  vier 
Himmelsgegenden  gekehrte  Mauer  umgibt.  Auf  jeder  Front 
ist  dieses  Viereck  52  Tsang  lang.  In  der  Mitte  der  Südseite 
hat   es    drei   nebeneinander  liegende   überdachte   Pforten    und 


156 

gerade  dahinter,  etwa  im  Zentrum  des  Viereckes,  stellt  ein  recht- 
eckiges, mit  der  langen  Vorderseite  nach  Süden  gewendetes 
Gebäude  mit  elf  Abteilungen,  von  denen  die  drei  mittleren  zur 
Aufbewahrung  und  Verehrung  der  Schutzgötter  der  Opfertiere 
(^jM  ^  jjift)  dienen.  Weiter  befinden  sich  in  diesem  Raum  eine 
Anzahl  Wohnungen  für  Aufseher,  Hirten  und  Versorger  der 
Tiere,  nebst  Futterscheunen  und  Ställen  für  Rinder,  Schafe, 
Hirsche,  Schweine  und  Hasen. 

Sobald  der  Prinz  zur  Stelle  ist,  geleiten  ihn  zwei  Zere- 
monienmeister (^  ;|^  ^)  des  Opferamtes  (^  *^  ^),  die  ihm 
alles,  was  er  tun  soll,  befehlend  zurufen,  hinter  einen  gegen 
Süden  gekehrten  Tisch,  auf  dem  Weihrauch  brennt.  Dann  führen 
die  Hirten  die  Ochsen  und  Schafe  an  dem  Tisch  vorbei,  knien 
nieder  und  sagen,  daß  es  ^  Ts*uan,  Opfertiere  ohne  Makel, 
sind.  Sodann  stellt  sich  der  Prinz  hinter  einen  Weihrauchtisch 
auf  der  Ostseite  und  läßt  da  die  Hirsche  an  sich  vorübergehen, 
endlich  hinter  einen  Tisch  auf  der  Westseite,  wo  ihm  die 
Schweine  vorübergeführt  werden,  und  beide  Male  wiederholen 
da  die  niederknienden  Hirten  denselben  Ausruf.  Die  J]J§^  ^j 
Besichtigung  der  Opfertiere,  ist  hiermit  erledigt,  und  der  Prinz  ent- 
fernt sich.  Diese  Schau  ist  eine  Sache  höchster  Wichtigkeit, 
weil  dem  Himmel  nur  ganz  makellose  Opfertiere  annehmbar 
sind  und  also  von  ihrer  Beschaffenheit  die  guten  Erfolge 
des  Opfers  abhängen.  Eigentlich  soll  der  Kaiser  selbst  die 
Schau  vornehmen  und  darf  deshalb  nur  einem  der  allerhöchsten 
Mitglieder  seines  Hauses  die  stellvertretende  Inspektion  über- 
tragen. 

Am  dritten  Tage  vor  dem  Opfer  wird  noch  vor  Tages- 
anbruch aus  dem  Opferamt  von  einem  seiner  Präsidenten  (^^) 
mit  Gefolge  eine  ^^  4j&  ffi  oder  Tafel  der  Enthaltsamkeit,  nebst 
einem  ^1^  A  oder  kupfernen  Menschen  nach  dem  Haupttor  des 
inneren  Palastes  des  Kaisers  getragen,  das  ^il  *^  P^  K'iön 
Ts^ing  Mön,  Tor  der  Himmelsreinheit,  heißt,  und  vor  demselben 


157 

auf  einen  gelben  Tisch  gesetzt.  Diese  Tafel  der  Enthaltsam- 
keit ist  ein  Holzbrett,  mit  gelbem  Papier  bekleidet,  worauf  in 
Chinesisch  und  Mantschurisch  die  Tage  geschrieben  stehen, 
an  denen  der  Kaiser  fasten  soll;  der  kupferne  Mensch  ist  in 
stehender  Haltung  und  trägt  eine  kupferne  Enthaltsamkeitstafel 
in  der  Hand.  Nunmehr  reinigt  der  Kaiser  im  inneren  Palaste 
durch  Fasten  und  Enthaltsamkeit  seinen  Körper  und  Geist, 
damit  er  dem  Himmel,  der  die  allerhöchste  Reinheit  ist,  näher 
zu  treten  fähig  und  würdig  werde.  Zu  gleicher  Zeit  ergeht 
von  ihm  eine  Warnung  (Jjj^  ^)  an  die  Minister  und  Beamten, 
die  jeder  im  großen  Saal  seines  Amtsgebäudes  auf  einer  Tafel 
anzuschlagen  verpflichtet  ist,  und  die  in  folgenden  Schriftzeichen 
abgefaßt  ist: 

Wi^^^^m^'^Mom^^^M-  A-  T»S«  Soundso 
des  Mondes  Soundso  des  Jahres  Soundso  werden  Wir  bei  der  Wintersonnen- 
wende ehrerbietig  dem  kaiserlichen  Himmel,  dem  Obersten  Kaiser,  auf  dem 
Runden  Hügel  ein  Opfer  darbringen.  O,  ihr  sämtlichen  Minister,  beachtet 
diesen  Befehl:  reinigt  euere  Herzen,  säubert  euere  Neigungen,  damit  ein 
jeder  (beim  Opfer)  seine  amtlichen  Obliegenheiten  in  jeder  Richtung  roll- 
bringe.  Sollte  es  vorkommen,  daß  irgendeiner  sich  untersteht,  seine  Schuldig- 
keit dabei  nicht  zu  tun,  für  den  hat  die  Dynastie  unveränderliche  Strafen. 
Ehrfurchtsvoll  beachtet  diesen  Befehl!  Seid  nicht  fahrlässig! 

Nunmehr  fangen  auch  alle,  die  beim  Opfer  beschäftigt 
sein  werden,  sofort  in  ihren  Amtswohnungen  die  Enthaltsam- 
keit zu  üben  an.  Sie  erfüllen  ihre  amtlichen  Pflichten  nur  in- 
sofern, als  es  unumgänglich  nötig  ist,  hören  keine  Musik,  meiden 
die  Frauengemächer,  statten  keine  Trauerbesuche  ab,  trinken 
nichts  Berauschendes,  essen  keinen  Knoblauch,  keine  Zwiebeln 
oder  derartige  Pflanzenkost;  auch  verrichten  sie  keine  Gebete, 
opfern  keinen  Göttern,  reinigen  keine  Grabstätten.  Am  Tage 
vor  dem  Opfer  waschen  sie  sich  den  Körper.  Diejenigen,  welche 


158 

nach  brennendem  Artemisia  (^)  riechen,  gebrechlich  sind 
oder  mit  einer  bösen  Krankheit  behaftet,  oder  die  Trauerzeit 
für  verstorbene  Verwandte  durchzumachen  haben,  fasten  nicht 
mit.  Wer  über  sechzig  Jahre  alt  ist,  braucht  nicht  zu  fasten, 
und  auch  wenn  er  das  tut,  darf  er  dem  Opfer  nicht  beiwohnen. 
Jeder  muß  eine  rote  Tafel  mit  den  Zeichen  ^^  ^]^,  Enthaltsam- 
keit, in  seinem  Amtsgebäude  aufstellen  und  ein  kleines  Täfel- 
chen mit  derselben  Inschrift  auf  der  Brust  tragen. 

Am  frühen  Morgen  des  darauffolgenden  Tages  findet 
abermals  eine  -^  ^,  Schau  der  Opfertiere,  statt  seitens  des  Prä- 
sidenten des  Ministeriums  der  L  i  (jrM  ^  f^  ^),  und  zwar 
in  derselben  Weise,  wie  der  kaiserliche  Prinz  sie  vornahm,  und 
an  derselben  Stelle.  Auch  wird  zur  gleichen  Zeit  in  der  kaiser- 
lichen Kanzlei  (pj  ^)  mit  großer  Sorgfalt  und  Ehrfurcht  das 
beim  Opfer  zu  verlesende  )g{J  Tau'  oder  Gebet  mit  roter  Tusche 
auf  himmelblaues  Papier  geschrieben,  das  auf  einem  viereckigen 
Holzbrett  befestigt  ist;  und  mit  doppelter  Ehrfurcht  wird  der 
f^^  jü  Ming,  des  Kaisers  persönlicher  Name,  darin  eingetragen. 
Bekanntlich  muß  das  Schreiben  oder  Erwähnen  dieses  heiligen 
Namens  immer  von  hoch  und  niedrig  im  ganzen  Reiche  pein- 
lichst vermieden  werden;  nur  für  das  Opfergebet  gilt,  seit 
kaiserlicher  Verfügung  des  24.  Jahres  der  K*^ an g-hi- Periode 
(1685),  dieses  strenge  Gebot  nicht. 

Am  Tage,  der  dem  Opfer  unmittelbar  vorangeht,  findet 
kurz  nach  Mitternacht  im  Schlachthause  des  Runden  Hügels 
(s.  S,  150)  das  Schlachten  der  Opfertiere  statt,  und  zwar  unter 
der  Aufsicht  eines  Präsidenten  (^^ö)  des  Bewirtungsamtes 
(3fe  If^  ^)^  zweier  Zensoren  (|^  ^)  und  vier  weiterer  hoher 
Beamten,  die  hinter  einem  Tisch,  auf  dem  Weihrauch  brennt, 
aufmerksam  zuschauen.  Das  Blut  und  die  Haare  werden  neben 
der  Mauer  des  Schlachthauses  in  eine  Grube  geworfen,  welche 
die  Metzger  zu  diesem  Zwecke  am  selben  Morgen  gegraben 
haben.    Im  Laufe  des  Vormittags  werden  in  der  „Küche  für  die 


159 

Götter"  (s.  S.  150)  die  Opferspeisen  zubereitet  und  vorläufig  in 
dem  „Aufbewahrungshaus  für  die  Götter"  (S.150)  untergebracht. 
Sie  bestehen  aus: 

Brühe  ( jj)  von  Rindfleisch  in  sogenannten  ^^  runden, 
römerförmigen  Vasen  aus  blauem  Porzellan,  auf  breitem  Fuß 
mit  Deckel. 

Reis  (^)  und  Sorghum  (^)  in  ^,  viereckigen,  trog- 
ähnlichen Gefäßen  aus  blauem  Porzellan  mit  Fuß  und  Deckel, 
die  wie  umgekehrte  Tröge  aussehen. 

Hirse  (^)  und  rispige  Hirse  (^),  jede  Sorte  in  einer 
^,  ovalen  Terrine  aus  blauem  Porzellan,  mit  ovalem  Fuß  und 
Deckel. 

Kristallisiertes  Salz  (^^);  getrockneter  Fisch  (Ji^^)y 
Früchte  des  ^^,  Ziziphus  jujuba;  Kastanien  (9^);  Haselnüsse 
(;^);  Wasserkastanien  (^);  Euryale  ferox?  (^);  trockenes 
Hirschfleisch  (J^  H^);  weiße  Pasteten  (Q  '^);  schwarze  Pa- 
steten (H^);  Hirsekuchen  (t^H);  Mehlkuchen  (^^); 
jede  Ware  in  ^,  becherähnlichen,  runden  Körben  von  Bambus, 
auf  breitem  Fuß  und  mit  Deckel,  innen  mit  Seide  gefüttert, 
außen  teilweise  blau  lackiert. 

Eingemachte  Rüben  (^  ^),  eingemachter  Rettich  (^ 
^),  eingemachter  Sellerie  ("ff  ^)  und  eingemachte  Bambus- 
rohrknospen (j^  ^) ;  Pökelfleisch  (^  g^),  gepökeltes  Hirsch- 
fleisch (J^  ^),  gepökeltes  Hasenfleisch  (^  g§),  gepökelter 
Fisch  (^  |g);  Schnitzel  von  Magen  (^^  ;^),  Schweins- 
koteletten (^^),  wässerige  Speise  von  Reis  oder  Hirse 
(Qtj  ^),  Ragout  von  Rind-,  Hammel-  und  Schweinefleisch 
(fS  Ä)-  ^^^^  Ware  in  einem  g  oder  Behälter  aus  blauem 
Porzellan,  dessen  Form  der  der  oben  erwähnten  Bambuskörbe 
(^)  sehr  ähnelt. 

Die  meisten  Speisen  und  Behälter,  wenn  nicht  gar  alle, 
sind  in  den  klassischen  Büchern  erwähnt  und  eben  deswegen 
alle  Jahrhunderte   hindurch   für   die   Staatsopfer   in   Gebrauch 


160 

gewesen.  Das  Geschirr  ist  mit  Figuren  verziert,  welche  auf 
den  befruchtenden  Segen,  den  der  Himmel  spendet,  anspielen: 
Spiralen,  die  Donner  vorstellen,  Drachen,  welche  Regen  her- 
vorbringen, Wolken,  Wasserwellen  usw. 

Gegen  9  Uhr  wird  unter  Führung  eines  Präsidenten 
des  Opferamtes  der  Runde  Hügel  von  oben  bis  unten  gefegt 
und  gereinigt  und  an  den  erforderlichen  Stellen  mit  Matten 
von  Palmfasern  (vgl.  S.  150)  belegt.  Dann  werden  ^  1^,  blaue 
Zelte,  errichtet  und  darin  J0  ^ ,  Thronsitze  für  die  Götter,  auf- 
gestellt, das  heißt,  schön  bearbeitete  dreifüßige  Sockel  aus 
Marmor,  welche  während  des  Opfers  die  Seelentafeln  der  Götter 
tragen.  Das  runde  Zelt  des  Himmelsgottes  wird  auf  der  höchsten 
Terrasse  aufgeschlagen,  genau  in  der  Hauptachse  bei  der 
nördlichen  Treppe,  mit  der  Vorderseite  gegen  Süden.  Links 
und  rechts,  nach  der  östlichen  und  westlichen  Treppe  hin,  er- 
richtet man  eine  nord-südgerichtete  Reihe  viereckiger  Zelte,  in 
gleicher  Anzahl  wie  die  kaiserlichen  Ahnen,  deren  Seelentafeln 
darin  in  derselben  Anordnung  wie  im  Kuppelgewölbe  (vgl. 
S.  148)  Platz  finden.  Ein  viereckiges  Zelt  für  die  Sonne  und 
eins  für  die  vier  Tafeln  der  Sterne  und  Planeten  werden  bei 
der  Brüstung  der  zweiten  Terrasse,  etwas  nördlich  der  öst- 
lichen Treppe  aufgestellt,  mit  der  Vorderseite  gegen  Westen; 
und  schließlich  kommen  ein  viereckiges  Zelt  für  den  Mond 
und  eines  für  die  himmlischen  Götter  der  Wolken,  des  Regens, 
Windes  und  Donners  bei  der  Brüstung  nördlich  von  der  west- 
lichen Treppe,  mit  der  Vorderseite  nach  Osten. 

In  der  frühen  Morgenstunde  dieses  Tages  wurde  durch 
das  Personal  des  Opferamtes  ein  gelber  Tisch  vor  den  kaiser- 
lichen Thron  gesetzt,  der  sich  in  der  "J^"^^  T'ai  Ho 
Tiön  oder  Halle  der  höchsten  Harmonie  befindet,  welche  ganz 
vorn  im  Palaste  liegt.  Zur  selben  Zeit  scharte  sich  vor  dem 
großen  gleichnamigen  Tor  dieser  Halle  eine  Gruppe  von 
Beamten  zusammen.  Einer  trägt  einen  Korb  mit  einem  ^  ^ 


161 

oder  blauem  Pi',  d.  h.  einer  kreisrunden  Scheibe  von  Jaspis, 
womit  nach  klassischen  Urkunden  in  alten  Zeiten  der  Himmel 
verehrt  wurde;  es  steht  nämlich  im  Tsou  Kuan  (Abschnitt 
:A-  ^  f6)  geschrieben:  «  1=  ü  (Ü  ^  ,  J^  ^  ^  Ü  ilfe, 

mit  einem  blauen  Pi*  verehrt  man  den  Himmel,  mit  einem  gelben  Tsung 
die  Erde.  Der  Durchmesser  des  Pi'  beträgt  6,1  Ts*un,  also 
etwa  zwei  Dezimeter;  es  ist  0,7  Ts^un  dick  und  hat  im  Zen- 
trum ein  kreisrundes  Loch  von  0,4  Ts'^un.  Andere  Beamte 
tragen  ähnliche  Körbe,  worin  Seidenstücke  liegen.  Die  Körbe 
(ffi)  sind  von  blaulackiertem  Bambus,  rechteckig  und  mit 
Deckeln  versehen.  Wieder  andere  Beamte  tragen  Schüsseln 
(^)  mit  dem  zu  opfernden  Weihrauch.  Allen  diesen  Opfer- 
gaben wird  hohe,  klassische  Bedeutung  beigemessen.  Ein 
Beamter  mit  dem  von  der  kaiserlichen  Kanzlei  herangebrachten 
Opfergebet  (S.  158)  gesellt  sich  zu  der  Gruppe.  Inzwischen 
läi3t  sich  der  Kaiser  in  seiner  Sänfte  aus  dem  inneren  Teil  des 
Palastes  nach  der  Halle  tragen.  Sobald  er  darin  auf  der  öst- 
lichen Seite  Stellung  genommen,  tragen  die  Beamten  das  Gebet, 
die  Scheibe,  die  Seide  und  den  Weihrauch  durch  das  Tor  in 
die  Halle,  legen  sie  auf  den  gelben  Tisch,  machen  dreimal  den 
Stirnaufschlag  und  ziehen  sich  zurück.  Voll  Ehrfurcht  läßt 
nun  der  Kaiser  über  alles  seinen  Blick  schweifen,  kniet  nieder 
und  macht  dreimal  den  Stirnaufschlag.  Und  nach  dieser  aller- 
höchsten Besichtigung  treten  die  Beamten  wieder  vor,  machen 
dreimal  den  Stirnaufschlag,  nehmen  die  Dinge  in  der  oben 
erwähnten  Reihenfolge  wieder  weg  und  setzen  sie  vor  dem 
Tor  in  pavillonartige  Tragbahren  (i^).  Diese  werden  unter 
dem  Geleit  eines  Präsidenten  des  Opferamtes  nach  dem  Altar- 
grund gebracht,  und  die  Gegenstände  in  dem  „Aufbewahrungs- 
haus  für  die  Götter"  auf  dazu  bestimmten  Tischen  niedergelegt. 
Auch  die  „Tafel  der  Enthaltsamkeit"  und  das  kupferne 
Bild  (S.  156)  werden  jetzt  vom  „Tore  der  Himmelsreinheit" 
feierlich   nach    dem  Opfergrund   getragen   und   da   im   ^  ^ 

De  Groot,  XJniversismtis.  11 


162 

Ts'ai  Kung  oder  Fastengebäude  aufgestellt.  Dieses  liegt  süd- 
östlich des  inneren  Tores  des  Westens^  also  nördlich  vom  west- 
lichen Ende  der  Quermauer,  die  deshalb  an  dieser  Stelle  drei 
nebeneinander  liegende  Pforten  hat.  Es  besteht  aus  zwei  recht- 
eckigen Hauptgebäuden,  die,  hintereinander  liegend,  mit  der 
langen  Frontseite  nach  Osten  gekehrt  sind.  Das  vordere,  die 
-fr  ^  oder  große  Halle,  erhebt  sich  stattlich  auf  einer  vier- 
eckigen, mit  Marmorbrüstungen  versehenen  Marmorterrasse, 
deren  drei  Vortreppen  dreizehn  Stufen  hoch  sind.  Vor  dieser 
Halle  steht  ein  kleiner  Kiosk  aus  Marmor  für  das  kupferne 
Bild.  Hinter  der  „großen  Halle"  folgt  die  jH^  oder  Hauptlialle 
auf  einer  Terrasse,  welche  nur  eine  Treppe  hat.  Beide  Bauten 
haben  grüne  Dachziegeln.  Auf  den  vier  nach  den  Kardinal- 
punkten gerichteten  Seiten  sind  sie  von  einer  Mauer  um- 
schlossen, die  123,99  T§ang  lang  ist  und  die  ein  gemauerter 
Kanal  umfaßt.  Pforten  und  Steinbrücken  befinden  sich  auf  der 
Ost-,  Süd-  und  Nordseite.  Im  Nordosten  erhebt  sich  ein  vier- 
eckiger Glockenturm.  Neben  den  beiden  Hallen  liegen  zwischen 
Mauern  und  Pforten  zahlreiche  kleinere  Gebäude  für  die  kaiser- 
liche Dienerschaft.  Schließlich  ist  alles  von  einer  zweiten, 
198,2  Tsang  langen  Mauer  mit  einem  Kanal  umschlossen, 
mit  entsprechenden  Pforten  und  Brücken  auf  der  Ost-,  Süd- 
und  Nordseite. 

Wenn  es  nun  an  dem  betreffenden  Tag  ganz  hell  ge- 
worden ist,  verläßt  der  Kaiser  seinen  Palast  mit  einer  besonders 
großen  Eskorte,  mit  Musik,  zahlreichen  Fahnen  und  Symbolen 
aller  Art,  Prunkwaffen,  Garde-  und  anderen  Truppen  zu  Fuß 
und  zu  Pferde,  etwa  einem  Dutzend  Elefanten,  einer  Anzahl 
Beamten  in  Staatsgewändern  usw.  Seine  Sänfte  (^)  wird  von 
36  Mann  (^  j;;)  getragen.  Außerhalb  des  ^  f^  Wu  M6n 
oder  Südtors,  also  auf  dem  weiten  inneren  Vorhof  des  Palastes, 
geben  ihm  zahlreiche,  auf  beiden  Seiten  Spalier  bildende 
Prinzen,  Minister  und  Beamte  ehrerbietigst  auf  den  Knien  das 


163 

Geleit.  Oben  im  Tor  ertönt  die  große  Glocke.  Eine  Abteilung 
Soldaten  säuberte  bereits  die  Straßen  gründlich  vom  Volk  und 
sperrte  sie  zu  beiden  Seiten  ab,  damit  nur  Ruhe  und  Stille 
dem  Sohne  des  Himmels  auf  dem  Wege  zum  Altar  der  höchsten 
Reinheit  entgegentrete,  kein  weltliches  Gewtihl  ihn  besudle. 

Durch  das  „Tor  des  Westens"  und  an  der  Außenmauer 
entlang  wird  der  Kaiser  nach  dem  Göttlichen  Weg  (S.  154) 
getragen,  der  vor  dem  „Tor  des  leuchtenden  Alldurch- 
dringenden" (S.  146)  liegt.  Auf  der  Westseite  dieses  Weges  wirft 
sich  ein  hoher  Beamter  der  Verwaltung  der  kaiserlichen  Equi- 
pagen (^  ^^  ^)  vor  der  Sänfte  auf  die  Knie  und  ladet  den 
Kaiser  zum  Aussteigen  ein.  Die  beiden  Präsidenten  des  Opfer- 
amtes führen  nun  den  Kaiser  auf  dem  Göttlichen  Weg  durch 
den  östlichen  Durchgang  des  Tores  und  den  des  „  Außen walls" 
östlich  um  den  Altar  herum  nach  dem  Kaiserlichen  Gewölbe. 
Da  wirft  er  sich  vor  der  Seelentafel  des  Himmelsgottes  auf 
die  Knie,  hebt  Weihrauchstäbchen,  welche  ein  kniender  Unter- 
präsident (-^  ^äj)  des  Opferamtes  ihm  reicht,  ehrerbietig  zur 
Tafel  empor  und  gibt  die  Stäbchen  wieder  weiter;  noch  zweimal 
wird  sodann  dasselbe  Rauchopfer  wiederholt  und  darauf  ein 
einziges  Mal  vor  jeder  Tafel  der  kaiserlichen  Ahnen  verrichtet. 
Zum  Schluß  kniet  der  Kaiser  in  der  Meridianachse  vor  allen 
Tafeln  zusammen  dreimal  nieder  und  macht  jedesmal  dreimal 
den  Stirnaufschlag.  Währenddessen  wird  von  speziell  dazu  an- 
gewiesenen Beamten  ganz  ähnlich  den  Tafeln  in  den  zwei 
Nebengebäuden  dasselbe  Rauchopfer  dargebracht. 

Nun  läßt  sich  der  Kaiser  auf  demselben  Wege  wieder 
nach  der  südlichen  Treppe  des  Runden  Hügels  geleiten.  Er 
besteigt  dieselbe,  wirft  auf  der  höchsten  Terrasse  den  Blick 
nordwärts  nach  dem  Zelt  des  Himmels  hin  (S.  160),  während 
der  Präsident  des  Opferamtes  niederkniet  und  mit  lauter  Stimme 
ihm  zuruft:  Sang  Ti  T^an,  der  Opferplatz  des  Obersten  Kaisers! 
Alsdann  stellt  sich  der  Kaiser  auf  der  Westseite  der  Terrasse 

11» 


164 

auf  und  wirft  den  Blick  nach  Osten,  indem  der  Präsident  aus- 
ruft: P*^ei  Wei  T'an,  der  Opferplatz  der  nebengeordneten  Tafeln! 
(S.  149);  schließlich  schreitet  der  Kaiser  nach  der  Westseite  und 
schaut  ostwärts,  wobei  derselbe  Ausruf  ertönt.  Hiermit  ist  die 
kaiserliche  B^  JJ  ^;  Besichtigung  des  Altars  mit  den  Tafeln,  er- 
ledigt. Der  Kaiser  steigt  nun  auf  der  östlichen  Treppe  hinab 
und  begibt  sich  nach  dem  „Aufbewahrungshaus  für  die  Götter". 
Dort  stellt  er  sich  vor  die  bereits  fertigen  Opferspeisen,  welche 
für  den  Himmel  bestimmt  sind,  und  genau  nach  der  Rang- 
ordnung vor  die  der  verschiedenen  Ahnen,  während  der  Prä- 
sident des  Opferamtes  jedesmal  die  zu  berichtigenden  Gegen- 
stände mit  lauter  Stimme  erwähnt.  Zum  Schluß  wird  in  der 
Küche  auf  genau  dieselbe  Weise  die  Schau  über  die  ver- 
schiedenen Opfertiere  abgehalten. 

Sodann  nach  den  südlichen  Sturztoren  geführt,  steigt  der 
Kaiser  da  in  seine  Sänfte  ein  und  wird  nach  dem  ,,  Fasten- 
gebäude" getragen.  Außerhalb  des  großen  Tores  der  östlichen 
Front  desselben  erwarten  ihn  in  ihren  offiziellen  Gewändern 
ehrfurchtsvoll  sämtliche  Prinzen  und  Beamte,  welche  an  der 
Opferfeier  teilnehmen  werden,  um  sich  wieder  zu  zerstreuen, 
sobald  der  Kaiser  in  eine  andere  Sänfte  umgestiegen  und  in 
dem  Gebäude  verschwunden  ist.  Selbstredend  wird  von  dem 
Augenblick  an  das  Fastengebäude  von  der  kaiserlichen  Garde 
streng  bewacht  und  allen  Unbefugten   der  Zutritt   abgesperrt. 

Abends  nach  6  Uhr  werden  auf  dem  Runden  Hügel  die 
letzten  großen  Vorbereitungen  getroffen.  Große  metallene  Be- 
hälter, korbartig  geformt  mit  offenen  Maschen,  werden  mit 
Brennholz  gefüllt  und  zur  Beleuchtung  des  Altars  angesteckt. 
Gleichzeitig  wirft  man  in  den  Brandaltar  (S.  146)  das  Holz  und 
legt  das  i^  «4^,  Brandrind,  obenauf.  Die  Körbe  und  Gefäße  mit 
Speisen  werden  aus  dem  „Aufbewahrungshaus"  herbeigetragen 
und  in  peinlich  vorgeschriebener  Ordnung  in  jedem  Zelt  der 
höchsten   Terrasse    auf   einem    Tisch    28    an   Zahl  aufgestellt. 


165 

der  Reis,  das  Sorghum  und  die  Hirse  genau  in  der  Mitte  vor 
dem  „Thronsitz"  (S.  160),  die  Körbe  auf  ihrer  linken,  die 
übrigen  Sachen  auf  der  rechten  Seite.  Ganz  hinten,  außerhalb 
jedes  Zeltes,  gerade  in  der  Mitte,  wird  ein  hölzernes,  tisch- 
ähnliches Gestell,  das  ^  Tsu  heißt,  niedergesetzt,  das  einen 
ganzen  jungen  Stier  (i^)  trägt,  geschlachtet  und  gereinigt,  die 
höchste  und  vornehmste  Opfergabe,  welche  das  alte,  klassische 
China  kannte.  Auf  den  vier  Seiten  der  Opfergaben  stehen 
Kandelaber  und  ganz  hinten  zwei  Weihrauchgefäße.  Was  die 
vier  Zelte  der  zweiten  Terrasse  betrifft,  so  kommen  auf  jedes 
24  Körbe  und  Gefäße;  die  Sonne  und  der  Mond  empfangen 
außerdem  je  ein  ganzes  Rind,  die  Götter  in  jedem  der  zwei 
anderen  Zelte  zusammen  ein  Rind,  ein  Schaf  und  ein  Schwein. 
Die  Anordnung  der  Opfergaben  ist  hier  genau  so  wie  auf  der 
höchsten  Terrasse. 

Inzwischen  wird  ganz  unten  am  Runden  Hügel  auf  der 
südöstlichen  und  der  südwestlichen  Seite  das  vollständige 
Orchester  der  heiligen  Musik  in  der  vorgeschriebener  An- 
ordnung aufgestellt.  Wenn  alles  fertig  ist,  besteigt  ein  Unter- 
präsident ('f^  ^)  des  Ministeriums  der  Li  die  westliche 
Treppe  des  Hügels  und  inspiziert  unter  Führung  eines  hohen 
Beamten  des  Opferamtes  die  aufgestellten  Opfergaben,  wobei 
er  natürlich  beim  Himmel  anfängt  und  sich  dann  genau 
nach  der  Rangordnung  der  Ahnen  und  der  Götter  der  zweiten 
Terrasse  richtet.  Dieser  Akt  heißt  ^  ^,  die  Schau  der  Opfer- 
schüsseln. 

In  der  siebenten  Viertelstunde  vor  dem  Aufgang  der 
Sonne  begibt  sich  der  u\  jj^?  Beamte  für  das  Opfergebet,  nach 
dem  „Aufbewahrungshaus  für  die  Götter",  macht  vor  dem  Tisch, 
auf  dem  am  vorigen  Tage  das  Gebet  niedergelegt  worden  war 
(s.  S.  161),  einen  Fußfall  mit  drei  Stirnaufschlägen  und  trägt 
das  Gebet  auf  die  höchste  Terrasse  des  Hügels.  Dort  legt  er  es 
auf  einen  Tisch,  der  ein  wenig  westlich  vom  runden  zentralen 


166 

Stein  des  Pflasters  steht,  und  verabschiedet  sich  mit  einem 
Kniefall  und  drei  Stirnaufschlägen.  Währenddessen  haben  sich 
an  der  Vordertreppe  des  Kaiserlichen  Gewölbes  die  Präsidenten 
des  Ministeriums  der  Li  und  ein  Präsident  des  Opferamtes 
mit  ihrem  Gefolge  sowie  Beamte  der  kaiserlichen  Equipagen 
versammelt.  Daselbst  steht  eine  Anzahl  von  ^||  ^,  Drachen- 
pavillons, pavillonartig  gebauten  Traggestellen,  welche  mit 
Drachen,  dem  Symbol  der  Kaiserwürde,  verziert  sind,  eines  für 
die  Seelentafel  des  Himmels  in  der  Mitte  vor  der  Treppe  und 
beiderseits  ebensoviele,  als  es  im  Gewölbe  Seelentafeln  der 
kaiserlichen  Ahnen  gibt,  genau  so  angeordnet  wie  diese  in  den 
Tabernakeln;  etwas  weiter  noch  nach  Süden  hin  stehen  zwei 
auf  jeder  Seite  für  die  Tafeln  der  Nebentempel.  Beamte  des 
Opferamtes  öffnen  die  verschiedenen  Tabernakel;  ein  Präsident 
des  Ministeriums  der  Li  tritt  heran,  hebt,  die  Rangordnung 
befolgend,  zu  jedem  Tabernakel  dreimal  ein  Weihraucli- 
stäbchen  empor  und  begibt  sich  dann  in  den  Vorhof,  um  da- 
selbst für  alle  die  Tafeln  zusammen  einen  Kniefall  mit  drei 
Stirnaufschlägen  zu  machen.  Nun  holen  Beamte  des  Opfer- 
amtes unter  Führung  des  Präsidenten  die  Tafeln  aus  den  vier 
Tabernakeln  der  Nebentempel,  nachdem  sie  vor  jedem  einen 
Kniefall  mit  drei  Stirnaufschlägen  gemacht  haben,  und  stellen 
sich  mit  diesen  heiligen  Gegenständen  in  den  Händen  im  Vor- 
liof  beiderseits  des  Göttlichen  Weges  auf.  Sodann  tun  andere 
Beamte  genau  dasselbe  hinsichtlich  der  Tafeln  der  Ahnen  und 
stellen  sich  im  Gewölbe  in  zwei  Reihen  auf;  sobald  dann  die 
Tafel  des  Himmels  aus  dem  Tabernakel  herausgenommen 
ist  und  zwischen  den  beiden  Reihen  hindurch  nach  ihrem 
„ Drachenpavillon ^^  getragen  wird,  folgen  sie  hinterher,  dabei 
unablässig  die  Rangordnung  der  Ahnen  peinlichst  beobachtend. 
Ihnen  schließen  sich  die  im  Vorhof  wartenden  Träger  der 
Tafeln  der  Nebentempel  an.  So  werden  die  Tafeln  in  die  Pa- 
villons gesetzt,  ohne  daß  dabei  eine  Abweichung  von  der  Rang- 


167 

Ordnung  stattfindet,  und  jede  wird  wiederum  von  ihrem  Träger 
mit  drei  Stirnaufsclilägen  begrüßt.  Sofort  bewegt  sich  nun 
der  Zug,  mit  dem  Präsidenten  des  Opferamtes  und  seinen 
Beamten  an  der  Spitze  und  dem  Präsidenten  des  Ministeriums 
der  L  i  hintenan,  auf  dem  Göttlichen  Wege  durch  die  nörd- 
lichen Sturztore  nach  der  südlichen  Treppe  des  Runden  Hügels. 
Da  nimmt  jeder  Beamte  nach  drei  Stirnaufschlägen  seine 
Tafel  wieder  aus  dem  Pavillon;  alle  besteigen  in  derselben 
Reihenfolge  den  Hügel,  und  zwar  die  mit  den  Tafeln  des 
Himmels  und  der  Ahnen  auf  der  südlichen  Treppe,  die  übrigen 
auf  der  östlichen  und  der  westlichen,  und  jeder  setzt  seine 
Tafel  in  dem  betreffenden  Zelt  auf  ihren  Thronsitz  (S.  160), 
sich  von  ihr  mit  drei  Stirnaufschlägen  verabschiedend. 

Diese  feierliche  Überbringung  der  Tafeln  heii3t  ^  |i^  j^ 
ts*ing  SSnWei,  die  Seelentafeln  (zum  Opfer)  einladen.  Indessen 
überbringt  einer  der  Präsidenten  des  Opferamtes  dem  Kaiser 
im  Fastenpalast  die  Kunde,  daß  die  Opferzeit  angebrochen  ist, 
und  der  Kaiser  begibt  sich  nun  in  Opferkleidung  in  einer  seiner 
Prunksänften  mit  großem  Gefolge  nach  dem  südlichen  Sturz- 
tor des  viereckigen  Außenwalles.  In  einer  daselbst  auf  der  Ost- 
seite des  Göttlichen  Weges  errichteten  -^  ^,  Großen  Hütte, 
wartet  er  eine  kleine  Weile,  bis  einer  der  Präsidenten  des 
Opferamtes  ihm  feierlich  bekundet,  daß  die  Seelentafeln  an 
ihren  Stellen  stehen,  und  an  ihn  die  Bitte  richtet,  die  Zere- 
monien zu  verrichten.  Daraufhin  verläßt  der  Kaiser  die  Hütte, 
wäscht  sich  die  Hände,  wozu  ein  kniender  Beamter  ihm  das 
Becken  (^)  hält,  und  trocknet  sie  mit  einem  Tuch  ab,  das 
ihm  ein  anderer  kniender  Beamter  reicht.  Sodann  geleiten  ihn 
die  beiden  Präsidenten  des  Opferamtes  die  südliche  Treppe 
hinauf  bis  auf  die  zweite  Terrasse,  wo  mitten  vor  der  höchsten 
Treppe,  also  in  der  Hauptachse  des  Altargrundes,  sein  ^-'^, 
Verneigungsplatz,  ist,  der  von  einer  gelben  1^  ^  oder  Zelthütte 
gegen  Wind  und  Wetter  geschützt  ist. 


168 

Hohe  Beamte  führen  jetzt  die  kaiserlichen  Prinzen  der 
vier  höchsten  Grade  zu  ihren  „Verneigungsplätzen"  auf  der 
dritten  Terrasse  vor  der  Treppe  und  die  übrigen  Prinzen  zu 
den  ihrigen  am  Fuß  der  untersten  Treppe,  während  den  ver- 
schiedenen Beamten  Plätze  angewiesen  werden  außerhalb  der 
Sturztore  des  viereckigen  Walles,  den  Zivilbeamten  auf  der 
Ost-,  den  Militärbeamten  auf  der  Westseite.  Alle  wenden  sich, 
gleichwie  der  Kaiser,  dem  Norden  zu.  Übrigens  stehen  zahl- 
reiche Beamte,  die  beim  Opfern  Dienst  zu  leisten  haben  (Sil 
Ä1&);  gruppenweise  auf  dem  südlichen  Quadranten  des  Hügels, 
beiderseits  der  Hauptachse,  sich  derselben  zuwendend.  Die 
Musikanten  (^  IC  oder  ^  ^)  stehen  bei  ihren  Instru- 
menten (s.  S.  165),  die  Sänger  (^  31  o<ier  ^  ^)  ^i^tl  die 
Tänzer  (^  jC  oder  ^  /^)  nahe  bei  derselben  Stelle.  Jedes- 
mal, wenn  das  Orchester  einfallen  oder  abbrechen  soll,  wird  der 
Befehl  dazu  von  einem  j^  ^  ^[J,  Stimmer  der  Tonarten,  erteilt, 
der  dazu  einen  B  Hui  hochhebt  oder  sinken  läßt,  das 
heißt,  einen  von  der  Spitze  eines  roten  Stabes  herabhängenden 
Streifen  von  gelbem  Seidentuch,  auf  den  ein  Drache  gestickt 
ist,  der  über  Land  und  Meer  inmitten  von  Wolken  zu  dem 
blauen  Himmel,  der  Sonne  und  den  Sternen  emporsteigt.  Zur 
Ausübung  einer  strengen  und  gefürchteten  Kontrolle  über  alle, 
die  bei  der  Opferfeier  Dienst  leisten,  ja,  wie  es  heißt,  sogar 
über  den  Kaiser  selbst,  stehen  auf  der  südlichen  Seite  der 
höchsten  Terrasse  ein  Präsident  und  ein  Vizepräsident  des  Zen- 
sorats  (yfefPfäP^  und  ^ij  f|5  #P  ^)  ^nd  auf  der  dritten 
Terrasse,  auf  jeder  Seite  der  südlichen  Treppe,  zwei  J^"^ 
'f^P  ^,  Zensoren  zur  Kontrolle  der  Zeremonien. 

Nunmehr  ist  der  Zeitpunkt  da,  wo  das  Opfern  seinen 
Anfang  nimmt.  Feierlich  durchdringt  eine  Stimme  die  nächt- 
liche Stille;  der  ÄÄ  Ti6n  I,  der  höchste  Leiter  der  Zeremonien, 
der  seinen  Platz  auf  der  zweiten  Terrasse,  östlich  vom  Kaiser 
hat,   ruft:   ^  1^  ^  ^  fC  |)t  *  1^  #  ^  M  J|t>   "-  "- 


169 

sikanten  und  Tänzer,  und  ihr,  die  ihr  Gesänge  emporsendet,  und  ihr,  dienst- 
leistende Beamte,  tuet  alle  euere  Pflicht!  Das  Opfer  zerfällt  in 
neun  Akte,  welche  also  dreimal  der  himmlischen  Zahl  drei 
entsprechen.  Unablässig  halten  sich  die  beiden  Präsidenten  des 
Opferamtes  an  des  Kaisers  Seiten  und  rufen  ihm  mit  lauter 
Stimme  jede  Handlung,  jeden  Kniefall,  jeden  Stirnaufschlag 
zu,  die  er  zu  verrichten  hat;  auf  die  Weise  ermöglichen  es 
diese  Zeremonienmeister  dem  Kaiser,  das  unerschütterlich  fest- 
stehende Staatszeremoniell  strikt  zu  beobachten,  ohne  im  ge- 
ringsten davon  abzuweichen.  Der  Präsident  auf  der  linken 
Seite,  der  höhere,  heißt  ^^1?  ^^r  helfende  Führer  oder  der  Führer, 
der  Befehle  ausruft;  der  andere  wird  ^  ^|  genannt,  der  gegen- 
überstehende Führer.  Bei  jedem  Kniefall,  den  der  Kaiser  zu 
machen  hat,  ist  ein  Beamter  zur  Stelle,  der  vor  ihm  einen 
^^^^Sj  Verbeugungsteppich,  ausbreitet. 

Zur  Einleitung  des  ersten  Aktes  ertönt  wieder  von  der 
zvreiten  Terrasse  der  Ruf  des  „Leiters  der  Zeremonien":  »^ 
^^  Ml  *W*  )Iift?  Steckt  den  Scheiterhaufen  in  Brand  und  empfanget  die 
Seelen  der  Kaiser!  Rauch  und  Flammen  steigen  vom  Brandaltar 
empor,  und  die  ^  Ä,  Weihrauchbeamten,  die  ihre  Plätze  auf  der 
südöstlichen  und  südwestlichen  Seite  der  höchsten  Terrasse 
haben,  schreiten  vor  und  stellen  sich  in  den  verschiedenen 
Zelten  auf,  jeder  eine  Schüssel  mit  Weihrauchstäbchen  auf  den 
Händen  tragend.  Der  ^  |^,  Leiter  der  Musik,  der  auf  der  süd- 
westlichen Seite  der  höchsten  Terrasse  steht,  ruft:  J^^*^^^? 
hebt  an  zum  Empfang  der  Seelen  der  Kaiser!  und  die  Sänger  setzen 
unter  Begleitung  einiger  Musikinstrumente  mit  dem  ^^  ^ 
^  Sy  Lied  des  anfangenden  Friedens,  ein.  Es  ist  aus  zwölf  ge- 
reimten Strophen  zusammengesetzt,  aus  je  neun  Worten  oder 
Schriftzeichen,  und  wie  alle  Opferhymnen  der  Staatsreligion 
in  hochklassischem  Stil  abgefaßt.  Kaum  ist  das  Lied  beendet, 
da  erhebt  der  „Stimmer  der  Tonarten"  das  Hui  (s.  S.  168),  und 
sofort    fällt    das   Orchester    ein.     Auf    Befehl    des    „helfenden 


170 

Führers"  besteigt  nun  der  Kaiser  die  höchste  Terrasse;  der 
„gegenüberstehende  Führer"  bleibt  beim  Mittelpunkte  des 
Pflasters  stehen,  während  der  „helfende  Führer"  den  Kaiser 
in  das  Zelt  des  Himmels  geleitet.  Hier  kniet  der  Kaiser  nieder, 
hebt  ein  Weihrauchstäbchen,  das  ihm  der  „Weihrauchbeamte" 
reicht,  zu  der  Seelentafel  empor  und  wiederholt  dieselbe 
Handlung  dreimal;  dann  macht  er  den  Rundgang  durch  die 
Zelte  seiner  Ahnen. und  bringt  jedem  auf  genau  dieselbe  Weise 
das  Rauchopfer  dar.  Nun  ruft  ihm  der  „helfende  Führer"  zu: 
^8  "&?  ^®^®  auf  Deinen  Platz  zurück!  der  Kaiser  begibt  sich  mit 
den  beiden  Präsidenten  des  Opferamtes  auf  seinen  „Vernei- 
gungsplatz"  (S.  167)  und  macht  da  auf  ihren  Befehl  hin  drei 
Kniefälle  mit  neun  Stirnaufschlägen.  Beamte  am  Fuße  des 
Hügels  wiederholen  die  Befehle  der  Präsidenten,  und  unmittel- 
bar bezeugen  alle  Prinzen  und  Beamten  hinter  dem  Kaiser  wie 
ein  Mann  dem  Himmel  und  den  Ahnen  dieselbe  höchste  Ehrung, 
welche  China  kennt.  Gleich  darauf  läßt  der  „Stimmer  der  Ton- 
arten" das  Hui  sinken  und  bringt  dadurch  das  Orchester  sofort 
zum  Schweigen. 

Hiermit  endet  der  erste  Akt,  der  offiziell  |5l  *^  W$^ 
Empfang  der  Seelen  der  Kaiser,  heißt.  Der  Duft  des  brennenden 
Opfertieres,  des  Weihrauchs  und  der  Opferspeisen,  der  Zauber 
des  Liedes  und  der  heiligen  Musik  haben  den  Abstieg  der 
Seelen  des  Himmelskaisers  und  der  kaiserlichen  Ahnen  in  ihre 
Tafeln  bewirkt,  und  somit  kann  der  zweite  Akt,  das  tt  3£  ^ ' 
Niedersetzen  des  Jaspis  und  der  Seidenstücke,  seinen  Anfang  nehmen. 
Sobald  der  höchste  Leiter  der  Zerem^onien  denselben  durch 
den  Ausruf:  „Setzet  den  Jaspis  und  die  Seidenstücke  nieder!" 
eingeleitet  hat,  spielt  sich  ein  ganz  gleichartiger  Vorgang  wie 
beim  Weihrauchopfer  ab;  es  treten  aber  dabei  ein  besonderer 
W)  35?  Beamter  für  den  Jaspis,  und  eine  Anzahl  \^n  ^  ^, 
Beamten  für  die  Seidenstücke,  auf,  die  ihre  Standplätze  auf  der 
südöstlichen  und  der  südwestlichen  Seite  der  höchsten  Terrasse 


171 

haben  und  die  Körbe  mit  Jaspis  und  Seide  von  einem  Tisch 
abnehmen,  der  auf  dem  südöstlichen  Teil  der  Terrasse  steht. 
-Wenn  der  Kaiser  vor  dem  Himmelsgott  den  Korb  mit  Jaspis 
und  den  mit  Seide  und  vor  jedem  seiner  Ahnen  den  mit  Seide 
aus  den  Händen  des  betreffenden  Beamten  entgegennimmt,  hebt 
er  ihn  empor  und  setzt  ihn  auf  den  Tisch,  der  die  Opferspeisen 
trägt.  Dann  kehrt  er  auf  seinen  „Verneigungsplatz"  zurück, 
ohne  diesmal  Stirnaufschläge  zu  machen.  Die  Kantate,  die 
diesen  Akt  begleitet,  heißt  M*  2p  ^  ^^  das  Lied  des  glanz- 
reichen Friedens,  und  enthält  sechs  gereimte  Strophen  von  acht 
Schriftzeichen. 

Hierbei  werden  dem  Himmel  zwölf  Stück  azurblaue  Seide 
geopfert,  jedemKaiser  vier  Stück  weiße.  Die  Sonne  empfängt  ein 
rotes,  der  Mond  ein  weißes;  die  Sterne  und  Planeten  zusammen 
(vgl.  S.  174),  außer  sechs  weißen  Stücken,  ein  blaues,  ein  gelbes, 
rotes,  schwarzes  und  weißes  Stück,  und  zwar  weil  diese  Farben 
die  der  fünf  Hauptgegenden  des  Weltalls  sind  und  sonach  den 
fünf  Elementen  entsprechen  (s.  Tabelle,  S.  120),  deren  Namen 
von  den  fünf  Planeten  getragen  werden.  Die  Götter  der  Wolken, 
des  Windes,  Regens  und  Donners  bekommen  zusammen  ein 
blaues,  ein  gelbes,  ein  schwarzes  und  ein  weißes  Stück.  In  die 
Seide  des  Himmels  sind  in  archaischer  Schriftform  die  Zeichen 
5^  JpE  ^d  ^7  ^^^  ^^^  Opfer  des  Vorstadtgeländes  verfertigte  Seide, 
eingewebt  und  daneben  dasselbe  in  mantschurischer  Schrift. 
Die  Seide  der  Ahnen  trägt  in  ähnlicher  Weise  die  Zeichen  ^ 
■^ -^Ij  ^,  zur  Anbietung  an  die  Ahnen  verfertigte  Seide;  die  für  die 
zweite  Terrasse  ;ij®  f  J  ^Ij  ^,  Seide,  verfertigt  zur  Verehrung  der 
Götter. 

Der  dritte  Akt  heißt  ^  ^,  die  Anbietung  der  Opfertier- 
gestolle.  Nach  dem  einleitenden  Ausruf  des  Leiters  der  Zere- 
monien stellt  sich  der  Kaiser  mit  den  beiden  Präsidenten  des 
Opferamtes  östlich  neben  seinen  „Verneigungsplatz"  und  die 
Prinzen  weichen  nach  den  beiden  Seiten  der  Treppe  aus;   und 


172 

nachdem  sie  auf  diese  Weise  es  einer  Reihe  von  Beamten  er- 
möglicht haben,  silberne  Töpfe  (^)  mit  Brühe  von  Rind- 
fleisch (36)  die  Treppen  hinaufzutragen,  nehmen  sie  ihre  Plätze 
wieder  ein.  Jeder  Beamte  trägt  seinen  Topf  nach  einem  Zelt 
auf  der  höchsten  Terrasse,  wirft  sich  da  vor  der  Seelentafel 
auf  die  Knie  und  hebt  den  Topf  empor;  dann  gießt  er  etwas 
von  der  Brühe  über  den  Opferstier  (s.  S.  165)  aus  und  steigt 
die  westliche  Treppe  wieder  hinab.  Nun  ertönt  das  j^  2pl  ^ 
^^,  Lied  des  alle  Menschen  umfassenden  Friedens,  sechs  gereimte 
Strophen,  aus  je  acht  Worten  bestehend,  und  wenn  dann  das 
Orchester  wieder  spielt,  begibt  sich  der  Kaiser  der  Reihe  nach 
in  jedes  Zelt,  um  dort  auf  den  Knien  durch  Hochheben  der 
Hände  den  Opferstier  der  Seelentafel  anzubieten.  Dann  kehrt 
er  auf  seinen  Verneigungsplatz  zurück,  und  das  Orchester  wird 
mittels  des  Hui  zum  Schweigen  gebracht. 

Der  vierte  Akt  heißt  ^<JJ  ^,  die  erste  Darbietung,  nämlich 
des  Opferweines.  Nachdem  der  Leiter  der  Zeremonien  gerufen: 
ipr  '^nj  ftjj  äfflj  Verrichtet  den  Ritus  der  ersten  Darbietung!  werden 
von  einigen  runden,  becherähnlichen  Töpfen  (^)  aus  blauem 
Porzellan,  welche  bereits  vor  Anfang  des  Opfers  auf  dem  süd- 
östlichen und  südwestlichen  Teil  der  höchsten  Terrasse  auf 
Tischen  niedergesetzt  worden  waren,  die  roten  Seidendecken 
(^)  entfernt,  und  dann  wird  von  dem  Wein  (v@),  den  sie  ent- 
halten, etwas  mittelst  Löffel  in  die  Opferbecher  ('^)  gefüllt. 
Die  "^  "^ ,  Beamten  für  die  Opferbecher,  schreiten  darauf,  jeder 
mit  einem  Becher  in  beiden  Händen,  zu  den  Zelten;  und 
während  da  vor  jedem  Opfertisch  einer  von  ihnen  wartet,  bis 
der  Kaiser  kommt,  wird  das  aus  sechs  gereimten  Strophen  zu- 
sammengesetzte ^i  ^  ^  ^^,  Lied  des  Friedens,  der  lange  Lebens- 
dauer schafft,  gesungen.  Danach  fällt  das  Orchester  ein  und  acht 
Gruppen  (f^)  von  militärischen  Tänzern  mit  Schilden  (-^) 
und  Hellebarden  (^)  treten  vor  zur  Aufführung  ihrer  -^  ^ 
^  Ä,    Tanzbewegungen    für    Kriegsileistungen.    Der    Kaiser   begibt 


173 

sich  nach  dem  Zelt  des  Himmels  und  bringt  dort  einen  Becher 
Wein  dar,  genau  auf  dieselbe  Weise,  wie  er  den  Jaspis  und 
die  Seide  darbot,  und  der  betreffende  Beamte  des  Bechers  setzt 
diesen  auf  einen  tischartigen  Gegenstand  aus  Holz  (^),  der 
hinter  dem  Opfertisch,  also  der  Seelentafel  am  nächsten  steht. 
Nun  schreitet  der  Kaiser  nach  dem  Mittelpunkt  der 
Terrasse,  neben  dem  (s.  S.  165)  der  Tisch  mit  dem  Opfergebet 
steht.  Der  Beamte  für  dieses  Gebet  berührt  vor  demselben 
dreimal  den  Boden  mit  der  Stirn,  steht  auf  und  kniet  mit  dem 
Gebet  in  beiden  Händen  auf  der  Ostseite  des  Tisches  nieder. 
Plötzhch  schweigt  das  Orchester;  der  Kaiser  wirft  sich  auf 
Befehl  des  Präsidenten  des  Opferamtes  auf  die  Knie,  und  alle 
Prinzen  und  Beamten  folgen,  auf  Befehl  der  Ausrufer,  seinem 
Beispiel.  Der  Präsident  ruft:  ^  jg{J,  Verlies  das  Gebet!  und  der 
Vorleser  hebt  an: 

äJE  1^  ±  i^>  ^  OOOO  BEo  1p^  ^-    Im  Jähre  ....  im  so  und  so- 

vielten  Monate,  am  so  und  sovielten  Tag  wagt  es  der  erbliche  Thronfolger, 
der  Sohn  des  Himmels,  der  Untertan  .  .  .  dem  Kaiserlichen  Himmel,  dem 
Obersten  Kaiser,  folgendes  kundzugeben:  Die  Zeit  ist  jetzt  im  Wintersol- 
stitium,  im  Anbeginn  der  Segensspenden  der  sechs  Einflüsse.  Ehrerbietig 
den  L  i  der  heiligen  Schriften  gehorchend,  habe  ich  mich  sorgfältig  an  die 
Spitze  meiner  Minister  und  Beamten  gestellt  und  aus  Jaspis,  Seidenstücken, 
Opfertieren,  Gefäßen  und  Schüsseln  aller  Art  die  hier  liegenden  Opfer  und 
Brandopfer  bereitet,  Dir  Oberstem  Kaiser  ehrfurchtsvoll  zum  Opfer  und 
Euch  Nebengeordneten  Kaisern  ...  als  ehrerbietige  Darbietung.  Mögen 
die  Opfer  angenommen  werden ! 

In  diesem  Gebet  folgt  auf  die  Worte  „der  Untertan"  der 
Name  des  Kaisers  (s.  S.  158).  Die  Namen  seiner  Ahnen  werden 
nicht  erwähnt,  wohl  aber  alle  ihre  Ehrentitel  (^  ^  Miao 
Hao  und  ^^  Tsun  Si),  für  jeden  23  bis  27  Schriftzeichen, 


174 

oder  sogar  noch  raelir.  Die  sechs  Einflüsse  sind  die  des  Himmels, 
denn  Kap.  21a  des  Han  Su  (Blatt  21)  sagt  es  klipp  und  klar: 
^  #  -^  ^,  der  Himmel  hat  sechs  Einflüsse.  Angeblich  sind  das, 
Jang  und  Jin,  Licht  und  Dunkel,  Wind  und  Regen;  wir 
denken  hier  aber  auch  an  die  fünf  Einflüsse,  die  wir  auf  S.  119 
kennen  lernten,  nämlich  Wärme  und  Kälte,  Trockenheit,  Nässe 
und  Wind. 

Nun  trägt  der  Vorleser  das  Gebet  nach  der  Seelentafel 
des  Himmels,  legt  es  davor  in  einen  Korb  (^fl);  drückt  die 
Stirn  dreimal  auf  die  Erde  und  kehrt  nach  seinem  Standplatz 
auf  der  südwestlichen  Seite  der  Terrasse  zurück.  Gleich  fällt 
das  Orchester  wieder  ein,  und  dreimal  macht  der  Kaiser  zu- 
sammen mit  allen  Prinzen  und  Beamten  ehrfurchtsvoll  je  drei 
Stirnaufschläge.  Jetzt  wendet  sich  der  Kaiser  seinen  Ahnen  zu 
und  opfert  ihnen  allen  der  Reihe  nach  mit  Hilfe  der  in  den 
Zelten  auf  ihn  wartenden  Becherbeamten  einen  Becher,  genau 
so  wie  er  vor  der  Gebetslesung  dem  Himmel  einen  dargeboten 
hatte.  Und  von  Zeremonienmeistern  geleitet,  besteigen  die  ^ 
jÄ  1^?  ^^®  Beamten  für  die  Nebenopfer,  die  am  Fuß  der  süd- 
lichen Treppe  ihren  Standplatz  haben,  teils  die  östliche,  teils 
die  westliche  Treppe  und  begeben  sich  zu  den  vier  Zelten  auf 
der  zweiten  Terrasse.  Dort  opfern  sie  vor  jeder  Tafel  Weihrauch, 
Seide  (s.  S.  171)  und  einen  Becher  Wein,  genau  so  wie  es  der 
Kaiser  auf  der  höchsten  Terrasse  tat,  und  gehen  auf  ihren 
Standplatz  zurück,  während  auch  der  Kaiser  sich  auf  seinen 
Verneigungsplatz  begibt.  Das  Orchester  hört  zu  spielen  auf, 
die  militärischen  Tänzer  treten  ab,  und  acht  Gruppen  ziviler 
Tänzer  treten  mit  langen  Federn  (^)  und  Flöten  (^)  ^^ 
ihre  Stelle  zur  Auff'ührung  der  "^  ^  ^,  Tänze  für  die  Segnungen 
der  Zivilverwaltung. 

Danach  folgen  zwei  Akte,  welche  §5  jj)j,  die  zweite  Dar- 
bietung, und  J^  ifi,  die  letzte  Darbietung,  heißen;  sie  spielen  sich 
genau  nach  dem  Programm  der  ersten  Darbietung  ab,  werden 


175 

aber  nicht  von  einer  Grebets Vorlesung  unterbrochen.  Die  hier- 
mit verbundenen  Opferh^^mnen  von  sechs  gereimten  Strophen 
heißen  ^  2pl  ^  -^^  das  Lied  des  herrlichen  Friedens,  und  ^ 
2p  ^  ^^j  das  Lied  des  ewigen  Friedens.  Die  „Beamten  für  die 
Nebenopfer"  verrichten  auch  ein  zweites  und  ein  drittes  Wein- 
opfer vor  den  Tafeln  der  zweiten  Terrasse,  genau  nach  dem 
Programm  des  ersten.  Sobald  das  Orchester  schweigt,  treten 
die  „Tänzer  für  die  Segnungen  der  Zivilverwaltung"  ab. 

Die  Becher,  welche  dem  Himmel  und  den  Ahnen  dar- 
geboten werden,  heißen  ^  '^,  Kürbisbecher,  und  zwar,  weil  in 
einem  klassischen  Buche  des  Li  Ki,  das  den  Titel  533^0? 
die  Opferrinder  für  die  Vorstadtgelände,  trägt,  geschrieben  steht 
(Kap.  2),  daß  beim  Opfer  des  Wintersolstitiums  ^  ^  [^  fS  ^ 
i^  ^  ^  ^  ^  tt  ifc^  ^^^  Gefäße  Tongeschirr  und  Kürbisse  ge- 
braucht werden,  und  zwar  als  Abbild  der  Natur  des  (runden)  Himmels  und 
der  Erde.  In  Wirklichkeit  gebraucht  man  jetzt  leere  Kokos- 
nüsse (J^  jj)  ohne  Schnitzwerk  oder  Verzierung,  aber  innen 
mit  Gold  überzogen.  Daß  diese  Becher  ein  religiöses  Über- 
bleibsel aus  der  Urzeit  darstellen,  in  der  Tongeschirr  und  Metall 
noch  unbekannt  waren,  ist  gewiß  nicht  unwahrscheinlich.  Sie 
haben  einen  Durchmesser  von  3,7  Ts*un  und  sind  1,3  Ts*^un 
tief;  jeder  steht  auf  einem  dreifüßigen  Sockel  (■^)  von  wohl- 
riechendem Holz.  Die  Becher  für  die  Götter  der  zweiten 
Terrasse  bestehen  aus  Tonerde  (l^),  das  heißt  aus  Porzellan 
(^),  sind  himmelblau  und  mit  Spirallinien  verziert,  die  Donner 
vorstellen. 

Der  siebente  Akt  wird  von  einer  Zeremonie  eigenartiger 
Bedeutung  eingeleitet.  Ein  Zeremonienmeister  tritt  aus  der 
Gruppe  von  Beamten  hervor,  welche  sich  auf  der  Südwestseite 
der  höchsten  Terrasse  befindet,  begibt  sich  nach  dem  Tisch, 
an  dem  das  Opfergebet  verlesen  wurde,  und  ruft  aus :  ^  jjjg  ^, 
spendet  den  Glückswein  und  das  Glücksfleisch!  Hierauf  verlassen  die 
beiden  Präsidenten  des  Bewirtungsamtes  (s.  S.  158)  ihren  Stand- 


176 

platz  auf  der  südöstlichen  Seite  der  liöchsten  Terrasse  und 
schreiten  auf  den  Tisch  zu^  der  daselbst  neben  dem  mit  den 
Weintöpfen  steht  (s.  S.  172);  der  eine  Präsident  nimmt  von 
diesem  Tisch  einen  Becher  Wein,  der  andere  eine  mit  Drachen 
verzierte  Schüssel  (^||  ^)  nait  Rindfleisch;  sie  tragen  diese 
Gegenstände  vor  die  Seelentafel  des  Himmels  und  heben  sie 
mit  beiden  Händen  zu  dieser  empor.  Nun  besteigt  der  Kaiser 
die  höchste  Terrasse,  und  die  Präsidenten  stellen  sich  an  seiner 
rechten  Seite  auf;  er  kniet  zusammen  mit  allen  Umstehenden 
nieder,  und  nachdem  der  Präsident  des  Opferamtes  ihm  zu- 
gerufen hat:  '^  ijjg  ^,  trinke  den  Wein  des  Glücks!  übernimmt 
er  den  Becher,  hebt  ihn  mit  beiden  Händen  empor,  trinkt  und 
überreicht  ihn  einem  Beamten,  der  auf  seiner  linken  Seite 
kniet.  Wenn  ihm  dann  zugerufen  wird :  ^  ^,  empfange  das 
Glücksfleisch!  so  vollzieht  er  mit  der  Drachenschüssel  dieselbe 
Zeremonie.  Sodann  berührt  er  den  Boden  dreimal  mit  der 
Stirn,  kehrt  auf  seinen  Verneigungsplatz  zurück  und  macht 
drei  Kniefälle  und  neun  Stirnaufschläge,  wobei  alle  Prinzen  und 
Beamten  genau  dasselbe  tun. 

Der  Gedanke,  der  diesem  Unterteil  des  Opfers  zugrunde 
liegt,  läßt  sich  unschwer  ermitteln.  Die  heiligen  Schriften 
lehren  uns,  daß  von  altersher  die  Opferer  das  den  Göttern  und 
Ahnen  dargebotene  Fleisch  selbst  verspeisten  und  ihre  Ver- 
wandten damit  beschenkten,  in  der  Überzeugung,  ihnen  würden 
dadurch  um  so  sicherer  die  Segnungen  zuteil,  welche  das  Opfer 
bringt.  Offenbar  legte  man  dieser  Sitte  große  Bedeutung  bei, 
denn  das  betreffende  Fleisch  wird  in  den  klassischen  Schriften 
durch  ein  besonderes  Zeichen  ^  wiedergegeben.  Verwundern 
kann  es  mithin  nicht,  daß  sie  sich  zu  einer  festen  Zeremonie 
der  großen  Opfer  der  Staatsreligion  gestaltet  hat,  die  bei  den 
jetzigen  Himmelsopfern  mit  nicht  geringerer  Feierlichkeit  als 
die  übrigen  Akte  begangen  wird.  Es  ist,  wie  wir  sahen,  der 
Himmel   selbst,   der  dabei    durch   die  Vermittlung   der   beiden 


177 

Präsidenten  des  Bewirtungsamtes  dem  Kaiser  den  Wein  und 
das  Fleisch  reicht,  und  wohlbegreiflich  bringt  ihm  dafür  der 
Kaiser  durch  neun  Stirnaufschläge  ehrerbietigst  seinen  Dank. 
Da  es  sich  hier  nicht  um  einen  Akt  zur  Verherrlichung  des 
Himmels  handelt,  versteht  es  sich  von  selbst,  daß  er  nicht 
von  einem  Hymnus  begleitet  wird,  und  daß  die  heilige  Musik 
der  Götter  dabei  schweigt.  Auch  bildet  diese  Zeremonie  keines- 
wegs einen  der  neun  Opferakte,  sondern  sie  wird  lediglich  als 
ein  Vorspiel  zur  unmittelbar  darauffolgenden  Opferhandlung 
betrachtet,  die  eigentlich  den  siebenten  Akt  darstellt  und  ^ 
'^S,   die  Wegräumung  der  Opfergaben,  heißt. 

Das  Glücksfleisch  der  jetzigen  kaiserlichen  Opfer  stammt 
von  einem  Rind,  das  besonders  für  diesen  Zweck  auserkoren 
und  geschlachtet  wird.  Noch  vor  der  Opferfeier  werden  durch 
das  Bewirtungsamt  an  die  verschiedenen  Ministerien  und  Amter 
in  Peking  Scheine  ausgeteilt,  die  zum  Empfang  eines  Teiles  des 
Fleisches  an  der  Opferstätte  ermächtigen.  Diese  Verteilung  des 
Fleisches  nach  dem  Opfer  heißt  ^  ^,  die  Verteilung  des  Glücks- 
fleisches. 

Was  nun  den  eigentlichen  siebenten  Akt  betrifft,  so  werden, 
sobald  aus  dem  Munde  des  Leiters  der  Zeremonien  der  Befehl 
zur  Ausführung  ertönt,  die  sechs  Strophen  des  [ÖE  ^  ^  ^, 
Liedes  des  weiten  Friedens,  gesungen;  wenn  dann  das  Orchester 
einsetzt,  begibt  sich  der  Beamte  für  den  Jaspis  und  die  Seide 
in  das  Zelt  des  Himmelsgottes,  macht  dort  drei  Stirnaufschläge 
und  entfernt  sich  mit  der  Jaspisscheibe.  Darauf  verstummt  das 
Orchester. 

Wurden  durch  den  ersten  Akt  der  Himmelskaiser,  die 
Ahnen  und  die  übrigen  Götter  zum  Altar  geladen,  so  bezweckt 
der  achte  Akt,  sie  zu  verabschieden.  Er  heißt  deshalb  5^  ^ 
Jl^,  die  Verabschiedung  der  Kaiser  und  Götter.  Sobald  dazu  der 
Leiter  der  Zeremonien  den  Befehl  ausgerufen  hat,  wird  die 
»^  2p  ^  -S^  Kantate  des  reinen  Friedens,  gesungen;  dann  föUt 
De  Groot,  Universismus.  12 


178 

das  Orchester  ein,  und  der  Kaiser  macht  mit  den  Prinzen  und 
Beamten  dreimal  den  Kniefall  und  neunmal  den  Stirnaufschlag. 
Dieser  Hymnus  des  reinen  Friedens  lautet: 

Es  steigt  zur  Mitte  (des  Himmels)  die  Botschaft  empor,  daß  das  Opfer 
vollbracht  ist,  die  Altarstätte  sich  nun  in  Dunkel  hüllt; 

Still  gedenke  unser  und  wende  Deine  Blicke  auf  uns;  mögen  die 
Wolken  als  Fahrzeuge  (Deiner  Segnungen)  so  zahllos  sein  wie  die  Wellen 
des  Ozeans. 

Dein  Diener  bittet  Dich  um  Deine  Gunst  zu  jeder  Jahreszeit;  lebhaft 
gedenke  der  Düfte  seines  Weihrauchs; 

Er  erhofft  ein  Wachstum  allüberall  und  eine  Vermehrung  der  Vor- 
trefflichkeiten der  Beamtenwelt. 

Himmel!  spende  (Deinen  Segen),  so  daß  die  Erde  gebäre  und  alle 
Feldfrüchte  reich  und  üppig  gedeihen; 

Hilf  meinem  guten  Volke,  damit  ihm  wahrer  Friede  und  wirkliche 
Euhe  zuteil  werde. 

Sobald  die  Götter  verabschiedet  sind,  vollzieht  sich  der 
neunte  und  letzte  Akt.    Der  Leiter  der  Zeremonien  ruft:    ^ 

MS*  ^  Sl  ^  ^  yi^  fö  ?  '^^*^*  ^^^  ^®^®*  ^^^  ^'®  Seidenopfer  auf 
den  beiden  Händen  ehrfurchtsvoll  zu  den  Verbrennungsstätten!  Der 
Beamte  für  das  Opfergebet  und  die  Beamten  für  die  Seiden- 
stücke begeben  sich  in  die  Opferzelte,  machen  dreimal  den 
Stirnaufschlag  und  tragen  das  Gebet  und  die  verschiedenen 
Körbe  mit  Seiden  die  südliche  Treppe  hinab  an  dem  Kaiser 
und  den  Prinzen  vorbei,  die  von  ihren  Verneigungsplätzen 
seitwärts   rücken.    Dann   nehmen   auch    die    Beamten   für   den 


179 

Weihrauch  und  die  für  die  Becher  Weihrauch  und  Becher 
von  den  Opfertischen,  und  diese  Opfergaben  werden,  unter 
Beobachtung  der  Rangordnung,  langsam  und  feierlich  in  die 
eisernen  Verbrennungsöfen  getragen,  welche  (S.  147)  östlich 
vom  Brandaltar  stehen  und  von  denen  jeder  in  derselben  Reihen- 
folge für  eine  der  Seelentafeln  bestimmt  ist.  Der  Weihrauch 
und  die  Seide  der  vier  Zelte  auf  der  zweiten  Terrasse  werden 
die  östliche  und  westliche  Treppe  hinabgetragen  zu  den  gegen- 
überliegenden vier  Ofen  bei  den  Sturztoren  des  runden  Innen- 
walles. Nun  ruft  der  Leiter  der  Zeremonien  aus:  ^  j^,  siehe 
die  Verbrennung  an!  die  sechs  Strophen  der  H[j^  2pl  ^  -g^ 
Hymne  des  allgemeinen  Friedens,  werden  gesungen,  und  sobald  dann 
das  Orchester  einsetzt,  ruft  der  Leiter  der  Zeremonien:  g& 
^^^  v^kuL^  gehe  hin  zur  Stätte  und  schaue  die  Verbrennung  an!  Die 
Stätte  liegt  westlich  vom  Brandaltar.  Während  der  Kaiser  sich 
dahin  begibt,  schreiten  die  Beamten  für  die  Nebenopfer  zu  den 
Ofen  bei  den  östlichen  und  westlichen  Sturztoren  und  sehen 
sich  da  die  Verbrennung  an.   Nach  einer  Weile  ruft  der  Direktor 

des  Opferamtes  dem  Kaiser  zu:  jrM  j^,  die  Zeremonien  sind  voll- 
bracht! und  führt  ihn  nach  der  Großen  Hütte  (s.  S.  167),  worauf 
das  Orchester  verstummt. 

Und  hiermit  ist  die  Opferfeier  zu  Ende.  Die  „Drachen- 
pavillons",  in  denen  die  Seelentafeln  nach  der  südlichen  Treppe 
des  Hügels  getragen  wurden  (s.  S.  166),  werden  wieder  her- 
beigebracht, und  derselbe  Zug  führt  die  Tafeln  in  die  Schreine 
des  Kaiserlichen  Gewölbes  und  dessen  Nebentempel  zurück,  in 
jeder  Hinsicht  so,  wie  sie  nach  dem  Hügel  gebracht  wurden. 
Während  dieses  Vorganges  kleidet  sich  der  Kaiser  in  der  Großen 
Hütte  um  und  besteigt  seine  Sänfte.  Sobald  er  durch  das  „Tor 
des  leuchtenden  Alldurchdringenden"  getragen  ist  und  also  die 
eigentliche  Opferstätte  verlassen  hat,  wird  ihm  das  ungeweihte 
JfjJ^  ^  ^  S.:  ^^ö^  ^ö^  beglückenden  Friedens,  zugesungen,  und 
unter  Begleitung   profaner  Musik  bewegt   sich   der  Zug  nach 

12* 


180 

dem  Palast.  Nach  ihm  verlassen  auch  die  Prinzen  und  Beamten 
in  ihrer  Kangordnung  die  Altarstätte.  Oben  im  Turm  des  Wu- 
Men  läutet  die  Glocke;  die  Prinzen  und  Staatsdiener,  welche 
sich  an  der  Opferfeier  nicht  beteiligten,  haben  sich  dort  in 
Hofgewändern  ebenfalls  ihrer  Rangordnung  gemäß  aufgestellt 
und  werfen  sich  zum  Empfang  des  Sohnes  des  Himmels  auf  die 
Knie.  Und  nachdem  dieser  durch  ihre  Reihen  getragen  ist,  folgen 
sie  dem  Zug  bis  zur  Marmorbrücke,  welche  hinter  demT'^ai  Ho- 
Tor  (s.  S.  160)  über  den  ^  jf^]*,  dem  Goldfluß,  führt,  um  dort 
ehrerbietigst  zu  warten,  bis  der  Kaiser  ihren  Blicken  ent- 
schwindet. 

Das  beschriebene  kaiserliche  Opfer  mag  wohl  die  impo- 
santeste Feier  sein,  die  je  auf  Erden  die  Menschheit  zur  Ver- 
ehrung des  Himmels  veranstaltet  hat.  Auch  sein  hohes  Alter 
kennzeichnet  es  als  einen  Ritus  höchster  Eigenartigkeit.  Kurze 
Zeit  danach  folgt  ein  großes  Opfer  in  dem  auf  S.  151  be- 
schriebenen Rundtempel,  „wo  für  die  Jahresernte  gebetet  wird^', 
und  zwar  am  frühen  Morgen  des  durch  das  Zykluszeichen  ^ 
sin  bestimmten  Tages  nach  jJl  ^j  dem  Frühlingsanfang,  der 
dem  4.,  5.  oder  6.  Februar  entspricht.  Weil  die  Zykluszeichen 
zehn  an  der  Zahl  sind,  kehrt  der  Tag  s  i  n  jeden  zehnten  Tag 
zurück,  und  somit  fällt  das  Opfer  immer  zwischen  den  14. 
und  26.  Februar.  Es  beruht  auf  einer  Stelle  im  heiligen  Buche 
der  „Weisungen  für  die  Monate"  (S.  96),  welche  lautet:  ^  ^ 
ifc^'T'^J^TtHfflST'i^^i"  diesem  (ersten)  Monat 
gebraucht  der  Sohn  des  Himmels  den  ersten  (s  i  n)  Tag  dazu,  um  zum 
Obersten  Kaiser  für  die  Feldfrüchte  zu  beten. 

Die  Vorbereitungen  zum  Opfer,  die  Opfergaben  und  das 
Ritual  sind  denen  des  Winteropfers  auf  dem  Runden  Hügel 
vollkommen  gleich,  nur  daß  im  Tempel  keine  Zelte  für  die 
Tafeln  des  Himmels  und  der  kaiserlichen  Ahnen  aufgeschlagen 
werden  und   es   keine  Gefolgschaftsgötter   (S.  150)    gibt.    Der 


181 

Kaiser  hat  seinen  „Verneigungsplatz"  in  der  Meridianachse 
innerhalb  des  Tempels^  während  die  Prinzen  hinter  ihm  auf 
der  Terrasse,  der  Leiter  der  Zeremonien  daselbst  auf  der 
Ostseite,  die  Musik  auf  der  Ost-  und  Westseite  ihren  Platz 
haben  und  die  Beamten  am  Fuße  der  Terrasse  stehen.  Der 
Zweck  des  Opfers  kommt  mit  besonderer  Klarheit  im  Opfer- 
gebet zum  Ausdruck,  das  wie  folgt  lautet: 

^B^.m  jifE±  #oft  mm  m.m^mm.w 
^ mm ^.^mitkm 0^0000 in n^of^m- "" 

Jahre  .  .  .,  im  soundso  vielteu  Monde,  am  soundso  vielten  Taj^  wagt  es 
der  erbliche  Thronfolger,  der  Sohn  des  Himmels,  der  Untertan  .  .  .  Dir 
Kaiserlichem  Himmel,  Oberstem  Kaiser,  folgendes  kundzugeben:  Dein 
Untertan  hat,  ehrfurchtsvoll  hinaufschauend,  von  Dir  den  besorgten  Befehl 
empfangen,  die  zehntausend  Gegenden  beruhigend  zu  verw^alten  und  zu 
ernähren,  des  Lebensunterhaltes  der  Völker  zu  gedenken  und  ihn  durchaus 
zu  beherzigen  und  somit  eine  ruhesichernde  Regierung  energisch  anzu- 
streben. Aus  diesem  Grunde  hat  er  gewartet,  bis  dieser  erste  sin-Tag  ge- 
kommen, wo  das  Pflügen  des  Frühlings  beginnen  wird,  um  sodann  seine 
Avahrhaftige  Frömmigkeit  zu  entfalten,  damit  man  dazu  von  oben  allum- 
fassenden Schutz  empfange.  Er  hat  sich  sorgsam  an  die  Spitze  seiner 
Minister  gestellt  und  bietet  Dir,  Oberstem  Kaiser,  ehrfurchtsvoll  Jaspis,  Seiden- 
gewebe, Opfertiere,  süßen  Wein,  Hirse  und  Schüsseln  aller  Art  als  Opfer- 
gaben dar.  Mit  der  Stirn  auf  dem  Boden  betet  er,  daß  Du  leuchtend 
herunterblicken  mögest,  damit  die  Jahreszeiten  Regen,  Licht  und  Wärme 
in  entsprechender  Menge  empfangen,  die  hundert  Feldfrüchte  sich  dadurch 
völlig  entwickeln,  die  drei  Landbaubetriebe  (auf  bergigem,  sumpfigem  und 
flachem  Boden)  sich  auf  Deinen  Beistand  verlassen  können.  Auch  opfert 
er  den  beistehenden  Seelen  der  Kaiser  (es  folgen  hier  ihre  langen  Titel 
wie  im  Gebet  auf  dem  Runden  Hügel).  Mögen  die  Opfergaben  angenommen 
werden! 


182 

Um  rechtzeitig  und  in  genügender  Menge  Regen  zu  er- 
langen, wird  im  ersten  Monat  des  Sommers,  sobald  sich  Ge- 
witterwolken (sogenannte  ^  Limg,  Drachen)  am  Himmel  ge- 
zeigt haben,  auf  dem  Runden  Hügel  ein  gleiches  Opfer  wie 
am  Wintersolstitium  dargebracht,  welches  'j^^  Sang  Jü,  das 
feste  Regenopfer,  heißt.  Die  Hymnen  tragen  Namen,  die  sich 
auf  das  Himmelswasser  beziehen:  ^  2p^  Frieden  durch  Be- 
wölkung, flf  ^,  Frieden  durch  erforderlichen  Regen;  ^^; 
Frieden  durch  Dauerregen;  ^  2pl^  Frieden  durch  Regenguß 
usw.  Bringt  dieses  Opfer  keinen  Regenfall  herbei,  dann  werden 
den  T'iön  Sön  oder  Himmlischen  Göttern  von  Wolken,  Regen, 
Wind  und  Donner  (s.  S.  149),  und  den  J^fe  jfiR;  Ti  K'i  oder 
Irdischen  Göttern,  nämHch  den  vornehmsten  Bergen,  Flüssen  und 
Meeren,  Opfer  dargebracht,  sowie  auch  dem  ^  ^  T'ai  Sui, 
dem  größten  Jahrkreis,  dem  Planeten  Jupiter,  und  schließlich  den 
JÜ  ^  ^  ^  T  S  i ',  Göttern  des  Bodens  und  der  Hirse,  und  dabei  um 
Regen  gebeten.  Aber  wenn  das  alles  zweimal  vergeblich  wieder- 
holt worden  ist,  zelebriert  der  Kaiser  auf  dem  Runden  Hügel 
ein  "Ar  ^P  Ta  Jü,  Großes  Regenopfer.  Ein  glückverheißender 
Tag  wird  dazu  durch  das  Astrologische  Amt,  das  ^  ^  ^ 
K'^in  T'iön  Kien,  auserwählt.  Während  der  Kaiser  fastet, 
ist  das  Schlachten  verboten.  Am  Tage  vor  dem  Opfer  läßt  er 
sich  nicht  in  seiner  Sänfte  nach  der  Opferstätte  hintragen, 
sondern  sitzt  zu  Pferd  ohne  großes  Geleit  und  trägt  alltägliche 
Kleidung,  ebenso  wie  sein  ganzes  Gefolge  und  die  Prinzen  und 
Beamten,  die  ihm  am  Palasttor  das  Geleit  geben  (vgl.  S.  162). 
Keine  Musik  begleitet  ihn.  Zur  selben  Zeit  begibt  sich  ein 
Prinz  des  höchsten  Ranges  nach  dem  ^^  T^ai  Miao,  dem 
Vornehmsten  Ahnentempel,  der  an  der  südlichen  Front  des  Palastes 
steht,  um  dort  den  Seelentafeln  der  verstorbenen  Kaiser  und 
Kaiserinnen  der  Dynastie  mit  einem  großen  Opfer  die  Notlage 
des  Volkes  bekanntzugeben  und  um  Beseitigung  derselben 
zu  beten.    Ein  anderer  Prinz,  gleichfalls  vom  Kaiser  dazu  be- 


183 

auftragt,  bietet  ein  ähnliches  Opfer  der  Erde  dar,  und  zwar 
auf  ihrem  großen  Altar  im  nördlichen  Vorstadtgelände,  auf 
den  wir,  sowie  auf  die  Altäre  und  Tempel  der  anderen  soeben 
genannten  Gottheiten,  weiterhin  zu  sprechen  kommen. 

Während  des  Regenopfers  tragen  der  Kaiser,  die  Prinzen 
und  die  diensttuenden  Minister  und  Beamten  ^  ^B ,  einfache, 
schmucklose  Gewänder^   und  ^  ^j^,   Regenmützen.     Da,    wie  gesagt, 

den  Ahnen  in  ihrem  besonderen  Tempel  geopfert  wird,  sind 
ihre  Tafeln  nicht  aus  dem  Kaiserlichen  Gewölbe  auf  den  Hügel 
hinübergebracht  worden,  wohl  aber  die  der  Sonne,  der  Sterne 
und  Planeten,  des  Mondes  und  der  vier  „Himmlischen  Götter". 
Tiere  zu  schlachten  ist  verboten;  es  werden  also  keine  dar- 
geboten, und  kein  Rind  wird  im  Ofen  verbrannt.  Kein  Glücks- 
wein wird  getrunken  und  kein  Glücksfleisch  dem  Kaiser  ver- 
abreicht. Nach  dem  dreimaligen  Weinopfer  werden  Tänze  einer 
ganz  besonderen  Art  aufgeführt  und  dabei  acht  von  einem 
Kaiser  der  Dynastie  selbst  verfaßte  Lieder  von  je  vierzig 
Buchstaben  gesungen,  die  Si  *^  ^,  Verse  der  Milchstraße  von 
Wolken,  heißen.^  In  diesen  Zahlen  vierzig  und  acht  spielen 
gerade  Ziffern  die  Hauptrolle,  weil  sie  dem  Jin  entsprechen 
und  dasselbe  mit  Wasser,  dem  Gegensatz  von  Feuer,  der 
Fall  ist. 

Wenn  dann  endlich  der  ersehnte  Regen  fällt,  wird  ein 
glücklicher  Tag  auserwählt  und  an  diesem  durch  einen  voin 
Kaiser  angewiesenen  Prinzen  höchsten  Ranges  auf  dem  Runden 
Hügel  und  durch  einen  andern  auf  dem  Altar  der  Erde  ein 
$ß  jjtE?  Daukgabenopfer,  dargebracht,  unter  Befolgung  des  großen 
Rituals  des  Winteropfers. 


^)  Zweimal  kommt  der  Ausdruck  ^  *^  zur  Andeutung  der  Milch- 
straße im  heiligen  S  i  (s.  S.  63)  vor.  Da  die  Milchstraße  gewöhnlich  ^ 
1^,  „der  himmlische  Fluß",  heißt,  haben  wir  den  Titel  der  kaiserlichen 
Gedichte,  welche  Regen  zu  erzeugen  bezwecken,  gewiß  im  Sinne  von  „Fluß 
von  Wolken  am  Firmament"  aufzufassen. 


184 

Ein  großes  Opfer  findet  auch  auf  dem  Runden  Hügel 
statt,  wenn  die  Seelentafel  eines  kürzlich  dahingeschiedenen 
Kaisers  durch  seinen  Nachfolger  eigenhändig  den  Tafeln  der 
Ahnen  angereiht  wird.  Dieser  feierliche  Akt  heißt  ^Hß  sing 
P*ei,  die  nebengeordnete  Tafel  hinauftragen^  (^g^-  S.  149)  und  findet 
an  einem  durch  das  Astrologische  Amt  dazu  angewiesenen 
glücklichen  Tage  statt. 

Nachdem  die  Tafel  mit  Sorgfalt  und  frommer  Ehrfurcht 
durch  die  Zusammenwirkung  der  Ministerien  der  Li  und  der 
Werke  mit  der  kaiserlichen  Kanzlei  (ß]  ^)  ^nd  dem  Han- 
lin  verfertigt  und  mit  der  Inschrift  versehen  ist,  wird  sie 
außerhalb  des  Tores  des  leuchtenden  Alldurchdringenden  (s. 
S.  146)  in  einem  gelben  Zelt  auf  einen  gelben  Tisch  mit  Weih- 
rauchgefäß und  Kerzenträgern  gesetzt.  Da  verehrt  sie  der  Kaiser 
mit  drei  Kniefällen  und  neun  Stirnaufschlägen,  sobald  er  das 
Kaiserliche  Gewölbe  besucht  und  auf  dem  Hügel  die  Zelte 
des  Himmels  und  der  Ahnen  inspiziert  hat,  um  sich  danach  in 
dem  Fastengebäude  des  Altars  zurückzuziehen  (vgl.  S.  163f.). 
Wenn  er  dann  bei  Tagesanbruch  dieses  Gebäude  verläßt,  um 
sich  zur  Darbringung  des  Opfers  auf  den  Runden  Hügel  zu 
begeben,  tritt  er  in  das  gelbe  Zelt  ein,  berührt  vor  dem  gelben 
Tisch  dreimal  den  Boden  mit  der  Stirn,  trägt  die  Tafel  eigen- 
händig in  einen  „Drachenpavillon"  und  macht  davor  abermals 
drei  Stirnaufschläge.  Dann  folgt  er  zu  Fuß  dem  Pavillon,  mit 
den  Prinzen,  Ministern  und  dem  ganzen  weiteren  Gefolge  hinter 
sich,  und  der  lange  Zug  bewegt  sich  feierlich  durch  den  öst- 
lichen Durchgang  des  Tores  des  Alldurchdringenden  nach 
den  südlichen  Sturzpforten  des  Außenwalles.  Da  macht  der 
Kaiser  wiederum  dreimal  den  Stirnaufschlag  vor  dem  Pavillon^ 
nimmt  die  Tafel  heraus  und  trägt  sie  mit  den  beiden  Händen 
durch  die  östliche  der  drei  Sturzpforten  nach  der  südlichen 
Altartreppe.  Da  verläßt  ihn  sein  Gefolge;  unter  der  Führung 
der  beiden  Präsidenten  des  Opferamtes  besteigt  er  die  Treppen 


185 

und  stellt  sich  vor  die  runde  zentrale  Steinplatte  der  höchsten 
Terrasse.  Dann  ruft  der  höchste  der  beiden  Präsidenten  feier- 
lich aus:  ^  ^  M  1^'  JUS  Ä  M  ^  ±  *$*'  Kaiser  Soundso 
(hier  erwähnt  er  den  posthumen  Ehrennamen  des  Verstorbenen), 
besuche  ehrfurchtsvoll  den  Kaiserlichen  Himmel,  den  Obersten  Kaiser! 
Sofort  kniet  der  Kaiser  nieder,  setzt  die  Tafel  auf  einen  Teppich, 
der  auf  der  runden  Platte  liegt,  und  macht  dreimal  einen  Fuß- 
fall mit  je  drei  Stirnaufschlägen;  und  auf  den  weiteren  Befehl 
des  Präsidenten  trägt  er  die  Tafel  in  das  neue  Zelt,  das  am 
Ende  der  Zeltreihe  der  Ahnen  steht,  deren  Tafeln  bereits  zu- 
sammen mit  der  des  Himmelskaisers  aus  dem  Kaiserlichen 
Gewölbe  dorthin  gebracht  worden  waren.  Wiederum  berührt  des 
Kaisers  Stirn  dreimal  den  Boden;  sodann  begibt  er  sich  nach 
seinem  Verneigungsplatz  auf  der  zweiten  Terrasse,  und  das 
Opfer  nimmt  seinen  Anfang.  Es  spielt  sich  gänzlich  nach  dem 
Programm  des  Opfers  des  Wintersolstitiums  ab,  nur  daß  die 
Götter  der  zweiten  Terrasse  nicht  herbeigebracht  werden  und 
ihre  Opfer  also  in  Wegfall  kommen. 

Auch  im  großen  Rundtempel  findet  die  Anreihung  der 
neuen  Seelentafel,  die  beim  westlichen  Tore  desselben  in  einem 
Zelt  angefertigt  wurde,  in  ganz  ähnlicher  Weise  statt,  jedoch 
nur  als  Einleitung  zum  ersten  Ernteopfer,  das  nach  dem  Tode 
des  betreffenden  Kaisers  gefeiert  wird. 


Ereignisse,  welchen  der  Kaiser  große  Bedeutung  beilegt, 
werden  auf  dem  Runden  Hügel  dem  Himmel  feierlich  kund- 
gegeben. So  eine  jjj^  '^,  ehrerbietige  Bekanntgebung,  wird  mit 
der  Gebetsvorlesung  eines  Opfers  verbunden,  das  in  der  frühen 
Morgenstunde  ein  Prinz  des  höchsten  Ranges  als  Stellvertreter 
des  Kaisers  mit  dem  Ritual  der  kaiserlichen  Opfer  darbringt. 
Nur  die  Seelentafel  des  Himmels  wird  dazu  in  das  auf  der 
höchsten  Terrasse  errichtete   Zelt  hinübergebracht.    Der  Prinz 


186 

besteigt  den  Altar  auf  der  westlichen  Treppe  und  hat  seinen 
Verneigungsplatz  an  der  Südtreppe  auf  der  dritten  Terrasse. 
Nur  gepökeltes  Hirsch-  und  Hasenfleisch,  getrocknetes  Hirsch- 
fleisch, Zizyphus,  Haselnüsse,  Trauben,  Lotuskerne  (^  Jf) 
und  Mandeln  (:j^^  ^)  werden  angeboten,  keine  Opfertiere, 
keine  Jaspisscheibe,  und  der  Ritus  des  Glücksweines  und  des 
Glücksfleisches  bleibt  fort. 


Siebentes  Kapitel. 

Der  Gfötterkult  des  Eonfuzianismus  (II), 


2.  Die  Erde. 

Die  zweite  Gottheit  der  konfuzianischen  Staatsreligion  ist 
die  Erde,  offiziell  ^ijbJJlR;  Huang  Ti  K'i,  Kaiserliche  Erd- 
gottheit, und  |0  Jl  H^^^  T^u,  Kaiserin  Erde,  genannt.  Wie  der 
Himmel  dem  leuchtenden  und  Avärmenden  Jang  des  Weltalls 
entspricht,  so  ist  die  Erde  die  höchste  Verkörperung  des  dunklen 
und  kalten  Jin  (vgl.  S.  7),  und  deshalb  liegt  das  J^  i§  Ti 
T*^an,  das  Opfergelände  der  Erde,  in  dem  ;((j  ^  Pe'  Kiao,  dem 
nördlichen  Vorstadtgelände  von  Peking,  da  von  allen  Himmels- 
gegenden der  Norden  am  meisten  dem  Jin  entspricht.  Es 
befindet  sich  dort  nordöstlich  vom  ^  ^  P^  Ngan  Ting 
Mön,  dem  Tor  der  Ruhe  und  Festigkeit,  das  gewiß  SO  heißt,  weil 
Unbewegiichkeit  die  Haupteigenschaft  der  Erde  ist. 

Die  Anlage  dieses  Opfergeländes  sowie  der  Bauplan  und 
der  Stil  seiner  Mauern,  Tore  und  weiteren  Baulichkeiten  stimmen 
in  fast  jeder  Hinsicht  mit  denen  des  Opfergeländes  des  Himmels 
überein;  auch  dasselbe  Baumaterial,  darunter  viel  weißer  Kalk- 
und  Magnesiummarmor  (3  Ca  CO  3  2  Mg  CO  3),  ist  hier  ver- 
wertet worden,  dasselbe  Material  übrigens,  aus  dem  die  vielen 
noch  zu  beschreibenden  Altäre  und  Tempel  Pekings  und  der 
kaiserliche  Palast  errichtet  sind.  Die  Unterschiede  zwischen 
den  zwei  Opfergeländen  sind  im  wesentlichen  nur  die,  welche 


188 

aus  der  Notwendigkeit  entstanden,  sie  den  alten  Begriffen  über 
Himmel  und  Erde  anzupassen  und  daneben  gewisse  in  klassi- 
schen Schriften  enthaltene  Angaben  genau  zu  befolgen.  Weil 
nach  alter  Auffassung  die  Erde  quadratisch  (~^)  ist,  hat  das 
ganze  Opfergelände  der  Erde  die  Form  eines  gleichseitigen 
Rechteckes  und  ist  auch  die  quadratische  Form  im  Bauplan 
der  Unterteile  strengstens  durchgeführt. 

Die  quadratische  „Außenmauer"  (vgl.  S.  142)  hat  einen 
Umkreis  von  765  T§ang  oder  etwa  2,58  Kilometern  und  ist 
gegen  die  vier  Hauptpunkte  des  Kompasses  gekehrt.  Sie  hat 
genau  in  der  Mitte  der  Westfront  ein  überdachtes  Tor  mit  drei 
Durchgängen,  das  gg  ^  P^  Si-T'iön  MSn,  Tor  des  Westens. 
Zu  diesem  Haupteingang  führt  von  außen  eine  schnurgerade 
ost-westlich  laufende  Straße,  die  ^  j^  f ^  Kuang  Hao 
Kiai,  Straße  der  weithin  wirkenden  Bereicherung-,  deren  Name  auf 
die  Freigebigkeit  anspielt,  mit  der  die  Erde  im  Herbst,  der 
dem  Westen  entspricht,  der  Menschheit  allüberall  ihre  reichen 
Erntegaben  spendet  (vgl.  Kuang  Li  Mön,  S.  146).  Die 
Straße  geht  von  einer  Marmortreppe  aus,  führt  dann  durch 
eine  rote  Holzpalissade  und  eine  j}^  ^  P'^ai  Fang,  Pforte  mit 
einer  Inschrifttafel,  mit  drei  Durchgängen,  das  heißt  durch  ein 
freistehendes  Bauwerk  wie  ein  dreifaches  Sturztor  (vgl.  S.  145), 
dessen  Stürze  Dächer  mit  glasierten  Ziegeln  tragen,  und  über 
dessen  mittlerem  Durchgang  eine  Tafel  mit  einer  Inschrift  an- 
gebracht ist.  Parallel  miteinander  zu  beiden  Seiten  der  Straße 
laufen  Mauern,  71,2  Täang  lang,  die  rechtwinklig  auf  die 
„Außenmauer"  des  Opfergeländes  stoßen;  somit  liegt  die  Straße 
genau  in  der  Mitte  eines  26  T§ang  breiten  Ganges,  der  den 
einzigen  Zugang  zu  dem  Opfergelände  bildet. 

Genau  in  der  Mitte  des  von  der  Außenmauer  umschlossenen 
Quadrates  liegt  in  der  gleichen  Lage  ein  kleineres,  das  eine 
549,4  Tsang  lange  „Innenmauer"  umgibt,  welche  in  der  Mitte 
jeder  Front   ein   überdachtes  Tor  hat;   nur  das  nördliche  Tor 


189 

hat  drei  Durchgänge  und  kennzeichnet  sich  so  als  Hauptein- 
gang zu  der  eigentlichen  Opferstätte,  da  ja  der  Norden  ins- 
besondere die  Weltgegend  ist,  welche  dem  J  i  n  und  somit  der 
Erde  entspricht.  Dieses  Tor  ist  mit  dem  „Tor  des  Westens" 
durch  eine  gepflasterte  Straße  verbunden,  welche  also  zwischen 
den  zwei  Mauern  läuft.  Es  versteht  sich  auch  jetzt  von  selbst, 
daß  der  §6n  Lu,  der  Heilige  Weg  (s.  S.  154),  vom  Nordtor 
aus  gerade  südwärts  nach  dem  Akar  läuft  und  mit  der  Meri- 
dianachse des  Opfergeländes  zusammenfällt,  in  der  auch  na- 
türlich der  Mittelpunkt  des  Altars  liegt. 

Der  Altar  befindet  sich  in  der  südlichen  Hälfte  des  von 
der  Innenmauer  umschlossenen  Raumes.  Er  trägt  den  Namen 
~j^  j^  Fang  Tse',  Quadratisches  Gewässer.  Seine  Gestalt  itst 
nämlich  nicht  bloß  durch  die  der  quadratischen  Erde  bedingt, 
sondern  auch  durch  das  heilige  Buch  Täou  Kuan,  in  dessen 
Abschnitt  über  den  -^  "^  ^,  Hauptverwalter  der  Musik,  von 
einer  gewissen  Musikart  berichtet  wird:  W  Q  ^  ^  y^  pfa 
^^~/j  J^  ^^>^?  ^^  ^^^  Sonnenwende  des  Sommers  führt  man  sie 
aus  auf  dem  quadratischen  Hügel,  der  im  Tse'  liegt.  Es  besteht  der 
heutige  Altar  in  der  Tat  aus  zwei  über  demselben  Mittelpunkt 
liegenden  quadratischen  Schichten,  deren  Seiten  genau  gegen 
die  vier  Himmelsrichtungen  gewendet  sind  und  alle  in  der  Mitte 
eine  Treppe  von  acht  Stufen  haben.  Die  geraden  Zahlen  ent- 
sprechen, wie  wir  uns  erinnern,  dem  Jin.  Die  untere  Schicht 
iat  auf  jeder  Seite  10,6  Tsang  lang,  die  obere  6  Tsang,  und 
jede  Schicht  ist  6  T§*i'  hoch.  Das  Pflaster  der  oberen  Schicht 
besteht  aus  neun  gleichgroßen  Quadraten,  welche  die  alt- 
klassische, theoretische  Einteilung  des  Erdbodens  vorstellen, 
nämlich  einen  zentralen  Teil  mit  acht  darumliegenden,  welche 
den  Hauptpunkten  des  Kompasses  entsprechen.  Das  zentrale 
Quadrat,  welches  also  das  Reich  der  Mitte  im  engeren  Sinne 
Teranschaulicht,  ist  mit  sechs  Reihen  von  je  sechs  gelben  qua- 
dratischen Fliesen  gepflastert,  und  gewiß  soll  das  die  Mischung 


190 

und  Zusammenwirkung  von  J  a  n  g  und  J  i  n,  welche  den  Zahlen 
drei  und  zwei  entsprechen,  vorstellen,  durch  die  auf  dieser 
Erde  alljährlich  die  Ernte  hervorgebracht  wird.  Die  acht 
übrigen  Quadrate  enthalten  je  acht  Reihen  von  acht  gelben 
Fliesen,  also  die  Jin-Zahl  zwei  in  der  dritten  Potenz.  Gelb 
ist  die  Farbe  des  Zentrums  des  Weltalls  und  der  Erde.  Auf  der 
unteren  Terrasse  spielen  wiederum  die  selben  Zahlen  eine  Rolle, 
da  auf  jeder  Seite  des  Rundganges  sechs  Quadrate  liegen,  jedes 
mit  achtmal  acht  Fliesen. 

Die  senkrechten  Wände  dieses  Erdhügels  sind  mit  Back- 
steinen großen  Formats  bemauert.  Brüstungen  und  Geländer  hat 
er  gar  nicht.  Er  ist  von  einem  senkrecht  gemauerten  Wasser- 
graben, dem  oben  erwähnten  T  s  e ',  umgeben,  der  8,6  T  s  ^  i  * 
tief  und  8  TäM'  breit  ist  und  der  alten  Form  des  Altars,  wie 
das  Töou  Kuan  sie  bekanntgibt,  gerecht  wird.  Die  Treppen 
der  unteren  Terrasse  überbrücken  ihn.  Wahrscheinlich  steht 
er  das  Wasser  vor,  das  nach  alten  Begriffen  die  Erde  auf 
allen  Seiten  umgibt.  Auf  der  südwestlichen  Seite  befindet 
sich  in  der  Mauer  des  Grabens  ein  Drachenkopf,  der,  wenn 
ein  Opfer  stattfinden  soll,  Wasser  speit,  welches  durch  ein  unter- 
irdisches Rohr  von  dem  Brunnen  des  „Aufbewahrungshauses 
für  die  Götter"  hingeleitet  wird  und  den  Graben  bis  zur  Höhe  des 
Kopfes  füllt.  Sowohl  auf  dem  östlichen  wie  auf  dem  westhchen 
Rundgang  steht  südlich  der  Treppe  ein  marmornes  Postament, 
das  während  der  Opferfeier  die  Seelentafeln  von  fünf  vor- 
nehmen Bergen  trägt,  und  nördlich  jeder  Treppe  noch  eines 
für.  die  vier  Weltmeere  und  die  vier  großen  Flüsse.  Die 
beiden  Postamente  für  die  Berge  sind  bergähnlich,  die  für  die 
Gewässer  mit  Abbildungen  von  Wasser  bemeißelt,  und  die 
letzteren  umgibt  eine  viereckige  Aushöhlung  {^j^)  im  Pflaster, 
in  die  vor  dem  Opfer  Wasser  gegossen  wird. 

Dieser  Altar  ist,  wie  der  Runde  Hügel,  von  einem  „Innen- 
wall" und  einem  „Außenwall"  umgeben.  Beide  sind  quadratisch, 


191 

auf  jeder  Seite  27,2,  bezw.  42  Täang  lang.  Jeder  hat  in 
der  Mitte  der  Nordseite  drei  nebeneinanderstehende  Sturztore, 
aber  in  der  Mitte  der  drei  anderen  Fronten  nur  ein  einziges. 
Auf  der  Südseite  des  Außenwalles  steht  ein  viereckiger  Tempel, 
das  ^  jjj(^  ^  Huang  K'i  &i\  Haus  der  Kaiserlichen  Erdgottheit, 
für  die  Seelentafeln  der  Erde  und  der  kaiserlichen  Ahnen,  die 
darin  auf  dieselbe  Weise  wie  im  „Gewölbe"  des  Runden  Hügels 
angeordnet  sind  (vgl.  S.  148).  Seine  Front  ist  gegen  Norden 
gewendet,  somit  auch  die  Tafel  der  Erde,  welche  in  einem  Ta- 
bernakel genau  in  der  Meridianachse  des  Altars  steht,  die  das 
Gebäude  sowie  den  ummauerten  quadratischen  Raum,  in  dem 
es  sich  erhebt,  direkt  in  der  Mitte  durchschneidet.  Dieser 
Raum  ist  auf  jeder  Seite  10,2  Tsang  lang.  Seine  Mauer  ist 
gegen  die  Hauptpunkte  des  Kompasses  gekehrt  und  hat  in  der 
Mitte  der  Nordfront  ein  überdachtes  Tor.  Der  Tempel  hat  auf 
beiden  Seiten  je  einen  rechteckigen  Nebentempel  für  die  oben 
erwähnten  Götter  der  Berge,  Meere  und  Flüsse,  deren  Seelen- 
tafeln darin  in  derselben  Anordnung  aufbewahrt  werden,  in  der 
sie,  wie  wir  auf  S.  192  f.  sehen  werden,  während  der  Opfer  auf 
dem  x41tar  stehen.  Die  Dachsteine  der  drei  Gebäude,  der  Mauer 
und  des  Tores  sind  gelb  glasiert. 

Westlich  von  diesem  Tempelhof  liegt  ein  ummauerter  vier- 
eckiger Hof  mit  einem  Aufbewahrungshaus  und  einer  Küche 
für  die  Götter,  nebst  einem  Aufbewahrungsplatz  für  die  Opfer- 
geräte und  einem  für  die  Musikinstrumente;  daneben  liegt  west- 
lich ein  kleiner  viereckiger  Hof  mit  dem  Schlachthaus.  Auch 
ist  noch  das  kaiserliche  Fastengebäude  zu  erwähnen,  das  im  nord- 
westlichen Teil  des  von  der  Innenmauer  umschlossenen  Raumes 
gelegen  ist.  Es  besteht  aus  einer  gegen  Osten  gekehrten  j£  ^, 
Haupthalle,  auf  einer  Terrasse  mit  marmornen  Brüstungen,  und 
zwei  gg^  ^^  Nebenhallen,  und  wird  von  einer  viereckigen  Mauer 
umschlossen;  diese  liegt  wiederum  in  einer  viereckigen  Aui3en- 
mauer,    die   im  ganzen  110,2  T§ang  lang  ist.   Außerhalb  der- 


192 

selben  erhebt  sich  bei  der  nordöstlichen  Ecke  ein  Glockenturm. 
Alle  diese  Baulichkeiten  sowie  die  Mauern  der  Opferstätte 
tragen  grüne  Dachziegeln. 

Zum  Schluß  sei  noch  erwähnt,  daß  der  Altar  der  Erde, 
zugleich  mit  den  Altären  des  Himmels,  der  Sonne  und  des 
Mondes,  unter  der  Ming-Dynastie  im  Jahre  1531  erbaut  wurde 
(s.   59  ^   Ming  Si,  Geschichte  der  Ming,  Kap.  47). 

Wie  dem  Himmel  am  frühen  Morgen  des  Tages  des 
Wintersolstitiums,  wenn  das  .lang  seine  jährliche  Wiedergeburt 
erlebt,  sein  großes  Jahresopfer  dargebracht  wird,  empfängt  die 
Erde  das  ihrige  in  der  frühen  Stunde  des  Tages  der  Sonnen- 
wende im  Sommer,  wenn  das  J  i  n  sich  von  neuem  belebt.^  Die 
Seelentafel  der  Erde  steht  dabei  auf  einem  „Thronsitz"  (s.S.  160) 
auf  der  Südseite  der  höchsten  Terrasse  des  Altars  in  der  Me- 
ridianachse und  ist  also  gegen  den  Norden,  die  Gegend  des 
J  i  n,  gekehrt.  Vor  ihr  stehen  die  Tafeln  der  kaiserlichen  Ahnen 
genau  so  wie  auf  dem  Runden  Hügel,  die  der  ungeraden  Kaiser 
also  auf  der  Ost-,  die  der  geraden  auf  der  Westseite,  eine  An- 
ordnung, welche  natürlich  der  der  Schreine  entspricht,  in  denen 
die  Tafeln  im  „Hause  der  Kaiserlichen  Erdgottheit"  (S.  191) 
aufbewahrt  werden. 

Die  Postamente  für  die  Tafeln  der  zweiten  Terrasse 
haben  wir  schon  erwähnt.  Auf  dem  bergförmigen  der  öst- 
lichen Seite  stehen,  zusammen  in  einem  Zelt  mit  der  Front 
gegen  Westen,  die  Tafeln  der  fünf  .^  (^)  Jo',  der  vor- 
nehmsten Berge  des  Reiches,  welche,  wie  das  Su  uns  lehrt, 
schon  für  den  heiligen  Kaiser  Sun  Gegenstände  der  Verehrung 
waren.  Ihre  Anordnung  auf  dem  Altar  entspricht  vollkommen 
den  universistischen  Anschauungen  und  ist,  vom  Norden  an- 
gefangen, folgende: 

pjl  -^7  ^^^  '^ ^'  ^^^  Mitte,  der  ^^  Sung,  im  Kreise  ^^  ^ 
Töng-fung,  Provinz  Ho-nan. 


193 

^  -fe?  der  Jo*  des  Ostens,  der  'ßj  Tai  oder  ^  T'ai,  im 
Kreise  ^  ^  T'ai-ngan,  Provinz  San-tung. 

j^  ^,  der  Jo*  des  Südens,  der  ^  Höng,  im  Kreise  ^gg 
||[  Höng-öan,  Provinz  Hu-nan. 

S  "S'?  ^®'  '^^'  des  Westens,  der  ^  Hua,  im  Kreise  Ä 
1^  Hua-jin,  Provinz  Sön-si. 

^(j  -S"^  der  Jo*  des  Nordens,  der  ^  Hgng,  im  Kreise  ^ 
^  K'ü'-jang,  Provinz  Pe'-tsi  -li. 

Darauf  folgen  in  derselben  Reihe: 

WC  )S  Ui?  ^*^  K'i-jun- Gebirge  bei  Jenden  in  der  Man- 
dschurei, bei  dem  die  vier  ältesten  Vorahnen  der  Dynastie  im 
^  1^,  Jung -Grabhügel,  ruhen. 

(^  ^  iJj?  das  Lung-je'- Gebirge  bei  Mukden,  an  dem  der 
flg  (^,  Tsao- Grabhügel,  des  Ahnherrn  ^  ^  T'ai  Tsung  ge- 
legen ist. 

^  1^  |Jj,  das  Jung-ning-Gebirge  im  Bezirke  Mf  Ji'  in 
Pe'-tsi'-li,  wo  die  g§  1^,  westlichen  Grabhügel,  der  Dynastie 
hegen. 

Diesen  acht  Tafeln  gegenüber  stehen  auf  dem  Postamente 
der  westlichen  Seite  des  Altars  in  einem  gemeinschaftlichen 
Zelt,  mit  der  Front  nach  Osten,  die  Seelentafeln  der  sogenannten 
^  T§en,  fünf  Aveiteren,  auch  in  klassischen  Schriften  er- 
wähnten vornehmen  Berge.  Sie  sind  gleichfalls  in  der  univer- 
sistischen  Reihenfolge  angeordnet,  also  vom  Norden  angefangen, 
in  folgender: 

Fb  ^,  der  Tsön  der  Mitte,  der  J|  H 0 ',  im  Kreise  Ho\ 
Provinz  San-si. 

^^,  der  Tsön  des  Ostens,  der  ^  I,  im  Kreise  ^  |35 
Ji'-tu,  Provinz  San-tung. 

^  ^,  derTsen  des  Südens,  der  ^^  Kwei-ki,  im 
Kreise  Kwei-ki,  Provinz  Tsö'-kiang. 

g  ^,  der  Tsen  des  Westens,  der  ^  Wu,  im  Bezirk  |^ 
Lung,  Provinz  Sgn-si. 

De  Groot,  Universismus.  13 


194 


ira 


^(j  ^7  ^ö'  "^^^^   ^®^  Nordens,   der   g  ^^  ^    I-WU-lü, 
Kreise  ^  ^  Kuang-ning,  Provinz  Sing-king. 

Und  daneben  schließen  sich  an: 

^  tt  LÜ?  ^^^  T'ien-tsu-Gebirge  bei  Mukden,  an  dem 
der  j0g  1^;  Fu -Grabhügel,  des  Ahnherrn  3;^^  jj(|^  T*ai  Tsu  ge- 
legen ist. 

M^iälJj;  ^^^  Ts'ang-sui-Gebirge  im  Bezirk  ^^  Tsun- 
hua  in  Pe'-t§i^-li,  an  dem  die  ^  (^j  östlichen  Grabhügel,  der 
Dynastie  liegen. 

Es  erregt  die  Aufmerksamkeit,  daß  auch  die  fünf  Ge- 
birge, welche  die  Lage  der  Mausoleen  des  regierenden  Kaiser- 
hauses beherrschen,*  der  Erde  als  „Gßfolgschaftsgötter"  hinzu- 
gefügt werden,  obwohl  von  ihnen  in  den  heihgen  Schriften  nirgend 
die  Rede  ist.  Sie  beeinflussen  aber  ebensogut  wie  die  heihgen 
alten  Hauptberge  des  Reiches  das  Glück  des  Kaisers  und  seiner 
Regierung.  Es  war  freilich  in  China  immer  unerschütterHche 
Lehre,  daß  die  Gräber  der  Toten  das  Glück  und  das  Fort- 
bestehen ihrer  Nachkommenschaft  bestimmen,  und  daß  von  der 
Gestaltung  des  Bodens,  in  und  bei  dem  sie  liegen,  ihre  Be- 
seelung und  daraus  erfolgende  segenspendende  Kraft  abhängig 
sind.  Näheres  hierüber  wird  das  letzte  Kapitel  dieses  Werkes 
bringen. 

Was  die  Postamente  für  die  Gewässer  betrifft,  so  stehen 
auf  dem  östlichen,  zusammen  in  einem  Zelt,  die  vier  Tafeln 
der  jQ:  Hai,  Meere,  nämlich  des  Ostens,  Südens,  Westens  und 
Nordens,  und  auf  dem  westlichen  die  der  vier  ^^  Tu'  oder 
Wasserströme.  Diese  Flüsse  sind:  der  östliche,  der  Jang-tsÖ; 
der  südliche,  der  ^  Huai,  in  Ho-nan  und  Ngan-hui;  der 
westliche,  der  Huang-ho;  der  nördliche,  der  ^  Tsi,  in  S an- 
tun g.  In  den  Nebengebäuden  des  „Hauses  der  kaiserUchen 
Erdgottheit"  ist  die  Anordnung  dieser  Berg-  und  Wassergötter 

^  über  die  Gebirge  der  kaiserlichen  Grabstätten  findet  man  Nähere« 
in  meinem  „The  Religious  System  of  China",  Bd.  III,  S.  1282ff.,  1297,  1367f. 


195 

natürlich  genau  so  wie  auf  dem  Altar.  Sie  werden  zusammen- 
gefaßt  unter  dem  Namen  i||j  jjfj^  Ti  K'i,  Irdische  Götter. 

Wie  die  Hauptgestirne  und  Planeten  mit  den  vier  Himm- 
lischen Göttern  auf  dem  Runden  Hügel  die  „Gefolgschaftsgötter" 
sind;  so  sind  es  auf  dem  Altar  der  Erde  die  Hauptberge  und 
Gewässer.  Die  klassische  Grundlage  für  diese  Einrichtung  des 
Opfers  befindet  sich  im  heihgen  Buche  3E  "SO  Wang  Tai^ 
Fürstenregeln,    des    Li   Ki   (Kap.  HI).     Da    steht    geschrieben: 

^^  4Bc,  der  Sohn  des  Himmels  opfert  den  namhaften  Bergen  und  den 
großen  Strömen  der  ganzen  Welt;  er  betrachtet  dabei  die  fünf  Jo*  als  seine 
drei  Reichsverwalter,  die  vier  Tu'  als  seine  höchsten  Lehnsfürsten.  Das 
heißt  also,  daß  in  der  Rangordnung  der  Götter  den  Bergen 
und  Strömen  ein  Platz  unter  und  nach  dem  Kaiser  gebührt; 
da  aber  die  Weltmeere  größer  als  die  Flüsse  sind,  so  haben  auf 
dem  Altar  ihre  Tafeln  vor  denen  der  Flüsse  den  Vorrang.  Hier 
tritt  also  wiederum  die  Stellung  des  regierenden  Kaisers  über 
allen  Göttern  außer  Himmel  und  Erde  klar  zutage. 

Eine  Beschreibung  des  großen  kaiserlichen  Opfers  der 
Sommersonnenwende  erübrigt  sich.  Die  Vorbereitungen,  die 
Opfergaben,  das  Ritual  usw.  sind  in  jeglicher  Hinsicht  denen 
des  Opfers  des  Wintersolstitiums  gleich.  Nur  ist  zu  bemerken, 
daß  die  Zelte  der  Tafeln  gelb  und  quadratisch  sind  und  daß, 
klassischer  Vorschrift  entsprechend  (s.  S.  161),  der  Erde  ein 
gelbes  f^  Tsung  angeboten  wird,  nämlich  eine  quadratische 
Scheibe  von  Jaspis,  etwa  vier  TsSm  lang  und  breit,  die  eine 
flache  Seite  hat  und  auf  der  andern  von  zwei  gegenüber- 
liegenden Kanten  nach  der  Mitte  hin  leicht  gewölbt  ist.  Anstatt 
eines  Scheiterhaufen- Altars  (S.  146)  hat  der  Altar  der  Erde  an 
der  entsprechenden  Stelle  eine  ^^  Tsang  K'u,  Grube,  in 
die  beim  ersten  Opferakt  Haare  und  Blut  der  Opfertiere,  beim 
letzten  das  Gebet,  die  Seide,  der  Weihrauch  und  der  Wein  ge- 
worfen  werden,    welche   man   der   Erdgöttin   angeboten   hatte. 

13* 


196 

Diese   den   Ahnen   dargebotenen   Opfergaben   aber   wirft   man 
alsdann   in   daneben    stehende  Verbrennungsöfen,   und   die  der 
zweiten  Terrasse  in  vier  „Gruben"  innerhalb   des  Außenwalles, 
beiderseits  des  östlichen  und  des  westlichen  Sturztores. 
Das  Gebet  lautet  wie  folgt: 

Im  Jahre  ...  im  so  und  sovielten  Monde,  am  so  und  sovielten  Tag  wagt 
es  der  erbliche  Thronfolger,  der  Sohn  des  Himmels,  Dein  Untertan  .  .  . 
der  Kaiserin  Erde,  der  Kaiserlichen  Erdgöttin,  folgendes  bekanntzugeben: 
Die  Zeit  beherrscht  das  Somraersolstitium ;  alle  Wesen  sind  (von  der  Himmels- 
kraft) gänzlich  durchdrungen;  Leben  und  Wachstum  haben  sich  entwickelt 
und  lassen  alles,  was  lebt,  gedeihen.  Alles  verläßt  sich  jetzt  auf  die  höchste 
Freigebigkeit  Deines  segensreichen  Werkes,  das  sich  mit  dem  des  Kaiser- 
lichen Himmels  oben  paart.  Sorgfaltig  habe  ich  Jaspis,  Seide,  Opfertiere, 
Wein,  Gefäße  und  Schüsseln  aller  Art  und  Nutzen  zubereitet.  Dir  ehrfurchts- 
voll zum  Opfer  und  Euch  nebengeordneten  Kaisern  (Titel  wie  im  Gebet 
des  Himmelsopfers,  S.  173)  als  ehrerbietige  Darbietung.  Mögen  die  Opfer 
angenommen  werden ! 

Die  Hinzufügung  der  Tafel  eines  neuverstorbenen  Kaisers 
zu  denen  seiner  Ahnen,  sowie  die  Bekanntgabe  wichtiger  Er- 
eignisse findet  auf  dem  Altar  der  Erde  genau  nach  dem  Pro- 
gramm  statt,    das   für   den  Altar   des  Himmels   festgestellt  ist 

(vgl.  S.  184fF.). 

3.  Die  kaiserlichen  Ahnen. 

Der  Kaiser  und  sein  Haus  sind  vom  Staatswesen  der  aller- 
vornehmste  Teil.  Folglich  lassen  sich  auch  die  Opfer,  welche 
er,  auf  Grund  des  Vorbildes  und  der  Lehre  der  heiligen  Ver- 
gangenheit, seinen  Ahnen,  den  Mitgliedern  und  Schutzgöttern 


197 

• 

seines  Hauses,  darbieten  muß,  unmöglicli  von  der  Staatsreligion 
abgetrennt  denken.  Diese  Heiligen  nehmen  darin,  wie  wir 
wissen,  nach  Himmel  und  Erde  den  Platz  über  allen  Göttern 
ein,  und  diese  hohe  Stellung  hat  der  Opferritus  auf  den 
Altären  des  Himmels  und  der  Erde  bereits  klar  erwiesen. 

Zur  Aufbewahrung  und  Verehrung  ihrer  Seelentafeln  be- 
sitzt der  Kaiser  auf  der  Ostseite  der  zwei  großen  Höfe,  die 
zwischen  dem  ^  ^  T^iön  Ngan-Tor  und  dem  ^  Wu- 
Tor  vor  der  Stidfront  des  Palastes  liegen,  eine  große,  im  Jahre 
1420  von  der  Ming-Dynastie  erbaute  Opfer  statte.  Ihre  Lage 
ebenda  beruht  auf  einem  Satz  im  heiligen  Buche  T§ou 
Kuan,   welcher  lautet:    ^h  ^  ^^  Z  U  M  M  M  Z  niß 

"fö  V  >R  /luL  ^§  V  ^^  ^  ^^7  ^^^  Unterverwalter  des  fürstlichen  Ahnen- 
stammes, der  damit  beauftragt  ist,  die  Plätze  der  Götter  des  Staates  fest- 
zusetzen, gibt  den  So  und  den  Tsi'  den  Platz  zur  rechten,  dem  Ahnen- 
tempel den  Platz   zur  linken  (östlichen)  Seite.    Dieselbe  Vorschrift  für 

die  Lage  dieser  zwei  Opferstätten  befindet  sich  am  Schluß  des 
heiligen  Buches  T  s  i  I,  das  einen  Teil  des  L  i  K  i  bildet. 

Mitten  im  Opfergelände  der  Ahnen  erhebt  sich  in  einem 
rechteckigen  ummauerten  Raum  der  Hjj^  J^  T'ai  Miao,  der 
Größte,  Vornehmste  Ahnentempel,  auf  einer  rechteckigen  Marmor- 
terrasse von  drei  Stufen,  die  auf  allen  Seiten  mit  marmornen 
Brüstungen  versehen  sind.  An  der  genau  gegen  Süden  ge- 
wendeten Vorderseite  ist  dieser  Terrasse  ein  etwas  schmalerer 
viereckiger  Perron  mit  gleichartigen  Brüstungen  vorgebaut,  der, 
für  jede  Stufe,  vorn  drei  nebeneinander  liegende  Treppen,  zu 
beiden  Seiten  nur  eine  Treppe  hat.  Der  Tempel  hat  ein  zwei- 
faches Dach  von  gelben  glasierten  Ziegeln.  Das  obere  ruht  auf 
dreißig  Säulen  von  kostbarem  Holz,  von  denen  jede  ein  ein- 
ziger gewaltiger  Baumstamm  ist;  sie  bilden  in  der  Tempel- 
halle drei  Reihen.  Parallel  zu  ihnen  steht  auf  jeder  Seite  noch 
eine  Reihe  von  zwölf  Säulen,  die  das  untere  Dach  tragen; 
zwischen  diesen  Säulen  ist  die  Tempelwandung  angebracht,  so 


198- 

'daß  sie  nach  außen  und  innen  wie  Pilaster  heraustreten.  Der  Bau- 
stil dieses  Tempels  ist  dem  des  größten  Opfertempels,  der  noch 
heute  in  den  kaiserlichen  Grabstätten  der  Ming- Dynastie  steht, 
ganz  ähnlich,  und  es  ist  also  kaum  daran  zu  zweifeln,  daß  wir 
ihn  in  der  ursprünglichen  Gestalt  vor  uns  haben,  in  der  dieses 
Kaiserhaus  ihn  1545  erbauen  ließ.  Für  Näheres  über  seinen 
Stil  und  sein  Vorkommen  dürfen  wir  mithin  auf  die  illustrierte 
Beschreibung  des  gesagten  Tempels  der  Ming- Gräber  in 
Band  III  meines  ,,The  Religious  System  of  China",  S.  1214 ff., 
hinweisen. 

Auf  dem  Hof,  der  sich  vor  dem  T'ai  Miao  ausdehnt, 
liegt  auf  jeder  Seite  ein  rechteckiger  Nebentempel  (Wu),  mit 
der  langen  Frontseite  nach  Westen,  bezw.  nach  Osten  ge- 
kehrt. Jedes  dieser  Gebäude  hat  nur  ein  einziges  Dach  und 
steht  auf  einem  marmornen  ^  ^,  Erhöhungsfundament,  ohne 
Brüstungen.  Das  östliche  enthält  Schreine  mit  Seelentafeln  der 
"jd]  ^p,  verdienstvollen  Prinzen  höchsten  Ranges,  von  denen  zu  einigen 
sich  die  Tafel  der  Gemahlin  (jjjg  ^)  gesellt.  Im  westlichen 
Nebentempel  stehen  auch  solche  Tafeln  und  überdies  nocli 
viele  von  '^  K,  verdienstvollen  Ministern,  denen  der  höchste 
Adelstitel  ^  Kung  verliehen  worden  ist.  Hier  nach  dem 
Tode  in  der  Gestalt  einer  Seelentafel  ewig  wohnen  zu  dürfen 
und  somit  Anteil  an  den  Opfern  zu  haben,  welche  der  Sohn 
des  Himmels  seinen  Ahnen  bringt,  gilt  für  die  allerhöchste 
Ehrung,  welche  in  China  einem  Menschen  zuteil  werden  kann. 
Sie  erhebt  ihn,  den  kaiserlichen  Ahnen  gegenüber,  auf  die  holie 
Stufe  der  Nebenordnung,  welche  durch  das  Zeichen  gg,  p'ei 
ausgedrückt  wird  (vgl.  S.  149). 

Zur  Unterscheidung  von  zwei  anderen  Tempeln,  die  hinten 
liegen,  heißt  der  T'ai  Miao  auch  ^  ^,  die  Vorderhalle.  Die 
Meridianachse  der  Opferstätte  durchschneidet  ihn  gerade  in  der 
Mitte,  sowie  auch  den  dahinterstehenden  kleineren,  der  ein 
einziges  Dach  hat,   ebenfalls  nach  Süden  gekehrt  ist  und  pp 


199 

^,  Mittelhalle,  heißt.  Diese  steht  auf  einem  rechteckigen  „Er- 
höhungsfunclament"  mit  Brüstungen,  dem  vorn  in  der  Mitte  eine 
rechteckige  schmalere  Plattform  {^)  vorgebaut  ist,  welche  auf 
jeder  Seite  eine  Treppe  hat  und  mit  der  Terrasse  des  Vorder- 
tempels verbunden  ist.  In  der  Mittelhalle  werden  die  Tafeln 
der  Kaiser,  von  ^jJC  )(§,  T'ai  Tsu  an,  in  Schreinen  aufbewahrt. 
Dieser  nimmt  den  Hauptplatz  in  der  Meridianachse  ein;  zu 
seiner  Linken  steht  sein  Nachfolger  ^^  T'ai  Tsung, 
rechts  von  ihm  der  dritte  Kaiser,  der  vierte  weiter  links  und 
so  weiter.  Neben  der  Tafel  jedes  Kaisers  befinden  sich  in  dem- 
selben Schrein  auf  der  rechten  Seite  als  p*ei  Wei  oder  neben- 
geordnete  Sitze  die  Tafeln  seiner  Hauptgemahlinnen,  also  der 
Kaiserinnen;  neben  ^  jjjg^  Sing  Tsu  (K'ang-hi)  z.  B.  vier. 
Die  Tafeln  der  jüngst  verstorbenen  Kaiser  und  Kaiserinnen 
stehen  seitwärts,  gegen  Westen  und  Osten  gekehrt.  Für  jeden 
Kaiser  mit  seinen  Gemahlinnen  gibt  es  eine  besondere  „Kammer", 
welcher  die  alte  Benennung  ^  Si'  oder  ^  ^  Ts*in-§i* 
beigelegt  ist.  Darin  steht,  außer  dem  Schrein  oder  Tabernakel 
(^  K*^an),  ein  Bett  mit  Decken  und  Kopfkissen,  Kleider- 
rechen und  Gardinen,  wie  die  Lebenden  sie  im  Schlafzimmer 
zu  haben  pflegen;  endlich  auch  Kistchen  mit  ihren  ^S  W? 
Siegeln  aus  Jaspis,  und  mit  ^^  j^,  Platten  von  Jaspis,  worin  alle 
die  ihnen  verliehenen  Ehrennamen  eingraviert  sind  (s.  S.  209). 
Hinter  der  Mittelhalle  läuft  ost- westlich  eine  Quermauer 
mit  überdachten  Toren  im  mittleren  Teil.  Dahinter  erstreckt 
sich  ein  Hof,  der  in  gleichem  Stande  wie  die  Vor-  und  Mittel- 
halle die  ^  ^,  Hinterhalle,  enthält.  Ihr  klassischer  Name  ist 
fjfe  T'iao.  Sie  ist  der  Mittelhalle  ähnlich,  hat  aber  an  der 
Vorderseite  drei  nebeneinander  liegende  Treppen.  Sie  enthält  die 
„Kammern"  und  Seelentafeln  der  vier  Vorahnen  der  Dynastie, 
nämlich:  ^^  Tsao  Tsu,  ^  1^  Hing  Tsu,  ^  jfg  King 
Tsu  und  ^jJT§^  Hi6n  Tsu,  alle  gegen  Süden  gekehrt,  der 
älteste  in  der  Mitte;  auch  hier  ist  jeder  Tafel  die  der  Gemahlin 


200 

zugesellt.  Diese  Ahnherren  und  Ahnfrauen  wurden  1648  von 
iftÜfl  ^^  '^^^  (Sun-t§i),  dem  ersten  Mandschu-Kaiser^  der 
in  Peking  den  Thron  bestieg,  zur  kaiserlichen  Würde  erhoben 
und  mit  kaiserlichen  Ehrennamen  ausgestattet.^ 

Auch  bei  der  Mittel-  und  der  Hinterhalle  befinden  sich 
in  gleicher  Lage  wie  bei  der  Vorderhalle  zw^ei  Nebengebäude. 
Sie  werden  zur  Aufbewahrung  von  Opfergeräten  verwendet. 
Außen  und  innen  sind  die  drei  Hallen  reichlich  verziert  und 
besonders  zwischen  den  mittleren  Pfeilern  bunt  bemalt  und  ver- 
goldet. Sie  und  ihre  sechs  Nebengebäude  umschließt  eine  vier- 
eckige Mauer,  die  in  der  Mitte  der  Südfront,  also  in  der  Me- 
ridianachse, ein  überdachtes  Tor  mit  fünf  Durchgängen  hat, 
das  sich  auf  einer  marmornen  Terrasse  mit  Brüstungen  und  drei 
Treppen  vorne  und  hinten  erhebt.  Es  heißt  J^  f^  Ki'  Mön, 
das  Lanzentor,  weil  SO  Wohl  innen  wie  außen  zur  Linken  und  zur 
Rechten  Ständer  jnit  Lanzen  stehen.  Quer  vor  dem  Tor  fließt 
ein  mit  Marmorquadern  gemauerter  Bach,  über  den  nicht  we- 
niger als  sieben  Marmorbrücken  führen;  davor  steht  auf  der 
Ostseite  das  Aufbewahrungshaus,  auf  der  Westseite  die  Küche 
für  die  Götter.  Nun  folgt  eine  Quermauer  mit  fünf  überdachten 
Toren  in  der  Mitte,  jedes  mit  nur  einem  Durchgang;  sie  ist  die 
Südfront  einer  Mauer,  welche  die  soeben  erwähnte  auf  den  vier 
Seiten  umfaßt  und  auch  selbst  wiederum  auf  allen  Seiten  von 
einer  dritten  Mauer  umgeben  ist,  deren  Gesamtlänge  291,6  Täang 
beträgt.  Die  Westfront  dieser  Mauer  hat  drei  überdachte  Tore, 
welche  auf  die  zwei  groi3en  Vorhöfe  des  Palastes  (s.  S.  197) 
gehen.  Das  südlichste  hat  drei  Durchgänge  und  ist  der  kaiser- 
liche Haupteingang.  Es  heißt  [^  ^  f^  P^  T'ai  Miao  Kiai 
M6n,  Tor  der  T*ai  Miao-Straße. 

Die  Dachsteine  der  Tempel,  der  Tore  und  der  Mauern 
sind  gelbglasiert  und  entsprechen  somit  der  kaiserlichen  Farbe 
der  Erde,  des  Weltalls  Mitte. 

1  Näheres  in  „The  Religious  Syst  em  of  China",  Bd.  III,  S.  1353 f. 


201 

Die  Opfer,  welche  der  Kaiser  in  dem  beschriebenen  Opfer- 
gelände alljährlich  seinen  Ahnen  darbietet,  beruhen  hauptsäch- 
hch   auf    diesem   Satz    im   Tsou   Kuan:    ]^  j^  ^  ^  ^ 

^  ^  -^  ^  (Abschnitt  über  den  -^  ^  >fg^  den  Ober- 
verwalter des  fürstlichen  Ahnenstammes).  Mittels  des  ÄTfij  S  ö  opfert  man 
im  Frühling  den  früheren  Herrschern;  mit  dem  Iffi^  Jo*  opfert  man  ihnen 
im  Sommer,  mit  dem  J^  T§  ang  im  Herbst  und  mit  dem  2&,  Tsing 
im  Winter.  Die  Darbringung  dieser  vier  Opfer  ist  hier  durch 
das  Zeichen  ^  hiang  ausgedrückt,  das  durchweg  als  nicht 
verschieden  vom  gleichlautenden  ^M  gedacht  wird  und  somit 
auch  dessen  Bedeutung  von  „Bewirtung  mit  Speisen  und  Ge- 
tränken" hat.  Daß  die  vier  klassischen  Namen  der  Opfer  diesen 
immer  offiziell  beigelegt  worden  sind,  versteht  sich  von  selbst. 
Das  S  ö  wird  im  ersten  Monat  des  Frühlings  gefeiert,  und  zwar 
an  einem  der  ersten  zehn  Tage,  der  als  dazu  besonders  geeignet 
auserwählt  wird;  jedes  der  drei  anderen  Opfer  findet  am  ersten 
Tage  der  betreffenden  Jahreszeit  statt.  Aus  diesen  Daten  er- 
sieht man,  daß  jedes  Opfer  die  Erlangung  des  Segens  der  Ahnen 
für  die  eingetretene  Jahreszeit  bezweckt. 

Das  Programm  dieser  Opfer  ist  dem  der  großen  Himmels- 
opfer ähnlich.  Ganz  dieselben  Vorbereitungsmaßregeln  werden 
getroffen,  allein  der  Kaiser  verbringt  die  vorangehende  Fast- 
nacht im  Palast.  Während  er  sich  noch  vor  Aufgang  der  Sonne 
mit  großem  Gefolge  zum  Opferplatz  aufmacht  und  die  Großen, 
Beamten,  Musikanten  usw.,  die  beim  Opfer  amtieren  sollen, 
bereits  ihre  Plätze  eingenommen  haben  in  der  entsprechenden 
Anordnung  wie  beim  Frühlingsopfer  im  Rundtempel  des  Himmels 
(S.  181),  wird  in  der  Hinterhalle  von  einem  Prinzen  höchsten 
Ranges  (Wang)  den  Seelentafeln  der  Vorahnen  Weihrauch  ge- 
opfert und  sodann  auf  der  Terrasse,  in  der  Meridianachse,  die 
Verehrung  durch  drei  Kniefälle  und  neun  Stirnaufschläge  be- 
zeugt.    Nun   nehmen    acht    Ä  M    Gioro,    Nachkommen    der 


202 

ältesten  Vorahnen  des  kaiserlichen  Stammes,  nach  drei  Stirn- 
aufschlägen die  Tafeln  aus  den  Schreinen,  stellen  sie  auf  ihre 
„Thronsitze"  (s.  S.  160),  die  am  vorhergehenden  Tage  zusammen 
mit  den  Opfertischen  und  Opfergaben  vor  den  Schreinen  bereit- 
gestellt wurden,  und  begrüßen  sie  abermals  mit  drei  Stirnauf- 
schlägen. Darauf  verrichtet  der  Prinz  das  Weihrauch opf er  auch 
in  der  Mittelhalle.  Sobald  er  dann  dort  auf  der  Terrasse  seine 
Stirnaufschläge  gemacht  hat,  trägt  eine  Reihe  von  kaiserlichen 
Stammesgenossen  jeder  eine  der  Tafeln,  mit  peinlichster  Be- 
obachtung ihrer  Rangfolge,  in  die  Vorderhalle,  um  sie  da  hinter 
den  Opfertischen  auf  ihre  Thronsitze  zu  stellen  und  sich  mit 
drei  Stirnaufschlägen  zu  verabschieden.  Es  versteht  sich  ohne 
weiteres,  daß  die  Anordnung  dieser  Thronsitze  genau  mit  der 
der  Tafeln  übereinstimmt,  wenn  diese  sich  in  den  Schreinen 
der  Mittelhalle  befinden. 

Die  Opfergaben  sind  dieselben,  welche  beim  Himmels- 
opfer des  Wintersolstitiums  den  Ahnen  dargeboten  werden,  allein 
es  kommt  hier  zu  jedem  Tisch  ein  Rind,  ein  Schaf  und  ein 
Schwein.  Zu  bemerken  ist  auch  noch,  daß  es  in  den  beiden 
Hallen  für  jeden  Kaiser  und  seine  Gemahlinnen  bloß  einen 
Opfertisch  gibt  mit  nur  einem  Satz  von  Opfergaben,  so  daß 
die  Kaiserinnen  nichts  Spezielles  bekommen,  sondern  das  Opfer 
mit  ihrem  Gemahl  gemeinschaftlich  zu  teilen  haben.  Das- 
selbe gilt  für  die  Gemahlinnen  der  „Verdienstvollen"  in  den 
Nebentempeln.  Da  gibt  es,  im  östlichen,  auf  jedem  Tisch  24  Ge- 
fäße und  Körbe,  mit  einem  Rind,  einem  Schaf  und  einem 
Schwein ;  im  westlichen  nur  10  Gefäße  und  Körbe,  mit  einem 
Schaf  und  einem  Schwein. 

Während  der  Kaiser  den  ersten  Akt  des  Opfers  vollzieht, 
das  heißt,  den  Tafeln  seiner  Ahnherren  der  Reihe  nach  Weih- 
rauch opfert  und  zum  Schluß  sie  alle  gleichzeitig  auf  seinem 
Verneigungsplatz  unweit  der  Haupttür  der  Tempelhalle,  zu- 
sammen  mit   den   Prinzen   und   Beamten,    mit   neun    Stirnauf- 


203 

schlagen  ehrt,  wird  in  der  Hinterhalle  auf  lauten  Befehl  eines 
zweiten  Leiters  der  Zeremonien  (^^  ^)?  der  auf  der  Terrasse 
steht,  genau  dasselbe  den  Vorahnen  gegenüber  verrichtet  durch 
einen  Prinzen  höchsten  Ranges  als  ^  ^  'j^,  stellvertretenden 
Opferbeamten.  Auch  er  hat  stets  seine  Zeremonienmeister  neben 
sich,  die  ihm  alles,  was  er  zu  tun  hat,  zurufen  (vgl.  S.  169). 
Der  zweite  und  der  vierte  Akt  verschmelzen  zu  einem  ein- 
zigen, während  der  dritte  wegfällt.  Die  Beamten  für  die  Seide 
und  für  die  Weinbecher  stellen  nämlich  die  Körbe  mit  Seide 
und  die  Becher  mit  Wein  auf  die  Opfertische;  darauf  wird  das 
Gebet  gelesen,  und  der  Kaiser  macht  mit  den  Prinzen  und 
Beamten  neun  Stirnaufschläge.  Also  bietet  der  Kaiser  die  Seide 
und  den  Wein  nicht  eigenhändig  an.  Inzwischen  wird  genau 
dasselbe  in  der  Hinterhalle  durch  den  Opferbeamten  verrichtet, 
und  auch  da  ein  Gebet  vorgelesen.  Im  Anschluß  an  diesen 
zusammengeschmolzenen  Opferakt  werden  von  einer  Reihe  von 
^Beamten  für  die  Nebenopfer"  (S.  174)  den  „Verdienstvollen" 
in  den  Nebentempeln  Weihrauchopfer  dargebracht  und  Seide 
und  ein  Becher  Wein  auf  jeden  ihrer  Opfertische  niedergesetzt. 
Das  zweite  und  das  dritte  Weinopfer  erfolgen  mit  genau  dem- 
selben Ritual  in  allen  den  vier  Gebäuden.  Dem  Kaiser  Avird 
Glückswein  und  Glücksfleisch  dargereicht,  den  „Opferbeamten" 
aber  nicht. 

Nach  diesen  fünf  Akten  spielt  sich  der  Schlußakt  folgender- 
maßen ab.  Einer  der  beiden  Zeremonienmeister  des  Opferamtes 
wirft  sich  vor  den  Seelentafeln  auf  die  Knie  und  ruft  ihnen 
feierlich  zu:  mg  S.  |^  ^  3J  ^,  die  Zeremonien  sind  vollbracht, 
kehrt,  bitte,  wieder  in  Euere  Kammern  zurück!,  sodann  macht  er  drei 
Stirnaufschläge  und  tritt  zurück.  Eine  kurze  Hymne  wird  ge- 
sungen, und  der  Kaiser,  die  Prinzen  und  Staatsdiener  berühren 
alle  zugleich  neunmal  den  Boden  mit  der  Stirn.  Der  Weihrauch, 
die  Seide,  der  Wein  und  das  Gebet  werden  nach  den  Ofen  ge- 
tragen.   In  der  Hinterhalle  und  den  zwei  Nebentempeln  findet 


204 

dasselbe  statt.  Nach  dem  üblichen  Ausruf:  „die  Riten  sind  voll- 
bracht!" verläßt  der  Kaiser  den  Tempel;  die  Tafeln  werden  in 
ihre  Kammern  zurückgebracht  auf  dieselbe  Weise  und  mit  der- 
selben Ehrenbezeugung^  wie  sie  vor  dem  Oi3fer  daraus  ent- 
nommen worden  waren. 

Die  beiden  Gebete  enthalten  nichts  weiter  als  die  übliche 
Mitteilung,  daß  der  Kaiser,  der  sich  diesmal  ^  ^,  unter- 
würfigen Enkel,  bezeichnet,  sorgfältig  Opfergaben  bereitet  hat 
und  wünscht,  dieselben  mögen  angenommen  werden.  Alle  die 
Kaiser  und  Kaiserinnen  werden  mit  ihren  langen  Titelreihen  in 
den  Gebeten  erwähnt.  Vor  den  „Verdienstvollen"  in  den  Neben- 
tempeln wird  kein  Gebet  gelesen. 

In  den  heiligen  Büchern  ist  einige  Male  von  Opfern  die 
Rede,  welche  als  jjf^  Hia'  bezeichnet  werden.  Immer  hat 
man  sie  als  Opfer  gedeutet,  die  den  Ahnen  „insgesamt" 
(^)  dargebracht  worden  sind;  und  obschon  die  heiligen 
Schriften  beinahe  nichts  über  sie  bekanntgeben,  ist  ihre  bloße 
Erwähnung  daselbst  von  den  Kaisern  als  ein  genügender  Grund 
angesehen  worden,  um  am  letzten  Tage  jedes  Jahres  die  Tafeln 
der  Hinter-  und  der  Mittelhalle  zu  einem  gemeinschaftlichen 
Opfer  in  der  Vorderhalle  zu  vereinigen.  Dieses  Datum  erklärt, 
warum  nicht  gleich  am  darauffolgenden  ersten  Tage  des  Früh- 
lings, sondern  erst  ein  bis  zehn  Tage  später  den  Ahnen  das 
jährliche  Frühlingsopfer  dargebracht  wird  (vgl.  S.  201). 

Dieses  „Gesamtopfer"  wird  den  betreffenden  Tafeln  am 
Tage  zuvor  feierlich  angekündigt.  Ein  Prinz  des  höchsten 
Ranges  bringt  ihnen  nämlich  in  der  Hinterhalle,  ein  anderer 
in  der  Mittelhalle,  in  derselben  Weise  wie  der  Kaiser  zu  Be- 
ginn der  Jahreszeiten,  ein  Opfer  dar,  bestehend  aus  Speisen, 
Weihrauch,  Seide  und  Wein,  ohne  Musik,  Gesang  und  Tanz, 
ohne  Glückswein  und  Glücksfleisch;  dazu  wird  ihnen  beim 
dritten   Weinopfer    durch    die    Gebetsvorlesung    die    Botschaft 


205 

überbracht  mit  den   Schlußworten:    ^  ^  ^^tffJÜEo'f/t 

'Mi  S§  ^Ö  5  ehrerbietig  tritt  (Euer  unterwürfiger  Enkel)  Euch  entgegen 
mit  der  Einladung,  Euch  zusammen  herzubegeben,  um  seine  Opfer  anzu- 
nehmen. Bis  zur  Erde  gebeugt  hofft  er,  daß  Ihr  herabschauen  und  von 
dieser  Mitteilung  Kenntnis  nehmen  wollet. 

Am  Opfertage  selbst  werden  beim  Sonnenaufgang  durch 
Mitglieder  des  kaiserlichen  Stammes  unter  Führung  eines  Mag- 
naten höchsten  Ranges  die  Tafeln  aus  den  beiden  Hallen  in 
die  Vorderhalle  getragen  in  der  feierlichen  Weise,  die  uns  auf 
S.  201  f.  bekanntgeworden  ist.  Die  Kaiser  und  Kaiserinnen  der 
Hinterhalle  bekommen  natürlich  die  höchsten  Plätze  in  der 
Meridianachse  auf  südwärtsgekehrten  Thronsitzen.  Das  Opfer, 
das  darauf  der  Kaiser  darbringt,  spielt  sich  in  jeder  Hinsicht 
nach  dem  Programm  der  Opfer  der  Jahreszeiten  ab  und  wird 
also  auch  von  den  „Verdienstvollen"  in  den  beiden  Nebentem- 
peln geteilt. 

Wichtige  Ereignisse  gibt  der  Kaiser  nicht  bloß  dem 
Himmel  und  der  Erde  (S.  185  und  196),  sondern  auch  seinen 
Ahnen  feierlich  durch  einen  Prinzen  höchsten  Ranges  sowohl 
in  der  Mittel-  wie  in  der  Hinterhalle  kund,  und  zwar  durch 
ein  Opfer,  das  sich  nach  dem  Programm  der  Ankündigung  des 
„Gesamtopfers"  abspielt.  Es  kommt  vor,  daß  der  Kaiser  dieses 
Opfer  in  der  Vorderhalle  in  eigener  Person  darbringt. 

Eine  Feierlichkeit  von  hoher  religiöser  Bedeutung  ist  die 
Hinzufügung  der  Seelentafel  eines  jüngst  verstorbenen  Kaisers 
zu  denen  seiner  Ahnen.  Dieser  Ritus  heißt  ^  ^  Sing  fu, 
hinauftragen  und  beisetzen. 

Die  Tafel,  welche  am  Grabhügel  beim  Opfertempel  her- 
gestellt wurde,  wird  daselbst  gleich  nach  der  Bestattung  der 
Leiche  ehrfurchtsvoll  durch  den  neuen  Kaiser  in  eine  pavillon- 
artige Sänfte  gesetzt.     Auch  die  Seelentafeln  der  zuvor  unter 


206 

dem  Grabhügel  beigesetzten  Kaiserinnen  des  Verstorbenen, 
welche  bis  dahin  wahrscheinlich  dort  im  Opfertempel  aufbe- 
wahrt wurden,  werden  von  ebensoviel  Prinzen  des  höchsten 
Ranges  in  dafür  bestimmte  Sänften  hineingetragen,  und  darauf 
tritt  der  Zug  die  Rückreise  nach  Peking  an,  von  dem  Kaiser 
und  den  Prinzen  begleitet.  Am  Abend  vor  der  Ankunft  ver- 
läßt der  Kaiser  den  Zug  und  reist  voran,  um  vor  dem  Palast 
die  beseelten  Tafeln  ehrfurchtsvoll  empfangen  zu  können.  Alle 
Vorbereitungen  zu  einem  großen  Opfer  im  T*ai  Miao  sind  in- 
zwischen getroffen  worden;  auch  war  fünf  Tage  zuvor  dem 
Himmel,  der  Erde,  den  Ahnen  in  der  Mittel-  und  Hinterhalle 
und  den  Göttern  des  Bodens  und  der  Hirse  (So  Tsi')  auf  die 
uns  bekannte  Weise  durch  Magnaten  die  Kunde  von  der  kom- 
menden Feierlichkeit  gebracht  worden. 

Wenn  dann  der  Zug  mit  den  heihgen  Tafeln  das  ^  *^ 
Ta  Ts'ing-Tor,  den  allerersten  südlichen  Zugang  zum  Palaste, 
erreicht,  wird  er  von  knienden  Prinzen  und  Beamten  mit  der 
tiefsten  Ehrfurcht  empfangen;  und  am  T'ien  Ngan-Tor 
(S.  197)  empfängt  sie  in  kniender  Stellung  der  Kaiser  selbst, 
der  in  einem  gelben  Zelt  dort  auf  sie  wartet.  Von  den  zwei 
Präsidenten  des  Opferamtes  geführt,  schließt  sich  dann  dieser 
allerhöchste  ^1  ^  hiao  Nan  oder  unterwürfige  Sohn  der  Sänfte 
seines  Vaters  an,  und  so  geht  es  durch  das  Tor  der  T  ai 
Miao-Straße  (s.  S.  200).  Durch  die  Reihen  der  Magnaten 
und  Staatsdiener,  welche  beim  Opfer  amtieren  werden,  hindurch 
bewegt  sich  der  Zug  nach  den  Toren  der  zweiten  südlichen 
Mauer;  dort  verrichtet  der  Kaiser  das  rituelle  Händewaschen, 
schreitet  auf  die  Sänfte  der  Seelentafel  seines  Vaters  zu,  macht 
dort  auf  Befehl  des  Präsidenten  des  Opferamts  dreimal  den 
Stirnaufschlag  und  nimmt  die  Tafel  aus  der  Sänfte.  Die  Prin- 
zen verfahren  genau  so  mit  den  Tafeln  der  Kaiserinnen,  und 
nun  zieht  der  Zug  ohne  die  Sänfte  bis  zum  „Lanzentor".  Da 
bleibt  der  Zug  zurück;  der  Kaiser  und  die  Prinzen  tragen  die 


207 

Tafeln  mit  beiden  Händen  in  die  Vorderhalle,  wo  in  der  Mitte 
Knieteppiche  ausgelegt  sind.  Nunmehr  spielt  sich  derselbe 
Ritus  ab  wie  auf  dem  Runden  Hügel  (S.  184).  Nachdem  die 
Tafeln  auf  die  Teppiche  gesetzt  sind,   ruft  der  Präsident  des 

Opferamts  aus:  ^  JM  ^"  }B  Mi  ^  M  M  ?lj  ^y  «Kaiser 
und  Kaiserinnen  Soundso  (ihre  posthume  Namen),  die  Ihr  neu  beizusetzen 
seid,  besucht  ehrfurchtsvoll  die  Reihe  der  Heiligen  und  die  der  Kaiserinnen!'* 
und  der  Kaiser  macht  zur  Begleitung  (fp)  auf  seinem  „Ver- 
neigungsplatz"  neunmal  den  Stirnaufschlag  vor  den  Tafeln  der 
Kaiser  und  Kaiserinnen  der  Mittelhalle,  die  kurz  zuvor  hinter 
den  Opfertischen  auf  die  „Thronsitze"  gestellt  worden  waren. 
Wenn  dann  der  Kaiser  und  die  Prinzen  die  neuen  Tafeln  auf 
die  für  sie  bestimmten  neuen  Thronsitze  hinter  einem  Tisch  mit 
Opfergaben  getragen  haben,  fängt  das  feierliche,  große  Opfer 
an,  das  dem  der  Jahreszeiten  völlig  gleich  ist  und  mithin  auch  in 
der  Hinterhalle  und  den  zwei  Nebentempeln  dargebracht  wird. 
Sodann  wird  diese  wichtige  Beisetzung  im  ganzen  Reiche 
offiziell  verkündet.  Erst  nachdem  sie  im  T^ai  Miao  stattge- 
funden hat,  darf  sie  auf  den  Altären  des  Himmels  und  der 
Erde  (s.  S.  184  und  196)  erfolgen.  Falls  eine  Kaiserin  ihren 
Gemahl  überlebt,  dann  findet  die  Beisetzung  ihrer  Tafel  allein 
auf  dieselbe  Weise  statt. 

Der  !^  §^  Tsun  Si  oder  posthume  Ehrenname,  welcher 
jedem  Kaiser  und  jeder  Kaiserin  nach  dem  Tode  vom  Thron- 
folger beigelegt  wird,  besteht  aus  einer  Reihe  von  Ausdrücken, 
welche  aus  zwei  Zeichen  zusammengesetzt  sind  und  hohe  Eigen- 
schaften und  Vortrefflichkeiten  bedeuten.  Diese  Zeichen  haben 
nicht  ihren  gewöhnlichen  Sinn,  sondern  den,  welcher  ihnen 
beigelegt  ist  in  einer  Schrift,  die  von  den  Stiftern  der  Tsou- 
Dynastie  herstammen  soll.  Unter  dem  Titel  ^  ^  Si  Fa*, 
Gesetze  für  die  nach  dem  Tode  zu  verleihenden  Ehrennamen,  bildet  diese 
Schrift  den  54.  Abschnitt  eines  Buches,  das  A.  D.  281  in  einem 


208 

alten  Grab  entdeckt  sein  soll  und  deswegen  den  Titel  }^  ^ 
^  ^  Ki'  Tsung  Tsou  Su,  Buch  von  Tsou  aus  dem  Grabe  von  Ki\ 
erhalten  hat.  Außerdem  bekommt  jeder  Kaiser  nach  seinem 
Tode  einen  J^^  Miao  Hao  oder  Ahnentempeltitel  aus  zwei 
Zeichen,  wie  j^jl^  Si  Tsu,  ^^  Sing  Tsu,  ^^  §i 
Tsung  usw.,  unter  dem  er  im  Tempel  verehrt  und  angerufen  wird. 

Es  entspricht  heiligem,  Jahrhunderte  altem  Brauch,  wenn 
ein  Kaiser  bei  seiner  Thronbesteigung  seinen  Ahnherren  und 
Ahnfrauen  in  Anerkennung  für  das,  was  sie  dem  ihm  ver- 
machten Keiche  geleistet  haben,  durch  Hinzufügung  von  Schrift- 
zeichen zu  ihren  Ehrennamen  Dankbarkeit  und  Verehrung 
bezeugt,  das  heißt,  J[j(I  _\^  ^  ^,  ihre  Ehrennamen  vermehrt  und 
erhöht.  Nachdem  ihm  auf  seinen  eigenen  Auftrag  hin  das  Mi- 
nisterium der  Li  die  neuen  Namen  vorgeschlagen  hat,  über 
die  die  höchsten  Staatsminister  zuvor  sorgfältigst  sich  beraten 
haben,  und  er  sie  mit  seinem  Gutachten  besiegelt  hat,  werden 
die  Seelentafeln  unter  Darbietung  eines  Opfers  durch  einen 
Prinzen  höchsten  Ranges  davon  unterrichtet;  dann  werden  sie 
durch  den  Präsidenten  des  Ministeriums  der  Werke  und  den 
des  Opferamts  in  der  Mittelhalle  mit  Weihrauch,  drei  Kniefällen 
und  neun  Stirnaufschlägen  verehrt  und  in  ein  reines  Gemach 
des  Tempelplatzes  getragen.  Unter  ihrer  erfurchtsvollen  Auf- 
sicht und  der  zweier  Großkanzler  (^  ^  J;^)  werden  daselbst 
die  Inschriften  der  Tafeln  geändert  und  diese  wiederum  mit 
derselben  Ehrenbezeigung  in  die  Mittelhalle  zurückgebracht. 
Genau  derselben  Behandlung  werden  die  Tafeln  in  der  auf 
S.  210  ff.  zu  besprechenden  „Tempelhalle  zur  Aufwartung  der 
Voreltern"  unterzogen,  und  zwar  unter  Überwachung  hoher 
Beamter  der  kaiserlichen  Hausverwaltung  (^^/frf)-  ^^^ 
Abänderung  der  Inschriften  findet  dort  in  dem  „Aufbewahrungs- 
haus  für  die  Götter"  statt. 

Alsbald   folgt   an   einem   glücklichen   Tage   die    feierliche 
Beilegung  der  neuen  Namen  durch  eine  große  Opferfeier,  welche 


209 

der  der  vier  Jahreszeiten  ganz  gleich  ist.  Fünl  Tage  zuvor 
wird  sie  durch  einen  Prinzen  des  höchsten  Ranges  dem  Himmel, 
der  Erde,  den  Ahnen  und  den  Göttern  des  Bodens  und  der 
Hirse  in  der  uns  bekannten  Weise  in  ihren  großen  Opferstätten 
mit  einem  Opfer  bekanntgegeben.  Am  glücklichen  Tage  macht 
sich  der  Kaiser  nach  dem  T'ai  Miao  auf,  stellt  sich  auf 
seinen  „Verneigungsplatz",  läßt  die  neuen  Ehrennamen  den  auf 
den  „Thronsitzen"  hinter  den  Opfertischen  und  Opfertieren 
stehenden  Tafeln  bekanntgeben  und  bringt  ihnen  gleich  daraut 
das  Opfer  dar,  während  ein  Prinz  höchsten  Ranges  es  den 
Vorahnen  in  der  Hinterhalle  darbietet. 

In  alt -chinesischer  (^)  und  in  Mantschu- Schrift,  wofür 
das  Han-lin  und  die  kaiserliche  Kanzlei  (^  ^)  die  Mo- 
delle besorgen,  wird  der  Ehrenname  jedes  Kaisers  und  jeder 
Kaiserin  in  eine  3S  JS^  (.^)y  Platte  von  Jaspis,  und  in  ein  3£ 
jP^,  Siegel  von  Jaspis,  eingraviert.  Nach  der  Beisetzung  der 
Tafeln  im  T'ai  Miao  (S.  207)  findet  mit  der  gleichen  Sorgfalt 
und  Ehrfurcht,  womit  diese  Tafeln  angefertigt  wurden,  diese 
Arbeit  statt,  und  zwar  in  einem  reinen  Gemach  beim  „Tor 
der  T'ai  Miao -Straße".  Da  werden  auch  zur  gleichen  Zeit 
für  die  Kaiser  und  Kaiserinnen,  deren  Ehrennamen  „Ver- 
mehrung und  Erhöhung"  zuteil  wurde,  neue  Platten  und  Siegel 
angefertigt.  An  einem  glücklichen  Tage  begibt  sich  der  Kaiser 
mit  großer  Eskorte  in  ein  bei  dem  genannten  Tore  aufgeschlagenes 
Zelt,  wo  die  Platten  und  Siegel  auf  einem  gelben  Tische  fertig 
liegen  und  eine  Reihe  von  Magnaten  und  Reichsgroßen  auf 
ihn  warten.  Unmittelbar  vor  dem  Tore  steigt  er  aus  seiner 
Sänfte  und  wäscht  sich  die  Hände,  dann  inspiziert  er  die  Gegen- 
stände und  verehrt  sie  mit  drei  Stirnaufschlägen.  Nun  treten 
hohe  Prinzen  heran,  machen  ebenfalls  drei  Stirnaufschläge, 
legen  die  Platten  und  Siegel  in  ebenso  viele  pavillonartige 
Tragbahren  und  berühren  abermals  den  Boden  dreimal  mit  der 
Stirn.    Die  Eskorte  trägt  nun  die  Bahren,  welchen  der  Kaiser 

De  Groot,  Universismus.  14 


210 

und  die  Prinzen  langsam  und  feierlich  zu  Fuß  folgen,  durch 
das  „Lanzentor"  zur  Freitreppe  des  T*^ai  Miao.  Da  nehmen  die 
Prinzen  nach  drei  Stirnaufschlägen  die  heiligen  Gegenstände 
herauS;  tragen  sie  in  die  Halle  auf  gelbe  Tische  und  verehren 
sie  wiederum  mit  einem  dreimaligen  K'o-t'ao.  Der  Kaiser  hat 
inzwischen  in  seinem  gelben  Zelt  beim  „Lanzentor",  wo  er  sich 
die  Hände  wusch,  gewartet;  er  betritt  nun  den  Tempel  und 
macht  zusammen  mit  den  Prinzen  und  Großen  vor  den  Platten 
und  Siegeln  drei  Kniefälle  und  neun  Stirnaufschläge.  Durch 
die  Hintertür  tragen  darauf  die  Prinzen,  vom  Kaiser  zu  Fuß 
gefolgt,  die  Gegenstände  in  die  Mittelhalle  und  legen  sie  in  den 
betreffenden  „Kammern"  in  ^  |^,  metallene  (goldene?)  Koffer, 
wonach  sie  sie  mit  einem  dreifachen  Stirnaufschlag  verehren. 
Zum  Schluß  opfert  der  Kaiser  hier  vor  jedem  Tabernakel 
Weihrauch  und  macht  in  der  Meridianachse  der  Halle  vor 
sämtlichen  Voreltern  drei  Kniefälle  und   neun  Stirnaufschläge. 


Den  vielen  Opfern  im  T^ai  Miao  schließen  sich  diejenigen 
an,  welche  in  einer  kaiserlichen  Opferstätte  dargebracht  werden, 
die  ^^  -^  ^  Fung  SiSn  Tiön,  Tempel  zur  Aufwartung  der  Vor- 
gänger, heißt.  Diese  Opferstätte  mag  wohl  Dasein  und  Namen 
dem  einfachen  Umstand  verdanken,  daß  im  heiligen  Su  (Buch 
-^  tp  T'^ai  Kia')  geschrieben  steht,  daß  der  heihge  I-jin  (s. 
S.  69)  seinem  jungen  Kaiser  in  einer  weisen  Anrede  sagte: 
^K  3t  'S  ^^^  „warte  Deinen  Vorgängern  auf  und  denke  dabei  an  die 
Unterwürfigkeit  des  Kindes!"  Aus  dem  Namen  der  Opferstätte 
geht  also  hervor,  daß  diese  wie  eine  häusliche  gedacht  wird, 
wo  der  Kaiser  seinen  Ahnen,  wie  das  Kind  seinen  Eltern  und 
Großeltern,  Speisen  und  andere  Lebensbedürfnisse  „mit  den 
beiden  Händen  darbietet"  (^),  und  daß  sie  also  den  Haus- 
altären entspricht,  welche  auch  das  Volk  zur  Versorgung  seiner 
Voreltern  allgemein  besitzt. 


211 

Ihre  Lage  rechtfertigt  diesen  Glauben.  Denn  während 
der  T'ai  Miao  südöstlich  des  Wu -Tors  liegt,  der  den  südlichen 
Haupteingang  der  ^  ^  ^jg  oder  roten  Sperrmauer  des  ganzen 
Palastes  bildet,  befindet  sich  der  Fung  SiÖn  Tißn  in  der  ent- 
sprechenden Lage  innerhalb  dieser  Ummauerung  beim  Haupt- 
eingang zu  den  pj  ^  ,  inneren  Palastgebäuden,  das  heißt,  beim 
^  *M  P^  K'iÖn  Ts'ing  Men,  dem  Tor  der  himmlischen  Reinheit. 
Er  läßt  sich  in  kurzen  Worten  folgendermaßen  beschreiben: 

Die  Hauptgebäude  sind  zwei  hintereinander  liegende, 
gegen  Süden  gekehrte  Tempel,  genau  in  der  Mitte  von  der 
Meridianachse  eines  viereckigen  ummauerten  Raumes  durch- 
schnitten. Sie  sind  der  Vor-  und  Mittelhalle  des  T'ai  Miao  in 
Bauart  aufi'allend  ähnlich.  Der  vorn  liegende  hat  ein  doppeltes 
Dach  und  erhebt  sich  auf  einer  einstufigen  Terrasse  mit  Brü- 
stungen und  einem  rechteckig  ausgebauten  Vorderperron,  der 
drei  Treppen  vorn,  eine  auf  der  linken  und  eine  auf  der  rechten 
Seite  hat.  Der  Hintertempel  steht  auf  einem  gleichartigen 
„Erhöhungsfundament",  das  keine  Treppen  hat,  sondern  durch 
einen  überdachten  gemauerten  Dkmm,  der  ^  T'ang  oder 
Halle  genannt  wird,  mit  der  Terrasse  des  Vordertempels  ver- 
bunden ist.  Zwei  Ost-  und  westlich  dem  Damm  angebaute, 
einander  gegenüberliegende  Marmortreppen  bilden  die  Zugänge 
zu  dieser  Halle  und  somit  zu  dem  Hintertempel. 

Vor  dem  Vordertempel   steht  auf  der  Meridianachse  das 

überdachte  ^ -^  f^   Fung  Siön  MSn,  Tor  zur  Aufwartung  der 

Ahnen,  das   drei  Durchgänge  hat.    Daneben  hat  die  Südmauer 

beiderseits  noch  ein  Tor  mit  einem   einzigen  Durchgang.    Vor 

diesen  Toren  erstreckt  sich  ein   rechteckiger,  ummauerter  Hof, 

auf  dessen  Westseite   der  Haupteingang   zur  Opferstätte  liegt, 

nämlich  das  |^  ^  f^,    Tor  der  frommen  Ehrfurcht.   SüdHch   dieses 

Hofes  liegt  hinter  einer  Mauer  mit  zwei  Pförtchen  ein  Vorhof 

mit  einem  langen  Gebäude,   das  unter  einem  Dach   die  Küche, 

das  Schlachthaus  usw.  enthält.    Tempel,  Tore  und  Mauern  sind 

14» 


212 

mit  gelbglasierten  Ziegeln  gedeckt  und;  wie  in  allen  Opfer- 
gebäuden,  durch  gepflasterte;  immer  rechtwinklig  umbiegende, 
ost-westlich  oder  süd-nördlich  laufende  Straßen  verbunden. 

Der  Hintertempel  dient  zur  Aufbewahrung  der  Tafeln 
der  AhneU;  die  bei  Lebenszeit  den  Kaisertitel  trugen,  also  die 
von  T'^ai  Tsu  an  (vgl.  S.  199).  Jeder  hat  in  derselben  „Kammer^ 
die  Tafeln  seiner  Kaiserinnen  neben  sich.  Kammer  und 
Schreine  sind  alle  gegen  Süden  gekehrt.  Am  Geburtstag  der 
eventuell  noch  lebenden  Kaiserin -Witwe  und  an  dem  des  re- 
gierenden Kaisers;  ferner  am  Neujahrstag;  am  Tage  des  Winter- 
solstitiums  und,  wenn  etwas  die  Dynastie  sehr  Erfreuendes 
stattgefunden  hat;  werden  die  Tafeln  in  den  Vordertempel 
getragen  und  auf  „Thronsitze"  gestellt;  sodann  wird  ihnen  ein 
großes  Opfer  dargebracht;  entweder  durch  den  Kaiser,  oder 
auf  seinen  Befehl  durch  seinen  Sohn  oder  einen  anderen  Prin- 
zen höchsten  Ranges.  Das  dabei  befolgte  Programm  ist  das 
der  Ahnenopfer  der  vier  Jahreszeiten,  nur  daß  eine  kleinere 
Gefolgschaft  von  Prinzen  und  Staatsdienern  den  Kaiser  be- 
gleitet. Wichtige  Ereignisse  werden  im  Hintertempel  vor  den 
geöffneten  Schreinen  durch  den  Kaiser  oder  einen  Prinzen 
mit  einem  Opfer  bekanntgegeben;  allein  ohne  Musik  und  ohne 
Gesänge. 

Jedesmal  bei  Vollmond  und  Neumond;  am  Geburts-  und 
Sterbetage  eines  Kaisers;  dessen  Tafel  im  Tempel  steht;  und 
am  Sterbetag  jeder  da  anwesenden  Kaiserin;  am  15.  des  ersten 
Monats  (JlTfl)?  ^^  ^^^  Jahreszeiten  ]^B^  Ts'^ing-ming 
(5.— 20.  April)  und  ^  |^  Suang-kiang  (24.  Oktober— 7.  No- 
vember) und  am  letzten  Tage  des  Jahres  stattet  der  Kaiser 
dem  Hintertempel  einen  Besuch  ab;  wo  bereits  vor  jeder  Kammer 
Becher  Weins,  Fleischspeisen  und  Obst  fertig  hingestellt  und 
Lampen  angesteckt  sind.  Unter  Führung  des  Direktors  der 
kaiserhchen  Hausverwaltung  ( ^  ^  /fj  ^  ^)  opfert  der 
Kaiser  vor  jeder  Kammer  Weihrauch  und  macht  Stirnaufschläge. 


213 

Natürlich  kann  er  sich  auch  bei  diesen  Gelegenheiten  durch 
einen  Prinzen  vertreten  lassen.  In  der  Jahreszeit  jjl  ^  Li'- 
ts'un  (5. — 18.  Februar)  und  am  Ülj^  |^  Tuan-jang-Tage,  d.  h. 
dem  5.  des  fünften  Monats,  verrichten  die  Aufseher  der  Opfer- 
stätte ähnliche  kleine  Opfer;  endHch  noch  eins  ohne  Fleisch  und 
Obst  am  8.  des  vierten  und  am  Vollmondstag  des  siebenten  Monats. 
Für  jeden  jüngstverstorbenen  Kaiser  und  für  jede  seiner 
schon  früher  hingeschiedenen  Kaiserinnen  wird  durch  die  kai- 
serliche Hausverwaltung  in  der  „Aufbewahrungskammer"  des 
Fung  Siön  Tiön  eine  Seelentafel  angefertigt.  Die  Beisetzung 
im  Vordertempel  daselbst  geschieht  dann  am  selben  Tage,  an 
dem  sie  im  T*ai  Miao  stattfindet  (vgl.  S.  207),  jedoch  etwas 
später.  Das  dabei  befolgte  Ritual  ist  in  der  Hauptsache  das- 
selbe wie  im  T'ai  Miao;  allein,  wenn  der  neue  Kaiser  die 
Tafel  seines  Vaters  und  die  Prinzen  die  Tafeln  der  Kaiserinnen 
in  den  Vordertempel  getragen  haben,  setzt  der  Kaiser  die 
seine  auf  den  hinter  einem  vollen  Tisch  mit  Opfergaben  für 
sie  bereitgestellten  „Thronsitz".  Sodann  wirft  sich  der  Präsi- 
dent des  Opferamts  auf  die  Knie  und  ruft :  ^  J^  ^  ^  ^ 

y\ü  fe  1&  ^j  ^.  *i^?  ''^^^  Kaiserinnen  (Soundso,  hier  folgen  ihre  post- 
humen  Namen),  steigt  herauf  zur  Beisetzung  in  den  Tempel  zur  Aufwartung 
der  Vorgänger  und  besucht  ehrerbietig  den  (zuletztverstorbenen)  Kaiser  (So- 
undso)!" Sofort  tragen  nun  die  Prinzen  die  Tafeln  der  Kaiserinnen 
herbei,  knien  nieder,  stellen  sie  auf  die  ausgelegten  Teppiche 
und  treten  zurück ;  und  nun,  auf  lauten  Befehl  des  Präsidenten, 
macht  der  Kaiser  auf  seinem  „Verneigungsplatz"  für  die  Tafeln 
drei  Kniefälle  und  neun  Stirnaufschläge.  Dann  trägt  er  selbst 
die  Tafeln  auf  die  für  sie  bestimmten  Thronsitze  und  kehrt 
auf  seinen  Verneigungsplatz  zurück,  wonach  das  große  Opfer 
seinen  Anfang  nimmt. 

Unmittelbar  hinter  der  nördlichen  Front  der  „roten  Sperr- 
mauer", die  den  kaiserlichen  Palast  umschließt  (s.  S.  211),  liegt 


214 

gerade  in  der  Mitte  ein  rechteckiger  ummauerter  Raum,  dessen 
Fronten  gleichwie  die  des  Palastes  genau  gegen  die  vier  Welt- 
gegenden gekehrt  sind.  Darin  erhebt  sich  der  dreigipflige, 
waldumgürtete  ^^  \±\  King  San,  der  Aussichtshügel,  der  einen 
weiten  Ausblick  über  den  Palast  und  die  Stadt  gewährt,  und 
nördlich  davon  erstreckt  sich  ein  Hof  mit  einer  Anzahl  von 
schönen  Bauten  und  zahlreichen  Bäumen,  der  wohl  als  der 
prächtigste  Hof  des  Palastviertels  bezeichnet  werden  kann. 
Das  größte  seiner  Gebäude  liegt  gleichweit  von  der  östlichen 
und  der  westlichen  Mauer  und  wird  daher  von  der  Meridian- 
achse der  langen  Reihe  von  Haupttoren  und  Haupthallen  des 
Palastes  durchschnitten;  auch  ist  es,  wie  alle  diese,  gegen 
Süden  gekehrt.  Es  heißt  ft^^  ^^^  Huang  Ti6n, 
Tempel  der  langlebigen  (verewigten)  Kaiser,  und  ist  dem  Fung  Si6n 
Tien  in  Stil  und  Bau  ganz  ähnlich,  auch  in  bezug  auf  die 
Marmorterrasse  und  die  Treppen.  Auf  jeder  Seite  befindet 
sich  in  gleicher  Lage  gegen  Süden  ein  kleinerer  Tempel  mit 
einem  einzigen  Dach,  und  vor  der  Freitreppe  steht  links  und 
rechts  auf  einem  „erhöhten  Fundament"  aus  Marmor  mit  mar- 
mornen Brüstungen  und  Treppen  ein  zierHcher  sechseckiger 
Kiosk  mit  doppeltem  Dach,  worin  sich  ein  marmorner  MonoHth 
mit  Inschrift  auf  einem  Sockel  erhebt.  Zunächst  folgt  etwas 
weiter  südlich,  in  der  Quere,  auf  jeder  Seite  ein  Nebentempel 
(Wu)  mit  einem  schönen  Ofen  zur  Verbrennung  der  Opfergaben, 
aus  gelbglasierten  Dachziegeln  und  Fliesen  erbaut.  Den  Tempel- 
hof schließt  dann  auf  der  Südseite  eine  hohe  Mauer  ab,  in 
deren  Mitte  ein  Tor  mit  drei  Durchgängen  eingebaut  ist;  dessen 
Dach  wird  vorn  und  hinten  von  sechs  Pfeilern  getragen,  welche 
sich  auf  einer  Marmorterrasse  mit  Brüstungen  erheben,  die 
gleichfalls ,  vorn  und  hinten  drei  Treppen  hat.  Südlich  vor 
diesem  Tor  kauert  auf  jeder  Seite  ein  Löwe  auf  steinernem 
Sockel.  Dort  erstreckt  sich  der  Vorhof,  in  dem  iii  der  Quere, 
auf  der  Ost-,  bezw.  Westseite,  die  Aufbewahrungskammer  und 


215 

Küche  für  die  Götter  liegen,  mit  je  einem  Brunnenpavillon. 
In  der  Mitte  der  Südmauer  ist  hier  ein  überdachtes  Tor  einge- 
baut, von  dessen  drei  Durchgängen  jeder  für  sich  mit  einem 
zweiten,  niedrigeren  Dache  verziert  ist,  und  das  vom  von  zwei 
steinernen  Löwen  auf  Sockeln  flankiert  wird.  Als  Abschluß 
erhebt  sich  vor  diesem  Tor  und  sowohl  links  als  rechts  in  der 
Quere   eine  schöne  P'ai  Fang  (vgl.  S.  188). 

Der  Sou  Huang  TiSn  läßt  sich  als  die  kaiserliche 
Ahnengalerie  bezeichnen.  Längs  der  nördlichen  Rückwand 
sind  die  gemalten  Bilder  der  verstorbenen  Kaiser  in  ebensovielen 
Schreinen  zur  Verehrung  aufgehängt,  und  zwar  hinter  einer 
langen  Scheidewand,  die  mit  fensterartigen  Offnungen  versehen 
ist.  Am  letzten  Tage  des  Jahres  werden  vor  dieser  Wand  eine 
Anzahl  Wandschirme  (^)  niedergesetzt  und  die  eigens  zu 
diesem  Zwecke  hervorgeholten  Bilder  daran  aufgehängt,  jedes 
mit  denen  der  betreffenden  Kaiserinnen  daneben,  um  am  zweiten 
Tage  des  neuen  Jahres  wiederum  entfernt  zu  werden;  denn 
der  Kaiser  hält  es  für  seine  Pflicht,  mit  einer  Gefolgschaft  von 
Prinzen  ihnen  daselbst  am  Neujahrstage  ein  großes  Opfer  dar- 
zubringen, mit  Musikbegleitung,  aber  ohne  Tänze  und  ohne 
Gebetsvorlesung.  Selbstredend  darf  er  die  Erfüllung  dieser  Pflicht 
dem  Kronprinzen  oder  einem  anderen  seiner  Söhne  übertragen. 
Aus  diesem  Ritus  ergibt  sich,  daß  man  glaubt,  auch  gemalte 
Darstellungen  der  Toten  seien  von  ihren  Seelen  belebt. 

Überall  in  China  herrschte  von  altersher  der  Glaube,  daß 
das  Grab  eine  Wohnstätte  der  Seele  des  darin  beerdigten  Toten 
ist,  und  somit  auch  eine  Opferstätte  sein  soll,  um  so  mehr,  weil 
es,  wenn  die  Seele  darin  unter  segensreichen  Einflüssen  des 
Weltalls  glücklich  und  zufrieden  lebt,  ihre  Nachkommenschaft 
mit  Segnungen  übergießt.  Die  (^  Ling,  die  Grabhügel  der 
kaiserlichen  Toten,  bilden  mithin  neben  dem  T'ai  Miao  und 
dem  Fung  Siön  Tiön  eine  dritte  große  Hauptstätte  für  kaiser- 


216 

liehen  Ahnenkult.  Von  einer  Beschreibung  dieser  großartigen 
Mausoleen  nehme  ich  Abstand  unter  Hinweis  auf  Band  III 
des  „The  Religious  System  of  China"  und  die  Abbildungen^ 
die  in  dem  letzten  Jahrzehnt  erschienen  sind,  zumeist  mit 
mehr  oder  weniger  wertlosen  oder  sogar  irreführenden  di- 
lettantischen Beschreibungen. 

Für  die  Darbringung  der  kaiserlichen  Grabopfer  ist  vor 
jedem  Grabhügel  auf  einer  Marmorterrasse  ein  Tempel  er- 
richtet, dessen  Bauart  der  des  T'^ai  Miao  auffallend  ähnelt. 
Er  trägt  den  Namen  P^J§[^  Lung  Ngön  Tien,  Tempel  für 
überreichliche  Gunstbezeugungen.  Er  enthält  möblierte  „Kammern" 
mit  Schreinen,  und  zwar  eine  gegenüber  dem  Haupteingang 
für  die  Seelentafeln  des  Kaisers  und  seiner  Gemahlinnen,  und 
eine  in  der  Quere  an  seiner  rechten  Seite  für  die  Tafeln  der 
neben  seinem  Grabhügel  beerdigten  Beifrauen.  Vor  dem  Tempel 
erhebt  sich  auf  einer  Marmorterrasse  mit  Brüstungen  ein  über- 
dachtes Tor  mit  drei  Durchgängen. 

Ein  großes  Opfer  wird  alljährhch  in  der  Ts*in§^-ming- 
Jahreszeit  (5. — 20.  April,  s.  S.212)^  am  löten  Tage  des  siebenten 
Monats  (fj'  7C);  ^^^  Tage  des  Winter solstitiums  und  am  letzten 
des  Jahres  in  jedem  Grabtempel  dargebracht,  und  zwar  durch 
einen  Prinzen  höchsten  Ranges,  den  der  Kaiser  als  seinen  ^ 
^^  g  ,  stellvertretenden  Opferer,  sowohl  zur  Östlichen  wie  zur  west- 
lichen Gruppe  (s.  S.  194  und  193)  entsendet.  Für  dieselben 
Opfer  bei  den  drei  Grabhügeln  in  Jenden  und  Mukden  (s.  ebenda) 
entsendet  das  Ministerium  der  Li  in  Mukden  einen  dort  wohn- 
haften hohen  Würdenträger,  der  ein  Mitglied  des  kaiserlichen 
Stammes  ist.  Solch  ein  Opfer  wird  nach  dem  Programm  der 
großen  Opfer  im  T'^ai  Miao,  jedoch  ohne  Musik,  Gesang  und 
Tanz  dargebracht.  Jeder  Kaiser  und  jede  Kaiserin  empfängt 
außerdem  ein  solches  an  den  Todestagen  (y§^J^);  auch  jeder 
Kaiser,  wenn  ihm  ein  für  die  Dynastie  glückliches  Ereignis 
bekanntgegeben    wird.     Natürlich    gehört   es    zu    den    Kindes- 


217 

pflichten  des  Kaisers,  gelegentlich  an  einem  der  genannten  Tage 
persönlich  seinen  Vater  und  seine  Mutter  am  Grabe  zu  besuchen 
und  dort  das  große  Opfer  darzubringen.  Vor  seiner  Abreise 
macht  er  dann  entweder  selbst,  oder  durch  einen  Stellvertreter, 
den  Tafeln  im  Fung  Siön  Tißn  davon  mittels  des  gebräuch- 
lichen Opfers  Mitteilung.  Wenn  er  dann  das  ^  *^,  das  Reise- 
gebäude der  Grabstätte,  bezogen  hat  und  zur  Darbringung  des 
Opfers  in  der  „Großen  Hütte"  (s.  S.  167)  vor  dem  Tempeltor 
eingetroffen  ist,  werden  hinter  einem  gemeinschaftlichen  Tisch 
mit  Opfergaben  für  die  Seelen  des  Kaisers  und  seiner  Ge- 
mahlinnen und  einem  für  die  Beifrauen  die  Tafeln  durch  Beamte 
der  kaiserlichen  Hausverwaltung  auf  Thronsitze  gestellt,  und 
das  Opfer  nimmt  seinen  Anfang.  Der  Kaiser  und  seine  prinz- 
liche Gefolgschaft  machen  die  Stirnaufschläge  auf  der  Terrasse 
beim  Haupteingang  des  Tempels,  die  übrigen  Würdenträger 
am  Fuße  der  Terrasse.  Nach  Schluß  des  Opfers  macht  sich 
der  Kaiser  nach  dem  rechteckigen  Hof  auf,  der  zwischen  dem 
Tempel  und  dem  Grabhügel  liegt.  Vor  dem  Hügel  stehend, 
mit  dem  Gesicht  nach  Westen,  bricht  er  in  ein  lautes  Jammer- 
geschrei aus  (J^  ^) ;  die  Prinzen  und  Großen,  die  ihm  bis  vor 
dem  Tor  des  Hofes  ((^  HJ  P^)  gefolgt  waren,  jammern  ein- 
stimmig mit,  und  der  Kaiser  kehrt  in  das  Reisegebäude  zurück. 
Wird  ein  großes  Opfer  durch  einen  Stellvertreter  des  Kaisers 
dargebracht,  dann  jammert  dieser  mit  seiner  Gefolgschaft  am 
Tor  des  Hofes. 

Solch  ein  kaiserlicher  Grabbesuch  heißt  g^[^  je'  Ling, 
Besuch  des  Grabhügels.  Zumeist  wird  er  in  der  Ts'ing-ming- 
Jahreszeit  abgestattet,  in  Übereinstimmung  mit  einem  alten, 
allgemeinen  Brauch  des  ganzen  Volkes,  besonders  in  diesem 
Zeitabschnitt  die  Gräber  zu  besuchen,  zu  reinigen  und  herzu- 
stellen. Auch  die  Pflicht  der  Kinder,  die  Ruhestätten  ihrer 
Eltern  in  gutem  Zustande  zu  erhalten,  wird  vom  Kaiser  als 
einem  braven  Sohn  durch  einen   eigenartigen  Ritus  erfüllt,  der 


218 

Sfe  db  ^^  '^'^^  ^^^®  ausstreuen,  oder  J^  i.  sang  T'u,  Erde 
hinaufbringen,  heißt.  Ehe  er  im  Tempel  das  Opfer  darbringt, 
zieht  er  mit  einem  kleinen  Gefolge  von  Prinzen  und  Großen,  die 
alle,  wie  er  selbst,  gelbliche,  schmucklose  Gewänder  (^  ^^) 
tragen,  nach  dem  massiven,  aus  großen  Backsteinen  konstruierten 
Vorbau  des  Hügels,  der  3^^  fangTs'ing,  viereckige  Festung, 
heißt  und  den  tunnelartigen  Eingang  zur  Gruft  umfaßt.  Dort 
zieht  er  ^^7  Schutzschuhe,  an  und  besteigt  mit  einigen  Prinzen, 
die  auch  solche  Schuhe  tragen,  auf  dem  1^  ^,  dem  ansteigenden 
Steinweg,  die  „viereckige  Festung".  Auf  dem  Gipfel  des  Hügels 
kniet  er  nieder,  schüttet  ein  ihm  dargereichtes  Körbchen 
mit  Erde  aus,  steigt  wieder  hinab,  zieht  die  Überschuhe  aus 
und  begibt  sich  in  die  „Große  Hütte",  um  sich  von  dort 
aus  zur  Darbietung  des  Opfers  nach  dem  Tempel  aufzu- 
machen. 

Der  kaiserliche  Stellvertreter,  der  in  der  Ts'ing-ming- 
Periode  die  Grabopfer  darbringt,  verrichtet  auch  für  jeden 
Hügel  die  Zeremonie  des  Hinaufbringens  der  Erde. 

Besucht  der  Kaiser  einen  anderen  Grabhügel  seiner  Ahnen, 
dann  beschränkt  er  sich  in  der  Regel  darauf,  ihn  mit  neun 
Stirnaufschlägen  zu  verehren,  dann  an  einem  dazu  bereitge- 
stellten Tisch  dreimal  einen  Becher  Weins  zu  opfern  und  mit 
jedem  Becher  einen  Stirnaufschlag  zu  verbinden;  zum  Schluß 
bricht  er  in  Jammergeschrei  aus.  Die  Prinzen  und  Großen 
begleiten  ihn  nur  bis  an  das  Tor  des  Hofes,  machen  da  in 
zwei  Reihen  zugleich  mit  ihm  die  Stirnaufschläge  und  heulen 
mit  ihm  zusammen. 

Jeder  Grabbesuch  einer  Kaiserin -Witwe  oder  Kaiserin  mit 
Gefolge  von  Prinzessinnen,  Harems-  und  Hofdamen  verschiedener 
Ränge  und  Grade  spielt  sich  nach  dem  Programm  eines  kaiser- 
lichen Besuches  ab.  Auch  Söhne  des  Kaisers  besuchen  bis- 
weilen die  Grabhügel  und  bringen  dann  immer  ein  großes 
Opfer  dar. 


219 

Wenn  der  Kaiser  Jenden  oder  Mukden  besucht,  darf  er 
durchaus  nicht  versäumen,  in  den  Tempeln  der  dortigen  Grab- 
hügel seiner  Vorahnen  ein  großes  Opfer  darzubringen. 

An  jedem  Neumond-  und  Vollmondtage,  sowie  am  Ge- 
burtstage des  regierenden  Kaisers  wird  in  allen  Grabtempeln 
von  den  mit  der  Verwaltung  der  Grabstätten  beauftragten  Prinzen 
und  Beamten  Weihrauch  und  Obst  geopfert.  Dasselbe  geschieht 
am  Geburtstag  jedes  Ahnherrn  und  jeder  Ahnfrau  im  be- 
treffenden Grabtempel. 


4.  Die  Götter  des  Bodens  und  der  Feldfrüchte. 

Den  kaiserlichen  Altvordern  folgen  unmittelbar  in  der 
Reihe  der  Staatsgottheiten  die  jjtt  ^  So  T s i ',  die  Götter  des 
Erdbodens  und  die  (der)  Hirse. 

Was  wir  unter  diesen  S6  zu  verstehen  haben,  lehrt  das 
klassische  Buch  5^/^^  Kiao  Te^  Sing  des  Li  Ki  in 
den  klaren  Worten:  fi  J^f  0  S#  J^  ^S  ^  ife .  die  g  6  sind  es, 
in  denen  man  das  T  a  o  der  Erde  als  vergöttlicht  verehrt.  Sie  sind  somit 
die  Gottheiten,  welche  zusammen  das  T  a  o  oder  die  gebärende 
Kraft  der  Erde  ausmachen,  also  das  Pflanzenreich  entstehen 
und  gedeihen  lassen.  Weil  nun  die  vielen  Teile  des  Erdbodens 
von  sehr  verschiedener  Beschaffenheit  sind  und  die  Gebär- 
kraft der  Erde  sich  sehr  verschiedenartig  offenbart,  werden  die 
So  als  eine  große  Mannigfaltigkeit  von  Göttern  aufgefaßt,  die 
entweder  ein  größeres  oder  kleineres  Stück  der  Erde  beseelen 
und  für  den  Menschen  fruchtbar  machen. 

In  allererster  Linie  treten  sie  also  als  Gottheiten  des 
Ackerbaues  in  den  Vordergrund.  Jeder  Acker  hat  seinen  §  6, 
auch  jedes  Dorf  und  jeder  Unterteil  des  Staatsgebiets;  sogar 
das  ganze  Reich  hat  einen  3^  jjtt  Ta  S6  oder  ^  jjtt  T*ai 
§  6,  einen  großen  oder  größten  S  ö.  Sonach  sind  diese  Götter  nicht 
bloß  Schutzpatrone  des  Landvolks,  das  ihnen  allüberall  Tempel 


220 

und  Kapellen  errichtet  und  sie  zumeist  unter  dem  Namen 
"t^lfeiP^  T'uTi  Sön,  Götter  der  Grundstücke,  verehrt,  sondern 
auch  offizielle  Götter  für  die  Verwalter  der  Unterteile  des  Reiches 
und  für  den  Kaiser.  Freilich  muß  seit  den  ältesten  Zeiten,  von 
denen  man  in  China  Kenntnis  hat  oder  zu  haben  glaubt,  die 
Erzeugung  der  menschlichen  Nahrungsmittel  durch  den  Land- 
bau als  eine  Regierungsangelegenheit  allergrößter  Wichtigkeit 
anerkannt  gewesen  sein.  In  der  Tat  lehren  uns  die  alten 
Schriften,  daß  jeder  Fürst  und  jeder  Vasall,  der  sich  ein  Reich 
gründete,  auch  für  dasselbe  eine  Opferstätte  für  die  Se  stiftete; 
und  daraus  erklärt  sich  wieder,  daß,  wie  wir  weiterhin  sehen 
werden,  heutigentags  der  Verwalter  jeder  Provinz,  jedes  Bezirks 
und  jedes  Kreises  solch  einen  Staatsaltar  hat. 

Es  liegt  also  auf  der  Hand,  daß  die  §ö  besonders  häufig 
in  den  klassischen  Schriften  als  Schutzgötter  der  Fürsten  und 
Fürstenhäuser  erwähnt  werden,  und  es  ist  nicht  wunder- 
zunehmen, daß  ihnen  in  der  Staatsreligion  die  sehr  hohe  Stelle 
unmittelbar  nach  Himmel  und  Erde  und  den  kaiserlichen 
Ahnen  zuerkannt  ist.  Offenbar  sind  sie  die  älteste  und  einfachste 
Form  der  Vergöttlichung  der  Erde,  und  es  ist  augenscheinlich, 
daß  der  Kultus  der  ganzen  Erde  als  zweite  Gottheit  des  Welt- 
ganzen erst  in  einer  späteren  Periode  höherer  Geistesentwicklung 
erdacht  und  entstanden  ist.  Es  erübrigt  sich  aber,  auf  diese 
interessanten,  uralten  Se  näher  einzugehen,  nachdem  bereits 
im  Jahre  1910  von  der  Meisterhand  des  Prof.  Chavannes  eine 
erschöpfende  Monographie  über  sie  geschrieben  ist.^  Die  nach- 
folgenden kurzen  Darstellungen  können  nur  als  eine  Ergänzung 
zu  dieser  Monographie  in  Betracht  kommen. 

Die  Verehrung  der  So  finden  wir  in  den  klassischen 
Schriften  stets  mit  der  der  ^  Tsi'  oder  Hirse  verknüpft 
Daraus   läßt   sich   entnehmen,   daß    die   Hirse   das   vornehmste 


^  Le  T'ai  Chan;   Appendice:  le  Dieu  du  Sol  dans  la  Chine  Antique. 
Annales  du  Musee  Guimet. 


221 

Getreide,  das  Hauptnahrungsmittel  des  alten  China  war,  und 
daß  das  damalige  Volk  das  Leben  der  Pflanzen  mit  dem  des 
Bodens,  auf  dem  sie  wuchsen,  gleichstellte.  So  hat  seit  alter 
Zeit  der  Doppelausdruck  jjfi:  ^  §ö  Tsi'  die  Gottheiten  an- 
gedeutet, welche  wir  in  der  Staatsreligion  auf  dem  vierten  Platz 
eingereiht  finden.  Daß  wir  dieses  Tsi'  im  Sinne  von  Feld- 
früchten  im   allgemeinen   aufzufassen   haben,   ist  offensichtlich. 

Den  heiligen  Text,  wonach  der  Ahnentempel  zur  Linken, 
die  Opferstätte  der  So  Tsi*  zur  Rechten  beim  Fürstenhofe  be- 
legen sein  sollten,  haben  wir  auf  S.  197  wiedergegeben.  Sonach 
liegt  das  jjfct^i^  So  Tsi'  T'an,  das  Opfergelände  der  Ö6  Tai', 
in  Peking  neben  den  zwei  Höfen  des  Palastes,  die  sich  zwischen 
dem  Wu-Tor  und  dem  T'iön  Ngan-Tor  erstrecken,  an  der 
Westseite.  Weil  die  §ö  Tsi'  Götter  der  Erde  sind,  hat  ihr 
Altar  dieselbe  Gestalt  wie  der  der  Erde  an  der  nördlichen 
Stadtmauer,  und  es  sind  ihm,  ebenso  wie  der  ganzen  Opfer- 
stätte, die  gleichen  universistischen  Gedanken  zugrunde  gelegt. 
Also  ist  er  eine  quadratische,  zweistöckige  Terrasse  ohne  Brü- 
stungen, genau  gegen  die  vier  Himmelsgegenden  gekehrt,  mit 
einzelnen  vierstufigen  Treppen  gerade  in  der  Mitte  jeder  Seite. 
Jeder  Stock  ist  4  Ts''i'*  hoch;  der  obere  hat  eine  Seitenlänge 
von  5,  der  untere  von  5,3  Ts'^i'. 

Diesen  bemauerten  und  gepflasterten  Erdhügel  umgibt  ein 
quadratischer  „Wall"  (Wei,  S.  145),  der  eine  Seitenlänge  von 
19,lT§ang  hat  und  4  klassische  Ts'^i'  hoch  ist.  Auf  der  Südseite 
ist  er  mit  rotglasierten  Backsteinen,  auf  der  Ostseite  mit  blauen, 
auf  der  Westseite  mit  weißen,  auf  der  Nordseite  mit  schwarzen 
bekleidet  und  mit  Dachziegeln  in  den  entsprechenden  Farben  ge- 
deckt. Eine  alte  Textstelle  berichtet  nämlich,  daß  die  Wälle  der 
Altäre  der  „großen  So"  der  Fürsten  ehemals  aus  Erde  der  vier 
Farben  der  Weltgegenden  bestanden  (s.  Chavannes,  S.  456).  Jeder 
Altartreppe  gegenüber  liegt  im  Wall  ein  marmornes  Sturztor 
mit  einem  einzigen  Durchgang  und  roten  Türflügeln.   Das  nörd- 


222 

liehe  Sturztor  wird  außen  von  zwei  bronzenen  Verbrennungstöpfen 
(iSr  Ä)  flankiert,  und  zwei  andere  stehen  beiderseits  am  Fuße 
der  nördHchen  Altartreppe.  Wie  beim  Altar  der  Erde  ist  auch 
hier  die  Nordseite  die  vornehmste,  und  deshalb  sind  beim 
Opfern  die  Seelentafeln  der  So  und  Tsi^  gegen  Norden  ge- 
kehrt. Ihre  Verehrung  durch  den  Kaiser  geht  somit  von  der 
Nordseite  aus,  wo  sich  demgemäß  in  der  Meridianachse  der 
Opferstätte,  außerhalb  des  Walls,  die  ^  ^  pai  TiÖn,  Ver- 
neigungshalle,  befindet.  Dieses  rechteckige  Gebäude  hat  ein  Einzel- 
dach, welches  auf  zwei  Reihen  von  sechs  Pfeilern  ruht;  sowohl 
in  der  Südfront  als  in  der  Nordfront  hat  es  drei  große  Türen. 
Es  erhebt  sich  auf  einem  „Erhöhungsfundament"  aus  Marmor, 
das  auf  der  nach  dem  Altar  gerichteten  Seite  drei,  auf  jeder 
anderen  Seite  nur  eine  Treppe  hat.  Durch  einen  marmornen 
Weg  ist  diese  Halle  verbunden  mit  der  in  gleicher  Lage  weiter 
nordwärts  stehenden  J^  ^  K  i '  T  i  ö  n,  Lanzenhalle,  die  von 
gleicher  Größe  und  Bauart  wie  die  „Verneigungshalle"  ist,  und 
in  der  72  Lanzen  auf  der  Ost-  und  Westseite  in  Reihen  stehen. 
Beide  Bauten  tragen  gelbglasierte  Dachsteine.  Die  Küche  be- 
findet sich  südwestlich  vom  Wall;  auch  steht  da  die  Auf- 
bewahrungskammer für  die  Götter,  die  teilweise  als  Auf- 
bewahrungskapelle der  Seelentafeln  derjenigen  Gottheiten  dient, 
denen  der  Altar  gewidmet  ist. 

Alle  diese  Baulichkeiten  sind  von  einer  roten  quadratischen 
Mauer  umgeben,  die  eine  Gesamtlänge  von  268,4  Tsang  (etwa 
900  Metern)  hat.  Sie  hat  genau  in  der  Mitte  jeder  Front  ein 
überdachtes  Tor,  das  nördliche,  also  das  vornehmste,  mit  drei, 
die  anderen  mit  nur  einem  Durchgang.  Alle  tragen,  gleichwie 
die  Mauer,  gelbe  Dachziegeln.  Vom  nördlichen  Tor  führt  eine 
Straße,  die  unmittelbar  rechtwinklig  ostwärts  abbiegt,  durch 
ein  Tor  zu  einem  zweiten,  dem  ^  >^  f^,  Tor  zur  rechten  Seite 
des  Palasttores,  durch  das  der  Kaiser  die  Altarstätte  zu  betreten 
und  zu  verlassen  pflegt. 


223 

Alljährlich  werden  auf  dem  Altar  der  Sö  Tsi'  vom  Kaiser 
oder  von  seinem  Stellvertreter  zwei  Opfer  für  die  Ernte  ge- 
feiert, und  zwar  im  mittleren  Frühlings-  und  Herbstmonat,  am 
ersten  Tage,  der  durch  das  Zykluszeichen  j^  mou  bezeichnet 
wird.  Offiziell  heißen  sie  das  jßff  jffE  k'i  So,  Betopfer,  und  das 
^/pE  P^o  S8,  Dankgabenopfer.  Das  Programm  entspricht  völlig 
dem  der  großen  Ahnenopfer. 

Am  Tage  zuvor,  wenn  der  Präsident  des  Opferamtes  den 
Altar  reinigen  und  alle  die  Vorbereitungen  zum  Opfer  treffen 
läßt,  wird  auch  auf  der  oberen  Terrasse  eine  fünffarbige 
Schicht  Erde,  welche  die  Verwaltung  des  Bezirkes  fM  ^ 
Sun-t'iön,  worin  Peking  liegt,  herbeigeschafft  hat,  auf  der 
oberen  Terrasse  aufgetragen  und  festgestampft,  blaue  auf  dem 
östlichen,  rote  auf  dem  südlichen,  weiße  auf  dem  westlichen, 
schwarze  auf  dem  nördlichen  Feld  und  gelbe  im  zentralen  Qua- 
drat. Auf  diese  Weise  wird  der  Altar,  wie  es  der  ihn  umge- 
bende „Wall"  bereits  ist,  zu  einer  Abbildung  der  ganzen  Erde 
gemacht,  welche  der  Kaiser  beherrscht,  und  die  sein  Großer 
§e  und  Großer  Tsi'  beseelen.  Eine  Schrift  der  Han-Zeit, 
das  :|^  ^  Tu'-tuan,  berichtet,  daß  für  den  Großen  So  des 
Kaisers  der  Altar  aus  Erde  der  fünf  verschiedenen  Farben  er- 
baut wurde  (Chavannes,  S.  454).  Auch  wird  genau  im  Mittel- 
punkt des  Altars  eine  sogenannte  ^  J|[x  ^;  steinerne  Seelentafel 
des  g  e,  niedergesetzt  und  hoch  um  ihren  Fuß  herum  gelbe  Erde 
angehäuft;  nach  dem  Opfer  schafft  man  den  Stein  wieder  fort, 
vergräbt  ihn  und  überdeckt  die  Stelle  mit  Holz.  Auch  dieser 
Brauch  ist  alt,  denn  er  beruht  wahrscheinlich  auf  einer  Mit- 
teilung von  ^15^  Tsing  Hüön,  auch  ^  J^  ^  Tsing 
K^ang-ts'^ing  genannt,  einem  berühmten  Gelehrten,  der  A.  D. 
127 — 200  lebte,  laut  welcher  man  Tafeln  der  So  aus  Stein  ver- 
fertigte, weil  Stein  eine  Art  Erde  ist  (Chavannes,  S.  477).  Na- 
türlich läßt  sich  vermuten,  daß  man  steinerne  Tafeln  vorzog, 
weil  diese  widerstandsfähiger  gegen  Einflüsse  von  Regen,  Sonne 


224 

und  Frost  waren  als  hölzerne;  in  der  Tat  lesen  wir,  daß  sie 
der  freien  Einwirkung  des  Himmels  ausgesetzt  wurden,  wohl 
damit  ihre  gebärende  irdische  Kraft  dann  in  volle  Wirkung 
zu  treten  vermöchte.  Es  steht  nämlich  im  Buche  Kiao  Te' 
Sing  (I)  des  Li  Ki  geschrieben:    ^  ^  i^  Jfli  Iji^  ^  ^  M 

JSLM^A^i^S^^^^iÖi?  ^^^  ^^^^^  ^  e  des  Himmelssohnes 
soll  Frost,  Tau,  Wind  und  Regen  ausgesetzt  sein,  damit  er  die  Einflüsse 
des  Himmels  und  der  Erde  intensiv  aufeinander  wirken  lasse. 

Nur  im  Palast  bereitet  sich  der  Kaiser  durch  Fasten  auf 
das  Opfer  vor;  die  geringe  Entfernung  der  Altarstätte  vom 
Palaste  macht  ein  Fastengebäude  daselbst  überflüssig.  Während 
er  sich  um  Sonnenaufgang  nach  der  Altarstätte  aufmacht,  werden 
in  der  üblichen  feierlichen  Weise  (s.  S.  166)  durch  den  Präsi- 
denten des  Opferamtes  vier  Seelentafeln  aus  der  „Aufbewahrungs- 
kammer  für  die  Götter"  geholt  und  auf  „Thronsitze"  oben  auf  dem 
Altar  niedergesetzt.  Keine  Zelte  sind  für  sie  aufgeschlagen.  Die 
Tafel  des  Großen  So  kommt  auf  die  Ost-,  die  des  Großen  Tsi' 
auf  die  Westseite  der  südlichen  Treppe,  und  sie  sind  somit  gegen 
Norden  gekehrt;  an  der  Nordseite  der  östlichen  Treppe  stellt  man 

die  Tafel  des  jöf  jh^fl  ^^^  "^'^  Kü-lung,  Herrn  der  Erde, 
Kü-lung,  und  an  der  Nordseite  der  westlichen  die  des  )gf  ^  1^ 
Hou  Tsi  öi,  des  Herrn  der  Hirse,  gegen  Westen,  bezw.  Osten 
auf.  Diese  zwei  letzteren  sind  die  P  ei  Wei  oder  neben- 
geordneten Tafeln  (S.  149).  Das  lieiHgeBuch  Tsi  Fa',  die  Opfer- 
regeln (S.  146),  erwähnt  nämhch  einen  j^J^  H<^^  T'^u,  Herrn 
der  Erde,  der  Minister  des  Kaisers  Huang  war  und  es  verstand, 
in  den  neun  Reichsprovinzen  das  verlorene  Gleichgewicht 
zwischen  Land  und  Wasser  wieder  herzustellen,  wofür  er  zum 
§ö  erhoben  wurde;  weiter,  daß  ein  gewisser  ^  Nung,  Acker- 
bauer, Sohn  des  Kaisers  ÜJ$  ;^  Sen  Nung,  in  der  Zucht  von 
Feldfrüchten  gründHch  bewandert  war  und  deswegen  als  Tsi 
mit  Opfern  verehrt  wurde.  Anderen  alten  Schriften  zufolge 
soll  dieser  Hou  T*^u  auch  Kü-lung,  dieser  Nung  auch  ^ 


225 

T  s  u  geheißen  haben,  und  letzterer  später  durch  einen  gewissen 
^  K'i  ersetzt  sein.  Diese  ÜherHeferungen  waren  vielleicht 
für  alle  Zeiten  ein  ausreichender  Grund,  um  den  beiden 
mystischen  Wesen  an  den  Staatsopfern  der  §6  Tai'  einen  An- 
teil zu  gewähren.  Es  gibt  somit  beim  kaiserlichen  Opfer  auf 
dem  Altar  vier  Opfertische,  jeder  mit  28  Schüsseln  und  Körben, 
und  vor  jedem  ein  Rind,  ein  Schaf  und  ein  Schwein.  Nur  die 
zwei  Hauptgötter  werden  mit  je  einem  Stück  Jaspis  verehrt,  und 
zwar  mit  einem  gelben,  bezw.  blauen  ^  (;^)  Kwei,  d.h. 
einer  quadratischen  Scheibe,  3  Ts'un  lang  und  breit  und 
0,3  Ts'un  dick;  die  eine  Seite  ist  flach,  die  andere  aber  von 
zwei  einander  gegenüberliegenden  Kanten  nach  der  Mitte  hin 
leicht  gewölbt,  und  in  der  Mitte  dieser  beiden  Kanten  befindet 
sich  ein  sich  jäh  verjüngendes  Flügelpaar. 

Auf  jeder  Seite  der  beiden  Haupttafeln  stehen  am  Fuß 
des  Altars  zwei  Männer,  die  mit  riesig  langen  Stöcken  die 
Vögel  von  den  Opfergaben  verscheuchen.  Der  Kaiser  hat  seinen 
„Verneigungsplatz"  außerhalb  der  drei  nördlichen  Sturztore  in 
der  Meridianachse,  die  Prinzen  und  Beamten  hinter  ihm.  Das 
Gebet  wird  auf  derselben  Seite  am  Fuße  des  Altars  vorgelesen; 
dort  haben  auch  zur  Linken  und  zur  Rechten  zwischen  dem 
Altar  und  dem  Wall  die  diensttuenden  Beamten,  die  Zensoren, 
Musikanten,  Sänger  und  Tänzer  ihre  Plätze.  Bei  schlechtem 
Wetter  findet  das  Opfer  in  der  „Verneigungshalle"  (S.  222) 
statt;  dann  werden  die  Seelentafeln,  Opfertische,  Musik  uws. 
daselbst  aufgestellt.  Und  sollte  Regen  oder  Sturmwind  die 
Feier  plötzlich  stören,  dann  werden  die  vier  Tafeln  sofort 
durch  Schreine  (^)  geschützt,  die  zu  diesem  Zwecke  bei  den 
Vogelverscheuchern  in  Bereitschaft  stehen,  während  der 
Kaiser  und  seine  Gefolgschaft  sich  in  die  „Vemeigungs- 
halle",  die  Beamten  in  die  „Lanzenhalle"  zurückziehen,  um 
da  die  verschiedenen  Opferhandlungen  aus  der  Feme  zu  voll- 
ziehen. 

De  Groot,  Universismus.  lo 


226 

Läßt  der  Kaiser  sich  als  Opferer  durch  einen  Prinzen 
vertreten,  dann  wird  dieser  von  keinen  Magnaten  begleitet, 
und  der  Ritus  des  Glücksweines  und  des  Glücksfleisches  fällt 
fort.  Dasselbe  gilt  für  die  Opfer,  welche  der  Kaiser  zur  Be- 
kanntmachung wichtiger  Ereignisse  den  So  Tsi'  darbringen 
läßt;  weil  auch  von  ihrem  Schutz  und  Wohlwollen,  ebenso  wie 
von  dem  des  Himmels,  der  Erde  und  der  Ahnen,  sein  Thron 
und  Haus  abhängig  sind.  An  solchen  Opfern  sind  die  zwei 
„nebengeordneten  Götter"  nicht  beteiligt. 

Wie  wir  bereits  auf  S.  182  verzeichneten,  werden  nach 
dem  großen  Regenopfer  des  ersten  Sommermonates,  falls  Regen 
ausbleibt,  die  SÖ  Tsi^  um  Regen  gebeten.  Der  Kaiser  selbst 
oder  ein  Prinz  als  sein  Stellvertreter,  bringt  zu  diesem  Zwecke 
in  derselben  Weise  wie  im  Frühling  ein  Opfer  dar.  Er  trägt, 
ebenso  wie  die  ihn  begleitenden  Magnaten,  ein  schmuck- 
loses Gewand  mit  Regenkappe  und  geht  demütig  von  der 
Brücke  des  Goldflusses  (S.  IHO)  an  zu  Fuß  zum  Altar.  Das 
Opfer  wird  ohne  Orchester,  ohne  Tänze,  ohne  Opfertiere,  ohne 
Glückswein  und  Glücksfleisch  gefeiert  (vgl.  S.  183).  Die  Texte 
der  sieben  Hymnen  sind  dazu  angetan.  Regen  herbeizube- 
schwören und  eine  reiche  Ernte  zu  sichern.  Und  wenn  der 
Regen  gefallen  ist,  feiert  der  Kaiser  oder  ein  Prinz  an  einem 
glücklichen  Tage  ein  „Dankgabenopfer",  das  dem  des  Herbstes 
gleicht  (s.  S.  223),  also  mit  großem  Opfergewande,  Orchester, 
Opfertieren,  Glückswein  und  Glücksfleisch. 

Auf  ganz  ähnliche  Weise  verfährt  man,  wenn  ein  Über- 
maß von  Regen  fällt  und  somit  um  klares  Wetter  gebetet  wird 
(0r  B^)?  ^^^  wenn  dann  schönes  Wetter  eintritt;  schließHch 
auch,  wenn  im  Winter  Schneefall  ausbleibt. 

Es  ist  bereits  hervorgehoben  worden,  daß  jeder  Unterteil 
des  Reichsgebietes  von  jeher  seinen  eigenen  Se  besaß.  Das 
heilige  Buch  Tsi  Fa'  (S.  146)    erhebt  das  über  allen  Zweifel, 


227 
denn    da   steht   geschrieben:    3E  ^  ^  jft  JL  jjtt  0  3^!  ijtt 

ii  1^  iilifi  H  I  fiio^ -^  :)^  W  #  jt  jjfi  0  li 

JUC  )jii  H  S  Jjtt-  ^®^  ^^»  welchen  der  König  für  das  gesamte  Volk 
einsetzt,  heißt  der  Größte  Se,  und  der,  welchen  er  einsetzt  für  sich  selbst, 
heißt  des  Königs  So.  Der  So,  den  ein  Lehnsfürst  für  sein  Volk  errichtet, 
heißt  der  So  des  Reiches,  und  der,  welchen  er  einsetzt  für  sich  selbst,  heißt 
der  Öö  des  Lehnsfürsten.  Und  der  So,  den  ein  Groß wesir,  ein  Lehnsfürst 
niederen  Ranges  und  eine  ganze  Volksgruppe  sich  einsetzt,  heißt  der  er- 
richtete So.  Den  Verhältnissen  der  Gegenwart  entsprechend, 
haben  diese  Vorbilder  der  heiligen  Alten  zu  der  Staats  Vorschrift 
geführt,  daß  die  Hauptstadt  jeder  Provinz,  jedes  Bezirks  (Fu  oder 
Tsou)  und  jedes  Kreises  (Hiön)  im  Besitz  eines  Altars  für  die  So 
T  s  i '  sein  soll,  und  daß  der  höchste  Mandarin  des  von  dort  aus 
verwalteten  Gebietes  daselbst  für  das  Volk  ein  Bet-  und  Dankopfer 
darbringen  muß  am  selben  Frühlings-  und  Herbsttage,  an  dem 
der  Kaiser  in  der  Keichshauptstadt  dem  Größten  So  Tsi'  opfert. 
Alle  Zivil-  und  Militärbeamte  sind  verpflichtet,  sich  an 
dem  Opfer  zu  beteiligen;  auch  leitende  Gelehrte  und  Gra- 
duierte sollen  ihm  beiwohnen  oder  hier  Dienst  tun.  Jeder  trägt 
dabei  Hofgewand.  Das  Programm  ist  von  dem  der  kaiserlichen 
Opfer  nicht  verschieden;  es  dürfen  aber  unter  den  Opfergaben 
auch  Erzeugnisse  der  Gegend  angeboten  werden,  allein  weder 
Jaspis,  noch  Rind,  wohl  aber  ein  Schaf  und  ein  Schwein.  Mu- 
sik und  Tänze  sind  nicht  vorgeschrieben.  In  bezug  auf  den 
Altar  ist  nur  verordnet,  daß  er  gegen  Norden  gekehrt  sein  und 
sich  auf  trockenem  Boden  in  luftiger  Lage  befinden  soll.  Daß 
man  ihn  überall  quadratisch  aus  Erde  erbaut  und  mit  Stein 
bemauert  und  pflastert,  ist  mindestens  wahrscheinhch ;  da  aber 
im  allgemeinen  die  Bauten  der  Staatsreligion  in  den  Provinzen 
von  den  Gelehrten  und  Notabein  instand  gehalten  werden, 
darf  man  erwarten,  sie  in  den  verschiedensten  Graden  von  der 
sorgsamsten  Pflege  bis  zum  ärgsten  Verfall  anzutreffen. 

16* 


Achtes  Kapitel. 


Der  Oötterkult  des  Eonfuzianismus  (III). 

Die  bisher  beschriebenen  Staatsopfer  bilden,  wie  der  Leser 
schon  erkannt  hat,  einen  vollständigen  Opferkult  des  ganzen 
Universums,  der  in  der  Tat  Himmel,  Erde,  Sonne,  Mond  und 
Sterne,  Wind,  Regen,  Wolken  und  Donner  umfaßt,  nebst  den 
Seelen  heiliger  fürstlicher  Toten  und  der  götthchen  Naturkraft 
des  Wachstums  und  Gedeihens,  die  der  Menschheit  die  Lebens- 
möglichkeit gewährt.  Das  erklärt  uns,  weshalb  diese  Opferriten 
in  der  Staatsreligion  zu  einer  abgerundeten  Hauptgruppe  ver- 
einigt sind,  und  weshalb  dieser  der  Titel  ^  jfjj^  t  a  S  ß,  die 
großen  oder  Hauptopfer,  beigelegt  ist.  Obzwar  sie  ein  vollständiges 
System  der  Verehrung  des  Alls  darstellen,  konnte  ein  Ausbau 
nicht  unterbleiben.  In  den  heiligen  Schriften  wurde  nämlich 
noch  eine  große  Anzahl  heiliger  Menschen  erwähnt,  welche  der 
Welt  das  Tao  offenbart  und  es  sie  gelehrt  hatte,  und  deren 
Verehrung  deshalb  zur  Förderung  des  richtigen  Laufes  dieser 
Weltordnung  unumgänglich  blieb.  Außerdem  wurden  in  diesen 
Schriften  weitere  Unterteile  des  Universums  als  Gegenstände 
spezieller  Verehrung  erwähnt,  und  wir  wissen,  daß  alles  in 
diesen  Schriften  Enthaltene  heiliges  Gesetz  bildet. 

Die  Staatsreligion  hat  diese  weiteren  Gottheiten  in  zwei 
Gruppen  geordnet,  und  zwar  in  der  Reihenfolge,  in  der  wir 
sie  der  Behandlung  unterziehen  werden.  Die  der  ersten  Gruppe 


229 

dargebrachten  Opfer  bilden  die  PJ^  jjfE  tsung  So,  die  mittleren 
Opfer,  und  die  anderen  die  ^  jjtß  kiün  So,  die  sämtlichen 
übrigen  Opfer. 

5.  Sonne  und  Mond. 

Voran  unter  den  Göttern  der  „mittleren  Opfer"  stehen  die 
zwei  großen  Himmelslichter.  Alljährlich  wird  diesen  je  ein 
großes  Staatsopfer  dargebracht.  Seit  den  ältesten  Zeiten  war 
für  das  Sonnenopfer  das  Frühlingsäquinox  angesetzt,  weil  dann 
die  Tage  länger  als  die  Nächte  werden,  und  das  Jang,  dessen 
höchste  Kraft  die  Sonne  ist,  das  Jin  überwindet.  Die  Opfer- 
stätte lag  am  Osten  des  Fürstenhofes,  weil  da  die  Sonne  aufgeht, 
und  man  selbstverständlich  glaubte,  sie  bei  ihrer  Besiegung  des 
Dunkels  dort  verehren  zu  müssen.  Und  was  den  Mond  betrifft, 
so  konnte  sein  jährliches  Opfer,  da  dieses  Licht  der  Nacht  für 
einen  Unterteil  des  Jin  galt  und  somit  als  das  Gegenstück 
der  Sonne  betrachtet  wurde,  nur  am  Herbstäquinox  stattfinden, 
und  zwar  im  Westen,  wo  er  beim  Untergang  der  Sonne  in  er- 
neuter Gestalt  zum  Vorschein  kommt.  Nur  in  dieser  Weise 
ließ  sich  eine  korrekte  Anpassung  an  das  Tao  des  Weltalls 
erzielen. 

Sätze  in  den  heiligen  Büchern,  die  das  Bestehen  dieser 
universistisch-religiösen  Regeln  in  den  heiligen  alten  Zeiten  ver- 
künden und  somit  ihre  Befolgung  allen  Jahrhunderten  auf- 
gezwungen haben,  sind  unter  anderen  die  folgenden: 

^  ^  ^  i^  ffii  15  0  :i?^  m  PI  ^  ^Kb««»^  5  ^ 

Ju'  Tsao  des  Li  Ki,  gleich  im  Anfang).  Der  Sohn  des  Himmels 
mit  dunkler  Krone  erweist  der  Sonne  die  Morgenverehrung  außerhalb  des 
östlichen  Tores. 

^  gg  (Buch  T  S  i  I,  I,  des  Li  K  i).  Der  Sonne  opfert  man 
auf   einem    Altar,    dem    Monde    in    einer   Bodensenkung,    um    Unterschied 


230 

zwischen  Licht  und  Dunkel  zu  machen  und  die  höhere  und  die  niedere 
Stelle  (beider  Himmelslichter)  darzustellen.  Der  Sonne  opfert  man  im  Osten, 
dem  Monde  im  Westen  .  .  .,  denn  die  Sonne  geht  im  Osten  auf,  und  der 
Mond  wird  im  Westen  geboren. 

Sowohl  den  universistischen  Anschauungen  als  den  heiligen 
Schriften  entsprechend  liegt  das  große  0  JJ  Zi'  T'^an  oder 
Opfergelände  der  Sonne  außerhalb  der  Östlichen  Mauer  Pekings, 
bei   dem  Tor,  das  amtlich  den  entsprechenden  Namen  ^  ^ 

P^  TsaoJangMön  trägt,  Tor,  wo  dem  Jang  die  Morgenverehrung 
dargebracht  wird.  In  ganz  entsprechender  Lage  befindet  sich  das 
M^  Jue'  T'an  oder  Opfergelände  des  Mondes  an  der  Westfront 
der  Stadt,  beim  ^J|J(jP^  Fou  Ts'ing  Mön.  Dieser  Name  ist 
eine  Abkürzung  von  _^  )j^  ^|<  ^,  Bereicherung  und  Ergänzung 
der  Volksmasse,  eine  im  S  u  (Buch  ^  *^  TsouKuan)  erwähnte 
Pflicht  der  gesamten  Staats dienerschaft;  das  westliche  Tor 
Pekings  trägt  den  Namen  „Bereicherung  und  Ergänzung"  als 
eine  Anspielung  auf  den  Herbst  mit  seinem  Erntesegen,  der  mit 
dem  Westen  identifiziert  wird. 

Der  Altar  der  Sonne  ist  eine  quadratische,  genau  gegen 
die  vier  Weltgegenden  gerichtete,  einstufige  Terrasse,  mit  grauen 
Backsteinen  gemauert  und  ringsum  mit  einer  Umrandung  von 
Marmorquadern  versehen.  Die  Oberfläche  ist,  so  heißt  es,  mit 
goldfarbigen  Ziegeln  gepflastert;  bei  meinem  Besuch  im  Jahre 
1890  war  aber  von  dieser  Farbe,  die  natürlich  das  goldstrahlende 
Licht  der  Sonne  darstellen  soll,  nichts  mehr  zu  sehen;  sie  hatte 
sich  in  eine  aschgraue  verwandelt.  Die  Höhe  der  Terrasse 
beträgt  5,9  Ts*i';  die  Länge  jeder  Seite  ist  5  Tsang,  also 
etwa  17  Meter.  In  der  Mitte  jeder  Seite  liegt  eine  Marmor- 
treppe von  neun  Stufen.  Brüstungen  oder  Geländer  hat  der 
Altar  nicht. 

Der  rote  Wall  (J|a  Wei),  der  diesen  Altar  umgibt,  ist 
kreisrund,  765  Ts'^i'  lang  und  8,1  klassische  Ts'i'  hoch.  Er 
steht  somit  etwa  26  Meter  vom  Fuß  der  Treppen  ab.    Es  ist  auf- 


231 

fallend;  daß  auch  beim  Bau  dieses  Altars  die  ungeraden  oder 
Jan g- Zahlen  mit  Sorgfalt  beobachtet  sind.  Genau  gegen 
Norden,  Osten  und  Süden  hat  der  Wall,  der  grüne  Dachziegel 
trägt,  ein  einziges  Sturztor  aus  Marmor,  gegen  Westen  aber 
drei,  und  zwar  weil  der  Opferer  sich  gegen  Osten  richten 
muß,  und  am  Westen  also  die  vornehmste  Seite  des  Altars 
liegt,  gegen  welche  die  Seelentafel  der  Sonne  sich  kehrt.  Sechs 
Reihen  stattlicher  Zypressen  umgürten  den  Kreiswall. 

Gerade  nördlich  vom  nördlichen  Sturztor  steht  ein  langes, 
dem  Altar  zugewandtes  Gebäude,  das  je  einen  Aufbewahrungs- 
raum für  Opfergeräte,  für  Musikinstrumente  und  für  Matten 
von  Palmfasern  enthält.  Etwas  westlicher  erhebt  sich  ein 
schöner  Glockenturm  (^  ;|^)  mit  roten  Mauern  auf  hohen 
marmornen  Grundlagen  und  mit  einem  doppelten  Dach  von 
grünglasierten  Ziegeln.  Nordöstlich  vom  Kreiswall  liegt  ein 
viereckiger  ummauerter  Raum  mit  dem  nach  Westen  gekehrten 
„Aufbewahrungshaus  für  den  Gott",  in  dem  auch  die  Seelentafel 
der  Sonne  in  einem  Schrein  aufbewahrt  wird;  auch  befindet 
sich  dort  die  Küche,  aber  das  Schlachthaus  steht  in  einem 
anderen  ummauerten  Raum  daneben.  Endlich  liegt  nordwestlich 
vom  Altar  in  einer  größeren  Entfernung  ein  viereckiger  Raum 
mit  einer  nach  Süden  gekehrten  ^  ^^  ^,  Bekleidungshalle,  wo 
sich  der  Kaiser  sowohl  vor  wie  nach  dem  Opfer  eine  Weile 
aufhält.  Die  Decke  dieses  Gebäudes  ist  eine  interessante  und 
schöne  Holzkonstruktion. 

Die  verschiedenen  Gebäude  und  Mauern  dieser  Opferstätte 
tragen  grüne  Dachziegeln.  Sie  ist  umschlossen  von  einer  Um- 
fassungsmauer, die  insgesamt  290,5  Tsang,  also  ungefähr 
980  Meter  lang  ist,  aus  großen  grauen  Backsteinen  besteht 
und  graue  Ziegeln  trägt.  Auf  der  West-,  Süd-  und  Nordseite 
läuft  diese  Mauer  schnurgerade,  auf  der  Ostseite  konvex.  In 
der  Westfront  hat  sie,  dem  Altar  gerade  gegenüber,  ein  über- 
dachtes Tor  mit  drei  Durchgängen  und  grünglasierten  Ziegeln. 


232 

Außerhalb  desselben  erstreckt  sich  ein  von  vielen  Zypressen 
beschatteter  Hof,  auf  der  Westseite  abgeschlossen  durch  eine 
freistehende,  rote,  sop^enannte  ^  ^g,  Schutzmauer,  die  offen- 
bar bezweckt,  den  schädlichen  J  i  n  -  Einflüssen  des  Westens 
den  Zutritt  durch  das  Tor  zu  versperren.  Den  eigentlichen 
Haupteingang  zum  Altar  bildet  aber  ein  ähnhches  Tor  in  der 
Nordfront,  unweit  des  oben  erwähnten  Glockenturmes.  Es  ist 
ebenfalls  durch  eine  freistehende  „Schutzmauer"  vor  den  Ein- 
flüssen des  Nordens  gedeckt.  Von  diesem  Tor  biegt  eine  Straße 
unmittelbar  östlich  ab  und  läuft  längs  der  Umfassungsmauer, 
an  deren  Ende  sie  sich  rechtwinklig  nach  Norden  kehrt  und 
dann  von  zwei  schweren,  3  Meter  hohen  Schutzmauern  aus 
großen  Backsteinen  mit  grauen  Dachziegeln  flankiert  wird. 
Da  bildet  sie  also  eine  Allee,  die  900  Schritt  lang  und  nicht 
weniger  als  3ö,3  Meter  breit  ist,  und  die  in  der  Mitte  ein  7,90 
Meter  breites  Pflaster  aus  großen  grauen  Backsteinen  hat. 
Den  Eingang  der  Allee  bildet  eine  rote  Holzpalisade,  hinter 
welcher  eine  zierliche,  buntbemalte  hölzerne  P*ai  Fang  mit 
drei  Durchgängen  und  grünen  Ziegeln  steht  (vgl.  S.  188).  Die 
Tafel  dieser  Pforte  trägt  die  Inschrift  ^  ^  |^,  Straße  des 
glorreichen  Aufstieges  der  Sonne,  mit  der  Mantschu -Version  da- 
neben. 

Die  Opfer  Stätte  des  Mondes  ist  von  der  der  Sonne  kaum 
verschieden;  es  kommt  aber  in  ihr  keine  einzige  gebogene  Bau- 
linie vor,  und  zwar  weil  der  Mond  zum  Jin  gehört  und  seine 
Opferstätte  mithin  der  der  quadratischen  Erde,  die  auch  Jin 
ist,  entsprechen  soll.  Der  Wall  (Wei),  der  den  Altar  umgibt, 
ist  somit  quadratisch;  er  hat  eine  Gesamtlänge  von  94,7  Tsang 
und  eine  Höhe  von  8  klassischen  Ts'^i'  und  ist  auf  beiden 
Seiten  weiß,  zur  Darstellung  der  Farbe  des  Mondlichtes  und  des 
Westens.  Das  dreifache  Sturztor  dieses  Walles  befindet  sich  in 
der  Ostfront,  weil  dort  der  Opferer  den  Altar  zur  Verehrung 
der  Mondtafel  betritt,  die  auf  der  westlichen  Seite  des  Altars 


233 

steht.  Der  Altar  selbst  ist  4,6  Ts'i'  hoch  und  auf  jeder  Seite 
4  Tsang  lang.  Die  Treppen  sind  sechsstufig.  Die  geraden 
oder  Jin- Zahlen  spielen  hier  also  ihre  Rolle. 

Die  Gebäudegruppen  sind  denen  des  Sonnenaltars  gleich, 
haben  jedoch  eine  andere  Lage,  auf  die  näher  einzugehen  sich 
nicht  verlohnt.  Die  Umfassungsmauer  hat  keine  gebogene  Seite 
und  ist  im  ganzen  235,95  Tsang  lang.  Die  Straße,  welche  auf 
ähnliche  Weise  wie  beim  Sonnenaltar  zum  Haupteingang,  dem 
Nordtor,  führt,  heißt,  wie  es  die  Holztafel  auf  der  P*ai  Fang 

in  den  zwei  Sprachen  angibt,  ^fe  ^|^  f^;  Straße  des  Wachstums 
des  Mondlichts. 

Das  Opfer  des  Frühlingäquinox  trägt  den  klassischen 
Namen  ^  Q  Tsao  tii\  die  Morgenverehrung  der  Sonne  (vgl. 
S.  229),  und  findet  beim  Sonnenaufgang  statt;  das  Opfer  des 
Herbstäquinox  heißt  entsprechend  ^  ^  Si'  Juö',  die  Abend- 
verehrung des  Mondes,  und  wird  beim  Untergang  der  Sonne 
dargebracht.  Bekanntlich  zählte  man  in  China  seit  altersher 
die  Jahre,  Monate  und  Tage  mittels  der  zehn  Zykluszeichen 
^Li^TjJcB^^-i^  lind  auch  mittels  der  zwölf 
Zeichen  "^  ä  ^  ^P  Jg  B  ^  *  ^  S  >*  ^-  Nun  bringt 
der  Kaiser  persönlich  der  Sonne  das  Opfer  dar  in  den  Jahren 
^P5iJC^  und  ^,  also  regelmäßig  jedes  zweite  Jahr,  und 
das  Mondopfer  in  den  Jahren  -jj  J^  ^  und  ^,  also  regel- 
mäßig alle  drei  Jahre  einmal.  In  allen  anderen  Jahren  werden 
die  beiden  Opfer  durch  einen  der  allerhöchsten  Prinzen  als 
kaiserlichen  Stellvertreter  gefeiert. 

Die  Vorbereitungen  und  die  Riten  entsprechen  vollkommen 
dem  uns  bekannten  allgemeinen  Programm.  Opfertiere  sind  ein 
Rind,  ein  Schaf  und  ein  Schwein.  Die  Sonne  wird  mit  einem 
roten  -^  Pi'  verehrt,  d.  h.  mit  einer  kreisrunden  Jaspisscheibe, 
die  einen  Durchschnitt  von  4,6  Ts'un  und  eine  Stärke  von 
0,5  Ts*un  hat  und  ein  quadratisches  Loch  in  der  Mitte  be- 
sitzt.   Dem   Monde   wird   auf  seinem  Opfertisch   ein   ähnliches 


234 

weißes  Pi'  niedergesetzt;   das  3,6  Ts'un  im  Durchmesser  hat 
bei  0,3  Ts'un  Dicke. 

Beim  Sonnenopfer  steht  die  yS^^'j^)  die  Tafel  des  Großen 
Lichtes;  auf  einem  Thronsitz  mitten  vor  der  östlichen  Treppe 
des  Altars,  gegen  Westen  gekehrt.  Ein  Schrein  zur  Beschützung 
der  Tafel  im  Falle  schlechten  Wetters  steht  am  Fuß  dieser 
Treppe  neben  den  beiden  Vogelverscheuchern.  Der  Kaiser  oder 
sein  Stellvertreter  hat  seinen  „Yerneigungsplatz"  oben  auf  dem 
Altar,  mitten  hinter  der  westlichen  Treppe.  Während  des  Mond- 
opfers steht  die  ^^^'j^,  die  Tafel  des  Lichtes  der  Nacht,  in  einem 
viereckigen  weißen  Zelt  mitten  an  der  westlichen  Treppe,  also 
gegen  Osten  gekehrt,  und  der  Opferer  hat  daher  seinen  Ver- 
neigungsplatz  gegen  Westen,  an  der  östlichen  Treppe.  Der 
Sonne  gesellen  sich  beim  Opfer  keine  anderen  Tafeln,  dem 
Monde  dagegen  die  derselben  Sterne  zu,  welche  auch  auf  dem 
Himmelsaltar  als  „Gefolgschaftsgötter"  Opfer  empfangen,  näm- 
lich des  Siebengestirnes,  der  fünf  Planeten,  der  28  Haupt- 
gestirne und  der  Sterne  des  ganzen  Firmaments  (vgl.  S.  149). 
Ihre  vier  Tafeln  stehen  alle  zusammen  in  einem  weißen,  vier- 
eckigen Zelt  auf  dem  Altar  an  der  Nordseite,  westlich  von  der 
Treppe,  und  zwar  in  der  Rangordnung  von  P*ei  Wei  oder 
nebengeordneten  Sitzen.  Sie  empfangen  gemeinschaftlich  nur  einen 
Satz  von  Opfergaben. 


6.  Der  Schutzgott  des  Ackerbaues. 

Die  Reichshauptstadt  sowohl  wie  der  kaiserliche  Palast, 
der  ihr  Zentrum  bildet,  sind  nach  streng  universistischen  Grund- 
sätzen angelegt.  Die  Hauptstraßen  und  Tore,  Mauern,  Höfe 
und  Hallen,  Opferstätte,  Tempel  und  Altäre  stellen  fast  aus- 
nahmslos Linien  dar,  die  genau  süd-nördlich  oder  ost-westHch 
laufen.  Eine  Meridianachse  durchschneidet  alle  die  gegen  Süden 
gekehrten   Hauptgebäude   (^  Tiön)    des   Palastes   mit    ihren 


235 

Toren  und  Höfen  genau  in  der  Mitte,  und  ihre  südliche  Ver- 
längerung bildet  eine  zentrale  Hauptstraße  der  Stadt,  auf  deren 
östlicher,  d.  h.  der  vornehmeren  Seite  das  große  Opfergelände  des 
Himmels  sich  erstreckt.  In  entsprechender  Lage  liegt  auch  auf 
ihrer  Westseite  ein  ausgedehntes  Opfergelände,  dessen  Außen- 
mauer (wei  Juan)  vier  Fronten  in  einer  Gesamtlänge  von 
1368  Tsang  (dz  4,6  km)  hat,  und  dessen  Nordfront  gleichwie 
beim  Himmelsaltar  zu  einem  Kreisbogen  ausgebuchtet  ist.  Sie 
ist  aus  großen  Backsteinen  erbaut  und  trägt  überall  ein  nach 
beiden  Seiten  abfallendes  Ziegeldach. 

Viele  Altäre,  Tempel,  Tore,  Mauern  und  andere  Bauten 
verschiedener  Art  liegen  in  dieser  ausgedehnten  Opferstätte 
zerstreut  und  bilden  ausschließlich  ost- westlich  und  nord-südlich 
laufende  Baulinien.  Der  Hauptaltar  ist  der  des  ^  ^  Siön 
Nung,  des  Vorgängers  im  Ackerbau,  der  in  der  Reihe  der  Staats- 
götter den  Platz  unmittelbar  nach  dem  Monde  innehat.  Er  ist 
seit  altersher  der  allgemein  anerkannte  Erfinder  oder  Urheber 
des  Landbaues,  der  Heilige,  der  es  verstand,  die  schaffende 
Kraft  des  Tao  zur  Ernährung  der  Menschheit  zu  verwerten, 
einer  der  fünf  frühesten  Kaiser  oder  Führer  der  Menschheit  im 
Tao,  also  einer  der  großen  Gründer  des  Tao  des  Menschen. 
Er  soll  mit'Ji^^  Sen  Nung,  dem  Göttlichen  Ackerbauer,  den 
wir  auf  S.  131  kennen  gelernt  haben,  identisch  sein.  Er  ist 
im  universistischen  System  einer  der  fünf  göttlichen  Unterteile 
des  Weltganzen,  und  zwar  der  südliche.  Man  legt  ihm  daher 
den  Namen  ^^  Ts'i'  Ti,  Roter  Kaiser,  bei,  da  diese  Farbe 
mit  dem  Süden  identifiziert  wird  (vgl.  S.  171)  und  deswegen 
auch  mit  dem  Sommer,  wo  die  Natur  voller  Lebenskraft 
ist  und  das  Getreide  daher  üppig  wächst.  Auch  heißt  er 
j^  ^  JSn  Ti,  der  Flammende  Kaiser.  Sein  Vorgänger  war 
H  '^  Ts'ing  Ti,  der  Blaue  Kaiser,  mit  dem  Osten  und  dem 
Frühling  identifiziert;  dieser  heißt  auch  ^JlC  ^  T'ai  Hao, 
Größtwerdender  Glanz,  und  ^^  Fu'-hi.    Sön  Nung's  Nach- 


236 

folger  war  ^^  HiSn-juan,  der  auch  ^*^  Huang  Ti^ 
der  Gelbe  Kaiser,  heißt  und  also  Herrscher  des  Zentrums  des 
Weltalls  war,  so  daß  Sö-ma  Ts'iön,  der  Vater  der  Geschicht- 
schreihung;  glaubte,  ihn  an  die  Spitze  der  Geschichte  Chinas 
stellen  zu  müssen.  An  diesen  reiht  sich  der  ^  ^  Pe'  Ti 
oder  Weiße  Kaiser,  der  Kaiser  der  Farbe  des  Westens  und  des 
Herbstes,  der  sehr  zutreffend  auch  ^J^  0^  ßao  Hao,  Abnehmen- 
der Glanz,  heißt  und  ^  ^  Kin  T'^iSn,  Himmelsgegend  des  Me- 
talls, des  Elements,  das  dem  Westen  entspricht  (vgl.  S.  120). 
Und  dessen  Nachfolger  endlich  war  ^  J^  Tsuan-sü',  der 
^  ^  H  e  "*  T  i  oder  Schwarze  Kaiser,  der  Herrscher  des  Nordens 
und  des  Winters,  auch  ganz  zutreffend  "^  ^  Kao  Jang,  das 
emporgestiegene  Jang,  genannt. 

Die  Wahrheit  dieser  universistischen  Darstellung  der  Ur- 
geschichte des  Tao  der  Menschheit  anzuzweifeln,  ist  dem  Ge- 
lehrtentum  Chinas  wohl  nie  eingefallen,  denn  sie  beruht  auf 
Angaben  heiliger  und  alter  Bücher,  wie  des  Jue'  Ling  und 
des  Hung  Liö'  Kiai  (Kap.  3).  Nichtsdestoweniger  ist  es 
immerhin  zweifelhaft,  ob  die  Gleichstellung  von  SiÖn  Nung, 
dem  Vorgänger  des  Ackerbaues,  mit  Sßn  Nung,  dem  Göttlichen 
oder  Heiligen  Landbauer,  richtig  ist,  und  zwar  weil  jener  sehr  gut 
der  Nung  sein  könnte,  nämlich  SSn-Nungs  Sohn,  der,  wie 
wir  auf  S.  224  erwähnten,  in  der  uralten  Zeit  zum  Schutzgott 
des  Getreides  erhoben  wurde.  Aber  hiergegen  läßt  sich  wieder 
anführen,  daß  im  zweiten  Teil  des  H  i  T  s  6  folgender  Satz  vor- 
kommt:    ^  ^  Ä  Jl .  1*  :S  ^  #  o  ijf  ^  ^  ^B  ,  :^ 

Als  Pao-hi  (Fu*-hi)  gestorben  war,  regierte  Sön  Nung.  Er  schnitt  Pflug- 
scharen aus  Holz  und  bog  Holz  zu  Pflugsterzen,  und  über  die  Vorteile, 
welche  Pflugsterze  und  Karst  brachten,  belehrte  er  die  ganze  Welt.  So  ist 
es  gekommen,  daß  man  die  Vorteile  davon  erntet.  Angesichts  dieses 
heiHgen  Satzes  aus  dem  heiligen  Ji'  läßt  sich  wohl  nicht  in 
Zweifel  ziehen,  daß  der  Schutzgott  des  Ackerbaues  der  Staats- 


237 

religion  in  Wirklichkeit  §ön  Nung  ist,  und  daß  Sißn  Nung 
mithin  bloß  eine  andere  Benennung  für  denselben  Gott  darstellt. 

Zwei  große  Tore,  jedes  mit  drei  Durchgängen,  bilden  an 
der  Ostfront  die  Haupteingänge  zu  dem  Opfergelände.  Sie 
tragen  tiefschwarze  Dachziegeln,  welche  von  Reihen  grüner 
eingerahmt  sind.  Das  nördliche  heißt  ^fc  ^  P^  T'ai  Sui  Mßn, 
Tor  des  Größten  Jahrkreises,  das  Südliche  ist  das  ;4r  -Ä  Ä  P^ 
Sign  Nung  T'an  Mön,  Tor  des  Opfergeländes  von  Sien  Nung. 
Sie  führen  zum  nördlichen,  bezw.  östlichen  Tor  einer  roten 
viereckigen  Innenmauer  (Nei  Juan),  die  beide  drei  Durch- 
gänge haben  und  schwarze  und  grüne  Dachziegeln  tragen, 
ebenso  wie  zwei  weitere  gleichartige  Tore,  welche  diese  Mauer 
in  der  Süd-  und  Westfront  besitzt. 

Der  Siön  Nung  T'an,  der  Altar  des  Sien  Nung,  liegt  im 
südwestlichen  Teil  dieses  Vierecks.  Er  ist  aus  großen  Back- 
steinen und  Marmorquadern  erbaut  und  den  Altären  der  §S 
Tsi',  der  Sonne  und  des  Mondes  ganz  ähnlich.  Auf  jeder 
Seite  ist  er  4,7  Tsang  lang  und  4,5  Ts'i'  hoch;  die  vier 
Treppen  sind  achtstufig.  Gerade  nördlich  vom  Altar  liegt  ein 
ummauerter  Raum  mit  dem  „Aufbewahrungshaus  des  Gottes" 
im  nördlichen  Hintergrund;  quer  davor,  einen  Hof  bildend,  stehen 
ein  Aufbewahrungshaus  für  die  Musikinstrumente  und  die 
Küche,  mit  je  einem  Brunnenpavillon.  Das  Schlachthaus  steht 
außerhalb  dieses  Raumes  auf  der  Westseite. 

Auf  diesem  Altar  bringt  der  Kaiser,  oder  ein  Prinz 
höchsten  Ranges  (Wang)  als  sein  Stellvertreter,  im  zweiten 
oder  dritten  Monat  des  Frühlings  dem  SiÖn  Nung  ein  feierliches 
Opfer,  und  zwar  an  einem  glücklichen,  durch  das  Zykluszeichen 
^  hai  bezeichneten  Tage,  der  bereits  im  Vorjahr  durch  das 
Ministerium  der  Li  dazu  empfohlen  war  und  rechtzeitig  den 
Ministerien  in  der  Hauptstadt  und  den  Behörden  in  den  Pro- 
vinzen bekannt  gegeben  wurde.  Und  am  Tage  vor  dem  Opfer 
wird   in   der   uns   bekannten  Weise   durch   einen   Prinzen   den 


238 

Ahnen  im  Fung  SiÖn  Tiön  feierlich  bekannt  gegeben,  daß 
der  Kaiser  das  Opfer  begehen  wird. 

Während  des  Opfers  steht  die  Seelentafel  des  Gottes  in 
der  Mitte  der  Nordseite  des  Altars  gegen  Süden  gekehrt,  in 
einem  viereckigen  Zelt,  das,  weil  Si6n  Nung  ein  Kaiser  war, 
entsprechend  der  speziellen  Farbe  des  Kaisertums,  gelb  ist. 
Das  Programm  der  Vorbereitungen  und  das  Ritual  sind  uns 
bekannt,  gleichwie  die  drei  Opfertiere  und  die  24  Schüsseln 
und  Körbe  mit  Opfergaben.  Das  Gebet,  die  Seide,  der  Weih- 
rauch und  der  Wein  werden  am  Ende  der  Feierlichkeit 
nicht  verbrannt,  sondern  in  eine  Grube  geworfen,  die  sich 
südöstlich  vom  Altar  befindet. 

Unmittelbar  nach  dem  Opfer  begibt  sich  der  Kaiser  in 
den  Tempel  des  "^  ^  T  '  a  i  S  U  i,  des  Größten  Jahrkreises,  der, 
wie  wir  später  sehen  werden,  unweit  des  Altars  in  derselben 
Ummauerung  liegt,  und  bietet  daselbst  dieser  Staatsgottheit, 
dem  Planeten  Jupiter,  Weihrauch  dar.  Dann  läßt  er  sich  von 
den  beiden  Präsidenten  des  Opferamts  und  einigen  hohen 
Kammerherren  (  ßj  ^Ac  E)  ^^^^^  der  _^  ^^  ^  oder  Bekleidungs- 
halle  führen,  die,  gegen  Süden  gekehrt,  südöstlich  vom  Altar 
steht.  Da  legt  er  das  Opfergewand  ab,  zieht  seinen  gelben,  mit 
Drachen  brodierten  Mantel  an  und  bereitet  sich  somit  zum 
zweiten  Akt  der  Tagesfeier  vor,  der  den  geweihten  klassischen 
Namen  J|^  ^  kung  Köng,  das  persönliche  Pflügen,  trägt.  Gleich- 
wie alle  offiziellen  Gebäude,  welche  für  den  kaiserlichen  Ge- 
brauch bestimmt  sind,  hat  diese  Bekleidungshalle,  wie  die  des 
Sonnenaltars  (S.  231),  die  Frontseite  gegen  Süden.  Sie  trägt 
grüne  Dachziegeln  und  erhebt  sich  zierlich  auf  einem  „Er- 
höhungsfundament", das  sowohl  vorn  wie  an  der  Ost-  und 
Westseite  Freitreppen  aus  Marmor  hat. 

Das  „persönliche  Pflügen"  des  Kaisers  ist  ein  uralter  Ritus, 
dem  im  System  des  Universismus  immer  eine  hohe  Bedeutung 
zuerkannt  wurde.    Es  ist,  wie  wir  bereits   wissen,  die  Haupt- 


239 

aufgäbe  des  Kaisertums,  zum  Heil  der  Menschheit,  die  der 
Himmel  seiner  Sorge  anvertraut,  die  richtige  Wirkung  des  T  a  o 
des  Weltalls  durch  geeignete  Regierungsmaßnahmen  zu  sichern. 
Weil  nun  die  höchste  Eigenschaft  oder  Tugend  (T  e ')  des  T  a  o 
seine  jährlich  sich  erneuernde  Schöpfungskraft  ist,  welche  der 
Menschheit  Nahrungsmittel  schafft,  wird  es  selbstverständlich 
auch  für  den  Kaiser  eine  Pflicht  allerersten  Ranges,  in  jedem 
Frühling  die  Führung  der  Menschheit  in  Angriff  zu  nehmen, 
wo  es  gilt,  den  Erdboden  für  diese  schöpferische  Kraft  empfäng- 
Hch  zu  machen.  Daß  er  sich  zur  Erfüllung  dieser  Pflicht  den- 
selben Tag  erwählt,  an  dem  er  durch  ein  großes  Staatsopfer 
über  die  ganze  Welt  den  Segen  des  Siön  Nung  herabruft, 
des  allerersten  Vorgängers  und  Lehrmeisters  der  Menschheit 
für  den  Ackerbau,  liegt  klar  auf  der  Hand. 

Dokumentarisch  läßt  sich  der  kaiserliche  Pflugritus  auf 
einen  Satz  im  heiligen  Buche  der  Juö'  Ling  zurückführen, 
der,  wie  wir  sehen  werden,  noch  jetzt  seine  vornehmste  Grund- 
lage bildet.    Er  lautet  wie  folgt: 

A #P  ^  '^  :^  *  W  iP.  ^  H  ^  v@-  1°  'ä'«^«"»  M»-«' 

(dem  ersten  des  Frühlings)  wählt  man  einen  erstklassigen  Tag,  an  dem  der 
Sohn  des  Himmels  selbst  eine  Pflugsterze  und  eine  Pflugschar  in  seinem 
Wagen  mitführt  und  an  der  Spitze  der  drei  Hauptminister  (.^  Kung) 
und  der  neun  Minister  (Ö|n  K'ing),  Lehnsfürsten  und  Großwesire  in 
eigener  Person  die  kaiserlichen  Pflugfelder  pflügt.  Der  Sohn  des  Himmels 
macht  drei  Furchen,  die  drei  Hauptminister  fünf,  die  Minister  und  Lehns- 
fürsten neun.  Bei  der  Rückkehr  greift  man  im  großen  Hintergebäude  zu 
den  Bechern ;  die  drei  Hauptminister,  die  neun  Minister,  die  Lehnsfürsten 
und  Großwesire  begeben  sich  alle  dorthin,  und  der  Befehl  lautet,  sie  mit 
Wein  zu  belohnen. 

Am  frühen  Morgen  des  Opfertages  wurde,  wie  es  vor 
allen  vornehmen  Staatsopfern  üblich  ist  (s.  S.  161),  das  Opfer- 


240 

gebet  usw.  nach  der  T'ai-Ho-Halle  getragen  und  daselbst 
dem  Kaiser  zur  Besichtigung  vorgelegt.  Zu  gleicher  Zeit  war 
ihm  da  sein  mit  gelber  Seide  bekleideter  Pflug  und  seine  Peitsche 
von  gelber  Seide  auf  Tischen  zur  Schau  ausgebreitet,  nebst 
blauen  Kistchen  mit  Saatkorn;  danach  waren  alle  diese  Sachen 
in  den  farbigen  Tragbahren,  in  denen  man  sie  dorthin  gebracht 
hatte,  nach  dem  Pflugfeld  geführt  worden.  Musik  und  Gesang 
begleiteten  die  kaiserliche  Inspektion.  Weitere  Pflüge  und 
Peitschen,  darunter  die  mit  roter  Seide  bekleideten  für  die 
Prinzen  und  Minister,  wurden  mit  mehreren  Körben  Saatkorn 
von  der  Verwaltung  von  oun-t*^iön,  dem  Bezirk,  worin  Peking 
liegt,  besorgt,  auch  die  benötigten  Rinder,  welche  für  den  Kaiser 
gelb,  für  die  Prinzen  und  Minister  dunkelgrau  (§|^)  sein  müssen. 

Während  der  Kaiser  sich  in  der  „Bekleidungshalle"  eine 
Ruhepause  gönnt  (vgl.  S.  238),  nähert  sich  die  glückverheißende 
Stunde,  in  der  das  Pflügen  stattfinden  soll,  und  auf  der  Nord- 
seite  der  Pflugfelder  versammeln  sich  die  Reichsgroßen  und 
hohen  Würdenträger.  Rote  beschriebene  Schilder  weisen  einem 
jeden  seinen  Standplatz  an.  Drei  Prinzen  höchsten  Ranges 
(^  3E)  ^^^^  ^^®  Präsidenten  der  neun  hohen  Ministerien  und 
Amter  stellen  die  im  J  u  6 '  L  i  n  g  erwähnten  drei  Hauptminister 
und  neun  Minister  (vgl.  S.  239)  dar.  Sie  sind  alle  mit  ^  ^, 
Drachenmänteln,  bekleidet,  dem  höchsten  amtlichen  Gewände.  Die 
Musik  (^  ^  ^)  und  die  Sänger  haben  sich  beiderseits  des 
mittleren  Teiles  der  Felder  aufgestellt,  den  der  Kaiser  selbst 
pflügen  wird.  Die  Felder  liegen  im  inneren  Viereck  des  Opfer- 
geländes, an  der  Ostseite  von  dessen  südlichem  Tor  (vgl.  S.  237). 
Sie  tragen  natürlich  den  Namen  *i^  ^§  Ti  Tsi^,  unter  dem 
die  soeben  zitierte  Stelle  des  Juö'  Ling  und  weitere  klassische 
Schriften  sie  erwähnen. 

Ein  schönes  buntes  Bauwerk  liegt  nördlich  der  Felder. 
Es  heißt   §§,  ^  ^   kuan   KÖng   T'ai,   Terrasse   zum  Anschauen 

des  Pflügens.    Sie  ist  quadratisch,  und  ihre  vier  Mauern  bilden 


241 

ein  gelb-  und  grünglasiertes  Kachelwerk,  von  breiten,  schweren 
Horizontalleisten  durchzogen.  Sie  trägt  ringsum  Brüstungen  im 
selben  Stil  wie  die  des  Kunden  Hügels,  jedoch  die  Pfeiler  der- 
selben sind  aus  blauem  und  weißem  Marmor,  die  Fächer  aus 
weißem.  Die  Höhe  der  Terrasse  beträgt  5  Ts*i',  die  Länge 
und  Breite  5  T sang.  Eine  achtstufige  Marmortreppe  befindet 
sich  in  der  Mitte  der  Süd-,  Ost-  und  Westseite  und  ist  mit 
Geländern  versehen,  die  den  Brüstungen  ganz  ähnlich  sind. 
Genau  nördlich  der  Terrasse  tritt  die  schöne  Bekleidungshalle 
hervor,  welche  wir  schon  erwähnt  haben. 

Aus  dieser  Halle  führen  die  Präsidenten  des  Ministeriums 
der  Li  und  des  Opferamtes  mit  noch  einer  Anzahl  anderer 
hoher  Würdenträger  den  Kaiser  zu  der  Nordseite  des  von  ihm 
zu  pflügenden  Feldes.  Auf  den  lauten  Befehl  eines  Zeremonien- 
meisters des  Bewirtungsamtes  legt  ihm  der  Präsident  des  Land- 
bau- und  Einnahmeministeriums  (^  ^)  die  Pflugsterze  in 
die  rechte  Hand;  mit  der  linken  empfängt  der  Kaiser  die  gelbe 
Peitsche  aus  den  Händen  des  sich  auf  die  Knie  werfenden 
Gouverneurs  (^)  von  Sun-t'iÖn.  Wohl  hundert  aus  der 
unmittelbaren  Umgegend  Pekings  zur  Hilfeleistung  einberufene 
ältere  Landleute,  mit  breitem  Regenhut  (;^)  und  einem  Regen- 
mantel (^)  bekleidet,  haben  sich  auf  beiden  Seiten  aufgestellt. 
Zwei  von  ihnen  geleiten  das  vor  den  Pflug  gespannte  Ochsen- 
paar, zwei  andere  halten  die  Pflugsterze,  und  so  pflügt  der 
Kaiser  unter  dem  Geleit  des  Präsidenten  des  Opferamtes  und 
des  Direktors  der  kaiserlichen  Equipagen  drei  Furchen  hin 
und  drei  zurück.  Unterdessen  schmettern  zu  beiden  Seiten 
Zvmbeln,  Trommeln,  Flöten  und  andere  Blasinstrumente  durch- 
einander,  und  eine  Kantate  aus  36  gereimten  Strophen  von  je 
sieben  Worten  schallt  aus  den  Kehlen  von  zehn  Sängern  durch 
die  Luft.  Dann  werden  auf  lauten  Befehl  des  Zeremonien- 
meisters durch  Beamte  des  Landbau-  und  Einnahmeministeriums 
die  Zugochsen  angehalten,  und  der  Gouverneur  von  §un-t*i6n 

De  Groot,  Universismus.  16 


242 

nimmt  dem  Kaiser  die  Peitsche  aus  der  Hand;  die  Musik 
schweigt;  und  der  Kaiser  besteigt  auf  Ersuchen  des  Präsidenten 
des  Ministeriums  der  Li  die  Terrasse  auf  der  Südtreppe.  Auf 
ausgelegten  Teppichen  schreitet  er  zum  Thronsessel,  der  in 
einem  gelben  Zelt  genau  in  der  Mitte  der  Nordseite  steht;  er 
setzt  sich  nieder^  und  die  Prinzen  und  Großen  stellen  sich 
umher,  jeder  auf  den  ihm  gebührenden  Platz.  Die  Bezirks- 
beamten von  Sun-t'^ien  und  die  Landleute  reihen  sich  jetzt 
vor  der  Terrasse  auf  und  machen  drei  Fußfälle  mit  neun 
Stirnaufschlägen,  um  dem  Kaiser  ehrerbietig  zu  danken  für 
sein  Beispiel,  das  er  dem  Volke  so  gnädig  gegeben. 

Nun  wird  durch  Beamte  von  Sun-t*^iön  der  vom  Kaiser 
gepflügte  Acker  mit  Reis  (^)  aus  einem  blauen  Kistchen 
besät.  Sodann  machen  auf  genau  dieselbe  Weise  wie  der  Kaiser 
die  drei  Prinzen  je  drei  Furchen  hin  und  drei  zurück,  und 
zwar  in  drei  Ackern,  von  denen  zwei  unmittelbar  auf  der  Ost- 
seite und  einer  auf  der  Westseite  des  kaiserlichen  Ackers  liegen. 
Beamte  von  Öun-t'iön  säen  dort  Weizen  (^)  aijs.  Haben 
die  Prinzen  ihr  Werk  vollbracht,  dann  begeben  sie  sich  auf 
die  Terrasse,  und  die  neun  Minister  kommen  an  die  Reihe, 
vier  an  der  Ost-  und  fünf  an  der  Westseite;  jeder  pflügt  in 
einem  ihm  zugewiesenen  Acker  eine  Furche  hin  und  eine  zu- 
rück, und  die  Acker  werden  sodann  mit  Hirse  (^)  und  Erbsen 
(S)  besät.  Während  Musik  und  Gesang  ertönen,  verläßt  der 
Kaiser  die  Terrasse,  und  die  Equipage  trägt  ihn  zum  Palast. 
Die  Landleute  erledigen  die  Bestellung  der  Felder  und  emp- 
fangen als  Belohnung  je  vier  Stücke  Seide. 

Von  der  Kantate,  welche  gesungen  wird,  während  der 
Kaiser  pflügt,  geben  wir  hier  beispielsweise  die  ersten  16 
Strophen  wieder: 


243 

Wenn  die  leuchtende  Sonne  und  der  holde  Mond  das  J  a  n  g  dea 
Blauen  (des  Frühlings)  öffnen, 

Wenn  das  Fang  Gestirn  (der  Kopf  des  Skorpion)  genau  in  der 
Morgenstunde  das  Glück  des  Ackerbaues  verkündet, 

Dann  gedenkt  der  Kaiser  dessen,  wovon  sein  Volk  abhängig  ist,  und 
erachtet  Ackerbau  und  Seidenzucht  als  das  Wichtigste; 

Er  gründet  sich  somit  von  neuem  tausend  Pflugfelder,  über  die  er 
sich  in  den  heiligen  Schriften  unterrichtet  hat. 


M  TBLÄj  ju  jy^  "^   M    y^\  j^   RB  '^  =BJ  fipD  yv  \&\\ 

Am  glückverheißenden  vortrefflichen  Zeitpunkt,  an  dem  er  sich  (durch 
Enthaltsamkeit)  gereinigt  hat,  sind  Stunde  und  Tag  geeignet; 

Der  Staatswagen  des  blauen  Drachen  (des  östlichen  Himmels- 
quadranten) ist  aus  dem  Himmelstor  herabgefahren; 

Der  blaue  Altar  (des  Siön  Nung)  steht  im  Südwesten  (des  Opfer- 
geländes) ; 

Die  Opfertiere,  Porzellangefäße  und  Terrinen  senden  ihren  Duft 
empor. 

Ehrfurchtsvoll  verehrte  da  das  Herz  des  Kaisers  den  üppigen  Pflanzen- 
wuchs, den  der  Himmel  uns  gönnt; 

Im  gelben  Zelte  brachte  er  ihm  Verehrung  dar  und  bot  in  echter 
Frömmigkeit  ein  Opfer  an. 

Und  als  das  Ritual  vollzogen,  stellte  er  sich  zur  Seite  der  himm- 
lischen (=  kaiserlichen)  Felder  auf, 

Wo  die  Erde  fett  und  gut  bewässert  ist  und  einen  überreichlichen 
Ertrag  verspricht. 

Dunkelfarbige  Pflugochsen  schreiten  über  die  Felder;  Zügel  sind 
ihnen  angelegt. 

Die  Beamten  für  die  Feldbestellung  haben  mit  Getreide  und  Keis 
die  blauen  Körbe  gefüllt. 

Die   starke  Leine  in   der  Hand,   die  seidene  Peitsche  geschwungen, 

16* 


244 

So  führt  er  das  Landvolk  an  und  tritt  auf  als  beispielgebender 
Führer  des  Volkes.  Usw. 

Wenn  der  Kaiser  zum  ersten  Male  nach  seiner  Thron- 
besteigung den  Pflugritus  begeht,  begibt  er  sich  auf  Ersuchen 
des  Präsidenten  des  Ministeriums  der  Li  beim  Verlassen  der 
Terrasse  zum  J^  J^  *§*  K '  i  n  g  T  s '  i  n  g  K  u  n  g,  Gebäude  zur 
Vervollkommnung'  des  Glückes,  WO  dann  eine  zweite  Feierlichkeit 
stattfindet,   die    ^^     K'ing-ho,    die   Beglückwünschung,    heißt. 

Dieses  Gebäude  steht  außerhalb  des  Vierecks,  in  dem 
der  Altar  des  SiSn  Nung,  die  Pflugfelder  usw.  liegen,  und 
zwar  auf  der  Ostseite.  Ein  schönes  Tor  mit  drei  Durch^änsren 
erhebt  sich  dort  in  der  Mitte  der  südlichen  Front  eines  kleineren 
Vierecks  auf  einem  Marmorperron  mit  Brüstungen,  der  vorn 
und  hinten  drei  marmorne  Freitreppen  hat.  Dahinter  erstreckt 
sich  ein  Hof,  den  im  Norden  eine  Mauer  abschheßt,  und  in 
deren  Mitte  wiederum  ein  ähnliches  Tor  eingebaut  ist.  Hinter 
diesem  Innentor  erhebt  sich  in  einem  zweiten  Hof  das  K'ing 
T  s  i  n  g  K  u  n  g.  Seine  mit  Brüstungen  versehene  Marmorterrasse 
ist  vorn  rechteckig  ausgebaut  und  hat  dort  auf  den  drei 
Seiten  eine  neunstufige  Marmortreppe  mit  Geländern  wie  die 
Brüstungen.  Es  hat  einen  rechteckig  vielfach  getäfelten  Giebel 
von  großer  Schönheit  und  ein  Einzeldach,  das  durch  vier  Reihen 
von  sechs  Holzpfeilern  getragen  wird.  Schließlich  liegt  hinter 
diesem  Gebäude  wiederum  ein  Hof  mit  einem  ^  ^  oder 
Hintersaal,  der  sich  auf  einer  Terrasse  von  geringerer  Höhe  und 
ohne  Brüstungen  erhebt.  Ahnliche,  aber  kleinere  Hallen  stehen 
links  und  rechts  auf  diesem  Hof  mit  der  Front  gegen  Westen 
und  Osten.  Alle  hier  erwähnten  Gebäude  und  Tore  tragen, 
gleichwie  die  Mauern,  grünglasierte  Dachziegeln. 

Ein  Orchester,  auf  dem  Perron  des  Innentors  aufgestellt, 
begrüßt  den  Kaiser,  wenn  er  in  seiner  Sänfte  hereingetragen 
wird,  und  von  der  Vorderterrasse  des  K*ing  Ts'ing  Kung 
bringen  ihm   Sänger   mit   Musikbegleitung   ihr   Lied   entgegen. 


245 

Am  Hintersaal  steigt  der  Kaiser  aus  und  wartet  dort  so  lange, 
bis  ein  Beamter  von  Sun-t'iön  ihm  die  Kunde  bringt,  daß 
die  Bestellung  der  Felder  gänzlich  erledigt  ist.  Ein  Präsident 
des  Ministeriums  der  Li  ersucht  ihn  jetzt,  sich  nach  dem  K*ing 
Ts'ing  Kung  zu  begeben.  Während  ein  zweites  Gesangstück 
mit  Musik  ertönt,  setzt  sich  der  Kaiser  in  seinen  gegen  Süden 
gekehrten  Thronsessel  nieder,  und  hierauf  fängt  auf  lauten  Be- 
fehl des  Präsidenten  des  Bewirtungsamtes  die  Beglückwünschung 
an.  Auf  der  Vorderterrasse  stellen  sich  die  Prinzen  ost-westlich 
in  Reihen  auf;  die  Minister  und  Beamten  tun  dasselbe  vor  der 
Terrasse,  und  alle  machen,  wie  ein  Mann,  auf  lauten  Befehl 
drei  Kniefälle  und  neun  Stirnaufschläge.  Sodann  setzt  sich 
jeder  zur  linken  oder  rechten  Seite  nieder,  nachdem  er  bei 
seinem  Sitz  einen  einzelnen  Stirnaufschlag  gemacht;  und  wenn 
so  alle,  genau  nach  ihrer  Rangordnung,  Platz  genommen  haben 
und  dem  Kaiser  Tee  geboten  worden  ist,  wird  jedermann  mit 
Tee  bewirtet.  Inzwischen  erschallen  aus  den  Kehlen  der  Sänger 
von  Musik  begleitete  Glückwünsche,  und  jedermann  macht  an 
seinem  Sitz  abermals  einen  Stirn  auf  schlag.  Zum  zweiten  Male 
wird  eine  Tasse  Tee  gereicht  und  eine  Kantate  gesungen,  und 
dann  läßt  der  Kaiser  sich  in  den  Palast  zurücktragen. 

Falls  es  dem  Kaiser  behagt,  läßt  er  auf  diese  feierliche 
Bewirtung  eine  zweite  folgen,  die  den  klassischen  Namen  ^ 
\^  lao  Tsiu,  mit  Wein  belohnen,  trägt  und  also  ganz  klar  die 
Befolgung  des  Beispieles  der  Kaiser  des  heiligen  Altertums  be- 
zweckt, von  dem  wir  auf  S.  239  im  Auszug  aus  den  J  u  ö 
Ling  gelesen  haben.  Nachdem  er  sich  in  den  Hintersaal  zu- 
rückgezogen hat,  damit  durch  die  Dienerschaft  des  Bewirtungs- 
amtes im  K'ing  Ts'ing  Kung  die  Vorbereitungen  getroffen 
werden  können,  kommt  er  auf  Gesuch  des  Präsidenten  des 
Ministeriums  der  Li  zurück  und  setzt  sich  unter  Musik  und 
Gesang  wieder  auf  seinen  Thron.  Jeder  Prinz,  Minister  und 
Beamte   setzt  sich  nach  einem  Stirnaufschlag   auf  den  ihm  ge- 


246 

bührenden  Platz  nieder;  Wein  wird  gereicht^  und  während 
lange  Gesänge  ertönen,  werden  auch  Leckerbissen  ('g|)  an- 
geboten. Tänzer  treten  auf,  Schauspieler,  Possenreißer,  Graukler, 
und  am  Ende  erhebt  sich  einer  nach  dem  anderen  von  seinem 
Sitz,  macht  einen  Kniefall  und  drei  Stirn  aufschlage  zu  dem 
Kaiser  hin  und  entfernt  sich.  Am  Haupttor  bilden  alle  Spalier, 
werfen  sich,  wenn  der  Kaiser  auf  dem  Rückweg  nach  dem 
Palast  an  ihnen  vorüber  getragen  wird,  auf  die  Knie,  und 
jeder  geht  darauf  seinen  Weg. 

Falls  der  Kaiser  durch  einen  Prinzen  dem  Schutzgott 
des  Landbaues  das  Jahresopfer  darbringen  läßt,  verrichtet  der 
Gouverneur  von  Sun-t'iön  ()I^^  ^)  die  Pflugzeremonie. 
Es  versteht  sich,  daß  dieser  dabei  nicht  die  Magnaten  und 
Minister  in  seiner  Gefolgschaft  haben  kann.  Sobald  zweimal 
neun  Furchen  gezogen  sind,  werden  die  Felder  nur  von  den 
Bauern  zu  Ende  gepflügt,  und  daraufhin  macht  man  die  Fuß- 
fälle und  Stirnaufschläge  \^or  der  Terrasse  nach  dem  kaiser- 
lichen Palaste  hin,  was  3^  pj  wang  K'üe'  heißt,  sich  nach 
den  Palasttoren  wenden. 

Im  Laufe  des  Sommers  werden  die  kaiserlichen  Pflug- 
felder sorgfältig  gejätet  und  bewässert,  und  den  Ertrag  liefert 
die  Behörde  von  Sun-t'^iön  im  Herbst  dem  Opferamt  aus. 
Dieses  läßt  ihn  an  einem  dazu  auserwählten  glücklichen  Tage 
aufspeichern,  um  das  Korn  für  die  Opfer  zu  verwenden,  welche 
den  Staatsgöttern  und  kaiserlichen  Ahnen  dargeboten  werden 
(vgl.  S.  159).  Die  Textstelle,  woraus  hervorgeht,  daß  eine  solche 
Verwendung  uraltem  Brauch  entspricht,  werden  wir  auf  S.  248 
und  249  wiedergeben. 

Zur  Aufbewahrung  des  kaiserlichen  Korns  dient  in  erster 
Linie  die  fl^  ^  Sen  Ts'ang,  Göttliche  oder  Heilige  Korn- 
kammer, welche  im  inneren  Viereck  des  Opfergeländes  von 
SiSn  Nung  steht,  im  östlichen  Teil,  also  nordöstlich  von  der 
„Bekleidungshalle".    Da   befindet   sie   sich   im   nördlichen   Teil 


247 

einer  besonderen  viereckigen  Ummauerung,  zu  welcher  ein  Tor 
mit  drei  Durchgängen,  das  in  der  Mitte  der  südlichen  Front 
eingebaut  ist,  den  Zugang  bildet.  Diese  Kammer  ist  kreisrund 
und  steht  auf  einem  runden,  marmornen  Fundament  größeren 
Umfangs,  das  vor  der  nach  Süden  gewandten  Tür  eine  fünf- 
stufige Treppe  hat.  Weiter  südHch  liegt  in  der  Mitte  eine 
gleichartige,  aber  rechteckige  Scheune,  und  quer  zwischen 
beiden  stehen  sowohl  rechts  wie  links  noch  zwei.  Alle  diese 
Kornkammern  tragen,  ebenso  wie  die  Ummauerung  und  das 
Tor,  schwarze  glasierte  Ziegeln,  von  grünen  umrahmt,  und 
stehen  auf  marmornen  Grundlagen;  sie  zeugen  also  von  der 
Sorgfalt  und  Ehrfurcht,  womit  das  heilige  Getreide  bewahrt 
und  behandelt  wird.  Einige  schattige  Bäume  erhöhen  die  ruhige 
Schönheit  dieser  eigentümlichen  religiösen  Stelle,  die  in  stiller 
Ruhe  im  Herzen  der  belebten,  rührigen  Weltstadt  liegt. 

Nicht  bloß  der  Kaiser  muß  mit  seiner  hohen  Minister- 
schaft zur  Anregung  des  Landbaues,  als  wichtigsten  Gewerbes 
des  Lebens,  der  ganzen  Menschheit  das  zu  beherzigende  Beispiel 
geben,  sondern  auch  den  Behörden  in  der  Provinz  liegt  dieselbe 
Pflicht  ob.  Denn  in  der  heihgen  alten  Zeit  war  sie  den  Lehns- 
fürsten vorgeschrieben,  deren  Stelle  jetzt  die  Behörde  einnimmt. 
Ln  heihgen  Buche  T  s  i  I  (II)  steht  geschrieben :  ^  |^  )^  Kt 
WL^  ^  ^W^  iÖi-  ^^'"^^^  ^^^  Pflügen  der  Tsi'  lehrt  der  Sohn  des 
Himmels  die  Lehnsfürsten  ihre  Pflicht,  für  die  Ernährung  der  Menschheit 
zu  sorgen.  ^   UL'W  ^  %   "f   ^  M  ^  ^.  M."^  ^  "^ 

J^  »  ^  Mb  lil ;  I  hiri  ^  3t  * .  i^  1^  ^  gg  ^  ^ . 

Himmels  in  alten  Zeiten  tausend  Mou  Felder  (Tsi')  an,  auf  denen  er,  die 
Krone  mit  roten  Fransen  tragend,  eigenhändig  die  Pflugsterze  führte.  Die 
Lehnsfürsten  bildeten  sich  hundert  Mou  solcher  Tsi',  wo  sie,  die  Krone 
mit  blauen  Fransen  tragend,  eigenhändig  die  Pflugsterze  hielten.  Auf  diese 
Weise   opferte   man   dem  Himmel  und  der  Erde,   den  Bergen   und  Flüssen, 


248 

den  Göttern  des  Bodens  und  der  Hirse,  den  Ahnen  und  den  Herrschern 
vergangener  Zeiten,  indem  man  ihnen  Opfergetränke  und  Opferschüsseln 
bereitete,  die  man  von  diesen  Feldern  hergenommen  hatte.  Das  war  der 
höchste  Grad  der  Ehrfurcht. 

Somit  hat  die  Hauptstadt  jeder  Provinz,  jedes  Bezirkes 
und  jedes  Kreises  auf  ihrer  Ostseite  einen  quadratischen  offenen 
Altar,  auf  dem  der  höchste  Verwalter  an  der  Spitze  seiner  Be- 
hörde und  des  Gelehrtentums,  am  selben  Tag-e  wie  der  Kaiser, 
dem  Sißn  Nung  in  der  Morgenstunde  ein  Opfer  darbringt, 
und  zwar  in  derselben  Weise  wie  den  Göttern  des  Bodens  und 
der  Hirse  (s.  S.  227).  Nach  dem  Opfer  begeht  er  den  Pflug- 
ritus nach  demselben  Programm,  das  für  den  Kaiser  oder  seinen 
Stellvertreter  festgesetzt  ist.  Am  Schluß  machen  alle  Teil- 
nehmer feierlichst  drei  Kniefälle  und  neun  Stirnaufschläge  gegen 
das  ferne  Tor  des  Palastes  hin,  dessen  Richtung  angezeigt 
wird  durch  einen  Wandschirm,  an  dem  eine  Zeichnung  des 
Tores  hängt,  und  durch  einen  davor  stehenden  Tisch,  auf  dem 
Weihrauch  brennt. 


7.  Die  Schutzgöttin  der  Seidenzucht. 

Die  Erzeugung  von  Nahrungsmitteln  durch  vernünftige 
Verwertung  der  schaffenden  Kraft  des  T  a  o  des  Weltalls  steht 
also  unter  den  Angelegenheiten  des  Tao  der  Menschheit  obenan. 
Aber  unmittelbar  daran  schließt  sich  die  Erzeugung  von 
Kleidungsstoff,  ohne  den  der  Mensch  ebensowenig  leben  und 
bestehen  kann  als  ohne  Nahrung.  Deshalb  haben  die  heiligen 
Gründer  des  Tao  der  Menschheit  auch  die  Seidenzucht  ge- 
stiftet. Dokumentarisch  läßt  sich  naclnveisen,  daß  bereits  in  den 
ältesten  Zeiten  Chinas  Seide  der  vornehmste,  wenn  nicht  gar 
der  einzige  Kleidungsstoff  von  Bedeutung  war,  den  der  Mensch 
sich  zu  verfertigen  wußte,  und  somit  ist  es  uns  ganz  ver- 
ständlich,  daß  eine   ;^  ^    Sißn  Ts'an,  Vorgängerin  in  der  Seiden- 


249 

zucht,  im  Pantheon  des  Staates  den  Platz  unmittelbar  hinter 
S  i  Ö  n  N  U  n  g",   dem  Vorgänger  im  Landbau,   innehat. 

Von  altersher  war  der  Seidenbau  in  China  das  Haus- 
gewerbe der  Frau.  Sein  Erfinder  muß  mithin  eine  Frau  ge- 
wesen sein,  und  zwar  die  Gemahlin  des  Huang  Ti,  des  vor- 
nehmsten der  fünf  universistischen  Herrscher  der  Urzeit  (s. 
S.  236).  Natürlich  kann  es  uns  ziemlich  gleichgültig  sein,  ob 
sich  die  Staatsrehgion  die  Richtigkeit  dieses  Dogmas  angelegen 
sein  läßt  oder  nicht;  nicht  aber,  daß  sie  sich  zu  dem  Grundsatz 
bekennt,  wonach,  gleichwie  jedes  Jahr  Kaiser  und  Minister  das 
männliche  Volk  zum  Ackerbau  anführen  sollen,  es  Pflicht  der 
Kaiserin  und  der  Gemahlinnen  der  Minister  ist,  der  Frauenwelt 
durch  ihr  Beispiel  den  Ansporn  zum  Seidenbau  zu  geben.  Das 
war  ihnen  schon  in  der  heiligen  Urzeit  als  Pflicht  auferlegt, 
wie  es  im  heiligen  Buche  ^  j^  Tsi  T'ung  des  Li  Ki  zu 
lesen  steht: 

^j*f  >^.  Daher  kommt  es,  daß  der  Sohn  des  Himmels  persönlich  im  süd- 
liehen Vorstadtgelände  den  Boden  pflügt  und  dadurch  (Feldfrüchte  für) 
die  Opferschüsseln  beschafft,  während  seine  Gemahlin  im  nördlichen  Vor- 
stadtgelände Seidenraupen  züchtet  zur  Beschaffung  von  seidenen  Gewändern: 
die  Lehnsfürsten  pflügen  im  östlichen  Vorstadtgelände/  um  ebenfalls  (Feld- 
früchte für  die)  Opferschüsseln  zu  schaffen;  ihre  Gemahlinnen  züchten  Seide 
im  nördlichen  Vorstadtgelände  zur  Beschaffung  von  Kronen  und  Gewändern. 
Unter  den  Söhnen  des  Himmels  und  seinen  Lehnsfürsten  gibt  es  keinen, 
der  nicht  pflügt,  unter  den  Kaiserinnen  und  den  Gemahlinnen  (der  Lehns- 
fürsten) keine,  die  nicht  Seide  züchtet;  persönlich  führen  sie  dadurch  ihre 
Heiligkeit  und  Frömmigkeit  bis  zum  Höhepunkt  hinauf. 

1  Deshalb  sind  die  Altäre  des  Si6n  Nung  mit  den  Pflugfeldern 
östlich  der  Hauptstädte  der  Provinzen,  Bezirke  und  Kreise  gelegen;  s.  S.  248- 


250 

Die  Verehrung  der  Sien  Ts'an  ist  in  erster  Linie  eine 
Obliegenheit  der  Kaiserin,  und  ihr  Opfergelände  ist  auch  die 
Stelle,  wo  die  allerhöchste  Frau  alljährlich  der  Frauenwelt  des 
Reiches  das  Beispiel  zum  Seidenbau  gibt.  Es  liegt,  dem  soeben 
zitierten  klassischen  Satz  entsprechend,  am  nordöstHchen  Ende 
des  großen  Teiches,  der  den  Namen  :f(^  y^  Pe'  Hai,  Nord- 
meer, trägt  und  vom  ^  ^  Si  Juan,  dem  Westpark,  umgeben 
ist,  der  sich  nordwestlich  des  Palastes  bis  zu  dessen  äußerstem 
Norden  erstreckt.  Es  ist  viereckig  und  von  einer  roten  Mauer 
umgeben,  die  gegen  die  vier  Himmelsgegenden  gekehrt  ist  und 
auf  jeder  Front  eine  Länge  von  vierzig  Tsang  besitzt.  Das 
Haupttor  mit  drei  Durchgängen  liegt  im  westhchen  Teil  der 
Slidfront,  gerade  südlich  vom  Altar  der  Sien  Ts'an. 

Dieser  Altar  ist  dem  des  Siön  Nung  ähnhch,  nur  etwas 
kleiner;  er  mißt  nämlich  vier  Tsang  auf  jeder  Seite  und  ist 
vier  Ts  i'  hoch.  Südöstlich  vom  Altar  steht  eine  viereckige 
SS  ^fe  ^t  kuan  Sang  T*ai,  Terrasse  zum  Anschauen  der  Maul- 
beerbäume, und  genau  südHch  davon  liegt  das  ^  p^,  Maulbeer- 
gärtchen;  somit  ist  die  Lage  von  Altar,  Terrasse  und  Gärtchen 
der  des  Altars,  der  Terrasse  und  der  Pflugfelder  der  Öpfer- 
stätte  des  Siön  Nung  ganz  entsprechend.  Weiterhin  befindet 
sich  in  der  südöstHchen  Ecke  des  Geländes  in  einem  um- 
mauerten Viereck  ein  Tempel  für  die  Sien  Ts  an,  mit  einem 
„Aufbewahrungshaus  der  Göttin",  nebst  Küche,  Schlachthaus 
und  Brunnen,  und  unmittelbar  nördlich  ein  1^^?  Seidenbau-Amt. 
Endhch  folgt  nordwärts  eine  lange  Reihe  von  ^  ^,  Seidenraupen- 
kammern, unter  einem  einzigen  Dach  vereint.  Längs  dieser  Reihe, 
des  Seidenbauamtes  und  Tempels  durchströmt  der  */^  ^  J^rJ", 
Bach  zum  Waschen  der  Raupen,  das  Opfergelände  von  Nord  nach 
Süd;  an  zwei  Stellen  ist  er  überbrückt.  Gerade  nördlich  von 
der  Terrasse  hegt  ein  großes  ummauertes  Viereck,  in  dem  sich 
mit  der  Front  gegen  Süden  eine  Bekleidungshalle  (_p^  ^^  ^) 
erhebt.  Dahinter  liegt  ein  zweiter  Hof  mit  ovalem,  gemauertem 


251 

Teich  in  der  Mitte  und  nördlich  davon  ein  ^  *^,  Webhaus, 
mit  zwei  Nebengebäuden.  Alle  Gebäude,  Tore  und  Mauern 
tragen  grüne  Dachziegeln. 

In  der  Anlage  dieses  Opfergeländes  ist  der  Einfluß  folgender 
Stelle  im  heihgen  Buche  Tsi  I  (II)  unverkennbar: 

-^  m  ^  "f-  m  ^  M^^  <s^  mmmrikjwm 

tum  hatten  der  Sohu  des  Himmels  und  seine  Lehnsfürsten  sicherlich  amt- 
liche Maulbeerbäume  und  Seidenraupenhäuser,  die  in  der  Nähe  eines  Wasser- 
stromes standen  und  für  welche  Gebäude  errichtet  wurden,  die  ein  Zön 
und  drei  Ts'i*  hoch  waren.  Die  Mauern  waren  mit  Gebüsch  umpflanzt  und 
nach  außen  geschlossen. 

Im  letzten  Monat  des  Frühlings^  an  einem  glücklichen 
Tage,  der  durch  das  Zykluszeichen  2^  bezeichnet  wird,  bringt 
die  Kaiserin  persönHch  der  Siön  Ts'an  auf  ihrem  Altar  das 
jährliche  Opfer  dar,  und  zwar  nach  dem  Programm,  das  auch 
für  das  Jahresopfer  des  Siön  Nung  gilt.  Vorwiegend  sind 
es  Eunuchen  aller  Klassen,  die  dabei  amtieren,  auch  als  Mu- 
sikanten und  Sänger,  sowie  in  den  Equipagen  der  Kaiserin  und 
der  übrigen  Gemahlinnen;  die  Beamten  für  den  Weihrauch, 
die  Seide,  die  Becher  usw.,  sogar  der  obere  Leiter  der  Zere- 
monien (Ä^)^  sind  ausnahmslos  Frauen  (]^  l^)-  Die  Ge- 
folgschaft der  Kaiserin,  die  mit  ihr  zusammen  die  Fußfälle 
und  Verneigungen  macht,  besteht  aus  den  Gemahlinnen  des 
zweiten,  dritten  und  vierten  Ranges  (^[J  und  ^),  den  kaiser- 
lichen Töchtern  (^  ^)  und  Schwiegertöchtern  (i|ig  ^\  so- 
wie aus  Gemahlinnen  der  höchsten  Minister  (-^  ^).  Zur 
Vorbereitung  zum  Opfer  müssen  alle  fasten.  In  der  frühen 
Morgenstunde  werden  sie  durch  das  jjj^  ji(;  f^  Sön  Wu  Mön, 
das  nördliche  Haupttor  des  Palastes,  in  Sänften  hinter  der 
Kaiserin  nach  der  „Bekleidungshalle"  getragen,  in  welche  die 
Kaiserin  einzieht,  während  sie  selbst  in  die  zwei  Nebengebäude 
(@E  ^)  einkehren.    Beim  Opfer  wird  kein  Gebet  gelesen  und 


252 

werden  keine  Tänze  aufgeführt.  Beim  Empfang  und  beim 
Verabschieden  der  Göttin  machen  Kaiserin  und  Gefolgschaft 
sechs  tiefe  Verneigungen  C^)?  wobei  sie  mit  den  aneinander- 
gelegten Händen  beinahe  den  Boden  berühren  und  danach  drei 
Kniefälle  machen,  mit  je  einem  Stirnaufschlag;  das  ist  nämlich 
die  größte  Ehrfurchtbezeugung  der  Frau^  die  den  drei  Knie- 
fällen und  neun  Stirnaufschlägen  des  Mannes  entspricht. 

Sobald  sich  die  Raupen  aus  den  Eiern  entwickeln^  was 
ungefähr  mit  der  Zeit  zusammenfällt,  in  der  das  Opfer  an  die 
Sien  Ts  an  stattfindet,  begeht  die  Kaiserin  am  frühen  Morgen 
das  J^^  ^^  kung  Sang,  das  persönliche  Einsammeln  von  Maulbeer- 
blättern, einen  Ritus,  der  das  Gegenstück  zum  „persönlichen 
Pflügen"  des  Kaisers  bildet  und  sich  nach  demselben  Programm 
abspielt.  Mit  einem  goldenen  Sichelchen  (JfiJ)?  das  ihr  eine 
Hofdame  auf  den  Knien  übergibt,  schneidet  die  Kaiserin  im 
schon  erwähnten  Maulbeergärtchen  von  zwei  Zweigen  feierlich 
die  Blätter  ab,  welche  sodann  eine  Hofdame  in  ein  gelbes 
Körbchen  legt.  Dann  setzt  sie  sich  auf  der  Terrasse  in  ihren 
Thronsessel,  und  nun  entblättern  die  übrigen  Gemahlinnen  des 
Kaisers  mit  silbernen  Sicheln  fünf  Zweige  und  sammeln  den 
Ertrag  in  gelben  Körbchen  ein;  zum  Schluß  schneiden  die 
Prinzessinnen  mit  eisernen  Sichelchen  die  Blätter  von  fünf 
Zweigen,  die  Ministerfrauen  von  neun  ab,  welche  in  rote 
Körbchen  gelegt  werden.  Die  dabei  amtierenden  Musikanten, 
Sänger  und  Fahnenträger  sind  Eunuchen.  Eine  Dame,  die 
^  -^  Ts'an  Mu,  die  Raupenzuchtmutter,  heißt,  nimmt  nun  auf 
der  Terrasse  vor  der  Kaiserin  ehrerbietigst  den  Korb  in  Emp- 
fang, der  die  von  der  Kaiserin  eingesammelten  Blätter  enthält; 
einige  sogenannte  ^J  ^  Ts'an  Fu,  Raupenzuchtfrauen,  nehmen 
die  anderen  Körbe  entgegen  und  tragen  sie  sämtlich  nach  den 
Raupenkammern  (s.  S.  250)  hin,  um  damit  sofort  die  Räupchen 
zu  füttern.  Die  Kaiserin  geht  inzwischen  in  die  „Bekleidungs- 
halle" zurück.    Dort  setzt   sie    sich   auf  ihren  Thron,   läßt  sich 


253 

von  den  sämtlichen  hohen  Frauen  mit  sechs  tiefen  Verneinungen, 
drei  Fußlallen  und  drei  Stirnaufschlägen  verehren  und  fährt 
dann  in  ihrer  Sänfte  nach  dem  Palast  zurück,  wohin  ihr  die 
übrigen  Gemahlinnen  bald  in  ihren  Sänften  foKen. 


8.  Die  Kaiser  der  vergangenen  Dynastien. 

Auf  Grund  der  Lehre,  daß  jeder  Kaiser  als  Statthalter 
des  Himmels  das  Tao  des  Weltalls  auf  dieser  Erde  vertritt 
und  dadurch  aller  Menschen  höchster  Führer  im  Tao  der 
Menschheit  ist,  haben  alle  Kaiser,  die  der  Himmel  im  Besitz 
des  Throns  belassen  hat,  für  alle  Zeit  Anrecht  und  Anspruch 
auf  die  dankbare  Verehrung  des  Staates,  weil  sie  für  das  Glück, 
die  Tugend  und  Bildung  der  Menschheit  ihr  Bestes  geleistet 
haben. 

Die  Ts'ing- Dynastie  brachte  bis  zum  Jahre  1722  nur 
einer  Auswahl  von  Kaisern  früherer  Dynastien  Opfer  dar.  Dann 
verfügte  Sing  Tsu  (K'ang-hi),  es  sollten  in  Zukunft  die 
Seelentafeln  aller  Kaiser  in  dem  dazu  bestimmten  Tempel 
Platz  finden,  nur  derjenigen  nicht,  welche  „das  Tao  nicht 
hatten"  (ffi  ^)  und  somit  ihr  Leben  eingebüßt  oder  ihr 
Reich  verloren  hatten  ("f  ^)- 

^^1'  M  f^  ^  3E  JÜ  Li'  Tai  Ti  Wang  Miao,  Seelen- 
tempel der  Kaiser  und  Könige  dahingegangener  Dynastien,  liegt  in  Peking 
an  der  Nordseite  der  Straße,  die  nach  dem  Westtor  oder  F  o  u 
Ts  ing  Mön  führt,  bei  dem  sich  das  Opfergelände  des  blondes 
befindet.  Zwei  hölzerne  P'ai  Fang,  quer  über  diese  Straße 
gebaut,  verkünden  durch  Schilder  über  ihrem  mittleren  Durch- 
gang, daß  die  dazwischen  liegende  Strecke  ^  ^  f ^  King 
Te'  Kiai,  Straße  der  glorreichen  Tugenden,  heißt,  und  daß  an  ihr 
also  der  betrefi'ende  Tempel  liegt;  denn  dieser  führt  den  reli- 
giösen Namen  ^  ^^  ^  S|  ^  King  Te'  ts*ung  Sing  Tiön 


254 

Tempelsaal  der  glorreichen  Tugenden  und  der  erhabenen  Heiligkeit.  Sowohl 
in  Chinesisch  als  in  Mantschurisch  prangt  dieser  Name  auf 
einer  Holztafel  über  dem  Eingang  in  der  Mitte  der  Front  des 
Gebäudes. 

Der  Tempel  mit  seiner  weißen  Marmorterrasse  ist  dem 
Fung  Sien  Tien  mit  seiner  Terrasse  auffallend  ähnhch 
(vgl.  also  S.211).  Er  ist  48  Meter  lang  und  23,35  Meter  breit. 
Sein  doppeltes  Dach  trägt  gelbglasierte  Ziegeln.  Immergrüne 
Zypressen  umschatten  ihn  hinten,  links  und  rechts.  Sieben 
Schreine  (^)  stehen  seinem  gen  Süden  gekehrten  Eingang 
gegenüber.  Der  mittlere  und  vornehmste  enthält  die  ^  ^ 
San  Huang,  drei  Kaiser  der  Urzeit,  nämhch  den  Blauen,  Roten 
und  Gelben  Kaiser  (s.  S.  235).  Im  links  oder  östhch  davon 
stehenden  Schrein  befinden  sich  die  jE  *^  wu  Ti,  fünf  Kaiser, 
nämhch  der  Weiße  und  der  Schwarze  (S.  236)  mit  *S*  Ä 
Ti-ku',  Jao  und  Sun.  Rechts  vom  Mittelschrein  folgt  der  mit 
den  Kaisern  der  Hia-  und  der  Sang- Dynastie,  links  vom 
zweiten  Schrein  der  der  Tsou-Dynastie  usw.  Also  ist  auch 
hier  die  Anordnung  peinHchst  dem  Lauf  der  Zeit,  dem  Gang 
oder  Tao  des  Weltalls,  angepaßt;  jede  andere  Anordnung  wäre 
freihch  nach  chinesischer  Ansicht  sündhaft  und  strafwürdig, 
und  mithin  sind  auch  in  jedem  Schrein  für  sich  die  Tafeln 
genau  in  der  Zeitordnung  aufgestellt.  Sie  betragen  insgesamt 
187  an  Zahl. 

Links  und  rechts  des  Tempelgebäudes,  und  auch  beider- 
seits vor  der  Terrasse,  steht  ein  viereckiger  ^^  ^  oder  Steintafel- 
Kiosk  mit  doppeltem  Dach  aus  gelben  Ziegeln.  In  jedem  erhebt 
sich  senkrecht  auf  dem  Rücken  einer  marmornen  Schildkröte 
eine  schön  polierte  Marmortafel,  in  die  ein  kaiserliches  Dekret, 
das  sich  auf  den  Bau  des  Tempels  oder  den  Opferdienst  des 
Kaisers  bezieht,  eingemeißelt  ist.  Hinter  dem  Tempel  steht  in 
der  Meridianachse  ein  Aufbewahrungshaus  für  Opfergeräte, 
und    quer    vor    dem   Tempel,    links   und   rechts   vom  Hof,   ein 


255 

viereckiges  Nebengebäude  (Wu)  mit  grünen  Dachziegeln  und 
einem  langen  Tabernakel,  in  dem  40  und  39  „nebengeordnete 
Tafeln"  (P'ei  Wei)  berühmter  Staatsdiener  (^  g)  aller 
Zeiten  aufbewahrt  werden. 

Diese  acht  schönen,  rotfarbigen  Gebäude  sind  von  einer 
rechteckigen  Ummauerung  umschlossen,  die  gelbe  Dachziegeln 
trägt  und  in  der  Mitte  der  Südfront  ein  Tor  mit  drei  Durch- 
gängen und  grünen  Dachziegeln  hat.  Die  Terrasse  dieses  Tores 
und  die  drei  Marmortreppen,  welche  sie  sowohl  auf  der  Nord- 
ais auf  der  Südseite  hat,  haben  dieselben  schönen  Brüstungen 
und  Geländer  wie  die  Terrasse  und  die  neunstufigen  Treppen 
des  Tempels.  Vor  dem  Tor  liegt  ein  viereckiger  Hof,  von  einer 
Mauer  mit  blauen  Dachziegeln  umfaßt  und  mit  einer  Pforte 
in  der  Südseite,  die  nach  der  Straße  geht.  Auf  der  Ostseite  hat 
dieser  Vorhof  hinter  einer  Mauer  das  „Aufbewahrungshaus" 
für  die  Götter,  den  Schlachtplatz  und  die  Küche  mit  Brunnen, 
und  in  ähnlicher  Lage  auf  der  Westseite  noch  einige  Gebäude, 
die  zu  verschiedenen  Zwecken  dienen. 

Also  ist  dieser  kaiserliche  Seelenpalast,  gleichwie  die 
beiden  anderen  (T'ai  Miao  und  Fung  Siön  Tiön),  welche 
wir  kennen  gelernt  haben,  nach  demselben  Plan  angelegt  wie 
der  kaiserliche  Palast  in  Peking,  das  heißt,  alle  Hauptbauten 
liegen  nach  Süden  in  einem  gemeinschaftHchen  Meridian.  Daß 
dasselbe  auch  mit  den  zwei  Seelenpalästen,  die  das  Opfer- 
gelände des  Himmels  bilden,  der  Fall  ist,  wird  dem  Leser 
noch  in  Erinnerung  sein. 

Jedes  Jahr  im  mittleren  Frühlings-  und  Herbstmonat  be- 
auftragt der  Kaiser  einen  Prinzen  höchsten  Ranges  damit,  an 
einem  glücklichen  Tage  den  Kaisern  ein  großes  Opfer  dar- 
zubringen. Nur  ganz  ausnahmsweise  glaubt  er,  sie  persönlich 
einmal  verherrlichen  zu  müssen  und  bietet  selbst  ihnen  das 
Opfer  an,  macht  dann  aber  mit  den  ihm  folgenden  Magnaten 
und  Großen  beim  Empfang  und  Verabschieden   der  Seelen  nur 


256 

zwei  Kniefälle  mit  je  zwei  Stirn  auf  schlagen.  Das  Programm 
ist  dem  der  Opfer  in  den  kaiserlichen  Almentempeln  gleich. 
Den  Kaisern  werden  im  ganzen  achtzehn  Tische  mit  den  mis 
bekannten,  statutarisch  festgesetzten  Opfergaben  bereitet;  allein 
nur  sechs  Opfertiergestelle,  jedes  mit  einem  Rind,  einem  Schaf 
und  einem  Schwein.  In  jedem  Nebentempel  aber  werden  zehn 
Tische  mit  nur  zehn  Opfergaben  dargeboten. 

Die  staatliche  Verehrung  der  vormaligen  Vertreter  des 
Tao  der  Welt  ist  nicht  auf  die  zwei  Jahresopfer  in  der  Reichs- 
hauptstadt beschränkt.  Sollte  der  Kaiser  auf  der  Reise  in  die 
Nähe  eines  ihrer  Gräber  kommen,  so  entspricht  es  den  Vor- 
schriften der  Staatsreligion,  daß  er  daselbst  ein  Opfer  darbringt. 
Alles  dazu  Benötigte  verschafft  die  Behörde  des  Bezirkes  oder 
Kreises,  die  natürlich  beim  Opfer  auch  den  Sohn  des  Himmels 
begleitet  und  unterstützt.  Sollte  das  Grab  abseits  von  seinem 
Wege  liegen,  jedoch  noch  innerhalb  dreißig  Li,  dann  entsendet 
der  Kaiser  einen  Reichsgroßen  aus  seiner  Gefolgschaft  zur  Dar- 
bringung des  Opfers.  Es  kommt  auch  vor,  daß,  nachdem  sich 
für  die  Dynastie  etwas  sehr  Erfreuliches  ereignet  hat,  der  Kaiser 
Reichsgroße  zu  den  Gräbern  der  allerältesten  Kaiser  und  der 
Stifter  der  großen  Dynastien  schickt,  um  daselbst  mit  einem 
Opfer  die  frohe  Kunde  bekannt  zu  geben.  Diese  Abgeordneten 
müssen  dann  vor  der  Abreise  zusammen  mit  dem  Kaiser  einen 
Tag  lang  fasten.  Den  zum  Opfer  benötigten  Weihrauch  sowie 
die  Seide  und  das  Opfergebet  werden  einem  jeden  durch  das 
Opferamt  mitgegeben,  nachdem  alles  zu  gleicher  Zeit  von  dem 
Kaiser  im  Palast  feierhch  besichtigt  worden  ist. 

EndHch  ist  noch  zu  erwähnen,  daß  überall,  wo  sich  ein 
Kaisergrab  einer  früheren  Dynastie  befindet,  es  Pflicht  der  zu- 
ständigen Behörde  ist,  an,  demselben  im  mittleren  Frühlings- 
und Herbstmonat  zu  opfern,  und  zwar  in  gleicher  Weise,  wie 
es  ein  Reichsgroßer  täte,  der  vom  Kaiser  dazu  aus  der  Haupt- 
stadt abgesandt  worden  wäre. 


257 

Nicht  nur  soll  jeder  Szepter  und  Krone  tragende  Führer 
der  Menschheit  auf  dem  „Wege  des  Weltalls"  über  gründliche 
Kenntnis  der  heiligen  konfuzianischen  Schrift  des  Tao  ver- 
fügen (S.  67);  auch  eine  immer  sich  erneuernde  Beseelung 
durch  den  Geist  der  höchsten  Heiligen,  die  das  Tao  der 
Menschheit  gründeten  und  lehrten,  ist  ihnen  unentbehrlich. 
Damit  nun  diese  Beseelung  ihm  unaufhaltsam  zufließe,  müssen 
die  Seelen  dieser  Heihgen  ihm  stets  nahe  sein,  und  muß  er 
als  ihr  gehorsamer,  dankbarer  Schüler  sie  ehren  und  ihnen 
huldigen. 

An  der  Spitze  dieser  kaiserhchen  0[|}  S  i,  Meister  oder 
Lehrer,  stehen  die  der  allerfrühesten  Zeit,  nämlich  die  san 
Huang  (s.  S.  254),  hier  in  diesem  Falle  die  drei  ^gjg, 
Huang-Meister,  genannt.  Ihnen  folgen  die  *^  ßjj,  Ti -Meister, 
nämhch  Jao  und  Sun,  und  sodann  die  vier  ^  ßjj,  Wang- 
Meister,  J  ü,  T'ang,  Wön  und  Wu  (s.  S.  72);  Wang  warder 
Titel  des  Sohnes  des  Himmels  in  der  Zeit  der  Hia-,  Sang- 
und  Tsou- Dynastie,  welche  diese  vier  Heihgen  stifteten.  Die 
Lehren  und  Taten  der  Ti -Meister  und  der  Wang-Meister 
werden  der  Menschheit  hauptsächlich  durch  die  vornehmsten 
Bücher  des  heiligen  Su  verkündet,  und  diese  waren  mithin 
allezeit  für  Chinas  Kaisertum  grundlegendes  Gesetz.  Der  zehnte 
Meister  des  Kaisers  ist  der  heilige  j^  ^  Täou  Kung,  der. 
Fürst  von  Tsou,  Bruder  des  Wu;  ihn  führt  nämlich  das  §u  als 
damaligen  Lehrmeister  des  Volkes  vor,  und  außerdem  be- 
zeichnet ihn  die  Überlieferung  als  Verfasser  des  J  i ',  der  höchst- 
heiligen Bibel  des  Universismus  (S.  7).  Konfuzius  schließt  die 
Reihe  der  Meister  aus  Gründen,  welche  das  auf  S.  72  Gesagte 
zur  Genüge  hervorhebt. 

Für  diese  kaiserhchen  Lehrmeister  ist  ein  besonderer 
Seelentempel  im  Palast  erbaut,  und  zwar  innerhalb  des  ^  ^ 
^  P^  nei  Tung  Hua  Mön  oder  inneren  Tung  Hua-Tors  der 
Hauptpforte  der  östlichen  Front.  Er  trägt  den  kennzeichnenden 

De  Groot,  Universismus.  17 


258 

Namen  'j^^lj)^  Ts'uan  Sin  Ti6n,  Tempelhalle  zur  Fort- 
pflanzung des  Geistes.  Mit  der  Front  gegen  Süden  steht  er  auf 
einem  „Erhöhungsfundament"  ohne  Brüstungen,  und  er  hat  nur 
ein  einziges  Dach.  Vorn  erhebt  sich  das  freistehende  M-  >fj  f^ 
King  Hing  Mön,  Tor  des  glorreichen  Lebenswandels.  Tempel, 
Tor  und  die  übrigen  kleineren  Bauten  tragen  sämtlich  gelbe 
Dachziegeln.  Die  neun  Seelentafeln  der  „Meister"  stehen,  jede 
in  einem  eigenen  Schrein,  in  der  uns  bekannten  Anordnung 
nach  der  Zeit,  in  der  sie  lebten,  die  des  Fu'-hi  also  auf  dem 
vornehmsten  Platz  in  der  Mitte.  Der  Schrein  mit  Tsou  Kung 
aber  steht  an  der  östlichen  Tempelwand,  und  der  mit  Konfuzius 
gerade  gegenüber  an  der  westlichen,  und  zwar  weil  diese  Hei- 
ligen keine  Söhne  des  Himmels  waren  und  somit  hier  bloß  die 
Stellung  von  „nebengeordneten  Tafeln"  (p'ei  Wei)  innehaben. 
Also  hat  der  Sohn  des  Himmels  seine  heiligsten  Lehrer 
der  Regierungskunst  immer  als  inspizierende  Kräfte  neben  sich, 
und  zwar,  infolge  der  dem  Schüler  geziemenden  Ehrfurcht,  auf 
der  linken  oder  vornehmsten  Seite  seines  Thronsaales,  aus  dem 
heraus  er  die  Welt  regiert.  An  jedem  Neu-  und  Vollmondtage 
werden  vor  jedem  Schrein  Obst  und  Becher  Weins  auf  den 
Opfertisch  gesetzt,  und  dann  bietet  ein  Präsident  des  Opfer- 
amtes daselbst  Weihrauch  dar.  Ein  großes  Jahresopfer  emp- 
fangen diese  Heiligen,  wie  wir  gesehen  haben,  im  Tempel  der 
Kaiser  und  Könige  der  dahingegangenen  Dynastien,  in  dessen 
westHchem  Nebengebäude  natürlich  auch  Tsou  Kung  einen 
Platz  innehat;  und  was  Konfuzius  betrifft,  so  werden  ihm  große 
Jahresopfer  in  seinem  eigenen  Staatstempel  dargebracht,  aut 
den  wir  jetzt  zu  sprechen  kommen. 


Neuntes  Kapitel. 


Der  Grötterkiilt  des  Konfuzianismus  (IV). 

9.  Konfuzius  und  die  Koryphäen  seiner  Schule. 

Konfuzius  hat  also  (s.  S.  257)  seinen  Platz  als  Staats- 
gottheit an  der  Seite  der  heiligen  Kaiser,  die  das  Tao  der 
Menschheit  gestiftet  haben.  Der  Grund  dafür  kann  kein  anderer 
sein  als  der  auf  S.  72  erwähnte,  wonach  er  es  ist,  der  das 
Tao  der  Menschheit  durch  die  heiligen  Schriften,  die  von  ihm 
und  seiner  Schule  stammen,  für  alle  Zeiten  festgelegt  und  allen 
Geschlechtern  überliefert  hat.  Dieses  denkbar  größte  Werk 
hat  seine  Heiligkeit  sogar  über  die  aller  Heiligen  erhoben.  Sein 
Geist  und  seine  Seele  sind  in  Kaiser,  Mandarinentum  und  Volk 
lebendig.  Ein  Tempel,  in  dem  seine  Seele  und  die  Seelen  der 
Koryphäen  seiner  Lehre  wohnen,  ist  somit  in  jedem  Verwaltungs- 
sitz oder  in  jeder  ummauerten  Stadt  des  Reiches  erbaut,  damit 
aus  diesem  Heiligtum  die  Beseelung  ausströme,  welche  im  Volke 
ununterbrochen  Liebe  für  klassische  Studien  weckt,  und  auf 
daß  Provinz,  Bezirk  oder  Kreis  dadurch  viele  gelehrte  Köpfe 
hervorbringe  und  so   dem   Staat  viele  tüchtige  Beamte  liefere. 

Da  Konfuzius  somit  der  große  Schutzpatron  des  Zivil- 
staatsdienstes ist,  heißen  seine  Tempel  ^  J^  Wön  Miao, 
Zivildienst-Tempel.  Infolge  ihrer  reichen  Zahl  und  der  allgemeinen 
Zugänglichkeit  sind  sie  häufiger  als  andere  Tempel  Chinas  von 

Europäern  besucht  und  beschrieben  worden.  Der  vornehmste  von 

17* 


260 

allen  ist  der  zu  Peking,  der  gerade  südlich  von  dem  Opfergelände 
der  Erde  steht,  nur  durch  die  Stadtmauer  davon  getrennt. 
Seinen  Namen  -^  ^  ^  Ta  Ts'ing  Ti6n,  Tempel  des  Voll- 
kommensten, trägt  er  auf  einer  Holztafel  über  dem  Eingang  in 
der  Mitte  des  Frontgiebels.  Er  ist,  auch  was  die  Marmorterrasse 
anbetrifft,  auf  der  er  sich  erhebt,  dem  Tempel  der  Kaiser  der 
vergangenen  Dynastien  ganz  ähnlich,  und  auch  sein  Haupttor 
ist  von  dem  dieses  Gebäudes  kaum  verschieden  (vgl.  also  S.  254). 
Zwischen  Tempel  und  Tor  liegt  ein  geräumiger,  mit  vielen  Zy- 
pressen bestandener  Hof,  den  auf  jeder  Seite  ein  langer  Neben- 
tempel (Wu)  abgrenzt.  Hier  stehen  auf  der  Ostseite  sechs,  auf 
der  Westseite  fünf  gleichgroße  Kioske  (^)  mit  doppeltem  Dach, 
jeder  zum  Schutz  eines  Monoliths  (5^)  auf  dem  Rücken  einer 
steinernen  Schildkröte,  der  entweder  eine  eingemeißelte  kaiser- 
liche Verfügung  betreffend  die  Wiederherstellung  der  sich  un- 
mittelbar im  Westen  dem  Heiligtum  anschließenden  Hochchule 
trägt,  oder  der  von  Opfern  redet,  welche  Kaiser  persönlich 
hier  dargebracht  haben,  oder  kaiserliche  Panegyriken  und  Ahn- 
liches zu  lesen  bietet.  Einige  dieser  Steindokumente  sind  in 
Mantschu-Schrift  abgefaßt. 

Tempel,  Tor  und  Kioske  tragen  gelbglasierte  Dachziegeln 
und  sind  alle  gegen  Süden  gekehrt.  Vor  dem  Tor  erstreckt 
sich  ein  von  Zypressen  beschatteter  Vorhof,  auf  dem  links  und 
rechts  ein  Aufbewahrungshaus,  eine  Küche,  ein  Schlachthaus 
usw.  stehen,  und  der  auf  der  Südseite  ein  Tor  hat,  welches  das 
Heiligtum  mit  der  Straße  verbindet.  Die  Straße  heißt  hier 
>ß!c  K  f^  Ts*^ing  Hien  Kiai,  Straße  des  Vollkommenen  und  der 
Weisen.  Im  Vorhof  stehen  drei  Kioske  mit  Monolithen,  von 
denen  einer  eine  Inschrift  des  Kaisers  ^^  Jing  Tsung 
der  Ming-Dynastie  trägt,  der  1436  bis  1450  regierte.  Auch 
stehen  da  unbeschützt  im  Freien  eine  Anzahl  kleinerer  Stein- 
platten, worauf  die  Namen  der  Gelehrten  zu  lesen  sind,  die  sich 
während  der  Regierung  der  Ts*^ing- Dynastie  bei  den  Pekinger 


261 

Staatsprüfungen  den  höchsten  Gelehrtentitel  von  jt^ i   Tsin- 
Si  erworben  haben. 

Das  Heih'gtum  ist  gänzhch  von  einer  viereckigen  Mauer 
umschlossen.  Nördlich  derselben  liegt  direkt  hinter  dem  Haupt- 
tempel ein  viereckiger  ummauerter  Hof  geringeren  Umfangs, 
gleichfalls  mit  Zypressen  bestanden,  und  darin  steht  auf  der 
Nordseite  auf  einem  „Erhöhungsfundament"  ohne  Brüstungen 
ein  kleinerer  Tempel,  welcher  ^  ^  ^ßj  Ts*ung  Sing  Sß, 
Ahnentempel  zur  Verherrlichung  der  Heiligkeit,  heißt.  Auch  hier  steht 
auf  der  linken  und  rechten  Seite  des  Hofes  ein  Nebentempel 
(Wu). 

Nicht  weniger  als  182  Seelen  von  Heiligen  und  Weisen 
bewohnen  dieses  schöne  Heiligtum.  Im  Haupttempel  steht  der 
Schrein  mit  der  Tafel  des  Konfuzius  natürlich  auf  dem  Haupt- 
platz in  der  Mitte  des  Hintergrundes,  gegen  Süden  gekehrt; 
die  Tafel  trägt  die  Inschrift:  S  ^  ^  ßrß  ?L  i^  IUI  fö, 
Seelentafel  des  allerheiligsten  Vorgängers  in  der  Lehrmeisterschaft  K'ung 
Tse.  Etwas  Aveiter  nach  vorn  stehen  vier  nebengeordnete  Tafeln 
(P'ei  Wei)  der  höchsten  Koryphäen  seiner  Schule,  jede  in 
einem  eigenen  Schrein,  nämhch:  Jon  Hui,  der  ^  §^  Fu' 
Aing  oder  zweifach  Heilige;  K'ung  Ki',  der  gß  ^  Su'  Sing 
oder  Heilige,  der  das  Werk  (seines  Großvaters  Konfuzius)  fortsetzte; 
Tseng  Tse,  der  ^^  Tsung  Öing  oder  hochehrwürdige 
Heilige;  und  Meng  Tse  (Menzius),  der  ^^^  Ja  Sing  oder 
zweitgrößte  Heilige  (vgl.  S.  '«'3).  Diese  vier  Ehrennamen  wurden 
ihnen  im  9.  Jahre  der  Periode  Kia-k*ing  (1804)  gnädigst 
vom  Kaiser  Zen -Tsung  verliehen,  waren  ihnen  aber  schon 
unter  der  Mongolen-Dynastie  beigelegt  worden.  Danach  folgen 
südwilrts  zur  linken  und  zur  rechten  je  ein  Schrein  mit  sechs 
Tafeln  von  ;;5fe  S  Sien  Hien,  Vorgängern  in  der  Weisheit  (vgl. 
S.  71)^  deren  letzter  :^  ^  Tsu  Hi  ist,  der  berühmte  Führer 
der  großen  Schule  der  Sung-Zeit,  die  der  konfuzianischen 
Philosophie   ihre   moderne  Gestaltung  gab,  in   der  ihre  univer- 


262 

sistischen  Grundzüge  besonders  scharf  in  den  Vordergrund 
rücken.  Diese  zwölf  Tafeln  werden  speziell  als  "^  "^  Tsß' 
Wei;  Tafeln  der  Intelligenten^  bezeichnet/  also  der  tüchtigsten 
unter  den  „Weisen".  Ihre  Schreine  heißen  p|f  j^  Hang  Su^ 
die  beiden  Rangreihen.  Noch  40  Tafeln  von  Sien  Hien  stehen 
im  östlichen  Nebengebäude,  zusammen  mit  35  von  -^  "Wä  S  i  fe  n 
Zu,  Vorgängern  im  Gelehrtentum;  im  westlichen  befinden  sich  39, 
bezw.  35  von  ihnen.  Diese  149  sind  Gefolgschaftstafeln  (T  s  u  n  g 
Wei).  Was  nun  endlich  den  „Tempel  zur  Verherrlichung  der 
Heiligkeit"  betrifft,  so  enthält  dieser  die  Tafeln  der  fünf  un- 
mittelbaren Vorahnen  des  Konfuzius,  recht  nebelhafte  Persön- 
lichkeiten, denen  die  Dynastie  den  Ehrentitel  ^  Wang, 
König,  verheben  hat.  Jede  Tafel  hat  ihren  eigenen  Schrein. 
Links  und  rechts  stehen  davor  in  der  Quere  drei  und  zwei 
S  i  ö  n  H  i  Ö  n,  nämlich  der  Bruder  des  Konfuzius,  der  Vater  des 
J6n  Hui,  der  Sohn  des  Konfuzius,  der  Vater  des  Tsöng 
Tse  und  der  Vater  des  Möng  Tsö.  Schheßlich  werden  in 
den  zu  diesem  Tempel  gehörenden  Nebengebäuden  zwei  Sien 
Hien  und  zwei  Siön  Zu  auf  der  Ostseite  und  zwei  Sien  Zu 
auf  der  Westseite  bewahrt. 

Ebenso  wie  die  Kaiser  der  früheren  Dynastien,  empfangen 
die  Seelentafeln  im  Heihgtum  von  Konfuzius  alljährlich  im 
Mittelmonat  des  Frühlings  und  des  Herbstes  ein  großes  Opfer, 
das  der  Sohn  des  Himmels  durch  einen  Prinzen  höchsten 
Ranges  darbringen  läßt.  Jedes  Opfer  fällt  auf  den  ersten  Tag, 
der  das  Zykluszeichen  ~p  trägt.  Es  kommt  jedoch  vor,  daß 
der  Kaiser  aus  besonderem  Anlaß  selbst  als  Opferpriester  auf- 
tritt. Das  Programm  ist  das  uns  bekannte.  Nur  ist  zu  bemerken, 
daß  beim  Opfer  vorwiegend  die  Hilfsleistung  von  der  Ver- 
waltung der  Hochschule,  die  an  den  Tempel  grenzt,  besorgt 
wird.  Konfuzius  bekommt  die  volle  Anzahl  von  25  Schüsseln 
und  Körben,  nebst  drei  Opfertieren;  seinen  Vorahnen  und  den 
vier  Heihgen  werden  je   20  Stück,   ein  Schaf  und  ein  Schwein 


263 

angeboten.  Die  fünf  nebengeordneten  Tafeln  im  Hintertempel 
und  die  zwölf  Intelligenten  empfangen  je  11  Schüsseln  und  Körbe 
und  keine  Opfertiere,  während  in  den  W  u  immer  zwei  Tafeln 
zusammen  dieselbe  Anzahl  auf  einem  gemeinschaftlichen  Tisch 
bekommen.  Die  beiden  Jahresopfer  tragen  den  Namen  ^  M 
Si  Tien,  Aufstellung  von  Opfergaben,  weil  gewisse  Stellen  der 
heihgen  Schrift  sie  so  nennen. 

In  dem  konfuzianischen  Heiligtum  des  Staates  wohnen 
also  die  Seele  des  großen  Meisters  und  die  aller  Heiligen, 
Weisen  und  ausgezeichneten  Gelehrten  seiner  Schule,  und  es 
ist  deshalb  der  Hauptsitz  des  Geistes  (Sön)  der  erhabenen 
Lehre.  Diese  Lehre  im  ganzen  Reich  zu  pflegen  und  zu  ver- 
breiten ist,  wie  wir  wissen,  die  höcliste  Aufgabe  jedes  Kaisers; 
berufsgemäß  ist  er  der  Fortsetzer  des  Werkes  von  Konfuzius. 
Es  hat  deshalb  an  sich  nichts  Befremdendes,  wenn  der  Kaiser 
bisweilen  in  Wirkhchkeit  als  Prediger  der  Lehre  auftritt  und 
dann  dazu  sich  eine  Stelle  auserwählt,  die  in  der  unmittelbaren 
Nähe  des  Heiligtums  liegt,  so  daß  der  dort  wohnende  Geist 
der  Lehre  ihn  während  der  Predigt  beseelen  kann. 

Es  liegt  daselbst,  nämlich  auf  der  Westseite  ein  großes 
Viereck,  welches  das  g  "J^^  Kuo'TseKi6n,  Institut  für  die 
Sühne  der  Dynastie,  umschließt,  die  Studienanstalt  der  Prinzen, 
welche  auch  den  klassischen  Namen  ^jfc  *^  T'ai  Hio',  Hoch- 
schule, trägt.  Den  Mittelpunkt  dieses  Raumes  bildet  der  kaiser- 
liche Predigtsaal.  Er  liegt  gerade  westlich  vom  Konfuzius- 
tempel, so  daß  der  Kaiser  beim  Abhalten  seines  Vortrages 
seinen  heiligen  Lehrmeister  ehrerbietig  auf  der  vornehmeren 
Stelle  neben  sich  hat.  Der  Saal  hat  eine  eigentümliche  Form. 
Es  steht  nämlich  im  heiligen  Buche  ^  ^Ij  Wang  Tsi  (11) 
des  Li  K  i  dieser  Satz  geschrieben :  ^^^5fP^  ^"J^H 
^^  ^B  ^  ^^  0  1^§  *^y  ^^®  ^^^^^^  Schule  liegt  am  Vorstadtgelände; 
der  Sohn  des  Himmels  nennt  die  seinige  Pi*  Jung,  und  die  Lehnsfürsten 


264 

nennen  die  ihrige  P'an-Gebäude.  Die  Bedeutung  dieser  Benennungen 
hat  die  Gelehrtenwelt  nie  befriedigend  zu  erklären  vermocht. 
Dennoch  hat  sie  die  Entscheidung  getroffen,  daß  Pi'  nichts 
anderes  ist  als  das  gleichlautende  -^^  also  eine  Jaspisscheibe 
mit  quadratischem  Loch  in  der  Mitte  (s.  S.  161),  und  daß  P^an 

dasselbe    ist   wie    das    gleichlautende    \f^,   ein  trennendes  Gewässer; 

und  auf  diese  schwachen  Gründe  hin  hat  man  den  Predigtsaal 
auf  einer  quadratischen  Insel  erbaut,  die  genau  in  der  Mitte 
eines  kreisrunden  Teiches  liegt.  Der  Durchmesser  dieses  Teiches 
beträgt  19,2  Tsang.  Er  ist  gänzlich  mit  Marmorquadern  ge- 
mauert und  hat  genau  im  Norden,  Osten,  Süden  und  Westen 
eine  Steinbrücke  von  vier  Tsang  Länge,  die  ebenso  wie  der 
Teich  beiderseits  mit  schweren  Marmorgeländern  versehen  sind. 
Insel  und  Brücken  sind  auch  mit  Marmorsteinen  gepflastert, 
gleichwie  der  umliegende  Hof.  Der  Saal  trägt  ein  doppeltes 
Dach  mit  gelbglasierten  Ziegeln  und  hat  gegenüber  jeder  Brücke 
einen  Eingang;  der  südliche  ist  der  vornehmste  und  über  ihm 
hängt  eine  Holztafel  mit  der  Inschrift  J^  |§  Pi'  Jung,  dem 
Namen  des  Saales.  Die  Marmorterrasse  mit  Marmorbrüstungen, 
auf  der  das  Gebäude  steht,  hebt  es  in  seiner  stattlichen  Schön- 
heit nur  wenig  empor.  Es  ist  auf  jeder  Seite  5^3  Tsang 
lang.  Die  sechzehn  Pfeiler,  welche  das  Doppeldach  tragen,  ver- 
teilen den  inneren  Raum  in  neun  viereckige  Fächer,  welche 
die  neun  Hauptgegenden  der  Erde  versinnbildlichen.  Das  zen- 
trale Fach,  erheblich  größer  als  die  acht  anderen,  ist  qua- 
dratisch und  stellt  das  Reich  der  Mitte  dar,  und  in  seinem 
Mittelpunkt  hält  der  Kaiser  seine  Rede,  die  den  Geist  der 
heiligen  Lehre  in  alle  neun  Teile  des  Erdreiches  trägt. 

Ein  Ereignis,  so  wichtig  wie  ein  Lehrvortrag  des  Kaisers, 
darf  selbstverständlich  nur  an  einem  glücklichen  Tage  statt- 
finden. Dieser  wird  schon  sehr  frühzeitig  berechnet,  weil  die 
Häupter  der  Nachkommenschaft  des  Konfuzius  und  der  weiteren 
Heiligen  der  Lehre  schriftlich  zum  Beiwohnen  einzuladen  sind. 


265 

Xatürlicli  gilt  ihnen  die  kaiserliche  Einladung  als  Befehl.  An 
dem  wichtigen  Tage  verläßt  der  kaiserliche  große  Zug  den 
Palast  durch  das  Tung  Hu a -Tor,  die  Hauptpforte  der  Ost- 
front, und  wird  in  der  Straße  „des  Vollkommenen  und  der 
Weisen"  von  dem  Bearatenpersonal  der  Hochschule  kniend 
empfangen.  Dann  bringt  der  Kaiser  im  Heiligtum  ein  großes 
Opfer  dar,  mit  der  vollen  Anzahl  von  Prinzen,  Reichsgroßen 
und  Nachkommen  der  Heiligen  in  seinem  Gefolge.  Ein  Gebet 
wird  diesmal  nicht  verlesen. 

Nachdem  dann  der  Kaiser  in  der  S^^  I  Lun 
T  ang,  Halle  der  menschlichen  Beziehungen  und  Verhältnisse,  einem 
Gebäude  nördlich  vom  Predigtsaal,  sich  eine  kurze  Weile  Ruhe 
gegönnt  hat,  und  die  Großen  inzwischen  mit  genauester  Be- 
obachtung ihrer  Rangordnung  ihre  Plätze  südlich,  östlich  und 
westlich  vom  Teich  eingenommen  haben,  betritt  der  Kaiser  den 
Predigtsaal  und  besteigt  die  Kanzel,  die  genau  im  Mittelpunkt 
steht  und  natürlich  gegen  Süden  gekehrt  ist.  In  dem  vor  der 
südlichen  Brücke  liegenden  Hof  werden  in  zwei  Kiosken  eine 
Glocke  und  eine  große  Trommel  geschlagen,  und  sobald  sich 
der  Kaiser  niedersetzt,  bringen  ihm  die  Sänger  unter  Begleitung 
des  Orchesters  eine  Kantate  dar.  Nun  überschreiten  die  Ma- 
gnaten, Minister  und  Nachkommen  unter  Führung  der  Präsi- 
denten des  Bewirtungsamtes  die  Brücken  und  nehmen  mit  dem 
größten  Dekorum  die  ihren  Rängen  gebührenden  Plätze  im 
Saale  ein. 

Zwei  allerhöchste  Staatsminister,  nämlich  der  chinesische 
und  der  mantschurische  Präsident  (^  ^  i)  der  Nei-ko' 
oder  kaiserlichen  Kanzlei,  zugleich  die  höchsten  Kuratoren  der 
Hochschule,  lassen  sich  an  zwei  Tischen  auf  der  linken  Seite 
des  Kaisers  nieder,  und  die  beiden  ^  y@  oder  Weinopferer, 
Direktoren  der  Hochschule,  setzen  sich  an  Tische  zu  seiner 
Rechten.  Erst  gibt  ein  Kurator  dem  Kaiser  einen  Text  aus 
einem  Su  an,    dann   der   andere  einen   aus   einem  King,  und 


266 

über  jeden  hält  der  Kaiser  eine  kurze  Lesung,  die  die  Zuhörer 
auf  den  Knien  ehrfurchtsvoll  anhören.  Sodann  verlassen  diese 
den  Saal  und  nehmen  jenseits  der  Brücken  ihre  Plätze  wieder 
ein;  da  werfen  sie  sich  auf  die  Knie,  und  der  folgende  kaiser- 
liehe  Befehl  (^|J)  wird  vorgelesen:  M  AZM.tlfi  ^  ^  ^, 

m^Bm.  B^7ctmommm^^mz-  ^- 

Tao  des  Heiligen  ist  der  Sonne  gleich,  die  den  Höhepunkt  am  Himmel 
erreicht;  es  soll  gepredigt,  erörtert,  in  den  Busen  aufgenommen  und  dann 
für  Regierungszwecke  verwertet  werden.  Ihr  Lehrer  und  Schüler,  setzet 
dafür  eure  Kräfte  ein.  Orchester  und  Gesang  erschallen  von  neuem, 
Stirnaufschläge  werden  vor  dem  Kaiser  gemacht;  Tee  wird  den 
Großen  und  den  Nachkommen  der  Heiligen  geboten,  die  sich 
dabei  eine  Weile  niedersetzen  zum  Genuß  der  Musik  und  des 
Gesanges..  Nachdem  der  Präsident  des  Ministeriums  der  Li 
mit  lauter  Stimme  gerufen  hat,  daß  die  Zeremonien  vollbracht 
sind  (;|§^),  wird  dem  Kaiser  eine  Abschiedskantate  gesungen, 
und  er  verläßt  seinen  Predigtsitz,  um  an  der  südlichen  Brücke 
seine  Sänfte  zu  besteigen. 

Nun  führt  ihn  der  große  Zug  über  die  Brücke  durch  eine 
P  ai  Fang,  eines  der  schönsten  Bauw^erke  dieser  Art,  welche 
man  in  China  zu  sehen  bekommt.  Sie  hat  auf  marmornem 
Unterbau  drei  bogenförmige  Durchgänge,  deren  Wölbungen  aus 
schön  behauenen  Marmorblöcken  bestehen;  die  höheren  Teile 
sind  auf  beiden  Fronten  mit  gelben  und  blauen  glasierten  Ka- 
cheln bekleidet,  die  runde  und  viereckige  Figuren  bilden;  die 
drei  eleganten  glasierten  Dächer  der  Durchgänge  zeigen  in  der 
Hauptsache  dieselben  Farben.^  Bald  erreicht  der  Kaiser  das 
J^  ^  P^  T'ai  Hio'  Men,  das  Tor  der  Hochschule,  an  der 
„Straße  des  Vollkommenen  und  der  Weisen",  wo  die  Beamten 
und  Schüler  der  Hochschule  sich  inzwischen  in  Spalier  aufgestellt 
haben,  um  auf  den  Knien  ihm  das  Geleit  zu  geben. 


^  Eine  Abbildung  befindet  sich  im   „The  Religious  System  of  China" 
Band  II,  gegenüber  S.  787. 


Wie  oft  der  Kaiser  als  höchster  Prediger  der  heihgen 
Lehre  den  Lehrstuhl  besteigt,  läßt  sich  nicht  sagen;  wohl  aber, 
daß  er  dieses  ^  §  K  i  a  n  g  S  u,  Predigen  der  Schrift,  mindestens 
einmal  während  seiner  Regierung  abhalten  soll. 

Die  kaiserliche  Pflicht,  der  Erhaltung  und  Verkündigung 
der  wahren  Lehre  seine  persönliche  Sorge  zuzuwenden,  kommt 
auch  in  den  beiden  Nebengebäuden  (Wu)  des  Predigtsaales 
auf  ganz  besondere  Weise  zum  Ausdruck.  Jedes  bildet  eine 
lange  Veranda,  die  aus  drei  Abteilungen,  sogenannten  ^ 
T'ang,  Hallen,  besteht,  wo  in  zwei  Reihen  geordnet  eine  große 
Anzahl  Marmortafeln  steht,  in  die  die  Texte  der  heiligen 
Bücher  eingraviert  sind.  Jede  trägt  auf  jeder  Front  sechs 
Reihen  von  sieben  viereckigen  Fächern,  und  jedes  Fach  enthält 
fünf  Spalten  von  zehn  Zeichen,  so  daß  jede  Tafel  (6X7X5 
X  10)  2  =  4200  Zeichen  trägt.  Hier  ist  also  die  Stelle,  wo 
der  Sohn  des  Himmels,  das  Beispiel  vergangener  Kaiserhäuser 
befolgend,  die  heiHgen  Texte  in  ihrer  urechten  unveränder- 
lichen Form  auf  ewig  vor  Verstümmlung  und  Verlust  bewahrt, 
unter  dem  Geist  und  Atem  der  Heiligen  selbst,  denen  die 
Menschheit  sie  in  dieser  Form  verdankt. 

Vorschriftsmäßig  ist  die  Hochschulverwaltung  verpflichtet, 
an  jedem  Neumondstag  einige  Eßwaren  ohne  Fleischspeisen 
auf  den  Opfertischen  im  Konfuzianischen  Heiligtum  niederzu- 
setzen. Wenn  das  geschehen,  treten  die  „Weinopferer"  (s. 
S.  265)  in  offiziellem  Gewände  und  die  sämthchen  Schüler  in 
Festkleidung  im  Tempelhof  auf,  und  alle  machen  da  gemein- 
sam vor  dem  Hauptgebäude  drei  Fußfälle  und  neun  Stirnauf- 
schläge. Sodann  treten  die  Weinopferer  vor  den  Schrein  des 
Konfuzius  und  bieten  ihm  unter  der  Führung  von  Zeremonien- 
meistern feierlich  dreimal  Weihrauch  und  danach  einen  Becher 
Wein  an.  Diesen  Opferakt  wiederholen  sie  vor  den  vier 
anderen  Heiligen,  während  weitere  Beamte  der  Hochschule 
vor  den  zwölf  „Intelligenten"  und  wieder  andere  in  den  beiden 


268 

Nebentempeln  dasselbe  tun.  Mit  drei  gemeinschaftlichen  Knie- 
fällen und  neun  Stirnaufschlägen  wird  nunmehr  die  Feierlich- 
keit im  Tempelhof  beschlossen.  Währenddessen  verrichtete  eine 
Gruppe  von  Hochschulbeamten  denselben  Ritus  im  Hintertempel. 
An  Vollmondstagen  wird  an  früher  Morgenstunde  auf 
ähnliche  Weise  verfahren,  jedoch  ohne  daß  Opferspeisen  aufge- 
stellt werden  und  Wein  dargeboten  wird. 

Wo  die  Staatsreligion  dem  Sohn  des  Himmels  vorschreibt, 
daß  er  den  heiligen  Kaisern  der  Vergangenheit  auch  an  ihren 
Gräbern  opfern  soll,  falls  seine  Reisen  ihn  in  ihre  Nähe  führen 
(s.  S.  256),  da  ist  es  selbstredend,  daß  sie  ihm  auch  die  Pflicht 
auferlegt,  im  gleichen  Falle  den  heiligsten  Konfuzius  bei  seiner 
ewigen  Ruhestätte  die  gleiche  Ehrung  zu  erweisen. 

Bekanntlich  befindet  sich  das  Grab  des  Konfuzius  in  der 
Provinz  San-tung,  im  Kreise  ^  _^  K'ü'-fou,  wo  auch  sein 
Stamm  unter  dem  besonderen  Schutz  der  verschiedenen  Kaiser- 
häuser alle  Jahrhunderte  hindurch  ansässig  gewesen  ist.  Dort 
lebt  in  dem  ältesten  seiner  direkten  männlichen  Nachkommen 
seine  Seele  fort;  dieser  ist  somit  das  Haupt  des  Stammes  und 
führt,  wie  die  lange  Reihe  seiner  Vorgänger;,  den  erblichen 
Staatstitel  ^)7  ^  ^  Jon  Sing  Kung,  Prinz,  der  die  Heiligkeit 
überallhin  verbreitet.  Ein  großes  Heiligtum  für  Konfuzius  und 
die  Koryphäen  der  Lehre  liegt  innerhalb  der  Kreishauptstadt. 
Es  ist  in  den  Hauptzügen  dem  in  Peking  ähnlich.  Eine  wert- 
volle, zwar  wenig  wissenschaftliche  Beschreibung  davon,  mit 
einer  Anzahl  guter  Abbildungen  bereichert,  gab  der  Missionar 
Tschepe  heraus  unter  dem  Titel:  „Heiligtümer  des  Konfu- 
zianismus  in  K'ü-fu  und  T schon  Hi6n". 

Unter  Beobachtung  des  für  Peking  festgesetzten  Rituals 
bietet  der  Kaiser  in  diesem  Heiligtum  sein  Opfer  dar.  Das 
Haupt  des  K'^ung' sehen  Stammes  und  seine  Notabein,  sowie 
die  hohen   Kreis-  und  Bezirksbeamten    befinden    sich   dabei   in 


269 

seinem  Gefolge.  Sobald  das  Opfer  vollbracht  ist,  begibt  sich 
der  Kaiser  in  den  |^  ;]g  ^  Si  Li  T'ang,  Saal  der  (heiligen 
Bücher  der)  Lieder  und  der  Lebensregeln,  der  auf  der  Ostseite  des 
Tempelhofes  vor  dem  „Ahnentempel  zur  Verherrlichung  der 
Heihgkeit"  (vgl.  S.  261)  steht,  und  hält  da  über  irgendeinen 
klassischen  Gegenstand  vor  den  knienden  Stammesgenossen 
einen  Lehrvortrag.  Darauf  folgt  die  Verkündung  dieses  De- 
krets (^): 

^J  ^^  Ä  j||^  iä-k  'fi  ^Po  ^^^  "^^o  <^®s  Heiligsten  (Konfuzius) 
bewegt  sich  mit  der  Sonne  und  dem  Monde  in  derselben  Bahn;  es  hat  den- 
selben Kreislauf  wie  Himmel  und  Erde.  Alle  Kaiser  und  Könige  von 
zehntausend  Geschlechtern  haben  es  gelehrt  und  befolgt;  von  ihnen  herab 
erreicht  es  die  Hauptminister  und  Minister,  die  Beamten  und  das  Volk,  und 
so  wird  alles  ohne  Ausnahme  von  ihm  geführt  und  geleitet  (vgl.  S.  80). 
Der  persönliche  Nachlaßt  des  Heiligen  ist  euch  seit  fernen  Zeiten  als  Erb- 
schaft übertragen,  euere  Geschlechter  haben  ihn  bewahrt,  euere  Familien 
ihn  einander  überliefert,  und  so  haben  sie  sich  mühsam  bestrebt,  in  Men- 
schenliebe (Z6n)  das  Beispiel  zu  geben,  in  den  Lebenspflichten  (I)  Be- 
lehrung zu  erteilen,  in  der  Bahn  des  Tsung  (s.  S.  76)  sich  zu  bewegen 
und  im  Wege  der  Harmonie  (s.  S.  76)  zu  wandeln;  —  (die  Älteren)  haben 
dabei  ihr  Gemüt  auf  Beobachtung  der  Treue  und  des  Verzeihuugssinnes 
gegründet,  (die  Jüngeren)  ihr  Benehmen  durch  Befolgung  der  Pflichten  des 
Kindes  (Hiao)  und  des  jüngeren  Bruders  ('N^  T  i)  geziert.  Von  diesem 
Wege  sollt  ihr  gewiß  nicht  abweichen,  auf  daß  ihr  die  Lehren  eueres  Vor- 
fahren ehrt  und  hochhaltet  und  dadurch,  als  Ausgleich,  Meines  Wohlwollens 

^  Buchstäblich:  seine  „Feuchtigkeit",  nämlich  seiner  Lippen  und 
Finger,  die  an  den  Tassen,  woraus  er  getrunken,  den  Büchern,  worin  er 
gelesen,  klebt.  Das  Bild  ist  dem  heiligen  Buche  35^^  "^ ^^'  Tsao  (HI) 
des  Li  K  i  entliehen. 


270 

würdig-  seid.     Ihr  alle  gehorchet   diesem  Befehl   ehrerbietigst   und  vernach- 
lässigt ihn  nicht! 

Nach  der  feierlichen  Vorlesung  dieses  Dekrets  wird  der 
Text  dem  Stammeshaupt  ausgehändigt,  und  dieser  bringt  zu- 
sammen mit  allen  Anwesenden  dem  Kaiser  durch  drei  Fuß- 
fälle und  neun  Stirnaufschläge  Dank  und  Huldigung  dar.  Zum 
Schluß  stattet  der  Kaiser  mit  der  ganzen  zahlreichen  Gefolg- 
schaft dem  Grabe  seinen  Besuch  ab;  zweimal  gießt  er  dort 
einen  Becher  Opferweins  auf  den  Boden  aus  und  verehrt  mit 
allen  zusammen  das  Grab  durch  Stirnaufschläge.  Dieser  Kitus 
heißt    ^g^  «j (j  /p|C;   das  Besuchen  des  K'ung  sehen  Waldes. 

Sowohl  im  Heiligtum  in  Peking  als  in  dem  zu  K'ü'-fou 
werden  Ereignisse,  welche  für  die  Dynastie  von  hoher  Be- 
deutung und  Wichtigkeit  sind,  durch  eigens  dazu  abgesandte 
Große  dem  Konfuzius  bekannt  gegeben,  und  zwar  nach  dem 
rituellen  Programm,  das  wir  von  S.  185  f.  kennen. 

Gleich  wie  dem  Kaiser  fortwährend  aus  dem  Konfuzius- 
tempel seiner  Residenz  Beseelung  und  Beistand  zufließen,  die 
ihm  zum  richtigen  Regieren  der  Welt  im  Geiste  des  Tao  des 
Weltalls  und  der  Menschheit  unentbehrlich  sind,  ebenso  ent- 
lehnen seine  Statthalter  in  den  Provinzen,  Bezirken  und  Kreisen 
ähnliche  Beseelung  und  Unterstützung  aus  den  Konfuziustempeln, 
die,  wie  schon  gesagt,  dort  zu  diesem  Zwecke  erbaut  sind. 
Beim  Bau  dieser  Heiligtümer  hat  man  sich  anscheinend  mehr 
oder  weniger  nach  denen  von  Peking  und  K*ü'-fou  gerichtet, 
und  im  großen  und  ganzen  kennzeichnen  sie  sich  mithin  durch 
auffallende  Einförmigkeit.  Der  örtliche  Gelehrtenstand  sorgt  für 
die  Errichtung  und  den  Unterhalt  und  veranstaltet  dafür,  wenn 
nötig,  Geldsammlungen  mit  Einschreibelisten.  Geräumige  An- 
lage, schöner  Bau,  hübsche  Dekoration  erhalten  die  Heiligen 
und  Weisen  in  günstiger  Stimmung  und  sichern  eine  kräftige 
Wirkung    ihres    Geistes   und   folglich   die    Geburt   intelligenter 


271 

Knaben^  welche  sich  bei  den  Staatsprüfungen  auszeichnen  und 
dann  in  den  Staatsdienst  aufgenommen  werden.  Dadurch  er- 
höht sich  der  Ruf  der  Gegend  immer  mehr;  ihre  Bedeutung 
und  Blüte  ist  also  mit  dem  konfuzianischen  Heiligtum  innigst 
verwoben,  und  so  erklärt  es  sich,  weshalb  es  in  den  meisten 
Städten  sich  vor  allen  anderen  Heiligtümern  durch  Schönheit 
und  Größe  auszeichnet. 

In  allen,  ohne  Ausnahme,  muß,  auf  Grund  der  Reichs- 
statuten, an  denselben  zwei  Jahrestagen  wie  in  Peking  durch 
die  hohe  Behörde  ein  großes  Opfer  nach  dem  reichshaupt- 
städtischen Programm  dargebracht  werden.  Auch  hierbei  spielen 
Musik,  Gesänge  und  Tänze  eine  große  Rolle;  das  Beisein  und 
die  Mitwirkung  der  Gelehrten  der  Gegend  erhöhen  den  Glanz 
der  Feierlichkeit,  und  mithin  gestalten  sich  diese  Staatsopfer 
durchweg  zu  den  großartigsten,  die  es  außerhalb  des  Bereiches 
der  Reichshauptstadt  anzusehen  gibt.  Insbesondere  ist  das  na- 
türlich in  den  Hauptstädten  der  Provinzen  der  Fall.  Auch  wird 
in  allen  nach  dem  für  Peking  geltenden  Programm  an  Neu- 
mondtagen das  fleischlose  und  an  Vollmondtagen  das  Weihrauch- 
opfer dargebracht  (vgl.  S.  267f.),  und  zwar  durch  die  Beamten, 
welche  die  Administration  der  lokalen  Prüfungen  haben,  näm- 
lich die  ^^  Kiao  Sou,  Unterrichtserteiler;  die  1^  ]£  Hio' 
T  sing,  Studiendirektoren;  die  ^  g^  Kiao  Jü,  Unterweiser,  und 
die    g/|[  ^^   Hiün   Tao,   Lehrführer. 


Nicht  bloß  den  Koryphäen  der  Weisheit  und  Gelehrsam- 
keit aller  Jahrhunderte  verbürgt  der  Staat  in  den  konfuzianischen 
Heihgtümern  Schutz,  Ruhe  und  Opfer  für  ewige  Zeit,  sondern 
auch  der  Seelentafel  eines  jeden  Menschenkindes,  das  im  Tao 
gewandelt  ist  und  sich  daher  durch  Tugend  in  konfuzianischem 
Sinne  besonders  ausgezeichnet  hat.  Somit  sind  jedem  Heilig- 
tum einer  Provinz,   eines  Bezirkes   oder  Kreises  zwei   ^    S6, 


272 

Opferkapellen;  hinzugefügt;  für  die  folgenden  Klassen  von  Tugend- 
haften : 

1.  1^  ^^  ^^  Bß;  Pflichtg-etreue  und  diejenigen,  welche  der  Unter- 
würfio-keit  und  den  übrigen  Pflichten  des  Kindes  (Hiao)  und  des  jüngeren 
Bruders  (T  i)  gelebt  haben. 

2.  gjj  ^^p;  keusche  Frauen,  welche  ihren  Witwenstand  makellos 
bewahrten,  oder  sich  sogar  zum  Schutz  desselben  entleibten,  nebst  denen, 
welche  sich  durch  Unterwürfigkeit  und  Pflichterfüllung  gegen  ihre  Schwieger- 
eltern auszeichneten. 

3.  1^^   ES  ,   Staatsdiener  von   hohem  Ruf  der   betreifenden  Gegend. 

4.  IpB  S";  örtliche  Weise  und  Vortreffliche. 

Für  Näheres  hierüber  verweise  ich  auf  mein  „The  Religious 
System  of  China",  Book  I,  S.  750,  789  ff.  Nach  der  Feier  des 
Frühlings-  und  Herbstopfers  bietet  einer  der  „Unterweiser" 
(S.  271)  in  der  üblichen;  feierlichen  Weise  in  jeder  Kapelle  ein 
Schwein,  vier  Schüsseln  und  Körbe  mit  Opfergaben,  ein  Stück 
Seide  und  drei  Becher  Weins  an,  begrüßt  dabei  die  Tafeln  mit 
Weihrauch  und  läßt  einen  anderen  Beamten  ein  Gebet  vorlesen. 


10.  Die  Himmlischen  und  die  Irdischen  Götter. 

Unmittelbar  hinter  Konfuzius  stehen  in  der  Reihe  der 
Staatsgötter  die  Wolken,  der  Regen;  der  Wind  und  der  Donner, 
also  die  segensreichen  HimmelskräftC;  welche;  wie  wir  schon 
auf  S.  149  ff.  gesehen  haben,  zugleich  mit  dem  Himmel  selbst, 
als  dessen  „Gefolgschaftsgötter";  am  Tage  des  Wintersolstitiums 
Opfer  empfangen.  Offiziell  heißen  sie  5^  jjjflj  T'^ien  Sen, 
Himmlische  Götter.  Nach  ihnen  kommen  in  der  Rangordnung  der 
Staatsgötter  die  :^  jfiR;  TiK'^i;  die  Irdischen  Götter;  nämlich  die 
drei  Kategorien  von  Bergen;  die  vier  Weltmeere  und  die  vier 
großen  FlüssC;  welche  wir  bereits  auf  S.  192 — 195  als  Gefolg- 
schaftsgötter der  Erde  kennen  lernten,  denen  ein  Anteil  am 
großen  Opfer  des  Sommersolstitiums  gewährt  wird. 


273 

Jede  dieser  zwei  Gruppen  hat  ihren  eigenen  Altar  un- 
mittelbar südlich  von  der  viereckigen  Umwallung,  in  der  der 
Altar  des  Siön  Nung  liegt  (vgl.  S.  237),  nämlich  vor  ihrem 
südlichen  Tor,  innerhalb  einer  viel  kleineren  rechteckigen  Um- 
wallung. Da  befindet  sich  der  Altar  der  Himmlischen  Götter 
auf  der  vornehmeren  oder  östlichen  Seite,  der  andere  auf  der 
westKchen;  beide  liegen  in  einer  genau  ost- westlich  laufenden 
Linie. 

Der  Altar  der  Himmhschen  Götter  ist  eine  quadratische 
Terrasse  ohne  Brüstungen,  deren  vier  Seiten  gegen  die  Himmels- 
gegenden gekehrt  sind.  Er  ist  4,55  Ts'i'  hoch  und  5  Tsang 
lang  und  breit;  in  der  Mitte  jeder  Seite  ist  eine  neunstufige 
Treppe  angebaut.  Wie  am  großen  Himmelsaltar  ist  die  Süd- 
seite die  vornehmste,  und  deshalb  hat  der  quadratische,  auf 
jeder  Seite  24  Tsang  lange  Wall  (Wei)  des  Altares  in  der 
Mitte  seiner  südlichen  Front  drei  Sturztore  und  in  der  Mitte 
der  drei  anderen  Fronten  nur  eins.  Beim  Opfern  sind  also  die 
Tafeln  der  vier  Götter  gegen  Süden  gekehrt.  Sie  stehen  dann 
aber  nicht  auf  der  Terrasse,  sondern  auf  der  Nordseite  daneben, 
und  zwar  in  vier  gleichartigen  Marmorschreinen,  die  in  gleicher 
Entfernung  voneinander  eine  genau  ost -westliche  Reihe  bilden. 
Jeder  Schrein  hat  das  Äußere  eines  Bienenkorbes  mit  vier- 
eckiger offener  Vorderseite,  durch  welche  die  Tafel  wie  in 
eine  Nische  hineingeschoben  wird;  er  steht  auf  einem  großen 
kubischen  Marmorquader,  in  den,  ebenso  wie  in  den  Schrein, 
auf  allen  Seiten  Wolkenfiguren  eingemeißelt  sind.  Jeder  Schrein 
ist  mit  seinem  Quader  9^25  Ts'^i'  hoch. 

Der  Altar  der  Irdischen  Götter  ist  eine  rechteckige  Ter- 
rasse, die  von  Ost  nach  West  10  und  von  Süd  nach  Nord 
6  Tsang  mißt,  und  deren  Höhe  4  Ts^i'  beträgt.  Seine  vier 
Treppen  sind  sechsstufig.  Gleichwie  der  große  Altar  der  Erde 
im  Norden  der  Stadt,  hat  auch  er  seine  Hauptseite  gegen 
Norden,   und   deshalb   befinden   sich    die   drei  Sturztore  in  der 

De  Groot,  üniversismus.  18 


274 

nördlichen  Front  des  „Walles".  Dieser  ist,  gleichwie  der  des 
anderen  AltareS;  24  T sang  lang  und  breit.  Beim  Opfern  sollen 
hier  die  Tafeln  also  gegen  Norden  gekehrt  sein^  und  deshalb 
stehen  auf  der  Südseite  neben  dem  Altar  fünf  schwere  Marmor- 
quaderU;  welche  marmorne  Nischen  für  die  drei  Gruppen  von 
Bergen  und  für  die  zwei  Gruppen,  der  Gewässer  tragen.  Da 
die  Zahl  der  Götter  in  diesen  Gruppen  entweder  fünf  oder 
vier  beträgt^  so  sind  fünf  oder  vier  Nischen  unmittelbar  neben- 
einander in  je  einen  einzigen  Marmorblock  eingehauen^  der 
oben  wie  ein  vorn  und  hinten  herabhängendes  Dach  geformt 
ist.  Jede  dieser  fünf  Nischengruppen  ähnelt  also  einer  Mi- 
niaturkapelle mit  fünf  oder  vier  Abteilungen.  Jede  ist  mit  dem 
Quader  8,2  Ts'i'  hoch.  Die  Quader  und  Nischen  für  die 
Tafeln  der  Berge  sind  mit  bergähnlichen  Figuren  bemeißelt, 
die  anderen  mit  Wasserwellen. 

Aber  noch  anderen  Irdischen  Göttern  gewährt  der  Staat 
Opfer  und  Verehrung  auf  diesem  Altar,  nämlich  den  '^  ^ 
:^  I  1 1  und  ^^  ^^  yS^  j\\,  den  namhaften  Bergen  und  Hauptströmen 
des  vom  Kaiser  selbst  verwalteten  Gebietes  der  Reichshauptstadt,  d.  h. 
des  Bezirkes  j|[^  ^  Sun-t'^ien,  dessen  Gouverneur  (^)  un- 
mittelbar unter  dem  Kaiser  waltet;  und  weiter,  den  ^  ~^ 
"^t  UJ  ^^d  ^^  pfc  j^  Jlj;  den  namhaften  Bergen  und  Hauptströmen 
der  ganzen  Welt.  Für  die  vier  Seelentafeln  dieser  Naturgott- 
heiten stehen  beim  Altar  einzelne  Marmornischen  und  Quadern, 
7,6  Tä*^i'  hoch  und  ebenfalls  mit  Bergen  oder  Wasserfiguren 
bemeißelt,  zwei  auf  der  östlichen  und  zwei  auf  der  westlichen 
Seite.  Endlich  sei  noch  erwähnt,  daß,  gleichwie  auf  dem  Altar 
der  Erde  (s.  S.  190),  die  Quadern,  welche  Nischen  für  die 
Meere  und  Flüsse  tragen,  in  einer  Aushöhlung  im  Boden  stehen, 
in  die  vor  dem  Opfer  etwas  Wasser  gegossen  wird. 

Der  Weihrauch,  die  Seide  und  das  Gebet,  welche  dem 
Himmel  geopfert  wurden,  werden,  wie  wir  wissen  (S.  179),  ver- 
brannt, aber  die,  welche  man  der  Erde  darbot,  begraben  (S.  195). 


275 

Ebenso  soll  mit  diesen  Opfergaben  verfahren  werden,  je  nach- 
dem, ob  sie  den  Himmlischen  oder  den  Irdischen  Göttern  dar- 
geboten werden.  Deshalb  befindet  sich  südöstlich  vom  „Walle" 
des  Altares  der  Himmlischen  Götter,  also  an  der  Stelle,  welche 
ganz  besonders  dem  Jang  entspricht,  ein  Verbrennungsofen, 
und  nordwestlich  des  Walles  des  anderen  Altares,  wo  das  J  i  n 
überherrscht,  eine  Grube. 

Zutritt  zu  diesem  Zwillingsaltar  gewähren  nur  drei  neben- 
einander liegende  überdachte  Tore  in  der  Mitte  der  südlichen 
Front  seiner  Umfassungsmauer. 

Die  Stellung  der  vier  Himmlischen  Götter  in  der  Staats- 
religion beruht  gewiß  nur  darauf,  daß  sie  es  sind,  die  durch 
die  Erzeugung  und  Spendung  des  für  den  Landbau  unentbehr- 
lichen Himmelswassers  der  Menschheit  Leben  und  Dasein 
überhaupt  erst  ermöglichen.  Auch  der  Einfluß  der  Berge,  Flüsse 
und  Meere  auf  den  Regenfall  wird  in  China  völlig  richtig  er- 
kannt, denn  daß  sich  an  den  Bergen  die  Nebel  und  Wolken 
verdichten,  die  aus  den  Meeren  emporsteigen,  und  diese  ihre 
Wasserzufuhr  wiederum  den  Flüssen  verdanken,  konnte  na- 
türlich der  Aufmerksamkeit  nicht  entgehen.  In  der  Tat  sind 
die  zwei  Staatsaltäre  dieser  Gottheiten  wesentlich  Opferstätten 
zur  Beschwörung  des  Regens,  und  es  ist  mithin  vollauf  be- 
gründet, daß  sie  im  Opfergelände  des  S  i  6  n  N  u  n  g  stehen,  des 
hohen  Schutzgottes  des  Ackerbaues.  Bereits  auf  S.  182  haben 
wir  bemerkt,  daß,  falls  nach  dem  alljährlich  dem  Himmel  dar- 
gebotenen Regenopfer  der  Regen  ausbleibt,  sowohl  zu  den 
HimmHschen  wie  zu  den  Irdischen  Göttern  auf  ihren  Altären 
mit  einem  Opfer  um  Himmelswasser  gebeten  wird.  Ahnliche 
große  Opfer  werden  daselbst  dargebracht,  wenn  zuviel  Regen 
die  Ernte  gefährdet  und  man  trockenes  Wetter  braucht;  das 
nennt  man  jjjff  J^,  beten  um  klares  Wetter.  Auch  wenn  im  Winter 
Schneefall  ausbleibt,  werden  dort  solche  Opfer  dargeboten,  was 

offiziell    irrff  §,    um  Schnee  beten,   heißt. 

18»  • 


276 

Diese  verscliiedenen  Opfer  werden  stets  auf  den  beiden 
Altären  an  ein  und  demselben  glücklichen  Tage  gefeiert^  und 
zwar  am  frühen  Morgen,  durch  eigens  vom  Kaiser  damit  be- 
auftragte Prinzen.  Nur  zwei  Schüsseln  und  sechs  Körbe  mit 
Opfergaben  werden  dann  auf  jeden  Opfertisch  niedergesetzt. 
Auf  dem  Altar  der  Himmlischen  Götter  stehen  fünf  solche 
Tische,  nämlich  einer  vor  jeder  Nische;  auf  dem  anderen  Altar 
stehen  sieben,  und  zwar  einer  vor  jeder  Gruppennische,  einer 
vor  den  zwei  Nischen  auf  der  Ostseite  und  einer  vor  den  zwei 
Nischen  auf  der  Westseite.  Soll  das  Opfer  dazu  dienen,  um 
Regen  zu  bekommen,  dann  tragen  der  Opferer  und  seine  Ge- 
folgschaft Regenmützen  und  schmucklose  Gewänder  (s.  S.  183). 
Das  uns  bekannte,  für  alle  großen  Opfer  geltende  Programm 
in  sechs  Akten  wird  befolgt,  und  zwar  mit  Musik,  Gesang  und 
Tänzen.  Nach  Verlauf  des  Opfers  werden  die  Seelentafeln  in  das 
„Aufbewahrungshaus  der  Götter"  zurückgebracht. 

Nur  wenn  Regen  außerordentlich  not  tut,  beschließt  der 
Kaiser,  selbst  das  Opfer  den  Himmlischen  Göttern  darzubringen, 
während  er  das  auf  dem  anderen  Altar  einem  Prinzen  überläßt. 

Ist  der  ersehnte  Regen  gekommen,  dann  darf  ein  ^^  jjlß, 
Dankgabenopfer,  auf  den  beiden  Altären  nicht  unterlassen  werden. 
Es  wird  ebenso  wie  das  Betopfer  um  Regen  dargebracht,  allein 
jeder  Opfertisch  trägt  nun  die  volle  Zahl  von  25  Schüsseln  und 
Körben,  und  dahinter  prangen  ein  Rind,  ein  Schaf  und  ein 
Schwein;  überdies  tragen  der  Opferer  und  sein  Gefolge  dies- 
mal Hofgewänder.  Natürlich  können  auch  die  dankbaren  Ge- 
fühle des  Kaisers  so  hoch  gestimmt  sein,  daß  er  selbst  den 
Himmlischen  Göttern  das  Dankgabenopfer  darbringt. 

Wie  es  in  jeder  Provinz,  jedem  Bezirk  und  jedem  Kreis 
dem  Statthalter  des  Kaisers  zur  Pflicht  gemacht  ist,  dem  S  i  ö  n 
Nung,  dem  großen  Schutzgott  des  Ackerbaues,  beim  Anfang 
jedes  Erntejahres  zu  opfern  (s.  S.  248),  so  ergibt  sich  von  selbst. 


277 

daß  er  auch  die  .regenspendenden  Himmlischen  und  Irdischen 
Götter,  ohne  deren  Hilfe  die  Ernte  nicht  reifen  kann,  auf  die- 
selbe Weise  günstig  zu  stimmen  hat. 

Auf  einem  bei  jeder  ummauerten  Stadt  zu  diesem  Zwecke 
erbauten  fl$  Jf|R;  J§  Sön  K'i  T'an,  Altar  der  (T'iön)  Hön  und 
der  (Ti)  K'i,  werden  daher  im  Mittelmonat  des  Frühlings  und 
des  Herbstes  an  einem  glückhchen  Tage  vier  Seelentafeln  der 
Himmdsgötter  aufgestellt,  mit  der  der  Berge  und  Flüsse  des 
Verwaltungsgebietes  auf  der  linken,  und  der  des  Schutzpatrons 
der  Stadt,  des  ^  PS  )jj$  Ts'ing  Haang  Sön,  des  Gottes 
der  Wälle  und  Gräben,  auf  der  rechten  Seite.  Vor  den  Tafeln 
steht  ein  Tisch  mit  Speisen,  davor  ein  ganzes  Schaf  und  ein 
ganzes  Schwein;  diese  Opfergaben  werden  von  der  Behörde 
in  derselben  Weise  wie  den  Göttern  des  Bodens  und  der  Hirse 
feierlich  dargeboten  (vgl.  S.  227).  Wenn  der  erste  Monat  des 
Sommers  vorbei  ist,  findet  dort  ein  ähnliches  Opfer  zur  Er- 
langung von  Kegen  statt,  und  sollte  dieses  erfolglos  bleiben,  so 
wird  es  wiederholt,  wobei  der  Opferer  und  seine  Gefolgschaft 
von  Beamten  und  Notabein  schmucklose  Gewänder  tragen. 
Nach  dem  Regenfall  feiert  man  das  Opfer  noch  einmal,  aber 
in  Hofgewändern,  zur  Dankbezeugung.  Nötigenfalls  wird  auch 
mittels  der  gleichen  Opfer  um  trockenes  Wetter  und  um  Schnee- 
fall gebeten. 

Auch  werden  den  heiligen  Bergen  und  Flüssen  des 
Reiches  an  Ort  und  Stelle  Staatsopfer  dargebracht.  Statu- 
tarisch ist  nämlich  vorgeschrieben,  daß  der  Kaiser,  falls  er 
auf  der  Reise  in  die  Nähe  eines  Jo'  gelangt,  demselben  ein 
Opfer  mit  dem  vollen  Ritual  darbringen  muß;  und  kommt  er 
in  die  Nähe  eines  Tsen,  dann  soll  er  einen  Prinzen  mit  der 
Erfüllung  dieser  Pflicht  beauftragen.  Jeder  Jo'  und  Tsön  be- 
sitzt einen  Tempel,  wo  diese  religiöse  Aufgabe  ihre  Erledigung 
findet.    Muß  der  Kaiser  irgendwo   einen   der  vier  Hauptströme 


278 

(Tu')  überschreiten^  dann  hat  die  da  waltende  Kreisbehörde 
am  Ufer  eine  papierne  Seelentafel  des  Flußgottes  mit  einigen 
Speisen  und  Wein  auf  einen  Opfertisch  fertig  zu  stellen,  damit 
der  Kaiser,  ehe  er  das  Schiff  besteigt,  mit  Weihrauch  und  drei 
Stirnaufschlägen  dem  Flusse  diese  Opfergaben  anbieten  kann. 
Von  Ereignissen,  welche  für  das  Kaiserhaus  sehr  erfreu- 
lich und  glückverheißend  sind,  soll,  kraft  der  Statuten  der 
Staatsreligion,  den  fünf  Jo' und  den  fünfTsÖn  Mitteilung  ge- 
macht werden.  Zu  diesem  Zwecke  werden  hohe  Staatsdiener 
nach  den  dort  befindlichen  Tempeln  entsandt,  wo  sie  durch 
Darbietung  eines  großen  Opfers  in  der  uns  bekannten  Weise 
(s.  S.  185)  ihre  Aufgabe  erfüllen.  Auch  reisen  dann  zum  selben 
Zwecke  Reichsdiener  nach  den  vier  Meeren,  das  heißt,  nach 
dem  Tempel  des  östlichen  Ozeans  in  ^  Ji',  in  San-tung, 
Bezirk  ^  j^  Lai-tsou:  nach  dem  des  westlichen  Meeres  zu 
^  ^  J  u  n  g  - 1  s  i ,  der  am  H  u  a  n  g  -  h  o  liegenden  Hauptstadt 
des  Bezirkes  ^  ^|^  P'u-tsou  in  Öan-si;  nach  dem  Tempel 
der  Südsee  zu  ^^  P'^an-jü,  Stadt  Canton;  und  nach  dem 
des  Nordraeeres  bei  [Jj  J^  ^  San-hai-kuan,  am  Golf 
von  Liao-tung.  So  wird  den  unerreichbaren  Weltmeeren  des 
Westens  und  des  Nordens  „in  der  Ferne  geopfert",  was  ^  ^ 
heißt.  Die  Beamten,  welche  den  Hauptflüssen  die  gute  Bot- 
schaft zu  bringen  haben,  erfüllen  ihren  Auftrag  im  Tempel  des 
Huang-ho  in  Jung-tsi  (s.  oben);  in  dem  des  Jang-tsß 
in  J|]^  ^  Ts'ing-tu,  der  Hauptstadt  der  Provinz  Sö-ts'uan; 
in  dem  des  Huai  in  j^  T'ang,  das  in  Ho-nan  im  Quell- 
gebiet dieses  Flusses  liegt;  und  im  Tempel  des  Tsi  bei  dessen 
Quellen  in  ^7]^  Tsi-juan,  in  Ho-nan.  Auch  werden  Große 
nach  Kirin  geschickt,  um  mit  den  gleichen  Opfern  die  erfreu- 
liche Botschaft  dem  größten  Fluß  und  dem  größten  Gebirge 
des  Stammlandes  der  Dynastie  zu  überbringen,  das  heißt,  dem 
'^  i^  fjL  S  u  n  g  a  r  i  und  dem  ;^  Q  |X|  T  s '  a  n  g  -  p  e'  S  a  n, 
dem   Langen  Weißen  Gebirge. 


279 

In  allen  diesen  offiziellen  Opferstätten  der  Berge,  Meere 
und  Flüsse  müssen  die  betreffenden  Kreisbehörden  alljährlich 
im  Mittelmonat  des  Frühlings  und  des  Herbstes,  und  in  ge- 
wissen Fällen  auch  noch  zu  anderen  Zeitpunkten,  ein  großes 
Opfer  veranstalten,  nach  demselben  Programm,  das  vom  Kaiser 
abgeordnete  Große  zu  befolgen  haben.  Dieselbe  statutarische 
Vorschrift  ist  auch  festgesetzt  für  eine  große  Anzahl  Ortschaften, 
wo  nicht  weniger  als  86  Götter  von  Bergen,  Seen  und  Flüssen 
von  China,  der  Mantschurei,  der  Mongolei,  Tibet  und  Tur- 
kestan  verehrt  werden,  welche  von  den  Kaisern  längere  oder 
kürzere  Ehrentitel  empfangen  haben.  Ihnen  sind  dadurch  Plätze 
in  dem  Pantheon  der  Staatsreligion  gewährt  worden,  oder,  wie 
es  amtHch  heißt,  sie  sind  in  die  |[f ß  ^  So  Tiön,  Opferstatuten, 
aufgenommen,  und  zwar  kraft  des  uralten  klassischen  Lehr- 
satzes, daß  der  Kaiser  aller  Götter  Herr  und  Meister  ist  (vgl. 
S.  79). 

Aus  dieser  Übersicht  geht  also  klar  hervor,  daß  dem  chi- 
nesischen Kult  von  Bergen  und  Gewässern  eine  großartige  Ent- 
wicklung nicht  abgesprochen  werden  kann.  Er  ist  ein  uralter 
Kult,  wohl  so  alt  wie  die  universistische  Rehgion  selbst,  der  er 
angehört,  ja  vielleicht  sogar  noch  älter.  In  den  heiligen  Büchern 
wird   er   recht   häufig   erwähnt,    und   natürlich  verdankt   er  es 

r 

hauptsächlich  diesem  Umstand,  daß  er  sich  als  einer  der  Pfeiler 
im  Gebäude  der  Staatsreligion  bis  auf  diesen  Tag  erhalten  hat. 
Im  heiligen  Buche  Wang  Tsi  (III)  steht  geschrieben  (vgl. 
S.  195): 

Der  Sohn  des  Himmels  opfert  den  namhaften  Bergen  und  großen  Strömen 
der  ganzen  Welt;  die  fünf  Jo'  betrachtet  er  als  seine  drei  Hauptminister 
(Kung),  die  vier  Tu*  als  seine  höchsten  Lehnsfürsten.  Diese  Lehnsfürsten 
opfern  denjenigen  der  namhaften  Berge  und  großen  Ströme,  welche  in 
ihren  Gebieten  liegen.  Folglich  sind,  vom  Gesichtspunkt  des  Kaisers 


280 

betrachtet,  die  Hauptberge  und  großen  Flüsse  die  Mächte, 
welche,  gleichwie  seine  höchsten  Reichsgroßen  und  Vasallen, 
ihm  den  Besitz  von  Reich  und  Krone  sichern;  und  aus  dieser 
Auffassung  erklärt  sich  die  Notwendigkeit,  sie  durch  Staats- 
opfer günstig  zu  stimmen.  Daß  die  Verwaltungsbehörden,  weil 
sie  die  Stellen  der  Lehnsfürsten  der  alten  Zeit  einnehmen,  in 
der  Tat  noch  immer  den  Bergen  und  Flüssen  ihrer  Gebiete 
amtlich  Opfer  darbringen  müssen,  haben  wir  auf  S.  277  gesehen. 
Infolge  eines  Jahrtausende  alten  Kultus  sind  auf  den 
heiligen  Bergen  Chinas,  insbesondere  auf  den  Jo',  Tempel, 
Gebäude  und  Monumente  verschiedener  Art  entstanden,  die 
unaufhörlich  von  zahlreichen  Wallfahrern  besucht  werden.  Nur 
der  erste  und  heiligste,  der  T*ai  San,  ist  eingehend  studiert 
und  in  einer  Weise  beschrieben,  welche  strengen  wissenschaft- 
lichen Erfordernissen  gerecht  wird,  nämlich  durch  Prof.  Cha- 
vannes;  sein  „Le  T  ai  Chan,  Essai  de  Monographie  d'un 
Culte  Chinois",  bildet  ein  sinologisches  Werk  ersten  Ranges. 
Daneben  ist  auch  das  mit  schönen  Abbildungen  ausgestattete 
Buch  des  Missionars  Tschepe,  „Der  T*^ai-Schan  und  seine 
Kultstätten",  sehr  empfehlenswert. 

11.  Das  Größte  Jahr. 

Ein  merkwürdiger  Staatsgott,  der  in  dem  Pantheon  un- 
mittelbar nach  den  Bergen,  Meeren  und  Flüssen  seinen  Platz 
hat,  ist  der  Planet  Jupiter.  Schon  lange  vor  der  christlichen 
Jahrzählung  wurde  dieses  Himmelslicht  wegen  seines  Kreis- 
laufes, der  sich  in  etwa  zwölf  Jahren  von  zwölf  synodischen 
Mondumläufen  vollzieht,  als  vornehmer  Zeitgott  betrachtet  und 
^^^  T'ai  Sui  Sing,  Stern  des  größten  Jahres,  genannt.  In 
Wirklichkeit  dauert  sein  Kreislauf  etwa  4332  Tage^  während 
zwölfmal  zwölf  synodische  Monate  nur  4252  Tage  ergeben. 
Dieser  geringe  Unterschied   hat   jedoch   die  Stellung   des   Pia- 


281 

neten  als  des  höchsten  Zeitgottes  nie  erschüttert,  denn  nicht 
den  Zwecken  der  Zeitrechnung,  sondern  denen  der  Chrono- 
mantik^  der  Wissenschaft  der  Bestimmung  glücklicher  und  un- 
glücklicher Zeitteile,  wurde  sein  Umlauf  dienstbar  gemacht.  Bis 
in  unsere  Tage  hat  der  Planet  diese  universistisch-religiüse 
Stellung  im  kaiserUchen  Staatskalender  behalten.  Sie  beruht 
auf  dem  Glauben,  daß  der  Stern  sich  während  jedes  Umlaufes 
in  zwölf  verschiedenen  Weisen,  sogenannten  ^  fllp  Ni6n  8ßn, 
jährlichen  göttlichen  Wirkungen,  äußert,  und  daß  diese  Wirkungen 
der  Reihe  nach  das  Jahr  von  zwölf  synodischen  Monaten 
beherrschen.  Jede  dieser  Wirkungen  ist  mit  besonderen  wohl- 
tätigen Eigenschaften  oder  Tugenden  (Te')  des  Himmels  aus- 
gerüstet, welche  sie  der  Menschheit  zugute  kommen  läßt.  Somit 
ist  das  Größte  Jahr  der  Ordner  der  Segnungen,  welche  das 
Tao  des  Himmels  der  Menschheit  durch  die  Jahreskreise  zu- 
kommen läßt;  anders  gesagt,  es  ist  die  Macht,  welche  jedem 
Jahrkreise  die  himmlischen  Einflüsse  zuerteilt,  die  dessen  Lauf 
oder  Tao  nun  wiederum  auf  die  Monate  überträgt,  von  denen 
sie  schließlich  auf  die  Tage  übergehen.  Auf  diese  Weise  werden 
durch  das  Tao  des  Weltalls  Zeiten  geschaffen,  welche  mehr 
oder  weniger  glücklich  oder  sogar  unglücklich  sind ;  diese  durch 
Kombinationen  zu  entdecken  oder  durch  Weisheit  zu  erkennen, 
war  allezeit  die  Aufgabe  der  chronomantischen  Wissenschaft, 
auf  die  wir  im  elften  Kapitel  zu  sprechen  kommen. 

Die  wohltätigen  Einflüsse  des  Himmels,  deren  Verteilung 
über  die  Zeiten  der  hohe  Zeitgott  regelt,  hat  der  Kaiser  in 
allererster  Linie  für  die  Erde  zu  sichern,  behufs  des  Gedeihens 
und  Reitens  der  Feldfrüchte.  Daraus  erklärt  sich,  weshalb  der 
Staatstempel  dieses  Gottes  im  Opfergelände  des  SiÖn  Nung, 
des  hohen  Schutzgottes  des  Ackerbaues,  errichtet  ist.  Dort 
steht  er  sogar  im  zentralen  Teil,  also  gerade  nördlich  vom 
Zwillingsaltar  der  Himmlischen  und  Irdischen  Götter.  Seine 
Front  ist  gegen  Süden  gekehrt;   er  hat  nur  ein  einziges  Dach, 


282 

und  ein  „Erhöhungsfundament"  ohne  Brüstungen,  mit  drei 
sechsstufigen  Treppen  auf  der  Südseite.  Gerade  südlich  steht 
eine  „Verneigungshalle",  die  wohl  demselben  Zweck  dient  wie 
das  gleichnamige  Gebäude  beim  Altar  der  Götter  des  Bodens 
und  der  Hirse  (vgl.  S.  225).  Der  Hof,  der  zwischen  dieser 
Halle  und  dem  Tempel  sich  erstreckt,  hat  auf  jeder  Seite  in 
der  Quere  einen  Neben tempel  (Wu)  mit  den  Seelentafeln  von 
sechs  sogenannten  ^  ij^  Jue"*  Tsiang,  Anführern  der  Monate. 
Im  östlichen  stehen  nördlich  die  drei  Tafeln  der  drei  ersten 
Monate  des  Jahres  und  südHch  die  des  siebenten,  achten  und 
neunten;  der  andere  Nebentempel  enthält  in  entsprechender 
Anordnung  die  der  übrigen  Monate,  so  daß  auch  die  vier  Jahres- 
zeiten in  ihrer  zeitgemäßen  Reihenfolge,  und  somit  auch  das 
ganze  Jahr,  in  den  zwei  Nebentempeln  ihre  Plätze  haben.  Die 
vier  Gebäude  und  die  viereckige  Mauer,  welche  sie  umfaßt, 
tragen  grüne  Dachziegeln. 

Wenn  auf  den  Altären  der  Himmlischen  und  der  Irdischen 
Götter  um  Regen,  klares  Wetter  oder  Schnee  geopfert  wird,  oder 
für  gespendeten  Regen  Dankgabenopfer  dargebracht  werden 
(S.  275  ff.),  dann  findet  am  gleichen  Tage  mit  demselben  großen 
Ritual  und  denselben  Opfergaben  eine  solche  Feierlichkeit  auch 
im  Tempel  des  Größten  Jahres  statt.  Den  Tafeln  der  Monate 
wird  aber  keine  Beteiligung  daran  gewährt.  Auch  wird  dem 
Zeitgott  durch  einen  Prinzen  solch  ein  großes  Opfer  dargebracht 
in  den  ersten  zehn  Tagen  des  ersten  Monates  und  am  vorletzten 
Tage  des  Jahres.  Bei  dieser  Gelegenheit  empfängt  auch  jede 
der  vier  Gruppen  von  Monaten  in  den  Nebentempeln  dieselbe 
volle  Zahl  von  25  Schüsseln  und  Körben  nebst  einem  Rind,  Schaf 
und  Schwein,  welche  „Beamte  für  die  Nebenopfer"  (s.  S.  174) 
des  Opferamtes  darbieten. 


Zehntes  Kapitel. 


Der  Gfötterkiilt  des  Konfuzianismus  (V). 

Im  heiligen  Su  steht  im  „Buch  von  Sun"  geschrieben, 
daß  dieser  heilige  Kaiser  der  Urzeit  ^  "J^  |X|  l||  ^  "f 
^  )|JtP;  in  der  Entfernung  den  Bergen  und  Strömen,  und  nach  allen 
Seiten  hin  der  großen  Menge  der  Götter  opferte.  Dieses  Beispiel  war 
demzufolge  allezeit  den  Kaisern  Gesetz,  und  so  ist  zu  den 
Statuten  der  Staatsreligion  noch  ein  dritter  Abschnitt  hinzuge- 
kommen, welche  die  ^|  jj||l  kiün  Se,  die  große  Menge  der  Opfer, 
umfaßt.  Diese  werden  auch  gewissen  Gottheiten  dargebracht, 
welche  die  heiligen  Bücher  gar  nicht  erwähnen;  jedoch  wissen 
wir,  daß  jeder  Kaiser,  als  Herr  der  Götter,  das  Recht  besitzt, 
Göttern  in  dem  Pantheon  des  Staates  einen  Platz  zu  gewähren 
(vgl.  S.  79). 

12.  Die  Götter  der  Heilkunde. 

Voran  in  der  dritten  und  letzten  Kategorie  der  Staats- 
götter stehen  die  ^  ^  S  i  8  n  I,  Vorgänger  in  der  Heilkunde.  Ihr 
Staatstempel  in  Peking  trägt  den  ausdruck-svollen  Namen  ^ 
W'^  ^?  Tempel  der  glorreichen  Wohltätigkeit,  und  er  steht  im  J^ 
ff  1^  T'ai  I  Juan,  dem  Hohen  Medizinalamt,  außerhalb  des 
Palastes,  unmittelbar  östlich  von  seinem  südhchsten  Tor,  das 
>^  fra  P^  Ta  Ts'ing  Men  heißt.  Der  Hauptschrein  in  diesem 
Tempel,  dem  gegen  Süden  gekehrten  Haupteingang  gegenüber, 


284 

enthält  die  Tafeln  der  drei  Kaiser  allerältester  Zeiten,  T'ai 
Hao,  Sön  Nung  und  Huang  Ti  (s.  S.235).  Es  ist  gewiß 
begreiflich;  daß  der  Kaiser,  der  die  Menschheit  den  Landbau 
lehrte,  ihr  auch  die  Kunst  der  Erzeugung  heilkräftiger  Kräuter 
gebracht  hat;  außerdem  soll  von  ihm  das  älteste  Buch  über 
Medizin,  das  ^  ^^  Fen  Ts'ao  King,  Buch  der  Pflanzen, 
herstammen,  das,  wie  sich  urkundlich  nachweisen  läßt,  im 
6.  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung  bestand.  Auch  Huang 
T  i  hinterließ  angeblich  ein  grundlegendes  Werk  der  Pathologie 
und  der  Heilkunde,  das  Su  Wön  (s.  S.  119),  welches  in  Schriften 
des  3.  Jahrhunderts  n.  Chr.  erwähnt  wird.  Dabei  war  er  als 
Kaiser  der  Mitte  des  Weltalls  der  Erzvater  des  T  a  o  der 
Menschheit,  und  Krankengenesung  ist,  wie  wir  wissen  (S.  121  ff.), 
in  China  eine  durchaus  taoistische  Kunst.  Was  endlich  T'ai 
Hao  anbetrifft,  so  mag  dieser  wohl  seine  Stelle  unter  den 
höchsten  Göttern  der  Heilkunde  der  Erwägung  verdanken,  daß 
der  Frühling,  den  er  Versinnbildlicht  (s.  S.  235),  der  Menschheit 
Genesung  von  den  Qualen  des  Winters  bringt. 

Vor  dem  Tabernakel  dieser  drei  Hauptgötter  stehen  zwei 
gegen  Osten  und  zwei  gegen  Westen  gekehrte  Schreine  für 
vier  „nebengeordnete  Götter".  Die  zwei  vornehmsten  von  ihnen 
sind  ^ -^  Ku-mang  und  jg{J  ^^  Tsu*-jung,  uralte  Götter 
des  Frühlings  und  des  Sommers,  die  also  die  Erlösung  von 
den  Qualen  des  Winters  bringen  und  heilkräftige  Kräuter 
wachsen  lassen.  Im  heihgen  Buche  JuS*  Ling,  Weisungen  für 
die  Monate,  steht  nämlich  von  jedem  Monat  des  Frühlings  ver- 
zeichnet: Ä  '^  ^  Ö^^  Ä  )jjj  'Pfj  ^,  sein  Kaiser  ist  T'ai  Hao' 
und  sein  Gott  ist  Ku-mang;  und  von  jedem  der  drei  Sommer- 
monate: Ä  ^  j^  '^^  Ä  m^t  g4,  sein  Kaiser  ist  J  6n  Ti 
(=  §en  Nung),  sein  Gott  Tsu'-jung.  Die  beiden  anderen  neben- 
geordneten Götter  sind  ^  J^  Fung-hou  und  jj  ^  Li'-mu', 
zwei  Minister  des  Huang  Ti,  im  Si  Ki  erwähnt.  Was  nun 
noch   die  zwei  Nebentempel   betrifft,    so   enthalten   diese,   jeder 


285 

in  drei  Schreinen^  15  bezw.  14  Tafeln  sowohl  von  ganz  fabel- 
haften als  von  halbhistorischen  und  historischen  Koryphäen 
der  Heilkunde. 

Im  Mittelmonat  des  Herbstes  und  des  Winters  wird  am 
ersten  Tage,  der  das  Zykluszeichen  ^  trägt,  von  einem  der 
Präsidenten  des  Ministeriums  der  Li  als  kaiserlichem  Stellver- 
treter in  diesem  Heiligtum  ein  großes  Opfer  verrichtet,  von 
Musik  und  Hymnen  begleitet.  Dabei  amtieren  die  Beamten 
des  MedizinalamteS;  die  dazu  auf  die  übliche  Weise  sich  durch 
Fasten  gereinigt  haben.  Jeder  der  drei  Kaiser  bekommt  die 
25  Schüsseln  und  Körbe,  nebst  drei  Opfertieren;  die  zwei 
nebengeordneten  Götter  empfangen  zusammen  25  Schüsseln 
und  Körbe,  ein  Schaf  und  ein  Schwein,  während  in  den 
Nebentempeln  vor  jedem  Tabernakel  nur  12  Schüsseln  und 
Körbe  und  keine  Opfertiere  dargeboten  werden.  Das  vorge- 
lesene Gebet  gibt  der  frommen  Hoffnung  Ausdruck,  daß  es 
den  heiligen  Göttern  behagen  möge,  das  Reich  vor  Seuchen 
und  Krankheiten  zu  bewahren. 


13.  Kuan  Ti,  der  Kriegsgott. 

Die  Periode  der  ^ffl  san  Kuo',  der  drei  Fürsten- 
häuser^ im  2.  und  3.  Jahrhundert  n.  Chr.  brachte  den  großen 
Kriegsheld  |§^  Kuan  Jü  hervor,  der  in  dem  Pantheon  der 
Staatsreligion  die  Stelle  des  Kriegsgottes  und  Schutzpatrones 
der  Heeresmacht  innehat.  Der  erste  in  Peking  residierende 
Kaiser  der  Mantschu-Dynastie  schenkte  ihm  den  hohen  Ehren- 
namen ;fe  ^  iji J  St  3^  *^'  großer  Kaiser  der  Treue  und  der  gött- 
lichen Streitbarkeit ;  und  wegen  der  großartigen  Dienste,  welche 
er  darauf  den  Heeren  des  Reiches  bei  der  Bezwingung  vieler 
und  langwieriger  Rebellionen  und  bei  der  Eroberung  von 
enormen  Außengebieten  erwies,  ist  sein  Ehrenname  noch  ver- 
größert worden  durch  Hinzufügung  von  ^^;  helfende  göttliche 


286 

Kraft  und  'f^  S  ^T  ^pj  menschenliebende  Tapferkeit  und  majestätische 
Glorie.  Sein  meist  gebräuchlicher  Name  ist  ^  ^  Kuan  Ti^ 
Kaiser  Kuan.  Übrigens  verweise  ich  auf  meine  Biographie  über 
diesen   Gott  in   „Les   Fetes   annuellement   celebrees  k  Emoui". 

Sein  großer  Staatstempel  steht  in  einem  ummauerten  Kaum 
im  Stadtviertel  hinter  der  nördlichen  Palastmauer.  Er  enthält 
gar  keine  nebengeordneten  oder  Gefolgschaftsgötter.  Vorn  auf 
dem  Tempelhof  erhebt  sich  das  Haupttor;  hinter  dem  Tempel 
steht  in  einem  zweiten  Raum  ein  ^  ^,  Hintertempel^  mit  den 
drei  Schreinen  und  Seelentafeln  des  Urgroßvaters,  Großvaters 
und  Vaters  des  Kuan  Ti,  denen  der  zweithöchste  Titel  ^ 
Wang,  kaiserlicher  Prinz,  verliehen  ist. 

Ein  großes  Opfer  aus  25  Schüsseln  und  Körben  und  drei 
Opfertieren,  mit  Musik,  Kantaten  und  Gebetsvorlesung,  wird  hier 
von  einem  Magnaten  als  Stellvertreter  des  Kaisers  an  einem 
glücklichen  Tage  des  Mittelmonates  des  Frühlings  und  des 
Herbstes  dem  Kriegsgott  dargebracht.  Gleichzeitig  verrichtet 
ein  Präsident  des  Opferamtes  vor  jeder  Tafel  im  Hintertempel 
das  gleiche  Opfer,  aber  ohne  Rind,  Musik  und  Hymnen.  End- 
lich empfangen  mit  dem  gleichen  Ritual  alle  vier  Götter 
dieselben  Opfertiere  nebst  Obst  am  13.  des  5.  Monates,  der  der 
Geburtstag  des  Kuan  T  i  sein  soll.  x\n  denselben  drei  Tagen 
werden  auch  in  der  ummauerten  Hauptstadt  einer  jeden  Provinz, 
eines  jeden  Bezirkes  und  Kreises  des  Reiches  durch  die  höchsten 
Verwaltungsbehörden  gleichartige  Opfer  gefeiert,  und  zwar  in 
dem  dort  befindlichen  Tempel  des  Kriegsgottes,  der  gewöhn- 
lich, wie  der  in  Peking,  den  Namen  ^  J^  Kuan  Miao, 
Seelentempel  des  Kuan,  oder  ^  J§B  Wu  Miao,  Kriegstempel,  trägt. 

14.  W6n  Ts'ang,  Schutzgott  der  klassischen  Studien. 

In  den  Si  Ki,  den  Historischen  Schriften  von  Sö-ma  Ts  iön 
(s.  S.  87),    wird   im  27.  Kapitel   zum   ersten   Male   in   der   chi- 


287 

nesischen  Literatur  ein  Gestirn  "^  S  Wön  Tä'ang  erwähnt 
mid  zwar  als  sechs  Sterne  beim  ^^  Tou  KVei,  einem 
Sternbild,  das  wahrscheinlich  den  vier  nördlichsten  Sternen  des 
Großen  Bären  entspricht.  Wohl  bloß  wegen  des  Namens  Wön 
Ts'ang,  der  Glanz  der  Schriftgelehrtheit  bedeutet,  ist  das  Gestirn 
Schutzgott  der  klassischen  Studien  geworden  und  immer  ge- 
blieben, ebenso  wie  das  besagte  Sternbild  Tou  KSvei  das 
zumeist  ^  ;g  K' w  e  i  S  ing,  ^as  K'wei-Gestim,  genannt  wird. 
In  der  Staatsreligion  trägt  der  Gott  den  Namen  ^  ^  ^  ft 
Wgn  Ts'ang  Ti  Kiün,  Kaiserlicher  Fürst  Wen  Ts'ang.  Auch 
wird  er  häufig  ^  *j^  Wön  Ti,  Kaiser  der  Schriftgelehrtheit,  ge- 
nannt. Für  Weiteres  sei  hier  verwiesen  auf  den  Aufsatz  von 
Mayers,  „On  Wön-ch'ang,  the  God  of  Literature,  his  History 
and  Worship"  in  dem  „Journal  of  the  North-China  Brauch  of 
the  Royal  Asiatic  Society",  Jahrgang  1869/70;  ferner  nach 
meinem  „Les  Fetes  annuellement  celebrees  a  Emoui",  S.  162 f. 
und  172  f. 

Der  Pekinger  Staatstempel  dieses  Gottes  liegt  hinter  der 
nördlichen  Palastmauer  und  soll  zum  ersten  Male  in  der  Periode 
ff^^PI^  Ts'ing-hua  (1465—1488)  daselbst  erbaut  sein.  Im 
Jahre  1801  wurde  er  auf  kaiserlichen  Befehl  neu  aufgebaut. 
Bei  dieser  Gelegenheit  dekretierte  der  Sohn  des  Himmels,  daß 
Wen  Ts'ang,  als  Schirmherr  der  wahren  Lehre  und  somit 
als  Bezwinger  von  Ketzereien,  wie  Kuan  Ti  überall  im  Reiche 
verehrt  w^erden,  deshalb  in  den  Opferstatuten  (So  Tiön) 
einen  Platz  einnehmen  und  fortan  gleichartige  Opfer  wie  Kuan 
T  i  genießen  sollte,  nicht  bloß  in  der  Reichshauptstadt,  sondera 
auch  in  den  Provinzen.  Somit  empfängt  er  am  dritten  Tage 
des  Mittelmonates  des  Frühlings  und  an  einem  glücklichen 
Tage  im  Mittelmonat  des  Herbstes  sowohl  in  Peking  als  in 
der  Hauptstadt  jeder  Provinz,  jedes  Bezirkes  und  Kreises  ein 
großes  Opfer,  In  Peking  wird  dann  auch  im  „Hintertempel" 
ein  Opfer  dargebracht,   und  zwar  einer  Tafel  mit  der  Inschrift 


288 

Ot  M*^SÄf^ffi$  fe^  Seelentafel  des  Vorgeschlechtes  des 
kaiserlichen  Fürsten  Wön  Ts'ang.  Welche  Vorstellung  man  sich 
von  diesem  Vorgeschlecht  eines  Sterngottes  macht^  ist  nicht 
besonders  klar^  aber  es  scheint  wohl,  daß  wir  hier  an  einen 
herrschenden  Glauben  zu  denken  haben,  wonach  Geist  und 
Seele  (Sen)  des  Gestirnes  irdischen  Menschen  innegewohnt  hat, 
die  natürlich  Vorfahren  besaßen.  Überlieferungen  über  solche 
Menschen  sind  in  der  Literatur  vorhanden  und  sogar  offiziell 
als  wahr  anerkannt  worden,  wie  Mayers  im  erwähnten  Aufsatz 
auseinandersetzt. 


15.  Der  Nordpol  des  Himmels. 

Immer  wurde  in  China  Astrologie  in  unmittelbarem  Zu- 
sammenhang mit  Geomantik  gepflegt.  Diese  beiden  univer- 
sistischen  Wissenschaften  waren  nämlich  auf  dem  Grundsatz 
erbaut,  daß  die  Erde  dem  Himmelsgewölbe  untersteht,  und  folg- 
lich Glück  und  Unglück  der  verschiedenen  Teile  der  Erde  durch 
entsprechende  Teile  des  Himmels,  also  durch  Sterne  und  Stern- 
bilder, bestimmt  werden.  Der  Mittelpunkt  des  Himmels,  um 
den  sich  alle  Sterne  drehen,  beeinflußt  also  insbesondere  den 
Mittelpunkt  der  Erde,  den  kaiserlichen  Thron.  Dieser  Pol  ist 
daher  des  Kaisers  Schutzgott,  die  Stütze  der  Heiligkeit,  durch 
welche  der  Kaiser  regiert  und  vom  Himmel  zum  Regieren  er- 
mächtigt ist;  und  somit  ist  ihm  dieser  Ehrentitel  beigelegt:   :((^ 

Mi^MM^'  ^®'  ^^^'  j^^  ^^^^^  *^^"  Kiün,  Heiliger 
Fürst  des  Nordpols,  der  die  Heiligkeit  (des  Kaisers)  unterstützt.  Der  ent- 
sprechende Name  seines  Staatstempels  in  Peking  lautet  ^  ^ 
fe>  ,  Palast  des  sich  glänzend  offenbarenden  Beistandes.  Die  Würde  eines 
Staatsgottes  wurde  ihm  bereits  vom  ersten  in  Peking  regieren- 
den Kaiser  der  Mantschu-Dynastie  im  Jahre  1651  zuteil. 

Der  „Palast  des  sich  glänzend  offenbarenden  Beistandes" 
steht  östlich  hinter  der  Nordmauer  des  Kaiserpalastes  auf  einer 


289 

Marinorterrasse  mit  Brüstungen  und  drei  Freitreppen  vorn.  Er 
trägt  schwarze  und  grüne  Dachziegeln,  gleichwie  das  Tor  mit 
drei  Durchgängen,  das  auf  der  Südseite  den  Hauptzugang 
bildet.  Für  ein  großes  jährliches  Opfer  in  diesem  Heiligtum  ist 
der  Geburtstag  des  Kaisers  bestimmt,  weil  dieser  stets  des 
Kaisers  Glück  für  ein  Jahr  bestimmt.  Das  Opfer  besteht  aus 
Gefäßen  mit  Ziziphus,  Drachenaugen  (Nepheliumlonggan), 
Naitsi  (Nephelium  naitsi),  Wallnüssen  und  Kastanien,  nebst 
15  Schüsseln  mit  Kuchen  und  Torten  verschiedener  Art,  einem 
Stück  Seide  und  Tee  anstatt  Wein.  Weshalb  dieser  Gott  kein 
Fleisch  und  keinen  Wein  bekommt^  steht  dahin.  Das  Opfer  wird 
durch  einen  Präsidenten  des  Opferamtes  dargebracht,  mit  Gebet- 
verlesung, Musik  und  einer  beim  Empfangen  des  Gottes  ge- 
sungenen Kantate. 

16.  Der  Feuergott. 

Der  J^  jjjft  Huo  Sen,  Gott  des  Feuers,  soll  der  Verwalter 
der  Segnungen  sein,  die  der  Rote  Kaiser,  der  Gott  des  Südens 
(s.  S.  235),  der  Welt  verleiht.  Im  Jahre  1663  wurde  ihm  ein 
Platz  in  den  „Opferstatuten"  angewiesen.  Auch  für  ihn  besteht 
ein  Staatstempel  außerhalb  der  nördlichen  Palastmauer.  Da 
werden  ihm  am  23.  Tage  des  6.  Monates  durch  einen  Präsidenten 
des  Opferamtes  fünf  Sorten  von  Früchten,  drei  Opfertiere  und 
rote  Seide  dargeboten. 

17.  Die  Kanonengötter. 

Etwa  13  Kilometer  Luftlinie  südwestlich  von  der  Südwest- 
ecke der  Tartarenstadt  liegt  am  jg  ?p]*  Hun-ho  die  jj 
J§:j^  Lu-kou  Kiao,  die  Lu-kou-Brücke.  Nördlich  derselben 
wird  am  ersten  Tage  des  letzten  Herbstmonates  die  Artillerie 
der  /V  j^,  acht  Heeresbanner,  aufgestellt;  vor  jeder  dieser  acht 
Kanonengruppen  setzt  man  auf  einen  Opfertisch  eine  papierne 

De   Groot,  Universismus.  ^" 


290 

Seelentafel  der  betreffenden  5^  jp^  P'^a'o  Sen  oder  Kanonen- 
gottheit und  fünf  Gefäße  mit  Früchten^  und  vor  den  Tisch  ein 
geschlachtetes  Schaf  und  Schwein.  Nun  treten  in  der  frühen 
Morgenstunde  die  acht  ^^  Tu  T'ung  oder  Oberbefehlshaber 
der  Heeresbanner^  jeder  an  der  Spitze  seiner  Offiziere  und 
einiger  Beamten  des  Opferamtes,  heran,  um  vor  den  Tischen 
in  der  uns  bekannten  Weise  gleichzeitig  den  Opferritus  zu  be- 
gehen. Sie  befolgen  dabei  wie  ein  Mann  die  Befehle  eines 
einzigen  „Zeremonienleiters"  (Tien  I),  der  jeden  Akt  mit  einem 
lauten  Ausruf  einleitet,  um  darauf  die  Regelung  der  Unterteile 
des  Aktes  bei  jedem  Tisch  einem  anderen  Zeremonienmeister 
zu  überlassen.  Nur  ein  Opfergebet  wird  für  die  acht  Gruppen 
gemeinschaftlich  gelesen. 

Auch  in  jedem  Artilleriepark  des  Reiches  wird  an  dem- 
selben Tag  durch  den  Befehlshaber  auf  ähnliche  Weise  ein 
Opfer  dargebracht. 

18.  Die  Götter  der  Stadtmauern. 

Gleichwie  der  Pol  des  Himmels  der  Schutzgott  der  Heilig- 
keit, also  des  geistigen  Wesens  des  Kaisers,  ist  (s.  S.  288),  so 
ist  der  ^  |J^  |[j^  Ts*^ing  Huang  §6n,  der  Gott  der  Mauern  und 
Gräben  der  Reichshauptstadt,  der  Schirmherr  seines  stofflichen 
Wesens.  Auch  ihm  soll  deshalb  am  Geburtstage  des  Kaisers 
ein  Opfer  dargebracht  werden,  um  sich  des  Gottes  Wohlwollen 
und.  Schutz  während  des  neuen  kaiserlichen  Lebensjahrs  zu 
sichern.  In  seinem  Tempel,  der  in  einer  Ummauerung  nahe 
an  der  Stadtmauer  westlich  des  ^  ;gp  Süen-Wu-Tores  im 
südwestlichen  Viertel  der  Tartarenstadt  steht  und  drei  hinter- 
einander liegende  Tore  besitzt,  werden  ihm  alsdann  durch 
einen  dazu  abgeordneten  Reichsgroßen  fünf  Gefäße  mit  Obst 
nebst  drei  Opfertieren  dargeboten;  ein  ähnliches  Staatsopfer  von 
25  Schüsseln    und   Körben    und    drei    Opfertieren   empfängt  er 


291 

dort  außerdem  alljährlich  an  einem  glücklichen  Herbsttage. 
Daß  er  auch  in  allen  Festungen  des  Reiches  alljährlich  einmal 
auf  dem  Altar  der  Berge  und  Flüsse  ein  Staatsopfer  empfängt, 
haben  wir  auf  S.  277  erwähnt.  Hier  sei  noch  hinzugefügt,  daß 
durchweg  jede  ummauerte  Stadt  des  Reiches  einen  Tempel  für 
ihren  Schutzgott,  einen  sogenannten  ^Pf^Ts'ingHuang 
Miao,  Seelentempel  der  Mauern  und  Gräben^  besitzt.  Im  übrigen  sei 
auf  den  Aufsatz  über  diese  Götter  verwiesen,  welcher  in  ,,Left 
Fetes  annuellement  celebrees  a  Emoui",  S.  586  ff.,  veröffent- 
licht ist. 

19.  Der  Gott  des  heiligen  Berges  des  Ostens. 

Unter  dem  Namen  ^ -^  )jj J  Tung  Jo'  Sön,  Gott  des 
Jo'  des  Ostens,  empfängt  der  zweite  heihge  Berg  (s.  S.  193)  Ver- 
ehrung in  einem  Staatstempel,  der  nördlich  vom  Opfergelände 
der  Sonne  steht,  m  einer  zweifachen  Ummauerung,  welche  auch 
Nebengebäude  und  andere  zugehörige  Baulichkeiten  umschließt. 
Da  empfängt  er  alljährlich  am  Geburtstag  des  Kaisers  ein  ähn- 
liches Opfer  wie  der  Gott  des  Himmelspoles  und  der  der  Mauern 
und  Gräben  Pekings.  Das  erklärt  sich  wohl  daraus,  daß  auch 
dieser  von  den  heihgsten  der  Berge  ein  besonderer  Lenker  des 
Glückes  des  regierenden  Kaisers  ist,  weil  er  den  mächtigsten 
Teil  von  dessen  Grundgebiet  bildet  und  folglich  ihm  den  uner- 
schütterlichen Besitz  desselben  besser  als  irgendeine  andere 
irdische,  Gottheit  zu  gewährleisten  vermag. 

20.  Drachen-  und  andere  Wassergötter. 

^1  iji^  Lung  Sen  oder  Drachengötter,  ,  sind,  nach  chi- 
nesischer Auffassung,  Kräfte,  welche  durch  Verdichtung  der 
Wolken  Regen  erzeugen  und  somit  auch  den  Wasserstand  der 
Bäche  und  Flüsse  beherrschen.  Vier  solcher  Götter  befruchten 
in  dieser  Weise   das  unmittelbare  Gebiet  des  Kaisers,   den  Be- 

19* 


292 

zirk  Sun-t*i6n  (vgl.  S.  223),  und  bestimmen  damit^  der  geo- 
mantischen  Lehre  zufolge,  das  Glück  der  Reichshauptstadt  und 
des  kaiserlichen  Palastes.  Ihnen  sind  deshalb  an  Wasserläufen^ 
welche  dem  umliegenden  Gebirgsland  entströmen,  Staatstempel 
errichtet,  wo  jedes  Jahr  im  Mittelmonat  des  Frühlings  und  des 
Herbstes  dazu  abgeordnete  Staatsgroße  25  Schüsseln  und  Körbe 
opfern,  nebst  einem  Schaf  und  Schwein.  Diese  Drachentempel 
befinden  sich: 

1.  Beim  ^  ^fi '/S  He'  Lung  T'an,  Teich  des  Schwarzen 
Drachen,  etwa  30  Li  nordwestlich  von  Peking,  im  -^  |_|j  Kin 
San  (vgl.  „The  Religious  System  of  China",  Bd.  III,  S.  1253 ff.). 

2.  Im  3E  :^  LU  J^'Ts'uan  San,  Berge  der  Jaspisquelle, 
beim    gleichnamigen   kaiserlichen   Park,    nordwestlich   Peking. 

3.  Am  ^  0^  yj^,  Kun  Ming-See,  in  den  sich  unweit 
des  Ul  ^  ^  Juan  Ming  Juan  oder  Mondparkes  die  „Jaspis- 
quelle" ergießt. 

4.  Am  Ö  ^1  '/p  Pe'  Lung  T'an,  Teich  des  Weißen 
Drachen,  östlich  von  der  Kreisstadt  ^Ä  Mi'^-jün. 

Daß  die  Kaiser  auch  diesen  Drachen  schöne  und  ehren- 
volle Titel  verliehen  haben,   braucht   kaum   gesagt  zu   werden. 

Wenn  der  Drache  der  Jaspisquelle  seine  Jahresopfer 
empfängt,  wird  stets  am  selben  Tage  von  einem  Großen  des 
Juan  Ming  Juan  auch  der  Schutzgöttin  der  Seefahrenden 
m  MB.  ^  ^^^  "^^^^  -P'^  ^^  ihrem  W,  ^  ^^  oder  Tempel  des 
gnädigen  Beistandes,  der  im  J^  ^  K'i  Ts'un-Park  steht,  ein 
ähnliches  Opfer  dargeboten.  Diese  schon  seit  vielen  Jahr- 
hunderten staatlich  anerkannte  Seegöttin,  überall  im  Reiche 
hoch  verehrt,  erfreut  sich  des  Besitzes  eines  Ehrennamens,  der 
unter  den  letzten  drei  Dynastien  so  häufig  verlängert  wurde, 
bis  er  schließlich  aus  38  Schriftzeichen  bestand  und  somit  wahr- 
scheinlich der  längste  ist,  der  in  der  Götterwelt  getragen  wird. 
Für  Näheres  über  diese  Göttin  siehe  „Les  Fetes  annuellement 
celebrees  a  Emoui",  S.  261  ff. 


293 

Außerdem  wird  im  selben  Park  an  den  beiden  Tagen, 
wenn  die  Drachen  ihre  Opfer  empfangen,  im  jfSI  fllp  ^  ^i« 
äön  Miao,  Tempel  der  Flußgötter,  dem  Gott  des  Huai  (vgl. 
S.  194)  geopfert,  wie  auch  einem  gewissen  ^tJ^tJ"  Huang 
äou-ts'ai  und  einem  ||j- f^  Siß  Sü.  Letzterer  war  ein 
naher  Verwandter  der  Gemahlin  des  Kaisers  ^^  LiTsung 
der  Sung- Dynastie;  als  die  Mongolen  1276  die  kaiserliche 
Hauptstadt,  das  jetzige  if^/l  j'W  Hang-tsou,  besetzten,  stürzte 
er  sich  dort  in  den  Fluß,  und  da  seine  Leiche  stromaufwärts 
trieb,  wurde  er  später  zum  Flußgott  erhoben. 


21.  Die  Erde  und  der  Verwalter  von  Bauwerken. 

Soll  irgendwo  ein  bedeutendes  Regierungsbauwerk  in  An- 
griff genommen  werden,  dann  muß  vorschriftsgemäß  an  einem 
durch  das  Amt  für  Zeitrechnung,  Astrologie  usw.  (^  5^  ^) 
auserwählten  Tag,  der  einen  glücklichen  Verlauf  des  Unter- 
nehmens verheißt,  der  J^  4-^  Hou  T^i,  Kaiserin  Erde,  die  an 
der  betreffenden  Stelle  durch  die  Tätigkeit  der  Arbeiter  in  ihrer 
Ruhe  gestört  werden  wird,  ein  Opfer  gebracht  werden,  wie  auch 
dem  "^  J2  iljft  So  Kung  Sen,  dem  Gott,  der  das  Werk  verwaltet. 
Nachdem  das  Ministerium  der  Werke  zwei  ringsum  mit  viel- 
farbigen Seidentüchern  umhängte  Altäre  an  Ort  und  Stelle  aus 
Tischen  zusammengesetzt  hat,  wird  auf  jeden  eine  aus  gelbem 
Papier  verfertigte  Seelentafel  der  Gottheit  gesetzt,  zusammen 
mit  15  Schüsseln  Kuchen  und  Torten  und  5  Körben  mit  Baum- 
früchten; darauf  bieten  ein  Präsident  des  Ministeriums  der  Li 
und  ein  Präsident  des  Ministeriums  der  Werke  diese  Opfer- 
gaben feierlich  in  sechs  Akten  mit  Musik,  einer  Hymne  ^md 
einem  Gebet  dar,  zusammen  mit  Seide,  einem  Schaf  und 
einem  Schwein.  Ein  gleichartiges  Opfer  verrichtet  ein  hoher 
Staatsbeamter  für  den  So  Kung  Sön,  wenn  das  Werk  be- 
endigt ist. 


294 


22.  Die  Götter  der  Ziegelöfen  und  gewisser  Tore. 

Bei  staatlichen  Bauwerken  soll  auch  den  ^  jjj^  Jao  Sön^ 
Göttern  der  Ziegelöfen^  in  denen  der  Dachstein  gebrannt  wird^  ein 
Opfer  dargebracht  werden,  und  zwar  an  einem  glücklichen 
Tage,  wenn  die  ^  Wen  oder  Mäuler,  die  Dachsteinfiguren, 
durch  die  das  Regenwasser  abfließen  soll,  in  feierlichem  Aufzug 
durch  die  kaiserliche  Equipage  nach  dem  Bauplatz  überführt 
werden  sollen.  Auf  dieselbe  Weise  wie  für  die  Hou  T'u  und 
den  SS  Kung  §gn  wird  bei  den  Ofen  ein  Altar  mit  Opfer- 
gaben bereitgestellt,  ebenso  auch  einer  bei  jedem  Stadt-  oder 
Palasttor,  durch  den  der  Zug  seinen  Weg  nimmt,  für  den  P^ 
flfljl  Mön  Sßn  oder  Torgott.  Nachdem  nun  die  „Mäuler"  bei 
den  Ofen  niedergelegt  sind,  wird  an  allen  diesen  Altären  durch 
damit  beauftragte  Beamte  das  Opfer  verrichtet,  wobei  am 
Anfang  wie  am  Schluß  eine  Hymne  mit  Musikbegleitung  ge- 
sungen wird.  Darauf  bringt  der  Aufzug  die  „Mäuler"  mit  Musik 
nach  dem  Bauplatz  hin  und  wird  unterwegs  an  jedem  Tor  durch 
den  Opferer  und  sein  Gefolge  und  auf  dem  Bauplatz  durch 
den  Baumeister,  die  Aufscher  u.  a.  feierlich  empfangen.  Alle 
amtierenden  Anwesenden  tragen  Hofgewänder,  vergoldete 
Blumen  auf  dem  Hut  und  ein  rotes  Seidentuch  über  der 
Schulter. 

23.  Die  Götter  der  Getreidespeicher. 

Die  Kornspeicher  der  Regierung  liegen  großenteils  bei 
der  Stadt  ^  j^  T*^ung-tsou,  etwa  20  Kilometer  östlich  von 
Peking,  wo  die  große  Kornflotte  das  aus  den  Provinzen  heran- 
gebrachte Steuergetreide  löscht.  Daselbst  opfert  der  ^  J^ 
"f^  ^R,  Vizeminister  des  Speicherterrains,  jedes  Jahr  an  einem  glück- 
lichen Tage  des  Frühlings  und  des  Herbstes  dem -^  )[jft  Tsoang 
Sön,  Gott  der  Speicher,  in  einem  dort  stehenden  Tempel  zehn 
Schüsseln   mit    Baumfrüchten,    ohne    Musik    und    ohne    Gebet. 


295 

An  denselben  Tagen  wird  dieselbe  Feierlichkeit  in  drei  Tempeln 
bei  den  großen  Kornkammern  des  linken  und  rechten  Flügels 
( yfe  ^  ä)  (^er  Reichshauptstadt  begangen,  und  auch  bei 
denen,  welche  außerhalb  des  Täao  Ja ng- Tores  der  östlichen 
Stadtfront  (s.  S.  230)  gelegen  sind,  durch  die  Kontrolleure  (^ 
^)  dieser  Gruppen. 


24.  Besondere  Götter  in  den  Provinzen. 

Eine  beträchtliche  Erweiterung  hat  die  Staatsreligion  er- 
fahren durch  die  den  Behörden  in  den  Provinzen,  Bezirken 
und  Kreisen  auferlegte  Verpflichtung,  in  besonders  dazu  an- 
gewiesenen Tempeln  über  fünfzig  Göttern  und  vergöttlichten 
^lenschen  zu  opfern,  die  sich  durch  Abwehrung  von  Unheil, 
also  offenbar  durch  Mirakel,  um  das  Volk  verdient  gemacht 
haben.  Kaiser  aller  Zeiten  haben  diesen  Gottheiten  Ehrennamen 
geschenkt,  und  die  Tempel,  wo  ihr  amtlicher  Opferkult  statuten- 
mäßig stattfindet,  sind  großenteils  kraft  kaiserlicher  Verfügung 
erbaut,  jedenfalls  dem  besonderen  Schutz  der  Regierung  unter- 
stellt. Die  vorgeschriebenen  Opfer  sollen  denen,  welche  die 
Behörden  auch  dem  Kriegsgott  darzubringen  haben  (s.  S.  286), 
ähnlich  sein  und  alljährlich  im  Frühling  und  im  Herbst  statt- 
finden.   Sie  heißen  amtlich   S  jjf^  Tsuan  S^,  besondere  Opfer. 

Es  läßt  sich  leicht  einsehen,  daß  mit  diesem  Abschnitt 
der  Opferstatuten  die  StaatsreHgion  in  den  Bereich  des  Götter- 
kultes des  Volkes  übergeht,  denn  auch  dieser  beruht,  wie  auf 
S.  138 ff.  dargetan,  auf  dem  Glauben  an  den  Schutz  und  Beistand, 
welche  Götter  aller  Art  durch  ihre  Mirakelkraft  (Sön  oder 
Ling)  den  Menschen  verleihen.  Nur  die  kaiserlich  genehmigte 
Aufnahme  in  die  Opferstatuten  bildet  hier  die  Trennungslinie; 
aliein  diese  muß  dem  Staat  selbst  schwach  genug  erscheinen, 
>o  daß  er  dem  Volke  die  Verehrung  aller  möglichen  Götter, 
welche    es    sich    erfindet   und    schafft,    und    denen    es    Tempel 


296 

baut,  In  der  Regel  ungestört  gestattet  und  nur  unter  Umständen 
gegen  diese  als  ketzerische  Ungebührlichkeiten  einschreitet. 

25.  Die  Koryphäen  der  Staatsdienerschaft. 

Statutarisch  ist  vorgeschrieben,  daß,  wenn  der  Sohn  des 
Himmels  sich  auf  der  Reise  weniger  als  30  L  i  vom  Tempel 
oder  Grabe  eines  Heiligen  (^)  oder  Weisen  (B?)  irgend- 
welcher Zeit  befindet,  oder  eines  namhaften  Ministers  (d^  ^), 
oder  eines  Getreuen,  der  im  Dienste  des  Kaisers  sein  Leben 
ließ  {^  ^g|),  er  sodann  einen  Stellvertreter  entsenden  muß, 
um  dort  nach  dem  allgemeinen  festen  Programm  ein  Opfer 
in  sechs  Akten  zu  verrichten. 

Werden  schon  die  verdienten  Staatsdiener  vergangener 
Dynastien  solcher  Ehrung  gewürdigt,  dann  liegt  es  auf  der 
Hand,  daß  Ahnliches  erst  recht  mit  denen  des  regierenden 
Kaiserhauses  der  Fall  sein  soll.  In  der  Tat  haben  wir  schon 
gesehen  (S.  198),  daß  viele  von  ihnen  sogar  im  großen  kaiser- 
lichen Ahnentempel  Aufnahme  finden  und  da  Opfer  empfangen. 
Es  bestehen  aber  in  Peking  noch  zAvei  Ruhmestempel  für  die 
große  Zahl  der  vergöttlichten  Koryphäen  der  Staatsdienerschaft. 

Eines  dieser  Heiligtümer  heißt  S  ^  jjfß)  Hi?.n  Liang 
Se,  Opfertempel  der  Weisen  und  Braven.  Es  wurde  1730  außer- 
halb der  nördlichen  Palastmauer  gestiftet  und  besteht  aus  einem 
Vorder-  und  einem  Hintertempel,  Toren,  Nebengebäuden  usw. 
Der  Vordertempel  enthält  nur  Seelentafeln  einer  sehr  be- 
schränkten Zahl  von  kaiserlichen  Prinzen;  im  Hintertempel 
aber  findet  man  100  bis  200  Tafeln  von  Staatsdienern,  die  in  den 
fünf  klassigen  erblichen  Adelstand  (-j^^  "fö)  erhoben  worden 
sind,  oder  im  Zivil-  oder  Militärdienst  die  zwei  höchsten  Ränge 
(l^)  erreicht  haben.  Mit  der  größten  Genauigkeit  sind  die 
Tafeln  nach  den  Kaiserregierungen  in  Schreinen  angeordnet. 
Im  mittleren  Frühlings-  und  Herbstmonat  wird  ihnen  an  einem 


297 

glücklichen  Tage  ein  Opfer  dargebracht,  im  Vordertempel  durch 
einen  Prinzen,  im  Hintertempel  durch  den  Präsidenten  des 
Opferamtes.  Für  jede  in  einem  Schrein  vereinigte  Gruppe  be- 
steht das  Opfer  aus  fünf  Gefäßen  mit  Obst,  nebst  einem  Schaf 
und  einem  Schwein.  Nachkommen  der  verehrten  Toten  wohnen 
der  Feierlichkeit  bei  oder  nehmen  daran  durch  Hilfeleistunjr 
tätig  teil. 

Auch  jede  Provinzhauptstadt  ist,  kraft  der  Reichsstatuten, 
im  Besitz  eines  HiönLiang  So,  zur  ewigen  Ehrung  solcher 
hochverdienter  Staatsdiener,  die  in  der  Provinz  amtierten  und 
deren  Seelentafeln,  auf  Antrag  des  Ministeriums  der  L  i,  infolge 
kaiserlicher  Verfügung  darin  einen  Platz  erhielten.  Es  ist  dem 
dort  residierenden  Bezirksverwalter  (^  |m^)  auferlegt,  im 
mittleren  Frühlings-  und  Herbstmonat  in  diesem  Heiligtum  als 
Opferpriester  aufzutreten;  die  auf  S.  271  erwähnten  Beamten 
für  die  Prüfungen  sind  verpflichtet,  ihm  dabei  als  Opferbeamten 
helfend  zur  Seite  zu  stehen. 

Viel  größer  ist  der  zweite  Ruhmestempel  Pekings,  der 
fl^  ;S»  M?l  Tsao  Tsung  So,  Opfertempel  für  glänzende  Treue, 
der  beim  ^^  Ts*^ung  Wo  n-Tor  (Ha-ta  Mön)  gelegen 
ist.  Er  ist  wohl  das  umfassendste  Heiligtum,  das  die  Welt  je 
der  Menschenverherrlichung  gewidmet  hat.  Im  Jahre  1724  ist 
er  gestiftet.  Das  j]^  ^  oder  eigentliche  Ahnenhaus  besteht  aus 
einem  Vorder-  und  Hintertempel,  die  durch  einen  Damm  mit- 
einander verbunden  sind.  Jeder  ist  auf  beiden  Seiten  von 
drei  Hallen  flankiert,  die  beim  Vordertempel  östlich  und  west- 
lich zu  diesem  gekehrt,  beim  Hintertempel  aber,  gleichwie 
dieser  selbst,  nach  Süden  gerichtet  sind.  Diese  14  Tempel- 
liallen  enthalten  insgesamt  66  Schreine  mit  Seelentafeln  von 
WJ  E?  verdienstvollen  Staatsdienern^  Mantschus  sowohl  wie  Chi- 
nesen, Zivil-  wie  Militärpersonen,  Kriegshelden,  todesmutigen 
Heeresführern,  Siegern,  Eroberern  usw.  In  jeder  Halle  wohnt 
eine  bestimmte  Kategorie  dieser  ruhmbedeckten  Toten. 


298 

Für  die  Opfer  gilt  hier  dasselbe  Ritual  wie  für  den  Hißn 
Liang  Se.  Vor  jedem  der  66  Schreine  gibt  es  da  einen 
Tisch  mit  Opfergaben,  jedoch  im  ganzen  nur  achtmal  ein 
Schaf  und  ein  Schwein.  Im  Vordertempel  amtiert  ein  Prinz 
als  Opferpriester^  in  jeder  anderen  Halle  ein  durch  das 
Opferamt  angewiesener  Beamter.  Nur  ein  einziges,  sehr  langes 
Opfergebet  wird  verlesen,  das  an  alle  Tafeln  insgesamt  ge- 
richtet ist. 

Auch  die  Hauptstadt  jeder  Provinz  hat  ihren  eigenen 
Tsao  Tsung  Se  zur  Verherrlichung  der  Ruhm  würdigen 
dieses  Teiles  des  Reiches.  Daselbst  wird  zweimal  jährlich  wie 
im  Hi6n  Liang  Se  durch  den  Bezirksverwalter  mit  den 
Prüfungsbeamten  geopfert. 

Jedoch  die  Ehrung,  w^elche  die  Staatsregierung  den  Kory- 
phäen ihrer  Dienerschaft  erweist,  erreicht  den  allerhöchsten 
Grad,  wenn  der  Kaiser,  auf  Vorschlag  des  Ministeriums  der 
Li,  für  einige  von  ihnen  zusammen,  oder  gar  für  einen  einzigen 
allein,  den  Bau  eines  ^S  jjjsj  tsuan  Se  oder  besonderen  Opfer- 
tempels verordnet  und  daneben  von  den  Präsidenten  des  Opfer- 
amtes die  darzubringenden  Opfer  in  die  Opferstatuten  ein- 
schreiben läßt.  Dann  errichtet  auch  das  Ministerium  der  Werke 
im  Tempelhof  einen  schönen  Kiosk  mit  großem  Monolith,  in 
dem  eine  unvergängliche,  vom  Han-lin  verfaßte  Lischrift  die 
ruhmreichen  Taten  des  großen  Mannes  den  Göttern  und  Menschen 
verkündet.  Zumeist  wird  diesem  die  Seelentafel  seiner  Gemahlin 
als  P'ei  Wei  im  Tabernakel  zur  Seite  gestellt.  In  Peking  dürften 
wohl  über  zwanzig  solcher  Privattempel  zu  finden  sein.  Auch 
in  den  Provinzen  kommen  sie  vielfach  vor,  und  da  müssen  die 
örtlichen  Behörden  zweimal  jährlich  an  Ort  und  Stelle  opfern, 
in  derselben  Weise  wie  in  den  beim  Konfuziustempel  be- 
findlichen Seelenhäusern  für  die  Tugendhaften  und  Weisen 
(S.  272). 


299 


26.  Die  unversorgten  Seelen  der  Toten. 

Die  Statuten  der  Staatsreligion  enden  mit  den  j^  Li, 
den  Seelen  solcher  Verstorbenen^  denen  keine  Nachkommen 
Opfer  darbringen,  und  die,  nach  uraltem  Glauben,  infolgedessen 
geneigt  sind,  die  Menschheit  mit  Plagen  aller  Art  heimzu- 
suchen. Um  diesem  Übelstand  abzuhelfen,  ist  es  in  den  Haupt- 
städten der  Provinzen,  Bezirke  und  Kreise  den  Vervvaltunjrs- 
behörden  auferlegt,  dreimal  jährlich  die  bösen  Launen  dieser 
Gespenster  mittels  Opfer  aufzuheitern.  Eines  soll  in  die  ^  ^ 
Han-si'-Zeit  fallen,  also  auf  den  4.  oder  5.  April,  und  eines 
auf  den  ersten  Tag  des  zehnten  Monates,  und  zwar  weil 
man  an  diesen  Tagen  in  China  die  Gräber  zu  versorgen  und 
die  Ahnen  mit  Opfergaben  zu  laben  pflegt.  Für  ein  drittes 
Opfer  ist  der  Vollmondstag  des  siebenten  Monates  angewiesen, 
in  dem  man  allgemein  die  unversorgten  Toten  ernährt  und  aus 
der  buddhistischen  Hölle  erlöst.  Näheres  hierüber  befindet  sich 
in  „Les  Fetes  annuellement  celebrees  a  Emoui". 

An  diesen  drei  Opfertagen  werden  an  der  nördlichen 
Mauer  der  Stadt,  also  in  der  Gegend,  die  dem  Jin  und  folglich 
auch  der  Gespensterwelt  entspricht,  einige  Tische  zu  einem 
Altar  zusammengestellt  und  darauf  und  ringsumher  ein  großes 
Quantum  Reis,  gekocht  und  ungekocht,  zusammengetragen,  mit 
papiernem  Opfergeld,  drei  Schafen  und  Schweinen  usw.  Dann 
trägt  man  am  frühen  Morgen  die  vSeelentafel  des  Gottes  der 
Mauern  und  Gräben  der  Stadt,  der  ein  oder  mehrere  Tage 
zuvor  von  einem  Beamten  die  Kunde  von  dem  beabsichtigten 
Opfer  gebracht  war,  von  der  Opferstätte  der  Himmlischen  und 
Irdischen  Götter  (vgl.  S.  277)  nach  dem  Altar  hin.  Er  ver- 
waltet nämlich  die  Seelen  der  Toten  im  ganzen  Gebiet,  dessen 
Verwaltungsbehörden  in  der  Stadt  ihren  Sitz  haben,  wo  sein 
Tempel  steht,  straft  somit  ihre  Übeltaten  und  verhindert  ihre 
Angriffe   auf  die  Menschen.    Zwei  Zeremonienmeister   geleiten 


300 

mm  den  hohen  Verwaltungsbeamten  vor  den  Altar;  er  opfert 
da  Weihrauch,  berührt  dreimal  den  Boden  mit  der  Stirn  und 
opfert  vor  dem  in  Flammen  aufgehenden  Papiergeld  drei 
Becher  Weins.  Bald  darauf  tragen  die  Zeremonienmeister  die 
Tafel  des  Stadtgottes  wieder  in  die  Opferstätte  der  Himmlischen 
und  Irdischen  Götter  zurück. 

Unsere  Darstellung  der  konfuzianischen  Staatsreligion  muß 
entschieden  zu  der  Folgerung  führen,  daß  sie  ein  bis  zum 
höchsten  Grad  der  Vollendung  ausgebauter  Naturkult  ist,  wie 
auf  dieser  Erde  kein  zweiter  besteht,  und  daß  unter  den  ver- 
schiedenen Unterteilen  des  Weltganzen,  welche  ihr  Göttertum 
bilden,  die  Seele  des  Menschen  einen  vornehmen  Platz  einnimmt. 
Die  Religion  des  chinesischen  Altertums,  soweit  diese  sich 
durch  die  heiligen  Schriften  erkennen  läßt,  war  der  Grundstock 
der  Staatsreligion,  und  folglich  läßt  sich  auch  von  jener  eine 
andere  Definition  nicht  geben. 

Gewiß  ist  die  Staatsreligion  eine  durchaus  idolatrische. 
In  der  Tat  bringt  sie  ihren  Gottheiten,  sogar  Himmel  und 
Erde,  in  der  Gestalt  von  beseelten  Holztafeln  Verehrung  und 
Opfer  dar,  und  diese  Gegenstände  sind  nur  in  der  Form,  aber 
keineswegs  grundsätzlich,  von  Bildern  verschieden.  Aus- 
nahmsweise soll  man  in  einigen  Heiligtümern  des  Konfuzius 
bunte  Bilderreihen  anstatt  Tafeln  finden;  jedoch  nur  ein  Fall 
dieser  Art  ist  mir  durch  persönliclie  Anschauung  bekannt, 
nämlich  in  der  Bezirkshauptstadt  ^  W  TsSian-tsou  in  der 
Provinz  Fu^-kien. 

Auch  haben  wir  die  Staatsreligion  als  eine  durchaus 
ritualistische  kennen  gelernt:  ein  streng  umschriebenes,  große 
Einförmigkeit  erstrebendes  Ritual  regelt  ihren  ganzen  Götter- 
dienst bis  in  die  geringsten  Einzelheiten  und  beherrscht  ihn 
also  gänzlich.  Dieser  Grundzug  hat  seine  Erklärung  in  der 
Geschichte    des   Reiches.     Als    die    H an- Dynastie   mittels   der 


301 

heiligen  Schriften  der  Vergangenheit  die  Grundlage  der  Staats- 
verfassung und  damit  die  der  Staatsreligion  erbaute  (vgl. 
S.  3 f.);  konnten  diese  sich  wohl  kaum  anders  gestalten  als 
wie  eine  Sammlung  von  heiligen  Riten,  das  heißt,  von  strengen, 
unumgänglichen  Vorschriften,  welche  durch  das  uns  bekannte 
alte  Wort  ijjg  Li  bezeichnet  wurden  (S.  25 ff.).  So  entstand 
ein  Ritenkodex,  den  darauf  jede  Dynastie  als  heiliges  Erbgut 
der  klassischen  Zeit  ehrfurchtsvoll  von  der  ihr  vorangehenden 
übernahm,  und  zwar  mehr  oder  weniger  ausbildete  und  aus- 
baute, jedoch  ohne  sich  jemals  zu  erdreisten,  an  seinen  heiligen 
Grundlagen  zu  rütteln.  Urkundlich  läßt  sich  nachweisen,  daß 
bereits  502  auf  Befehl  des  -^  Wu,  des  großen  Kaisers  der 
Li  an  g- Dynastie,  eine  Kompilation  der  Li  in  über  tausend 
Kapiteln  zustande  kam;  diese  Riesenleistung  ist  aber  nicht 
erhalten  geblieben.  Bewahrt  sind  jedoch  die  ^  j^  ^  K'ai- 
juan  Li,  die  Li  der  K'ai-j uan-2eit  (713 — 742)  der  T'ang- 
Dynastie,  welche  von  einer  Staatskommission  in  150  Kapiteln 
abgefaßt  wurden.  Auch  die  Sung-  und  die  Mi  ng-Dynastie 
hatten  je  ihren  Ritenkodex,  und  diese  waren  die  Vorbilder  für 
den  der  Mantschu- Dynastie,  der  1757  fertiggestellt  wurde  und 
"AMM/lis  ^'^  Ts'ing  t'ung  Li,  heißt,  die  überall  und  immer 
zu  befolgenden  Li  der  Großen  Ts'i ng-Dynastie.  Darin  ist  das  Staats- 
ritual kurz  und  bündig  in  54  Büchern  festgelegt,  und  das 
Werk  bildet  daher  für  die  Sinologie  eine  Quelle  von  hohem 
wissenschaftlichen  Wert.  Ihr  verdanken  wir  in  erster  Linie 
den  Stoff  für  unsere  Darstellung  des  Rituals  der  Staatsreligion. 
Auch  andere  umfassende  Codices  für  das  Staatswesen  haben 
dabei  Dienste  geleistet,  sowie  die  "^ '^ '^  Ä  '^^  Ts*ing 
hui  Tien,  sämtliche  Statuten  der  Großen  Ts'i ng-Dynastie,  und  die 
ll'nß  M'J  ^J  Li  Pu  Tse'  Li,  Verordnungen  für  das  xMinisterium 
der  Li.  Für  Einzelheiten  über  diese  und  andere  Bücher  über 
Chinas  Staatswesen  sei  auf  meine  „Sinologische  Seminare  und 
Bibliotheken"  verwiesen. 


302 

Wir  kommen  nunmehr  zu  der  Überzeugung,  daß  die 
Staatsreligion  im  vollsten  Sinne  des  Wortes  eine  Religion  ,,für 
den  Staat"  ist,  das  heißt,  für  den  Kaiser,  die  Reichsgroßen  und 
das  Mandarinentum.  Es  hat  sich  in  der  Tat  sonnenklar  heraus- 
gestellt, daß  sie  bezweckt,  die  Götter,  welche  die  verschiedenen 
Teile  des  Weltalls  beseelen  und  verwalten,  Segen  ausströmen 
zu  lassen  auf  die  kaiserliche  Gewalt,  und  dadurch  auf  das  Volk, 
welches  das  Tao  des  Weltalls  mit  dieser  Gewalt  beglückt;  mit 
anderen  Worten,  sie  soll  zum  Wohl  der  ganzen  Menschheit  ein 
glückschaffendes  Wirken  der  Natur  sicherstellen  mittels  des 
Kaisers  und  seiner  Regierung.  Daraus  erklärt  sich  von  selbst, 
daß  dem  Volke  überhaupt  an  ihrer  Ausübung  kein  Anteil  gewährt 
wird,  wenngleich  es  für  Bau  und  Unterhaltung  der  Altäre  und 
Tempel  seine  Kräfte  und  Geld  hergeben  darf  und  muß.  Zwar 
verehrt  das  Volk  auf  seine  eigene  Art  gewisse  Götter  der  Staats- 
religion, wie  z.  B.  die  Erde,  der  als  Schutzgott  des  Ackerbaues 
und  des  Reichtums  überall  Tempel  und  Kapellen  errichtet 
werden;  weiter  Konfuzius,  Kuan  Ti,  Berg-  und  Flußgötter, 
die  Stadtgötter,  den  Gott  des  östlichen  Jo',  der  als  Höllenfürst 
betrachtet  wird,  u.  a.  Das  läßt  sich  aber  keineswegs  als  Anteil 
an  der  Ausübung  der  Staatsreligion  deuten,  sondern  ist  schlech- 
hin  auf  die  natürliche  Einheitlichkeit  des  universistischen  Götter- 
tums  zurückzuführen.  Den  Ahnenkult  aller  Chinesen  aber  hat 
der  Staat  in  den  Bannkreis  seiner  eigenen  Religion  gezogen, 
dadurch,  daß  er  für  dessen  Ausübung  in  den  Kreisen  der 
Prinzen,  Staatsbeamten  und  Graduierten  und  des  gewöhnlichen 
Volkes  besondere  Vorschriften  in  den  Opferstatuten  festgesetzt 
hat.  Diese  bilden  dort  den  allerletzten  Abschnitt  der  sogenannten 
^  Ms  ^^^'  -^^^  beglückenden  L  i^  worunter  man  die  Riten  der 
Slaatsreligion  versteht;  und  es  braucht  kaum  gesagt  zu  werden, 
daß  sie  mit  den  Vorschriften  für  den  Ahnenkult  des  Kaisers 
alle  Hauptcharakterzüge  gemeinsam  haben. 


Elftes  Kapitel. 


Kai endriscLe  Lebensführung.  Der  K«t.1  ende r.  Zeitdeutuiig. 

Die  politische  Organisation  des  chinesischen  Reiches  ist 
auf  den  Universismus  und  dessen  konfuzianische  Bücher  ee- 
gründet.  Ihr  Inbegriff  ist  die  kaiserliche  Regierung,  ein  Haupt- 
erzeugnis der  Weltordnung  und  ihr  Werkzeug,  das  mittels  weiser 
Gesetze  und  Maßregeln  die  Menschheit  führt  und  lenkt  in  der 
einzig  richtigen  Bahn,  welche  das  Tao  der  Menschheit  heißt. 
Dieser  Regierung  ist  vom  Weltall  die  Pflicht  auferlegt,  die 
Menschheit  zu  ihrem  eigenen  Besten  unaufhörlich  anzuleiten, 
daß  sie  in  möglichstem  Einklang  mit  dem  Tao  des  Weltalls 
lebe.  Nun  ist  ja  dieses  Tao  schlechthin  der  Gang  der  Natur, 
der  sich  jedes  Jahr  aufs  neue  vollzieht.  Deshalb  ist  es  die 
Hauptaufgabe  und  unbedingte  Pflicht  der  kaiserlichen  Re- 
gierung, der  Menschheit  auch  die  Mittel  zu  verschaffen,  um 
in  tJbereinstimmung  mit  den  alljährlichen  Wandlungen  der 
Natur  zu  leben  und  zu  handeln. 

Schon  in  der  heiligen  Urzeit  war  diese  Pflicht  den  Kaisern 
auferlegt.    Im   Su   (Buch  g^  ^   Ju6'   Ming,   ID  lesen  wir: 

ja,  vernünftig  ist  der  Himmel;  ja,  die  Heiligen  (Herrscher)  machen  deshalb 
Weisungen  für  die  (Anpassung  an  die)  Zeiten;  ja,  die  Staatsdiener  fügen 
sich  gehorsamst  demselben;  o  ja,  und  das  Volk  befolgt  ihre  gute  Regierung. 
Somit  war  es  allezeit  den  Kaisern  heiliges  Gesetz,  der  Beamten- 
schaft   und    dem  Volk    Lebensregeln    zu    geben,    welche    dem 


304 

Kalender  angepaßt  sind  und  also  beide  befähigen^  sich  unent- 
wegt in  dem  Tao,  der  Bahn  des  Weltalls^  zu  bewegen^  und 
welche  andererseits  der  Weltordnung  ihre  unbeschränkte  Herr- 
schaft über  die  Menschheit  sichern. 

Kalender  von  jährlichen  Sitten  und  Bräuchen  haben  in 
China  in  sehr  früher  Zeit  bestanden;  freilich  erscheint  es  uns 
als  eine  Notwendigkeit^  daß  sie  als  ein  vom  Universismus  un- 
trennbarer Bestandteil  dagewesen  sein  müssen  solange  wie 
der  Universismus  selbst.  Das  älteste  Exemplar,  das  erhalten 
geblieben,  führt  den  Namen  W  yj>  J^  Hia  siao  Tsing,  kleiner 
Regulator  (der  Lebensweise)  von  der  H  i  a- Dynastie^  und  soll  somit 
aus  der  Zeit  stammen,  die  zwischen  dem  22.  und  19.  Jahrhundert 
V.  Chr.  liegt;  es  bildet  ein  Kapitel  in  dem  auf  S.  101  erwähnten 
Ta  Tai  Li  Ki.  Dieses  wegen  seines  unverkennbar  hohen 
Alters  äußerst  merkwürdige  Schriftstück  gibt  die  sjnodischen 
Monate  an  durch  Meldung  einiger  augenfälliger  Erscheinungen, 
welche  sie  kennzeichnen;  es  erwähnt  auch  den  Stand  gewisser 
Sterne,  nach  denen  sich  der  Mensch  beim  Ackerbau  und  bei 
der  Seidenzucht,  der  Verrichtung  von  Opfern  und  anderem 
mehr  richten  soll.  In  späteren  Zeiten  sind  erläuternde  Notizen 
interpoliert  worden,  die  mit  dem  Urtext  verschmolzen,  jedoch 
großenteils  noch  klar  zu  unterscheiden  sind;  beseitigt  man  diese, 
dann  bleibt  ein  Text  von  so  geringem  Umfang  übrig,  daß  sich 
in  ihm  nur  ein  Fragment  vermuten  läßt.  Daß  er  ein  Regierungs- 
dokument war,  geht  aus  der  Weisung  hervor,  die  sich  auf 
Jagden  bezieht,  welche  der  Fürst  im  11.  Monat  abhalten  soll. 
.  Von  gleichartigem  Charakter,  aber  sehr  viel  größerem 
Umfang,  ist  eine  Reihe  von  kalendrischen  Vorschriften,  die  aus 
dem  auf  S.  97  erwähnten  Jahresbuch  des  Lü  Pu'-wei  her- 
rühren. Gewiß  hat  dieser  Staatsmann  sie  nicht  lediglich  für 
seinen  Kaiser,  den  großen  Si  Huang,  erfunden,  sondern  sie 
nach  schon  vorhandenen  Mustern  zusammengesetzt,  denn  viele 
Weisungen  tragen   offenbar  den  Stempel   uralter  Herkunft  auf 


305 

<lcr  Stirn  und  sind  daher  für  das  Studium  der  ältesten  menscli- 
liclien  Kultur  ein  wichtiges  Material.  Unter  dem  Namen  H  ^ 
Juc^  Ling^  Weisungen  für  die  Monate,  haben  sie  unter  den  heiligen 
Büchern,  welche  das  Li  Ki  bilden,  einen  Platz  erhalten.  Ihr 
Inhalt  ist  also  durch  die  englische  Übersetzung  des  Li  Ki  von 
Legge  in  den  „Sacred  Books  of  the  East",  Bd.  27  und  28,  und 
durch  die  französische  von  Couvreur  allgemein  zugänglich  ge- 
macht worden. 

Nicht  immer  ist  der  Zusammenhang  dieser  Weisungen 
mit  den  Monaten,  für  Avelche  sie  geschrieben  sind,  ersichtlich. 
Im  Frühling  sollen  die  Grewänder,  Banner  und  Wagenpferde 
des  Sohnes  des  Himmels  blau  sein,  im  Sommer  rot,  weiß  im 
Herbst  und  schwarz  im  Winter,  also,  nach  dem  universistischen 
System  (s.  S.  235  f.),  den  jeweiligen  Jahreszeiten  entsprechend. 
Im  ersten  Monat  muß  der  Fürst,  umgeben  von  den  Großen  des 
Eeiches,  durch  den  Ritus  des  „persönlichen  Pflügens"  (S.  239) 
dem  ganzen  Volke  das  Vorbild  zur  Feldbestellung  geben  und 
darauf  für  die  richtige  Inangriffnahme  dieser  wichtigsten  An- 
gelegenheit der  Welt  Befehle  ergehen  lassen.  Weil  im  Frühling 
die  Lebensschöpfung  stattfindet,  so  ist  alsdann  das  Fällen  von 
Bäumen,  sowie  das  Vernichten  von  Vogelnestern  und  Eiern, 
sich  entwickelnden  Insekten  und  Säugetieren  völlig  unter- 
sagt. Es  dürfen  dann  keine  Waffen  gebraucht  werden,  weil  der 
Himmel  dafür  Strafe  herabsenden  würde;  auch  soll  man  keine 
Festungen  erbauen.  Mit  Strenge  wird  befohlen:    ^^  ^  ^ 

Himmels  nicht!  Unterbrecht  nicht  die  natürliche  Wirkung  des  Tao  der 
Erde!  Bringt  in  die  kalendrischen  Regeln  der  Menschheit  keine  Verwirrung! 

Im  zweiten  Monat,  also  in  der  Zeit  des  Keimens  und 
Werdens,  befiehlt  der  Fürst  seinem  Volke,  den  So,  den  Göttern 
des  Bodens,  Opfer  darzubringen  (vgl.  S.  223);  dann  soll  auch 
der  hohen  Schutzgottheit  der  Ehe  und  Kindergeburt  (^  |j| ) 
geopfert  werden,   und   der  Sohn   des  Himmels,  sowie  seine  Ge- 

De  Groot,  Universisraus.  ^^ 


306 

maWinnen^  sollen  sie  persönlich  besuchen.  Zum  Frühlings- 
äquinoX;  wenn  Jang  und  Jin  sich  die  Wage  halten^  sollen  die 
Längenmaße,  die  Wagen  mit  ihren  Steingewichten  und  die  In- 
haltsmaße nachgeprüft  und  richtiggestellt  werden.  Nichts  von 
Bedeutung  darf  unternommen  werden,  das  die  Arbeit  des  Land- 
mannes hemmen,  beeinträchtigen  oder  stören  könnte. 

Weil  im  dritten  Monat  der  Himmel  die  ganze  Fülle  seiner 
bereichernden  Kraft  entfaltet,  soll  der  Sohn  des  Himmels  als- 
dann seine  Speicher  öffnen  und  Getreide  unter  das  arme  Volk 
verteilen.  Auch  soll  er  aus  seinen  Schatzkammern  Seidenstoffe 
verschenken,  und  seine  Lehnsfürsten  sollen  den  ausgezeichneten 
Staatsdienern  gegenüber  ebenso  verfahren.  In  diesem  Monat 
setzen  die  südlichen  Passatwinde  und  die  Regenzeit  ein;  darum 
müssen  Kanäle  imd  Deiche,  Wege  und  Pfade  besehen  und  in 
guten  Zustand  versetzt  werden.  Jetzt  sind  auch  Vorbereitungen 
für  die  Seidenzucht  zu  treffen,  und  die  Gemahlin  des  Himmels- 
sohnes sammelt  persönlich  Maulbeerblätter  ein  (vgl.  S.  252). 
Endlich  sind  vom  Herrscher  gewisse  Riten  zu  verordnen,  deren 
Zweck  die  Fernhaltung  der  Seuchenteufel  ist. 

Der  vierte  Monat,  der  erste  des  freigebigen  Sommers,  ist 
für  den  Himmelssohn  die  natürliche  Zeit,  um,  nachdem  er  mit 
seinen  hohen  Ministern  den  Sommer  im  südlichen  Vorstadt- 
gelände feierlich  eingeholt  (^)  hat,  Belohnungen  auszuteilen^ 
Lehnsfürsten  Investitur,  tüchtigen  und  tugendhaften  Personen 
Amter  und  Ehrengrade  zu  verleihen.  Die  gedeihende  Kraft  der 
Erde  verrichtet  jetzt^  ihr  stilles  Werk  und  darf  dabei  nicht  ge- 
stört werden;  deshalb  soll  der  Mensch  keine  Gebäude  schleifen, 
nicht  den  Boden  rühren,  keine  Menschenmengen  auf  die  Beine 
bringen,  keine  größeren  Bäume  fällen.  Die  Pflanzenwelt  er- 
reicht den  Höhepunkt  ihrer  Entfaltung  und  ist  im  Vollbesitz 
der  Lebenskraft,  des  Sön,  welche  das  Weltall  ihr  zuerteilt;  es- 
ist  daher  jetzt  die  geeignete  Zeit,  um  Pflanzen  zur  Bereitung 
von   Arzneien   voller   Lebenskraft   einzusammeln   (vgl.  S.  124). 


307 

Der  fünfte  Monat  enthält  den  längsten  Tag,  wo  das  J  i  n 
sich  der  Überlegenheit  des  Jang  zu  entringen  beginnt  und  die 
vortrefflichen  unter  den  Menschen  diesen  Naturprozeß  durch 
Fasten  und  Enthaltsamkeit  fördern  sollen  (s.  S.  96).  Regen  ist 
in  diesem  Monat  den  Ackern  unentbehrlich;  somit  erläßt  der 
Fürst  den  Befehl,  daß  die  Beamten  den  Bergen  und  den  größeren 
und  kleineren  Flüssen  für  das  Volk  opfern  sollen,  während  er 
selbst  dem  Himmel  ein  großes  Regenopfer  darbringt.  Das  Ver- 
bot des  Baumfällens  und  der  Erdarbeiten  erstreckt  sich  bis  in 
den  sechsten  Monat  hinein.  Bis  dahin  darf  keine  Kriegsmacht 
aufgebracht,  noch  irgendein  großes  Unternehmen  in  Angriff 
genommen  werden,  da  sonst  der  Landwirtschaft  unentbehr- 
liche Arbeitskräfte  entzogen  werden  würden.  Dagegen  erlischt 
die  Macht  dieser  Verbote  im  nächsten  Monat,  dem  ersten  des 
Herbstes;  dann  werden  auf  Befehl  des  Sohnes  des  Himmels 
wehrfähige  Männer  zu  den  Waffen  gerufen  und  eingeübt  und 
der  Führung  der  tüchtigsten  anvertraut.  Da  nunmehr  das  Tao 
des  Weltalls  die  Zeit  des  Absterbens  herbeibringt,  geziemt  es 
auch  dem  Tao  des  Menschen  scharf  gegen  das  Verbrechertum 
aufzutreten,  die  Gefängnisse  und  Fesseln  neu  instand  zu  setzen, 
Justiz  zu  üben  und  Strafurteile  zu  vollstrecken.  Jetzt  bringt 
der  Landmann  die  Ernte  ein,  und  man  darf  wieder,  ohne  sich 
üblen  Folgen  auszusetzen,  die  Ruhe  der  Erde  stören,  also  Deiche 
und  Dämme  aufwerfen,  Gebäude  ausbessern,  Stadtmauern  und 
Gräben  wiederherstellen.  Verleihung  von  Lehnsgebieten,  Würden 
und  Geschenken  ist  jetzt,   der  Natur  entsprechend,  unzulässig. 

Im  mittleren  Herbstmonat  werden  Alte  und  Hinfällige, 
die  im  Herbst  des  Lebens  stehen,  mit  Lebensmitteln  ver- 
sorgt. Mit  strenger,  jedoch  makelloser  Gerechtigkeit  sind  jetzt 
Körperstrafen  auszuteilen  und  Todesurteile  zu  vollziehen.  Er- 
neut müssen,  des  Äquinoxes  wegen,  die  Maße,  Gewichte  und 
Wagen  nachgeprüft  werden.  Der  Bau  von  Festungen  und 
Städten,   die   Anlage   von  Wasserleitungen    und   die   Reparatur 

20* 


308 

der  Kornspeicher  sind  in  Angriff  zu  nehmen.  Im  darauffolgenden 
letzten  Monat  des  Herbstes  soll  jedermann,  hoch  und  niedrig, 
die  Ernte  aufspeichern,  und  zwar  im  Einklang  mit  dem  Himmel 
und  der  Erde,  die  nunmehr  selbst  ihre  Schätze  verbergen  und 
nicht  länger  unter  die  Menschen  verteilen.  Auch  der  Ertrag 
der  kaiserlichen  Pflugfelder  soll  in  den  Kornkammern,  der 
Götter  untergebracht  werden  (^^^  ^^^^Wß^,  vgl. 
S.  246).  Jetzt,  da  die  Jahreszeit  des  Todes  naht,  hält  der  Sohn 
des  Himmels  große  Jagden  ab,  um  sich  und  sein  Volk  in  dem 
Waffenhandwerk  zu  üben,  für  das  die  Natur  den  Winter  an- 
gewiesen hat. 

Der  zehnte  Monat  ist  die  Zeit  für  die  Ausbesserung  der 
Wälle  und  Gräben,  auch  um  an  Tore  und  Grenzsperren  Be- 
satzungen zu  legen  und  den  Schutzgöttern  des  Bodens  (den  S  e) 
und  der  Tore  Opfer  darzubringen.  Die  Kohorten  werden  in 
dem  Waffenhandwerk  unterrichtet  und  geübt.  Jetzt  sind  auch 
die  Weisungen  betreffend  die  Toten-  und  Trauergebräuche, 
Särge  und  Gräber  nachzuprüfen  und  zu  verbessern.  Dem 
universistischen  Schema  zufolge  entspricht  der  Winter  dem 
Elemente  Wasser  (vgl.  S.  120),  und  somit  sind  im  Mittelmonat 
dieser  Jahreszeit  auf  Befehl  des  Himmelssohnes  den  Göttern 
der  vier  Meere,  der  größten  Ströme  und  der  bedeutenden  Flüsse, 
Seen  und  Brunnen  Opfer  und  Gebete  darzubringen.  Wie  am 
längsten  Tage  des  Jahres  soll  der  weise  Mensch  am  kürzesten 
Tag  Enthaltsamkeit  üben  (vgl.  S.  97).  Im  letzten  Monat  des 
Winters  muß  der  Landmann  sich,  gleichwie  die  Natur,  in  der 
Stille  für  das  nahende  Frühjahr  vorbereiten,  den  Pflug  und 
das  übrige  Ackergerät  in  guten  Stand  setzen  und  auch  das 
Saatkorn  fertig  machen.  Inzwischen  befassen  sich  der  Sohn 
des  Himmels,  seine  Minister  und  Wesire  mit  der  Nachprüfung 
der  Reichsgesetze,  und  sie  beraten  sich  über  die  „Weisungen 
für  die  (Anpassung  an  die)  Zeiten"  (^  ^)  des  kommenden 
Jahres. 


309 

Somit  besteht  das  mit  der  Natur  übereinstimmende  Leben 
des  Menschen  aucli  darin,  daß  er  immer  gemäß  dem  Lauf  der 
Zeit  handelt^  durch  den  das  Tao,  das  große  Weltgesetz,  wirkt 
und  schafft.  Diese  menschliche  Übereinstimmung  mit  der  all- 
o-emeinen  Weltordnung  ist  Tugend  und  also  segenbringend; 
das  Entgegengesetzte  ist  Verbrechen  und  erzeugt  deshalb 
Unheil,  das  heißt,  es  veranlaßt  die  Natur  des  Weltalls,  die 
grundsätzlich  nur  gut  und  segenspendend  ist,  sich  selbst  zeit- 
weilig zu  ändern  und  nicht  gut  zu  sein.  Es  ergibt  sich  also, 
daß  die  Menschheit,  wenn  sie  gemäß  den  Zeiten  lebt  und  somit 
im  Tap  des  Weltalls  wandelt,  die  segensreiche  Wirkung  des 
Tao  steigert,  dasselbe  aber,  wenn  sie  sich  nicht  im  Tao  be- 
wegt, im  entgegengesetzten  Sinne  beeinflußt,  das  heißt,  es  aus 
seiner  gewöhnlichen  Bahn  drängt,  stört  oder  aus  den  Fugen 
bringt,  und  dadurch  seine  segenspendende  Kraft  in  Unheil 
umwandelt. 

Diese  stoischen  Begriffe  fallen  vollkommen  zusammen  mit 
dem  Lehrsatz  im  fünften  Anhang  (|^  ^|0  ^^^  Ji';  demzufolge 
es  im  Weltall  drei  wirkende  Kräfte,'  yj"  Ts'ai,  gibt,  nämlich 
das  Tao  des  Himmels,  das  Tao  der  Erde  und  das  Tao  der 
Menschen  (vgl.  S.  6).  Mit  scharfer  Betonung  spricht  das  Juß' 
Ling  selbst  sie  am  Schluß  der  WeisuiTgen  jedes  Monates,  also 
sogar  zwölfmal,  aus,  indem  es  predigt,  daß,  falls  der  Mensch 
seine  Handlungen  nicht  genau  dem  Jahrkreis  anpaßt,  die  Er- 
scheinungen der  Natur  zur  unrechten  Zeit  sich  einstellen,  und 
daß  somit  die  schrecklichsten  Unheile  die  Welt  heimsuchen. 
Beispielsweise  sei  hier  die  Warnung  am  Schluß  der  Weisungen 
für  den    ersten  Monat  wörtlich   wiedergegeben:    ;^  ^  tT  S 

^.  MiJ  ffi  ;!fc  ^  B#,m  ^  ^ m.  H  ^  ^ ?<S^o  ^  ^ 

Jf,  y\.     Werden    im    ersten    Monat    des    Frühlings    die  Weisungen    des 


310 

Sommers  befolg-t,  dann  wird  der  Regen  nicht  zu  geeigneten  Zeiten  fallen; 
es  werden  die  Pflanzen  und  Bäume  ihre  Blätter  zu  früh  abwerfen,  und  im 
Reich  wird  alsdann  Angst  und  Besorgnis  herrschen.  Sollte  man  sich  (in 
diesem  Monat)  nach  den  für  den  Herbst  bestimmten  Weisungen  richten, 
dann  wird  das  Volk  durch  weit  um  sich  her  greifende  Seuchen  heimgesucht 
werden;  dann  werden  überall  Stürme  wüten  und  Wolkenbrüche  nieder- 
gehen und  die  verschiedenen  Pflanzen  gleichzeitig  wachsen.  Befolgt  man 
die  Winterweisungen,  so  werden  die  Flüsse  das  Land  verheeren,  Schnee 
und  Frost  stark  herrschen;  dann  wird  von  der  ersten  Saat  keine  Ernte  ein- 
gebracht werden. 

Für  die  Befolgung  der  nicht  zutreffenden  Weisungen  in 
den  elf  anderen  Monaten  werden  die  folgenden  schweren  Un- 
heile der  Menschheit  angedroht:  Angriffe  von  Räubern  und 
Feinden ;  Vernichtung  der  Erde  durch  Kälte,  Hagel,  Dürre, 
Heuschrecken  oder  andere  Insekten;  Hungersnot;  epidemische 
Erkältungen,  Fieber,  Aussatz,  Fehlgeburten  und  Säuglings- 
sterblichkeit; Feuersbrunst;  Verfaulung  der  aufgespeicherten 
Ernte;  Volksabwanderung.  Die  Menschheit  vor  solchen  Un- 
heilen zu  wahren,  ist  natürlich  die  höchste  Aufgabe  des  Sohnes 
des  Himmels,  ihres  höchsten  Führers  im  Tao;  somit  ist  die 
Förderung  einer  kalendermäßigen  Regierung  und  eines  kalender- 
mäßigen Volkslebens  immer  seit  der  Han-Dynastie  durch 
Staatsmänner  als  kaiserliche  Pflicht  anerkannt.  In  Erlässen 
von  Gründern  von  Dynastien  und  anderen  Kaisern  ist  sie  häufig 
klar  geäußert.  Mehr  und  mehr  sind  sowohl  die  Staatsinstitutionen 
wie  die  vornehmen  Verrichtungen  im  religiösen,  sozialen  und 
häuslichen  Leben  des  Volkes  an  feste  Zeitpunkte  des  Jahres 
geknüpft  worden.  Bücher,  sogar  recht  umfangreiche,  sind  ent- 
standen, der  Menschheit  zur  Sicherung  ihrer  kalendrischen 
Lebensführung  als  Wegweiser  zu  dienen.  So  schrieb  im  zweiten 
vorchristlichen  Jahrhundert  der  kaiserliche  Prinz  Liu  Ngan 
seine  ^  ^jj.  Regeln  für  die  Jahreszeiten,  die  das  fünfte  Buch 
seines  Hung  Lig'  Kiai  bilden.  In  dem  P9  J!^  ^  H  Ü  § 
tS  ®  S  S  -  K '  U   t  S  '  U  a  n  -  S  U  t  S  U  n  g  -  M  U  '  t '  i  J  a  O,  das  Wichtigste 


311 

aus  dem  Kataloge  aller  Bücher  der  vier  Bibliotheken,  der  größten  Bi- 
bliographie der  Welt,  welche  1782  nach  etwa  zehnjähriger  Ar- 
beit einer  großen  Anzahl  Gelehrter  fertig  war,  ist  dem  Gegen- 
stand das  67.  ihrer  200  Kapitel  gewidmet  und  der  Titel  ^  ^, 
Weisungen  für  (Anpassung  an)  die  Zeiten,  beigelegt.  Es  wird  darin 
keine  besonders  große  Anzahl  Werke  dieser  Klasse  erwähnt, 
was  sich  wohl  auf  den  Umstand  zurückführen  läßt,  daß  für  die 
Anfertigung  einer  großen  Verschiedenheit  nie  Anlaß  vorlag, 
nachdem  die  Weisungen  ein  für  allemal  festgestellt  waren;  über- 
dies zersplitterte  sich  der  Stoff  von  selbst  in  vielerlei  Hand- 
bücher für  Ackerbau,  Heilkunde  (vgl.  S.  120),  Sitten  und 
Bräuche,  Daß  das  Juß'  Ling  und  daneben  in  anderen  heiligen 
Büchern  zerstreute  Angaben  die  Grundlage  für  alle  Werke 
dieser  Klasse  bilden,  ist  eine  Selbstverständlichkeit.  Das  vor- 
nehmste Werk  der  Ming-Zeit  war  das  J^  ^  Ä^  Juö'  Ling 
kuang  I,  Weitläufige  Erklärungen  der  Weisungen  für  die  Monate,  von 
}fM  f(^  ^  FungJing-king,  einem  hohen  Beamten,  der  1606 
oder  1607  starb  ;^  es  besteht  aus  24  Kapiteln  und  einer  aus- 
führlichen illustrierten  Einleitung.  Mit  großer  Mühe  gelang  es 
mir  1887,  ein  sehr  altes  Exemplar  aufzutreiben,  und  es  ist  jetzt 
wohl  gar  nicht  mehr  zu  bekommen.  Kaiser  Sing  Tsu,  der 
„das  Tao  der  Menschheit  gehorsamst  hochhielt  und  somit  die 
Zeiten  für  die  Menschheit  ehrerbietig  gab"  (^  ^  ^  ^^ 
^  IS*  A.  8$)'  ^^^^  dieses  Werk  um-  und  ausarbeiten,  und  so 
entstand  das  ^ -^  ^  ^  Jue'  Ling  tsi'  Jao,  die  sämtlichen 
Wichtigkeiten  der  Weisungen  für  die  Monate,  das  im  54.  Jahre  seiner 
Regierung  (1715)  festgesetzt  (^)  wurde  — eine  durch  kaiserhchen 
Willen  geschaffene  moderne  Bibel  für  das  Tao  des  Menschen, 
mit  Grundlagen,  welche  in  der  heihgen  Urzeit  gelegt  sind. 

Im  riesenhaften   T'u    §u  Tsi'-tsMng   (s.  S.  68)    ist  die 
Literatur  über  diesen  Gegenstand  in  systematischer  Anordnung 

1  Seine  Biographie  befindet  sich  in  Kap.  237  des   ^  ^   Ming  Si. 


zusammengebracht  im  zweiten  der  32  großen  Hauptabschnitte 
(ÄL  Tien)^  der  den  Titel  ^.^0]^  Beschäftigungen  während  des 
Jahrkreises,  führt  und  aus  nicht  weniger  als  116  umfangreichen 
Kapiteln  besteht.  Daß  sie  da  gerade  das  zweite  Tien  bildet^ 
unmittelbar  nach  dem  über  ^^  ^  oder  Himmelskunde,  kenn- 
zeichnet die  hohe  Bedeutung  dieser  universistischen  Staats- 
angelegenheit wohl  aufs  schlagendste.  Es  erübrigt  sich  wohl, 
hier  noch  hinzuzufügen,  daß  diese  116  Kapitel  die  reichste  Fund- 
grube für  die  Kenntnis  der  Institutionen,  Sitten  und  Bräuche 
der  Chmesen  bieten,  welche  man  sich  nur  wünschen  kann. 

Soll  die  kaiserliche  Regierung  die  Menschheit  veranlassen, 
ja  sogar  zwingen,  ihre  Lebensführung  pünktlich  dem  Lauf  der 
Zeit  anzupassen,  dann  ergibt  sich,  daß  sie  sie  mit  einem  Ka- 
lender zu  versehen  hat,  weil  der  Mensch  selbst  es  nicht  vermag, 
den  Lauf  der  Zeit  richtig  wahrzunehmen.  Eine  zweite  Vor- 
bedingung dabei  ist,  daß  dieser  Kalender  den  Erfordernissen 
der  allerhöchsten  Genauigkeit  entspricht,  damit  er  nicht,  anstatt 
den  Menschen  mit  fester  Hand  in  dem  Tao,  der  Bahn  des 
Weltalls,  zu  geleiten,  ihn  im  Gegenteil  davon  ablenke  und  somit 
die  furchtbaren  Störungen  hervorrufe,  vor  denen  das  Jug'  Ling 
so  energisch  warnt. 

Die  Folgerung  liegt  also  nahe,  daß,  solange  das  univer- 
sistische  System  in  China  geherrscht  hat,  es  dort  wirklich  mit 
äußerster  Sorgfalt  angefertigte  fürstliche  Kalender  gegeben  hat, 
und  daß  bis  auf  diesen  Tag  die  kaiserliche  Regierung  den  Ka- 
lender macht.  Der  Titel  dieses  unentbehrlichen  Führers  für  das 
Tao  der  Menschheit  lautet  ^  ^  Sfe  Si  Hiön  S  u,  Buch  der 
Weisungen  für  die  Zeiten;  er  ist  der  auf  S.  303  wiedergegebenen 
heiligen  Vorschrift  des  §u  entlehnt,  wonach  der  Herrscher 
solche  ^t  ^*  Si  Hien,  Weisungen  für  die  (Anpassung  an  die)  Zeiten, 
machen  soll,  und  bringt  somit  zum  Ausdruck,  daß  dieser  Ka- 
lender  die  Lebensführung  der  Menschheit   an   bestimmte   Zeit- 


313 

punkte  festknüpft.  Sein  Hauptzweck  ist  in  der  Tat  das  An- 
weisen von  Tagen,  welche  für  bestimmte  Handlungen  geeignet 
oder  ungeeignet  sind.  Somit  sichert  die  Befolgung  seiner  Wei- 
sungen Glück  und  Segen  und  wahrt  gegen  Unheil  aller  Art; 
der  Kalender  ist  also  ein  magisches  Werkzeug,  ohne  welches 
dem  Volk  und  Kaiser  Verfall  und  Untergang  beschieden  wären. 
Natürlich  muß  er  sich  genau  richten  nach  den  zwei  vornehmsten 
Reglern  der  Zeit,  Sonne  und  Mond.  Dementsprechend  verteilt  er 
das  Sonnenjahr  in  24  'f^  ^  Tsie'  KM,  Odem  der  Jahresabschnitte, 
von  gleicher  Länge,  und  daneben  in  ^  JuÖ*,  Monde,  also  in 
^lonate,  die  alle  mit  Neumond  beginnen,  und  zwischen  welche 
gelegentlich  ein  Schaltmonat  (P§^)  eingefügt  wird,  damit 
die  Übereinstimmung  des  Mondjahres  mit  dem  Sonnenjahre 
gewahrt  bleibt,  Chinas  kaiserlicher  Kalender  ist  ein  Muster 
der  Genauigkeit  und  ist  es  unter  dem  Bann  des  Universismus 
wohl  immer  seit  dem  fernen  Altertum  gewesen.  Wäre  das  Ge- 
genteil der  Fall,  so  würde  das  Tao  der  Menschheit  sich  von 
dem  des  Weltalls  lösen;  die  menschlichen  Beziehungen  zu 
den  Göttern  (Ssn)  und  bösen  Geistern  (Kwei)  von  Jang  und 
Jin,  aus  denen  das  Tao  der  Welt  zusammengesetzt  ist,  würden 
sich  verwirren  und  zerrütten;  dann  ginge  der  Schutz  der 
Götter  den  Menschen  verloren,  und  die  bösen  Geister  ■  würden 
frei  w^alten  und  Verderben  bringen. 

Die  heilige  Schrift  lehrt,  daß  bereits  Jao,  der  große 
Gründer  des  Tao  der  Menschheit,  die  Herausgabe  eines  Staats- 
kalenders angeordnet  habe.  In  dem  von  ihm  handelnden  ersten 
Buch  des  Su  steht  geschrieben:  TJf^^^^^^^^ 

^  -if  &  W  T  Fft  ^  ls&  tSü.  Er  befahl  sodann  Hi  und  Ho 
zwecks  genauer  Übereinstimmung  mit  dem  leuchtenden  Himmel  (die  Bahnen 
von)  Sonne  und  Mond,  Sternen  und  Planeten  durch  Berechnung  darzustellen 
und  in  Ehrfurcht  die  Zeiten  für  die  Menschheit  zu  geben  .  .  .    Der  Kaiser 


314 

sprach:  O,  ihr  Hi  und  Ho,  ein  Jahrkreis  hat  dreihundert  und  sechsmal 
zehn  und  sechs  Tage;  stellt  mit  Hilfe  eines  Schaltmonates  die  vier  Jahres- 
zeiten fest  und  bestimmt  völlig  den  Jahrkreis;  regelt  dadurch  das  hundert- 
fältige Werk  (der  Verwaltung)  bis  ins  kleinste,  so  werden  die  Handlungen 
der  Gesamtheit  gesegnet  sein. 

Sö-ma  Ts*iöns  Vater,  ^  i||  ^  Se-ma  T*aü,  der 
unter  dem  Kaiser  ^  Wu  der  H an- Dynastie  selbst  die  An- 
fertigung des  Kalenders  und  zugleich  die  der  Geschichts- 
annalen  zu  besorgen  hatte,  sagt  es  uns  unverhohlen,  daß  Jao 
durch  diese  kalendrische  Regelung  der  Handlungen  seiner 
Staatsdiener  und  seines  Volkes  einen  günstigen  Einfluß  auf  das 
T  a  0  der  Welt  auszuüben  bezweckte :  —  ein  Beweis  für  die 
Zauberkraft  der  taoistischen  Heiligkeit  des  Kaisertums.  Er 
schrieb  nämlich  (Si  Ki,  Kap.  26,  Bl.  3):  ^  jjl  ^  ^  J^  1^  ^ 

JK.  "5^*  '^^'^  errichtete  das  Amt  der  Hi  und  Ho,  damit  nach  ihren  kor- 
rekten Berechnungen  zur  klaren  Bestimmung  der  Zeitabschnitte  das  J  i  n 
und  das  J  a  n  g  harmonisch  zusammenwirken  sollen,  auf  daß  dadurch 
Wind  und  Regen  in  den  rechten  Zeitabschnitten  eintreffen,  altso  Wetter- 
verhältnisse eintreten,  die  ein  üppiges  Wachstum  herbeiführen,  und  weder 
Hungerplagen  noch  Seuchen  unter  dem  Volk  vorkommen. 

Im  Zeitalter  der  Tsou-Dynastie  (1122 — 255  v.  Chr.)  war 
die  Herstellung  des  Kalenders  gewissen  -^  ^  t  a  §  i,  hohen 
Schriftstellern,  anvertraut,  über  die  wir  im  TsouKuan  (Kap.  26) 
folgendes  lesen:   iE  B  ^  B  ^  ^om  Z  "f  t  1^  M 

^  §R  ^  "ö"  5^  "P  ^  H-  ®^®  bestimmen  pünktlich  das  Sonnen- 
jahr (^^)  und  das  Mondjahr  (um),  um  dadurch  die  Beschäftigungen  in 
der  richtigen  Ordnung  zu  halten.  Sie  lassen  diese  ihre  Bestimmungen  den 
Amtsgebäuden  und  den  Hauptstädten  der  prinzlichen  Domänen  zugehen; 
auch  stellen  sie  ihre  Weisungen  über  die  ersten  Tage  der  Monate  (ihr  Ka- 
lendarium)  den  Lehnsreichen  zu.  Bemerkenswert  ist  die  Tatsache, 
daß  das  Tsou  Kuan  neben  diesen  ta-Si  auch  noch  /J>  g^ 
siao  Si,  Unterschriftsteller,   erwähnt,    denen    die  Verfassung    der 

^  H  ^  ^^    Historien  der  Reiche,    anvertraut    war,    und    über- 


315 

dies  auch  noch  ^^  ^  Wai  §i,  Schriftsteller  für  das  Auswärtige, 
denen  die  ^  yjf  J^  ^,  Geschiehtschreibung  der  Länder  der  vier 
Himmelsgegenden,  oblag.  Auch  aus  anderen  heih'gen  Büchern, 
zeigt  sich,  daß  die  Si  staatHche  Chronisten  waren,  und  be- 
kanntlich führten  auch  Se-ma  T'an  und  Sß-ma  Ts*iCn  den 
Amtstitel  ^  ^  t'ai  Si,  höchster  öi.  Also  waren  in  den  alten 
Zeiten  Zeitrechnung  und  Geschichtschreibung  zu  einem  ein- 
zigen Amt  vereint,  und  somit  ist  eine  Erklärung  gegeben  von 
der  bewundernswerten  chronologischen  Genauigkeit  der  chi- 
nesischen Geschichte,  die  seitdem  nie  aufgehört  hat:  auch  sie 
ist  eine  Frucht  des  Universismus,  der  stets  eine  völlig  fehler- 
freie Zeitrechnung  gebieterisch  erheischte. 

Aus  dem  Tsou  Kuan  geht  hervor,  daß  die  Si  an  der 
Spitze  eines  Amtes  standen;  freilich  erforderte  die  Aufstellung 
des  Kalenders  umfangreiche  Himmelswahrnehmimgen  und  Be- 
rechnungen. Das  Amt  hatte  sich  auch  mit  der  Wahrnehmung 
und  Deutung  von  außergewöhnlichen  Erscheinungen  zu  be- 
fassen, sowie  mit  Astrologie  und  weiterer  mystischer  Wissen- 
schaft. Unmittelbar  nach  den  siao  Si  erwähnt  das  Tsou 
Kuan  nämlich:  ^,l|  ffi  ^,  ^  +  ^  -  0.  +  ^  ^  .9  . 

+  ?^  ZI  Jg , -h  0 ,  -  +  ^  A  M  ^  fö .  ^  Ä  # 

^  i5i  ^^  5^  fö^*  Zuverlässige  Observatoren,  die  sich  mit  dem  zwölf- 
fachen Jahr,  den  zwölf  Monaten,  den  zwölf  Ts'ön,  den  zehn  Tagen  und 
dem  Stand  der  28  (Haupt)sternbilder  beschäftigen  und  auch  die  Handlungen 
der  Menschen  bestimmen,  welche  diese  Sternbilder  regeln,  damit  jene  mit 
dem  Stand  des  Himmels  übereinstimmen.  Dieses  zwölffache  Jahr 
kann  nur  auf  das  T'ai  Sui,  das  „größte  Jahr",  den  Kreislauf 
des  Jupiter  hindeuten,  dessen  Kolle  als  Zeitgott  bis  auf  diesen 
Tag  wir  auf  S.  280f.  erwähnten.  Mit  den  12  Ts'en  und  den 
10  Tagen  sind  ohne  Zweifel  die  12  Ki  und  10  Kan  ge- 
meint (s.  S.  320),  welche  alle  Zeiten  hindurch  zur  Bezeichnung 
der  Jahre,  Monate,  Tage  und  Stunden  angewandt  worden  sind. 
Und  der  Schlußsatz  unterrichtet  uns  über  die  damalige  Staats- 


316 

astrologie^  welche  das  menschliche  Tun  nach  dem  Stand  der 
Gestirne  regelte. 

Dieses  alte  Amt  für  Zeitrechnung  und  Himmelsbeob- 
achtung hat  immer  als  ein  höchst  wichtiges  Staatinstitut  fort- 
bestanden. Während  der  zwei  letzten  Kaiserhäuser  hat  es  den 
Titel  ^^^  KMn  T'iön  Kiön  geführt,  der  Amt  für  die 
gehorsame  Übereinstimmung  mit  dem  Himmel  bedeutet,  da  er  sicherlich 
eine  Abkürzung  von  ^^.^  ^  ^  darstellt,  also  von  dem 
Passus  im  heiligen  Su  hergeleitet  ist,  wonach  die  heiligen 
Herrscher  „eine  gehorsame  Übereinstimmung  der  Menschheit 
mit  dem  Himmel"  zu  erzielen  verpflichtet  sind  (s.  S.  303).  Die 
Obliegenheiten  dieses  Amtes  umschreibt  die  neueste  Ausgabe 
des  Ta  Ts'ing  hui  Tien  vom  Jahre  1899  in  folgenden 
Worten:    ^  M  ^  ^  ^  Z  ^  ^  m  \§,  ^  ^^  B  ^ 

Amo}im.m^mmm^mz^^^mz- 

Es  besorgt  die  Ausführung  der  Regierungsverordnungen  betreffs  der  Be- 
rechnung des  Laufes  des  Himmels  mittels  tiefgründiger  Wahrnehmungen, 
zur  Förderung  der  Übereinstimmung  mit  den  himmlischen  Zeitteilen,  und 
um  dadurch  die  Zeitteile  für  das  menschliche  Leben  anzugeben.  Es  be- 
schäftigt sich  mit  allem,  was  die  Beobachtung  der  Bilder  am  Himmel,  die 
Deutung  der  Zeichen,  das  Wählen  (geeigneter  Zeitpunkte)  und  das  Wahr- 
nehmen vo^i  geeigneten  Stunden  betrifft. 

Die  zwei  Hauptabteilungen  des  K '  i  n  T '  i  6  n  K  i  e  n  sind 
das  ^  ^  Jßl  Si  Hien  K'o,  die  Abteilung  der  Weisungen  für 
die  Zeiten^  und  das  ^  ^  J^  T'^ienWÖn  K'^O,  die  Abteilung 
für  die  Zeichnungen  am  Himmel,  also  für  Astronomie  und  Astro- 
logie. Dem  erstgenannten  ist,  wie  aus  dem  Namen  hervorgeht, 
die  jährliche  Anfertigung  des  Kalenders,  des  ,,Buches  der  Wei- 
sungen für  die  Zeiten"  (s.  S.  303),  auferlegt.  Es  hat  an  der 
Spitze  zwei  mantschurische  und  zwei  mongolische  5E  g  jE? 
Direktoren  der  fünf  Gewalten  oder  Mächte,   und  als  Aveitere  Mitglieder 

einen   5^  1^  iE,  S  W  iE,    4»  1^  iE,   I«:  *&  iE   »"d   ^ 

B    TP?   ^^^0   fünf  Direktoren  für  die  Gewalt  des  Frühlings,  des  Sommers, 


317 

der  Mitte,  des  Herbstes  und  des  Winters^  die  ausnahmslos  Chinesen 
sind.  Danach  folgen  ein  chinesischer  5.  *&  3  ^,  Verwalter 
der  Schriftstücke  über  die  fünf  Gewalten,  23  chinesische,  mantschu- 
rische  und  mongolische  -[^  -j[^,  Gelehrte,  und  63  chinesische, 
mantschurlsche  und  mongolische  ^  ^  ^,  Astronomen.  Auch 
das  „Wählen  geeigneter  Zeitpunkte"  (jg  ;j^)  und  das  „Wahr- 
nehmen geeigneter  Stunden"  (^  fl^),  namenthch  für  die  Staats- 
opfer, kaiserlichen  Audienzen,  Eheschließungen  und  Toten- 
bräuche in  der  kaiserlichen  Familie,  liegt  dieser  Abteilung  ob, 
ebenso  die  Deutung  der  Vorzeichen,  über  die  wir  im  folgenden 
Kapitel  ausführen  werden.  Sie  läßt  somit  einen  zweiten  Kalender 
erscheinen,  der  dazu  bestimmt  ist,  die  Hauptgrundlage  für  das 
Wahrsagewesen  im  Reiche  zu  sein  und  diesen  Titel  führt:  U^ 
i^^  W^W  Ts'i'  Töing  Si  Hiön  Su,  Buch  der  Weisungen 
für  die  Zeiten  nach  den  sieben  Regierern,  d.  h.  Sonne,  Mond  und  den 
fünf  Planeten. 

Die  Herausgabe  des  Kalenders  war  nicht  allein  immer 
jedes  Kaisers  Pflicht,  sondern  auch  sein  Sonderrecht.  Der  ab- 
solute Gehorsam,  den  der  Mensch  dem  Tao  des  Himmels 
leisten  muß,  gibt  sich  durch  strikte  Befolgung  der  Weisungen 
des  Kalenders  kund  und  bedeutet  somit  absolute  Unterwerfung- 
unter  die  Führung  des  Verfassers  dieses  Buches,  des  Sohnes  und 
Statthalters  des  Himmels  auf  der  Erde;  diesem  war  wiederum 
der  Kalender  das  Werkzeug,  mittels  dessen  er  diese  Unter- 
werfung unter  seine  universelle  Gewalt  aufrechterhielt.  Den- 
selben Zweck  erfüllte  dieses  Buch  in  den  Lehnsstaaten;  daselbst 
wäre  also  eine  Weigerung,  den  Kalender  entgegenzunehmen 
und  seine  Weisungen  zu  befolgen,  gleichbedeutend  gewesen  mit 
offener  Rebellion  gegen  den  Himmel  und  seinen  Sohn.  Ver- 
mutlich war  es  in  vergangenen  Jahrhunderten  steter  Brauch 
und  Regel,  den  Reichen,  welche  Chinas  Oberhoheit  aner- 
kannten, von  reichswegen  den  kaiserlichen  Kalender  zuzustellen. 
Während  der  Herrschaft   der  M in g- Dynastie   wurde   er,   den 


318 

« 

Reichsstatuten  gemäß;  an  Tschampa,  Liu-kiu  und  andere  Reiche 
gesandt;  und  sicherlich  war  es  nicht  nur  um  chinesischer  Ko- 
lonisten willen,  daß  das  Haus  der  Mantschu  seinen  Staatsalma- 
nach  den  Bedürfnissen  von  Korea,  Annam  und  Liu-kiu  anpassen 
ließ  durch  Einschaltung  von  Tafeln  der  für  jene  Länder  gültigen 
Zeitpunkte  vom  Auf-  und  Untergang  der  Sonne  und  des  Be- 
ginnes der  24  Sonnenjahresabschnitte. 

Die  Reichsstatuten  schreiben  vor,  daß  das  K'in  T'^iSn 
Kien  jedes  Jahr  eine  Ausgabe  des  Kalenders  in  Chinesisch, 
Mantschurisch  und  Mongolisch  anfertigen  soll.  Schon  am  ersten 
Tage  des  zweiten  Monates  des  ablaufenden  Jahres  bietet  das 
Amt  dem  Kaiser  ein  geschriebenes  Exemplar  des  neuen  Kalenders 
an,  worauf  dieser  den  Befehl  zum  Drucken  erteilt.  Daraufhin 
schickt  das  Amt  am  ersten  Tag  des  vierten  Monates  durch  die 
Militärpost  chinesische  Exemplare  an  den  Gouverneur  von 
Sun-t*^ien  und  an  die  Gouverneurleutnants  ('flJ  iß^ 'fiP)  der 
achtzehn  Provinzen.  Diese  lassen  es  zum  Zwecke  der  Weiter- 
verteilung an  die  Beamtenschaft  in  neuen  Auflagen  abdrucken, 
die  von  der  Originalausgabe  nur  in  Format  und  Druck  ab- 
weichen dürfen  und  einzelne  jeweils  überflüssige  Teile,  wie  die 
für  andere  Provinzen  gültigen  Sonnenaufgangs-  und  -unter- 
gangstabellen,  wegzulassen  pflegen. 

Wie  aus  den  herangezogenen  Vorschriften  des  S  u  und  des 
Tsou  Kuan  hinsichtlich  des  Kalenders  zu  lesen  ist,  soll  dieses 
kaiserliche  Buch  auch  die  Zwecke  der  Chronomantik  erfüllen, 
d.  h.  es  soll  angeben,  welche  Zeitteile,  in  erster  Linie  also 
welche  Tage,  auf  bestimmte  Handlungen  des  menschlich-en 
Lebens  segnend  einwirken  und  dafür  unbedingt  auserwählt 
werden  sollen.  Es  erfüllt  diese  Pflicht  besonders  eingehend  und 
ist  also  auf  dem  Lebensweg  des  Menschen  der  Kompaß,  der 
es  ermöglicht,  nach  dem  großen  Gesetz  zu  leben,  daß  dieser 
Lebensweg  mit  dem  Weg  oder  T  a  o  der  Weltordnung,  dem  Lauf 
der  Zeit,    übereinstimmen    soll.  Weil   nun  jede  andere  Lebens- 


319 

führung  nur  Unglück  und  Verderben  bringen  kann,  so  «ind  die 
cbronomantischen  Weisungen  des  Kalenders  von  einem  Wert, 
den  man  gar  nicht  hoch  genug  einzuschätzen  vermag:  sie 
machen  tatsächlich  das  magische  universistische  Buch  zum 
Grundpfeiler  des  Wohlergehens  und  der  Existenz  von  Regierung 
und  Volk.  Da  werden  Tage  und  Stunden  angegeben,  die  geeignet 
(*S)  ^^^^^  ^^  ^^^^^  ^^^  schließen  und  verheiratete  Töchter  in 
die  Wohnung  des  Gatten  überzuführen;  für  Wohnungsumzüge; 
um  Haus-,  Tempel-  oder  SchifFsreparaturen  in  Angriff  zu  nehmen, 
oder  einen  Neubau  dadurch  zu  beginnen,  daß  man  den  ersten 
Holzpfeiler  errichtet  (^  i^),  oder  den  Firstbalken  auf  einem 
Gerüste  an  die  Stelle  bringt,  die  er  endgültig  einnehmen  soll 
(Jt  ^)-  ^^  kaiserlichen  Almanach  findet  man  die  günstigen 
Tage  und  Stunden,  um  Erdarbeiten  zu  unternehmen,  ohne  daß 
man  sich  um  die  Störung  der  gefährlichen  Erdgeister  (-f-  f|j), 
vgl.  S.  13)  zu  kümmern  braucht;  geeignete  Tage,  um  Bäume 
zu  fällen,  die  Wohnung  zu  kehren,  auf  dem  Webstuhl  die 
Kette  einzusetzen,  Brodierwerk  anzufangen,  einen  Anzug  zuzu- 
schneiden; um  auszusäen  und  einzuernten;  um  zum  ersten  Male 
in  die  Schule  zu  gehen  (  A  ffi);  um  zu  jagen,.Vieh  zu  weiden, 
sich  zu  baden  oder  sich  den  Kopf  rasieren  zu  lassen;  um 
Handelsgeschäfte  und  Läden  zu  eröffnen  (p^  T|i)?  Greld  in 
Empfang  zu  nehmen  (^K|  K'),  Güter  auszutauschen,  schriftliche 
Vereinbarungen  zu  treffen,  Zusammenkünfte  mit  Freunden  und 
Verwandten  zu  haben,  eine  Reise  anzutreten,  der  Behörde  Ge- 
suche einzureichen,  Tote  beizusetzen.  Kranke  zu  heilen  (^^)j 
Opfer  darzubringen,  und  so  fort.  Auch  sind  Tage  angewiesen, 
welche  für  gewisse  Dinge  ungeeignet  (^  ^)  sind.  Keinem 
vernünftigen  Menschen  wird  es  einfallen,  eine  nicht  alltägliche 
Angelegenheit  des  Lebens  am  ungeeigneten  Tage  zu  ver- 
richten, es  sei  denn,  daß  er  sich  imstande  glaubt,  durch 
schlaue  Kunstgriffe  von  geradezu  kindischer  Art  die  üblen 
Folgen    eines    solchen   Verstoßes    gegen   das    Tao    von     sich 


320 

auf  irgendwelche  Tiere,  wie  Wanzen,  Schwaben,  Mäuse,  ab- 
zuwenden. ^ 

Die  chronomantische  Rolle  des  Staatskalenders  beruht 
auf  dem  uns  bekannten  universistischen  Grundprinzip,  daß  das 
Weltganze  ein  lebender  Organismus  ist,  dessen  schöpferischer 
Gang  oder  Tao,  der  Zeitlauf,  alljährliches  Werk  der  unzähligen 
S6n  oder  Gottheiten  ist,  die, seine  Seele,  welche  Jang  heißt, 
bilden.  Die  verschiedenen  Unterteile  der  Zeit:  das  T'ai  Sui 
oder  Größte  Jahr,  das  Sonnenjahr,  die  Jahreszeiten,  Monate  und 
Tage,  sogar  die  Stunden,  sind  somit  nichts  anderes  als  Wir- 
kungen der  Sgn,  sogar  diese  Sön  selbst;  doch  haben  wir 
auf  S.  280ff.  gesehen,  daß  das  Größte  Jahr,  das  Jahr,  die  Jahres- 
zeiten und  die  Monate  im  Tempel  des  Größten  Jahres  als 
Staatsgötter  verehrt  werden. 

Diese  aus  der  Göttlichkeit  des  Tao  von  selbst  erfolgende 
Vergöttlichung  der  Zeitabschnitte  ist  in  der  Wirklichkeit  eine 
Vergöttlichung  der  Namen,  mit  denen  die  Zeitabschnitte  be- 
zeichnet werden.  Wie  vorher  schon  erwähnt  wurde,  (s.S. 233) 
benennt  man  in  China  seit  der  Tsou-Dynastie,  und  wahr- 
scheinlich bereits  viel  länger,  die  Jahre,  Monate,  Tage  und 
Stunden  mit  zwei  sich  ewig  und  unveränderlich  wiederholenden 
Reihen  von  Schriftzeichen,  welche  die  zehn  -p*  Kan  und  die 
zwölf  "^  Ki  heißen  und  zusammen  einen  Zyklus  von  sechzig 
Doppelzeichen  bilden,  so  daß  jeder  der  genannten  Zeitteile 
solch   ein  Doppelzeichen  als  Namen  trägt: 

Diese  Zeichen  bilden  also  das  Geschick  der  menschlichen 
Welt,  wie  es  das  Tao,  der  Gang  der  Weltordnung  und  der 
Zeit,  bestimmt.  Nun  ist  die  Chronomantik  in  Wirklichkeit  nur 
eine  Art  von  Kabbalistik,  deren  Hauptfaktoren  diese  göttlichen 


^  Näheres  hierüber    in  The  Relig-ious  System  of  China,  Bd.  I,  S.  99  f. 


321 

Zykkiszeichen  sind.  Sie  entlelineii  ihren  glückverheißenden  Wert 
direkt  dem  T'ai  Sui,  dem  Kreislauf  des  Jupiter,  der,  wie 
.schon  auf  S.  281  gesagt,  ihnen  die  T*i6n  Te'  oder  Segnungen 
des  Himmels  zuerteilt.  Es  treten  aber  noch  Manipulationen  mit 
Zahlen  hinzu,  denen  auf  Grund  dogmatischer  Zeugnisse  der 
lieiligen  Schriften  besondere  Bedeutung  innewohnt;  so  steht 
z.  B.  im  Anhang  Hi   Ts'g  (I)   des  Ji'  geschrieben:    ^  — • 

Dem  Himmel  entsprechen  die  Zahlen  1,  3,  6,  7,  9,  der  Erde  die  Zahlen 
2,  4,  C),  8,  10.  Sonach  g'ibt  es  5  himmlische  und  5  irdische  Zahlen;  jede 
Reihe  von  5  wirkt  auf  die  andere,  und  jede  Reihe  hat  eine  Gesamtsumme, 
welche  für  die  himmlischen  Zahlen  25,  für  die  irdischen  30  beträgt,  und 
für  die  beiden  Reihen  55  ist.  Diese  Zahlen  sind  es,  womit  (das  Weltall)  die 
Wandlungen  (s.  S.  8)  zustande  bringt  und  die  Kwei  und  die  Sön 
wirken  läßt. 

Wie  sich  urkundlich  nachweisen  läßt,  wurden  bereits  in 
der  vorchristlichen  Zeit  die  Kan  und  die  Ki  auch  zur  Be- 
zeichnung der  Himmelsgegenden  gebraucht.  Damit  war  ihre 
Verbindung  mit  allen  übrigen  Faktoren  des  Universismus,  die 
wir  in  der  Übersichtstafel  auf  S.  120  zusammengestellt  haben, 
für  alle  Zeit  gegeben,  und  es  ließ  sich  eine  Wissenschaft  auf- 
bauen, die  den  Namen  ||&  H^?  Kunstrechnen,  trägt  und  eine 
Unmasse  von  Büchern  erzeugt  hat.  Durch  diese  Kombinationen 
hat  sie  sich  auch  mit  der  Astrologie  vollständig  verwoben;  sie 
hat  auch  die  Mantik,  die  x4rt  zur  Erkenntnis  und  Deutung  der 
Vorzeichen  und  der  Wirkungen  der  Natur,  auf  die  wir  in  den 
zwei  folgenden  Kapiteln  zu  sprechen  kommen,  in  ihren  Bann- 
kreis gezogen.  Die  Chronomantik  des  Staatskalenders  ist  die 
vollkommenste  und  wertvollste  Frucht  dieser  „Kunstberechnung", 
ihre  feinste  Essenz.    Uns  kann  sie  nur  wie  eine  Karikatur  einer 

De  Groot,  Universismus.  21 


322 

Wissenschaft  erscheinen,  wie  ein  Produkt  zaUreicher  weiser 
Hirne,  die  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte  in  sie  versenkten, 
und  deren  Aussprüche,  wie  unverständüch  oder  undeutbar  auch 
immer,  als  Wahrheiten  des  Vorahnentums  bewußt  kritiklos 
hingenommen  wurden.  Vor  allen  Dingen  aber  entlehnt  die 
Chronomantik  des  Staatskalenders  Kraft  und  Geltung  aus  der 
einfachen  Tatsache,  daß  sie  der  heihgen  und  göttlichen  Weisheit 
des  Sohnes  des  Himmels  entsprießt,  welche,  weil  ihr  der  Himmel 
die  Führung  der  Menschheit  anvertraut,  so  unfehlbar  ist  wie 
der  Himmel  selbst.  Demgegenüber  schAvieg  immer  jede  andere 
Erwägung,  und  wie  könnte  es  dem  nicht  in  unserem  Denken 
und  Wissen  geschulten  Chinesenvolk  je  einfallen,  in  dieser  After- 
wissenschaft etwas  Albernes  oder  Absurdes  zu  erblicken! 

Sind  wir  imstande,  uns  hier  einigermaßen  auf  den  chi- 
nesischen Standpunkt  zu  stellen,  dann  kann  es  nur  als  eine 
Selbstverständlichkeit  erscheinen,  daß  die  alljährliche  Heraus- 
gabe des  Staatsalmanachs  in  sehr  feierHcher  Weise  stattfindet, 
nach  einem  Ritual,  das  in  den  Statuten  des  Reiches  streng  um- 
schrieben ist.  Am  ersten  des  zehnten  Monates  versammeln  sich 
beim  ersten  Morgengrauen  die  Beamten  des  K'^in  T*^ien  Kien 
in  der  großen  Halle  dieser  Behörde,  unter  Führung  seiner  zwei 
Direktoren  (^  jj).  Alle  tragen  Hofgewänder.  Die  für  den 
Kaiser,  die  Kaiserin  und  die  übrigen  Gemahlinnen  bestimmten 
Kalenderexemplare  legen  sie  respektvoll  in  einen  „Drachen- 
pavillon" (s.  S.  166)  und  machen  davor  einen  Kniefall  mit  drei 
Stirnaufschlägen,  zur  Ehrung  des  heiligen  Buches.  Sodann 
werden  die  für  die  Prinzen  und  die  höchsten  Würdenträger  der 
Ministerien  und  Amter  bestimmten  Exemplare  in  acht  bunte 
Pavillons  (^  ^^)  getragen  und  in  der  gleichen  Weise  verehrt; 
zuletzt  legt  man  eine  große  Anzahl,  die  für  die  Behörden  der 
Acht  Banner  und  die  übrige  Beamtenschaft  bestimmt  sind,  auf 
achtzig  in  den  Seitengebäuden  (Wu)  der  Halle  bereitstehende 
rote  Tische  nieder.    Träger,  welche  den  kaiserlichen  Equipagen 


323 

angehören  (^  j^  j^),  befördern  nun  in  langem  Zuge  und  mit 
peinlicher  Innehaltung  der  den  Rangstufen  der  einzelnen  Emp- 
fänger entsprechenden  Reihenfolge,  die  Pavillons  zum  Palast, 
wobei  ein  Pavillon  vorangetragen  wird,  in  dem  man  zu  Ehren 
der  Kalender  Weihrauch  brennen  läßt.  An  der  Spitze  des  Zuges 
gehen  Träger  von  Prunkwaffen,  Musikanten  und  Sänger  und 
das  gesamte  Beamtenpersonal  des  K'inT*i6nKi6n,  während 
die  Direktoren  und  Unterdirektoren  (^  g|J)  den  Zug  schließen. 
Unterwegs  wird  mit  Musikbegleitung  eine  diesbezügliche  Kan- 
tate aus  28  Schriftzeichen  gesungen. 

Wenn  diese  Prozession  durch  das  südöstliche  Tor  des 
Palastes  (^  -g  ^  P^)  gezogen  ist  und  das  Südtor  (Wu  Mön) 
des  mittleren  Palastvierecks  erreicht  hat,  werden  auf  zwei 
gelbe  Tische,  die  dort  östlich  und  westlich  vom  mittleren  Ein- 
gang aufgestellt  sind,  die  Kalender  niedergelegt,  welche  für 
den  Kaiser  und  die  Gemahlinnen  bestimmt  sind;  desgleichen 
auf  acht  rote  Tische  beiderseits  des  Torweges  die  den  Prinzen 
und  Ministern  zugedachten  Exemplare.  Sodann  nehmen  die 
Direktoren  die  Kalender  von  den  gelben  Tischen  weg  und 
tragen  sie  nach  zwei  anderen  gelben  Tischen  hin,  die  weiter 
nach  dem  Palastinnern  zu  am  "^  ^fP  T'ai  Ho- Tor  aufgestellt 
sind.  Dort  vollziehen  sie  den  dreimaligen  Fußfall  und  neun- 
fachen Stirnaufschlag,  worauf  Beamte  der  kaiserlichen  Haus- 
verwaltung (  pj  ^  jfS)  die  Kalender  bis  zum  ^  *^  K '  i  e  n 
Ts'ing-Tor,  dem  Haupttor  des  eigentlichen  Palastinnern,  und 
zur  Pforte  des  Harems  tragen,  wo  die  Eunuchen  sie  entgegen- 
nehmen   und    dem  Kaiser  und  den   Gemahlinnen    überbringen. 

Durch  dieses  ^  |^  h i  e n  &o\  ehrerbietige  Darbietung  der 
Oalendae,  gelangt  der  Kaiser  in  den  Besitz  je  eines  in  chi- 
nesischer und  mantschurischer  Sprache  abgefaßten  und  für 
sein  erhabenes  Auge  ausschließlich  bestimmten  handschriftlichen 
Almanachs;  dabei  empfängt  er  noch  drei  gedruckte  Exemplare 
in  mantschurischer,   chinesischer  und  mongolischer  Schrift,  und 

21* 


324 

ein  mantschurisches  und  chinesisches  Exemplar  des  Planeten- 
kalenders. Jedes  ist  in  gelbe  Seide  gebunden  und  mit  goldenen 
Inschriften  verziert.  Die  Kaiserin  empfängt  den  Almanach  in 
den  drei^  den  Planetenkalender  in  zwei  Sprachen,  die  übrigen 
Gemahlinnen  erhalten  je  ein  chinesisches  und  mantschurisches 
Exemplar. 

Die  für  die  Prinzen  und  Minister  bestimmten  Exemplare 
in  Chinesisch  und  Mantschurisch  blieben  inzwischen  vor  dem 
Südtor  auf  den  acht  Tischen  liegen.  Dort  sammelten  sich  schon 
beim  Tagesgrauen  diese  hohen  Personen  in  HofgeAvändern, 
und  solange  noch  Korea  die  Oberhoheit  Chinas  anerkannte, 
führten  Beamte  des  Ministeriums  der  Li  den  Gesandten  dieses 
Landes  in  seiner  nationalen  Hoftracht  herbei.  Zwei  Herolde 
(f|^  ^)  des  Amtes  für  das  Hofzeremoniell  (p^  ^jj  ^),  von 
je  einem  Zensor  für  die  Kontrolle  der  Zeremonien  (^^  Ä 
f^P  §&)  ^^^^  einem  Beamten  des  Ministeriums  der  Li  begleitet, 
stellen  sich  beiderseits  des  Torweges  auf  und  fordern  mit  lauter 
Stimme  die  Anwesenden  auf,  sich  nach  der  Rangordnung  auf- 
zustellen (^  5fiE)-  Beamte  desselben  Amtes  führen  dann  die 
Prinzen  auf  ihre  Plätze  auf  dem  Torweg  und  die  Minister  auf 
die  ihrigen  beiderseits  desselben,  und  alle  wenden  sich  nach 
Norden  zum  inneren  Palast.  Auf  weiteren  Befehl  der  Herolde 
schreiten  alle  vorwärts,  werfen  sich  auf  die  Knie  und  hören, 
von  Ehrfurcht  erfüllt,  eine  mit  lauter  Stimme  vorgelesene 
kaiserliche  Verordnung  (^Ij)  an,  welche  lautet:  ^  ^  ^  ^ 

'S  ^  ^O"  ^  '^  ^  i^  ^~T^'  Das  Buch  der  Weisungen  für  die 
Zeiteii  des  Jahres  Soundso  wird  der  gesamten  Beamtenschaft  zuerteilt  zur 
weiteren  Verkündigung  in  der  Welt,  die  unter  dem  Himmel  liegt.  Alle 
bezeugen  nun  auf  Befehl  der  Herolde  durch  drei  Fußfälle  und 
neun  Stirnaufschläge  dem  Kaiser  und  seiner  Verordnung  Unter- 
würfigkeit, Dank  und  Ehrung. 

Beamte  des  K*in  T'ien  Kien  nehmen  nun  die  Kalender 
von  den  Tischen  und  händigen  sie  den  nähertretenden  Prinzen 


325 

und  Großen  aus,  unter  genauester  Beobachtung  ihrer  Rang- 
ordnung, und  ein  jeder  nimmt  sein  Exemplar  kniend  in  Emp- 
fang, die  Hände  in  Augenhöhe  emporgehoben.  Der  Koreanische 
Gesandte  mußte,  bevor  das  Exemplar  ihm  ausgehändigt  wurde, 
i^peziell  nochmals  drei  Fußfälle  und  neun  Stirnaufschläge  aus- 
führen; dann  sollte  er  zu  seinem  König  hinreisen  und  dieser 
dort  nach  dem  Zeremoniell  seines  Landes  ehrerbietig,  in  Hof- 
gewand, den  Kalender  aus  seinen  Händen  empfangen. 

Der  geschilderte  Vorgang  heißt  offiziell  ^  ^  sou  Öo*, 
das  Empfangen  der  Calendae.  Er  zeigt  deutlich  und  klar  die  Tat- 
sache, daß  die  Magnaten,  Vasallen  und  höchsten  Würdenträger 
des  Reiches  eigentlich  das  Kalendarium  vom  Kaiser  selbst  am 
Tore  seines  Palastes  in  Empfang  nehmen.  Wir  haben  gesehen 
(S.  322),  daß  am  selben  Morgen  im  K'in  TMßn  Kißn  die 
Kalender  für  die  übrige  Beamtenschaft  Pekings  auf  achtzig 
Tischen  ausgelegt  wurden.  Diese  verfügt  sich  nunmehr  dorthin 
und  nimmt  sie  unter  Befolgung  des  oben  beschriebenen  Zere- 
moniells ehrfurchtsvoll  in  Empfang. 

Gleichzeitig  vollzieht  sich  der  „Empfang  der  Calendae" 
auch  in  sämtlichen  achtzehn  Provinzialhauptstädten  des  Reiches, 
wo,  wie  gesagt  (S.  318),  durch  die  Behörde  Abdrucke  der  dazu 
von  Peking  übersandten  Originale  angefertigt  wurden.  Eine 
Anzahl  Exemplare  wird  beim  Morgengrauen  in  „Drachen- 
pavillons" und  unter  Musikbegleitung  vom  Jam6n  des  Gouvcr- 
neurleutnants  nach  dem  des  General -Gouverneurs  (^  ^) 
getragen,  oder,  falls  die  Stadt  nicht  der  Sitz  eines  solchen 
höchsten  Provinzial Würdenträgers  ist,  nach  dem  des  Gou- 
verneurs (^  :jfc).  Dort  werden  sie  auf  Tische  niedergelegt, 
an  deren  nach  Peking  gewandten  Seiten  eine  Zeichnung  der 
Palasttore  an  einem  Wandschirm  aufgehängt  ist.  Bald  sind  alle 
Reichsdiener  dort  in  Hofgewändern  beisammen  und  auf  Befehl 
eines  Zeremonienmeisters  genau  in  der  Rangordnung  in  zwei 
Gruppen   aufgestellt,    die  Zivilbeamten   mit   dem   General -Gou- 


326 

verneur  oder  dem  Gouverneur  auf  der  östlichen,  die  Militär- 
beamten auf  der  westlichen  Seite.  Wie  ein  Mann  vollführen 
sie,  den  Kalendern  und  der  Zeichnung  zugewandt^  drei  Knie- 
fälle und  neun  Stirnaufschläge;  dann  nimmt  jeder  das  ihm 
ausgehändigte  Exemplar  ehrerbietig  in  Empfang  und  geht 
seinen  Weg.  Nunmehr  versendet  der  Gouverneurleutnant  eine 
Anzahl  Exemplare  an  jeden  Tao-tai  der  Provinz,  der  sie 
wiederum  der  Behörde  der  Bezirke  und  Kreise  seines  Amts- 
gebietes zugehen  läßt,  zur  Verteilung  in  derselben  Weise,  wie 
es  in  der  Hauptstadt  der  Provinz  stattfand,  und  zwar  unmittelbar 
nach  dem  Empfang.  In  ähnlicher  Weise  gehen  vom  Gouver- 
neurleutnant den  militärischen  Kommandostellen  der  Provinz 
Exemplare  zu,  zur  Weiterversendung  an  die  Befehlshaber  der 
verschiedenen  Garnisonen. 

Die  zeremonielle  Herausgabe  des  Almanachs  trägt  amtlich 
denselben  Namen  ^  |^  pa^n  So',  Verteilung  der  Calendae,  den 
ihr  d^s  Tsou  Kuan  in  dem  Satz,  den  wir  auf  S.  314  übersetzten, 
beilegt.  Es  kann  wohl  kein  Zweifel  darüber  bestehen,  daß  sie 
immer  in  ähnlicher  Weise,  wie  oben  beschrieben,  stattgefunden 
hat.  Von  den  unteren  Stufen  der  Beamtenschaft  erreicht  der 
Kalender  schließlich  das  eigentliche  Volk,  obzwar,  wie  wir  so- 
gleich sehen  werden,  zumeist  in  umgearbeiteter  Form.  Die  offi- 
zielle Ausgabe  ist  in  der  Tat  nur  selten  in  den  Händen  der 
Bevölkerung  zu  sehen. 

Daß  es  dem  Volke  unter  schwerer  Strafe  verboten  ist, 
sich  Eingriffe  in  das  kaiserliche  Sonderrecht  zur  Anfertigung 
und  Veröffentlichung  des  Staatskalenders  zu  erlauben,  versteht 
sich  von  selbst.  Das  ^  J^  ^ '^J  ^a  Ts*^ing  Lü^  Li,  die 
Strafgesetze  und  darauf  bezügliche  Weisungen  der  Großen  Ts'ing- Dynastie, 

bestimmt  im  4.  Titel  des  32.  Kapitels:   jlH  ig;  ^  ^  P^  f P 


327 

JE  "1"  PI^-  ^'"  jeder,  der  ein  von  einer  Behörde  mit  Siegelabdruck  be- 
t^daubigtes  Stück  oder  das  Buch  der  Weisungen  für  die  Zeiten  nachmacht, 
wird,  wenn  er  der  Hauptschuldige  ist  und  die  Druckplatten  graviert  hat, 
enthauptet,  und  jeder  seiner  Komplizen  wird  einen  Grad  leichter  bestraft, 
also  mit  hundert  Stockschlägen  und  lebenslänglicher  Verbannung  in  eine 
3,000  L  i  weit  gelegene  Gegend.  Derjenige,  der  imstande  war,  die  Sache  an- 
zugeben oder  die  Schuldigen  zu  verhaften,  wird  von  der  Behörde  mit  fünfzig 
Tael  Silber  belohnt.  Ein  ähnlicher  Artikel  befand  sich  im  gleich- 
namigen Gesetzbuch  der  M in g- Dynastie. 

Dieser  gestrenge  Gesetzartikel  ist  keineswegs  bestrebt, 
die  Herstellung  privater  Kalender  zu  verhindern.  Nachdem  die 
Herausgabe  des  Keichskalenders  stattgefunden  hat,  kann  es 
dem  Staat  nur  genehm  sein,  wenn  er  unter  dem  Volke,  sei 
es  auch  in  veränderter  äußerer  Form,  möglichst  weite  Ver- 
breitung findet;  wirkhch  werden  dann  Nachdrucke  in  allerhand 
Format  und  Gestalt  allenthalben  verkauft,  zumeist  nur  einzelne 
Blätter,  die  ^^  <^  gj  ,  Zeichnungen  des  Frühlingsrindes,  heißen, 
weil  sie  die  Abbildung  eines  Landmannes  mit  einem  Pflug- 
ochsen tragen.  Die  Privatkalender  in  Buchform  sind  häufig 
inhaltsreicher  als  die  Staatskalender.  Sie  enthalten  nämHch, 
neben  den  Angaben  für  die  Chronomantik,  noch  allerhand,  w^as 
der  chronologischen  Krankengenesung  (s.  S.  120  f.),  der  Geo- 
mantik,  der  Astrologie  usw.  dienlich  ist,  und  sie  gewähren 
somit  einen  tiefen  Blick  in  das,  was  wir  Volksaberglauben,  die 
Chinesen  aber  sorgfältig  verwertete  Weisheit  der  Vorfahren 
nennen.  Für  zahlreiche  Berufswahrsager  sind  also  die  Volks- 
almanache  unentbehrliche  Handbücher,  in  erster  Linie  für  die 
•}$  0  Biß?  Meister,  welche  Tage  auswählen,  auch  kurzweg  Q  jjjf, 
Tagemeister^  genannt.  Sie  rechnen  sich  zu  den  Gelehrten  und 
kommen  überall  in  so  großer  Anzahl  vor,  daß  ihr  Beruf  gewiß 
gut  bezahlt  sein  muß.  Sie  sind  mehr  als  reine  Almanachlescr. 
Allerhand  vernünftige  Kombinationen  der  universistischen  Fak- 
toren sollen  sie  leisten,  welche  der  x\lmanach  unmöglich  ent- 
halten   kann,    und    die    über    den  Verstand    des   Durchschnitts- 


328 

menschen  gehen.  Es  Hegt  nämhch  der  Chronomantik  das  Prin- 
zip zugrunde^  daß  die  Kan  und  die  Ki  (s.  S.  320),  welche 
das  Jahr,  den  Mond,  den  Tag  und  die  Stunde  der  Geburt  eines 
jeden  Menschen  bezeichnen,  also  seine  sogenannten  ^  :^^ 
acht  Schriftzeichen,  sein  Glück  ein  für  allemal  bestimmen,  somit 
tatsächlich  sein  Lebensschicksal  darstellen,  und  daß  es  folglich 
für  ihn  immer  unratsam,  wenn. nicht  höchst  gefährlich  ist,  etwas 
Besonderes  in  einem  Zeitteil  zu  unternehmen,  der  von  Kan 
und  Ki  bezeichnet  wird,  welche  mit  den  „acht  Schrift- 
zeichen" im  Gegensatz  stehen..  Hier  wird  also  vorausgesetzt, 
daß  von  den  Kan  und  den  K  i  die  einen  einander  entsprechen 
('^),  die  anderen  einander  widerstreben  {^)  oder  befeinden 
(j^),  so  daß  die  mit  ihnen  verquickten  „himmlischen  Eigen- 
schaften oder  Tugenden"  (s.  S.  281)  einander  entweder  stützen 
und  stärken  oder  schwächen  und  sogar  zunichte  machen.  Die 
Zeitteile  mit  den  menschlichen  Geburtshoroskopen  auf  ver- 
nünftige Weise  übereinstimmen  (f||)  zu  lassen,  ist  die  Haupt- 
aufgabe der  „Tagemeister".  Die  uralte  Anwendung  der  Kan 
und  Ki  zur  Bezeichnung  der  Himmelsgegenden  (vgl.  S.  321) 
erlaubt  es,  sie  in  einem  Zirkelkreis  zu  schreiben,  der  das  Weltall 
vorstellt,  und  mithin  ihre  vollständige  oder  teilweise  Konjunktion 
und  Opposition  leichter  zu  überblicken.  Es  können  auch  die 
übrigen  universistischen  Faktoren  in  ihrem  richtigen  Zusammen- 
hang, den  die  Tafel  auf  S.  120  klarstellt,  in  konzentrischen 
Kreisen  daneben  geschrieben,  oder  in  besonderen  Kreisen  da- 
neben gelegt  und  somit  ihre  Einflüsse  auf  die  Kan  und  Ki 
berechnet  werden.  In  derselben  Weise  läßt  sich  ein  Kreis  mit 
den  28  vornehmsten  Sternbildern  (S  i  u)  hinzufügen,  und  noch 
einer  mit  zwölf  Tiernamen,  die  seit  etwa  2000  Jahren  in  fest- 
stehender Reihenfolge  den  Jahren,  Monaten,  Tagen  und  Stunden 
entsprachen,  nämlich :  Ratte,  Rind,  Tiger,  Hase,  Drache,  Schlange, 
Pferd,  Ziege,  Affe,  Hahn,  Hund  und  Schwein.  Damit  ist  die 
universistische  Kreisfigur,    mit  Zauberzeichen  voll  besetzt,    den 


329 

Chronomanten,  welche  damit  zu  operieren  die  natürliche  Be- 
gabung besitzen,  ein  unentbehrliches  Werkzeug  neben  dem  Al- 
manach.  Sie  hat  außerdem  die  vortreffliche  Eigenschaft,  fUr 
dauernde  Ausdehnung  geeignet  zu  sein,  denn  ebenso  wie  im 
Urall  ist  in  der  Figur,  welche  es  abbildet,  Raum  für  alles. 

So  tritt  die  Chronomantik,  der  das-  Merkmal  der  Sinn- 
losigkeit auf  die  Stirn  geschrieben  ist,  vor  uns  auf  als  eine 
asiatische  Wissenschaft  der  höchsten  Ordnung,  die  den  höchsten 
menschlichen  Zweck  zu  erfüllen  sucht,  in  Übereinstimmung  mit 
der  Weltordnung  zu  leben.  Daß  sie,  immer  blühend,  wachsend 
und  gedeihend,  Jahrhunderten  hat  Trotz  bieten  können  und, 
unter  Führung  der  hohen  Staatsregierung,  den  Geist  eines  so 
großen  Teiles  der  Menschheit  vollständig  im  Bann  gehalten  hat. 
läßt  sich  nur  aus  der  totalen  Abwesenheit  richtiger  Kenntnisse 
des  Weltalls  und  seiner  Gesetze  erklären.  Den  Chinesen  war 
sie  immer  eine  heilige  Wissenschaft,  aus  dem  Urall  selbst  ge- 
boren, durch  die  Weisheit  des  Ahnentums  zum  Heil  der  Menschen- 
welt erbaut,  durch  alle  heiligen  Himmelssöhne  mit  der  höchsten 
Sorgfalt  gepflegt.  So  heilig  wie  diese  Wissenschaft  ist,  so  heilig 
ist  ihr  Bibelchen,  der  Staatskalender.  Dieser  ist  das  mächtige 
Werkzeug,  mittels  dessen  das  Tao  der  Welt  seine  durch  die 
Sen  verwalteten  Einflüsse  auf  das  menschliche  Geschlecht  ein- 
wirken läßt,  und  folglich  auch  eine  unwiderstehliche  Vertei- 
digungswaö*e  gegen  die  Kwei,  die  Geister  des  Übels.  Unter 
den  exorzistischen  Instrumenten  steht  er  neben  den  heiligen 
Büchern  (vgl.  S.  108)  obenan.  In  keiner  Wohnung  darf  eine 
„Zeichnung  des  Frühlingsrindes"  als  Wandkalender  fehlen,  oder 
das  Titel-  oder  ein  anderes  Blatt  eines  Almanachs  in  Miniatur- 
format, das  in  Papier-  und  Bücherläden  käuflich  ist  und  nach 
dem  pars-pro-toto-Grundsatz  als  vollwertiges  Abwehrmittel  seine 
Wirkung  übt.  Man  pflegt  dieses  Zaubermittel  in  Betten,  Spinden 
und  an  andere  versteckte  Orte  zu  legen  oder  in  der  Kleidung 
zu   tragen.    Bei    keiner   Braut,    die  von   ihrem  Vaterhause    zur 


330 

Wohnung  des  Bräutigams  übergeführt  wircl^  darf  das  Kalender- 
blättchen fehlen,  neben  den  vielen  anderen  Mitteln  zur  Abwehr 
von  Unheil  und  Heranziehung  von  Glück,  mit  denen  ihre  Tasche 
angefüllt  ist.  Alte  Kalender  sind  als  teufelaustreibende  Medizin 
bald  verbraucht;  so  wird  z.  B.  bei  Fieberanfällen^  die  aus  Be- 
sessenheit entstehen,  ihre  Asche  geschluckt.  Damit  diese  Asche 
recht  wirksam  sei,  müssen  die  Kalender  möglichst  um  die 
Mittagsstunde  des  längsten  Tages  verbrannt  worden  sein,  wenn 
sich  die  Kraft  des  Jang  auf  ihrem  Höhepunkt  befindet.  Übrigens 
wird  die  exorzistische  Kraft  des  Kalenders  auch  einfach  aus 
der  Tatsache  erklärt,  daß  er  vom  Kaiser  stammt,  der  der  un- 
beschränkte Herrscher  über  die  Götter-  und  Dämonenwelt  ist 
(vgl.  S.  79).' 


Zwölftes  Kapitel. 


Mantik  des  Universums. 

Im  vorigen  Kapitel  (S.  309 f.)  hat  uns  das  heilige  Buch 
Jue'  Ling  über  die  uralte  Auffassung  unterrichtet,  daß  im 
Weltall  die  Menschheit  die  dritte  große  Macht  {'A')  neben  dem 
Himmel  und  der  Erde  ist,  und  daß  sie  deswegen  durch  ver- 
kehrtes Benehmen,  welches  der  Ordnung  des  Weltalls  zuwider- 
läuft, darin  Störung  zuwege  bringt,  die  Unheil  zur  Folge  hat. 
Diese  Lehre  hat  von  altersher  die  Fürsten  veranlaßt,  den  Lauf 
der  Welt  mit  scharfer  Aufmerksamkeit  zu  verfolgen,  um  etwaige 
außerordentliche  Erscheinungen  wahrzunehmen,  die  auf  Stö- 
rungen in  demselben  hinwiesen  und  somit  nur  warnende  An- 
zeichen dafür  sein  könnten,  daß  im  Tao  der  Menschheit 
irgend  etwas  in  Unordnung  geraten  ist  und  somit  im  Tao  der 
Welt  etwas  aus  den  Fugen  gebracht  hat.  Dieser  Störung 
wäre  dann  ohne  Verzug  durch  Beseitigung  der  Ursache  ab- 
zuhelfen und  so  die  aus  ihr  drohende  Gefahr  abzuwenden. 
Fehler  im  menschlichen  Tao  entstehen  aber  aus  Fehlern  in 
der  kaiserlichen  Regierung,  welche  in  der  Urzeit  dieses  Tao 
schuf  und  es  seitdem  im  Auftrag  des  Himmels  wahrte  und  er- 
hielt. Folglich  waren  Maßregeln  zur  Beseitigung  von  Störungen 
im    Tao    immer  Maßregeln  zur  Verbesserung   der   Regierung. 

Die  Wahrnehmung  von  außergewöhnlichen,  als  Ab- 
weichungen von  dem  natürlichen  Lauf  der  Welt  betracliteten 
Erscheinungen    und    ihre  Deutung  zur  Wahrung  des  Tao  der 


o 


332 

Menschheit  durch  Wahrung  einer  makellosen  Regierung  ist  ein 
uraltes  Staatsinstitut,  so  heilig  wie  der  Universismus  selbst^  aus 
dem  es  hervorgewachsen  ist.  Es  ist  sogar  zweifach  heilig,  weil 
der  Himmel  selbst  den  heiligen  Kaisern  der  Urzeit,  die  er  mit 
der  Stiftung  des  Tao  der  Menschheit  beauftragte,  die  Gründung 
direkt  verordnete.  Eines  der  Bücher  des  §u,  das  'j^  ^  Hung 
Fan,  das  sich  über  alles  ausdehnende  Gesetz,  erklärt  nachdrücklich, 
daß  der  Himmel  selbst  dieses  dem  großen  Jü  als  Anleitung  zur 
Organisation  der  Regierung  gnädiglich  schenkte;  damit  war  es 
für  alle  Zeiten  zu  einem  der  heiligsten  Grundsteine  des  chi- 
nesischen Staatswesens  gestempelt  In  dieser  Schrift  wird  unter 
den  wichtigen  Aufgaben  der  Regierung  ^^  ^  jft  |^,  kontem- 
plative Nutzanwendung  der  sämtlichen  Andeutungen,  erwähnt,  mit  dieser 

Erklärung:  jjft^i^ßj^gBjg^g^g^g^ 

h(j      .  J^  ^BBE     M  •    Die  sämtlichen  Andeutungen  äußern  sich  in  Regen, 

Sonnenschein,  Hitze,  Kälte,  Wind  und  den  Jahreszeiten.  Kommen  die  fünf 
Andeutungen  in  •  der  richtigen  Weise  und  jede  in  ihrer  Ordnung,  dann 
gibt  es  ein  üppiges  Gedeihen  der  Pflanzen;  sollte  aber  eine  in  Übermaße 
kommen  oder  gänzlich  ausbleiben,  dann  bricht  Unheil  herein.  Gewiß  ge- 
ben uns  diese  Zeilen  keine  alberne  Weisheit  zu  lesen,  sondern 
vielmehr  eine  scharfe  Drohung,  damit  die  Regierung  die  ,,kon- 
templative  Nutzanwendung"  der  Erscheinungen,  wenn  sie  auf 
Unregelmäßigkeiten  im  Gange  der  Natur  hindeuten,  nicht  leicht 
nehme. 

Daß  die  Regierung  sich  in  der  Tat  schon  in  der  T§ou- 
Zeit  die  Sache  sehr  ernstlich  angelegen  sein  ließ,  lehrt  uns  das 
Tsou  Kuan.  Da  werden  uns,  unmittelbar  nach  den  Obser- 
vatoren,  die  wir  auf  S.  315  besprochen  haben,  gewisse  ^  ^ 
J^  vorgeführt,  Personen,  welche  die  Zeichen  (am  Himmel)  wahren, 
und  zwar  in  diesen  Worten: 

J^SS^^^^S^^Ä^l^-^'^  beschäftigen  sich  mit  den 


333 

Sternen  am  Firmament,  um  die  Veränderungen  und  Bewegungen  der  Stern« 
und  Sternbilder,  der  Sonne  und  des  Mondes  aufzuzeichnen/auch  um  dadurch 
die  Abweichungen  (vom  Tao),  welche  auf  dieser  Erde  (unter  den  Menschen) 
stattfinden,  zu  erblicken,  und  um  das  Glück  oder  Unglück,  welche  sie 
hervorbringen  könnten,  zu  bestimmen.  Gewiß  haben  wir  unter  diesen 
„Veränderimgen"  (m)  und  „Bewegungen"  (g()  der  Sterne, 
der  Sonne  und  des  Mondes  hauptsächlich  Scheingestalten  der 
Planeten,  Kometen-  und  Meteorerscheinungen  und  Finsternisse 
zu  verstehen. 

M  ^  i^  SS  ^  Ü^-  Mittels  (des  Systems)  der  Beherrschung  des  Erd- 
bodens durch  die  Sterne  bestimmen  sie  das  Schicksal  der  Gebiete  der  neun 
Provinzen.  Die  als  Lehnsgebiete  verliehenen  Lande  haben  alle  ihre  Sterne, 
unter  die  sie  verteilt  sind,  und  aus  denen  ihr  Unheil  und  ihr  Glück  zu 
erlesen  sind. 

mir^=imzmm.^Tzmm  i'«-» 

Wahrnehmungen  des  zwölfjährigen  Kreises  (des  Jupiter)  observieren  sie 
das   Unglück  oder  Glück  der  ganzen  Erde. 

ms.mz!^mtm^¥ms:%zmm- 

Aus  den  fünf  Gestaltungen  (Färbungen?)  der  Wolken  bestimmen  sie  Glück 
und  Unglück,  Regenfall  und  Dürre,  sowie  Einflüsse  und  Zeichen,  welche 
üppiges  Wachstum  oder  Mißernte  herabsenden. 

m-^^^M.m^i^zia:^^mz^m- 

Aus  den  zwölf  Winden  untersuchen  sie  die  Harmonie  zwischen  Himmel 
und  Erde  und  geben  Weisungen  hinsichtlich  des  Unheils  oder  Heils, 
welche  die  Mangelhaftigkeit   oder  der  Bruch   dieser  Harmonie  hervorrufen. 

)iitS.m^mm^^.m^m      Darchdies« 

fünf  Sachen  wird  Dekretierung  von  errettenden  Regierungsmaßregeln  ver- 
anlaßt, welche  die  Berichtigung  der  Dinge  erzielen. 

Also  muß  bereits  ein  paar  Jahrtausende  vor  unserer  Zeit- 
rechnung die  Beobachtung  und  Deutung  von  außergewöhnlichen 
Naturerscheinungen  ein  festes  Staatsinstitut  gewesen  sein,  dessen 
Zweck  es  war,  in  „kontemplativer  Weise"  die  gefährlichen 
„Veränderungen"  oder  Abweichungen  vom  Naturlauf  mittels 
vernünftig     erdachter     Kegierungsmaßregeln     zu     berichtigen. 


334 

Diese  magische  Kunst  oder  Wissenschaft  des  Altertums  ist  den 
Nachfahren  nicht  durch  Bücher  überliefert;  nur  karge  Mit- 
teilungen, in  den  alten  Schriften  zerstreut,  liefern  den  unan- 
fechtbaren Beweis  ihres  Bestehens.  Wie  jede  Kunst  und  jede 
Wissenschaft,  war  das  Vermögen  zur  Erkenntnis  und  Deutung 
der  Vorzeichen  Sache  der  natürlichen  Begabung,  der  Kontem- 
plation, des  Menschen;  sie  beruhte  also  auf  der  Göttlichkeit 
der  Seele,  die  ihm  innewohnt.  Folglich  konnten  nur  Gelehrte 
diese  Mantik  pflegen,  die  einzigen  Wesen,  die  sich  durch  Stu- 
dium die  Weisheit  und  Tugend  ( ^  H  i  g  n)  zu  eigen  machten, 
aus  Avelcher  Göttlichkeit  oder  Heiligkeit  entsteht.  Weil  die 
Weisheit  der  Ahnen  nie  verloren  gehen  darf,  wurde  auch  die 
Prognose  des  Weltalls  und  seiner  Erscheinungen  von  Geschlecht 
zu  Geschlecht  als  eine  heilige  Kunst  und  Wissenschaft  vom 
Staate  gepflegt,  genährt  und  entwickelt  durch  eine  metho- 
dische, nie  unterbrochene  Aufzeichnung  der  Wahrnehmungen, 
wie  es  das  Tsou  Kuan  vorschrieb,  so  daß  eine  Überlieferung 
geschaffen  wurde,  durch  die  sich  die  Bedeutung  jeder  außer- 
ordentlichen Erscheinung  aus  mehrhundertjähriger  Erfahrung 
feststellen  ließ. 

Schon  während,  der  H  an -Dynastie,  welche  das  Staats- 
wesen Chinas  für  alle  Zeit  gründete,  bildete  die  Deutung  der 
Sterne  und  der  außerordentlichen  Naturerscheinungen  ein  Haupt- 
institut des  Staates.  Den  Beweis  dafür  liefern  uns  die  umfang-, 
inhalts-  und  lehrreichen  Bücher  26  und  27  der  Ts'ien  Han 
Su,  welche  die  Titel  ^^  ~y^  ^^,  Denkschriften  über  die  Zeichnungen 
am  Himmel^  und  -^  4~X  /vf\7  Denkschriften  über  die  fünf  Elemente, 
tragen;  es  wurden  nämlich  die  Naturerscheinungen  gruppiert 
nach  den  fünf  Elementen  des  Universums:  Wasser,  Feuer,  Holz, 
Metall  und  Erde,  Avelche  das  Hung  Fan  als  allerersten  Gegen- 
stand der  Staatssorge  erwähnt.  Seitdem  finden  wir  in  der  Regel 
in  den  großen  dynastischen  Staatsgeschichten  Kapitel  mit  den- 
selben Titeln,   oder  auch   unter   der  Aufschrift  :^  ]^,   günstige 


335 

Vorzeichen,  die  sich  bewährt  haben,  jjj^  ]g,  Vorzeichen  von  Glück, 
oder  ^  ^,  göttliche  Andeutungen.  Nie  ist  somit  diese  große 
Staatsangelegenheit  vernachlässigt  worden,  und  sie  wurde  stets 
ebenso  wie  die  Zeitrechnung,  die  Kalenderverfertigung  und  die 
Chronomantik  (vgl.  S.  314f.),  als  ein  Unterteil  der  Geschichts- 
schreibung betrachtet.  Unter  den  zwei  letzten  Dynastien  war 
sie  dem  Wirkungskreis  des  K'in  T^iön  Kißn  einverleibt. 
Bis  in  die  neueste  Zeit  enthielt  dieses  Amt  ein  Bureau  für  Astro- 
nomie und  Astrologie  (s.  S.  316),  und  bei  der  Umschreibung 
des  Wirkungskreises  desselben  sagt  das  Ta  Ts'ing  hui  Ticn 
(Ausg.  1899):   JlHgPBÄ®#B*^*MÄM» 

^O  ^iS^^giflfl'-  Klares  Wetter  und  Regen,  Wind  und 
Donner,  Wolken  und  Regenbogen,  Aureolen  und  nebelige  Anhänge  zur 
Sonne  und  zum  Monde,  Kometen  und  außerordentliche  Sterne  —  das  alles 
untersucht  es  und  bucht  es.  Die  Windrichtung  und  Bewölkung  jedes  Tags, 
Aureolen  und  Anhänge,  einzeln  oder  paarweise  vorkommend,  sowie  das  Er- 
scheinen und  Verschwinden  von  Meteoren,  ferner  Kometen  und  außerordent- 
liche Sterne  jeder  Art,  worüber  dem  Thron  zu  berichten  ist,  gibt  es  dem 
K'inT'ißn  Kiön  bekannt,  das  sie  darauf  man  tisch  deutet  und  dem  Throne 
das  Ergebnis  mitteilt.  Solche  Erscheinungen,  über  welche  dem  Throne 
nicht  berichtet  zu  werden  braucht,  werden  mit  Erläuterungen  in  die  Bücher 
eingetragen. 

Jede  Kaiserregierung  hat  somit  zur  Vermehrung  der  Auf- 
zeichnungen über  Naturerscheinungen  das  ihrige  beigetragen, 
und  von  dem  so  angehäuften  Papierberge  ist  dasjenige,  was 
als  Material  für  die  oben  erwähnten  Kapitel  der  staatlichen 
Geschichten  verwendet  worden  ist,  im  Auge  der  Chinesen  wohl 
das  Wichtigste.  Im  Ku-kin  T'u  Su  Tsi'-ts'ing  ist  die  Li- 
teratur über  den  Gegenstand^  abgesondert  von  der  Himmels- 
kunde  (^^  ^)  und  der  Zeitrechnung  (^  ^),  im  vierten  Ab- 
schnitt (Tien)  zusammengebracht,  und  zwar  unter  dem  Titel 
J[flF  1^,  sämtliche  Andeutungen,  welcher  dem  Hung  Fan  (s.S.  332) 


336  _ 

entlehnt  ist.  Dieser  Abschnitt  enthält  nicht  weniger  als  188  Ka- 
pitel, in  denen  der  Stoff  nach  den  Unterteilen  und  Kräften  der 
Natur  angeordnet  ist;  33  davon  sind  den  ^^  ^^,  Veränderungen 
an  den  Sternen,  gewidmet.  Zum  Studium  der  universistischen 
Mantik  der  Chinesen  wird  daselbst  eine  überwältigende  Ma- 
terialmasse geboten,  und  sogar  der  einfache,  jetzt  zu  unter- 
nehmende Versuch,  die  Hauptlinien  des  Systems  in  möglichst 
beschränktem  Umfange  zu  skizzieren,  muß  unvermeidlich 
mehrere  Seiten  in  Anspruch  nehmen. 

Wir  wissen  also,  daß  außergewöhnliche  Naturerscheinungen 
hauptsächlich  wahrgenommen  Avurden,  um  festzustellen,  ob 
etwaige  Mängel  der  Regierung,  und  folglich  Abweichungen 
vom  Tao,  eingetreten  wären,  oder  ob  an  der  Regierung  kein 
Makel  haftete  und  sie  also  mit  dem  Tao  des  Weltalls  in  Ein- 
klang wäre.  Demnach  unterschied  man  die  Erscheinungen  in 
^9^  ^^  j^ö  Pien  oder  ^^  ^i  jao  I,  unheilbringende  Ver- 
änderungen oder  Außerordentlichkeiten,  und  )|^  jfeff  siang  S  U  i, 
glückverheißende  Vorzeichen.  Besonders  sorgsam  wurde  nach  den 
ersten  geforscht.  Freilich  wäre  ein  Übersehen  der  Zeichen 
glücklicher  Zustände  oder  Ereignisse,  welche  sich  vorbereiteten, 
absolut  ungefährlich;  aber  böse  Zeichen  erforderten  sofortiges 
Eingreifen,  weil  sie  bekundeten,  daß  Gefahr  im  Anzüge  war. 
Das  gänzliche  Fehlen  von  irgendwelchen  Omina  zeigte,  daß 
das  Tao  des  Universums  und  der  Menschheit  in  Ordnung, 
und  daß  folglich  die  vom  Kaiser  beherrschte  Welt  in  Sicher- 
heit war. 

Die  Maßnahmen,  welche  unheilverheißende  Abweichungen 
erforderten,  waren  sehr  verschiedener  Art.  Es  waren  die 
weisesten  Männer,  die  begabtesten  Gelehrten,  die  hohen  Staats- 
minister, welche  sie  vorschlugen,  in  erster  Linie  die  Leiter  des 
Staatsamtes,  dem  die  Wahrnehmung  und  Deutung  oblagen. 
Mitunter  schloß  sich  der  Kaiser  ab  von  der  Menschenwelt, 
fastete,   legte  sich  gänzliches  Schweigen   auf,    enthielt  sich  der 


337 

Musik  und  des  geschlechtlichen  Verkehrs  und  reinigte  sich 
seelisch  und  körperlich;  oder  er  tat  gemeinsam  mit  den  großen 
Würdenträgern  in  demütiger  Weise  unter  Jammern  und  Weh- 
klagen dem  Himmel  gegenüber  Buße.  Denn  kraft  seiner  Stellung 
als  höchster  Führer  der  Menschheit  im  Tao  müssen  ja  in 
erster  Linie  seine  persönlichen  Makel  und  Fehler  daran  Schuld 
sein^  wenn  die  normale  Weltordnung  in  Verwirrung,  Thron, 
Keich  und  Volk  in  Gefahr  geraten.  Der  Kaiser  erließ  auch 
wohl  Amnestie  im  Lande^  damit  seine  Menschenliebe  die  des 
Himmels  sympathisch  erwecke.  Bisweilen  aber  kam  das  radi- 
kalere Mittel  zur  Anwendung,  und  eine  rücksichtslose  Säuberung 
der  Staatsdienerschaft  von  schlechten  Elementen  wurde  unter- 
nommen und  durchgeführt.  Die  Geschichte  weiß  von  Hunderten 
von  Beamten  zu  berichten,  die  durch  ein  solches  Eingreifen 
in  die  Staatsmaschine  entlassen,  degradiert,  eingekerkert  oder 
sonstwie  bestraft  wurden,  wobei  selbstverständlich  Anklage- 
schriften und  Anzeigen  von  eifersüchtigen  Kollegen  oder  per- 
sönlichen Feinden  eine  große  Rolle  mitspielten.  Zensoren  und 
Diktatoren,  mit  absoluter  Vollmacht  versehen,  wurden  nach 
allen  Landesteilen  entsandt,  den  Dingen  auf  den  Grund  zu 
gehen,  die  Spreu  vom  Weizen  zu  sondern  und  viele  demütig 
zum  freiwilligen  Rücktritt  vom  Amte  zu  veranlassen,  wenn 
anders  nicht  ein  schlimmeres  Schicksal  sie  ereilen  sollte.  Zu- 
meist standen  jedoch  die  Reformen  bloß  auf  dem  Papier,  infolge 
der  Lehre,  daß  die  kaiserliche  Heiligkeit  auch  allmächtig  ist 
und  durch  bloße  Willensäußerung  schon  Wunder  wirkt.  Es 
AYurden  nämlich  Ermahnungen  und  Befehle  an  die  Beamtenwelt 
erlassen,  sei  es  nun  bloß  im  Palastbereich,  sei  es  innerhalb 
der  Hauptstadt  oder  im  ganzen  Reich,  daß  jederman  durch 
beflissenere  Wahrnehmung  seiner  Amtspflichten  das  Tao  der 
Menschen  bessern  und  somit  das  Tao  von  Himmel  und  Erde 
wieder  einrenken  sollte.  Auch  erging  wohl  an  sie  die  Weisung, 
das  erzürnte  Tao  des  Himmels  zu  versöhnen  durch  Verbesserung 

22 

De  Groot,  Universismus. 


338 

ihres  persönlichen  Betragens  oder  durch  Unterlassung  von 
Festlichkeiten  und  Glückwanschzeremonien;  oder  es  wurde 
ihnen  befohlen^  das  Schlachten  von  Tieren  zu  verbieten  und 
die  Hinrichtung  von  Verbrechern  aufzuschieben,  damit  nicht 
der  Zorn  des  Himmels,  des  Schöpfers  alles  Lebens,  noch  weiter 
aufgestachelt  würde.  Um  ferner  die  allgemeine  Reform  zu 
erleichtern,  wurde  es  sämtlichen  Beamten  des  Reiches  durch 
speziellen  kaiserlichen  Erlaß  gestattet,  in  direkt  an  die  Person 
des  Kaisers  gerichteten  Eingaben  freie  Kritik  an  dem  Kaiser 
und  seiner  Regierung,  am  Hofe  und  an  den  Ministern  zu  üben 
und  auch  Vorschläge  zur  Verbesserung  vorzubringen,  wobei 
den  freimütigsten  Äußerungen  Straflosigkeit  zugesichert  ward. 
Manchmal  haben  auch  Staatsmänner  und  Gelehrte  ganz  aus 
eigenem  Antrieb  auf  Grund  gewisser  Erscheinungen,  welche 
sich  gezeigt,  durch  direkt  an  den  Thron  gerichtete  Eingaben 
gCAvisse  Regierungsmaßnahmen  vorgeschlagen  oder  gegen  solche 
kräftig  Einspruch  erhoben. 

Mit  Eifer  und  Frömmigkeit  pflegte  man  sich  an  ein  solches 
Reformwerk  zu  machen,  wenn  sich  bereits  Heimsuchungen  und 
Unglücksfälle,  durch  vorherige  Zeichen  angekündigt,  tatsächlich 
eingestellt  hatten.  Somit  zeigt  sich  das  sittliche  Leben  der 
Chinesen,  das  wir  schon  als  universistisch  bis  ins  Mark  kennen 
gelernt  haben,  wiederum  von  einer  Seite,  die  gewiß  auch  eine 
Erörterung  verdient.  Wir  können  aber  hier  bloß  ihres  Daseins 
Erwähnung  tun,  unter  Betonung  ihrer  eigentümlichen  Grund- 
lage: der  Wahrnehmung  von  an  und  für  sich  vollkommen 
normalen  Erscheinungen,  in  denen  der  Mensch  in  seiner  Un- 
wissenheit, auf  Grund  ihres  seltenen  oder  unregelmäßigen 
Vorkommens,  Entgleisungen  der  Natur  erblickte. 

Also  hat  der  Mensch  in  Ostasien  sich  selbst  eine  Methode 
geschaffen,  nach  welcher  die  Staatsmacht  von  einer  noch  höheren 
Gewalt,  dem  Universum,  regiert  wird,  damit  jene  sowohl  sich 
selbst  als  das  Volk  beständig  in   der  richtigen  Bahn  halte,  die 


339 

T  a  0  des  Universums  heißt.  Wir  sehen  jetzt  mühelos  ein,  warum 
die  Staatsmacht  eine  genaue  Kenntnis  der  Abweichungen  des 
Weltalls  von  seinem  gewöhnlichen  Gang  stets  als  eine  unab- 
weisbare Notwendigkeit  empfunden  hat,  und  warum  die  Beamten- 
welt ihr  stets  diese  Kenntnis  von  allen  Seiten  hat  zugehen  lassen. 
Wir  lesen  von  kaiserlichen  Weisungen,  die  den  Mandarinen  die 
Meldung  solcher  Zeichen  aus  ihrem  Amtsgebiet  zur  Pflicht 
machten  und  für  ihre  Verheimlichung  schwere  Strafen  fest- 
setzten; andererseits  aber  von  Kaisern,  die  das  Berichten  von 
günstigen  Zeichen  verboten,  sei  es,  weil  sie  die  Vortrefflichkeit 
ihrer  Regierung,  welche  solche  Zeichen  beweisen  sollten,  als 
eine  Selbstverständlichkeit  betrachteten,-  sei  es,  weil  sie  die 
Glaubwürdigkeit  der  Berichterstatter  anzweifelten  und  wohl 
wußten,  daß  schlaue  Schmeichler  auch  in  China  zahlreich  sind. 
Nichtsdestoweniger  erwähnen  die  Geschichtsbücher  die  glück- 
lichen Vorzeichen  in  großer  Zahl.  Mehrmals  riefen  sie  eine  so 
große  Freude  im  kaiserlichen  Gemüt  hervor,  daß  den  Vor- 
fahren im  großen  Ahnentempel  feierlich  von  ihrer  Erscheinung 
Kunde  gegeben  wurde,  großzügige  Glückwunschaudienzen  statt- 
fanden, daß  Geschenke  und  allgemeine  Rangerhöhungen  ver- 
teilt wurden  und  eine  Amnestie  gewährt.  Der  Name  der  Re- 
gierung des  Kaisers,  der  immer  mit  äußerster  Sorgfalt  gewählt 
zu  werden  pflegt,  weil  er  auf  ihr  glückliches  Gedeihen  großen 
Einfluß  übt,  ist  mehrfach  beim  Eintritt  eines  glücklichen 
Zeichens  durch  einen  neuen  ersetzt  worden,  der  auf  dieses  Be- 
zug hatte  und  es  dadurch  in  der  Geschichte  verewigte.  Man 
hat  die  guten  Zeichen  entsprechend  ihrem  Werte  amtlich  in 
Klassen  eingeordnet,  z.  B.  in  höhere,  mittlere  und  niedere 
(Jl  4^  T^)-  Resonders  hoch  geschätzt  war  stets  sogenanntes 
1$  3fe  Sen  Kuang,  Götterlicht,  das  durch  die  Anwesenheit 
von  Göttern  sogar  am  hellen  Tage  leuchten  konnte. 

Nie  hat  die  von  Staats  wegen  geübte  Beobachtung  außer- 
gewöhnlicher  Phänomene    am    Himmel   und   auf  der   Erde   in 

22* 


340 

China  zu  einer  exakten  Naturforschung  geführt;  nie  hat  sie 
eine  wirkliche  Kenntnis  der  Gesetze  der  Natur  gezeitigt,  welche 
unfehlbar  den  universistischen  Riesenbau  der  Religion,  Sitten- 
lehre und  Kultur  allmählich  untergraben  hätte.  Nur  Berge  von 
Berichten  über  solche  Phänomene,  ihre  Deutung  und  die  Er- 
eignisse, welche  sie  angekündigt  hatten,  ist  sie  zu  erzeugen  im- 
stande gewesen,  und  diese  Berichte  haben  nie  weiteren  Nutzen 
gebracht,  als  daß  den  nachkommenden  Geschlechtern  immer 
wieder  neuer  Stoff  zur  Deutung  der  Erscheinungen  zur  Ver- 
fügung stand.  Daß  außer  diesem  Stoff  die  Mantik  auch  noch 
mit  den  Gruppen  von  Faktoren  arbeitete,  welche  der  Chrono- 
mantik  das  Dasein  ermöglichten,  versteht  sich  von  selbst,  wo 
die  Chinesen  nie  andere  Faktoren  kennen  lernten,  und  ihre 
Weisheit  nie  die  engen  Schranken  der  universistischen  Be- 
griffe der  Alten  zu  sprengen  gewußt  oder  sich  davon  zu  lösen 
vermocht  hat.  Es  läßt  sich  leicht  einsehen,  daß  die  Verbindungs- 
brücke zwischen  den  Wahrnehmungen  und  diesen  Faktoren 
durch  die  fünf  Elemente,  nach  denen  man  (s.  S.  334)  die  Phä- 
nomene ordnete,  gebildet  wurde. 

Die  vermeintlichen  Störungen  in  der  Weltordnung  oder 
in  der  Natur  der  Dinge  ordnet  das  Ku-kin  T*u  Su  Tsi'- 
ts'ing  ein  je  nach  den  Teilen  des  Weltalls,  in  denen  sie  sich 
ereignen. 

Die  erste  Klasse  bilden  die  ^ '^  T'i6n  Pi6n,  die  Ver- 
änderungen am  Himmel,  wie  seltsame  Färbungen  oder  plötzlicher 
Farbenwechsel  am  Firmament,  oder  Durchbruch  von  blutig- 
roten  Lichtströmen  und  die  Erscheinung  von  Kriegerscharen 
durch  das  Gewölk;  dichte  Wolkenmassen,  die  den  Himmel 
völlig  bedecken,  ohne  einen  Regentropfen  herabzusenden;  das 
Geräusch  von  Stimmen  in  der  Luft,  und  anderes  mehr.  Den 
P  .S.  Zi'  I  und  M  ^S.  Jue  I,  Außerordentlichkeiten  an  der  Sonne 
und  dem  Monde,  pflegte  man  immer  besondere  Aufmerksamkeit 
zu  schenken,   z.  B.  den   Flecken,  Protuberanzen,  Aureolen  oder 


341 

Höfen,  Nebensonnen,  fremdartigen  Färbungen  in  der  Umgebung 
beider  Gestirne.  Von  der  höchsten  l^edeutung  und  Gefälirlich- 
keit  waren  allezeit  die  Finsternisse;  ihrer  Wichtigkeit  als  Finger- 
zeige des  Tao  der  Welt  ist  es  zu  verdanken,  daß  eine  Anzahl 
schon  in  den  ältesten  Annalen,  namentlich  im  Su,  im  Tö'un 
Ts'iu  und  im  Tso  Ts'uan  erwähnt  sind.  In  der  Literatur 
der  späteren   Zeiten  sind  sie  zu  Hunderten  gebucht. 

Die  Beobachtung  der  ^  ^  Sing  Plön,  Veränderungen 
an  den  Sternen,  stellt  den  Hauptbestandteil  der  Astrologie  dar, 
des  bis  auf  den  heutigen  Tag  wichtigsten  Faches  im  staatlichen 
System  der  Naturdeutung.  Die  Pflege  der  Sterndeutung  ist 
den  Kaisern  vorgeschrieben  durch  das  Ji',  dessen  dritter  An- 
hang(HiTsg,I)  sagt:  ^  B  M  ^  M.^  ^  M  AM  Z' 
der  Himmel  läßt  seine  Bilder  herabhängen,  die  Glück  und  Unheil  offen- 
baren; die  Heiligen  (die  Herrscher)  nehmen  sie  als  Vorbild.    Gewiß   liegt 

in  diesem  Befehl  des  heiligen  Buches  der  Ursprung  des  Bureaus 
für  Astronomie  und  Astrologie  (^  ^  f^)  des  KMu  T'ien 
Kien. 

Die  Astrologie  umfaßt  die  Beobachtung  und  Deutung  der 
Änderungen  an  Gestalt  und  Glanz  der  Sterne  und  Planeten, 
ihrer  Konjunktion  mit  Sonne  und  Mond  und  der  Stellung,  die 
sie  bei  Eldipsen  einnehmen;  ferner  die  Sphärenklänge,  die  an- 
geblich von  Sternen  und  Planeten  herübertönen:  die  Sichtbar- 
keit der  Venus,  der  -j^  g  oder  Allerklarsten,  bei  Tage,  und  so 
fort.  Die  Wirkungen  der  fünf  Planeten  und  ihre  Verwandtschaft 
zu  allen  universistischen  Faktoren  werden  von  selbst  durch  die 
Tatsache  erwiesen,  daß  ihnen  von  unbekannten  Zeiten  her  die 
Namen  der  fünf  Elemente  beigelegt  sind.  Die  Namen  der  Sterne 
imd  Sternbilder,  die  großenteils  wohl  so  alt  sein  mögen  wie  die 
Zeiten  des  alten  Babel  und  Ägypten,  deuteten  bereits  in  der 
vorchristlichen  Zeit  auf  Beschäftigungen  und  Berufe  der 
Menschen  und  auf  Bestandteile  und  Verrichtungen  iler  Re- 
gierung hin,   sowie   auf  Dinge,   welche  Gliick  oder  Unglück  in 


342 

allerlei  Formen  und  Schattierungen  darstellen.-^  Damit  war  für 
die  Deutung  ihrer  Einflüsse  auf  das  Geschick  von  Regierung 
und  Volk  für  immer  eine  breite  Grundlage  geschaffen,  auf  der 
sich  mittels  Beobachtung  ihrer  besonderen  Helligkeit  oder 
Dunkelheit  und  mittels  spitzfindigen  Scharfsinns  fruchtbar  ar- 
beiten ließ,  zumal  auf  diese  Einflüsse  wiederum  die  der  Pla- 
neten einwirken,  welche  die  betreffenden  Gestirne  durchqueren 
oder  ihnen  gegenüberstehen  und  somit  ihnen  „widerstreben" 
(^p)  oder  sich  ihnen  „störend  widersetzen"  (^ü)-  Die  maß- 
gebende Schrift  für  alle  Zeit  war  hierbei  das  27.  Kapitel  des 
Si  Ki,  das  den  Titel  ^  ^  ^^,  Aufzeichnungen  über  die  Mächte 
des  Himmels,  trägt  und  von  Chavannes  in  seiner  vortrefflichen 
Übersetzung  des  Si  Ki  wiedergegeben  ist. 

Nebenher  spielte  noch  eine  andere  Kunst  ihre  Rolle,  die 
seit  der  Han-Dynastie  ^  ^  Fen  Je,  Verteilung  unter  die  Stern- 
gefilden, geheißen  hat,  jedoch,  wie  sich  urkundlich  nachweisen 
läßt,  älter  sein  muß.  Demnach  wurde  jeder  Unterteil  der  Erde 
unter  die  Herrschaft  eines  wichtigen  Abschnittes  des  Sternen- 
himmels gestellt.  Das  Tsou  Kuan  erwähnt  dieses  System  in 
einem  •  Satz,  den  wir  auf  S.  333  übersetzt  haben,  und  L  i  u 
Ngan  teilt  im  3.  Kapitel  des  HungLie'Kiai  mit,  in  welcher 
Weise  die  28  Siu  oder  ÖS  ^,  die  sogenannten  Mondhäuser 
(s.  S.  149),  das  Geschick  der  dreizehn  vornehmsten  Staaten  der 
Tsou-Zeit  beherrschten.  Sodann  finden  wir  das  System  auch 
festgelegt  im  26.  Kapitel  des  Ts'iÖn  Han  Su  und  in  dessen 
Kapitel  28  b,  das  die  [^jj  ^|  ^,  Aufzeichnungen  über  Geographie, 
enthält.  Für  das  Geschick  des  Kaisers,  seines  Hofes  und  seiner 
Ministerien  war  insbesondere  das  Sterngefilde  von  Bedeutung, 
das  Se-ma  Ts*ien  an  der  Spitze  seines  27.  Kapitels  behandelt 
und    PJ^  ^,  den  zentralen  Palast,   nennt,  weil  es  um  den    ^  ^ 


^  Eine  Fülle   von  Material   hierüber   bietet   Schlegels    „Uranographie 
chinoise". 


343 

T  '  i  ß  n   K  i ';   den  Fol  des  Himmels,    Ü^gt,    also    Ulli    die    ^&.  >  J^ 

*^  ^,   ewig  ruhende  Stelle   in   der  Allergrößten  Einheit   (vgl.  S.  288). 

In  dieser  höchsten  Stelle  des  Firmaments  waltet,  wie  wir  auf  S.  129 
gesehen  haben,  der  Oberste  Kaiser  des  Himmels,  dem  der  Kaiser 
der  Erde  seine  Macht  entlehnt,  und  ringsherum  liegen  Sterne, 
deren  Namen  sich  auf  hohe  Minister,  auf  die  Hauptgemahlin 
und  den  Harem  und  auf  die  Vasallen  (^  ^)  beziehen. 

Es  ist  nahezu  eine  SelbstverständHchkeit,  daß  im  staat- 
lichen System  der  Sternendeutung  den  ^  ^,  Wandelsternen, 
immer  die  höchste  Aufmerksamkeit  zugewandt  wurde.  Ihrer 
Bewegung  durch  die  Sternbilder  und  Konjunktion  mit  den  fünf 
Planeten  wurde  große  Bedeutung  beigemessen,  nicht  weniger 
als  den  |I^  ^,  fallenden  Sternen  oder  Meteoren,  den  [J^  ^, 
fallenden  Steinen    oder   Meteoriten,   und    den    ^  pß,    Sternenregen. 

Der  Astrologie  schloß  sich  immer  als  wichtige  Staats- 
angelegenheit eine  Art  Wetterkunde  an,  die  Wahrnehmung  und 
Deutung  alles  Ungewöhnhchen  umfaßte,  das  sich  ereignete 
in  bezug  auf  Wind  und  Wolken,  Nebel  und  Regenbogen,  Donner 
und  Blitz,  Regen,  Tau,  Hagel,  Kähe,  Hitze  und  Dürre.  Daß 
in  dieser  Reihe  der  Wind  ganz  voran  steht,  findet  seine  natür- 
liche Erklärung  in  dem  Umstand,  daß  im  fernen  Osten  die 
Passatwiude  in  der  warmen  Jahreszeit  vom  Süden  her  den 
Regen,  in  der  kalten  vom  Norden  her  Trockenheit  bringen 
und  somit  die  Nahrungserzeugung  und  die  übrigen  Lebens- 
bedingungen der  Menschen  vollständig  beherrschen.  In  der 
heihgen  Schrift  über  Musik  (s.  S.  78)  steht  im  zweiten  Ka- 
pitel geschrieben:  ^  ^  ZMi%  M  M  '^  ^  ^^\  ^  ^  ^ 
PS  ^  IP  Mlj  M'  ^^'^'^^  *^^'''  ^^"^  ^^^  Himmels  und  der  Erde  wird 
Seuche  entstehen,  wenn  Kälte  und  Wärme  zur  Unzeit  auftreten,  und  wird 
Hungersnot  herrschen,  wenn  Wind  und  Regen  nicht  im  richtigen  Zeitab- 
schnitt eintreten. 

Bis  in  die  neueste  Zeit  war,  wie  wir  auf  S.  335  gesehen 
haben,  die  Wind-  und  Regendeutung  dem  Bureau  für  Astronomie 


344 

des  K'in  T'ien  Kien  auferlegt,  denn  das  heilige  Hung  Fan 
hat  schon  in  der  Urzeit  dekretiert,  daß  diese  Wissenschaften 
ungetrennt  voneinander  zu  pflegen  sind.   Da  nämlich  liest  man: 

BiJ  IM  ffi[  pw  .  Das  Volk  beobachte  die  Sterne,  denn  unter  ihnen  be- 
günstigen die  einen  die  Winde,  die  anderen  den  Regenfall,  und  je  nach- 
dem der  Mond  sich  durch  die  Sterne  bewegt,  werden  Wind  und  Regen 
hervorgebracht.  Freilich  ist  der  Mond  das  Gestirn  des  Jin  (s. 
S.  229)^  und  das  Jin  entspricht,  wie  wir  wissen,  dem  Element 
Wasser. 

Die  chinesische  Philosophie  alter  und  neuer  Zeit  lehrt, 
daß  der  Wind  der  Atem  (^)  des  Weltalls  ist,  eine  Mischung- 
von  Jang  und  Jin,  in  der  im  Sommer  das  Jang,  im  Winter 
das  Jin  vorherrscht.  Weil  nun  Jang  und  Jin  das  Tao  des 
Weltalls  bilden  (S.  8),  so  ist  der  Wind  eigentlich  das  Tao 
selbst,  und  somit  sind  seine  Unregelmäßigkeiten,  Stürme  usw. 
von  der  allerhöchsten  Bedeutung.  Eine  Unmasse  mantischer 
Weisheit  hat  diese  Lehre  im  Laufe  der  Jahrhunderte  hei'vor- 
gebracht;  sie  bezweckte  hauptsächlich,  aus  der  Richtung  und 
Stärke,  die  der  Wind  an  jedem  einzelnen  Tage  hatte,  für  seine 
künftige  Richtung  und  Stärke  zu  prognostizieren  und  demgemäß 
Aussichten  auf  Regen  oder  Sonnenschein,  Überschwemmungen 
oder  Dürre,  gute  oder  schlechte  Ernte  vorher  zu  erkennen. 
Weiter  war  immer  der  Grundsatz  maßgebend,  daß  die  Winde 
ihren  jeweiligen  Charakter  der  Gegend  des  Weltalls  entlehnen, 
aus  der  sie  wehen.  Demgemäß  müssen  sie  auch  die  Eigen- 
schaften der  menschlichen  Leidenschaften  besitzen,  weil,  wie 
schon  früher  erwähnt  wurde  (S.  120),  die  Weisheit  der  Alten 
diese  den  Himmelsgegenden  entsprechen  läßt.  Folglich  läßt 
sich  aus  den  Winden  vorhersagen,  welche  menschliche  Eigen 
Schäften  vorherrschen,  und  welche  entsprechenden  Ereignisse 
ie  nachdem  eintreten  werden,  wie  Aufstand  und  Rebellion 
als    Folge    von    Zorn,    Panik    und  Volks  Wanderung   als    Folge 


345 

von  Furcht;  und  so  fort.  Auch  lassen  sich  an  den  Winden 
Deutungen  vornehmen  durch  sorgfältige  Bestimmung  ihres 
musikalischen  Tones,  da  seit  alters  gepredigt  ist,  daß  jeder 
Tag  des  Kalenders  durch  einen  von  den  fünf  Tönen  der  Ton- 
leiter beeinflußt  ist. 

Wertvolle  Hilfe  hat  stets  die  Mantik  der  Winde  für 
Kriegszwecke  geleistet.  Bei  verständnisvoller  Anwendung  der 
Aussagen  von  Weisen  alter  und  neuer  Zeit  läßt  sich  nämlich 
aus  den  Winden  und  ihrer  Kichtung  auf  die  Überlegenheit  oder 
Unterlegenheit  des  Feindes  und  auf  die  vermutliche  Richtung 
seines  Angriffs  schließen  und  also  entnehmen,  ob  es  ratsam 
sei,  eine  Schlacht  anzunehmen  oder  den  Rückzug  anzutreten. 
Wirbelwinde  waren  stets  Dinge  besonderer  Aufmerksamkeit: 
Stürme  und  Taifune  sind  in  den  dynastischen  Geschichten  in 
i^roßer  Menge  erwähnt. 

Nicht  minder  zahlreich  sind  die  Berichte  von  überreichem 
Regenfall,  der  die  Saaten  zerstörte  und  Überschwemmungen 
verursachte,  und  wogegen  besondere  Staatsopfer  Abhilfe  schaffen 
mußten.  Regen,  der  sich  zur  rechten  Zeit  einstellt,  galt  stets 
als  Beweis  dafür,  daß  an  der  Maschine  der  Weltordnung  nichts 
haperte  und  war  also  immer  der  Vorbote  von  Glück.  Doch 
kann  Regen  mitunter  auch  das  Weinen  des  Himmels  bedeuten 
und  dann  ein  bevorstehendes  großes  Unheil  ankündigen.  Be- 
stimmte Regentage  oder  regenlose  Tage  sind,  besonders  wenn 
gleichzeitig  die  Sonne  zusammentrifft  mit  Sternen,  die  für 
Regenfall  maßgebend  sind,  sichere  Verkünder  für  Regen  oder 
Sonnenschein  an  anderen  bestimmten  Tagen.  Auch  wird  Regen 
vorhergesagt  durch  Wolken  von  gewisser  Gestalt,  die  sich  in 
der  Nähe  solcher  Regengestirne  bilden.  Unheil  ist  dagegen 
ganz  sicher  im  Anzug,  wenn  es  andere  Dinge  als  Wasser 
regnet;  dann  dürfen  Maßregeln  zur  Berichtigung  des  Tau 
nicht  ausbleiben.  Nach  dem  Zeugnis  der  dynastischen  Ge- 
schichten gibt  es  kaum  etwas,  was  es  nicht  schon  geregnet  hat: 


346 

Lehni;  Sand,  Stein;  Schlamni;  Asche;  Vögel;  Fische;  Schild- 
kröten; Insekten;  Menschen;  Blut,  HaarC;  Federn;  Knochen; 
Fleisch;  Fett;  roter  SchneC;  Quecksilber;  Münzen,  Gold; 
Silber;  Eisen;  SeidC;  Baumwolle;  TuschC;  Papier;  Sträucher; 
Blätter;  BlumeU;  Getreide;  Erbsen;  WaffeU;  Kessel  usw.  China 
war  also  wirklich  immer  das  Land  großer  und  zahlreicher 
Wunder! 

Wolken  zeigen  sich  in  einer  endlosen  Verschiedenheit 
von  Gestaltungen  und  Färbungen;  und  sie  waren  somit  immer 
vortreffliche  Mittel  zur  Erforschung  des  Zustandes  des  Weltalls. 
Sie  sagen  Glück  oder  Unglück  vorauS;  wenn  sie  plötzlich  in 
nächster  Nähe  von  Gestirnen  auftreten,  die  auf  die  Gestaltungen 
des  menschlichen  Lebens  Einfluß  haben;  von  hoher  Bedeutung 
sind  sie  auch;  wenn  sie  dicht  bei  Sonne  und  Mond  erscheinen 
oder  um  den  Mond  einen  Hof  bilden.  Selbst  wichtige  politische 
Ereignisse;  wie  das  Emporsteigen  eines  Abenteurers  zum 
KaiserthronC;  sind  im  voraus  in  den  Wolken  gelesen  worden. 
Wenn  sie  sich  gegen  den  Wind  bewegen;  oder  trotz  kräftigen 
Windes  sich  regungslos  verhalten;  so  lassen  sich  daraus  gleich- 
falls Schlüsse  auf  künftiges  Wetter  und  kommende  Ereignisse 
ziehen.  Als  Künder  der  Zukunft  wurde  auch  den  Färbungen 
des  Nebels  sowie  dem  Morgeoi-  und  Abendtau  stets  viel  Auf- 
merksamkeit gewidmet.  Kein  Tau  gilt  als  so  glückbringend 
wie  HonigtaU;  genannt  "j^  JJ,  süßer  Tuu;  oder  ^  fg;  Himmels- 
wein. Er  verheißt  üppige  Fruchtbarkeit  und  folglich  Überfluß 
und  Verlängerung  des  LebenS;  und  er  findet  deswegen  besonders 
häufig  in  den  Geschichtsannalen  Erwähnung. 

Regenbogen  denkt  man  sich  gleich  wie  die  Winde  aus 
Jang  und  Jin  zusammengesetzt;  und  sie  bilden  also  ebenfalls 
vortreffliche  Mittel  zur  Erkenntnis  des  Tao  und  seiner  Störungen. 
Man  untersucht  ihre  Färbung  und  die  Zeit  ihres  Auftretens 
in  Verbindung  mit  dem  gleichzeitigen  Stand  der  Sterne  und 
Planeten.     Bei    trockenem  Wetter    verheißen    sie    RegeU;    bei 


347 

Nässe  Sonnenschein.   Blasse  Regenbogen  sind  immer  ungünstige 
Vorzeichen  gewesen. 

Der  Donner,  der  Vorbote  des  Regens,  ist  zumeist  ein 
günstiges  Phänomen.  Folgt  ihm  jedoch  kein  Regen,  dann  kann 
er  unter  Umständen  Unglück  bringen;  darum  wird  ihm  ganz 
besondere  Beachtung  geschenkt,  wenn  er  in  der  regenlosen 
Zeit,  dem  Winter,  zu  hören  ist.  Ein  einschlagender  Blitz 
verkündet  immer  Unglück,  sogar  ein  besonders  großes,  wie 
Angriffe  von  Rebellen  und  Feinden,  die  als  Vermittler  der 
Rache  des  Himmels  auftreten.  Schlägt  der  Blitz  in  ein  Stadttor, 
so  bedeutet  das,  daß  verräterische  Beamte  Unheil  brauen  und 
Aufstände  planen  und  dadurch  das  Tao  der  Menschheit  aus 
seiner  richtigen  Bahn  zu  lenken  vorhaben;  und  wird  gar  der 
Ahnentempel  getroffen,  so  besagt  dies  den  Sturz  des  Kaisers 
und  den  Untergang  der  Dynastie. 

Hagel  entsteht,  wenn  Jang  und  Jin  unharmonisch  zu- 
sammenstoßen und  gilt  darum  als  ungünstiges  Vorzeichen.  Das 
Maß  des  Unheils,  das  er  vorhersagt,  richtet  sich  nach  der 
Jahreszeit,  in  der  er  auftritt,  und  ist  im  Winter  ein  geringes. 
Vielsagend  hinsichtlich  kommenden  Unglücks  ist  die  Art  der 
Zerstörung,  die  er  an  Dachziegeln,  Saaten,  Hühnern  und  anderen 
Haustieren  anrichtet.  Bildet  er  eine  Schicht  wie  Schnee,  so 
bedeutet  dies^  daß  Minister  einen  Mordanschlag  gegen  den 
Kaiser  vorhaben. 

Wichtige  Abweichungen  vom  Tao,  die  sorgfältige  Wahr- 
nehmung und  unverzügliche  Abhilfe  erheischen,  sind  zur  Unzeit 
auftretende  Kälte-  oder  Hitzewellen,  die  die  Ernte  gefährden; 
sie  verursachen  auch  Seuchen  und  Pest,  wie  wir  auf  S.  343 
in  einer  heiligen  Schrift  gelesen  haben.  War  die  Seuche  einmal 
da,  dann  wurden  die  Maßregeln  zur  Wiederherstellung  des  Tao 
tatkräftig  in  Angriff  genommen  und  durchgesetzt;  gleichfalls, 
wenn  geheimnisvoUerweise  Brände  im  Palast  oder  in  einem 
Staatstempel     ausgebrochen     waren     und    dadurch     kundgetan 


348 

wai";  daß  der  Himmel  seine  Hand  strafend  auf  die  Dynastie 
gelegt  hatte. 

Wurde  alle  Zeiten  hindurch  von  der  universistischen  Re- 
gierung die  größte  Aufmerksamkeit  den  warnenden  Fingerzeigen 
des  Himmels  zugewandt^  so  konnte  sie  unmöglich  denen  der 
Erde,  der  zweiten  großen  Macht  im  Weltall^  die  gleiche  Auf- 
merksamkeit versagen.  Außergewöhnliche  Naturerscheinungen 
auf  Erden  sind  somit  im  Laufe  der  Jahrhunderte  zu  tausenden 
wahrgenommen  und  verzeichnet  worden.  Bei  ihrer  Auslegung 
geht  man  von  dem  Grundsatz  aus,  daß  jegliche  Bewegung  des 
Erdbodens  Unglück  bedeutet,  weil  die  normale  Natur  der  Erde 
unbewegliche  Ruhe  ist.  So  bedeuten  Erdbeben,  daß  die  Minister 
vor  dem  Herrscher  keine  Achtung  mehr  haben,  und  somit 
Aufruhr,  Blutvergießen,  Brandstiftung  drohen,  oder  Vernichtung 
der  Ernte,  Hungersnot,  Pest,  wohl  auch  die  Entfernung  des 
Kaisers  von  seinem  Thron.  Die  Deutung  der  Beben  än- 
derte sich  immer  je  nach  den  Zeiten,  wann  sie  stattfanden, 
und  nach  der  Art  und  Beschaffenheit  der  Gebäude,  die  sie 
verwüsteten. 

Da  Bodenerhebungen  die  Sinnbilder  hoher  Staatsdiener 
sind,  so  gelten  Erdstürze  und  Erdrutsche  (^^)  als  Anzeichen 
ihrer  Untreue.  Hohe  Berge  stellen  auch  den  Kaiser  dar,  und 
so  legt  man  Bergrutsche  auch  dahin  aus,  daß  des  Kaisers  T  a  o 
den  festen  Boden  verloren  hat  und  folglich  Revolution  und  Ab- 
setzung vom  Throne  unabwendbar  erfolgen  müssen,  wenn  er 
nicht  noch  rechtzeitig  sein  privates  und  öffentliches  Leben 
gründlich  reformiert.  Erstrahlen  Berge  in  seltsamem  Glanz,  so 
geben  sie  Untreue  der  Minister  kund.  Wenn  sich  schließlich 
der  Erdboden  auftut,  Feuer,  Wasser  oder  Blut  speit;  falls  ein 
Felsen  von  selbst  aus  der  Tiefe  ans  Tageslicht  kommt,  oder 
wenn  er  sich  von  seiner  Stelle  bewegt  oder  die  Gestalt  eines 
Menschen,  eines  vierfüßigen  Tieres  oder  eines  Vogels  annimmt, 
oder   wenn   er   gar  mit  menschlicher  Zunge  redet;    oder  wenn 


349 

aus  einer  Höhle  Donner  dringt  —  in  allen  diesen  Fällen  kann 
die  Welt  auf  Rebellion,  Revolution  und  andere  politische  Ge- 
fahren gefaßt  sein. 

Die  Erde  ist  die  weibliche  Hälfte  des  Universums.  Läßt 
sie  laute  Geräusche  ertönen,  so  steht  eine  mächtige  Erhebung" 
des  weiblichen  Elementes  bevor;  der  Harem  droht  wohl  gar, 
die  Herrschaft  am  Hofe  an  sich  zu  reißen,  was  ein  Unglück 
wäre,  das  schleunige  Gegenmaßnahmen  erfordert.  Unterirdische 
Stimmen  werden  besonders  gefürchtet,  wenn  sie  aus  Gräl^ern 
ertönen.  Schreckenszeichen  sind  ferner  Gräber,  die  sich  von 
ihrem  Platze  fortbewegen,  oder  Bäume,  die  in  der  Nähe  von 
Grabmälern  stehen  und  ohne  sichtbare  Ursache  absterben; 
weiter  Linien  und  Flecke,  die  sich  an  Felswänden  bilden,  und 
aus  denen  weise  Schriftdeuter  Warnungen  lesen,  die  in  ge- 
heimnisvoll laufender  Handschrift  geschrieben  sind. 

Sollte  Bericht  einlaufen,  daß  an  einem  Gewässer  eine 
merkwürdige  Erscheinung  aufgetreten  ist,  dann  ist  der  Fall 
von  Amts  wegen  einer  eingehenden  Untersuchung  zu  unter- 
werfen. Gl'oße  Ströme  wie  der  Huang  Ho  und  der  Jang-tse 
Kiang  sollten  normalerweise  niemals  zu*fließen  aut hören;  tun 
sie  es  dennoch,  so  deutet  das  auf  eine  Stockung  in  der  Staats- 
maschinerie hin,  die  von  übelwollenden  Beamten  hervorgerufen 
wird.  Überschwemmungen,  die  im  Laufe  der  langen  Geschichte 
des  Reiches  zu  tausenden  berichtet,  eingeschrieben  und  ge- 
deutet worden  sind,  kündigen  Erhebungen  an,  oder  auch,  da 
das  Wasser  dem  Jin  angehört,  ein  Überhandnehmen  des 
schwachen  Geschlechtes,  wodurch  das  Geschick  des  Kaisers, 
ebenso  wie  das  häusliche  Glück  des  Volkes,  gefährdet  sein  soll. 
Ein  Brunnen,  der  plötzlich  auf  geheimnisvolle  Weise  aus 
trocknet,  weist  darauf  hin,  daß  die  Bevölkerung  der  Umgebung 
zur  Auffindung  neuer  Wasserstätten  ausziehen,  oder  dauernd 
umherwandern,  oder  mit  Waffengewalt  von  ihren  Wohnplätzen 
vertrieben  werden  wird.    Schlimmes  bedeutet  ferner,  wenn  sich 


350 

das  Wasser  färbt;  besonders  wenn  es  wie  Blat  aussieht,  oder 
wenn  es  so  faul  wird,  daß  die  Fische  darin  sterben.  Verhert 
es  dagegen  sein  trübes  Aussehen  und  gewinnt  es  Klarheit,  so 
ist  die  Diagnose  immer  günstig.  Eine  Quelle,  die  besonders 
heftig  zu  sprudeln  beginnt,  zeigt  an,  daß  Beamte  vom  niedrigsten 
Rang  rasche  Beförderung  erfahren  werden;  und  so  werden  alle 
möghchen  sonderbaren  Erscheinungen,  die  man  am  Wasser  be- 
merkt, in  der  verschiedensten  Weise  ausgelegt. 

Im  Weltall  bildet  die  Menschheit  neben  Himmel  und  Erde 
die  dritte  große  Macht  (yj^);  Störungen  in  ihrem  Tao  rufen 
daher  unvermeidlich  Störungen  am  Tao  der  Welt  hervor 
(S.  309),  und  umgekehrt.  Jede  außerordentliche  Erscheinung 
in  der  menschlichen  Natur  weist  also  hin  auf  eine  Verkehrheit 
im  Tao  der  Welt  und  erheischt  somit  Erklärung  des  kommenden 
Übels  und  Angabe  der  Mittel  zu  seiner  Abhilfe.  Sie  sind  dann 
auch  in  den  Geschichtsbüchern  in  Hülle  und  Fülle  erwähnt 
und  bieten  einen  sehr  eigentümhchen  Lesestoff.  Da  wird  von 
Fällen  plötzlichen  Geschlechtswechsels  gesprochen,  der  anzeigen 
sollte,  daß  ein  Weib  oder  irgendeine  Person  niederer  Herkunft 
die  Zügel  der  Regierung  an  sich  reißen  werde.  Geburten  von 
Monstrositäten  jeglicher  Gestalt  werden  aufgezählt,  die  Unglück 
aller  Art  vorhersagen,  solche  wie  Hermaphroditen,  formlose 
Fleischklumpen,  hundert  winzige  Kinder  von  Fingergröße  bei 
einer  einzigen  Geburt;  Schildkröten,  Schlangen  und  andere 
Tiere.  Häufig  soll  eine  Frau  zwei  oder  drei  verschiedene  Tiere 
auf  einmal,  oder  ein  Kind  zusammen  mit  einigen  Tieren  geboren 
haben.  Die  Geburt  von  Drillingen  oder  Vierlingen,  sogar  bis 
zu  vier  Malen  hintereinander  durch  dieselbe  Frau,  ist  bisweilen 
vorgekommen.  Die  Leibesfrucht  hat  wohl  den  Weg  ans  Tages- 
licht durch  den  Nabel,  die  Flanke,  die  Brust,  den  Kopf,  ja 
durch  ein  Geschwür  genommen.  Ungeborne  Kinder  haben  ver- 
nehmbar im  Mutterleib  geschrieen,  und  neugeborne  Kinder  haben 
unmittelbar   nach   der   Geburt  verständliche  Worte  gesprochen. 


351 

Frauen  haben  sich  in  Schildkröten  und  Gaviale,  Männer  in 
Esel;  Schlangen,  Schweine  und  Raubtiere  verwandelt,  bald  nur 
teilweise,  bald  gänzlich.  Ganz  kleine  Kinder  sind  auf  die  Stadt- 
wälle geklettert  und  haben  da  Trommeln  geschlagen  und  somit 
rechtzeitig  vor  dem  Herannahen  blutdürstiger  Feinde  und  Auf- 
rührer gewarnt.  Leichname  ohne  Kopf  haben  laute  Prophe- 
zeiungen ausgestoßen.  Verrückte  haben  richtige  Vorhersagungen 
geäußert  und  sind  oft  unmittelbar  hinterher  getötet  worden,  da 
sonst  ihre  übelbringenden  Worte  in  Erfüllung  gegangen  wären. 
Hörner  sind  recht  häufig  aus  menschlichen  Schädeln  hervor- 
gewachsen, und  Barte  aus  dem  AntHtz  junger  Frauen.  Gatten 
haben  ihre  Frauen  verspeist  und  Gattinnen  ihre  Männer. 
Kinder  sind  plötzlich  zu  außerordentlicher  Größe,  bisweilen  zu 
Riesen  angeschwollen.  Riesen  und  Riesenfußspuren  sind  in  ge- 
heimnisvoller Weise  aufgetaucht  und  wieder  verschwunden.  Das 
Auferstehen  von  Toten,  sogar  nach  langem  Todesschlafe  in  der 
Erde,  ist  eine  häufig  erwähnte  Begebenheit  und  kündete  ver- 
heerenden Krieg  und  Pestilenz  an. 

Bei  der  systematischen  Beobachtung  und  Deutung  der 
sonderbaren  Erscheinungen  der  menschlichen  Natur  spielte  stets 
eine  große  Rolle  das  f^  ^,  Deuten  von  Versen,  d.  h.  von  zu- 
fälligen Äußerungen,  die  man  auf  der  Straße,  dem  Markt  oder 
sonstwo  auflas  und  als  bedeutungsvolle  Orakel  mit  Sorgfalt  den 
Behörden  zu  überbringen  pflegte.  Besondere  Aufmerksamkeit 
schenkte  man  ihnen,  wenn  sie  aus  dem  Munde  von  Kindern 
kamen,  da  bei  diesen  völlige  Ursprünglichkeit  gewährleistet, 
jede  bewußte  Absicht  ausgeschlossen  schien.  Da  derartige  Aus- 
sprüche aus  Kindermund  meist  als  ^  ^,  Knabenverse,  be- 
zeichnet werden,  so  liegt  die  Vermutung  nahe,  daß  Äußerungen 
von  Knaben  höher  bewertet  wurden  als  diejenigen  von  Mädchen, 
und  zwar  weil  jene  dem  Jang  angehören  und  daher  mehr 
Sen  oder  Göttlichkeit  als  das  weibliche  Geschlecht  haben. 
Diese  Form   der   Orakeldeutung  muß   gewiß  sehr  alt  sein,   da 


352 

im  Si  Ki  ein  Fall  erwähnt  wird;  welcher  sich  im  achten 
Jahrhundert  v.  Chr.  ereignet  haben  soll.  Zahlreiche  weitere 
Fälle  werden  in  den  dynastischen  Geschichtswerken  und  anderen 
Quellen  berichtet. 

Natürlich  kann  auch  der  ordentliche  Zustand  des  T  a  o  sich 
sowohl  wie  seine  Störungen  in  seltsamen  Erscheinungen  der  Tier- 
und  Pflanzenwelt  offenbaren^  die  ja  auch  ein  beseelter  Unter- 
teil des  Universums  ist.  So  sind  sowohl  früh  im  vorchristlichen 
Zeitalter  wie  später  in  allen  Jahrhunderten  öfters  seltene  Vögel 
von  hoher  Schönheit,  näniHch  ;^)§L.  Fung-Huang,  und 
merkwürdige  Einhörner,  i^J^  Ki-lin,  erschienen  (vgl.  S.  39); 
von  letzteren  gelang  es  sogar,  von  Zeit  zu  Zeit  Exemplare  ein- 
zufangen,  mitunter  auch  weiße.  Drachen,  die  Erzeuger  und 
Sinnbilder  der  Wolken  und  des  Regens  (s.  S.  291)  und  darum 
auch  der  segenspendenden  Kräfte  der  kaiserlichen  Würde,  sollen 
sich  häufig  aus  großen  Strömen  erhoben  haben  als  Vorboten 
großen  Glücks  für  Herrscher,  Beamte  und  Volk.  Doch  sind 
diese  ehrwürdigen  Geschöpfe  zu  erhaben,  als  daß  sie  sich  dem 
profanen  Menschenauge  zeigten.  Geschieht  dies  dennoch,  ver- 
lassen sie  also  ihre  fürstlichen  Paläste  am  Firmament,  dann 
liegt  unbedingt  eine  Störung  des  Tao  vor,  die  einer  im  Tao 
des  Kaisers  entspricht,  weil  dieser  zum  Beispiel  nicht  genau  in 
Übereinstimmung  mit  den  Jahreszeiten  oder  den  echten  Grund- 
sätzen der  Regierung  herrscht.  Jeder  der  fünf  Teile  des  Welt- 
alls hat  seine  eigenartigen  Drachen,  und  zwar  der  Osten  blaue, 
der  Süden  rote,  der  Westen  weiße,  der  Norden  schwarze  und 
die  Mitte  gelbe;  deshalb  muß  jedesmal  beim  Erscheinen  eines 
Drachen  auf  seine  Farbe  genau  geachtet  werden,  um  den  Fall 
richtig  im  Zusammenhang  mit  den  sämtlichen  universistischen 
Faktoren  zu  prüfen  und  zu  deuten.  Ist  das  Tao  in  seinem 
gehörigen  Zustand,  dann  sollen  überhaupt  keine  Drachen  ge- 
sehen werden.  Entdeckt  man  einen  im  Brunnen,  etwa  in  Gestalt 
einer  Eidechse   oder   eines   Salamanders,   dann   ist  offensichtlich 


353 

kaiserliche  Würde  oder  kaiserlicher  Einfluß  durch  Beaniten- 
verrat  bedrängt;  und  findet  man  irgendwo  einen  toten  Drachen 
auf;  dann  ist  es  klar,  daß  der  Himmelssohn  sterben  wird,  oder 
daß  seine  Entthronung  bevorsteht. 

Auch  die  staatliche  Zoomantik  und  Ornithomantik  haben 
durchweg  hauptsächlich  in  der  Beobachtung  und  Untersuchung 
tierischer  Abnormitäten  bestanden.  So  künden  zum  Beispiel 
Vögel  durch  merkwürdigen  Flug  und  außergewöhnliche  Stimm 
töne  Unglück  an;  desgleichen,  wenn  sie  zu  ungewohnter  Zeit 
lernten  und  wegziehen,  oder  an  ungewöhnlichen  Plätzen  ihre 
Nester  bauen,  oder  ihre  eigenen  Nester  verbrennen;  ferner,  wenn 
ihr  Gefieder  ungewöhnlich  gefärbt  ist,  oder  wenn  sie  sich  in 
andere  Vögel  verwandeln  usw.  Besonders  sorgfältig  werden 
die  •  Hühner  beobachtet.  Wenn  Hennen  sich  in  Hähne  ver- 
wandeln, oder  wenn  Hennen  krähen,  so  bedeutet  dies,  daß  der 
Kaiser  geschlagen  und  besiegt,  oder  die  höchste  Gewalt  bald 
von  einer  Kaiserin  oder  Kaiserin -Witwe  ausgeübt  werden  wird. 
Besitzt  eine  Henne  drei  Füße,  so  besagt  dies,  daß  der  Kaiser 
unter  weiblichem  Einfluß  regiert,  was  immer  großes  Unheil  zur 
Folge  haben  kann.  Recht  bedenkliche  Anzeichen  sind  es  auch, 
wenn  Hähne  Hörner  haben,  Eier  legen  oder  in  menschlicher 
Sprache  reden. 

Zu  Deutungen  bietet  sich  ferner  Anlaß,  wenn  besonders 
große  oder  merkwürdige  Fische  oder  Schildkröten  gefangen, 
oder  im  Wasser  oder  in  der  Luft  gesehen  werden,  oder  gar 
in  beträchtlicher  Menge  vom  Himmel  faflen.  Häufig  wird  von 
Schlangen  mit  sechs  Füßen  oder  seltsam  gefärbter  Haut  be- 
richtet; ferner  von  Schlangen,  die  in  den  Palast  des  Kaisers 
oder  in  gewöhnliche  Wohnhäuser  gekrochen  kamen  und  damit 
das  Nahen  von  Mördern  oder  bewaffneten  Rebellen  anzeigten: 
weiter  von  wunderbaren  Tieren  jeder  Art,  wie  sechsfüßigen 
Säugetieren,  Pferden  mit  Hörnern  oder  langem,  fleischigem, 
behaartem  Schweif;  von  Füchsen  mit  neun  Schwänzen,  weißen 

De  Groot,  Universismus. 


354         -, 

Tigern^  Ratten  und  Mäusen;  von  glückverheißenden  weißen 
Kaninchen;  weißen  Schwalben  und  Finken,  blauen  oder  weißen 
Krähen  und  Elstern,  Kaben  mit  drei  oder  vier  Füßen,  und 
allerlei  Vögeln  mit  doppelten  Köpfen.  Gelegentlich  wurden  diese 
seltsanien  Tiere  eingefangen  und  nebst  Bericht  an  den  Hof  ge 
sandt.  Mitunter  sind  wilde  Bestien  in  bewohnte  Städte  als 
Herolde  des  Tao  eingedrungen  und  haben  durch  Gebrüll  in 
den  Straßen  oder  auf  den  Wällen  die  bevorstehende  Zerstörung 
oder  Entvölkerung  der  Stadt  oder  ein  anderes  größeres  Unheil 
angekündigt.  Scharen  von  Wölfen  haben  Verheerungen  unter 
Menschenleben  angerichtet,  um  kundzugeben,  daß  die  kaiser- 
liche Regierung  gänzlich  vom  Tao  des  Himmels  verlassen  sei. 
Füchse  haben  den  nahen  Sturz  von  Kaisern  'dadurch  prophezeit, 
daß  sie  sich  in  ihre  Paläste  und  Privatgemächer  eingeschlichen 
hatten.  Haustiere  haben  Monstrositäten  jeder  Art  in  die  Welt 
gesetzt;  Stuten  haben  Zwillinge,  Steine  und  Kinder  geworfen, 
und  Hengste  Fohlen.  Kühe  haben  in  menschlichen  Lauten  ge- 
sprochen, sich  mit  Pferden  gepaart  und  Einhörnern  (Ki-lin) 
das  Leben  geschenkt.  Hunde  haben  sich  mit  Schweinen  und 
sogar  mit  Frauen  gepaart;  Schweine  haben  Elefanten  hervor- 
gebracht. Auch  Insekten,  besonders  Fliegen  und  Grillen,  sind 
von  Vorbedeutung,  auch  Bienen,  deren  Schwärme  zu  Kriegs- 
zeiten Übel  vorhersagen.  Warnungen  gehen  von  Bäumen  und 
Sträuchern  aus,  wenn  sie  in  merkwürdiger  Weise  ineinander 
oder  aufeinanderzu  wachsen  oder  Blüten  und  Früchte  von 
seltsamer  Art  oder  von  anderen  Pflanzen  tragen ;  auch  von  ein- 
getrockneten oder  verfaulten  Baumstümpfen,  die  plötzlich  frisches 
Grün  oder  Blüten  hervorsprießen  lassen,  und  von  umgestürzten 
Bäumen,  die  sich  von  selbst  wieder  aufrichten;  endlich  von 
Bäumen  und  Sträuchern,  die  im  Winter  grünen  oder  bluten, 
schreien  oder  jammern.  Und  so  könnte  die  Aufzählung  ohne 
Ende  weitergehen  —  ist  doch  in  China  jeder  Gegenstand  durch 
den  lebendigen  Atem  des  Weltalls  beseelt. 


355 

Nimmt  es  da  noch  Wunder,  daß  in  diesem  merkwürdigen 
Lande  Glocken  und  Alarmtrommeln  von  selbst  ihre  Stimme 
haben  erschallen  lassen,  um  vor  nahenden  Feinden,  Rebellen 
und  anderen  Schrecken  zu  warnen?  Klingt  es  da  noch  über- 
raschend, wenn  man  an  den  Toren  des  kaiserlichen  Palastes 
wunderbare  Geräusche  gehört  haben  will,  die  sorgfältig  auf- 
gezeichnet wurden  und  sich  als  geheimnisvolle  Vorzeichen  von 
Rebelhon  und  anderen  großen  Unheilen  erwiesen?  Wenn  Teller, 
Schüsseln,  Töpfe  und  allerhand  anderes  Gerät,  oder  in  Truppen- 
lag-ern  die  Waffen  mit  einem  Male  sonderbare  Töne  hervor- 
gebracht  haben,  die  zumeist  Niederlagen  und  dergleichen  Un- 
heil vorhersagten?  Ganz  zu  schweigen  von  den  wunderbaren 
Dingen,  die  sich  mit  Götter-  und  Buddhabildern  zugetragen 
haben,  welche  z.  B.  geseufzt,  geweint,  geschwitzt,  geblutet,  sich 
bewegt  oder  gar  ihre  Köpfe  abgeworfen  haben.  Solche  wahr- 
nehmbaren Zeichen  haben  sich  noch  häufiger  ereignet  als  Er- 
scheinungen von  Göttern  oder  Sien  als  Boten  des  Universums 
zur  Kundgebung  von  Warnungen  und  Orakeln. 

Nachdem  uns  jetzt  bekannt  geworden  ist,  wie  sich  die 
ffroße,  die  stanze  Welt  umfassende  Kunst  und  Wissenschaft  der 
Mantik  in  Ostasien  bis  auf  diesen  Tag  in  den  Hauptlinien 
gestaltet  hat,  bleibt  noch  zu  erwähnen,  daß  sie  es  auch  alle 
Jahrhunderte  hindurch  verstanden  hat,  den  Sen  oder  göttlichen 
Wesen,  welche  die  zahllosen  Kräfte  der  allgemeinen  Weltseele 
darstellen,  Fingerzeige  und  Anzeichen  über  Kommendes  zu 
entlocken.  Diese  Kunst  wurde  stets  von  Sachkundigen  getrieben, 
sowohl  zum  Nutzen  des  einfachsten  Mannes  aus  dem  Volke 
wie  für  Privat-  und  Staatsangelegenheiten  der  Mandarinen 
und  Kaiser. 

Natürlich  lassen  sich  an  die  Gottheiten  oder  ihre  Bildnisse 

stets  Fragen   aller  Art  mündhch  richten;    man   kann  das  auch 

schriftlich  tun,   indem   man   die   Frage   in  Form    eines  Briefes 

verbrennt,  so  daß  sein  Inhalt  durch  die  Flammen  zur  betreflfenden 
'  23* 


356 

Gottheit  emporgetragen  Avird.  Die  Beantwortung  erfolgt  in 
verschiedener  Weise.  In  den  Tempeln  geben  sie  meistens 
mit  Ziffern  oder  den  Schriftzeichen  der  Zeitkreise  versehene 
Stäbchen^  welche  man  in  einem  Köcher  durcheinander  würfelt, 
um  darauf  unter  der  führenden  Hand  der  befragten  Gott- 
heit eines  herauszuziehen;  von  einem  mit  demselben  Zeichen 
wie  das  Stäbchen  versehenen  Zettel  liest  man  sodann  die  ge- 
druckte Antwort  ab,  welche  mehr  oder  weniger  mystisch  verfaßt 
ist.  Auch  bekommt  man  Antworten  mittels  der  zwei  Hälften 
eines  der  Länge  nach  gespaltenen  ovalen  Stückes  Holz  oder 
Bambuswurzel,  die  also  jede  eine  flache  und  eine  gewölbte 
Seite  haben.  Nachdem  man  seine  Frage  so  gestellt  hat,  daß 
sie  der  Gott  mit  einem  einfachen  Ja  oder  Nein  beantworten 
kann,  so  läßt  man  die  beiden  Klötze  zu  Boden  fallen;  zeigen 
sie  dann  beide  ihre  gewölbte  oder  ihre  flache  Seite,  dann  ist 
die  Antwort  verneinend,  bejahend  dagegen,  wenn  eine  flache 
und  eine  gewölbte  Seite  nach  oben  liegt. 

Sehr  gebräuchlich  ist  es  auch,  Götter  durch  Ruten,  Siebe, 
Besen  oder  andere  Gegenstände  zu  befragen,  die  man  in  der 
Hand  hält  oder  lose  aufhängt.  Der  gewünschte  Geist  soll  dabei 
durch  Beschwörungen  oder  durch  Zauberformeln,  die  man 
aufschreibt  und  verbrennt,  veranlaßt  werden,  in  solch  einen 
Gegenstand  hinabzusteigen  und  dessen  Bewegungen  zu  regeln, 
die  sodann  in  dazu  ausgestreutem  Staub,  Sand  oder  Kleie  eine 
Orakelschrift  zeichnen,  welche  die  Sachverständigen  lesen  und 
deuten.  Begreiflicherweise  lassen  die  Götter  sich  durch  solche 
Zauberformeln  auch  dazu  bewegen,  sich  zeitweilig  in  Menschen 
niederzulassen  und  durch  ihren  Mund  mystische  Orakelworte 
zu  äußern,  die  Sachkundige  auffangen,  niederschreiben  und 
deuteln.  Schon  in  den  ältesten  heiligen  Büchern  werden  solche 
gelegentlich  Besessenen  unter  den  Namen  /j^  ^^  ^i^^  ^^  Hi' 
erwähnt;  wir  erkennen  in  ihnen  also  leicht  eine  heidnische 
Priesterschaft  der  uralten   animistischen   Zeit.     Sie   waren  und 


357 

sind  noch  immer  beiderlei  Geschlechts.  Die  Besessenheit  ver- 
setzt sie  in  einen  Zustand  der  Hypnose,  Ekstase,  Gefühllosig- 
keit, Verlorenheit,  Erstarrung,  aus  dem  sie  erwachen  sobald  der 
Gott  sie  wieder  verläßt;  und  während  dieses  Zustandes  pflegen 
sie  recht  häufig  sehr  anormale  Körperbewegungen  zu  machen 
und  sich  höchst  sonderbar  aufzuführen.  Ihr  Beruf  hat  sich  er- 
klärlicherweise allmählich  mit  dem  des  taoistischen  Priestertums 
(S.  136  ff.)  verquickt  und  umfaßt  auch,  auf  Grund  der  Kraft 
der  Gottheit,  welche  sie  beseelt  und  ihnen  also  zur  Verfügung 
steht,  Exorzismus  und  auf  Exorzismus  gegründete  Kranken- 
heilung. Weibliche  Wu  und  Hi'  treten  sehr  häufig  als  Klar- 
seherinnen auf,  die  in  hypnotischem  Zustande  ihre  Seele  zur 
Einholung  von  Enthüllungen  in  die  Götterwelt  wandern  lassen. 
Es  ist  aber  unnötig,  hier  auf  diesen  Gegenstand  einzugehen, 
da  die  Ergebnisse  meiner  Forschungen  über  dieses  uralte 
Priestertum  und  über  die  Mantik  mittels  Götter  und  Geister 
bereits  in  „The  Religious  System  of  China"  (2.  Buch,  5.  Teil) 
ausführlich  veröffentlicht  sind. 

Träume  sind,  nach  uralter  Auffassung,  Offenbarungen  der 
Seele  des  Träumenden,  welche  den  Körper  verlassen  hat,  um 
zeitweilig  in  der  Geisterwelt  herumzuwandern.  Daß  somit  auch 
die  Traumdeutung  zur  Enthüllung  der  Geheimnisse  des  Welt- 
alls und  der  Zukunft  von  alters  her  eine  große  Rolle  in  China 
gespielt  hat,  ist  eine  SelbstverständHchkeit. 

Unter  allen  Methoden  zur  Erlangung  von  Fingerzeigen 
aus  der  großen  Allseele  hat  eine,  als  uralt  und  besonders  heilig, 
jederzeit  die  allerhöchste  Stellung  eingenommen,  und  zwar  die, 
welcher  der  Grundtext  des  Ji'  gänzlich  gewidmet  ist  und  die 
in  den  heiligen  Büchern  durch  das  Zeichen  ^  J^i  angedeutet 
wird.  Sogar  für  Prüfung  der  Richtigkeit  und  Erwünschtheit 
geplanter  Regierungsmaßregeln  war  sie  immer  die  bevorzugte 
Methode.  Eine  gewisse  Pflanze,  ^  Si  genannt  (Achillea 
ptarmica,  Schafgarbe),   stand  im  Rufe,  ein  besonders  großes 


358 

Quantum  von  Sen  oder  Ling,  der  Weltseele  entlehnter  gött- 
licher Kraft;  zu  besitzen,  angeblich  wegen  ihrer  langen  Lebens- 
dauer und  ihres  Vermögens,  alljährlich  eine  sehr  große  Anzahl 
Stengel  (^  Ts'e')  hervorzubringen.  Diese  Stengel,  ganz  und 
geknickt,  ließen  sich  in  acht  Kombinationen  zusammenlegen, 
welche  der  Zahl  der  Weltgegenden  entsprachen  und  diese  Fi- 
ofuren  ergaben: 


in  welchen  das  Jang  und  das  Jin  durch  die  ganzen  und  die 
geknickten  (gebrochenen)  Linien,  also  durch  die  himmlischen 
und  irdischen  Grundzahlen  1  und  2  (vgl.  S.  321),  vertreten 
waren.  Dieses  in  unseren  Augen  ganz  einfache  Spiel  enthüllte 
der  chinesischen  Weisheit  der  Urzeit  das  verborgene  univer- 
sistische  Urprinzip  und  war  für  sie  daher  das  heilige  Mittel  zur 
Ergründung  von  allem  weiteren,  was  das  Weltall  in  seinem 
Schoß  verbirgt;  enthüllten  doch  die  acht  Figuren,  die  man  ^\\ 
K  u  a  nannte,  das  Gesetz  der  verschiedenen  Mischungen  von 
Jang  und  Jin  während  jedes  Jahrkreises,  d.  h.  jedes  Umlaufes 
des  T  a  0.  Überdies  führte  ein  tieferes  Studium  zur  Entdeckung, 
daß  durch  Vermehrung  der  Zahl  der  Linien  in  jeder  Figur  auf 
4,  5  und  6  die  Anzahl  der  Kua  sich  auf  16,  32  und  64  er- 
höhen ließ  und  somit  stets  das  Mittel  zur  tieferen  Ergründung 
der  Verborgenheiten  des  Tao  bot.  In  dieser  größten  An- 
zahl werden  die  Kua  im  Ji'  besprochen  und  gedeutet.  Li 
diesem  heiligen  Buch  sind  die  Namen  und  die  Bedeutung, 
welche  die  Weisheit  der  Alten  ihnen  beigelegt  hat,  ja  sogar  die 
Bedeutungen  jeder  Einzellinie  in  jeder  Figur,  sorgfältig  wieder- 
gegeben: zwar  wird  nicht  mitgeteilt,  worauf  sie  beruhen,  allein 
wir  wissen  schon,  daß  das  Vermögen  zur  Erkenntnis  und  Deu- 
tung der  Vorzeichen  Sache  der  natürlichen  Begabung  ist.  Es 
kommt  also  für  jeden  Fall,  in  dem  man  die  Weltseele  zu  Rate 
ziehen  will,   nur   darauf  an,   auf  richtige  Weise   sich  ein  Kua 


359 

zu  legen,-  dessen  Deutung  läßt  sich  daraufhin  aus  dem  Ji*  er- 
lesen und  durch  Scharfsinn  näher  erklären.  Wahrscheinlich 
bekam  man  die  Kua  etwa  in  der  Weise  des  auf  S.  356  er- 
wähnten Stäbchenziehens. 

Das  Ji',  das  es  dem  Menschen  ermöglicht,  mittels  der 
Allseele,  die  in  der  Schafgarbe  wohnt,  den  Erfolg  seiner  Un- 
ternehmungen im  voraus  zu  prüfen  und  somit  der  Gefahr  zu 
entgehen,  daß  sein  Tun  nicht  mit  der  Weltordnung  in  Einklang 
sein  könnte,  ist  somit  das  allerwichtigste  unter  den  heiligen  uni- 
versistischen  Büchern.  Konfuzius  selbst  hat  auf  seinen  Wert 
den  Stempel  gedrückt.  Dem  Lun  Jü  zufolge  (VII,  16)  sprach 

wäre  mir  noch  eine  Vermehrung  der  Lebensjahre  beschieden,  so  würde  ich 
fünfzig  davon  dem  Studium  des  Ji'  widmen,  damit  ich  keine  großen  Irr- 
tümer mehr  begehe. 

Daß  die  Kua,  in  einem  Kreise  aufgestellt,  sich  an  die 
zahlreichen  Kreise,  in  welche  die  Chronomantik  die  übrigen 
universistischen  Faktoren  zu  ordnen  pflegt  (s.  S.  328),  legen 
lassen,  und  daß  das  Ji^,  welches  sie  deutet,  dadurch  mit  einem 
Schlage  auch  das  große  Handbuch  für  Chronomantik  wird,  läßt 
sich  leicht  einsehen;  auch  daß,  umgekehrt,  die  genannten  Fak- 
toren dadurch  in  den  Dienst  der  Mantik  des  Ji*  gestellt  werden, 
und  dieses  Buch  mithin  den  großen  Schlußstein  der  Mantik  in 
ihrer  ganzen  Verschiedenheit  an  Formen  bildet. 

Um  aus  der  Allseele  Anzeichen  zu  erhalten,  wurden  im 
ältesten  China  neben  der  Schafgarbe  auch  Schildkröten  ge- 
braucht. Man  nannte  diese  Methode,  wie  noch  heutigentags,  p 
Pu'.  Schildkröten  können  nämHch  ebenfalls,  wie  es  ihre  Riesen- 
exemplare erweisen,  ein  hohes  Alter  erreichen,  was  natürlich 
auf  den  Besitz  einer  kräftigen,  dem  Jang  entlehnten  Lebens- 
seele schließen  läßt.  Man  sengte  aus  diesem  Grunde  ihre 
Schalen  mit  heißem  Eisen,  brachte  dadurch  Risse  und  Linien 
(^|<)  hervor  und  las   daraus   die   Orakel.    Die  Heiligkeit   und 


360 

Vortrefflichkeit  der  beiden  Methoden  war  der  Staatsregierung- 
für alle  Ewigkeit  gewährleistet  durch  ihr  direkt  vom  Himmel 
stammendes  Grundgesetz^  das  Hung  Fan.  In  der  Aufzählung 
der  neun  hohen  Obliegenheiten  des  Fürsten  steht  da  ge- 
schrieben : 

zm^. mm  ±hM.A.7^^bmooom 
m^i^m.mM7!f'<:.\mMm±.mMjtf.A, 

mom^^m=fA,mm.t.mi^.m 

Die  siebente  heißt:  die  Ergründung  des  Ungewissen;  erwälile  und 
setze  Personen  ein  für  die  Mantik  der  Schildkröten  und  Stengel  und  be- 
fiehl ihnen,  diese  Mantik  zu  verrichten.  Bist  du  über  eine  Angelegenheit 
von  Bedeutung  in  Zweifel,  so  gehe  mit  deinem  Gemüt  zu  Rate,  dann  be- 
ratschlage mit  deinen  Ministern  und  Beamten,  dann  pflege  Rats  mit  dem 
Volke  und  ziehe  die  Mantik  der  Schildkröten  und  der  Stengel  zu  Rate. 
Wenn  dann  du  selbst,  die  Schildkröte  und  die  Stengel,  die  Minister  und 
Beamten  und  das  Volk  für  die  Sache  sind,  dann  ist  ein  völliges  gemein- 
sames Einverständnis  da,  das  für  dich  persönlich  auf  Wohlergehen  und 
Kraft  hinweist,  für  deine  Nachkommenschaft  auf  Glück,  das  ihnen  be- 
gegnen wird.  Bist  du  mit  der  Schildkröte  und  den  Stengeln  für  die  Sache, 
aber  sind  die  Minister  und  Beamten  samt  dem  Volke  dagegen,  dann  wird 
sie  glücklich  verlaufen;  dasselbe  wird  der  Fall  sein,  wenn  die  Minister 
und  Beamten,  die  Schildkröte  und  Stengel  dafür,  du  mit  dem  Volke  da- 
gegen bist,  oder  wenn  das  Volk  mit  der  Schildkröte  und  den  Stengeln  dafür, 
du  und  die  Minister  und  Beamten  dagegen  sind.  Bist  du  mit  der  Schild- 
kröte dafür,  und  sind  die  Stengel,  Minister  und  Beamten  und  das  Volk  da- 
gegen, dann  wird,  wenn  die  Angelegenheit  dein  Haus  betrifft,  diese  glück- 
lich verlaufen,  unglücklich  aber,  wenn  sie  die  Außenwelt  angeht.  Wo  Schild- 


kröte   und  Stengel   zusammen    mit   den   Menschen    in  Widerstreit    sind,    da 
bringt  Nichthandeln  Glück,  Handeln  Unheil. 

In  diesen  Zeilen  liegt  uns  das  älteste  und  heiligste  Grund- 
prinzip der  Mantik  der  allerhöchsten  ( )rdnung  vor,  nUnilicli : 
die  Orakel;  welche  die  Weltseele  durch  den  Geist  und  Verstand 
der  Menschen  gibt,  sind  keineswegs  gegen  die,  welche  sie  durch 
Schildkröten  und  Schafgarbe  verleiht,  aufzuheben ;  letzteren 
aber  ist  auf  jeden  Fall  der  ausschlaggebende  Wert  und  die 
entscheidende  Kraft  beizumessen.  Vollständig  begreiflich,  aber 
dennoch  kennzeichnend  erscheint  uns  jetzt  die  Tatsache,  daß 
die  Tsou- Dynastie  für  diese  hohe  Zwillingskunst  viele  Beamte 
in   ihrem   Dienst   hatte.     Kap.  24   des    Tsou   Kuan    erwähnt 

erstens    die    ys^   p  ,    Hauptmantiker  für  die  Schildkröten,   und  schreibt 

dazu:  m^Mzm.-Bm\u,^Bmm.^ 

befassen  sich  mit  der  Methode  der  drei  Ji',  nämlich  der  Li6n-san,  des 
Kwei-tsang  und  des  Ji'  von  Tsou;  für  alle  diese  Methoden  sind  die 
grundlegenden  Kua  acht  und  die  anderen  64  an  Zahl.  Wir  vernehmen 
hier  also,  daß  neben  dem  Ji' von  Tsou,  das  kein  anderes  als 
das  jetzige  Ji'  ist,  noch  zwei  andere  Ji'  bestanden,  die  eben- 
falls die  8  und  die  64  Kua  zur  Grundlage  hatten  und,  da  sie 
zuerst  genannt  werden,  wohl  älter  waren  als  das  Zeitalter  von 
Tsou.  Sie  scheinen  dieses  Zeitalter  aber  nicht  überlebt  zu 
haben,  was  natürlich  nicht  ausschließt,  daß  ihr  Inhalt  ganz 
oder  teilweise  in  das  Ji'  von  Tsou  übergegangen  sein  kann. 
Weiter  erwähnt  das  Tsou  Kuan  die  |>  gjj;  Meister  der 
Sehildkrötenmantik;  ^  J[^ ,  Personal  für  die  Schildkröten:  ^  \y 
Orakeldeuter-,  endlich  ^  \,  Personen  für  die  Stengelmantik,  die 
sich  ebenfalls  mit  den  Methoden  der  drei  Ji*  befaßten.  Es  gibt 
also  Zeugnisse  zur  Genüge,  daß  die  Mantik  der  Schildkröten 
und  die  der  Kua  neben  und  miteinander  getrieben  wurden;  daß 
Idas  alle  Zeiten  hindurch  der  Fall  geblieben  ist,  beweisen  die  zahl- 
[reichen   Schriften,  welche  die  Doppelkunst  hervorgebracht  hat. 


362 

Dieses  Kapitel  hat  also  neue  Beweise  dafür  herbeigebracht, 
daß  die  ffroße  Grundlehre  des  Universismus,  die  Lebensführuno- 
des  Menschen  solle  sich  möglichst  nach  dem  T  a  o  des  Weltalls 
richten^  den  Chinesen  neben  ihrer  Religion  und  ihrem  Staats- 
wesen auch  ihre  Weisheit  und  Wissenschaft  geschenkt  hat. 
Dem  Kaisertum  war  bei  der  Durchführung  dieser  Grundlehre 
vom  Himmel  selbst  die  führende  Rolle  zuerteilt,  und  es  hat 
diesen  Auftrag  mit  strenger  Konsequenz  erfüllt  nach  dem  uni- 
versistischen  Gesetz,  welches  scharf  und  bündig  in  diesen 
Worten    des   heiligen   Li   Jun    (III)    seinen   Ausdruck    findet: 

^m,s.nmnM.mmB%^,Amiiin 

RR  .  So  sollen  dem  Heiligen  (Herrscher)  zur  Regelung  seines  Tuns  Himmel 
und  Erde  die  Wurzel  sein,  J  i  n  und  J  a  n  g  das  Grundprinzip,  die  vier 
Jahreszeiten  der  Halt,  die  Sonne  und  die  Planeten  die  chronometrische 
Richtschnur,  der  Mond  der  Zeitmesser,  die  Kwai  und  Sön  die  Gehilfen, 
die  fünf  Elemente  der  Grundstoff,  die  L  i  und  die  Zeremonien  die  Werk- 
zeuge, die  Natur  der  Menschen  das  (Arbeits)feld. 

Unter  dieser  festen  und  strengen  universistischen  Führung 
hat  die  universistische  Wissenschaft  ihre  Entwicklung  genommen, 
ohne  je  den  Boden  ihrer  erstarrten  Grundformen  zu  verlassen. 
Sie  hat  also  alle  Zeit  den  chinesischen  Geist  in  ihre  Fesseln 
gelegt,  ohne  daß  eine  Wissenschaft  in  unserem  Sinne  neben 
ihr  keimen,  atmen  oder  leben  konnte;  durch  ihre  unzähligen 
Schriften  und  Bücher  schmiedete  sie  sogar  immer  wieder  neue 
Fesseln  um  den  Geist  des  chinesischen  Volkes.  Diese  Schriften, 
durchmischt  mit  Begriffen  und  Lehren  über  Götter  und  Dä- 
monen, bieten  dem  Ethnographen  eine  unerschöpfliche  Fund- 
grube für  Forschungen  über  die  menschliche  Vernunft,  die,  so- 
lange sie  strebt,  nie  zu  irren  aufgehört  hat.  Einen  besonderen 
Wert  mag  solches  Forschungswerk  durch  die  Tatsache  be- 
kommen,  daß   es  in   das   erste  Morgengrauen   der  Menschheits- 


363 

geschichte  zurückführt,  vielleicht  in  eine  Zeit,  als  Babylon  und 
Assyrien  sich  ebenfalls  eine  universistische  Kulturform  geschaffen 
liatten.  Diese  ist  längst  verschwunden;  sie  aus  ausgegrabenen 
Überresten  soweit  als  möglich  kennen  zu  lernen,  ist  die 
Wissenschaft  mühsam  bestrebt;  es  dürfte  dieses  Bestreben  durch 
Kenntnis  des  chinesischen  Universismus,  der  sich  bis  zu  dieser 
Stunde  unversehrt  erhalten  hat,  Erleichterung  und  Förderung 
erfahren.  Vielleicht  wird  eine  Zusammen  Wirkung  auf  beiden 
Gebieten  zu  der  Entdeckung  einer  gemeinsamen  Wurzel  der 
alten  Kulturen  und  Religionen  Asiens  führen:  des  Menschen 
Bewußtsein  seiner  Abhängigkeit  von  der  Macht  des  Weltalls 
und  der  daraus  folgenden  Notwendigkeit,  sich  dieser  Macht 
engstens  anzuschließen  und  anzupassen  zur  Erlangung  ihrer 
Segnungen  und  zur  Beseitigung  ihrer  ihm  schädlichen  Wir- 
kungen. 


Dreizehntes  Kapitel. 

Ocomantik. 

Ein  wichtiger  Hauptzweig  der  universistischen  Kunst  und 
Wissenschaft  muß  noch  in  diesem  Werke  Erörterung  finden^ 
zumal  er  bisher  am  meisten  die  Aufmerksamkeit  des  Auslandes 
auf  sich  gezogen  hat  und  das  erste  war,  wodurch  sich  ihm  das 
eigenartige  Wesen  der  chinesischen  Geistesbildung  in  ihrer 
wahren  Form  enthüllte.  Gemeint  ist  die  Kunst  oder  Wissen- 
schaft;  welche  von  alters  her  die  Frage  zu  lösen  versuchte,  wie 
der  Mensch  sich  dem  Weltall  derart  anpassen  soll,  daß  er 
samt  seinen  Schutzgöttern  und  Ahnen  in  einer  Umgebung  lebt, 
wo  die  günstigen  Einflüsse  des  Tao  der  Welt,  also  des  Jang 
und  des  Jin  des  Himmels  und  der  Erde,  möglichst  zahlreich 
und  kräftig  zusammentreffen.  Nicht  bloß  Häuser,  Dörfer  und 
Städte  sollen  sich  in  einer  so  günstigen  Lage  befinden,  sondern 
auch  Altäre,  Tempel  und  Gräber,  und  zwar  weil  die  Götter  und 
die  Toten,  also  die  S  e  n,  an  die  unter  ihrem  Schutze  lebenden 
Menschen  die  segnenden  Einflüsse  des  Weltalls  unmöglich  ver- 
teilen können,  wenn  ihnen  nicht  selbst  in  ihren  Wohnsitzen  ein 
Überschuß  davon  zuströmt.  Sind  Altäre,  Tempel  und  Gräber 
an  ungünstigen  Orten  angelegt,  dann  weigern  sich  die  Götter 
und  die  Geister  der  Toten  darin  zu  verweilen,  oder  fühlen  sich 
daselbst  so  unbehaglich,  daß  sie  in  ihrem  Arger  den  so  sorg- 
losen Menschen  statt  Segen  Strafe  senden. 

Da  es  sich  bei  dieser  Kunst  und  Wissenschaft  in  erster 
Linie  um  vernünftige  Anpassung  von  Gebäuden  jeder  Art  an  die 
Erde  handelt,    so   steht  nichts   im  Wege,   ihr   den  Namen  Geo- 


365 

iiiantik  beizulegen.  Die  verschiedenen  Teile  der  Erde  entlehnen 
aber  ihre  Einflüsse  den  entsprechenden  Teilen  des  Himmels, 
und  somit  ist  ein  alter  Name  der  Geomantik  ;^i&  K'an  Jü, 
das,  was  Himmel  und  Erde  enthalten;  bereits  im  8i  Ki  (Anhang  ZU 
Kap.  127)  wird  eine  K'an  Jü-Schule  erwähnt,  deren  Weisen 
vom  Kaiser  Wu  (2.  und  1.  Jahrh.  v.  Chr.)  zu  Rate  gezogen 
wurden.  Es  läßt  sich  aber  urkundlich  nachweisen,  daß  die 
Geomantik  noch  viel  älter  ist,  vielleicht  wohl  so  uralt  wie  der 
Universismus  selbst.  Im  Buche  Hi-Tse  (II)  des  Ji*,  dem- 
selben, in  dem  die  Urlehre  des  Universismus  enthalten  ist  (s. 
S.  l)y  wird  nämlich  die  Geomantik  dem  Menschen  zur  Pflicht 
gemacht   in    folgenden  Worten:    f P  J^^  ^  |^  ^  ^ ^  i)fj  J^ 

^M^M^&^^\M^MZ^'^  blickt  hinauf,  um  die 
Zeichnungen  am  Himmel  zu  lesen,  und  blickt  hinab,  um  die  Zeichnungen 
in  der  Erde  zu  erforschen,  denn  aus  ihnen  lernt  man  die  Einflüsse  des  leuch- 
tenden (Himmels)  und  der  dunklen  (Erde)  kennen.  Die  zugleich  mit 
der  Astrologie  auszuübende  Geomantik  wird  also  hier  als  die 
Lehre  der  iljj  ^  Ti  Li,  Zeichnungen  im  Erdboden,  bezeichnet; 
diesen  klassischen  Namen"  hat  sie  bis  zum  heutigen  Tage  ge- 
führt.    Auch  heißt  sie    allgemein    I^I^Htj  Jin   Jang   Su', 

Wissenschaft    oder   Kunst    von    Jin    und   Jang.      Der    gebräUChHchste 

Name  aber  ist  ]^ ';^  Fung  Sui,  Wind  und  Wasser.  Von 
den  Winden  und  dem  Regenwasser,  welches  sie  bringen,  ist 
nämlich  die  Ernährungsmöglichkeit  und  somit  das  Glück 
oder  Unglück  der  Menschheit  vollständig  abhängig  (S.  314); 
Fung  Sui  ist  also  ein  Name  für  die  kostbarsten  Einflüsse 
des  Himmels  und  der  Erde,  welche,  wie  wir  erfahren  haben, 
als  T'iSn  Sen,  himmlische  Götter  von  Wind,  Wolken.  Regen 
und  Donner,  und  als  Ti  K'i,  irdische  Götter  der  Meere  und 
Flüsse,  endlich  noch  als  Drachen  in  der  Staatsreligion  Ver- 
ehrung und  Opfer  genießen. 
fe  Gleichwie  die  Chronomantik  wird  die  Geomantik  beruis- 
mäßii?  betrieben  von  Sachverständigen,  die  allgemein  den  Titel 


366 

von  0j5  Si;  Meister^  führen.  Schon  von  vornherein  läßt  es  sich 
als  selbstverständlich  annehmen^  daß  sie  in  erster  Linie  mit 
denselben  uns  bekannten  Serien  und  Kreisen  von  universistischen 
Faktoren  ausgeübt  wird^  die  in  der  Chronomantik  ihre  Rolle 
spielen,  denn  über  das  Verbinden  und  Verschieben  derselben 
und  ihre  Deutung  mittels  der  K  u  a  ist  die  chinesische  univer- 
sistische  Weisheit  nie  hinaus  gekommen.  Auf  einer  runden 
Holztafel,  welche  die  Form  einer  platten  Schüssel  hat,  in  kon- 
zentrischen Kreisen  zusammengebracht,  mit  einer  winzigen 
Kompaßnadel  im  Mittelpunkt,  stellen  diese  Faktoren  ein 
Zauberinstrument  dar,  aus  dem  alle  geomantische  Weisheit  und 
Kunst  sich  durch  Anstrengung  sachkundiger  Vernunft,  von 
Handbüchern  unterstützt,  herausholen  läßt.  Die  darauf  befind- 
lichen Kan  und  Ki,  welche  (s.  S.  321)  sowohl  die  Zeitteile 
als  die  Kompaßpunkte  darstellen,  verknüpfen  die  Geomantik 
durch  ein  festes  Band  mit  der  Chronomantik  und  ermöglichen 
es  also,  bei  Häuserbau  auch  die  acht  Schriftzeichen  (S.  328) 
der  Bewohner,  bei  der  Anlage  eines  Grabes  die  des  Toten  und 
seiner  Nachkommen  in  der  Berechnung  nützlich  zu  verwerten. 
Da  auch  die  24  gleichen  Perioden,  in  die  die  Chinesen  seit 
alters  das  Sonnenjahr  einzuteilen  pflegen,  in  ihrer  natürlichen 
Reihenfolge  in  einen  der  Kreise  eingeschrieben  sind,  und 
zwar  so,  daß  die  Äquinoktien  mit  dem  Osten  unji  Westen,  die 
Sonnenwenden  mit  dem  Süden  und  Norden  zusammentreffen, 
läßt  sich  auch  tiefsinnig  bestimmen,  zu  welcher  Zeit  des  Jahres 
Bauwerke  irgendeiner  Art  unternommen  werden  sollen,  während 
die  Kan  und  die  Ki  dann  den  Tag  und  die  Stunden  bestimmen. 
Dadurch  können  für  die  Interessenten  große  Unannehmlichkeiten 
entstehen,  weil  Werke,  welche  keinen  Verzug  erleiden  können,  ver- 
schoben, andere  verfrüht  werden  müssen ;  allein  mit  solchen  neben- 
sächlichen Dingen  kann  die  hohe  Geomantik  unmöglich  rechnen. 
Eine  nicht  weniger  wichtige  Rolle  spielen  in  der  Geo- 
mantik die  äußeren  Formen  (^)  von  Bergen,  Höhen,  Felsen, 


367 

Bäumen,  Häusern  und  Gewässern  aller  Art,  also  die  Ti  Li, 
die  Zeichnungen  in  der  Erde,  deren  Wahrnehmung  das  heilige  J  i  * 
der  Menschheit  ans  Herz  gelegt  hat  (S.  365).  In  diesen  Ge- 
staltungen sucht  das  geomantische  Auge  vor  allem  vier  mythische 
Tiere  zu  erkennen,  durch  die  das  Glück  jeder  Gegend  bedingt 
wird.  Man  teilt  nämlich  seit  alten  Zeiten  die  28  Siu  oder 
Hauptsternbilder  (S.  149)  in  vier  Abschnitte  von  je  sieben  ein, 
die  dem  Osten,  Süden,  Westen  und  Norden  entsprechen  und 
bezw.  ^  ^|,  blauer  Drache,  ^  J^ ^  roter  Vogel,  ^  J^,  weißer 
Tiger,  und  ^^  ^^,  schwarze  Schildkröte,  genannt  werden.  Wenn 
möglich,  sollen  die  Formen  dieser  vier  Tiere  sich  zusammen 
nah  oder  fern  an  den  vier  Seiten  nachweisen  lassen;  unent- 
behrlich für  ein  erstklassiges  Fung  Sui  aber  sind  ein  Drache 
und  ein  Tiger,  denn  der  Drache  ist  der  Gott,  der  Wasser 
(§ui)  hervorbringt,  und,  wie  es  im  vierten  Anhang  (Wön  Jon) 
des  Ji'  heißt:  ^^  fl^  M,^  i^^  ^^^  Wolken  kommen  vom 
Drachen  und  die  Winde  (Fung)  vom  Tiger.  Purch  diese  vier  Tiere 
lassen  sich  die  Einflüsse  der  28  Sternbilder  auf  die  verschiedenen 
Unterteile  der  Gegend  nachweisen,  und  damit  ist  das  Band 
zwischen  Geomantik  und  Astrologie  von  selbst  geknüpft.  Es 
ist  aber  gar  nicht  nötig,  daß  die  Linien  und  Umrisse  der 
Landschaft  irgendwelche  AlmHchkeit  mit  Tieren  zeigen;  ein 
Haus,  Grabmal,  Fels,  Stein,  Baum  oder  Gebüsch  kann  theo- 
retisch eines  der  günstigsten  Tiere  darstellen.  Ein  Drache  genügt 
schon  allein,  um  ein  gutes  Fung  Sui  darzustellen;  dagegen 
sind  die  anderen  Tiere  ohne  den  Drachen  wertlos.  Im  Hause, 
das  in  der  richtigen  Lage  bei  einem  Drachen  und  einem  Tiger 
steht,  oder  das  dort  das  Grab  eines  Ahnherrn  besitzt,  werden 
sicherlich  Zivil-  und  Militärstaatsdiener  geboren  werden:  ist 
doch  der  Drache  das  Sinnbild  der  kaiserlichen  Regierung  und 
der  Tiger  das  von  Tapferkeit,  Kraft  und  Mut. 

Es    gibt    auch    nachteilige,    sogar    tötende    Einflüsse    der 
Winde,  besonders  der  nördlichen,  und  es  ist  Aufgabe  der  Geo- 


368 

mantik;  dafür  zu  sorgen,  daß  sie  durch  Höhenzüge,  Felsen, 
Bäume  usw.,  oder  sogar  durch  alberne  Kunstmittel  wie  Stein- 
haufen und  Baumgestrüpp  abgewehrt  werden.  Es  ist  nun  gar 
nicht  erforderlich,  daß  sie  diese  Aufgabe  in  Wirklichkeit  er- 
füllen; es  genügt  bereits,  wenn  sie  überhaupt  sichtbar  sind,  und 
sei  es  nur  am  fernen  Horizont.  Wie  in  jeder  falschen  Wissen- 
schaft, ist  in  der  Geomantik  Theorie  immer  Trumpf,  und  so 
kann  z.  B.  ein  kleiner  Felsblock  eine  ganze  Gegend  vor  schäd- 
lichen Windeinflüssen  schlitzen,  wenn  sie  einfach  dem  Auge  in 
der  Perspektive  eine  verhängnisvolle  Öffnung  in  entfernten 
Höhenzügen  verdeckt. 

Träger  der  ^  ÜJ^  S  u  i  S  6  n  oder  ;(JC  ^  S  u  i  L  i  n  g, 
der  göttlichen  Wasserkraft,  sind  Flüsse,  Bäche,  Kanäle,  Teiche, 
sogar  Abflußrinnen;  ihnen  ist  also  bei  geomantischen  Orts- 
bestimmungen ganz  besonders  Rechnung  zu  tragen.  Selbst  im 
ausgetrockneten  Zustand  sind  sie  im  Besitz  dieser  göttlichen 
Kraft.  Windungen  und  Biegungen  von  Wasserläufen  geben  zu 
tiefsinnigen  Betrachtungen  Anlaß.  Teiche  werden  gegraben,  um 
Landstrichen,  Tempeln  und  Mausoleen  belebende  Wasserkraft 
zuzuführen;  selbst  bei  der  Anlage  von  Rinnen  in  Wohnungen 
und  außerhalb  wird  Lage,  Form,  Breite  und  Richtung  geo- 
mantisch  berechnet. 

Wir  wissen,  daß  man  sich  in  China  Himmel  und  Erde 
und  jeden  ihrer  Unterteile  als  beseelte,  lebende  Wesen  denkt. 
Das  Fung  Sui  von  jeder  Gegend,  durch  die  Umgebungen 
gebildet,  ist  also  ein  Organismus  von  verschiedenen  Sen  oder 
Göttern,  die  sich  durch  Ling  oder  göttlit-he  Wirkung  kennzeichnen, 
welche  auf  die  daselbst  wohnenden  Menschen  in  allerhand  Arten 
und  Weisen  segnend  einwirkt,  am  kräftigsten  aber,  wenn  die 
Unterteile  der  Gegend  Zufuhr  von  ^^  t'iön  Te',  himm- 
lischer Kraft  oder  Tugend,  von  den  Sternen  empfangen,  unter  deren 
Einfluß  sie  stehen  (vgl.  S.  281j.  Das  Ling  kann  sich  somit 
auch  unwirksam  verhalten,   auch   endgültig  erlöschen   und  also 


369 

für  die  Menschen  wertlos  werden;  es  heißt  dann,  das  Fung 
8ui  sei  tot.  Auch  kann  das  Ling  sich  auf  einer  bestimmten 
Stelle  des  Fung  Sui  besonders  anhäufen,  dagegen  an  anderen 
Stellen  gänzlich  dahinschwinden;  es  kann  bald  an  der  Ober- 
Hache  strömen  ('^),  bald  in  der  Tiefe  verborgen  sein,  sich  an 
einer  und  derselben  Stelle  bald  stärker  bald  schwächer  oflfen- 
baren,  usw.  Natürliche  Begabung  setzt  den  tüchtigen  Geomanten 
instand,  sich  über  alle  solche  Einzelheiten  mit  Entschiedenheit 
auszusprechen.  Er  weiß  auch  den  ^Yert  des  Fung  Sui  noch 
nach  vielem  anderen  abzuwägen,  das  sein  Seherblick  in  den 
Landschaftslinien  zu  entdecken  vermag.  Ist  z.  B.  eine  Höhe 
von  einem  etwas  wuchtigen  Felsblock  gekrönt,  so  kann  sein 
Urteil  lauten,  daß  aller  Wohlstand  in  der  Gegend  in  seinem 
Aufschwung  gehemmt,  wenn  nicht  sogar  vollständig  „zermalmt" 
[JM)  wi^d?  ^^^  daß  folglich  daselbst  nur  Unglück  und  Armut 
herrschen  können.  Zeigt  ihm  jedoch  der  Bergumriß  die  Form 
einer  Schlange,  und  erweckt  dabei  eine  Wohnung  oder  ein  Fels- 
block in  der  Nähe  des  Kopfes  dieses  Tieres  den  Gedanken  an 
eine  Perle,  die  von  der  Schlange  ausgespien  sein  könnte,  dann 
wird  der  Fung  Sui  alle,  die  innerhalb  seines  Bannkreises 
wohnen  oder  ihre  Toten  begraben,  reich  machen.  Enthüllt  sich 
dem  Auge  des  gelehrten  Mannes  im  Gebirge  das  Bild  dreier 
dicht  beisammen  stehender  Zacken,  dann  ist  ihm  das  ein  Be- 
weis dafür,  daß  auf  die  Söhne  und  Enkel  der  in  der  Nähe 
Wohnenden  hohe  Lorbeeren  bei  den  Staatsprüfungen  und  somit 
ansehnliche  Ämter  warten;  ist  es  doch  in  der  Gelehrtenwelt 
bräuchhch,  sich  auf  dem  Schreibtisch  einen  kleinen  Gegenstand 
in  Gestalt  eines  dreizackigen  Hügels  zu  halten  und  zwischen 
die  Zacken  die  Spitze  des  Schreibpinsels  zu  legen,  damit  niclit 
etwa  die  Tusche  die  Tischplatte  beflecke.  Spitzfindigkeit  kann 
natürhch  in  den  Umrissen  der  Landschaft  alles  mögliche  ent- 
decken, was  man  sich  wünscht.  Werke  über  Geomantik  ent- 
halten ganze  Listen  von  solchen  Formdeutungen. 

De  Groot,  Univeisismns.  "* 


i 


370 

Eine  führende  Rolle  ist  im  System  der  Geomantik  den 
fünf  Elementen  zugewiesen.  Es  wird  z.  B.  als  selbstverständlich 
angenommen,  daß,  wenn  in  einer  Höhengestaltung  das  Element 
Feuer  vorherrscht,  Feuerbrünste  in  der  Umgebung  häufig  vor- 
kommen müssen,  es  sei  denn,  daß  diese  Wirkung  durch  eine 
andere  Gestaltung,  in  der  Wasser  vorherrscht,  aufgehoben  wird. 
Noch  verhängnisvoller  wird  die  Lage,  wenn  unweit  des  Feuers 
sich  in  den  Gestaltungen  das  Element  Holz  nachweisen  läßt. 
Wehe  auch  der  Gegend, .  wo  das  Element  Erde  durch  Wasser 
überwogen  wird,  denn  da  drohen  Überschwemmungen.  Wird 
eine  Gegend  öfters  von  bewaffneten  Räubern  heimgesucht,  dann 
entdecken  Geomanten  in  der  Umgebung  leicht  eine  Anhöhe, 
deren  Form  auf  Metall,  also  auf  Waffen,  hinweist.  Sollten  die 
Bewohner  in  solchen  ungünstigen  Orten  ihre  Toten  begraben, 
so  wird  ihr  durch  das  Fung  Sui  bedingtes  Schicksal  noch 
erheblich  verschlechtert.  Dagegen  ist  mit  gutem  Fung  Sui 
jeder  Ort  gesegnet,  wo  Feuer  und  Wasser  gleichmäßig  regieren; 
da  wachsen  die  Feldfrüchte  üppig  und  da  herrscht  Kinder- 
segen. 

Es  ist  eine  alte  Lehre,  die  bereits  vor  2000  Jahren  durch 
Liu  Ngan  in  seinen  Schriften  verkündigt  wurde,  daß  die 
Elemente  einander  besiegen  (^  oder  ^),  vernichten  (]^), 
schädigen  (^)  und  hervorbringen  (^)  können.  Holz  (Wachs- 
tum) besiegt  Erde  und  bringt  Feuer  hervor;  Erde  überwältigt 
oder  beeinträchtigt  Wasser  und  erzeugt  Metall;  Wasser  ver- 
nichtet Feuer  und  schafft  Holz ;  Feuer  besiegt  J^Ietall  und  bringt 
Erde.  (Asche)  hervor;  Metall  vernichtet  Holz  und  erzeugt  (wenn 
es  schmilzt)  Wasser  usw.  Eine  Unmasse  von  geomantischer 
Theorie  hat  sich  aus  diesem  Unsinn  entwickeln  können,  Hand 
in  Hand  mit  einer  praktischen  Kunst  zur  Verbesserung  und 
Regulierung  der  Gelände-  und  Höhenformen.  So  wissen  die 
Fung  S  u  i  -  Gelehrten  z.  B.  den  üblen  Einfluß,  der  von  einem 
flammenförmig  gezackten  Felsen   ausgeht,   dadurch   zu  lähmen, 


371 

daß  man  in  der  richtigen  Entfernung,  die  bis  auf  den  Zoll 
ausgerechnet  wird,  einen  Teich  oder  Wassergraben  anlegt. 
Oder  es  wird  einfach  von  dem  gefährlichen  Felszacken  der 
scharfe  Gripfel  entfernt;  oder  der  Zacken  wird  etwas  abgerundet, 
wodurch  er  ein  anderes  Element  wird,  das  gerade  an  der  Stelle 
fehlte;  oder  man  leitet  einen  Bach  oder  Graben  nach  der 
Stelle  hin,  um  das  unerwünschte  Feuer  zu  löschen  oder  in 
seiner  Wirkung  zu  beschränken.  Auch  läßt  sich  ein  Boden, 
der  flach  ist  und  deswegen  die  Einflüsse  des  Elementes  Erde 
besitzt,  in  Feuer,  Holz  oder  ein  anderes  Element  verwandeln 
durch  die  Errichtung  von  Steinhaufen  bestimmter  Gestalt.  ^lit 
der  Absicht,  in  dieser  Weise  das  Fung  Sui  von  Städten, 
Dörfern  und  Tälern  zu  verbessern,  sind  in  China  auch  zahl- 
reiche Türme  oder  Pagoden  erbaut  worden,  in  vielen  Fällen 
unter  großem  Aufwand  von  Kosten  und  Arbeit. 

Die  Anwesenheit  der  Elemente  in  den  Gestaltungen  des 
Bodens  gilt  noch  besonders  für  eine  Sache  höchster  Wichtig- 
keit deswegen,  weil  sie  eines  der  Hauptbande  ist,  die  Himmel 
und  Erde  geomantisch  verknüpfen.  Seit  alters  sind  nämlich  in 
China  den  fünf  Planeten  die  Namen  der  fünf  Elemente  bei- 
gelegt worden,  und  deswegen  ist  Merkur  die  himmlische  flacht, 
welche  Wasser  regiert,  Mars  die  des  Feuers,  Jupiter  die  des 
Holzes,  Venus  die  des  Metalls,  Saturn  die  der  Erde.  Folglich 
läßt  sich  von  jedem  Stück  Erdboden  auf  Grund  seiner  Gestalt 
bestimmen,  unter  den  Einflüssen  welches  Wandersterns  und 
welcher  von  diesem  durchquerten  Gestirne  es  sich  befindet. 
Kein  Wunder,  daß  bei  der  Auswahl  einer  Baustelle  für  ein 
Haus,  Grab  oder  Tempel  die  Geomanten  vor  allem  den  Ele- 
menten Rechnung  tragen,  die  an  der  betreffenden  Stelle  vor- 
herrschen. Steiniger  Boden,  kahle  Felsen,  lockeres  Geröll  ver- 
körpern mit  ihrem  ausgedörrten  Aussehen  und  ihren  an  flackernde 
Flammen  erinnernden  Umrissen  das  Element  Feuer.  Jeder  an 
solcher  Stelle   eingebettete  Sarg  würde  rasch   modern   und  der 

24* 


372 

Seele  also  keinen  dauernden  Schutz  bieten;  er  würde  dort  unter 
einem  ebenso  schlechten  Fung  §ui  liegen  wie  in  einem  Boden, 
der  vom  Wasser  beherrscht  ist.  Auch  spitz  auslaufende  Berge 
und  Hügel  verkörpern  das  Feuer.  Ist  dagegen  der  Gipfel  sanft 
gerundet;  so  herrscht  das  Metall  vor.  Wenn  Höhen  steil  und 
kühn  emporragen,  so  soll  ihnen  das  Element  Holz  innewohnen, 
offenbar  weil  diese  Form  an  den  Wuchs  der  Bäume  erinnert. 
Bildet  eine  Kuppe  eine  erdige  oder  lehmige  Terrasse,  so  ist  das 
Element  Erde  darin  vorwiegend.  Natürlich  kann  eine  Boden- 
erhebung zwei  oder  mehrere  dieser  Formen  aufweisen  und  dem- 
entsprechend mehrere  Elemente  verkörpern.  Es  versteht  sich, 
daß  ein  Geomant  Feuer  annimmt,  wo  ein  anderer  Metall  oder 
Wasser  erblickt.  Jedoch  solche  Meinungsverschiedenheiten  haben 
auch  ihre  Vorteile,  denn  sie  setzen  die  Kundschaft,  welche  es 
sich  leisten  kann,  mehr  als  einem  Gelehrten  seinen  Rat  ab- 
zukaufen, instand,  mehrere  Urteile  gegeneinander  abzuwägen, 
bis  nach  langem  Abwägen  und  Bezahlen  das  richtige  Fung' 
hui  getroffen  wird.  Auch  läßt  sich  auf  diese  Weise  die  Ent- 
scheidung im  Interesse  des  Geldbeutels  der  Geomanten  recht 
hübsch  in  die  Länge  ziehen. 

Es  treten  also  in  der  Geomantik  deutlich  zwei  Systeme 
hervor,  nämlich  eines,  das  hauptsächlich  mit  den  verschiedenen 
universistischen  Faktoren  arbeitet,  und  eines,  das  auf  die  ]f^ 
^-,  Gestaltungen  und  Formen,  das  Schwergewicht  legt.  Daß  auch 
letzteres  schon  zur  Zeit  der  Han-Dynastie  bestand,  lehrt  uns 
das  30.  Kapitel  der  Ts*iön  Han  Su,  das  über  ^b  ^,  wissen- 
schaftliche Literatur,  handelt;  da  wird  eine  ^^  ^,  Methode  der  Ge- 
staltungen,  erwähnt,  mit  folgender  Erklärung :    ^  J^  ^^  jjt\  ^ 

^  (#)  i^  Jt  ÄE  Iß  ^  ^  ?^;  «ie  hebt  ausführlich  die  Ge- 
staltungen  in  den  neun  Provinzen  hervor  und  basiert  darauf  die  Formen 
von  Städten  und  Wohnungen.  Unter  sechs  Werken  dieser  Schule 
wird  auch  eines  mit  dem  Titel  ^  ^  j^  -J^  ZL  ~f"  ^,  Boden- 
gestaltungen   für    Paläste    und    Häuser,    in    20    Kapiteln,    erwähnt.     Es 


373 

scheint^  daß  diese  „Formenschule"  seit  dem  9.  Jahrhundert  der 
anderen  überlegen  gewesen  ist  infolge  des  Einflusses  des  damals 
lebenden  berühmten  kaiserlichen  Geomanten  ^  J§>fö  Jang 
Jun-sung.  Da  dieser  Großmeister  seine  letzten  Lebensjahre 
in  ^  ^H  K  a  n  - 1  s  0  u  in  der  Provinz  K  i  a  n  g  -  s  i  verbrachte, 
heißt  seine  Schule  die  Kan-tsou-  oder  Kiang-si- Schule.  Er 
führte  die  Einflüsse  der  Gestaltungen  hauptsächlich  auf  Drachen 
zurück,  d.  h.  auf  die  durch  Wasser  gebildeten  Einschnitte  und 
Aushöhlungen  im  Boden,  und  so  führt  eine  seiner  Schriften  den 
Titel  ^  ~f"  >?^  ^1  ^;  das  Buch  der  36  Drachen.  Daß  diese  Schule 
leicht  die  Oberhand  gewann,  läßt  sich  wohl  daraus  erklären, 
daß  sie  jedem,  der  über  sehende  Augen  und  Einbildungskraft 
verfügt,  die  Ausübung  der  Geomantik  und  die  Erwerbung  einer 
gut  zahlenden  Kundschaft  sehr  erleichtert,  und  überdies  auch 
Laien  und  alten  Frauen  erlaubt,  über  Drachen,  Tiger  und  Ele- 
mente urteilsfähig  mitzufaseln,  vor  allem,  wenn  es  die  Gräber 
ihrer  Toten  anbelangt,  für  welche  jedermann  verpflichtet  ist, 
hohes  Interesse  zu  hegen  und  zu  bekunden. 

In  der  offiziellen  Geomantik  der  kaiserlichen  Regierung, 
deren  Ausübung  natürlich  auch  dem  K^in  T  iön  Kißn  auf- 
erlegt ist,  hat  die  Formenschule  die  Oberhand.  In  den  Sta- 
tuten dieser  Behörde  (Ta  Ts'ing  hui  Tiön,  Ausgabe  1899) 
steht  geschrieben: 

It  It  ^  m  +  A  o  ^  #  ^  Hc  0  ü  Mb  ^  *  o 

zM.it^mMm!^i>:^om^i^z^m. 


L 


374 

n.Am.m\uz'mm.AM\ii'^.mniZm 

Die  zehn  chinesischen  Meister  des  Jin  und  Jang-:  sie  beschäftigen 
sich  mit  den  zu  beobachtenden  richtigen  Stunden  (für  kaiserliche  Zere- 
monien usw.),  mit  der  Bestimmung-  von  geeigneten  Tagen  und  mit  der 
Wahl  von  Grundstücken.  Die  Kunst  des  Erwählens  von  Grundstücken:  in 
den  höheren  und  tiefer  liegenden  Teilen  der  Bodengestaltungen  beobachten 
sie  die  Bewegungen  des  Atems  (d,  h.  des  Sen  oder  Ling),  und  aus  den 
Windungen  der  Bodengestaltungen  ersehen  sie,  wo  der  Atem  stillsteht. 
Bei  der  Gründung  einer  Stadt  nehmen  sie  die  von  Bergen  und  Flüssen 
gebildeten  Adern  wahr,  welche  die  Stelle  umfassen,  und  bei  dem  Entwurf 
von  Palästen  und  Häusern  erforschen  sie  die  gedeihenverheißenden  Formen- 
linien, welche  sich  daselbst  befinden  oder  dort  herabsteigen.  Was  die 
feineren  und  subtileren  Fingerzeige  (der  Gestaltungen)  betriift,  so  wende 
man  die  genaueste  Aufmerksamkeit  den  Drachenhöhlen,  dem  Sand  und  dem 
Wasser  zu.  Drachen  bilden  nämlich  den  lebenden  Atem  der  Erde;  wo  ein 
Drache  sich  aufhält,  da  macht  er  eine  Höhle,  wo  er  in  seiner  Höhle  sitzt, 
da  liegt  der  Berg  oder  Hügel,  der  die  Gegend  überherrscht,  und  wo  er 
emporsteigt,  da  ist  der  Ausgangsberg.  Bestimmet  also  den  Drachen  im  Aus- 
gangsberg und  bestimmet  auch  die  Höhle  des  Drachen  im  überherrschenden 
Berge;  beiderseits  der  Höhle  bilden  die  vorliegenden  Anhöhen  den  Sand, 
und  die  niedrigen  Stellen  das  Wasser;  ist  nun  der  Drache  wirklich  da  und 
die  Höhle  richtig,  der  Sand  ringsumher  gelagert,  während  Wasser  zufließt, 
dann  ist  da  eine  glückverheißende  Gegend.  Das  sind  im  allgemeinen  die 
wichtigsten  Grundsätze  der  Formenschule,  wozu  dann  noch  die  fünf  Ele- 
mente und  die  neun  Himmelslichter  kommen  zur  Erforschung  des  Charakters 
und  der  Eigenschaften  der  Berge,  sowie  die  acht  K  u  a  und  die  neun  Teile 
des  Weltganzen  zur  Berechnung  des  zirkulierenden  Atems  der  Erde;  und 
was  noch  weiter  hinzukommt. 

Weil  die  Geomantik  sich  vornehmlich  mit  der  Anweisung 
von  Grabstellen  beschäftigt,  greift  sie  besonders  tief  in  das 
Volksleben  ein.  Die  Toten  werden  nämlich  in  China  nicht  in 
dazu  angewiesenen  Friedhöfen  beerdigt,  sondern  überall,  wo 
sich  dazu  Gelegeliheit  bietet  und  das  Fung  Sui  für  gut  ge- 
halten  wird.     Allezeit   war    im    chinesischen   Volke    die   Über- 


375 

Zeugung  eingewurzelt,  daß  die  Toten  in  einem  Boden,  auf  den 
Himmel  und  Erde  günstig  einwirken,  sich  behaglich  fühlen  und 
deswegen  die  Nachkommen  reich  und  glücklich  machen  und  ihnen 
Posten  im  Staatsdienst,  sogar  die  höchsten,  verschaflfen.  Der  Be- 
sitz einer  Staatsstellung  ist  gleichbedeutend  mit  Ehre  und  Rulim, 
Wohlstand  und  Reichtum,  Einfluß  und  Macht  in  diesem  und 
im  künftigen  Leben  und  ist  somit  den  Ahnen  recht  erwünscht, 
weil  ihnen  eine  so  beglückte  Nachkommenschaft  reiche  Opfer 
und  ausgiebige  Verehrung  darbringt  und  ihnen  überdies  in  der 
Welt  der  Geister  Macht  und  Einfluß  sichert.  Diese  Gedanken 
kommen  schon  in  der  Staatsgeschichte  der  ersten  H  an -Dynastie 
mehrmals  zum  Ausdruck.  Auch  Kaiserhäuser  waren  stets  von 
dem  Glauben  beherrscht,  daß  ihr  Glück,  ihre  Zukunft  und 
Dauer  vom  Fung  §ui  der  Grabstätten  ihrer  Ahnen  abhinge; 
und  eine  so  hohe  Bedeutung  legt  die  jetzige  Dynastie  dem 
Fung  Sui  ihrer  Ahnengräber  bei,  daß  sie  den  Höhenzügen, 
welche  sie  umgürten  und  ihr  Fung  Öui  bilden,  im  Pantheon 
der  Staatsreligion  einen  Platz  gewährt  neben  den  heiligsten 
Bergen  des  Reiches  (s.  S.  193  f.). 

Gräber  sind  also  Fetische,  d.  h.  Gegenstände,  deren  inne- 
wohnende Seelen  man  zur  Spendung  von  Segen  zwingt.  Das 
dazu  angewandte  Mittel,  die  Geomantik,  hat  somit  den  Ahnen- 
kult, einen  so  überaus  heiligen  Teil  der  chinesischen  Religion, 
in  Fetischismus  umgewandelt,  indem  es  die  Kinderpflicht  für 
Körper  und  Seele  der  Toten  zu  Nebensächlichem  erniedrigte, 
dagegen  die  menschliche  Selbstsucht  zur  Hauptsache  machte. 
Soll  das  Fung  Sui  seine  Wirkung  auf  das  Grab  nicht  ver- 
fehlen, dann  muß  es  direkt  entweder  auf  die  eingebettete  Leiclie 
einwirken  oder  auf  den  Grabstein,  der  den  Toten  und  seine 
Seele  vertritt,  weil  dessen  Name  darauf  gemeißelt  ist.  Gleich- 
wie das  Fung  Sui  jedes  Hauses  und  Tempels,  ist  das  eines 
Grabes  ein  mühsam  zusammengesetztes  Gewebe  von  himmlischen 
und  irdischen  Kräften  oder   §6n,   die   sämtlich  harmonisch  zu- 


376     . 

sammenstimmen  und  ineinandergreifen  sollen  wie  ein  Räder- 
werk^ in  dem  das  Versagen  des  kleinsten  Teilchens  Stockung 
und  Stillstand  des  ganzen  zur  Folge  haben  kann.  Diese  über- 
große Empfindhchkeit  macht  die  sachverständige  Leitung  der 
Fung  Sui-Meister  unentbehrlich  und  ermöghcht  es  ihnen,  sich 
jederzeit  auf  die  so  leicht  eintretenden  Störungen  zu  berufen, 
falls  ihre  Voraussagungen  über  die  segnende  Wirkung  des  Grabes 
nicht  in  Erfüllung  gehen.  Ohne  weiteres  entschuldigen  sie  sich 
mit  der  Behauptung,  das  Fung  Sui  sei  in  seiner  Anlage  vor- 
trefflich gewesen,  sei  aber  durch  irgendeinen  Zufall  oder  bösen 
Streich  feindseliger  Nachbarn  verwundet  (f^)  oder  sogar  ge- 
tötet  (^)  worden. 

Schon  eine  geringfügige  Kleinigkeit  vermag  ein  Fung 
Sui  tödlich  zu  verletzen,  so  ein  Stein,  den  man  achtlos  von 
seiner  Stelle  rückt  oder  den  ein  Fremder  hingelegt  hat,  um  das 
Fung  Sui  eines  ihm  angehörigen  Grabes  zu  verbessern;  die 
Errichtung  eines  Grenzzeichens;  eine  Hütte  oder  ein  Schuppen, 
die  man  unweit  des  Grabes  oder  auf  einer  Anhöhe  gebaut  hat, 
und  ähnliches  mehr.  Nichts  aber  ist  so  verhängnisvoll  für  ein 
Grab,  als  wenn  ein  anderes  in  der  Nähe  angelegt  wird.  Ge- 
wöhnlich tritt  sodann  der  Fung  Sui-Meister  auf  den  Plan 
und  macht  die  Familie  darauf  aufmerksam,  daß  das  neue  Grab 
den  Einfluß  irgendeines  vortrefflichen  Wasserlaufes  unterbricht 
oder  die  göttliche  Wirkung  (Ling),  die  vom  Schwanz  oder 
Bein  des  Drachen  oder  Tigers  ausgeht,  hemmt,  und  daß  die 
Familie  also  einschneidende  Maßnahmen  zu  ergreifen  habe, 
wenn  nicht  das  schwerverletzte  Tier  verbluten  und  somit  das 
ganze  Fung  Sui  hinschwinden  solle.  Verhandlungen  mit  den 
Eigentümern  der  neuen  Grabstelle  verlaufen  in  der  Regel  er- 
gebnislos, weil  auch  diese  ihr  Recht  verfechten  und  auch  ihre 
Geomanten  bereits  reiche  Bezahlung  für  ihre  Arbeit  zur  Er- 
werbung der  Grabstätte  genossen  haben.  Nur  eine  Entschädigung 
in  barer  Münze  könnte  die  Entfernung  des  gefährlichen  neuen 


377 

Grabes  erwirken;  scheitert  aber  auch  dieses  Mittel  infolge 
hochgeschraubter  Ansprüche  der  anderen  Partei,  so  kommt 
es  wohl  zum  Prozeß,  der  beide  Parteien  der  Habsucht  der 
Mandarinen  und  ihrer  Trabanten  ausliefert  und  großenteils  oder 
gänzlich  ruiniert.  Nicht  selten  werden  die  Streitenden  hand- 
gemein und  schreiten  zu  Gewalttätigkeiten  aller  Art,  vor  allem 
falls  die  eine  Partei  das  neue  Grab  mit  Hacken  und  Spaten 
angreift,  öffnet  und  entweiht.  Dann  kann  die  Gegenpartei 
nicht  umhin,  entsprechende  Vergeltungsmaßregeln  zu  ergreifen; 
Schlägereien  zwischen  den  beiden  Ortschaften,  Brandstiftung, 
Zerstörung  der  Feldfrüchte,  Verschleppung  von  Männern, 
Frauen  und  Kindern  als  Geiseln  zur  Erpressung  von  Löse- 
geldern, Raub,  Mord,  folgen  unvermeidlich;  kurz  regelrechter 
Bürgerkrieg  ist  an  der  Tagesordnung. 

Nunmehr  können  die  Mandarinen  es  nicht  unterlassen, 
zur  Wiederherstellung  der  Ordnung  kräftig  einzugreifen.  Sie 
entsenden  dazu  Soldaten,  und  diese  erpressen  von  der  Be- 
wohnerschaft so  lange  und  so  unbarmherzig  Geld  und  Lebens- 
mittel, bis  kein  Scheffel  Reis,  keine  Kupfermünze  mehr  aufzu- 
treiben ist.  Inzwischen  läßt  sich  die  Behörde  die  Rädelsführer 
bringen  und  straft  sie  bald  väterhch  mit  Stockschlägen,  bald 
mit  der  ganzen  fürchterlichen  Schwere  des  Gesetzes  wegen 
Gräberschändung. 

Es  können  auch  Störungen  des  Fung  Sui  ganzer  Ort- 
schaften stattfinden  und  zu  Fehden  zwischen  Stämmen  und 
Dörfern  führen.  Eine  zu  Bewässerungszwecken  angebrachte 
Veränderung  des  Laufes  eines  Gewässers  oder  der  bisherigen 
Kontur  einer  Anhöhe  durch  eine  neugebaute  Hütte  und  ähnliche 
g-erinrfüffiffe  Anläße  können  ernsthch  das  Fung  Sui  von 
Landschaften  schädigen,  was  sich  durch  schlechte  Ernten, 
sinkenden  Wohlstand  und  Unglücksfälle  jeglicher  Art  kennbar 
macht.  Nicht  selten  erfolgen  Angriffe  gegen  das  Fung  Sui 
feindhcher   Nachbarn  aus  böser  Absicht  heraus,   und   man  hat 


378 

Beispiele  verzeichnet;  daß  die  ganze  männliclie  Bewohnerschaft 
eines  Ortes  sich  tagelang  abgemüht  hat,  das  Glück  eines 
Nachbardorfes  durch  Abtragung  eines  Hügels,  Einebnung  einer 
Bodenerhebung,  Verletzung  eines  Drachengliedes  zu  untergraben 
oder  zu  vernichten. 

Auch  in  Städten  sind  Feindseligkeiten  wegen  Verletzung 
des  Fung  Sui  gang  und  gäbe.  Häusliche  Ausbesserungs- 
arbeiten, der  Bau  einer  Mauer,  besonders  wenn  sie  ihre  Um- 
gebung überragt,  das  Aufstellen  eines  Pfahls,  das  Fällen  eines 
Baumes,  kurz  jede  Veränderung  im  gewöhnlichen  Zustand  der 
Dinge  kann  das  Fung  Sui  von  Häusern  und  Tempeln  stören 
und  somit  alles  mögliche  Unglück  bringen.  Bei  plötzlichem 
Todesfalle  ist  die  Verwandtschaft  sofort  dabei,  die  Schuld  daran 
dem  Mitbürger  zuzuschieben,  der  eine  bauliche  Veränderung 
auf  seinem  eigenen  Besitz  vorgenommen  hat,  und  es  soll  vor- 
kommen, daß  sie  das  Haus  eines  solchen  Unglücklichen  stürmt 
und  ruiniert,  ihn  selbst  mißhandelt,  oder  die  Leiche  in  sein  Bett 
legt,  um  Geldtribut  zu  erpressen  und  rachgierig  tödliche  Ein- 
flüsse in  sein  Haus  zu  bringen. 

Zum  Glück  sind  bei  Verletzungen  des  Fung  Sui  die 
Geomanten  meistens  auch  imstande,  Genesung  zu  verschaffen, 
vorausgesetzt,  daß  man  sie  rechtzeitig  heranzieht.  Ist  ein  Wohn- 
haus gefährdet,  dann  wird  z.  B.  auf  ihre  Anweisung  eine  Hecke 
darum  gebaut,  die  alle  schädlichen  Einflüsse  fernhalten  soll; 
oder  man  klebt  an  der  betreffenden  Stelle  auf  Papier  ge- 
schriebene Zauberformeln  an.  Um  das  gefährdete  Fung  Sui 
einer  (3rtschaft,  Stadt  oder  eines  Dorfes  wiederherzustellen, 
werden  ungünstige  Konturen  von  Felsen,  Anhöhen  und  Häusern 
mit  Geschick  abgeändert  und  somit  zu  Werkzeugen  des  Segens 
umgewandelt;  eine  allzu  niedrige  Bodenerhebung  wird  höher 
gemacht;  ein  bedrohlicher  Flußlauf  erhält  eine  verbesserte 
Richtung;  an  der  gefährdeten  Stelle  pflanzt  man  einen  Schutz- 
hain,   oder  man  baut  Steinkegel;    eine   Bodengestaltung,    worin 


379 

(las  geübte  geomantische  Auge  ein  gefährliches  Tier  erblickt, 
w'wd  völlig  unschädlich  gemacht,  indem  man  dessen  Augen 
^'ernichtet  oder  übermalt  oder  einen  Fuß  beseitigt;  und  so  fort. 

Tempel  von  Schutzgöttern,  insbesondere  aber  die  kleinen 
und  großen  buddhistischen  Klöster,  welche  allenthalben  im 
Reiche  einsam  an  den  Abhängen  der  Gebirge  liegen,  verdanken 
im  allgemeinen  ihre  Entstehung  dem  Bedürfnis,  das  Fung-Sui 
des  sich  davor  erstreckenden  Landes  zu  regeln  ('^Ij).  Schon 
seit  dem  vierten  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung  verzeichnet 
die  chinesische  Literatur  Beispiele  von  buddhistischen  Klöstern, 
wo  Drachen  zu  bezwingen  waren,  welche  Gewitterstürme  her- 
vorriefen und  dadurch  in  der  Ebene  Überschwemmungen  ver- 
ursachten, sowie  von  anderen,  die  an  Stellen  lagen,  wo  die 
Geistlichkeit  Drachen  erweckt  und  somit  ersehnten  Regenfall 
lierbeigebracht  hatte.  Übrigens  ist  es  Tatsache,  daß  bis  zum 
heutigen  Tage  die  umwohnende  Bevölkerung  für  den  Unterhalt 
solcher  großen,  zumeist  recht  alten  Stiftungen  ihre  Geldbeiträge 
und  sonstigen  Gaben  spendet  auf  Grund  der  Überzeugung,  daß 
von  ihnen  das  Fung  §ui,  also  das  Glück  und  die  Frucht- 
barkeit der  Umgebung,  direkt  abhängig  ist.  Dagegen  steht  die 
Verpflichtung  der  Mönche,  durch  religiöse  Zeremonien  und 
Lesung  von  heihgen  Büchern  bei  verheerender  Trockenheit 
Regen  herabzubeschwören  und  bei  schädlichem,  schwerem  Re- 
genfall klares  Wetter  zu  machen,  und  so  Mißernte,  Mangel  und 
Hungersnot  abzuwenden.  In  diesen  Zeremonien  spielen  ein  paar 
hundert  Drachen  als  Regenspender  die  Hauptrolle.^  Das  bud- 
dhistische Mönchtum  darf  also  mit  gutem  Grunde  ein  univer- 
sistisches  Priestertum  des  Fung  §ui  genannt  werden. 

Wie  auf  den  Gräbern  die  Einflüsse  des  Fung  äui  der 
Umgegend  sich  in  dem  Grabstein  ansammeln,  so  vereinigen  sie 
sich  in  den  Klöstern  in  den  großen,  vergoldeten  Bildern,  welche 


^   Vergleiche    meine   Mitteilungen    über    diese    Zeremonien    in:    „Le 
Jode  du  Mähayäna  en  Chine",  p.  148 ff.;  Amsterdam  1893. 


380 

auf  dem  Altar  im  Haupttempel  aufgestellt  sind.  Bei  der  Er- 
richtung dieses  Gebäudes  wurde  die  Stelle  dieser  Bilder  mit 
großer  Grenauigkeit  geomantisch  bestimmt,  und  nur  demzufolge 
sind  sie  imstande,  das  Fung  Sui,  in  dessen  Brennpunkt  sie 
sich  befinden,  wiederum  weit  über  die  Landschaft  hinaus  aus- 
zustrahlen. Sie  stellen  in  der  Regel  die  ^  ^  san  Pao,  die 
drei  Kostbarkeiten  (Triratna),  vor,  nämlich  Dharma  {^),  das 
Weltgesetz  oder  die  Weltordnung;  den  Buddha  i"^)  Sakia- 
muni,  der  im  Mähayäna- System  das  Weltlicht  vertritt,  und 
Sangha  (f§);  die  gesamten  Heiligen  und  Geistlichen,  die  in 
der  Weltordnung  eine  Rolle  spielen.  In  der  Umgebung  eines 
Klosters  werden  überdies  zur  Sicherung  des  Fung  Sui  sieben- 
eckige Steinsäulen  errichtet,  welche  auf  jeder  Seite  den  Namen 
eines  der  sieben  Tathägata  oder  Sonnen  der  Gegenwart  und 
der  sechs  früheren  Weltperioden  tragen.  Endlich  besitzt  manches 
Kloster  eine  Pagode  C^»),  die  ein  Bild  oder  eine  Reliquie  des 
Sakiamuni  enthält  und  dadurch  imstande  ist,  über  alle  Ge- 
genden, Felder  und  Auen,  in  deren  Gesichtskreis  sie  sich  be- 
findet, den  Geist  (Sön,  Ling)  dieses  Buddhas  auszustrahlen, 
zur  Vertreibung  aller  Geister  des  Übels  und  der  Finsternis. 
Auch  sie  steht  selbstverständlich  in  einer  möghchst  günstigen 
geomantischen  Lage  und  ist  deshalb  im  wahrsten  Sinne  des 
Wortes  eine  Fung  Sui-Pagode,  wie  in  der  Tat  das  Volk  sie 
durchweg  nennt.  Also  hat  sich  der  eigene  Universismus  des 
Buddhismus  seit  einer  langen  Reihe  von  Jahrhunderten  dem 
alten  chinesischen  Universismus  und  dessen  Geomantik  voll- 
kommen angepaßt,  ja  sich  damit  verquickt;  er  hat  sogar  dabei 
die  führende  Rolle  übernommen,  die  er  erfüllt  mittels  allerlei 
religiöser  Handlungen,  welche  Einwirkung  auf  sein  Triratna 
bezwecken,  das  im  Weltall  die  höchste  Macht  ausübt. 

Noch  viel  ließe  sich  über  die  Geomantik  der  Chinesen 
ausführen,  über  ihre  Geschichte  und  Literatur,  über  ihre  in 
mancher  Hinsicht  recht  unheilvolle  Wirkung  unter  dem  Volke, 


381 

auch  über  die  merkwürdige  Klasse  ihrer  „Meister"  und  die 
wunderbaren  Leistungen,  welche  zahlreiche  Erzählungen  und 
schriftliche  Urkunden  in  allen  Jahrhunderten  ihnen  zuschreiben. 
Jedoch  sei  hier  nicht  über  eine  Darstellung  der  Grund-  und 
Hauptzüge  dieser  Afterwissenschaft  hinausgegangen  und  der 
Leser  auf  Band  III  meines  „The  Religious  System  of  China" 
verwiesen,  wo  erheblich  mehr  Material  mit  Belegen  darüber 
zusammengebracht  ist. 

Gewiß  ist  die  chinesische  Geomantik  eine  merkwürdige 
Kulturerscheinung.  Religiöse  Ehrfurcht  vor  der  Macht  und 
Majestät  des  Weltalls  und  dessen  Götterheer  ist  der  Vater,  der 
sie  erzeugte;  ihre  Mutter  war  die  menschliche  Selbstsucht,  die 
das  heihge  All  zum  persönlichen  stofflichen  Wohl  vernünftig 
auszubeuten  suchte;  sollte  da  das  Zwitterwesen  wirklich  etwas 
anderes  als  ein  Monstrum  sein?  Offenbare  Tatsachen  zeigen 
zur  Genüge,  daß  es  immer  ein  Ungeheuer  gewesen  ist.  Un- 
zähligen Menschen,  von  gewissenhafter  Sorge  für  die  Zukunft 
ihrer  Nachkommen  und  Pflichtgefühl  gegenüber  den  Toten  be- 
seelt, raubt  es  die  Seelenruhe;  es  zwingt  sie,  sich  zu  verarmen, 
zur  Bereicherung  von  Geomanten,  Bodenbesitzern  und  Grab- 
maklern, die  zur  Ausbeutung  der  Kundschaft  in  der  Regel 
Hand  in  Hand  gehen.  Es  ruiniert  Famihen,  die  ihren  leeren 
Träumereien  über  das  Glück,  das  ihre  Gräber  schaffen  sollen, 
ihr  Vermögen  zum  Opfer  bringen.  Es  stiftet  Uneinigkeit  in 
Famihenkreisen  und  entzweit  sogar  Brüder,  indem  es  lehrt, 
daß  ein  und  dasselbe  Grab  dem  einen  viel  Glück,  dem  anderen 
dagegen  wenig  oder  gar  keines  bringt.  Es  veranlaßt,  daß  Tote 
in  hermetisch  verschlossenen  Särgen  Jahre  lang  unbeerdigt 
bleiben  müssen,  weil  die  Söhne  sich  nicht  erlauben  dürfen,  sie 
in  weniger  gutem  F  u  n  g  S  u  i  beizusetzen  und  damit  ihre  Aus- 
sichten auf  Reichtum,  Ruf  und  Ehre  zu  verscherzen.  Es  sät 
sogar  Hader  und  Fehde  zwischen  Nachbarn,  Sippen,  Dörfera, 
hetzt  sie  häufig  in  Kampf  und  Streit  und  setzt  sie  all  den  Leiden 


L 


382 

auS;  die  Eingriffe  der  Behörde  unvermeidlich  mit  sich  bringen. 
Fast  jeder  Neuerung,  die  sich  für  das  Land  segensreich  er- 
weisen könnte,  wirft  sich  die  Geomantik  entgegen.  Fast  jeder 
Weg-  oder  Kanalbau,  fast  jede  Anlage  von  Brücken,  Eisen- 
bahnen, Telegraphenlinien  verursacht  in  China  Verletzungen  und 
Abschneidungen  von  Pulsen  (|^)  oder  Adern,  durch  welche 
die  Kraft  (L  i  n  g)  von  Drachen  oder  Tigern  fließt,  wirft  mithin 
die  geomantischen  Berechnungen  über  den  Haufen  und  bildet 
den  Anlaß,  daß  sich  mitunter  die  Bewohnerschaft  ganzer  Ge- 
meinden und  Stadtviertel  wie  ein  Mann  erheben  und  ihre  Wut 
gegen  die  rücksichtslosen  Menschen  kehren,  welche  sich  er- 
dreisten, durch  solche  Unternehmungen  das  Glück  aller  zu  zer- 
stören. Insofern  führt  die  Geomantik  direkt  zu  einer  unge- 
heuren Verschwendung  menschlicher  Arbeitskraft.  Denn  in  Er- 
mangelung guter  Straßen  und  brauchbarer  Kanäle  können 
Schiffe,  Lastwagen  und  Tragtiere  nur  in  beschränkter  Zahl 
verwendet  werden,  und  dieser  Umstand  macht  es  erforderlich, 
menschliche  Arbeitskraft  zum  Transport  von  Waren  und  Per- 
sonen auf  kaum  gangbaren  Pfaden  in  gewaltigem  Umfang  heran- 
zuziehen. An  vielen  Stellen  sieht  sich  die  ganze  Schiffahrt  zu 
weiten  und  schwierigen  Umwegen  gezwungen,  weil  irgendwo 
auf  dem  direkten  Wege  eine  zu  niedrige  Brücke  den  Ver- 
kehr sperrt,  die  aus  Gründen  des  Fung  §ui  nicht  erhöht 
werden  darf. 

Schlußwort. 

Wir  sind  jetzt  in  der  Lage,  die  verschiedenen  Wissens- 
gebiete Chinas  zu  übersehen:  die  Geomantik;  die  Chronometrie 
und  Chronomantik ;  Beobachtung  und  Deutung  ungewöhnlicher 
Erscheinungen  am  Himmel  und  auf  der  Erde;  die  Philosophie 
und  Ethik  der  heihgen  Schriften;  Staatskunde;  Medizin.  Sie 
alle  sind  religiöser  Natur,  alle  integrierende  Bestandteile  eines 
allesbeherrschenden  Universismus.    Sie  bilden   also  die  Wissen- 


383 

Schaft  des  Tao  des  Menschen^  die  ihn  lehren  soll,  wie  er  sich 
die  unentbehrlichen  Segnungen  des  Weltalls  sichern  kann.  In 
dieser  Wissenschaft  liegt  vermutlich  vieles,  was  andere  Teile 
des  alten  Asiens  mit  ihr  gemein  hatten,  was  jedoch  da  zugrunde 
gegangen  ist,  während  sie  im  vollen  Umfang  und  in  unge- 
schwächter Lebenskraft  noch  heute  in  China  Staat  und  Volk 
beherrscht.  Das  universistische  System  stellt  den  Höhepunkt 
dar,  bis  zu  welchem  sich  die  geistige  Kultur  Chinas  innerhalb 
der  Schranken  einer  strengen  Orthodoxie  und  unter  dem  völligen 
Ausschluß  abweichender  Lehren  hat  entwickeln  können.  Die 
einzige  Macht,  die  es  zu  untergraben  und  zu  Fall  bringen 
könnte,  ist  gesunde  Wissenschaft,  die  auf  wirklicher  Naturkunde 
beruht.  Aber  nur  die  schüchternen  Anfänge  solcher  Wissen- 
schaft haben  bisher  unter  ausländischem  Einfluß  nach  China 
ihren  Weg  gefunden.  Sollte  je  die  Zeit  kommen,  daß  man  sie 
dort  mit  Ernst  pflegt,  dann  muß  ohne  Zweifel  eine  vollständige 
Umwälzung  im  gesamten  geistigen  Leben  Chinas  eintreten, 
durch  welche  China  entweder  völlig  aus  den  Fugen  geraten 
muß  oder  eine  Erneuerung,  eine  Wiedergeburt  erleben  wird, 
nach  welcher  China  kein  China,  die  Chinesen  keine  Chinesen 
mehr  sein  werden. 

Ein  ungeheurer  Prozeß,  der  sich  bis  dahin  vollzieht!  Er 
hat  sein  Schlei fungs werk  bereits  sichtbar  begonnen.  Jedoch 
Chinas  Kultur  ist  weit  älter  als  die  ausländische,  welche  Hand 
an  sie  legt;  sie  hat  mehrere  tausend  Jahre  hindurch  allen 
Stürmen  der  Weltgeschichte  getrotzt;  nach  jeder  politischen 
Katastrophe,  nach  jedem  Dynastiesturz,  nach  jeder  Revolution, 
nach  jeder  Beherrschung  durch  Barbarenvölker  hat  sie  sich  wie 
ein  Phönix  aus  dem  Feuer  verjüngt  erhoben.  Wird  eine  so 
starke  und  zähe  Kultur  ohne  äußersten  Widerstand  sich  aus- 
rotten lassen?  China  selbst  hat  kein  zweites  System  an  die 
Stelle  des  alten  zu  setzen;  demnach  müßte  der  Tod  des  alten 
Zusammenbruch,   Auflösung    und   Anarchie    zur    Folge    haben. 


384 

kurz  die  vollste  Erfüllung  des  Satzes  der  eigenen  heiligen  Lehre, 
wonach  Katastrophe  und  Untergang  unausbleiblich  sind,  wenn 
die  Menschheit  das  Tao  verliert.  Wird  diese  beklemmende 
Voraussicht  imstande  sein,  die  Nation  von  der  Bahn  zur 
Modernisierung  abzuhalten?  Zweifellos  ahnt  die  erhaltende 
Partei,  daß  Änderung  Selbstmord  ist,  aber  wird  sie  die  Ober- 
hand behalten  und  somit  den  Beweis  erbringen,  daß  das  Tao 
des  Weltalls  und  der  Menschheit  wohl  erschüttert,  jedoch  nicht 
zerstört  werden  kann?  Früher  oder  später  wird  die  Geschichte 
hier  die  Antwort  geben;  vorläufig  läßt  sich  nur  eines  feststellen: 
an  Chinas  Horizont  droht  Sturm.  Sollte  es  in  der  Ordnung  der 
Welt  bestimmt  sein,  daß  das  grausame  Werk  des  Abbruchs 
seinen  Fortgang  nehme  und  die  Tage  von  Chinas  alter  univer- 
sistischer  Kultur  somit  gezählt  sind  —  dann  sei  wenigstens  ihr 
letzter  Tag  nicht  auch  der  Tag  des  Verderbens  eines  durch 
ausländische  Einflüsse  ins  Unglück   gestürzten  Millionenvolkes  I 


Alphabetisches  Sach-  und  Wortregister. 


Absolutismus,  s.  Kaiser. 

Absonderung'  von  der  Welt,  86  ff.,  92, 
94,  97. 

Ackerbau,  wichtige  Regierungsange- 
legenheit, 220,  239,  247.  — götter, 
s.  8e  Tsi',  Sien  Nung,  Tsu,  Kü-lung. 
—  und  Einnahmeministeriura,  241. 

A  Hien,  zweite  Darbietung,  Opferakt, 
174. 

Ahnen  des  Kaisers,  148 ff.,  182,  184f., 
191,  196  ff.,  199.  S.  Seelentafein, 
Opfer. 

Ahnenkult,  128 f.,  299,  302.  S. Toten- 
kult. Des  Kaisers,  190,  s.  Ahnen- 
tempel. 

Ahnentempel,  129,  339.  Des  Kaisers, 
182,   197ff.,  210ff.,  214ff.,  2l6fl\ 

Allmacht,    s.  Regungslosigkeit,    Tao. 

Altar  zum  Verbrennen  von  Opfer- 
rindern,  146. 

Altargrund  des  Himmels,  142  ff.,  der 
Erde,  187  ff.,  der  Sonne,  192,  230  ff., 
des  Mondes,  192,  232  f.,  der  Öe  Tsi', 
221  ff.,  227,  248,  des  Ackerbaugotts, 
235,  237,  281,  der  Seidengöttin, 
2y0f.,  der  himmlischen  und  ir- 
dischen Götter,  272 ff. 

Almanach,  s.  Kalender. 

Amnestie,  337. 

Animismus,   12. 

Anthropolatrie,  128  f. 

Anthropotheismus,  128  f. 

Arzneilehre,   123  ff.    S.  Kalender. 

Arzneipflanzen,  lL'3ff.,  gesammelt  im 
Sommer,  306. 

Askese,  45,  86  ff.,  97  ff.,  135. 

Assyrien,  363. 

De   Groot,  Universismas. 


Astrologie,  315f.,  341,  344.    Amt  für 

— ,  s.  K'in  T'ien  Kien. 
Atem,  Seele  und  Leben,  10,  110.  — 
I        gymnastik,  110  ff.,  118. 
Äther.    Auflösung  im  — ,  90,   110.  S. 

Lebensäther. 
Aufbewahrungshäuser    bei    Stantsal- 

tären,  150,  191,  200. 
Auflösung,  s.  Äther. 
Autokratie,  s.  Kaiser. 

Babylon,  363. 

Bäume.  Besitzen  Tugenden  des  Tao. 
Beseelung  und  Rolle  in  der  Heil- 
kunde, 123, 

Baumverehrung,   140. 

Beamte,  s.  Staatsbeamte. 

Beglückwünschung  des  Kaisers, 2 14 ff. 

Beichte,  133  f. 

Berge,  s.  Götter.  Die  —  der  kaiserl. 
Grabstätten,  193  f.,  375. 

Bergdämonen,   13. 

Beschwörungen  und  Zauberformeln, 
136  f.,  356. 

Besessenheit,  356  f. 

Besteuerung,  84. 

Bewirtungsamt,   158. 

Bilder  der  Kaiser  als  Verehrungsge- 
genstände, 215.  S.  Götzenbilder, 
Seelentafeln. 

Blitz,  347. 

Brände,  347. 

Brandopfer,  146,  164. 

Bruderpflicht,  269,  272. 

Brunnen.  Ungewöhnliche  Erschei- 
nungen an  — ,  349. 

Bücher,  s.  Klassische  Schriften. 


386 


Buddha,  380. 
Buddhismus,  1,  2,  99  f. 

Chaos,  130. 

Charakter,   s.  Natur. 

Chavannes,  220. 

Chronologie  und  Chronometrie,   314, 

382. 
Chronomantik,      318  ft'.,    327  ff.,    340, 

366,  382. 

Dämonen,  12  fF,,  106.  Werkzeuge  des 
strafenden  Himmels,! 4 fF.  Erzeugen 
Krankheiten,  118,  306.  Sind  sich 
rächende  Wesen,  16 f.  Berg  — ,  13. 
S.  Kwei. 

Däraonenglauben,  Grundlage  der 
Moral,  15fF. 

Dharma,  380. 

Donner  und  seine  Deutung,  347.  S. 
Götter. 

Drachen  und  Drachengötter,  93,  291, 
352,  365,  379.    In  der  Geomantik, 

367.  Der  blaue  Drache,  367. 
Drachenpavillons,  166,  179. 

Eigenschaften,  s.  Tugenden. 

Einflüsse  des  Weltalls,  119,  174. 

Einhorn  oder  Ki-lin,  39,  352. 

Einsiedler,  86  fr.,  98  ff. 

Elemente  des  Weltalls,  10,  334,  340. 
Besiegen,  schädigen,  zerstören  und 
erzeugen  einander,  121,  370.  — 
und  Planeten,  341,  371.  Rolle  in 
der  Geomantik,  370 ff. 

Enthaltsamkeit,  s.  Fasten. 

Equipagen    des    Kaisers,    162  f.,  323. 

Erdbeben,  Erdrutsche,  Erdstürze,  348. 

Erddämonen,  13. 

Erde.  Des  Kaisers  Eigentum,  69. 
Quadratisch,  188.  Verehrung,  187  ff., 
220,  293.  Verehrung  ihrer  gebären- 
den Kraft,  219  ff.  S.  Elemente, 
Götter. 

Erlösungsaskese,  45,  86  ff. 

Erscheinungen  der  Natur,  ungewöhn- 
liche.   Deutung,  331fl\,  336ft\,  382. 


Nach  den  5  Elementen  gruppiert, 
334.  Vorschriftsmäßig  observiert, 
339  ff.  Am  Himmel,  an  der  Sonne, 
am  Monde,  340.  Auf  der  Erde, 
848  ff.  An  Gräbern  und  Gewässern, 
349.  In  der  menschlichen  Natur, 
350  ff.  Von  Tieren,  352  ff.  Von 
Pflanzen,  354.  Von  Gegenständen, 
355. 

Eskorte,  s.  Equipagen. 

Ethik,  s.  Sittenlehre. 

Exorzismus,  106ft*.,  109,  122,  130,  137, 
329,  357. 

Fan  Niu,  Brandrind,  164. 

Fan  T'an,  Fan  Ts'ai  Tan,  Fan  Ts'ai 

Lu,  146. 
Fang,  ein  Gestirn,  243. 
Fang  Tse",  189. 
Fang  Ts'Jng,  218. 
Farben.  Die  fünf  —  des  Weltalls  und 

der    Jahreszeiten,     171,   221,    223, 

235,  305. 
Fasten,  96f.,  156f.,  224,  307f.,  336f. 

—  bild,    156,    161.     — gebäude    bei 

Staatsaltären,  162,  184,  191. 
Fön    Hiön    Kuan,     Beamte    für    die 

Nebenopfer,  174,  203. 
Fön  Je,  342. 
Fetischismus,  139,  375. 
Feuer,  s."  Elemente.  — gott,  289. 
Finsternisse,  333,  341. 
Flüsse,  349.    S.  Götter. 
Formen     der    Landschaften     in    der 

Geomantik,  369,  372  ff. 
Fou  iVing  Men,  230. 
Frondienste,  84. 
Fruchtkerne   verlängern    das  Leben, 

115. 
Frühling,     die     Zeit     für     fürstliche 

Wohltätigkeit     und    Ausbesserung 

der    Verkehrsmittel,     306.       Kein 

Leben  vernichten,  305. 
Fu,  107,  136  f. 
Fu-hi,  72,  131,  235,  258. 
Fu  Sing,  J6n  Hui,  261. 


387 


Fu'  Sui,  günstige  Vorzeichen,  334. 

Fu'-tsin,  Prinzengemahlin,   198. 

Fu"  Tsiu,  Glückswein,  176. 

Fu    Tu,  218. 

Fu  Tu  Jü-si,  Zensorats -Vizeprä- 
sident, 168. 

Fnng-hou,  284. 

Fung  Huang,  Phönixe,  39,  352. 

Fung  Jing-king,  311. 

Fung  Po',  der  Windgott,  149. 

Fung  Si6n  Tien,  210,  238. 

Fung  Sui,  Geomantik,  365  ff. 

Fürsten;  ihre  Schutzgötter,  220.  S. 
Kaiser. 

Ciebete,  137.    S.  Opfergebete. 

Geburtsstunde  bedingt  das  Lebens- 
schicksal, 328. 

Gegenstände.  Sonderbare  Erschei- 
nungen an  — n,  355. 

Geister,    s.  Dämonen,    Götter,  Kwei. 

Gelb.     Farbe    des    Kaisertums,    238. 

Gelehrsamkeit.    S.  Wissen. 

Gelehrtentum.  Ist  konfuzianisch,  29; 
besitzt  Macht  über  böse  Geister, 
107. 

<5eomantik,  292,  364 ff.;  uralt,  365; 
Faktoren,  366,  Professoren,  366, 
376,  381;  Priester,  379;  Literatur, 
372 f.,  zwei  Hauptschulen,  372 f.; 
erzeugt  Zwistigkeiten,  376  ff.,  381  f.; 
hemmt  Kanal-  und  Wegbau,  382; 
—  der  Gräber,  364,  374ff.,  381. 
S.  Klöster,  Tempel,  Pagoden. 

-Geschichtsschreibung,  314,  335. 

Gespenster,  s.  Dämonen,  Kwei.  Ihre 
Bekämpfung,  105  ff. 

Gioro,  201. 

Gleichgültigkeit,  43. 

Glockentürme,  143,  231. 

Glücksfleisch,  175  ff.,  183. 

Glückswein,  176. 

Gott,  der  Weltschöpfer,  unbekannt,  6. 

Götter  des  Universismus,  12.  S.  Sön. 
Spender  von  Licht  und  Leben,  45. 
Werkzeuge   des  Himmels   zur  Be- 


lohnung des  Guten,  14  ff.  Über 
Kommendes  befragt,  365  f.  Lassen 
sich  in  Menschen  nieder,  356. 
Menschen  werden  Götter,  32,  43  f., 
129;  8.  Heiligkeit,  Si6n.  Konfu- 
zianische, 140  ff. 

Der    Himmel    (Sang   Ti),   6,  14, 

129,  141  ff.  Sonne  und  Mond,  129, 
149,  229ff.  Sterne,  129,  149.  Ju- 
piter (T'ai  Sui),  182,  238,  280  ff. 
Großer  Bär,  Planeten,  28  Haupt- 
sternbilder, 149.  Nordpol,  288. 
Wind,  Wolken,  Donner,  Regen, 
(T'i6n  Sen\    129,  149,  272  ff.,  365. 

Die  Erde  (Hou  T'u),  187ff.,  220, 
293.  Berge,  Meere,  Flüsse  (Ti  K'i), 
139,  182,  191  ff,  194,  272  ff.,  277  ff, 
291  f.,  307,  365;  s.  Drachen.  Erd- 
boden und  Hirse  (Sß  Tsi'),  182, 
219  ff.,  224  f.,  305,  308.  Stadtgötter, 
277,  290,  299. 

Die  Vorfahren  des  Kaisers,  s. 
Ahnen.  Kaiser  der  früheren  Dyna- 
stien, 253 ff.  Fu-hi,  72,  131.  Sao 
Hao,131.  Sen  Nung,  72,131,  235ff., 
281,  284.  Tsu'-jung,  131.  Göttin 
der  Seidenzucht,  24H.  Kaiserliche 
Lehrmeister,  257 f.  Konfuzius  und 
die  Koryphäen  seiner  Schule,  259  ff. 
Götter  der  Heilkunde,  283;  der 
klassischen  Studien,  286;  der  Ka- 
nonen, 289;  der  Bauwerke,  293; 
der  Kornspeicher,  294;  der  Ziegel- 
öfen, 294;  der  Pforten,  294,  308. 
Kriegsgott,  285.  Feuergott,  289. 
Höllengott,  302.  Gottheit  der  Ehe 
und  der  Kindergeburt,  305.  Ver- 
diente Staatsdiener,  296  ff. 

Taoistische,  127ff.  Pan-ku,  130. 
Juan  Si  T'ißn  Wang,  der  Uranfang, 

130.  T'ien  Tsiang,  Tsiang  Kiün, 
130,  137.  T'ai  Juan  ju'  Nu,  T'ai 
Juan  sing  Mu,  131.  Tung  Wang 
Kung,  Juan  Jang  Fu,  der  Osten, 
126,  131.  Si  WangMu,  der  Westen, 
125,  131. 

26* 


388 


Zeitgötter,  280 ff., 320.  Tiergötter, 
139  f.  Gefolgschaftsgötter  (Tsung 
Wei),  150,  180,  191  ff.,  195,  262. 
Verschiedener  Art,  139,  295  f. 

Götterkult  bezweckt  Bekämpfung 
der  Dämonen,  15,  106. 

Göttlichkeit,  s.  Heiligkeit. 

Götzenbilder,    135,    138  If.,  300,   355. 

Gräber.  Wohnstätte  der  Seelen  der 
Toten,  215.  Versorgung,  299.  Der 
Kaiser,  193,  215,  218,  256,  375. 
Grab  des  Konfuzius,  268,  270.  S. 
Erscheinungen,  Geomantik. 

Großer  Bär,  s.  Götter. 

Gruben  für  Opfergaben,  195  f. 

Gymnastik,  112,  117,  122 f.   S.  Atem. 

Hagel,  347. 

Hagiographie,  98. 

Hai,  Meere,  194. 

Han- Dynastie,  3. 

Han   Fei,  61. 

Han-lin,  209,  298. 

Han-si*.    Jahreszeit,  299. 

Han  gu,  116. 

Harmonie,  76,  269. 

Hausreligion,  140. 

He'  Lung  T'an,  292. 

He'  Ti,  236. 

Heiligkeit.  Besitz  des  Tao,  32,  56 ff., 
71ff.,  74,  129.  Göttlichkeit,  32,  57; 
s.  Öen.  Verleiht  Kenntnis  der  Zu- 
kunft, vervollkommnet  andere 
spontan  und  übt  Menschenliebe, 
75.  Des  höchsten  Herrschers,  26, 
und  der  Kaiser,  67,  69,  73 ff.,  79 ff., 
337.  Durch  Studium  der  heiligen 
Bücher,  74,  76,  s.  Wissen.  Bud- 
dhistische, 99. 

Heilige  der  alten  Zeit,  28,  72; 
des  Konfuzianismus,  72  f.,  261,  296; 
des  Taoismus,  s.  Sien.  S.  Askese. 
Heilige  Bücher,  s.  Klassische  Schriften. 
Heilkunde,  universistische  Wissen- 
schaft, 119  ff.,  123  ff.,  284,  382. 
Götter,  283.     S.  Atemgymnastik. 


Heng,  zwei  heilige  Berge,  193. 

Herbst,    Gebote    und  Verbote,    307  f. 

Heterodoxie,  29  ff. 

Hi',  Priester,  356. 

Hia,  Fürstenhaus,  30. 

Hia*,  ein  Ahnenopfer,  204. 

Hiang,  Ahnenopfer,  201. 

Hiang  Ngan,  Weihrauchtisch,   150. 

Hiao,    S.  Unterwürfigkeit. 

Hiao  Nan,  206. 

Hiao  Sun,  unterwürfiger  Enkel,  204. 

Hia  siao  Tsing,  alte  Schrift,  304. 

Hie*  Lü'  Lang,  Stimmer  der  Ton- 
arten, 168. 

Hien.  Weisheit  und  Tugend,  71,  73, 
296,  334.  Weise  des  Konfuzianis- 
mus, 71  f.,  261  f.,  272,  296. 

Hien  Liang  Se,  296. 

Hien  P'ing,  Opferhymne,  172. 

Hien  So*,  323. 

Hien -Juan,  236. 

Himmel.  Beschützer  des  Kaisertums, 
68ff.,141.  S.Erscheinungen,  Götter, 
Kaiser. 

Himmelsaltar,  142  ff. 

Himmelstempel,  151  ff. 

Hiramelspforte,  132. 

Hing  Fa\  Methode  der  Gestaltungen, 
372. 

Hing  Kung,  kaiserl.  Logierhäuser, 
217. 

Hio'  Tsing,  271. 

Hi  P'ing,  Opferhymne,  177. 

Hirse,  219  ff. 

Hi  Seng,   Opfertiere,  155  f. 

Hi  Tse,  heilige  Schrift,  7. 

Hitze,  347. 

Hiün  Tao,  271. 

Hiun    Tsen,     verdienstvolle     Staats- 
diener, 297. 
Ho,  Harmonie,  76,  2^9. 
Ho',  heiliger  Berg,  193. 
Ho'  Kuan  Tse,  60,  73. 
Holz,  s.  Elemente. 
Honigtau,  346. 
Hou  Han  Su,   116. 


389 


Hou  Pu,    Landbau-    und  Einnahme- 

iiiinisterium,  241. 
Hou     Öi,  Wahrnehmung     geeigneter 

Stunden,  317. 
Hou  Tien,  Hinterhalle,  199,  244. 
Hou  Tsi'  8i,  224. 
Hou  Tu,  187,  224,  293. 
Hou  Tu  Kü-lung,  224. 
Hü,  Leerheit,  40,  44,    S.  Leere. 
Hua,  heiliger  Berg,  193. 
Huai,  heiliger  Fluß,   194. 
Huang-ho,  heiliger  Fluß,  194. 
Huaug  m  gi',  Heiligtum,   191. 
Huang  k'ien  Tien,    Heiligtum,     )53. 
Huang  Kin- Rebellen,  134. 
Huang    K'iung    Jü,    Heiligtum,   147. 
Huang   fSi,    kaiserliche    Lehrmeister, 

257. 
Huang  Sou-ts'ai,  293. 
Huang    Ti,    72,  97,  102  ff.,  119,  131, 

236,  249,  284. 
Huang  Ti  iCi,  187. 
Hua  To,  116. 
Hui,  168. 

Hun,  die  Seele,  11. 
Hung  Lic*  Kiai,  58. 
Hung-lu    Se,    Amt   für  das  Hofzere- 
moniell, 324. 
Hung  Fan,  heilige  Schrift,  332,  334, 

360. 
Hungerkur     zur    Verlängerung     des 

Lebens,  115. 
Huo  tSen,  Feuergott,  289. 
Hymnen,  s.  Opferlieder. 
Hypnose,  357. 

I,  heiliger  Berg,  193. 

I,  Lebenspflichten,    24,    31,   78,  269. 

Idolatrie,  138  ff.,  300. 

I-jin,  69,  72. 

I  Li,  heiliges  Buch,  04. 

I  Lun  T'ang,  265. 

Inhaltlosigkeit,  44f.    S.Leere. 

Intoleranz,  3,  30 f. 

Irrlehren.  29  f. 

I-wu-lü,  heiliger  Berg,  194, 


Ja  Sing,  Meng  TsO,  261. 
Jagden  des  Fürsten,  304,  308. 
Jahr.    Sonnen-   und  Mondjahr,  3l3f. 

Das  größte  Jahr,  s.  T'ai  Sui. 
Jahreszeiten  (24),  313,  366. 
Jang    und    Jin,   die  Weltseelen,  7 f., 

10,  22,  109,  130f.,  143f.,  183,  187, 

190,  192. 
Jang  Jun-sung,  373. 
Jang  Sen,  — Song,  -  Sing,  —  Sou,  112. 
Jang-tse,  heiliger  Fluß,  194. 
Jao,    59,   63,  72,  131,  254,  257,  313. 
Jao  I,  Jao  Pien,  336. 
Jao  Sen,  294. 

Jao  Ts'an,  Versdeutung,  351. 
Jaspis,  s.  Opferjaspis. 
Je'  K'ung  Lin,  Besuchen  des  Grabes 

des  Konfuzius,  270. 
Je'  Ling,  217. 

Je  Ming,  der  Mond,  149,  234. 
Jen  Hui,  73,  95,  261. 
Jen  m,  112. 
Jen  Sing  Kung,  268. 
Jen  Ti,  235,  284. 
Ji',  heiliges  Buch,  7  f.,  63,  257;    zur 

Ergründung    des  Weltalls,    357 ff.; 

für  Chronomantik,  359. 
Ji',  Einsiedlerei,  97. 
Ji\  42,  69,  81. 
Jin,  97;  s.  Jang. 
Jin,  Einsiedlerei,  97. 
Jin  Jang  Su',  Geomantik,  365. 
Jin  Se,  79. 

Jing  Ti  Sen,  ein  Opferakt,  170. 
Jin,  Tänzergruppe,  172. 
Jiu  P^ing,  Lied,   179. 
Jo*,  heilige  Berge,  192  f. 
Jo',  Flöten  beim  Tanz,  174. 
Jo',  Ahnenopfer,  201. 

Pu,  Musikministerium,  154. 

Ki,  heiliges  Buch,  78. 

Kung,  Jo*  Seng,  168. 

der    Große,    30,    42,    69,  72,  81, 

257,  332. 
Jü,  Federn  beim  Tanz,  174. 
Jü,  Genügsamkeit,  Zufriedenheit,  44 f. 


Jo^ 
Jo' 
Jo' 
Jü 


390 


Juan  Jang  Fu,   131. 

Juan  K'iu,   143. 

Juan  Ming  Juan,  292. 

Juan  »Si  T'ien  Wang-,    der  Uranfang, 

130. 
Jue'  I,  340. 
Jue'  Ling,  heiliges  Buch,  96,  305  ff., 

311. 
Jue'  Ling  kuang  I,  311. 
Jue"*  Ling  tsi'  Jao,  311. 
Jue'  T'an,  230  ff. 
Jue'    T'an    Wei,     Besichtigung     des 

Altars,  164. 
Jue'  Tsiang,  282. 
Jü'  King  San,  131. 
Jü  Kuan,  Regenmütze,  183. 
Jü  Ming,  158. 
Jung-ning,  Gebirge,   193. 
Jung  P'ing,  Opferhymne,  175. 
Jung-ts'ing,  111. 
Jün  Han,  die  Milchstraße,   183. 
Jun  m,  120. 
Jün  8i,  Wolkengott,  149. 
Jun  8i',  Meteoriten,  343. 
Jun  Sing,  Meteore,  H43. 
Ju*  Pao,  Siegel  aus  Jaspis,  199,  209. 
Jupiter,  Planet,  182,  238,  280ff.,  315, 

333.    S.  T'ai  Sui. 
Jü  6i,  Regengott,  149. 
Jü-si,  Zensoren,  158. 
Ju'   Ts'an   Ho,    Bach    zum  Waschen 

der  Raupen,  250. 
Ju*  Tsao,  heiliges  Buch,  269. 
Ju'  Ts'e',  Jaspisplatten,  199,  209. 
Ju*  Ts'uan  San,  292. 

K'ai-juan  Li,  301. 

Kaiser.  Statthalter  und  Schützling 
des  Himmels,  68  ff.,  141,  253. 
Eigentümer  der  ganzen  Erde,  69, 
83.  Vertreter  des  Himmels,  82. 
Unbeschränkte  Gewalt,  83  f.  Herr 
aller  Fürsten  der  Erde,  83,  der 
Götter,  70,  79,  195,  279,  der  bösen 
Geister,  107.  Seine  Allmacht,  80. 
Platz    unmittelbar    nach    Himmel 


und    Erde,     197.     Der    Polarstern 
sein  Sinnbild,  71. 

Verkörperer  des  Tao,  80 ff.,  83, 
141,  253.  Kann  nur  dem  Tao  ent- 
sprechend regieren,  68  ft'.,  141. 
Konfuzianischer  Gelehrter,  65  ff., 
heilig  und  göttlich,  26,  67,  69,  73  ff., 
79  ff,,  337.  Umwandlung  seiner 
Tugenden  (Te*)  in  gute  Regierung 
und  Segnungen,  65ft\,  68  ff.,  71,  80  f. 
Oberhaupt  der  Religion,  141  ff. 
Führer  der  Menschheit  im  Tao, 
65,  253,  303.  Predigt  persönlich 
die  heilige  Lehre,  263  ff.  Förderer 
der  Wissenschaft,  67  f.  Verantwort- 
lich für  Unheil  in  der  Welt,  337. 
Regelt  seine  Dynastie,  67.  Seine 
Gemahlinnen,  Töchter  und  Schwie- 
gertöchter, 251.  Seine  Verehrung 
aus  der  Ferne,  246,  248. 

Kaiser  des  höchsten  Altertums, 
in  universistisclier  Darstellung, 
131,  235f.,  254. 

S.  Ahnen,  Ahnenkult,  Bilder,  Ka- 
lender, Namen,  Pol   des  Himmels. 

Kaiserin  und  Seidenzucht,  249  ff. 

Kalender.  Der  kaiserl.  Regierung, 
281,  312  ff.;  außerhalb  Chinas, 
3l7f. ;  zeremonielle  Herausgabe, 
322  ft\  Volks—,  327  f.  Arznei  und 
Waffen  gegen  Übel,  329  f.  — 
von  Sitten  und  Bräuchen,  304  ff., 
310  f. 

Kalendrische    Lebensführung,    303  ff. 

Kälte,  347. 

Kammern  für  die  kaiserl.  Ahnen, 
199,  216. 

Kan,  Schilde  beim  Tanzen,  172. 

Kan,  die  zehn  Zykluszeichen,  315, 
320 f.,  328,  366. 

Kan,  Tabernakel,   199,  225,  254'. 

K'an  Jü,  Geomantik,  365. 

Kan  Lu,  Honigtau,  346. 

Kanonengötter,  289. 

Kanzlei    des    Kaisers,  158,  184,  265. 

Kao  Jang,  236. 


391 


Kao  Mei,  Gottheit  der  Ehe  und  der 

Kindergeburt,  305. 
Keng,  Opferbrühe,  172. 
Kenntnis,  s.  Wissen. 
Ketzerei,  29  f. 

Keuschheit  der  Witwen,  272. 
Ki,  zwölf  Zykluszeichen,  315,  320f., 

328,  366. 
K'i,  Atem,  Seele  und  Leben,  10,  110; 

des  Tao  des  Weltalls,  119  f.,  173  f. 
K'i,  Landbaugott,  225. 
Kia  P'ing,  Opferhymne,  175. 
Kia  Si,  Sänftenträger,  162. 
Kiai  Ts'e,  Mahnung  zum  Fasten,  157. 
Kiang  Su,  267. 
Kiao  Jü,  271. 
Kiao  Sou,  271. 

Kiao  Te*  Sing,  heiliges  Buch,  75,  219. 
Kie\  Reinheit,  45. 
K'ien  Siang,  Himmelskunde,  312. 
K'icn    Ts'ing    Men,     Palasttor,    156, 

211,  323. 
K'i-jun,  Berge,  193. 
K'i  Ku    T'an,  143. 
Ki'  Li,  302. 

Ki-lin,  Einhorn,  39,  352. 
Ki'  Men,  200. 

Kindespflicht  (Hiao),  s.  Unterwürfig- 
keit. 
King,  heilige  Bücher,  63. 
K'ing.  Minister,   158. 
King  Hing  Men,  258. 
K'ing  -  ho,      Beglückwünschung     des 

Kaisers,  244. 
King  P'ing,  Opferhymne,   171. 
King  Te'  Kiai,  253. 
King  Te'  ts'ung  Sing  Tien,  253, 
K'ing  Ts'ing  Kung,  244. 
Kin  Ho,  180. 

K'i  Nien  Tien,  Heiligtum,  150  f. 
Kin  K'i,  112. 

Kin  K'ue*,  Himmelspforte,  132. 
Kin  Kwei,  metallene  Koffer,  210. 
K'in  T'ien,  236. 
K'in    T'ien    Kien,    182,    293,    316f., 

318  ff.,  322  ff.,  335. 


Kio'-lo,  Gioro,  201. 

K'i-po»,  119. 

K'i  Se,  Betopfer,  223, 

Ki*  Tien,  222. 

Ki  T§'en,  Todestag,  216. 

K'i-tsi,  Preisgabe  des  Wissens,  45,  47. 

K'i  Ts'ing,  Beten  um  klares  Wetter, 
226. 

K'i  Ts'un-Park,  292. 

Ki*  Tsung  Tsou  Su,  altes  Buch,  208. 

Kiu  I  Jü-si,  Zensoren  der  Zeremo- 
nien, 168. 

Kiün  Se,  229,  283. 

Kiün  Tse,  Besitzer  von  Weisheit 
und  Tugend,  71. 

Klarseherinnen,  357. 

Klassische  oder  heilige  Schriften. 
Wegweiser  für  das  Tao  der  Mensch- 
heit, die  einzige  wahre  Lehre, 
Grundlage  des  Staatswesens  und 
der  Staatsreligion,  4,  28fl\,  30,  32, 
57,  63 ff.,  72,  85, 105,  382.  Schützen 
vor  bösen  Geistern  und  verlängern 
des  Leben,  105 ff.  In  Steiutafeln 
graviert,  267. 

Klöster.  Taoistische,  99  f.,  135  f. 
Buddhistische,  99  f.,  ihre  Geoman- 
tik,  379  f. 

Ko*  Hung,  130,  133. 

Ko   Kung,  Ko   Seng,  Sänger,  168. 

Kometen,  333. 

Konfuzianismus,  Iff.,  7,  64.  Seine 
Schriften,  s.  Klassische  Scliriften. 
Intoleranz,  3,  30  f.  Umfaßt  Ahnen- 
kult, 129. 

Konfuzius,  25,  95,  132,  257  f.,  259  f., 
359.  Der  höchste  Heilige,  72,  75. 
Besuch  bei  Lao  Tse,  93.  Seine 
Ahnen,  262,  und  Nachkommen,  264. 
Beseelt  Kaiser,  Mandarinen  und 
Volk,  259.  Tempel,  259,0'.,  268,  270. 

Korea,  325. 

Korn  und  Kornkammer  für  die  Staats- 
opfer, 246  f. 

Körper  des  Menschen,  Zusanimen- 
setzunff,  9. 


392 


Kosniogonie,   130  ff. 

K'o-t'ao,  85. 

Krankheit,  von  Dämonen  verursacht, 

118,  306. 
Krankheitslehre     ist      universistisch, 

l'JOf. 
Kriegsg-ott,  285  f. 
Kua,  358,  361. 

Kuan,  die  Nabelgegend,  114,  117. 
Kuan,    taoistische    Klöster,    99,  136. 
Kuan  I-wu,  20. 
Kuan  Keng  T  ai,  240. 
Kuan  Miao,  286. 
Kuan  Sang  T  ai,  250. 
Kuan  Ti,  Kuan  Jü,  285  ff. 
Kuan  Tse,  Kuan  Tsung,  19  ff'.,  73. 
Kuang  Hao  Kiai,  188. 
Kuang  Li,  146. 

Kuang- lu*    Se,    Bewirtungsamt,  158. 
Kuang- ts'ing,  102  ft\ 
Küche  bei  Staatsaltären,  150. 
Ku'-fou,  268. 
Kü  Fu' Tien,  Bekleidungshalle,  231, 

238,  250. 
Ku-kin  Tu   Su  Tsi'-ts'ing,    68,  311.    | 
Ku'-liang  Ts'uan,  heiliges  Buch,  64.    j 
Kü-lung,  224. 
Ku-mang,  284. 
Kundgebungen  an  Götter  und  Ahnen, 

185,  196,  205,  212,  216. 
Kung,  Adeltitel,  198. 
Kü  Ngai,  Jammern,  217. 
Kung-jang    Ts'uan,    heiliges    Buch, 

64. 
Kung  Keng,  238. 

K'ung    Ki',  Tse-se,   25,  62,  73,  261. 
Kung  Sang,  252. 
Kung  Ts'en,  verdienstvolle  Minister, 

198. 
Kung  Wang,  verdienstvolle  Prinzen, 

198. 
Kun-lun- Gebirge,  125. 
Kun-ming-See,  292. 
Kuo'  Tse  Kien,  263  ff. 
Ku'  Sen,  112. 
Kwei,  Opferjaspis,  225. 


Kwei,    9  f.,  12  ff.,  105,   118,  130,  134, 

313,  329.    S.  Dämonen. 
K\vei-ki,  heiliger  Berg,  193. 
K  wei  Sing,  287. 
Kwei-tsang,  361. 

Iian,  Brüstungen,   144. 

Lang,    Reihe    von  Wohnungen,  153. 

Lanzenhalle,  222,  225. 

Lanzentor,  200. 

Lao  Tse,  19  ff.,  92,  98,  105, 133.  Stifter 
der  taoistischen  Kirche,  133.  Ver- 
walter der  Himmelspforte,  132. 
Verkünder  des  Buddhismus  in 
Indien,  100.  Von  Konfuzius  be- 
sucht, 93. 

Lao  Tsiu,  245. 

Leben.  Kann  in  Göttlichkeit  über- 
gehen, 101.  Anpassung  an  den 
Kalender,  303  ff. 

Lebensäther  (Tsing),  44 f.,  58,  101, 
109,  113. 

Lebenselixire,  133. 

Lebenspflichten,  I,  24,  31,  78,  269. 

Lebensregeln,  s.  Li.  Zur  Anpassung 
an  die  Zeiten,  303  ff. 

Lebensverlängerung,  101  ft".,  105. 

Leere,  40 ff.,  43 ff.,  76 f.  S.  Leiden- 
schaftslosigkeit. 

Lehrer.  Macht  über  böse  Geister,  108. 

Leidenschaften.  Ihre  Einschränkung, 
76ff., 114.  Entsprechen  den  Himmels- 
gegenden   und  Winden,    120,  344. 

Leidenschaftslosigkeit,    43,    91  f.,   95. 

Lei  Si,  Donnergott,  149. 

Li,  Geister,  299. 

Li,  richtige  Lebensform,  Gesetze  für 
das  Benehmen,  Zeremonien,  Riten, 
24 ff.,  29,  32,  301  f.  Entstammen 
dem  Weltall,  26,  77.  Bezwingen 
die  Leidenschaften,  77.  Unentbehr- 
lichkeit,  27.  Staatliche  Kompila- 
tionen, 301. 

Liang  I,  7. 

Liang  Su,  262. 

Liao  LUj  Verbrennungsöfen,  147. 


393 


iJe'  Sien  Ts'uaii,  11 1. 

Lien,  Sänfte,  162. 

Lien  K'i,  112. 

Lien-san,  361. 

Li  Fa',  Zeitrechnung-,  335. 

Li  Jun,  heiliges  Buch,  9,  362. 

Li  Ki,  heilig-es  Buch,  9,  03,  305. 

Li'-mu*.  284. 

Ling-,  Grabhügel,  215. 

Ling,  Seelenkraft,  Göttermacht,  139, 

295,  368f.,  376. 
Ling  Jo',  124. 
Ling  Men,  145. 
Ling    Ts'in     Men,    Tor    vor    einem 

Grabhügel,  217. 
Ling  Tsing,    göttliche  Andeutungen, 

335. 
Li     Pu,     Ministerium     der     Li,    78, 

301. 
Li  Pu  Ts(V  Li,  301. 
Li'  Tai  Ti  Wang    Miao,    Heiligtum, 

253  ff. 
Literaturgott,  286  ff. 
Liturgik  des  Taoismus,  137  f. 
Liu  Hiang,  111. 
Liu  Ngan,  58. 

Liu-li,  glasiertes  Porzellan,  154. 
Liu  Sing,  Wandelsterne,  343. 
Luan  I  Wei,  kaiserliche  Equipagen, 

163. 
Lun  Jü,  heiliges  Buch,  G4. 
Lung-je,  Gebirge,   193. 
Lung  Ngen  Tien,  216. 
Lung  P'an,  Drachenschüssel,  176. 
Lung  Sen,  291.* 

Lung    T'ing,    Drachenpavillon,    166. 
Lü  Pu-wei,  96,  112,  304. 
Lü  Si  Ts'un  Ts'iu,  97,  112,  304. 

Macht,     s.    Tao,     Regungslosigkeit. 

Magische,  61,  106,  136. 
Magie,    s.  Macht.     Weiße,  106,  136. 

Magische  Worte   und  Schrift,  136. 
Mahajäna,  22,  99  f. 
Mandarinen,  s.  Staatsbeamte. 
Mang  P'ao,  Drachenmantel,  240. 


Mantik    des    Universums,   i^Sl  ff.     S- 

Chronomantik,  Geomaiitik. 
Maße    und    Gewichte,    im    Frühling 

und  Herbst  nachzuprüfen,  306,  307. 
Maulbeergarten,  250. 
Ma  Tsu  Po,  292. 
Meere,  s.  Götter. 
Meng  Tse,  s.  Menzius. 
Men  Sen,  Torgötter,  291,  308. 
Mensch,  aus  Erde  geboren,  105.     S. 

Seele. 
Menschenliebe,  24,  31,  269. 
Menzius,  25,  46,  61,  73,  261. 
Metal,  s.  Elemente. 
Miao  Hao,  173,  208. 
Milchstraße,  183. 
Ming  Si,  192. 

Ming  Ts'en,  namhafte  Minister,  296. 
Mirakelkraft,  295. 
Mo,  Seidendecken,  172- 
Monate  und  Schaltmonat,  313.    Ihre 

Verehrung,  282. 
Mond,  8.  Erscheinungen,  Götter. 
Mondhäuser,  s.  Siu. 
Monolith,  s.  Steintafel. 
Moral    und    Dämonenglauben,    15  ff., 

und  Naturerscheinungen,  337  f. 
Musik.  Bändigt  Leidenschaften,  78  f. 

Religiöse,     154f.,    165,     169,    240. 

Profane,    179.     Ministerium,    154. 

—  und  die  Tage,  34:^ 

Xamen   der  Kaiser,  158,  173.    Post- 

hume,   173,   199,  207  f. 
Nan  Kiao,  142. 
Natur   (Sing)    des  Menschen  ist  gut, 

23 f.,  56,  58;  ist  schlecht,  25. 
Naturismus,  Naturkult,  127,  300. 
j    Naturkenntnis,  340. 
I    Nei  Ko',  kaiserliche  Kanzlei.   184. 
i    Nei  Kung,  die  inneren  Palastgebäude, 
211. 
Nei  Wei,  Innenwall,  145. 
Nei   Wu    Fu,    kaiserliche    Hausver- 


wal ti 


208,  212,  323. 


Ngan  Ting  Men,  187. 


394 


Nien    Sen,    jährliche    göttliche   Wir-    ! 
kung-,  281.  I 

Nirwana,  99.  i 

Nung,  Gott  des  Ackerbaus,  224,  236. 

I 

Observatoren,  315,  332  f.  1 

Öfen,  s.  Opferöfen. 

Orakel,  357  ff,  — worte  aus  dem  Volks-    } 
und  Kindermunde,  351.  i 

Ornithomantik,  353. 

Orthodoxie,  29 ff.,  67. 

Osten,  entspricht  dem  Frühling-,  146. 

Opfer. Taoistische,  136 f.  Dankgaben-, 
183,  276.  Brand—,  146,  164. 

An    den    Himmel,    155 ff..   180 f.;    ; 
für  die  Ernte,  180  f.,  185;  für  Regen, 
182 f.,    226,    275 ff.,  282,    307.     An    | 
Sonne    und    Mond,    171,  174,  183,    j 
229 ff.;    Sterne  und  Planeten,  171, 
174,  234;    Jupiter,    182,    238,  282;    : 
Wolken,    Regen,    Wind,    Donner. 
171,  174,  182f.,  275ft:;    die    Erde, 
183,  192 ff.;  den  Erdboden  und  die    ! 
Hirse,  182,  223  f.,  226,  308;  Berge,    i 
Meere,    Flüsse,  182,  192  ff.,  275 ff., 
307  f;    die    kaiserl.  Ahnen,    160 ff., 
183,  192  ff.,  212,  216;    die    Kaiser 
der  früheren  Dynastien,  255 f.;  den 
Gott    des    Ackerbaus,    237 f.;     die    i 
Göttin    der  Seidenzucht,  251 ;    die 
kaiserlichen     Lehrmeister,     257  f.; 
Konfuziu.s  und  die  Koryphäen  seiner 
Schule,  262,  2G7f.,  271;  die  Götter 
der  Heilkunde,  285;  die  Zeitgötter,    , 
282;  Gespenster,  107.   Für  die  un-    ; 
versorgten  Seelen,  299.    S.  ferner: 
Götter. 

Opferbecher,    175;     —fasten,  156  ff, ; 
—fleisch  (Glücksfleisch),  1 75  ff.,  1 83 ; 
— gebete,  158,  161,  165,  173f.,  178,    | 
181,  196,  205;  — gefäße,  159,  161, 
172 ;  —Jaspis,  161 , 1 70, 1 95 ;  —körbe,    i 
159, 161;  —körn,  246  f.;  — lieder,  169,    I 
171  f.,   175,    177  f.;     — ministerium, 
156; — musik,  154,  165, 109;  — öfen,    ! 
146f.,  164,  178f.,  196;  — seide,  161,    1 


170,  174, 178  f.;  —speisen,  159,  165, 
186;  —Statuten,  279,287,295.302; 
—tanze,  172,  174f.,  271;  — tiere, 
155f.,  158, 165, 171  f.;  —Weihrauch, 
161,  163,  170,  174;  —wein,  172, 
174  f.,  179;    —zelte,  160,  167,  185. 

Pagoden  in  der  Geomantik,  371,380. 

P  ai    Fang,  188,  2)5,  232 f.,  253,  266. 

Pai  Tien,  Verneigungshalle,  222. 

Pai  Wei,  Verneigungsplatz,  167. 

Pai    Zu',     Verbeugungsteppich,    169. 

Pa*  K'i,  acht  Banner,  289. 

Palast  des  Kaisers,  universistisclie 
Anlage,  234 f.,  255. 

Palastausgaben  von  Büchern.  68. 

Pan,  144. 

Pan-ku,  130  f.,   132. 

Pan  So\  326. 

Pan  Tsu,  Verteilung  des  Glücks- 
fleisches, 177. 

Pao-hi,  236. 

Pao    Se,    Dankgabenopfer,  183,  223. 

P'ao  Sen,  Kanonengötter,  290. 

P'ao  Tsio\  Kürbisbecher,  175. 

Paradies.  Des  Westens  und  des  Osten, 
125  f.     Des  Himmels,   132. 

Parteilichkeit,  Verletzung  des  Welt- 
gesetzes, 34  f. 

Patriarchat,  128. 

Pa'  Tse,  acht  Schriftzeichen,  328. 

Pe'  Hai,  das  Nordmeer,  250. 

P'ei  Tien,  Nebenhalle,  191. 

Pei  Tlng,  Steintafelkiosk,  254,  260, 
298. 

P'ei  Wei,  nebengeordnete  Tafeln.  149, 
184,   198,   234,  261. 

Pe^  Jün  Kuan,  138. 

Pe'  Ki',  der  Nordpol,  288. 

Pe'  Kiao,  187. 

Peking,  universistische  Anlage,  234 f. 
255. 

Pe'  Lung  T'an,  292. 

Pen  Ts'ao  King,  284. 

P'eng-tsu,  105,  112,  124. 

Pe'  Ti,  236. 


395 


Fe'  Tou,  der  Große  Bär,  149. 

Pflanzen.  Als  Dämonen,  13.  Lebens- 
kraft enthaltende  Arzneien,  123  f. 
Sonderbare  Erscheinungen,  354. 
S.  Sen. 

Pflichten  (1),  s.  Tugenden. 

Pflug,    Erfinder,  236. 

Pflugzeremonie.  Des  Kaisers,  238 ff., 
247  f.,  249,  ,305,  308.  Der  Verwal- 
tungsbehörden, 247  f. 

Pforten  mit  Inschrifttafel,  188.  S. 
P'ai  Fang. 

Phönixe,  s.  Fung  Huang. 

Pi\  Jaspisscheibe,  233. 

Pi'  Jung,    kaiserl.  Predigthalle,  264. 

Pi  Ku*,  115. 

Pilgerfahrten,  139. 

P'in,  Stufen  im  Staatsdienst,  296. 

Planeten  und  Elemente,  341,  371. 
S.  Götter  und  Opfer. 

Po\  Seele,  9. 

Pol  des  Himmels,  288,  290,  343. 

Polarstern,  71,  129. 

Polydämonismus,  12. 

Polytheismus,  12,  127. 

Predigtzeremonie  des  Kaisers,  263 f., 
269. 

Priester  des  Taoismus,  s.  Tao  Si. 

Prinzen.  Verehrung  verdienstlicher 
— ,  198. 

Prozessionen  mit  Götzen,  139. 

Prüfungen  für  Staatsämter,  17,  29, 
64 f.,  271. 

Pu\  359. 

Pu'-jen,  s.  Schweigsamkeit. 

Quietismus,  48,  66.  S.  Regungslosig- 
keit, Stille. 

Hegen.    Von    allerlei    Dingen,    345. 

Deutung,  343  fl'.  Beschwörung,  379. 

S.  Götter,   Opfer. 
Regenbogen,  346. 
Regierung.     Durch   das  Tao,  34,  70, 

80  f.  Erzieht  das  Volk  im  Tao,  32. 

Hört  auf  das  Volk,  37.    Gesäubert 


und  verbessert  zur  Abwehrung  von 
Unheil,  337  f.  Geführt  mit  Will- 
fährigkeit, 36flF.  Kritisiert,  338.  S. 
Kaiser,  Staatsbeamte. 

Regierungsnamen,  339. 

Regungslosigkeit  (Wu-wei).  Eigen- 
schaft des  Weltalls,  des  Tao  und 
der  Götter,  48 ff.,  129.  Hohe  Tugend 
des  Fürsten,  49  ff.,  66,  71;  der 
Menschheit,  44  f.,  48  ff.,  56,  90.  Führt 
zur  Macht  und  Allmacht,  60,  54, 
58,  71.  Verbunden  mit  Atemgym- 
nastik,  111. 

Reich.    Gründung,  3. 

Reinheit,  43. 

Religion.  S.  Buddhismus,  Konfuzia- 
nismus,  Staatsreligion,  Taoistische, 
Universismus.    Drei,  nur  eine,  If. 

Religionskriege,  134. 

Ritual  des  Taoismus,  137  f.;  der  Staats- 
religion, 142,  301. 

Ruhe,  Haupteigenschaft  der  Erde, 
187,  349.    S.  Seelenruhe. 

Rundtempel  des  Himmels,  147, 
151. 

San,  Güte  des  Weltalls,  23,  31. 
Sang -Dynastie.     Ihr    Stifter,    s.   Jü. 

S.  T  ang. 
Sang,  natürliche  Haupttugenden,  24, 

47,  56,  68,  95. 
Sangha,  380. 

Sang  Hi,  Maulbeergarten,  250 f. 
Sang  Ti,  s.  Götter. 
Sang  T'u,  218. 
Sang  Ts'ing  Kung,  132. 
San  Hai  King,  altes  Buch,  125. 
San  Huang,  254,  257. 
San  Kuo',  285. 
San  Pao,  380. 
gao  Hao,   131,  236. 
Sao     K'ing,      Unterpräsident     eines 

Ministeriums,  163. 
Schafgarbe,  75,  357. 
Schaltmonat,  313. 
Scheintod,  115. 


396 


Schildkröten  zur  Erg-ründung  der 
Weltseele,  75,  359 ff.  Die  schwarze, 
367. 

Schinto,  32. 

Schlachthaus  bei  Staatsaltären,  150, 
191,  200. 

Schneeopfer,  275,  277,  282. 

Schrein,  Tabernakel,  K'aii,  199,  225, 
254. 

Schrift,  heilig,  segenspendend,  exor- 
zistisch, 109. 

Schöpfung,  6,  10,  23,  48,  320. 

Schulbildung  ist  klassisch  und  uni- 
versistisch,  64. 

Schulknaben  haben  Macht  über  böse 
Geister,  108. 

Schwarz,  gleichbedeutend  mit  himm- 
lisch, 110  f. 

Schweigsamkeit,  Pu-jen,  44 f.,  48,  51  f., 
112. 

Se,  Mondhäuser,  342. 

Se,  Götter  des  Erdbodens,  219  ff.  S. 
Götter  (So  Tsi'). 

Se.  Tempel,  Kapelle, 271.  Ahnenopfer, 

201. 
Seele  des  Menschen.  Den  Weltseelen 
entliehen,  8  f.,  22.  Verfeinerung 
(Tsing),  10!,  105.  Lebenskraft,  101. 
Verehrung,  300.  S.  Atem,  Kwei, 
Sen,  Ahnenkult,  Weltseele. 

Seelenruhe,  45,  55,  90 f. 

Seelensitze  (Sen  Wei)  oder  Seelen- 
tafeln (Sen  P'ai)  für  Götter  und 
Tote,  128f.,  137,  148f,  153,  160, 
106f.,  191,  198f.,  223f.,  299f.  Ihre 
Beisetzung,  184,  196,  205  ff.,  213. 

Se  Hiang,  Weihrauchbeamte,  169. 

Seide,  s.  Opferseide. 

Seidenzucht  und  —  ritus  der  Kaiserin 
und  der  Gemahlinnen  der  Staats- 
diener, 248 ff.,  306. 

Se  Ju\  Beamte  für  Opferjaspis,   170. 

Se'  K'i,  112. 

Se  K'u  ts'uan-Su  tsung-Mu'  t'i  Jao,    i 
310. 

Se  Kung  Sen,  293. 


Selbstlosigkeit,  Selbstverleugnung,  35, 
40  ff'. 

Selbstsucht,  34  f.,  41  f. 

Se-ma  Tan  und  Se-ma  Ts'ien,  87, 
314  f. 

Sen.  Seele  des  Menschen,  9f,  22 f., 
57,101,110;  der  Tiere  und  Pflanzen, 
13,  16,  123,  358,  359.  Gute  Geister, 
Götter,  11  f.,  32,  72,  127,  820;  der 
Kaiser  ihr  Herr,  70, 79.  Göttlichkeit, 
Heiligkeit,  32,  57.  Kraft,  Macht 
(=  Ling),  39,  295,  368  f.,  375. 

S6ng    Tse,    Opferschüsselschau,    165. 

Sen  Jo',  124. 

Sen  Jo'  Su,  Amt  für  Göttermusik.  154. 

Sen  K'u,  Aufbewahrungshaus  für  die 
Götter,  150. 

Sen  Lu,  154,  189. 

S6n  Nung,  235 ff.;  s.  Götter. 

Sen  P'ai,  s.  Seelensitze. 

Sen  Sien  s.  Sien. 

Sen  Sien  Ts'uan,   133. 

Sen  Tao,  32. 

Sen  Ts'ang,  heilige  Kornkammer,  246f. 

SenTso, Thronsitze  für  die  Götter,  160. 

Sen  Tsu,  Herr  der  Götter,  79. 

Sen  Ts'u,  Küche  für  die  Götter,  150. 

Sen  Wei,  s.  Seelensitze. 

Sen  Wu  Men,  251. 

Se  Po',  Beamte  für  Opferseide,  170. 

Se  Tien,  Opferstatuten,  279,  287,  295. 

Se  Tsi',  s.  Götter. 

Se  Tsi'  T  an,  221. 

Se  Tsu',  Opfergebetleser,  165. 

Seuche,  343,  347.    S.  Dämonen. 

Si,  heiliges  Buch  der  Lieder,  63. 

Si,  Lehrmeister,  257. 

Öi,  Tao  Si,  86 f.,  90  f. 

Si,  357. 

Si,  Pflanze,  357. 

Si',  Kammern  für  die  kaiserl.  Ahnen, 
199. 

Siang  Sui,  Vorzeichen  von  Glück,  335  f. 

Siao  Si,  314. 

Sie,  29,  121. 

Siegel  aus  Jaspis,  199. 


397 


Sien,  98,  123,   127,   132. 

Sien  Hien,  261  f. 

Sien  I,  283. 

Sien  Jo\   124. 

Sien  Nung,  235  ff. 

Sien  Tsan,  Göttin  der  Seidenzucht, 
248. 

Sien  Zu,  262. 

.Si  Fa\  alte  Schrift,  207.  . 

Si  Hien,  312. 

Si  Hien  K'o,  316. 

»Si  Hien  Su,  kaiserliche  Kalender,  312. 

Si  Huang,  3 f.,  304. 

Si  Juan,  Westpark,  259. 

Si'  Jue',  233. 

Si  Ki,  87,  342. 

Si  Lang-,  Unterpräsident  eines  Mini- 
steriums, 165. 

Si  Li  T'an^,  269. 

Si  Ling,  die  westlichen  kaiserl. 
Grabstätten,  193. 

Sing.    S.  Natur. 

Sing,  57,  73.    S.  Heiligkeit. 

Sing-fu,  205. 

Sing  Jü,  Sternenregen,  343. 

Sing  P'ei,  184,  196. 

Sing  Pien,  Veränderungen  an  den 
Sternen,  336,  341. 

Si  P'ing,  Opferhymne,  169. 

Si"  Se  Tsu,  Seelentafel  des  Boden- 
gotts,  223. 

Si  Seng,  Inspektion  der  Opfertiere, 
156. 

Sittenlehre  des  Konfuzianismus,  24, 
382.    S.  Moral. 

Si'  Tien,  263. 

Si  Tsio',  erblicher  Adelstand,  296. 

Si'  Tsou  Ki,  alte  Schrift,  126. 

Siu,  Mondhäuser,  28  Hauptstern- 
bilder, 149,  328,  342,  367. 

Siün  Huang,  25. 

Si-wang-mu,  125  f. 

Sohn,  Verkörperung  der  Seele  seines 
Vaters,  80. 

Sohn  des  Himmels,  s.  Kaiser. 

Sommer.    Gebote  und  Verbote,  306 f. 


Sonne.  Erscheinungen,  340.  S.  Götter. 

Sonnenwende,  96,   155,  192. 

Sou  Huang  Tien,  Heiligtum,  214. 

Öou  P'ing,  Opferhymne,  172. 

Sou  So',  325. 

Speichel,  verschluckt  zur  Verlän- 
gerung des  Lebens,  115. 

Spontaneität,  48,  54,  75. 

Staatsämter  verleihen  Ehre,  Reich- 
tum, Macht,  375. 

Staatsbeamte  und  Staatsmänner.  Sind 
Konfuzianisten,  29.  Sie  selbst,  ihre 
Schreibpinsel  und  Siegelabdrücke 
wirken  exorzistisch,  107  f.  Sind 
Gelehrte,  somit  tugendhaft  und 
segenspendend,  65.  Übertragen  die 
Segnungen  des  Tao  des  Kaisers 
auf  das  Volk,  80.  Vertreten  die 
Erde,  82.  Sklaven  des  Kaisers,  84 f. 
Verehrung  nach  dem  Tode,  198, 
255 f.,  272,  296 ff. 

Staatskunde,  Staatslehre,  Staatsreli- 
gion, Staatswesen  sind  klassisch, 
konfuzianisch,  universistisch,  4,  26, 
382.    S.  Klassische  Schriften. 

Staatsprüfungen,  17,  29,  64  f.,  271. 

Staatsreligion,  4,  26,  141  ff.,  300  ff. 

Stadtgötter,  277,  290,  299. 

Stamm-  und  Familienleben,  128. 

Steintafelkiosk,  s.  Pei  T'ing. 

Sterne  und  Sternbilder.  Beherrschen 
die  Unterteile  der  Erde,  333,  342, 
3G5.  Bestimmen  das  menschliche 
Schicksal,  341  f.  Deutung,  334.  S. 
Astrologie,  Götter,  Opfer. 

Steuern,  84. 

Stille,  Ruhe,  Schweigsamkeit,  45,  48, 
66,  129f. 

Stirnaufschläge  (K'o-t'ao),  85. 

Stofflosigkeit,  Unkörperlichkeit,  43 f., 
45,  89  f.,  95. 

Strafgesetzbuch,  326. 

Studium.  Der  Weg  zur  Heiligkeit, 
74,  76,94,  96;  deshalb  dem  Herr- 
scher unentbehrlich,  66  f.  S.  Wissen. 

Stürme,  345. 


398 


Su,  heiliges  Buch,  14,  63. 

Su*,  Verneigungen,  252, 

Suan  -  tse',  Wahl  geeigneter  Zeit- 
punkte, 317. 

Süden   entspricht  dem  Sommer,   146. 

Su  Fu',  schmucklose  Gewänder,  183, 
218. 

Sui  Kung,  312. 

Sui  Ling,  368. 

Sui  Sen,  368. 

Sun,  51,  59,  63,  68  f.,  71  f.,  101,  132, 
254,  257. 

Sun,  s.  Willfährigkeit. 

Sung,  heiliger  Berg,  192. 

Sungari,  278. 

Sung  Ti  Sen,  Verabschiedung  der 
Kaiser  und  Götter,  177. 

Sun-t'ien,  Bezirk,  223, 240  ff.,  274, 292. 

Su'  Sing,  K'ung  Ki"",  261. 

Su*-su,  Kunstrechnen,  321. 

SuTsing,  sämtliche  Andeutungen,  335. 

Su  Wen,  altes  Buch,  119,  284. 

Tabernakel,  Schrein,  s.  K'an. 

Tafeln,  s.  Seelensitze. 

Tage,  die  Hauptfaktoren  der  Chrono- 
mantik,  318.    —    und   Musik,  343. 

Ta  Hio'  Si,    Großkanzler,    208,  265. 

Tai,  T'ai,  heiliger  Berg,  193. 

Taifune,  345. 

T  ai  Hao,  235,  284. 

T'ai  Hio',  heiliges  Buch,  64 ff.  Hoch- 
schule, 263  ff. 

T'ai  Ho  Men,  160,  180,  323. 

T'ai  Ho  Tien,  Halle  im  Kaiserpalast, 
160,  240. 

Tai  I  Juan,  283. 

T'ai  Juan,  Allschöpfung,  146, 

T'ai  Juan  ju    Nu,  die  Erde,  131. 

T'ai  Juan   sing  Mu,    die    Erde,  131. 

T  ai  Ki',  7,  132. 

Tai  Kia\  69;   heiliges  Buch,  210. 

T'ai  Ki'  sang  tsen  Kung,  Konfuzius, 
132. 

T'ai  Miao,  182,  197  ff. 

T'ai-pe*,  Venus,  341. 


T'ai  P'ing,  Opferhymne,  179. 

T'ai  P'ing,  Religion,  134. 

T'ai  Se,  219. 

T'ai  Si,  315. 

T'ai  Sui,  Jupiter,  182,  238,280ff. 315, 
321,  333. 

Tai  Te',  101. 

T'ai  Ti,  Höchster  Kaiser,   126. 

Ta  Ming,  jdie  Sonne,  149. 

Ta  MingWei,  Seelentafel  der  Sonne, 
234. 

T'ang,  37,  69,  72,  79,  82,  257. 

T'ang,  Tempelhalle,  211. 

Tänze,  s.  Opfertänze. 

Tao,  di6  Ordnung,  der  jährliche  Kreis- 
lauf des  Weltalls,  5  ff.,  8,  22,  27  f., 
96.  Anfangslos,  18  f.  Entstehung 
im  Chaos,  18,  131.  Schöpfer  und 
Erhalter,  10,  18,  40.  Regungslos. 
48.    Die  Quelle  alles  Guten,  23. 

Tao  des  Himmels,  6,  81  ff.,  281, 
309;  der  Erde,  6,  219,  309;  des 
Herrschers,  80  ff.,  101;   s.  Kaiser. 

Tao  des  Menschen.  Im  Einklang 
mit  dem  Tao  des  Weltalls,  5  ff.,  8, 
20,  22 ff.,  25,  27,  31  ff.,  33 ff.,  40 ff., 
48ff.,  56,  259,  303,  309,  383f.  Ge- 
lehrt durch  die  heiligen  Bücher, 
28,  63  f.,  258,  269,  271.  Erwerbung 
und  Besitz,  31,  88  ff.  Verlängert 
das  Leben,  88,  macht  klarsehend, 
89,  allmächtig,  89 f.  Ist  Heiligkeit 
und  Göttlichkeit,  32,  s.  Heiligkeit. 
Verleiht  Macht  und  Herrlichkeit, 
33,  58 ff.,  106 ff..  Unverletzlichkeit, 
58  f.,  106  ff.,  Allwissenheit,  60,  Los- 
lösung vom  stofflichen  Dasein  und 
Verschmelzung  mit  dem  Tao  des 
Alls,  89,  104f.,  110.  Beeinflußt  das 
Tao  des  Weltalls,  309,  315. 

Störungen,  Fohler  im  Tao  des 
Weltalls  und  des  Menschen,  331  f.; 
ihre  Berichtigung,  333  f.,  336  ff.  S. 
Erscheinungen. 

Der  buddhistischeWeg  zur  Heilig- 
keit, 99. 


399 


:'aoistische  Religion,  1,3,  5,  7.  Kirche, 
133  ff.  Götterkult,  127  ff  Tempel 
und  Götzen,  138 f.  Ritual,  Liturgik, 
Kanon,  I37f.  Apostolat  in  Kiang-si, 
13ü.  Kosmogonie  und  Theogonie, 
129ff.  Exorzismus,  106,  130,  137. 
Klöster  l)9f.,  135,  f.  Priester,  s. 
Tao  81. 

Tao-jin,  112. 

Tao  Kia,  Tao  Kiao,  Tao  Men,  7. 

Tao  8i,91,106,135f.,357.  Heilkundige, 
122.  Opferpriester,  Magier,  Be- 
schwörer, 136  f.  Exorzisten,  106, 
122,  136,  357. 

Tao  Te'  King,  18  f.,  31,  132. 

Tao  Tsang,  138. 

Ta  Se,  große  Opfer,  228. 

Ta  ^(\  219. 

Ta  .Si,  314. 

Ta  Tai  Li  Ki,  101,  304. 

Ta  TsT',  kaiserl.  Hütte,  167. 

Ta   Ts'ing   hui   Tien,    301,  316,  335. 

Ta  Ts'ing  Lu    Li,  326. 

Ta  Ts'ing  Men,  206,  283. 

Ta  Ts'ing  Tien,  260. 

Ta  Ts'ing  t'ung  Li,  301. 

Tau,  346. 

Te',  s.  Tugenden. 

Tempel,  138 f.  Des  Himmels,  147, 
151  ff.,  180f.  Der  Erde,  191.  Des 
Konfuzius,  in  Peking,  259  ff.,  in 
K'ü^-fou,  268,  in  den  Provinzen, 
270.  Auf  kaiserlichen  Grabstätten, 
198,  205,  216.  Der  Zeitgötter,  281  f. 
Der  Götter  der  Heilkunde,  283  f. 
Des  Kriegsgottes,  286.  Des  Litera- 
turgottes, 287.  Des  Nordpols,  288. 
Des  Feuers,  289.  Der  Stadtgötter, 
290 f.  Gewisser  Fluß-  und  Wasser- 
götter, 291  ff.  Für  Staatsdiener, 
296  ff.  S.  Ahnentempel. 

Tempel  und  Geomantik,  364, 379. 

TengTao,  ansteigender  Steinweg,  218. 

Terrasse  bei  den  kaiserl.  Pflugfeldern, 

240 f.;    beim    Maulbeergarten    der 

Kaiserin,  250. 


Teufel,  8.  Dämonen. 

Teufelbannung,  s.  Exorzismus. 

Theogonie,  129  ff. 

Tiironerbe,  seine  Erziehung,  67. 

Thronsitze   für  die  Götter,  160,  167. 

Ti,  Kaiser  und  Himmel,  141. 

Ti,  Pflichten   des  jüngeren  Bruders, 

269. 
T'iao,  Ahnentempelhalle,  199. 
T'ion,  Himmel,  141. 
T'ien,   Seelenruhe,  45,  55,  90  f. 
Tien,  Bechertisch,  173. 
Tien,  Palastgebäude,  234. 
Tien,    Sockel    für    Opferbecher,  176. 
T'ien  Ho,  die  Milchstraße,  183. 
T'ien  Huang,  131. 
Tien  I,  Zeremonienmeister,  168. 
Tien  Jo*,  Leiter  der  Opfermusik,  169. 
Tien  Ju    Po',  ein  Opferakt,  170. 
T'ien  Ki\  der  Pol,  343. 
T'ien  Ngan  Men,  197. 
T'ien  Pien,  340. 
T'ien  Fing,  himmlische   Streitmacht, 

130. 
T'ien    Sen,    himmlische    Götter.     S. 

Götter. 
T'ien    Si,     Haupt     der    taoistischen 

Kirche,  133. 
T'ien  T'an,  142. 
T'ien  Tao,  Tao  des  Himmels,  6,  281, 

309. 
T'ir-n  Te',  s.  Tugenden. 
T'ien  Tse,  Sohn  des  Himmels,  80. 
T'ien  Tsiang,  himmlische  Heerführer, 

130. 
T'ien  Tsiu,  Honigtau,  346. 
T'ien -tsu- Berge,  194. 
T'ien  Wen  K'o,  316,  335,  341. 
T'ien  Wen    Seng,    Astronomen,  317. 
Tiere  als  Dämonen,  13.     S.  Erschei- 
nungen,    Ki  -  lin,     Fung     Huang, 

Drachen. 
Tier  Verehrung,  139. 
Tierzyklus,  328. 
Tiger  in  der  Geomantik,  367. 
Ti  Huang,  131. 


400 


Ti  K'i,  irdische  Götter.    S.  Götter. 

Ti-ku\  254. 

Ti  Li,  Geomantik,  365. 

T'in^,  Trag-bahre,  161. 

Ting  Lu,  Verbrennungstöpfe,  222. 

Ti  Tan,  187. 

Ti  Tao,  Tao    der   Erde,  6,  219,  309. 

Ti  Tsi,   kaiserliche    Pflugfelder,  240. 

Toleranz,  1. 

Tore  des  Himmelaltars,  143,  146,  151. 

Tote.  Schutzgötter,  129.  Lange  un- 
beerdigt,  381. 

Totenkult,  38,  128f.,  296,  299,  381.  S. 
Ahnen,    Ahnenkult,    Ahnentempel. 

Tou  K'wei,  ein  Sternbild,  287. 

Träume,  357. 

Tu',  Opferstier,  165. 

Tu\  heilige  Flüsse,  194. 

Tuan,  Haupttugenden,  47. 

Tuan-jang,  213. 

Tugenden  (Te').  Eigenschaften,  Seg- 
nungen des  Weltalls,  23  f.,  31. 
Menschliche  Tugend,  Übereinstim- 
mung mit  der  Weltordnung,  22 ff., 
309 ft'.  Der  Natur  entlehnte  Tugen- 
den, 24,  33fr.,  47,53fr.,  56;  s.  Sang. 
Durch  Studium  erworben,  65  ff., 
71;  s.  Studium.  Zu  verbergen,  87. 
Verstärken  die  Lebenskraft,  ver- 
längern das  Leben,  101  ff.  Des 
Himmels  (Tien  Te'},  281,  321,  368; 
des  Kaisers,  s. Kaiser;  der  Beamten, 
65.  Pflichten  (I),  24,  31,  78,  269. 
S.  Moral,  Sittenlehre. 

Tui  Jin,  gegenüberstehender  Führer, 
169. 

Tu'-li',  Unabhängigkeit,  45. 

Tun,  T'un,  Absonderung  von  der 
Welt,  97. 

Tung  Hua  Tor,  257,  265. 

T'ung  Jao,  Knaben verse,  351. 

Tung  Ling,  die  östlichen  kaiserl. 
Grabstätten,  194. 

Tung  Tsung-su,   114. 

Tung  Wang  Kung,   126,   131. 

Tung  Zen,  Fastenbild,  156. 


Tun  K'i,   112. 

Tu  Su  Tsi'-ts'ing,  68,  311. 

Tu  Ti  Sen,  220. 

Tu -tuan,  alte  Schrift,  223. 

Ts'ai,  drei  Kräfte  im  Weltall,  309, 
331,  350. 

Ts'ai-kiai,  Enthaltsamkeit,   158. 

Ts'ai-kiai  P'ai,  Tafel  der  Enthalt- 
samkeit, 156. 

Ts'ai  Kung,  Fastengebäude,  162,  184, 
191. 

Tsai  Seng  T'ing,  Schlachtkiosk,  150. 

Ts'an    Fu,    Raupenzuchtfrauen,   252. 

Tsan  Jin,  helfender  Führer  beim 
Opfern,  169. 

Ts'an  Mu,    Raupenzuchtmutter,   252. 

Ts'an  Si*,  Seidenbaukammer,  250,  252. 

Ts'an  Su,  Seidenbauamt,  250. 

Tiang,  Maß,   142. 

Ts'ang,  Ahnenopfer,  201. 

Tsang  Heng,  134. 

Ts'ang-hie',  Erfinder  der  Schrift,  109. 

Tsang  Kio',   134. 

Tsang  K'u,  Grube  für  Opferwareu, 
195. 

Tsang  Liang,   116. 

Tsang  Ling,   116,   133 f. 

Tsang  Lu,  134. 

Ts'ang  Ngan-Tor,  323. 

Ts'ang-po'- Gebirge,  278. 

Ts'aug  Pi',  blaue  Jaspisscheibe,  161. 

Ts'ang  Sen,  Kornkammergötter,  294. 

Tsang  Siu,  134. 

Ts'ang  Sui-Berge,  194. 

Tsang  Tao -ling,   133 f. 

Tsao  Heng,  146. 

Tsao  Jang  Men,  230,  295, 

Tsao  Pi',  Schutzmauer,  232. 

Ts'ao  Ts'ao,  135. 

Tsao  Tsung  Se,  Heiligtum,  297. 

Tsao  Zi',  Verehrung  der  Sonne,  233. 

Tschepe,  268. 

Ts'e',  Orakel  Stengel,  358. 

Tse',  Intelligente,  262. 

Tse  kin  Ts'ing,  der  Kaiserpalast,  211. 


401 


Tsen,  Heiligkeit,  57,  71. 

T§en,  heilige  Berge,  193. 

Tseng  Tse,  73,  261. 

Tseii-tsung  8u,  130. 

Tse-se,  s.  K'ung  Ki'. 

Tse*  Zi*  8i,  Chronomant,  327. 

Tsi*,  Hirse,  220. 

Tsi,  heiliger  Fluß,  194. 

Tsi,  Mauergrundlage,  142. 

Tsi,  24,  46.    S.  Wissen. 

Ts'i,  64. 

Ts'i',  Hellebarde  bei  Opfertänzen, 
172. 

Ts'i',  Maß,  142. 

Tsiang  Kiün,  himmlische  Heerführer, 
130. 

Tsie'  K'i,  24  Jahreszeiten,  313. 

Ts'ie'  Tsuan,  Wegräumung  der  Opfer- 
gaben, 177. 

Tslen  Han  Su,  334. 

Ts'ien  Tien,  Vorderhalle,  198. 

Tsi  Fa\  heiliges  Buch,  146. 

Tsi  I,  heiliges  Buch,  9,  197. 

Tsi  Kao,  Benachrichtigung  der  Götter, 
185. 

Tsi  iCi  K'u,  Aufbewahrungshaus  für 
Opfergeräte,  150. 

Ts'in- Dynastie,  3. 

Tsing,  Stille  und  Ruhe,  Schweigsam- 
keit, 45,  66. 

Tsing,  Verfeinerung  durch  Tugend, 
101  ff. 

Tsing,  s.  Lebensäther. 

Tsing,  wahr,  orthodox,  29,  67. 

Tsing,  Ahnenopfer,  201. 

Ts'ing,  Erdschicht  eines  Altars,  143. 

Tsing,  Heiligkeit,  57,  67. 

Ts'ing  Hien  Kiai,  260. 

Ts'ing  Huang  Sen,  Stadtgötter,  277. 

Tsing  Hüen,   K'ang-ts'ing,  223. 

Tsmg-ming,  Jahreszeit,  212,  217. 

Tsing  Se,  Einsiedlerklause,  99. 

Ts'ing  Sen  Wei,  167. 

Ts'ing  Ti,  235. 

Tsing  Tien,  Haupthalle,  191. 

Tsing  T'ing,  Brunnenpavillon,  150, 
De  Groot,  Universismus. 


Ts'ing  Tsi  Kuan,   Opferbeamte,  203, 

216. 
Ts'ing  Tsing,  146. 

Tsin  Si,  höchster  Gelebrtentitel,  261. 
Ts'in-si\  Totenkapelle,   199. 
Tsin  Tsu,  Opferakt,  171. 
Ts'in  Wang,  Prinz  höchsten  Ranges, 

155. 
Tsio\  Opferbecher,  172. 
Tsio'  Se,  Opferbecherbeamte,  172. 
Tsi'  Si',  Webhaus,  251. 
Tsi'  Si  Kuan,  Opferbeamte,  168. 
Tri'  Ti,  235. 

Tsi  Tsang,  Opfergelände,  142. 
TsT  Tsing,  Sonne,  Mond,  5  Planeten, 

317. 
TsT  Tsing  Si  Hien  Su,  Kalender,  317. 
Tsi  Tsiu,  Weinopferer,  265,  267. 
Tsi  T'ung,  heiliges  Buch,  249. 
Tsiu,  Opferwein,  172. 
Tso  Kung,  Gymnastik,  122. 
Tso    Tu    Jü-si,    Zensoratspräsident, 

168. 
Tso  Ts'uan,  heiliges  Buch,  15,  64. 
Tsou,  Zauberworte,  136  f. 
Tsou- Dynastie   und  ihre  Stifter,  72, 

132,  257. 
Tsou  Kuan,  heiliges  Buch,  64,  314f., 

332  f. 
Tsou  Kung,  257  f. 
Tsou  Su,  altes  Buch,  208. 
Tsou  T'ien  Sing  Tsen,  Sternenhimmel, 

149. 
Tsu,  Ackerbaugott,  225. 
Tsu,  Glücksflelsch,  176. 
Tsu,  Opfertiergestelle,  165. 
Tsu',  Gebet,  158. 
Tsu',  Stamm,  128. 
Ts'uan,  makellose  Opfertiere,  156.. 
Tsuan,  Leckerbissen,  246. 
Tsuan  Se,  295,  298. 
Ts'uan  Sin  Tien,  Heiligtum,  258. 
Tsuan -SU,  236. 

Tsuang  Tse,  Tsuang  Tsou,  19  ff.,  87  f. 
Tsu  Hi,  261. 

Ts'u  Hien,  Opferakt,  172. 
26 


402 


Tsu'-jung,  131,  284. 

Tsu'  K'i,  112. 

Tsun,  Opferweintopf,   172. 

Ts  un,  Maß,  142. 

Tsung,  40,  44,  76,  269.    S.  Leere. 

Tsung,  gelbe  Jaspisscheibe,   195. 

Tsung,  Stamm,  129. 

Täung  Hien,  letzte  Darbietung,  Opfer- 
akt, 174. 

Tsung  Jung,  heiliges  Buch,  11,  25, 
64,  76  f. 

Ts'ung  Ki,  Erhöhungsfundament, 
147,  198. 

Tsung  Kung,  der  zentrale  Palast, 
Sterngefilde,  342. 

Tsung   Lou,   Glockenturm,   143,  231. 

Tsung -lie\  höchste  Treue,  29G. 

TSung  Se,  mittlere  Opfer,  229. 

Tsung  Sing,  Tseng  Tse,  261. 

Ts'ung  Sing  Se,  Heiligtum,  261, 
269. 

Tsung  Tien,  Mittelhalle,  199. 

Tsung  Tsien  K'u,  Aufbewahrungs- 
haus für  Opfermatten,  150. 

Tsung  Wei,  Gefolgschaftsgötter,  s. 
Götter. 

Ts  un    Niu    T'u,    Blattkalender,  327. 

Tsun  Si,  posthumer  Ehrenname,  173, 
207. 

Ts'un  Ts'iu,  heiliges  Buch,  63  f. 

Ts  un  Ts'iu  Fan  Lu,  altes  Buch,  114. 

Überschwemmungen,  349. 

Unbeweglichkeit,  Haupteigenschaft 
der  Erde,  187,  349. 

Unerschütterlichkeit,  24,  47,  62.. 

Unglück,  Unheil,  5 f.,  12ff ,  309  f., 
318  ff.,  329,  331  ff. 

Universismus.  Die  Religion  des  Uni- 
versums, 2ff.,  7,  129 ff.,  141  ff.;  ani- 
mistisch,  polytheistisch,  polydämo- 
nistisch,  12, 127.  Grundlage  des  Er- 
ziehungs-  und  Unterrichtssystems, 
der  Ethik  und  des  Staatswesens, 
22  ff.,  Ö6ff,  86  ff.  Grundlage  der 
Wissenschaften,       312  ff.,       330  ff.. 


364 ff.;  s.  Heilkunde.  Seine  Zu- 
kunft, 383  f. 

Unkörperlichkeit,  Stofflosigkeit,  44  f. 

Unparteilichkeit,  Uneigennützigkeit, 
34  f. 

Untätigkeit.  S.  Regungslosigkeit. 

Unterrichtssystem,  64  f. 

Unterwürfigkeit  (Hiao)  des  Kindes 
und  der  Schwiegertochter.  78,  128, 
269,  272. 

Urin,  getrunken  zur  Verlängerung 
des  Lebens,  115. 

Venus,  341. 

Verbrecher.   Im  Herbst  bestraft,  307. 

Verbrennung   der  alten  Schriften,  4. 

Verfeinerung  (Tsing)  durch  Tugend, 
101  ff. 

Verfolgung.  Religions-,'  2,  30  f., 
134  f. 

Verneigungshalle,  222,  227. 

Vernunft,  Verstand,  s.  Weisheit. 

Vögel,  353.  Der  Süden,  367.  S.  Fung 
Huang. 

Vogelverscheucher  bei  Staatsopfern, 
225,  234. 

Volksgötter,  138  f.,  295,  302. 

Vollheit,  Selbstsucht,  41  ff.,  91.  S. 
Leere. 

Vollkommenheit.    S.  Heiligkeit. 

Vorzeichen,  75,  309  f.,  331  ff.  S.  Er- 
scheinungen. 

Wai  Si,  315. 

Wai  Wei,  Altarwall,  145. 

Wandelsterne,  343. 

Wang  K'üe\  Verehrung  des  Kaisers 
aus  der  Ferne,  246. 

Wang  Si,  257. 

Wang  Tsi,  Opfer  in  der  Ferne,  278, 
283. 

Wang  Tsi,  heiliges  Buch,  195. 

Wasser.  Entstehung,  131.  Entspricht 
dem  Winter,  308.  Auf  dem  Altar 
der  Erde,  190.  In  der  Geomantik, 
365,  367 f.  S.  Götter,  Elemente. 


403 


Wasserdämonen,  13. 

Wei,  Altarwall,  145. 

Weihrauch.  S.  Opferweihrauch. 

Wein.  S.  Glückswein,  Opferwein. 

Weinopferer,  265,  267. 

Weisen  der  konfuzianischen  Sclmle, 
71f.,  261  f.,  272,  296. 

W^eisheit.  S.  Hion,  Wissen.  Nicht  zur 
Schau  stellen,  87. 

Weltall.  Seine  Eigenschaften  oder 
Segnungen,  23  f.  31;  Ordnung,  36. 
Ein  belebtes  Wesen,  das  Leben 
schafft,  6  ff.,  8,  35.  Verschmelzung 
mit  dem  — ,   104f. 

Weltodempaar,  s.  Jang  und  Jin. 

Weltordnung,  s.  Weltall. 

Weltseele,  s.  Jang  und  Jin,  Sen. 
Über    Kommendes    befragt,    355  ff. 

Wen,  Stifter  der  Tsou- Dynastie,  72, 
132,  257. 

Wen  Jen,  heilige  Schrift,  24. 

Wen  Miao,  Konfuziustempel,  259. 

Wen  Te'  tsi  Wu,  Ziviltänze,  174. 

Wen  Tä'ang,  Gott  der  klassischen 
Studien,  286  f. 

Westen  entspricht  dem  Herbst  und 
den  Erntegaben,  146,  188. 

Wetterkunde,  343  ff. 

Wieger,  138. 

Willfährigkeit  (Sun),  36  ff.  Anver- 
wandte Tugenden,  40. 

Winde.  Entsprechen  Leidenschaften, 
344.  Ihre  Deutung,  333,  335,  343  f. 
In  der  Geomantik,  365,  367  f.  S. 
Götter. 

Winter.  Entspricht  Wasser,  320.  Ge- 
bote und  Verbote,  308. 

Wintersonnenwende,  155. 

Wissen,  24.  Hauptmittel  zur  Voll- 
kommenheit oder  Heiligkeit,  46 ff., 
57,  62  ff.  Hohe  kaiserl.  Tugend, 
66  ff.  Ist  zu  verwerfen,  44 ff.,  47, 
53,  62,  90.  —  und  Seelenruhe,  55. 

Wissenschaft,  321,  355,  362,  382. 

Witwenkeuschheit,  272. 

Wohltätigkeit,  134,  306. 


I    Wohnungen    unter     günstigen    Ein- 
I       Aussen  des  Weltalls,  364. 
Wolken  und  ihre  Deutung,  333,  335, 

345  f.  S.  Gotter. 
Wu,   Kaiser   der  Tsou -Dynastie,   37, 

72,  82,  257. 
Wu,  Nichtssein,  44  f. 
Wu,  heiliger  Berg,  193, 
Wu,    Nebengebäude,    147,    152,  198. 
Wu,  Priester,  356. 
Wu-hing,  Unkörperlichkeit,  44  f. 
Wu-jen,  Schweigsamkeit,  45. 
Wu  Jun,  120. 
Wu  Kung,  Tänzer,  168. 
Wu  Kung  tsi  Wu,  Kriegstäuze,  172. 
Wu  Men  des  Kaiserpalastes,  162,  180, 

197,  323. 
Wu  Miao,  Kriegstempel,  286. 
Wunschlosigkeit,  43. 
Wu  Seng,  Tänzer,  168. 
Wu    Sing,    fünf    Planeten,    149.    S. 

Planeten. 
Wu  Ti,  fünf  Kaiser  der  Urzeit,  254. 
Wu-ting,  82. 
Wu'  Ts'e,  Zelthütte,  167. 
Wu-wei.    S.  Regungslosigkeit. 

Zahlen  von  Himmel  und  Erde,  Jang 

und  Jin,  143f.,  183,  231,  321. 
Zauberkraft,  s.  Magie. 
Zauberworte  und  — Zeichnungen,  106 
Zeit.  Ihr  Lauf  das  Tao,  5,  8,  22,  254, 

303. 
Zeitdeutung.    S.  Chronomantik. 
Zeitgötter,  280  ff.,  320. 
Zeitteile,   für    Handlungen    geeignet 

oder    ungeeignet,    318  ff.    Verehrt, 

280ff,  320. 
Zeitzykluszeichen,    233,    320  ff.;    der 

Geburt  jedes  Menschen,  328. 
Zelt    bei    kaiserlichen    Opfern,    167, 

184,  217  f.   S.  Opferzelte. 
Zen,  Menschenliebe,  24,  31,  269. 
Zen  Tao,  Tao  des  Menschen,  6. 
Zensoren,  158,  324,  337. 
Zeremonienmeister,  156,  169,  203. 
26* 


404 


Zi'  I,  340. 

ZV  Si,  Taj^emeister,  327. 

Zi'   T'an,    Opfergelände    der    Sonne, 

230  ff. 
Zoolatrie,  139  f. 
Zoomantik,  353. 


Zu,  Gelehrte,  65,  73. 
Zu  Kiao,  Konfuzianismus,  63. 
Zukunft  untersucht,  355  ff.  S.  Mantik. 
Zurückg-ezogenheit  eine  Tugend,  94. 
Zyklus  von  12  Tieren,  328.    S.  Zeit- 
zykluszeichen. 


Bilder. 

Nr.  1   zum  Titelblatt. 

„  2  zu  S.  141. 

„  3  zu  S.  145. 

„  4  zu  S.  151. 

„  5  zu  S.  154. 

„  6  zu  S.  187. 

„  7  zu  S.  235. 


Druck  von  A.  Holzhausen,  Wien.